Balzac: Cousin Pons oder Die beiden Musiker

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  • Balzac: Cousin Pons oder Die beiden Musiker. Diogenes, 431 Seiten.


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    (Lustigerweise steht auf dem abgebildeten Umschlag "Vetter", aber der Originalumschlag enthält den Titel korrekt mit "Cousin")


    Inhalt (Text von hinterer Umschlagseite):


    Der Musiker Pons ist besessen von seiner Sammelleidenschaft. Verarmt, weil seine bescheidene Rente für die kostbaren Gemälde, Miniaturen und Gläser nicht ausreicht, und gedemütigt von der Familie, gerät er an den Rand seiner Existenz und findet sich, als man den Wert seiner Sammlung erkennt, plötzlich in mehrere Intrigen verstrickt.


    Meine Meinung:


    Ein Buch über einen Sammler. Viel habe ich mir davon versprochen, da ich Sammelleidenschaft auch selber kenne. Das Sammeln wird jedoch kaum thematisiert, vielmehr stehen die Intrigen verschiedener Personen im Umfeld von Pons im Vordergrund, wie man sich die wertvolle Sammlung unter den Nagel reißen kann. Dabei geht es darum, den Tod von Pons abzuwarten (oder will man gar nachhelfen?), wobei man zuvor möglichst Einfluss auf das Testament nehmen möchte. Diese Erbschleichergeschichte lässt kein Klischee aus, ist am Ende vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Die Geschichte beginnt zunächst recht schleppend, bis zur Seite 300 ist keine rechte Spannung aufgekommen. Balzac führt m.E. zu viele Figuren ein, ohne dass jede einzelne wirklich zum Leben erwacht. Dies mag daran liegen, dass Balzac einen vielbändigen Zyklus geschrieben hat und mir bisher nur ein weiterer Band bekannt ist.


    Seine Figuren lässt er viel in wörtlicher Rede sprechen, im Nachwort ist erläutert, dass ein besonderer Klang der Sprache sie charakterisiert. In der deutschen Übersetzung und zudem hat das Buch 160 Jahre hinter sich bemerke ich dies jedoch kaum. Störend finde ich vor allem zu Beginn, dass sich Balzac immer wieder als allwissender Autor einschaltet und seine Figuren kommentieren muss. Er überlässt die Interpretation also nicht dem Leser, sondern kommentiert überdeutlich, manchmal spricht er Dinge aus, die ohnehin aus den Figuren deutlich hervortreten. Das macht ein Versinken in der Geschichte zunächst schwierig. Die letzten 130 Seiten gefielen mir hingegen deutlich besser, das Buch gewinnt an Fahrt und macht Spaß zu Lesen.


    Wesentlich besser gefallen hat mir Balzacs Werk "Verlorene Illusionen".


    3ratten


    Gruß, Thomas

    Einmal editiert, zuletzt von Klassikfreund ()

  • "Korrekt" ist beides, oder? :zwinker:


    Es gibt auch Übersetzungen mit "Vetter". Aber auf meinem Umschlag steht "Cousin". Der Umschlag ist übrigens sonst vollkommen identisch mit dem meinigen (gleiches Bild). Und auch die ISBN stimmt überein.

  • Ich habe "Cousin Pons" in einer alten englischen Übersetzung von Ellen Marriage gelesen.


    Der gut 60 Jahre alte Dirigent und Komponist Pons lebt in ziemlich ärmlichen Verhältnissen in Paris. Zwei große Leidenschaften beherrschen sein Leben: Gutes Essen und Kunst. All sein überschüssiges Geld steckt er in die Erstellung einer Kunstsammlung, die seinesgleichen sucht, denn auch wenn er nicht über viel Geld verfügt, so hat er doch einen hervorragenden Riecher für "Schnäppchen" und nach 40 Jahren eifrigen Sammelns hat sich doch das eine oder andere (oder dritte, vierte, fünfte, ...) hervorragende Kunstwerk bei ihm eingefunden.
    Das Sammeln von Kunst lässt ihm kein Geld übrig für die Befriedigung seiner anderen großen Leidenschaft, der Feinschmeckerei. Diese befriedigt er, indem er sich bei "Verwandten", die diese Bezeichnung nur bei einer unglaublich ausgeweiteten Definition des Wortes verdienen, und bei denen er unter der Bezeichnung "Vetter" läuft, durchfrisst. Er wird bestenfalls geduldet und muss einiges an Beleidigungen über sich ergehen lassen, um sich seinen Platz an den Tafeln zu erhalten.
    Als "Bezahlung" unternimmt er einiges an Botengängen und leistet Hilfe, wo er nur kann. Als einer seiner Hilfsversuche ohne sein Verschulden grandios scheitert, wird ihm die Schuld dafür in die Schuhe geschoben und er brutalst aus der guten Gesellschaft ausgestoßen.
    Diesen Schock erträgt seine Gesundheit nicht und er würde ruhig, von seinem besten und einzigen Freund, dem deutschen Musiker Schmucke gepflegt, sterben können, wenn nicht durch einen Zufall bekannt würde, wie wertvoll seine über die Jahre hinweg zusammengetragenen Kunstobjekte sind. Sofort sammeln sich Aasgeier aller Art, quer durch alle Berufe und Schichten, und wollen einen Teil des Schatzes abbekommen.


    Das Buch teilt sich in zwei Hauptabschnitte, dessen erster mir in der Beschreibung von Pons undramatischem Leben als "Schmarotzer" (so der anfangs geplante Titel) recht gut gefallen hat. Balzac erzählt langsam mit vielen Details auch über die Nebenfiguren, baut sein Setting akribisch auf, und lässt mich mit Pons wenn auch nicht direkt mitfiebern, so doch mitleiden, wenn der mal wieder eine Demütigung durch seine Verwandten über sich ergehen lassen muss.
    Anders erging es mir zu meiner eigenen Überraschung mit dem zweiten Teil. Zwar war es zeitweise schon interessant zu erfahren, wer sich alles auf welche Weise an Pons bereichern wollte, aber dennoch machte sich bei mir Langeweile breit. Das wurde dadurch nicht besser, dass ich irgendwann den Überblick über alle Aasgeier, die um Pons Sammlung kreisten, verlor.


    Mein Hauptkritikpunkt ist allerdings in der Personenbeschreibung von Pons' Freund Schmucke zu finden. Der ist dermaßen naiv und gutgläubig, wird dermaßen lebensunfähig geschildert, dass es die Grenzen meiner Glaubensbereitschaft weit überschritt.
    Ebenso störte mich Schmuckes unsäglicher "deutscher" Akzent, der in der deutschen Übersetzung zum Glück wohl notgedrungenerweise verschwindet, mich aber in der englischen Übersetzung bei jedem Satz aus Schmuckes Mund wieder aufs Neue irritierte. Ich war bereit, diesen völlig unglaubwürdigen Akzent der Übersetzerin anzulasten, schaute aber doch mal ins französische Original und konnte dort auch ohne französische Sprachkenntnisse feststellen, dass der Akzent Balzacs Vorlage entsprach.


    Auffällig ist, wie genau Balzac über die Vermögens- und Einkommensverhältnisse nahezu aller handelnden Personen berichtet. Soundsoviel Geld kommt aus dieser oder jener Quelle, X Franc kostet die Miete, Y Franc gehen für Kleidung und Tabak drauf, etc. Das kann sicher für viele Leser langweilig sein, stieß bei mir aber auf Interesse, denn oft genug habe ich mich in Büchern vegeblich gefragt, wovon die handelnden Personen eigentlich leben. Man braucht vielleicht nicht so genau ins Detail zu gehen wie Balzac aber prinzipiell möchte ich anderen Autoren doch empfehlen, einen Gedanken auf die Lebensgrundlagen seiner Protagonisten zu verschwenden.


    Für dieses durchwachsene Buch (Balzac hat wirklich bessere geschrieben) vergebe ich mit Ach und Krach
    3ratten

    Wir sind irre, also lesen wir!