Peter Lancester - Dämonentränen (Kapitel 44 bis Ende)

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  • Bislang war seine Handlungsweise immer straight forward: "Ich tue das, was ich als richtig (insbesondere moralisch richtig) erkannt habe, ungeachtet möglicher negativer Konsequenzen." Da passt es nicht, dass er das Auto des Arztes versteckt. Ferner ist er von christlichen Glaubensinhalten bis zur Konsequenz des Martyriums überzeugt. Es erscheint mir unplausibel, dass er sich von seiner Jetzt-Ehefrau Mona entfernt - und ausgerechnet Mona muss ihn an das "in guten und in schlechten Zeiten" erinnern.
    Nebenbemerkung: Zumindest nach katholischer Logik sind die beiden auch im spirituellen Sinne verheiratet. Das Ehesakrament wird von den Eheleuten gespendet, die Zeremonie mit dem Pfarrer in der Kirche ist spirituell irrelevant und eher organisatorischer Natur. Es ist wahrscheinlich, dass Frank diese Sichtweise adaptiert hat.
    Im ganzen handelt und redet Frank nicht mehr "in character" - zumindest für mein Empfinden.


    Beinahe hätte ich hier eine sehr wichtige Frage ausgelassen.
    Wie hätte Frank sich deiner Meinung nach in dieser Situation "in character" verhalten müssen?
    Ich muß ja sagen, daß ich etwas verwirrt bin: Einerseits monierst du, daß er das Auto versteckt, andererseits, daß er sich von seiner Ehefrau entfernt.


    Peter


  • Ich muß sagen, daß ich das Ende wirklich hart fand :o. Mona tat mir jetzt erstmals richtig leid, als sie krampfhaft Mutterglück sucht, einem "normalen" Menschenleben zustrebt (obwohl Blut in Flaschen im Kühlschrank beim Ottonormalbürger eher unüblich sind) und dabei doch nur scheitern konnte :'(. Wie dann diese kleinen Flugteufelchen durch die Wohnung irren, auf der Suche nach Nahrung auch ihre Geschwister nicht verachten und selbst die "Mutter" anknabbern...das war dann schon wieder so viel, daß ich beim Lesen ungläubig den Kopf schütteln mußte.


    Ungläubig im Sinne von "ich kaufe die Geschichte nicht mehr"?


    Zitat


    Das Gefühl hatte ich gar nicht.


    Für dein Empfinden handelt er also figurenpsychologisch korrekt bzw. nachvollziehbar?


    Zitat


    Insgesamt muß ich aber sagen, daß mir die ersten beiden Teile der Anderwelt besser gefielen. Mit Mona wurde ich einfach nicht warm, auch wenn ihre Geschichte zweifellos spannend ist...ich hoffe einfach, daß mir der nächste Band wieder besser gefallen wird.


    Ich bin froh, daß dein Interesse nicht getötet wurde.
    Auch wenn es irgendwie ein seltsames Gefühl für mich ist, wenn die Leser Mona nicht mögen. Hatte zeitweise überlegt, ob ich ihr eine eigene Reihe spendieren soll.


    Peter


  • Ungläubig im Sinne von "ich kaufe die Geschichte nicht mehr"?


    Nein, es war nur ziemlich viel auf einmal und passierte alles sehr plötzlich.


    Zitat von "Peter Lancester"


    Für dein Empfinden handelt er also figurenpsychologisch korrekt bzw. nachvollziehbar?


    Ja.


    Zitat von "Peter Lancester"


    Ich bin froh, daß dein Interesse nicht getötet wurde.
    Auch wenn es irgendwie ein seltsames Gefühl für mich ist, wenn die Leser Mona nicht mögen. Hatte zeitweise überlegt, ob ich ihr eine eigene Reihe spendieren soll.


    Ich kann verstehen, daß es für einen Autor hart ist, wenn seine Figur nicht gemocht oder vielleicht auch nicht wirklich verstanden wurde.
    Nein, mein Interesse ist noch lange nicht tot - ich freue mich schon auf Teil 4 8).


    Gruss
    Bianca


  • Auch wenn es irgendwie ein seltsames Gefühl für mich ist, wenn die Leser Mona nicht mögen. Hatte zeitweise überlegt, ob ich ihr eine eigene Reihe spendieren soll.


    ich fände das sehr interessant und würde es gern lesen wollen :)
    Allerdings wäre da die Schwierigkeit der Zeit, in der es spielen sollte; es müsste vor Monas Erlebnissen in unserer Welt stattfinden. Und da ist durch "Dämonentränen" ja schon viel verraten worden.
    Aber ich denke, Du hast erstmal einiges anderes zu schreiben ;)


    LG
    Maren


  • Wie hätte Frank sich deiner Meinung nach in dieser Situation "in character" verhalten müssen?
    Ich muß ja sagen, daß ich etwas verwirrt bin: Einerseits monierst du, daß er das Auto versteckt, andererseits, daß er sich von seiner Ehefrau entfernt.


    Frank und Mona erscheinen mir beide in diesen Szenen unplausibel. Wie sie sich hätten verhalten müssen, ist m.E. die falsche Frage - keine Figur "muss" sich so oder so verhalten, das wäre zu deterministisch, jede Figur hat eine Spanne, innerhalb derer sie agieren kann. Mona und Frank verlassen für mein Empfinden diese Spanne.
    Bei Mona fällt es mir noch leichter, eine Option zu konstruieren, die ich vermutlich "noch gekauft hätte". Ich meine die Sache mit dem Kondom. Sie will Frank das Kind, das sie erwartet, als seines unterschieben. Das an sich setzt schon ein Verständnis der doch recht komplexen Zusammenhänge voraus, die in unserer Gesellschaft gelten - wann ist ein Kind "legitim", unter welchen Umständen fühlt sich der Mann verpflichtet, zur Erziehung beizutragen, wann fühlt er sich betrogen, was dann zu einem Liebesentzug gegenüber der Frau führt, etc. Aber okay, sagen wir, Mona hat diese Zusammenhänge im wesentlichen geblickt.
    Dann die Funktionsweise von Kondomen. Das ist nicht schwierig zu verstehen, es ist plausibel, dass Mona diese Mechanik bei ihrer Arbeit verstanden hat.
    Auch der Schluss "ich muss das Kondom umgehen" ist etwas, was ich Mona zutraue. Es ist auch in charcter, dass sie Frank reinlegen will, anstatt die Situation mit ihm zu besprechen und offen zu klären - so ist sie halt.
    Das Naheliegendste wäre für mich nun gewesen, dass Mona versucht, ohne Kondom mit Frank zu schlafen.
    Wenn das nicht gelänge, wäre der nächste Schritt, zu versuchen, das Kondom während des Aktes irgendwie abzustreifen.
    Option drei wäre, es mit einer Nadel oder Ähnlichem, meinetwegen mit ihrem Fingernagel, durchlässig zu machen. Auch das hätte ich noch gekauft.
    Es in die Sonne zu legen, zu wissen, dass es dadurch brüchig werden müsste, dann darauf zu hoffen, dass es während des Verkehrs reißt - für mein Empfinden ein zu verwinkelter Gedankengang für Mona.


    Zu Frank. Das ist schwierig, die Situation, als Mona den Arzt getötet hat, führt ihn an seine Grenzen.
    Er ist jedoch durch und durch geprägt von seiner christlichen Religion, mit starkem Bezug zur Bibel, allerdings anscheinend ohne feste kirchliche Bindung. Sich Rat bei einem Priester zu holen, hat bereits bei Monas Befreiung nicht gut geklappt, scheidet also aus. Auch staatliche Autoritäten haben sich nicht als zuverlässig erwiesen, also muss er nicht direkt zur Polizei rennen (obwohl ich auch das noch plausibel gefunden hätte).
    Er wird aber wohl in den typisch christlichen Kategorien denken: Sünde, Reue, Wiedergutmachung. Für ihn dürfte eine Rolle spielen, dass die Familie des Arztes Gelegenheit erhält, ihn christlich zu begraben.
    Eine (unter vermutlich recht vielen) für mich plausible Option wäre demnach gewesen, die Tat nicht zu vertuschen, sondern Leiche und Auto an einer Stelle zu deponieren, wo sie gefunden werden. Dann hätte er mit Mona fliehen können, in der Motivation, sie im Wortsinne "ins Gebet zu nehmen", vielleicht sogar in der Absicht, sich der Strafverfolgung zu stellen, wenn Mona soweit ist, Reue zu empfinden. Das wäre aus christlicher Sicht nämlich unerlässlich, um ihre Seele zu retten, hätte also für Frank, der Mona ja liebt, unbedingt Vorrang. Eine ganz witzige Variante wäre gewesen, wenn er zu diesem Zwecke mit Mona in ein abgelegenes Kloster geflohen wäre, wo er dann in Form der Mönche "Verstärkung" gehabt hätte. Das hätte nebenbei eine weitere interessante, konfliktträchtige Szenerie abgegeben. Einer der Brüder hätte von Monas früherer Tätigkeit erfahren können, etc. pp.


    Ich merke, ich schweife ab und erzähle eine neue Geschichte. Das ist aber das Problem, wenn man nach Alternativen fragt - dann kommt alles mögliche raus, nur nicht die Geschichte, die man selbst schreiben möchte ...



    Ich kann verstehen, daß es für einen Autor hart ist, wenn seine Figur nicht gemocht oder vielleicht auch nicht wirklich verstanden wurde.


    Ich nehme an, für einen Autor ist es viel härter, wenn seine Figur uninteressant ist. Das kann man Mona kaum vorwerfen. Und solange sie interessiert, ist doch egal, ob der Leser sie mag oder nicht ... ;)

  • Erst mal danke für diese sehr lange ausführliche Antwort und sorry, daß ich so viel in dieser Angelegenheit herumbohre.
    Aber ich habe ja, wie ihr wißt, immer noch die Idee, vielleicht in einigen Jahren mal eine "Special Extended Edition" zu machen. Vielleicht mache ich sie, wenn sie kein Verlag haben will, auch nur für mich selbst. Auf jeden Fall bin ich nach wie vor in perfektionistischer Weise auf der Suche nach Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten. Selbst wenn ich die Dinge nicht in ihrem äußeren Ablauf verändern will, so wurmt es durchaus, wenn die Leser manche Dinge nicht "kaufen". Die Sache mit Rico und warum er noch lebt, bedarf im Falle einer Neuauflage z.B. dringend eines Hinweises, daß der Autor sich was dabei gedacht hat.



    Es in die Sonne zu legen, zu wissen, dass es dadurch brüchig werden müsste, dann darauf zu hoffen, dass es während des Verkehrs reißt - für mein Empfinden ein zu verwinkelter Gedankengang für Mona.


    Okay, das kann ich nachvollziehen, und ich weiß auch genau, wo ich den "Fehler" gemacht habe.


    Zitat


    Er wird aber wohl in den typisch christlichen Kategorien denken: Sünde, Reue, Wiedergutmachung. Für ihn dürfte eine Rolle spielen, dass die Familie des Arztes Gelegenheit erhält, ihn christlich zu begraben.


    Das ist korrekt.


    Zitat


    Eine (unter vermutlich recht vielen) für mich plausible Option wäre demnach gewesen, die Tat nicht zu vertuschen, sondern Leiche und Auto an einer Stelle zu deponieren, wo sie gefunden werden.


    Ja moment mal. Hat er nicht genau das getan?


    Zitat


    Dann hätte er mit Mona fliehen können, in der Motivation, sie im Wortsinne "ins Gebet zu nehmen", vielleicht sogar in der Absicht, sich der Strafverfolgung zu stellen, wenn Mona soweit ist, Reue zu empfinden. Das wäre aus christlicher Sicht nämlich unerlässlich, um ihre Seele zu retten, hätte also für Frank, der Mona ja liebt, unbedingt Vorrang. Eine ganz witzige Variante wäre gewesen, wenn er zu diesem Zwecke mit Mona in ein abgelegenes Kloster geflohen wäre, wo er dann in Form der Mönche "Verstärkung" gehabt hätte. Das hätte nebenbei eine weitere interessante, konfliktträchtige Szenerie abgegeben. Einer der Brüder hätte von Monas früherer Tätigkeit erfahren können, etc. pp.


    Ich merke, ich schweife ab und erzähle eine neue Geschichte. Das ist aber das Problem, wenn man nach Alternativen fragt - dann kommt alles mögliche raus, nur nicht die Geschichte, die man selbst schreiben möchte ...


    Oh, ich bin sehr froh, daß du deinen Alternativstrang erzählt hast. Danke dafür.


    Peter


  • Die Sache mit Rico und warum er noch lebt, bedarf im Falle einer Neuauflage z.B. dringend eines Hinweises, daß der Autor sich was dabei gedacht hat.


    Frank könnte z.B. die Diagnose der Ärzte später in der Zeitung lesen. "Unglaubliche Verletzungen ... dennoch überlebt, weil ..." oder "... unerklärlicher Weise überlebt, obwohl ...".



    Ja moment mal. Hat er nicht genau das getan?


    Wenn ich mich recht entsinne, kümmert sich Frank um das Auto und überlässt die Leiche Mona.


    Ich habe gerade nochmal den Dialog nach dem Tod des Arztes gelesen (so um 363/364 rum). Das ist wahrscheinlich die Passage, bei der ich am dringendsten eine Revision empfehlen würde.
    Ich betone hier das ich, denn die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Leserunde mokieren diese Stelle ja nicht. Von daher ist es vielleicht gar nicht so gut, sie zu ändern - sonst hast Du nachher womöglich eine Geschichte, die nur mir gefällt und niemandem sonst. :)


  • Die Sache mit Rico und warum er noch lebt, bedarf im Falle einer Neuauflage z.B. dringend eines Hinweises, daß der Autor sich was dabei gedacht hat.


    So ein Fall dürfte durch die Medien gehen. Dass er angeknabbert wurde, wird ja vermutlich auch zu sehen sein und entsprechenden Wirbel verursachen, da man sich fragt, wer (oder was) da geknabbert hat. Ratten würden ja auch nicht "gelegentlich einen kleinen Knochen brechen" wie Mona es mit ihm tat, auch würde man am Tatort sicher irgendwelche Spuren finden, dass da noch jemand außer Rico war.
    Ist es denn wichtig, dass er überlebt? Denn die Szene, als er herausgetragen wird und sein Körper von einem weißen Tuch bedeckt ist, könnte man auch so verstehen, dass er nun doch gestorben ist.


    LG
    Maren


  • Frank könnte z.B. die Diagnose der Ärzte später in der Zeitung lesen. "Unglaubliche Verletzungen ... dennoch überlebt, weil ..." oder "... unerklärlicher Weise überlebt, obwohl ...".


    Etwas in der Art. Nur darf eben genau Frank das nicht lesen.


    Zitat


    Wenn ich mich recht entsinne, kümmert sich Frank um das Auto und überlässt die Leiche Mona.


    Oh, da hab ich mich an meine eigene Szene falsch erinnert. :-[
    Genauer gesagt, hatte ich in der Urfassung Frank das Auto mit dem Arzt zusammen wegfahren lassen. Und als Referenz ein Dürrenmatt-Zitat eingebaut: "Bei jeder Bodenwelle nickte der Tote wie ein alter weiser Chinese, so daß Frank es unterließ, zu schnell zu fahren."


    Zitat


    Ich habe gerade nochmal den Dialog nach dem Tod des Arztes gelesen (so um 363/364 rum). Das ist wahrscheinlich die Passage, bei der ich am dringendsten eine Revision empfehlen würde.
    Ich betone hier das ich, denn die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Leserunde mokieren diese Stelle ja nicht. Von daher ist es vielleicht gar nicht so gut, sie zu ändern - sonst hast Du nachher womöglich eine Geschichte, die nur mir gefällt und niemandem sonst. :)


    Na ja, wie gesagt, die äußeren Handlungsumstände werde ich wohl nicht verändern. Aber an den Dialogen und inneren Gedanken läßt sich ungeheuer viel schrauben. Unsere Worte bestimmen unsere Taten.


    Peter

  • Suse

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