#01 - Seite 5 bis 73 (Prolog bis Kapitel 6)

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  • Alice streichelt einem typhuskranken Kind über den Kopf und lässt sich hinterher auf die Hand küssen. Und ich habe die ganze Zeit vergeblich darauf gewartet, dass sie sich die Hände wäscht. Das wäre für mich an ihrer Stelle das Dringendste gewesen!


    Das hat mich auch gewundert, andererseits bewundere ich, wie wenig Ekel sie zeigt.



    Gut gefällt mir auch ihr Bruder Ludwig, der sich nicht nur um die Schwester sorgt, sondern auch insgesamt eine sehr gesunde Lebenseinstellung zu haben scheint und nicht einer der ewig Gestrigen ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass er trotzdem in der Revolution auf Seiten des Staates steht.


    Ludwig hat mich in diesem ersten Abschnitt auch positiv überrascht - aber ich denke ebenfalls, daß er im Ernstfall auf der Seite bleibt, die er gewählt hat.



    Genau das dachte ich auch, das wollten die Bessergestellten gar nicht hören oder wissen.



    Jedenfalls finde ich Hannes' Träume großartig: vielleicht sind sie ein wenig weit weg (vor allem die Kutsche und die Bediensteten bei einer Hochzeit), aber ich finde es toll, dass er für seine Träume eisern spart und auf etwas verlockendere Nahrung verzichtet. Ich wünsche mir schon jetzt für ihn, dass er seine zukünftigen Kinder alle zur Schule schicken und einen vernünftigen Beruf lernen lassen kann. Aber nicht nur das! Ich mag es, dass Hannes jeden Tag in seinem Buch liest und sich so weiterbildet.


    Ich würde es ihm auch von Herzen gönnen, daß er seine Träume wahrmachen kann, aber mir haben diese Träume auch einen Stich versetzt, daß ich nach all dem zuvor beschriebenen Elend wenig Hoffnung habe.



    Von Berlin-Feuerland hatte ich noch nie gehört und finde das sehr spannend.


    So ging es mir auch: diese Bezeichnung habe ich jetzt zum ersten Mal gelesen.



    Mein Lieblingssatz in diesem Abschnitt: "Hunderte Male war Victor in den vergangenen drei Tagen nicht gekommen." S. 62


    Der Satz ist mir auch sehr positiv aufgefallen - ein Satz und man weiß genau, was Alice gefühlsmäßig in den drei Tagen durchgemacht hat.

  • Der Satz ist mir auch sehr positiv aufgefallen - ein Satz und man weiß genau, was Alice gefühlsmäßig in den drei Tagen durchgemacht hat.


    Das freut mich, Yomiko und Karin, dass ihr diesen Satz mochtet. Er ist ein bisschen verspielt, aber ich hatte freude daran, ihn zu schreiben. ;D


    Herzlich,


    Titus


  • Die abgedruckten Abschnitte aus den Büchern bzw. dem Lexikon gefallen mir sehr gut, solche Zeitzeugnisse mag ich immer sehr gerne in Büchern.


    Hi Karin,


    ich liebe sowas auch. Briefe, Buchauszüge, Zeitungsmeldungen ... Diese Zusätze geben einem historischen Roman richtig Würze. :)


    Herzlich,


    Titus

  • Ich konnte gestern Abend nach einem langen Feierwochenende dann auch endlich durchstarten (erst Hochzeit, dann unangemeldeter Besuch ::)). Es ist mein erstes Buch von Titus, daher ist noch alles sehr neu, aber der Schreibstil gefällt mir sehr.


    Ich habe bisher noch keinen Roman gelesen, der in dieser Zeit spielt und mich mit der Zeit auch noch gar nicht beschäftigt (außer früher im Geschichtsunterricht), daher habe ich die Infos förmlich in mich eingesogen, unheimlich interessant.


    Ich fand es ehrlich gesagt abstoßend, dass feine Damen sich gegen Geld das Elend andere Leute ansehen wollen. Was bringt denen das, fühlen die sich dann besser? Ich konnte hier nur den Kopf schütteln. Hannes mache ich keinen Vorwurf, denn er muss ja zusehen wie er durchkommt und in dem Elend ist einem glaub ich jedes Mittel recht.


    Hannes ist jedenfalls jemand, der anpackt und etwas erreichen will. Vielleicht gelingt es ihm ja doch seinem Schicksal zu entfliehen...


    Alice scheint anders als ihre Freundinnen zu sein. Vielleicht ändert sich für sie durch dieses Erlebnis etwas und sie hilft zukünftig auch. Bin gespannt.

    "Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende" (H.M. Enzensberger)


  • Hannes ist sehr arm, aber nicht bereit, sein Leben in der Unterschicht zu fristen, er tut alles, um an Bildung zu kommen - bewundernswert! Aber da gab es wohl so einige in jener Zeit. Trotzdem ist er ein ziemliches Schlitzohr - muss er auch sein bei dem starken sozialen Gefälle, um jemals seiner Armut entkommen zu können.


    Ich finde gut, dass sich Hannes seinem Schicksal nicht ergibt, sondern versucht das Beste daraus zu machen. Ich wüsste nicht, ob ich die Stärke dazu hätte...

    "Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende" (H.M. Enzensberger)


  • Alice ist mir sympathisch, wenn auch (noch?) nicht komplett. Während mir ihre anpackende Art und ihre schonungslose Direktheit gegenüber Hannes sofort imponiert hat, befremdet mich ihr Hang zu diesem Victor ein wenig. Vielleicht ist es ihr Alter und ihr Hunger nach dem ein oder anderen Abenteuer, dass sie diesen Adligen vergöttert: die Aussicht auf Reisen und ein Leben mal hier und mal dort ist natürlich sehr verlockend, aber ich denke, dass Victor den Mund ziemlich voll nimmt. Wahrscheinlich ist diese Gräfin die bessere Partie für ihn...


    Ich denke ihr Verhalten ist ihrem Alter geschuldet, denn als junge Erwachsene waren wir doch alle mal in einen unerreichbaren Star verknallt. Das hat mich persönlich nicht so gestört. Ich mochte ihre offene Art und glaube irgendwie daran, dass sie ein ganz tolles Mädel ist mit dem Herzen am rechten Fleck.

    "Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende" (H.M. Enzensberger)


  • Ich denke ihr Verhalten ist ihrem Alter geschuldet, denn als junge Erwachsene waren wir doch alle mal in einen unerreichbaren Star verknallt. Das hat mich persönlich nicht so gestört. Ich mochte ihre offene Art und glaube irgendwie daran, dass sie ein ganz tolles Mädel ist mit dem Herzen am rechten Fleck.


    Jepp, aber als fürsorgliche Leserin befüchtet man, dass Victor das noch ausnutzen könnte. :-(


  • Ich fand es ehrlich gesagt abstoßend, dass feine Damen sich gegen Geld das Elend andere Leute ansehen wollen. Was bringt denen das, fühlen die sich dann besser? Ich konnte hier nur den Kopf schütteln. Hannes mache ich keinen Vorwurf, denn er muss ja zusehen wie er durchkommt und in dem Elend ist einem glaub ich jedes Mittel recht.


    Andererseits ist das aber auch der einzige Weg, diese "andere Welt" kennenzulernen... Und wenn dann von 10 Menschen die da durchgehen nur einer Mitgefühl und Verständnis entwickelt ist es beteits eine gute Sache !
    Gerade die Frauen kamen ja ansonsten wirklich nicht mit der (ganz unteren... ) Unterschicht in Berhürung und KONNTEN sich gar kein wirkliches Bild machen.


    Ansonsten finde ich es natürlich auch abstoßend, sich diese armen Menschen wie Zootiere anzuschauen und sich am eigenen Ekel und der eigenen Angst zu ergötzen.



    Hannes ist sehr arm, aber nicht bereit, sein Leben in der Unterschicht zu fristen, er tut alles, um an Bildung zu kommen - bewundernswert! Aber da gab es wohl so einige in jener Zeit. Trotzdem ist er ein ziemliches Schlitzohr - muss er auch sein bei dem starken sozialen Gefälle, um jemals seiner Armut entkommen zu können.


    Ich denke auch, ohne irgendwie gewitzt zu sein, hat man keine Chance, der Armut zu entkommen. Mit "normaler, ehrlicher Arbeit" konnte man ja gerade mal (wenn überhaupt) überleben.

  • Ich habe hier schon öfter Unverständnis über den Armutstourismus der feinen Damen gelesen.

    Zitat

    Ich fand es ehrlich gesagt abstoßend, dass feine Damen sich gegen Geld das Elend andere Leute ansehen wollen. Was bringt denen das, fühlen die sich dann besser? Ich konnte hier nur den Kopf schütteln.


    Wenn man bedenkt, dass es damals noch kein Fernsehen gab und mal überlegt, was einem heute so an TV Programm geboten und von irgendwem ja auch konsumiert wird, finde ich es gar nicht so unverständlich, sondern sogar menschlich. Immerhin gab es ein wenig Interesse an den Lebensumständen der Armen und es gab auch ein paar kleine Spenden. Natürlich wäre es besser gewesen, das Übel woanders, möglichst an der Wurzel, zu packen. Aber welche Möglichkeiten hatten die Frauen denn zu dieser Zeit?
    So kommt die Sensationslust natürlich viel direkter zum Ausdruck, als wenn man anonym vorm Fernseher säße.


    Was meint ihr?


    Michelle

    Lesen heißt durch fremde Hand träumen.<br />Fernando Pessoa

    Einmal editiert, zuletzt von Yomiko ()

  • Zum Armutstourismus:
    Das hat mich an die Tsunami-Katastrophe in Thailand vor ein paar Jahren erinnert, wo auch kurz nach dem Unglück die Touristen dort hingeflogen sind, um sich die Katastrophe vor Ort anzusehen. Ich fand das eigentlich abstoßend, zumal eine Bekannte von uns bei dem Unglück ums Leben gekommen ist, aber die Einheimischen waren gar nicht so böse darum, daß die Touristen weiterhin ins Land kamen, da das auch Geld gebracht hat. Für die Einheimischen hätte es das Unglück noch mehr vergrößert, wenn dann ihr Erwerbszweig auch noch eingebrochen wäre.
    Und hier im Buch haben neben Hannes auch noch weitere Arme ein wenig was von diesem Armutstourismus, daher sehe ich das zwiespältig und kann es nicht nur verurteilen.

  • Ein toller Prolog mit der Szene in Frankreich - eine Erschießung wird im letzten Moment abgeblasen und der zu Tode Verurteilte ist so dreist das ihm gemachte Angebot mit zusätzlichen Forderungen zu verbinden.
    Ob dies wohl Nepomuk ist, den wir später dann in Berlin kennenlernen und der als Doppelagent tätig ist?
    Welche Geheimwaffe er wohl für die Franzosen finden soll?
    Sehr spannend!


    Nach einem Schauplatzwechsel und Zeitsprung landen wir dann mitten im Berlin des 19. Jahrhunderts, in dem es gesellschaftlich und politisch ganz schön brodelt. Ein Austand gegen den König liegt in der Luft.
    Bei den Versammlungen im Tiergarten machen sind nicht nur Arbeiter sondern auch Intellektuelle und renommierte Leute mit.
    Die Unzufriedenheit mit den damaligen Verhältnissen muss ganz schon groß gewesen sein.
    Diese Führungen durch das Armenviertel Berlins sind scheinbar der letzte Renner für die sensationslustigen „Reichen und Schönen“ jener Zeit.
    Die Massenarmut und Verelendung der Menschen ist hier sehr authentisch dargestellt.
    Hannes als Fremdenführer durch den Moloch der Stadt versteht es bestens seine Tour durch Feuerland mit dem richtigen Thrill zu würzen und als wäre das Elend nicht so schon schlimm genug auch noch richtig aufzupeppen.
    Hannes ist wirklich clever und geschäftstüchtig – er wird mit seinem Ehrgeiz und seiner Sparsamkeit wohl den Weg "nach oben" raus aus ärmlichen Verhältnissen schaffen, wenn er so weiter macht.
    Vorausgesetzt natürlich er lässt sich nicht auf krumme Touren ein.
    Sehr amüsiert habe ich mich über Hannes „Lektürestoff“ Brockhaus Konversationslexikon von A-E ….
    Seine Krähe Kara als Haustier finde ich ja auch total faszinierend.
    Um Hannes' Freund Kutte muss man sich schon etwas sorgen machen – planen die Rebellen einen bewaffneten Aufstand?
    Bei Alice weiß ich noch nicht so genau, was ich von ihr halten soll. Sie ist schlau und ziemlich forsch, als sie Hannes wegen seiner Lügen angeht, aber wie sie diesem arroganten Adeligen Victor da hinterher rennt, der sie doch scheinbar hintergangen hat – das kommt mir sehr unreif vor. Sie hat scheinbar extrem romantische Vorstellungen von der Liebe …und ist doch in vielem sehr verwöhnt.
    Toll finde ich, dass sie sich wohl wirklich für die Armen einsetzen möchte und sich sogar für Politik interessiert – womit sie natürlich bei den Männern aneckt, die es natürlich lieber sehen, sich mit typisch weiblichen Themen zu beschäftigen.
    Gespannt bin ich auch mehr über Alice Bruder Ludwig zu erfahren.
    Polizeipräsident Julius von Minutoli, eine historische Persönlichkeit und eine tolle Figur!
    Puh Blut will er fließen sehen und hart durchgreifen – das hört sich echt übel an …
    Ich habe mich schon gefragt, ob seine Unart endlos lange Listen über alles Möglich und Unmögliche zu führen, überliefert sind ...echt witzig und zugleich interessant!
    Ach ja und Hannes hat sich scheinbar in die hübsche und wohlsituierte Alice verguckt.


    Ich bin sehr gespannt, wie es mit Alice und ihm weitergeht …


  • Hannes als Fremdenführer durch den Moloch der Stadt versteht es bestens seine Tour durch Feuerland mit dem richtigen Thrill zu würzen und als wäre das Elend nicht so schon schlimm genug auch noch richtig aufzupeppen.


    Hm, das klingt, als ob er es schlimmermachen würde als es ist...
    Ich finde aber, durch seine Reaktion auf Alices Vorwürfe (das er eben genau das tut) sieht man doch, daß er es nicht wirklich schlimmer macht, sondern lediglich eine... hm... "publikumswirksame Szene" zeigt. Die richtig schlimmen Sachen (wie eben das thyphuskranke Mädchen) zeigt er sonst ja gar nicht.



    Sehr amüsiert habe ich mich über Hannes „Lektürestoff“ Brockhaus Konversationslexikon von A-E ….


    Das klingt, als würdest Du es "lustig" finden ?
    Ich finde es toll, daß er sich weiterbildet... und ein Lexikon ist da doch eine gute Methode, oder ? Und viele andere Möglichkeiten hat er ja auch nicht, würde ich sagen.


  • Sehr amüsiert habe ich mich über Hannes „Lektürestoff“ Brockhaus Konversationslexikon von A-E ….


    Da mußte ich an meinen Neffen denken, der hatte auch mal eine Phase, in der das Lexikon vn A bis Z durchgearbeitet hat ;D



    Seine Krähe Kara als Haustier finde ich ja auch total faszinierend.


    Ja, Kara gefällt mir auch gut.


  • Wenn man bedenkt, dass es damals noch kein Fernsehen gab und mal überlegt, was einem heute so an TV Programm geboten und von irgendwem ja auch konsumiert wird, finde ich es gar nicht so unverständlich, sondern sogar menschlich. Immerhin gab es ein wenig Interesse an den Lebensumständen der Armen und es gab auch ein paar kleine Spenden. Natürlich wäre es besser gewesen, das Übel woanders, möglichst an der Wurzel, zu packen. Aber welche Möglichkeiten hatten die Frauen denn zu dieser Zeit?
    So kommt die Sensationslust natürlich viel direkter zum Ausdruck, als wenn man anonym vorm Fernseher säße.


    Was meint ihr?


    Michelle


    Das ist ein guter Gedanke, der mir noch gar nicht gekommen ist. Wir Fernsehgucker heutzutage sind ja genauso neugierig und forsch.


    Titus


  • Ich habe mich schon gefragt, ob seine Unart endlos lange Listen über alles Möglich und Unmögliche zu führen, überliefert sind ...echt witzig und zugleich interessant!


    Ich muss gestehen: Das war meine Idee. Ich hab's ihm angedichtet. Aber sonst eigentlich nichts, wann er wo war, was er wo gesagt hat, das stimmt beinahe alles!


    Herzlich,


    Titus


  • Zum Armutstourismus:
    Das hat mich an die Tsunami-Katastrophe in Thailand vor ein paar Jahren erinnert, wo auch kurz nach dem Unglück die Touristen dort hingeflogen sind, um sich die Katastrophe vor Ort anzusehen. Ich fand das eigentlich abstoßend, zumal eine Bekannte von uns bei dem Unglück ums Leben gekommen ist, aber die Einheimischen waren gar nicht so böse darum, daß die Touristen weiterhin ins Land kamen, da das auch Geld gebracht hat. Für die Einheimischen hätte es das Unglück noch mehr vergrößert, wenn dann ihr Erwerbszweig auch noch eingebrochen wäre.


    Oh, weh, auf so eine Idee wäre ich im Traum nicht gekommen. Das ist so wie die Leute, die extra auf die Autobahn fahren, um sich eine Unfallstelle anzusehen???

  • Suse

    Hat das Thema geschlossen