Der Heimkehrer

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  • Na, traut sich noch keiner? Ich klinke mich mal spontan ein, weiß aber noch nicht, wie intensiv ich mich beteiligen kann.


    Kurzgeschichten finde ich immer etwas schwierig. Ich habe gerade die aktuelle Sammlung von Stephen King gehört, da waren ganz tolle dabei, manche haben mir nicht gefallen und manche mich nur gelangweilt oder irritiert.


    Andererseits sind Kurzgeschichten ja immer auch eine tolle Möglichkeit, einen Autor von ganz verschiedenen Seiten kennenzulernen, mal was anderes als vielleicht der gewohnte Stil. Also lasse ich mich da doch immer wieder gerne drauf ein.


    Das Vorwort habe ich nicht gelesen.


    Nun aber mal zu dieser Geschichte. Sie kam mir sehr kurz vor, sie umfasst ja auch nur 14 Seiten. Erstmal musste ich mich damit zurechtfinden, dass es ja gar nicht phantastisch ist, wie ich es sonst von Oliver kenne ;) Obwohl, ein bisschen futuristisch sind wir ja immerhin, zumindest die Automobiltechnik scheint etwas fortgeschrittener zu sein als heute.
    So ein bisschen ratlos lässt mich die Story dann aber doch zurück.


    Harold ist wohl ein Kriegsveteran? Fliegen kann er nicht mehr, daher holen ihn Tochter und Schwiegersohn ab, um mit dem Auto zur Hochzeit der anderen Tochter zu fahren, soweit habe ich mir das zusammengereimt.
    Und als das Auto in der Wüste stehenbleibt, hat er eine Art Panikattacke, Flashbacks vielleicht.
    Susan meistert die Situation ziemlich gut, erst sein ganzes Schimpfen und seine Unzufriedenheit und dann die Panikattacke. Das lässt darauf schließen, dass sie ihn nicht zum ersten Mal in diesem Zustand erlebt und weiß, wie sie mit ihm umgehen muss.


    Und als die Sonne aufgeht, kommt es zum Höhepunkt seines Flashbacks, er erkennt Susan und Steve gar nicht mehr, hält Steve für seinen Freund (und Bruder?) Robert, der mit ihm gemeinsam im Krieg war... was haben die beiden wohl zusammen durchgestanden? Und was ist später geschehen, dass sie sich anscheinend zerstritten haben und keinen Kontakt mehr haben?


    Als es dann wieder richtig hell wird, lässt seine Attacke nach und er wird wieder "normal". Und am Ende bedankt er sich bei seiner Tochter und zeigt, dass er weiß, dass er Glück gehabt hat. Das lässt dann ja doch noch auf ein harmonisches Familientreffen hoffen ;)


    Ich bin gespannt auf eure Interpretationen und Olivers Erklärungen!

  • Dani79: Ich musste erst mal noch formulieren und versuchen, meine Gedanken etwas zu ordnen ;-)


    Titel
    Ich hatte mir dazu zunächst mal keine allzu große Gedanken gemacht. Trotzdem hat mich der erste Satz erst mal auf die falsche Fährte geführt: Im ankommenden Wagen muss natürlich der Heimkehrer sitzen, oder? Auch beim nächsten Satz, habe ich mich noch kurz verbogen (à la "er will nicht rausgehen, um den/die Heimkehrer zu begrüßen"), bis ich mich wieder gefangen hatte.
    Dass der Titel auf einen Kriegsheimkehrer anspielt, wurde erst im Laufe der Geschichte, erst verhältnismäßig spät deutlich. Insofern könnte man sagen, dass die eigentliche Heimkehr vor der eigentlichen Geschichte stattfand. Aber wo ich so darüber nachdenke, stellt auch die Geschichte eine Heimkehr statt - im Sinn von Rückkehr in die Familie. Zumindest lässt uns das Ende das ja hoffen ;-)



    Charaktere
    Witzig, was man so für Erwartungen hat - das merkt man auch erst, wenn man das Bild, das man sich gemacht hat, anpassen muss. Zum Beispiel war Harold für mich zunächst nicht so alt - bis Susan ihn dann als Vater begrüßt hat ;-) Oder dass Jennifer seine Frau sind und nicht noch eine weitere Tochter. Wobei ich mir das eigentlich hätte denken können... Ich gebe mal davon aus, dass sie tatsächlich noch verheiratet sind und nur getrennt leben, nachdem Susan sie ja auch als "deine Frau" bezeichnet.
    Mich würde ja interessieren, wie die Beziehung zwischen Harold und Steve zustande kam. Er wird von Harold ja nur als "Susans Mann" bezeichnet und die Distanz zwischen den beiden ist ja sehr deutlich. Ist das normale Abneigung zwischen Schwiegervater und -sohn? Oder fand die Hochzeit in den letzten Jahren, in denen die Familie sich so voneinander entfernt hatte, zustande? Oder vielleicht in der Zeit, als Harold weg war?



    Harolds Heimkehr
    Okay, er war also anscheinend mit seinem Bruder im Krieg - spontan hätte ich die beiden ja auf den Mars geschickt. Aber das basiert eigentlich nur auf dem Blick Harolds in den Himmel und der Tatsache, dass ihm die Wüste so zu schaffen macht... Und darauf, dass ich immer auf die phantastische Komponente in Kurzgeschichten horche und es ja einige Hinweise darauf gibt, dass wir uns zumindest in der Zukunft befinden. Auch wenn nicht klar ist, wie weit - damit wäre der Mars immerhin nicht komplett undenkbar.
    Ich hätte mir gewünscht, dass man noch ein klein wenig mehr über die Geschichte zwischen Harold und seinem Bruder erfahren hätte. Anscheinend waren die beiden allein unterwegs? Oder die letzten beiden ihrer Einheit?
    Sehr gut gefallen hat mir auch Steves Rolle - wie er gleich in die Rolle schlüpft, um Harold zu helfen.
    Ich bin mir nicht ganz sicher, welche 3 Jahre Susan genau meint. Robert und Harold kamen von 3 Jahren zurück, aber erst ist Harold wirklich wieder da, sprich bei seiner Familie? Damit wäre Onkel Bobby ja eher Steve gewesen. Oder sie bezieht sich noch auf die ursprüngliche Heimkehr, bei der tatsächlich Robert ihn zurückgebracht hat? Dann wäre er allerdings 3 Jahre weggewesen? Erscheint mir ziemlich lang...

    Even when reading is impossible, the presence of books acquired produces such an ecstasy that the buying of more books than one can read is nothing less than the soul reaching towards infinity... We cherish books even if unread, their mere presence exudes comfort, their ready access reassurance.


  • Andererseits sind Kurzgeschichten ja immer auch eine tolle Möglichkeit, einen Autor von ganz verschiedenen Seiten kennenzulernen, mal was anderes als vielleicht der gewohnte Stil. Also lasse ich mich da doch immer wieder gerne drauf ein.


    Ja, geht mir ähnlich. Ich habe lange Zeit keine bzw. kaum Kurzgeschichten gelesen, aber letztes Jahr hat sich das ziemlich geändert. Gerade als Parallellektüre für vor dem Zubettgehen sind kurze Geschichten genau richtig.



    Harold ist wohl ein Kriegsveteran? [...] Und als das Auto in der Wüste stehenbleibt, hat er eine Art Panikattacke, Flashbacks vielleicht.


    Hätte ich jedenfalls so interpretiert. Vermutlich war er auch deswegen so schlecht auf die Wüste zu sprechen - kein Wunder, wenn dadurch solche Erinnerungen geweckt werden.



    was haben die beiden wohl zusammen durchgestanden? Und was ist später geschehen, dass sie sich anscheinend zerstritten haben und keinen Kontakt mehr haben?


    Stimmt, diese Zerrüttung hatte ich fast vergessen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es sich um eine Mischung aus Schuldgefühlen und schlechten Erinnerung handelt.



    Als es dann wieder richtig hell wird, lässt seine Attacke nach und er wird wieder "normal".


    Hm. Ich hätte das jetzt nicht direkt auf den angebrochenen Tag zurückgeführt, sondern eher direkt auf die Unterstützung seiner Tochter und vor allem auch Steves. So kann ich mir gut vorstellen, dass er die Geschehnisse bisher nie richtig verarbeitet hat bzw. auch nur darüber gesprochen hat. Insofern konnte er sich jetzt erstmals mit "Robert" aussprechen und sich bei ihm entschuldigen(?). Und dass das dann letztendlich zu seiner... na ja Heilung will ich es jetzt nicht nennen, dafür sind solche Themen zu komplex.

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  • Hm. Ich hätte das jetzt nicht direkt auf den angebrochenen Tag zurückgeführt, sondern eher direkt auf die Unterstützung seiner Tochter und vor allem auch Steves. So kann ich mir gut vorstellen, dass er die Geschehnisse bisher nie richtig verarbeitet hat bzw. auch nur darüber gesprochen hat. Insofern konnte er sich jetzt erstmals mit "Robert" aussprechen und sich bei ihm entschuldigen(?). Und dass das dann letztendlich zu seiner... na ja Heilung will ich es jetzt nicht nennen, dafür sind solche Themen zu komplex.


    Ja, wahrscheinlich hast du recht. Steve hat da gut reagiert. Das fand ich umso schöner, als er ja vorher von Harold recht ruppig behandelt wurde. Dennoch scheint er viel Verständnis zu haben und reagiert spontan richtig, um Harold zu beruhigen und ihm Sicherheit zu geben.

  • Ich melde mich mal kurz zu Wort, um Bescheid zu geben, dass ich mitlese (werde außer unter außergewöhnlichen Umständen täglich reinsehen), gleichzeitig habe ich mir diesmal fest vorgenommen, erst dann etwas zu einer Geschichte zu sagen, wenn alle damit durch sind :) Die Schwierigkeit, die auftreten wird, ist natürlich wirklich, dass Schnellleser locker 2, 3 Geschichten am Tag schaffen, und bis alle so weit sind die Details vielleicht schon nicht mehr so auf dem Schirm haben ... aber da müssen wir wohl durch :)


    Vielen Dank schon jetzt für den diskussionsfreudigen Einstieg und eure Interpretationen und Assoziationen!

  • Also meine Grundidee war hier dass Harold einen Flug zum Mars hinter sich gebracht hat!?
    Es gab ja einige Indizien, dass die Geschichte in der Zukunft spielt.


    Edit: noch mal etwas ausführlicher.
    Mars - der rote Planet. Daher die negative Assoziation mit der rotlichen Wüste (besonders im Morgenlicht). Er schaut zum Mars und hat Panikattacken die für mich nicht einfach eine Kriegserinnerung sind sondern für eine Raumfahrt sprechen. Eine Raumfahrt in der nahe. Zukunft -- Elektroautos, keine Dosen mehr...


    Oder bin ich ganz falsch gewickelt? ;)

    Greetz,<br />Weratundrina<br /><br />...alll I ever wanted, all I ever needed - is here in my arms... DM

    Einmal editiert, zuletzt von Weratundrina ()

  • Hallo :winken: Ich bin heute morgen auch endlich dazu gekommen die erste Geschichte zu lesen. Das Vorwort habe ich auch gelesen, ich fand es sehr interessant, was du über die Rolle der Atmosphäre gegenüber der Handlung gesagt hat. Das wird bestimmt dazu führen, dass ich verstärkt darauf achte. Bei dieser Geschichte hat es auf jeden Fall schon geklappt.


    Es hat mir gefallen, dass Setting und Atmosphäre hier eher andeutungsweise vorhanden waren, dass ich mir also mehr denken musste und konnte als da wirklich deutlich stand. Harold lebt momentan in seiner eigenen Welt, anscheinend bedingt durch ein Trauma. Ich dachte auch daran, dass es bestimmt ein besonders traumatisches Erlebnis im Krieg war, aber die Interpretation von Weratundrina und Llyren mit dem Mars finde ich auch mehr als interessant. Von selbst wäre ich wahrscheinlich nicht direkt darauf gekommen, aber es spricht schon einiges dafür. Es wurden mehrfach Farben erwähnt — Grautöne, Rot … — das würde ja auch passen.
    Ansonsten hat mich die familiäre Situation fasziniert. Harold scheint ja nun schon einige Zeit in dieser "Phase" zu sein und Susan hat nach und nach gelernt, wie sie mit ihm umgehen muss, damit es nicht zu schlimm wird. Offensichtlich war das alles allerdings eher Symptome unterdrücken statt Ursachen bekämpfen, wobei letzteres nun vielleicht geschehen oder nun zumindest möglich ist. Die ganze Situation erschien mir wie ein einziges umeinander Herumtänzeln, damit ja nichts eskaliert. Bloß nichts falsches sagen, immer schön ruhig bleiben.

  • Harold hat auf mich im ersten Moment wie ein ganz "normaler" älterer Mensch gewirkt, der sein Zuhause einfach nicht gern verlässt und so grummelig ist, weil er durch die Heirat seiner ältesten Tochter in Vegas nun dazu gezwungen wird. Es fing für mich also "alltäglich" an, denn ich konnte mich in diese Situation gut hineinfinden, weil ich diese Art gut kenne - durch Menschen, die genauso reagieren, wenn sie ihren sicheren Hafen, ihr Zuhause, doch mal verlassen müssen.


    Dann zeigt sich aber, dass es hier doch anders ist und viel mehr dahintersteckt. Harold hat nicht nur ein Problem mit dem Fliegen, sondern ganz generell mit Enge. Was ich mehr als gut nachvollziehen kann. Den Hintergrund dazu erfahren wir am Ende der Geschichte, allerdings nur in sehr groben Zügen - die Details fehlen, es wird gerade genug preisgegeben, um die damalige Situation mit der jetzigen zu verbinden und um zu verstehen, was für die Distanz zwischen Harold und Bobby gesorgt hat. Es geht also mehr um die Auswirkungen, und den Grund warum sich ihre Beziehung so verändert hat.


    Die Geschichte spielt in der Zukunft, das ist deutlich erkennbar. Für meine starke Vermutung, dass die beiden nicht auf unserem sondern auf einem anderen Planeten eingesetzt waren, gibt es aber einige Hinweise. Der Mars wird erwähnt, dazu noch die Beschreibung von Rost in der Wüste (die rote Färbung geht ja auf Eisenoxid-Staub = Rost zurück) und vor allem die Erwähnung, dass sie erst in einem Monat zurückkönnen und erst in fast einem Jahr daheim sind. Eine sehr große Zeitspanne! Womöglich liege ich da aber auch falsch, von Militärdingen habe ich nicht die leiseste Ahnung.


    Ich muss zugeben, dass ich immer noch neugierig darauf bin, was genau damals passiert ist. Warum genau Harold so große Schuldgefühle hat, denn er hat Bobby ja im Stich gelassen und dieser musste wohl einiges durchleiden, hat ihn aber sicher nach Hause gebracht. Andererseits ist es für diesen Moment, den die Geschichte zeigt, gar nicht so wichtig. Denn der ungeplante Aufenthalt in der Wüste dient nach meinem Gefühl ja dazu, sich der Vergangenheit zu stellen, um sich wieder öffnen zu können. Die ähnliche Landschaft, die Farben die die Sonne bringt, all das führt zu Erinnerungen, die Harolds Schutzmauer einbrechen lassen. Die seine großen Schuldgefühle offenbaren - den Grund dafür, warum er Bobby meidet. Seine reale Umgebung wird unscharf, darum nimmt er Steve seine Rolle als Bobby ab und findet Vergebung. Der wirkliche Bobby muss ihm schon längst vergeben haben, immerhin sieht es ja so aus, als ob er gerne Kontakt zu ihm hätte. Es ist also eine Geschichte, die sehr hoffnungsvoll endet!


  • Ich bin mir nicht ganz sicher, welche 3 Jahre Susan genau meint. Robert und Harold kamen von 3 Jahren zurück, aber erst ist Harold wirklich wieder da, sprich bei seiner Familie? Damit wäre Onkel Bobby ja eher Steve gewesen. Oder sie bezieht sich noch auf die ursprüngliche Heimkehr, bei der tatsächlich Robert ihn zurückgebracht hat? Dann wäre er allerdings 3 Jahre weggewesen? Erscheint mir ziemlich lang...


    Die beiden sind ja schon mindestens 5 Jahre wieder da, weil Harold doch sagt, dass Bobby die letzten 5 Jahre damit beschäftigt war, durchs Land zu reisen und sich als Held feiern zu lassen. Sie waren also 3 Jahre weg - und da es fast ein Jahr dauert, bis sie wieder daheim wären, finde ich diesen Zeitraum jetzt auch nicht so lang.



    Hm. Ich hätte das jetzt nicht direkt auf den angebrochenen Tag zurückgeführt, sondern eher direkt auf die Unterstützung seiner Tochter und vor allem auch Steves. So kann ich mir gut vorstellen, dass er die Geschehnisse bisher nie richtig verarbeitet hat bzw. auch nur darüber gesprochen hat. Insofern konnte er sich jetzt erstmals mit "Robert" aussprechen und sich bei ihm entschuldigen(?). Und dass das dann letztendlich zu seiner... na ja Heilung will ich es jetzt nicht nennen, dafür sind solche Themen zu komplex.


    Für mich hatte das auch nichts mit der Helligkeit zu tun, sondern mit der Vergebung seiner Schuld. Also vor allem mit Steve, der in die Rolle von Bobby geschlüpft ist. Da Bobby ja freuen würde, wieder etwas von Harold zu hören, hat er ihm längst verziehen. Nur er selbst macht sich so große Vorwürfe, denen er sich aber erst in dieser Situation gestellt hat. Davor hat er sich selbst davor geschützt, indem er innere Mauern errichtet hat. Zumindest kam das so bei mir an.

  • Schöne Geschichte.
    Ich war nicht bei Kriegsveteran, sondern eher eingeschlossen in einem Raumschiff. Er hat doch irgendwie Raum- und Flugangst. Aber das mit dem Mars und der Wüste leuchtet auch ein. Ich wurde wohl nicht so auf eine falsche Fährte geführt, weil er ja nicht weg wollte. Also konnte das nicht die Heimkehr sein. Dann wirkte alles so normal. Ein quengeliger alter Mann, der seine Gewohnheiten nicht verlassen will. Eine Familie, die wohl ihre Differenzen hat. Gefreut habe ich mich über die sehr einfühlsame Tochter. Spätestens als der Vater die Rückenlehne umklammerte war mir klar, dass er ein Trauma hat. Wobei wohl noch mehr dahinter steckt. Da er meint jemanden im Stich gelassen zu haben. Vermutlich hat er durchgedreht, einen Raumkoller bekommen oder so und hat damit den anderen eine zusätzliche Last aufgebürdet. Deshalb will er wohl auch von Heldentum nichts hören.
    Bei all den negativen Familienbeschreibungen, die so in Büchern vorkommen war es einfach sehr schön zu lesen, wie die Tochter und der Schwiegersohn reagieren, wie Steven, obwohl er von dem Schwiegervater nicht nett behandelt wurde, ihm doch sofort hilft und in die Rolle schlüpft, die jetzt gebraucht wird um Vergebung und Trost zu spenden.
    Am allerbesten hat mir aber gefallen, dass der Vater nachdem er dieses Trauma noch einmal durchlebt hat, auf dem Weg der Heilung zu sein scheint. solange hatte er sich wohl abkapseln können. Und dass und wie er seinen Kindern dankt war wirklich Größe.


    Ein wunderbarer Einstieg in den Band.

  • Vorweg muss ich sagen, dass ich eher selten Kurzgeschichten lese, einfach weil ich dann meistens mehrere Geschichten hintereinander lese und am Ende keiner Geschichte die Aufmerksamkeit gewidmet habe, die sie verdient. Hier möchte ich mir etwas mehr Zeit nehmen, um auch wirklich zu jeder Geschichte was sagen zu können.


    Der Einstieg mit "Die Heimkehr" hat mir schon mal gut gefallen. Ich mag Geschichten, in denen der Leser sich selbst ein paar Dinge zusammenreimen muss und nicht alles ausgesprochen wird. Am Anfang denkt man ja, Harold hat ein ganz normales Leben, wird von seiner Tochter und ihrem Ehemann abgeholt, um zur Hochzeit der anderen Tochter zu fahren. Nach und nach merkt man dann, dass Harold ein paar Probleme hat, Flugangst, die Panikattacke in der Wüste usw.


    Ich fand auch die dezenten Hinweise, dass man sich in einer nicht ganz so nahen Zukunft befindet (das Solar-Auto, das Verbot von Dosen) sehr geschickt eingebaut, denn die meiste Zeit hätte die Geschichte auch im Hier und Jetzt spielen können.


    Ich habe die anderen Beiträge bisher nur überflogen und wollte erstmal meine eigene Meinung loswerden, aber habe hier schon ein paar Mal vom "Flug zum Mars" gelesen. Das war auch meine Interpretation der Geschichte, Harolds Blick in den Himmel, die lange Zeitspanne des Heimkommens und die Erwähnung der Farbe Rot haben mich zu den Gedanken gebracht.


  • Und als die Sonne aufgeht, kommt es zum Höhepunkt seines Flashbacks, er erkennt Susan und Steve gar nicht mehr, hält Steve für seinen Freund (und Bruder?) Robert, der mit ihm gemeinsam im Krieg war... was haben die beiden wohl zusammen durchgestanden? Und was ist später geschehen, dass sie sich anscheinend zerstritten haben und keinen Kontakt mehr haben?


    Was genau die beiden durchgestanden haben, wird ja offen gelassen, aber Harold hat das Gefühl, Bobby im Stich gelassen zu haben. Vielleicht sind seine Schuldgefühle ein Grund, warum er keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder hat, andererseits kann es natürlich auch sein, dass sein Bruder keinen Kontakt mehr will, eben weil Harold ihn im Stich gelassen hat. Eine weitere Möglichkeit, dass Harold sich von seiner Familie entfernt hat, sehe ich aber auch darin, dass er Probleme hat und dadurch seine Familie nicht mehr an sich ranlässt.



    Oder dass Jennifer seine Frau sind und nicht noch eine weitere Tochter. Wobei ich mir das eigentlich hätte denken können... Ich gebe mal davon aus, dass sie tatsächlich noch verheiratet sind und nur getrennt leben, nachdem Susan sie ja auch als "deine Frau" bezeichnet.


    Ich bin auch davon ausgegangen, dass Jennifer eine weitere Tochter ist, nicht die Frau von Harold. Ich dachte schon, ich hätte unaufmerksam gelesen, gut dass es dir auch so ging :)



    Bei all den negativen Familienbeschreibungen, die so in Büchern vorkommen war es einfach sehr schön zu lesen, wie die Tochter und der Schwiegersohn reagieren, wie Steven, obwohl er von dem Schwiegervater nicht nett behandelt wurde, ihm doch sofort hilft und in die Rolle schlüpft, die jetzt gebraucht wird um Vergebung und Trost zu spenden.


    Das fand ich auch schön und ich habe mich gefreut, dass Susan und Steve für den (Schwieger-)Vater da sind!

  • So, ihr Lieben, nun bin ich auch endlich an Bord - das wurde auch Zeit, das Büchlein lachte mich die ganze Zeit schon an.


    Bei Harold dachte ich zuerst, was ist das denn für ein Dauernörgler. Mir haben Susan und Steve schon leid getan, dass sie dieses Genörgel die ganze Fahrt bis Vegas mitmachen müssen. Aber dann wird klar, das sein Nörgeln aus seiner Nervosität, Angst, wenn nicht sogar Panik resultiert. Ich vermute, er war zusammen mit Robert in einem Kriegseinsatz, bei dem es kritisch wurde, er womöglich die Nerven verloren hat und hier der Grund für seine Panik liegt. Ein Einsatz in einem Hubschrauber vielleicht? Aber warum hat er Angst vor dem Heimweg, was gleichzeitig ein Wegkommen von der "Falle" ist, in die Robert und Harold sich wieder begeben sollen? Ist er geflüchtet und hat Robert zurückgelassen und fühlt sich deswegen schuldig?


    Robert scheint aber überlebt zu haben, da Susan mit ihm gesprochen hat und er im Fernsehen zu sehen war. Er scheint aber Harold nicht böse zu sein. Andererseits könnte Robert aber auch nicht überlebt haben und Harold kann oder will das nicht akzeptieren. Das könnte auch ein Grund sein, dass Susan und Steve so tun, als ob Robert noch leben würde und dass Steve am Ende die Rolle von Robert übernimmt. Bei Steve habe ich mich gewundert, dass er mit seinem Schwiegervater per Sie ist. Falls Robert tot ist, dann gäbe es für Harold keine Möglichkeit mehr, dass sein Bruder ihm vergeben könnte.


    Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Fahrt und das Stehenbleiben in der Wüste nicht sogar geplant waren, als eine Art Konfrontationstherapie. Ich denke, der Vorfall damals ist in einer Wüste geschehen. Auch dass Susan die Sprache auf Onkel Bobby bringt, könnte Absicht gewesen sein. Das würde auch erklären, warum Steve die Rolle von Bobby annimmt. Ob er der echte Bobby ist oder nicht, ist in dem Moment zweitrangig, für Harold verschwimmt die Vergangenheit mit der Gegenwart. Und die Rechnung geht ja auch auf: Susan und Steve schaffen es, Harold aus seiner Isolation herauszuholen, die er für sich gewählt hat. Er hat sich die letzten Jahre von allem zurückgezogen, aber dennoch muss er immer noch im Interesse von Journalisten gestanden haben, wenn er sie mit der Schrotflinte vertrieben hat.


    Ich fand das übrigens stilistisch sehr gut gemacht, als die Drei in der Wüste stehenbleiben. Normalerweise würde mir so eine Situation überhaupt nichts ausmachen, aber das war so gut beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, mich misstrauisch im Dunkeln umsehen zu müssen, ob da irgendwas ist. Die aufsteigende Angst von Harold hat sich beim Lesen auf mich abgefärbt. Sehr gut gemacht.


  • Aber wo ich so darüber nachdenke, stellt auch die Geschichte eine Heimkehr statt - im Sinn von Rückkehr in die Familie. Zumindest lässt uns das Ende das ja hoffen ;-)


    Ja, so hatte ich das auch verstanden, dass es sich um eine Heimkehr im mehrfachen Sinne handelt.



    Oder dass Jennifer seine Frau sind und nicht noch eine weitere Tochter.


    So ging es mir auch, ich dachte zuerst ebenfalls, Jennifer sei eine weitere Tochter ;D



    Auch wenn nicht klar ist, wie weit - damit wäre der Mars immerhin nicht komplett undenkbar.


    Stimmt, die Erwähnung des Mars war etwas auffällig, ich muss gestehen, ich habe ihn allerdings wieder verdrängt.



    Ich bin mir nicht ganz sicher, welche 3 Jahre Susan genau meint. Robert und Harold kamen von 3 Jahren zurück, aber erst ist Harold wirklich wieder da, sprich bei seiner Familie? Damit wäre Onkel Bobby ja eher Steve gewesen. Oder sie bezieht sich noch auf die ursprüngliche Heimkehr, bei der tatsächlich Robert ihn zurückgebracht hat? Dann wäre er allerdings 3 Jahre weggewesen? Erscheint mir ziemlich lang...


    Über die 3 Jahre bin ich auch gestolpert. Zumal Harold an einer Stelle erwähnt, dass sie seit 5 Jahren keine richtige Familie mehr wären. Entweder sind Harold und Bobby vor 5 Jahren in den Einsatz gegangen und waren 3 Jahre fort. Oder aber der Einsatz dauerte 2 Jahre und Harold hat sich die letzten 3 Jahre in seine selbstgewählte Isolation zurückgezogen. Mir gefällt das ja, wenn solche Punkte etwas offen bleiben, weil sie mich dann dazu zwingen (im positiven Sinne), darüber nachzudenken.


  • Edit: noch mal etwas ausführlicher.
    Mars - der rote Planet. Daher die negative Assoziation mit der rotlichen Wüste (besonders im Morgenlicht). Er schaut zum Mars und hat Panikattacken die für mich nicht einfach eine Kriegserinnerung sind sondern für eine Raumfahrt sprechen. Eine Raumfahrt in der nahe. Zukunft -- Elektroautos, keine Dosen mehr...


    Stimmt, mit diesen Überlegungen könntest du recht haben. Die Ähnlichkeit zwischen Mars und der Mojave-Wüste könnte dafür sprechen. Oder aber die Farbe des Mars wirkt bei ihm wie ein Trigger, der die Panik in der Wüste bei ihm auslöst. Aber sowas funktioniert doch eigentlich nur, wenn man etwas genauer kennt, sprich, wenn er den Mars genauer kennt - also doch ein Besuch auf dem Mars?


  • Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Fahrt und das Stehenbleiben in der Wüste nicht sogar geplant waren, als eine Art Konfrontationstherapie.


    Oh, das wäre ja einerseits gemein, andererseits kann es natürlich sein, dass es Harold wirklich weiterhilft, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass es geplant war, aber Harold hat schon am Anfang darauf hingewiesen, dass die Akkus aufgeladen werden müssen, es wäre also von Susan und Steve nicht gerade klug, den Hinweis zu ignorieren und einfach in die Wüste zu fahren, wenn nicht vielleicht doch ein bisschen Absicht dahinter stecken würde.


  • Die Geschichte spielt in der Zukunft, das ist deutlich erkennbar. Für meine starke Vermutung, dass die beiden nicht auf unserem sondern auf einem anderen Planeten eingesetzt waren, gibt es aber einige Hinweise. Der Mars wird erwähnt, dazu noch die Beschreibung von Rost in der Wüste (die rote Färbung geht ja auf Eisenoxid-Staub = Rost zurück) und vor allem die Erwähnung, dass sie erst in einem Monat zurückkönnen und erst in fast einem Jahr daheim sind. Eine sehr große Zeitspanne! Womöglich liege ich da aber auch falsch, von Militärdingen habe ich nicht die leiseste Ahnung.


    Ich war beim Lesen so auf Beziehung Harold-Robert fixiert und was nun womöglich in der Wüste geschieht, dass ich diese ganzen Hinweise zwar gelesen, aber nicht eingeordnet habe. Dabei sind sie wirklich mehr als deutlich. Das ist das Tolle an Leserunden, dass man das Gelesene viel intensiver wahrnimmt.



    Die beiden sind ja schon mindestens 5 Jahre wieder da, weil Harold doch sagt, dass Bobby die letzten 5 Jahre damit beschäftigt war, durchs Land zu reisen und sich als Held feiern zu lassen. Sie waren also 3 Jahre weg - und da es fast ein Jahr dauert, bis sie wieder daheim wären, finde ich diesen Zeitraum jetzt auch nicht so lang.


    Stimmt, die 5 Jahre, die Bobby als Kriegsheld durch die Lande zieht, habe ich eben ganz unterschlagen. Wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob Bobby wirklich noch lebt: Susan kann ja vielleicht an Bobbys Grab mit ihm gesprochen haben, dass das eher metaphorisch gemeint war.


    Aber ich könnte natürlich auch mit meiner Theorie, dass die Autopanne nicht beabsichtigt war, völlilg danebenliegen und dann hätten Susan und Steve einfach die Gunst der Stunde genutzt, um Harold aus seiner Panik heraus zu helfen. Mich irritiert aber einfach, dass Steve einmal abgebogen ist, um angeblich auf eine neue Interstate zu kommen.



    Der Einstieg mit "Die Heimkehr" hat mir schon mal gut gefallen. Ich mag Geschichten, in denen der Leser sich selbst ein paar Dinge zusammenreimen muss und nicht alles ausgesprochen wird.


    Da bin ich ganz deiner Meinung.



    Ich fand auch die dezenten Hinweise, dass man sich in einer nicht ganz so nahen Zukunft befindet (das Solar-Auto, das Verbot von Dosen) sehr geschickt eingebaut, denn die meiste Zeit hätte die Geschichte auch im Hier und Jetzt spielen können.


    Das fand ich ebenfalls sehr gut gelöst und löste bei mir direkt einen Aha-Effekt aus, weil ich mir dachte, das könnte noch wichtig sein. Dennoch ist mir der Mars entfleucht :-[


  • Oh, das wäre ja einerseits gemein, andererseits kann es natürlich sein, dass es Harold wirklich weiterhilft, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass es geplant war, aber Harold hat schon am Anfang darauf hingewiesen, dass die Akkus aufgeladen werden müssen, es wäre also von Susan und Steve nicht gerade klug, den Hinweis zu ignorieren und einfach in die Wüste zu fahren, wenn nicht vielleicht doch ein bisschen Absicht dahinter stecken würde.


    Das hatte ich mir im Nachhinein auch überlegt. Zumal Harold ja explizit nachfragt, warum sie da eigentlich abbiegen. Könnte also vielleicht durchaus Absicht gewesen sein...

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