Ruthie

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  • Manchmal kann scheinbar Krankheit sehr barmherzig sein. Mann, diese Geschichte wimmelt ja von Problemen philosophischer Natur.


    Da lassen sich Menschen einfrieren, um irgendwann auf einem anderen Planeten aufzuwachen und es ist einfach kein Geld mehr da, die Rakete fertig zu bauen, alles bleibt unfertig stecken, so wie Mr. Walker (ja, auch ein gut gewählter Name) stecken geblieben ist. Zunächst blieb er stecken in den Vorbereitungen zum Flug, weil immer noch etwas anderes wichtiger war, noch etwas fehlte, noch etwas zu tun war und dabei verschwand das eigentliche Ziel.
    Die Gesellschaft. Eigentlich sind wir ja nicht mehr weit von einer solchen Art entfernt, mit Menschen umzugehen. Gesundheit und Profit passt eben zu gut zusammen, als dass man die beiden trennen könnte. Verschwindet das Eine, verschwindet auch das Andere.
    Der Android - möchte ein menschliches Leben und verzichtet auf das, was die Eingefrorenen wollen. Wie sehr hält er den Spiegel vor.
    Die Müllkippe und das Schiff. Was können Menschen Wunderbares schaffen und was schaffen sie wirklich ausgebremst durch eine Gesellschaft, in der nur Profit zählt. Schnee, das Symbol der Unschuld, weich, zart und....giftig.
    Eine Geschichte der Widersprüche, eine Anklage, die durch Vergessen gemildert wird. Eine Liebe, die durch Gesundheit erhalten werden solle und die durch Krankheit erhalten bleibt. Seine Welt ist auf alle Fälle mehr in Ordnung als die Realität.
    Eine tolle Geschichte.

  • Ich hatte mir schon relativ früh gedacht, dass mit Howard etwas nicht stimmt - er wirkte sehr ruhig und gleichzeitig orientierungslos. Und als er sich beim zweiten Mal an nichts mehr erinnern konnte, war das Grundproblem klar. Wobei ich eher vielleicht noch von einem konkreten Trauma ausgegangen wäre. Dass er und Ruthie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zusammen sind/sein können, war klar. Insofern ist es noch positiv, dass sie gar nicht tot, sondern nur eingefroren ist und evtl. noch Chancen auf ein neues Leben hat. Zumindest ein bisschen? Ich fände es ziemlich heftig, wenn die Menschen, selbst wenn das Geld ausgeht, einfach eingefroren irgendwo gelagert würden. Andererseits: Man stelle sich vor, sie wird in einigen Jahren noch auf der Erde wieder aufgetaut. Howard ist dann viellleicht schon nicht mehr am Leben, ihr bisheriges Leben ist fort, die Welt, die sie kannte hat sich vielleicht verändert und sie muss jetzt damit klar kommen?
    Das ist auch wieder keine sehr schöne Vorstellung...


    Etwas verwundert bin ich, dass Howard seine Frau schon mal einfrieren lässt, selbst aber noch wach bleibt, um alles Mögliche zu regeln. Und das muss ja noch eine ganze Weile gedauert haben. Selbst, wenn nicht seine Krankheit dazwischen gekommen wäre. Wenn ich mit meinem Partner so eine Zukunft plane, würde ich dann das Risiko eingehen, von ihm getrennt zu werden? Oder würde ich nicht eher sicherstellen, dass wir gemeinsam einschlafen, um dann auf der anderen Seite wieder aufzuwachen? Aber anscheinend war das finanziell einfach nicht anders möglich?


    Interessant übrigens auch, dass das Schiff Tutanchamun heißt. In der Regel (oder ist das nur meine Vorstellung) habe Raumschiffe eher griechische oder römische Namen. Schön, dass hier mal davon abgewichen wird. Zumal Memphis ja dann auch dazu passt.


    Noch ein Punkt zu Howards Krankheit: Wenn er sich nur an neue Dinge nicht erinnern kann, Vergangenes aber durchaus noch weiß - dann müsste seine Krankheit ja insofern immer schlimmer werden, als er auch immer mehr Verganges vergisst, oder? Denn er kann erst krank geworden sein, als Ruthie schon eingefroren war. Das erzählt ja zumindest die Frau des Pflegeheims. Also müsste er ja eigentlich wissen, dass Ruthie eingefroren ist. Seine "Gegenwart" liegt aber eine ganze Reihe Jahre zurück, als sie noch nicht mal geplant hatten, den Planeten zu verlassen. Er hat also einige Jahre an Erinnerungen verloren, würde ich sagen.


    Musste eigentlich noch jemand bei "so schnell wie möglich laufen, um auf der Stelle zu bleiben" an Alice im Wunderland denken? ;D



    Seine Welt ist auf alle Fälle mehr in Ordnung als die Realität.


    Das stimmt. Nicht umsonst sagt ja der Obdachlose, dass Howard seiner Ansicht nach ein Glückspilz ist.
    Richtig klasse finde ich, dass wir am Ende in Howards Kopf eintauchen dürfen. Einerseits als herrliches Gegenstück zum Anfang, indem sich der Kreis schließt und andererseits auch als irgendwie versöhnliches Ende der Geschichte.



    Die Gesellschaft. Eigentlich sind wir ja nicht mehr weit von einer solchen Art entfernt, mit Menschen umzugehen. Gesundheit und Profit passt eben zu gut zusammen, als dass man die beiden trennen könnte.


    Ursprünglich dachte ich bei der Aussage des Obdachlosen, dass sie Leute wie ihn im Krankenhaus nicht wollten, eher daran, dass sie eben keine Armen bzw. Obdachlosen wollen. Aber anscheinend geht es eher darum, dass er ein Androide ist. Und die scheinen ja durchaus mittlerweile nicht unüblich zu sein, wenn man von Margarets Reaktion und Aussagen ausgeht.
    Also kann man wohl davon ausgehen, dass auch in dieser Zukunft mehrere "Klassen" Menschen unterschieden werden, jetzt eben nach Mensch vs. Android?
    Wobei man sich, wenn man sich den Obdachlosen anschaut, fragen muss, wo eigentlich die Unterschiede liegen. Wenn selbst Androiden krank werden und sterben können? Und gerade wenn man sich seine Überlegungen und Gedanken so anhört - ist da tatsächlich noch ein Unterschied zu einem "normalen" Menschen?

    Even when reading is impossible, the presence of books acquired produces such an ecstasy that the buying of more books than one can read is nothing less than the soul reaching towards infinity... We cherish books even if unread, their mere presence exudes comfort, their ready access reassurance.

  • Wieder so eine schöne Geschichte, die nach dem Beenden zum Nachdenken anregt.


    Ist es nun ein Segen oder Fluch, dass sich Howard nie daran erinnern kann, dass seine Frau Ruthie eingefroren ist und auf den Flug nach Memphis wartet, ausgerechnet in dem Raumschiff, bei dessen Entwicklung Howard damals geholfen hat? Da er kein Geld mehr für seine eigene Passage hat, ist es vielleicht besser, dass er sich nicht mehr erinnnert. So wird er sich immer wieder auf die Suche nach Ruthie machen und sie nie wiederfinden. Genauso, wenn sie mal in Memphis ist, hat er ebenfalls keine Möglichkeit mehr, zu ihr zu gelangen. So oder so, ein Zusammenkommen ist nahezu ausgeschlossen, ob er sich nun erinnern würde oder nicht. Mit der Amnesie hat er wenigstens noch die Hoffnung, sie wiederzufinden, während er ansonsten vllt. über seine schlechte finanzielle Situation verzweifeln würde.


    Schon bei der ersten Begegnung von Howard mit dem Obdachlosen hatte ich den Verdacht, ob er an Alzheimer leidet, da er doch etwas orientierungslos war und sich hauptsächlich an Dinge aus der weiter zurückliegenden Vergangenheit erinnert. Aber so wie es aussieht, hat er durch seine Amnesie niemals irgendwelche Erinnerungen an Geschehnisse aus der nahen Vergangenheit. Dennoch bringt die Tutenchamun etwas in ihm zum Schwingen, ohne dass er jemals bemerkt, in welcher Verbindung er mit dem Schiff steht.


    Passend find ich, dass die letzte Passage, die aus Howards Sicht beschrieben wird, im Präsens verfasst ist, während davor die Vergangenheitsform verwendet wurde. Howard steckt aufgrund seiner Erkrankung quasi in einer vergangenen Gegenwart fest, daher passt das mit dem Präsens perfekt.


    Wir erfahren nicht, wie oft der Obdachlose bis zu seinem Tod Howard noch begegnet ist; der Obdachlose kann nichts mehr sagen und Howard kann sich nicht erinnern. Genauso wenig wissen wir, wieviel Zeit zwischen dem Tod des Obdachlosen und dem Besuch von Ms. Rosen vergangen ist, denn die Prognose für die verbleibende Lebenszeit war ja nicht sehr korrekt. Er könnte wenige Tage, einen Monat oder noch mehrere Wochen gelebt haben.


    Und man fragt sich auch, ob die Tutenchamun jemals starten wird.

  • Rhea:
    Deine Sicht auf die Geschichte gefällt mir sehr gut.



    Andererseits: Man stelle sich vor, sie wird in einigen Jahren noch auf der Erde wieder aufgetaut. Howard ist dann viellleicht schon nicht mehr am Leben, ihr bisheriges Leben ist fort, die Welt, die sie kannte hat sich vielleicht verändert und sie muss jetzt damit klar kommen?
    Das ist auch wieder keine sehr schöne Vorstellung...


    Ja, ich habe mich auch gefragt, was mit den eingefrorenen Menschen geschehen wird, wenn die Tutenchamun niemals starten wird. Und dieses Szenario, das du beschreibst, sehe ich auch mit gemischten Gefühlen.



    Noch ein Punkt zu Howards Krankheit: Wenn er sich nur an neue Dinge nicht erinnern kann, Vergangenes aber durchaus noch weiß - dann müsste seine Krankheit ja insofern immer schlimmer werden, als er auch immer mehr Verganges vergisst, oder? Denn er kann erst krank geworden sein, als Ruthie schon eingefroren war. Das erzählt ja zumindest die Frau des Pflegeheims. Also müsste er ja eigentlich wissen, dass Ruthie eingefroren ist. Seine "Gegenwart" liegt aber eine ganze Reihe Jahre zurück, als sie noch nicht mal geplant hatten, den Planeten zu verlassen. Er hat also einige Jahre an Erinnerungen verloren, würde ich sagen.


    Gute Frage, ob der Gedächtnisverlust immer weiter fortschreiten wird, das könnte aber schon sein. Und ich habe es auch so verstanden, dass die Krankheit erst voll ausbrach, als Ruthie schon eingefroren war.



    Musste eigentlich noch jemand bei "so schnell wie möglich laufen, um auf der Stelle zu bleiben" an Alice im Wunderland denken? ;D


    Hüstel, irgendwas klingelte bei mir im Hinterkopf, aber ich bin mal wieder nicht daraufgekommen :-[



    Das stimmt. Nicht umsonst sagt ja der Obdachlose, dass Howard seiner Ansicht nach ein Glückspilz ist.


    Ja, diese Aussage des Androiden fand ich auch bezeichnend.

  • Ich kann ja immer nach dem Vorlesen über den Text reden.
    Hier war es so dass ich die Krankheit von Howard gnädig für ihn fand weil er immerhin immer wieder die Hoffnung hatte seine Liebe wieder zu treffen.
    Mein Mann fand den Aspekt sehr viel trauriger.


    So ist es aber trotzdem schwer zu verstehen dass sich die beiden nicht gleichzeitig einfrieren lassen. Käme für mich nicht in Frage.


    Die Metapher des Schnees wie Rhea erzählt hat mir auch sehr gut gefallen. Schnee der fällt und alles leise macht, wo ich mir eigentlich so eine technisierte Zukunft eher laut vorstelle.


    Was für eine Art Leben wohl ein Android führt? Müsste er nicht irgendwo arbeiten? Hat er Gefühle? Wird er vermisst?


    Schön dass die Geschichte den Titel der zum Schweigen verdammten Ruthie trägt. Hätte mir mit dem Plot auch gut einen ganzen Roman vorstellen können.
    Hat uns jedenfalls sehr gut gefallen!!

    Greetz,<br />Weratundrina<br /><br />...alll I ever wanted, all I ever needed - is here in my arms... DM

  • "Ruthie" hat mir von den bisher gelesenen Geschichten am besten gefallen.


    Die Geschichte spielt in einer dystopischen Welt, viele Gebäude sind verschwunden, alles ist heruntergekommen, aber für Geld kann man alles bekommen, sogar die Reise zu einem neuen Planeten, oder mal eben eine neue Niere.


    Die beiden Protagonisten sind einerseits so unterschiedlich und doch so gleich. Howard hat eine Krankheit, die der ganze technologische Fortschritt nicht heilen kann und der Obdachlose könnte durch die fortschrittliche Medizin ganz einfach geheilt werden, ihm fehlt allerdings das Geld dazu. Für Howard selbst ist die Situation sicher leichter, da er sich einfach nicht erinnern kann, was alles passiert ist. Für ihn ist die Situation einfach noch so, wie sie vor 20 Jahren war. Einerseits findet er sich nicht mehr in der neuen Welt zurecht, andererseits lebt er in seinem Kopf immer noch in einer heilen Welt mit seiner Ruthie.


    Besonders gefallen haben mir die letzten Seiten der Geschichte, die aus Howards Sicht erzählt wird. So wird nochmal richtig deutlich, wie es ihm geht und wie sehr er von der neuen Welt überfordert ist.


    Als Howard zu Beginn der Geschichte etwas verwirrt mit dem Obdachlosen gesprochen hat, habe ich zuerst vermutet, dass er einer von den "Eingefrorenen" ist, der - möglicherweise durch einen technischen Defekt - zufällig zu früh wieder aufgewacht ist. Die Wahrheit fand ich dann auch sehr stimmig. Er hat seine geliebte Frau für den Transport auf einen neuen Planeten einfrieren lassen, konnte durch seine Krankheit dann aber nicht mehr seinen eigenen Plan durchführen, an der Seite von Ruthie die Reise anzutreten.


    Übrigens wirklich eine blöde Situation für die "Eingefrorenen", sie liegen jetzt rum und das Raumschiff, das sie in ein neues Leben bringen soll, wird einfach nicht weitergebaut.


  • Der Android - möchte ein menschliches Leben und verzichtet auf das, was die Eingefrorenen wollen. Wie sehr hält er den Spiegel vor.


    Ich fand das eine tolle Wendung, dass der Obdachlose nicht menschlich ist! Das passt sehr gut zu der Geschichte.



    Schnee, das Symbol der Unschuld, weich, zart und....giftig.


    Oh ja, das ist mir auch aufgefallen. Einerseits ist der Schnee etwas, über das man sich freut, weil er die Welt mit einer schönen weißen Decke zudeckt, andererseits ist er in dieser Zukunft auch bedrohlich



    Ich fände es ziemlich heftig, wenn die Menschen, selbst wenn das Geld ausgeht, einfach eingefroren irgendwo gelagert würden. Andererseits: Man stelle sich vor, sie wird in einigen Jahren noch auf der Erde wieder aufgetaut. Howard ist dann viellleicht schon nicht mehr am Leben, ihr bisheriges Leben ist fort, die Welt, die sie kannte hat sich vielleicht verändert und sie muss jetzt damit klar kommen?
    Das ist auch wieder keine sehr schöne Vorstellung...


    Beide Szenarien sind für die Eingefrorenen sicher nicht gerade wünschenswert. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass die Personen gar nicht wieder aufwachen, sondern irgendwann einfach sterben, da die Technologie, die sie in eingefrorener Form am Leben hält, durch das fehlende Geld und fehlendes Personal einfach versagt.



    Passend find ich, dass die letzte Passage, die aus Howards Sicht beschrieben wird, im Präsens verfasst ist, während davor die Vergangenheitsform verwendet wurde. Howard steckt aufgrund seiner Erkrankung quasi in einer vergangenen Gegenwart fest, daher passt das mit dem Präsens perfekt.


    Das ist mir auch aufgefallen und ich fand es auch sehr passend. Sonst stolpere ich ja oft darüber, wenn auf einmal im Präsens geschrieben wird, hier war es aber sehr stimmig in der Situation.


  • Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass die Personen gar nicht wieder aufwachen, sondern irgendwann einfach sterben, da die Technologie, die sie in eingefrorener Form am Leben hält, durch das fehlende Geld und fehlendes Personal einfach versagt.


    Wobei ich das dann schon ziemlich heftig fände. Ich meine, die Menschen einfach sterben zu lassen? Das klingt für mich schon stark nach unterlassener Hilfeleistung...

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  • Die beiden Protagonisten sind einerseits so unterschiedlich und doch so gleich. Howard hat eine Krankheit, die der ganze technologische Fortschritt nicht heilen kann und der Obdachlose könnte durch die fortschrittliche Medizin ganz einfach geheilt werden, ihm fehlt allerdings das Geld dazu. Für Howard selbst ist die Situation sicher leichter, da er sich einfach nicht erinnern kann, was alles passiert ist. Für ihn ist die Situation einfach noch so, wie sie vor 20 Jahren war. Einerseits findet er sich nicht mehr in der neuen Welt zurecht, andererseits lebt er in seinem Kopf immer noch in einer heilen Welt mit seiner Ruthie.


    Stimmt, die Probleme der beiden ähneln sch in einiger Hinsicht.



    Wobei ich das dann schon ziemlich heftig fände. Ich meine, die Menschen einfach sterben zu lassen? Das klingt für mich schon stark nach unterlassener Hilfeleistung...


    Ich würde das auch ziemlich heftig finden, könnte mir aber leider auch vorstellen, dass das passieren könnte.


    Ich merke gerade, in den Kurzgeschichten steckt so vieles drin, eigentlich sollte man sie nach dem ersten Lesen und hier Schreiben nochmal lesen, ich bin sicher, da würde mir nochmal einiges auffallen, was ich beim ersten Durchlesen nicht ganz so beachtet habe.


  • Wobei ich das dann schon ziemlich heftig fände. Ich meine, die Menschen einfach sterben zu lassen? Das klingt für mich schon stark nach unterlassener Hilfeleistung...


    Ja, es wäre natürlich heftig, aber stellt euch doch mal vor, es ist ja jetzt schon kein Geld mehr da, um das Raumschiff weiterzubauen, es vergeht immer mehr Zeit, irgendwann weiß gar keiner mehr, was damit überhaupt gemacht werden sollte und dass da noch Menschen eingefroren sind. Niemand würde sie aktiv sterben lassen, es wäre nur irgendwann niemand mehr da, der sich aktiv darum kümmert, dass sie weiterleben.

  • Ich schreib jetzt mal was :)



    Die Gesellschaft. Eigentlich sind wir ja nicht mehr weit von einer solchen Art entfernt, mit Menschen umzugehen.


    Deshalb hatte ich diese Geschichte auch dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse dabei, weil sie am ehesten von allen Geschichten in der Sammlung einen "gesellschaftspolitischen Bezug" besitzt.



    Etwas verwundert bin ich, dass Howard seine Frau schon mal einfrieren lässt, selbst aber noch wach bleibt, um alles Mögliche zu regeln. Und das muss ja noch eine ganze Weile gedauert haben.


    Ruthie wurde "überaschend krank" (S.87), sie einfrieren zu lassen war also weniger ein Zukunftsplan als ein Notbehelf.



    Interessant übrigens auch, dass das Schiff Tutanchamun heißt. In der Regel (oder ist das nur meine Vorstellung) habe Raumschiffe eher griechische oder römische Namen. Schön, dass hier mal davon abgewichen wird. Zumal Memphis ja dann auch dazu passt.


    Eigentlich gibt es da keine Regeln, aber Du hast schon recht damit, dass das Absicht war: Wie viele von euch bemerkt haben, ist die Welt von "Ruthie" ja ziemlich kaputt, und die Geschichte entstand ursprünglich unter dem Motto "Der Tod" für die Sammlung "Das Tarot" von Fabienne Siegmund (ich fand die mir zugeloste Tarotkarte kommentarlos an einem Freitag, 13. in meinem Briefkasten ...) Langer Rede, ich wollte keine Geschichte über Tod, sondern über Wiedergeburt oder Neuanfang schreiben. Teilweise schlägt sich das nur in kleinen Gags nieder (Phoenix, Recyclingsysteme ...), aber der "ägyptische" Unterton war mir wichtig, weil wenige Kulturen so auf das Nachleben ausgerichtet waren wie die Ägypter. Daher ein Pharaonenname für das Schiff, und auf Memphis kam ich glaub ich, weil ich auf Wikipedia las, dass Tutanchamun da seinen Hof hatte. Und die Ortsangabe "Tau Ceti, nicht Tennessee" ist vielleicht meine Lieblingszeile Dialog in der Geschichte ;)



    Noch ein Punkt zu Howards Krankheit: Wenn er sich nur an neue Dinge nicht erinnern kann, Vergangenes aber durchaus noch weiß - dann müsste seine Krankheit ja insofern immer schlimmer werden, als er auch immer mehr Verganges vergisst, oder?


    Mag sein. Ich gestehe, ich kannte den medizinischen Sachverhalt vor allem aus Christopher Nolans "Memento" und habe dann ein wenig recherchiert, aber ich habe keine Ahnung, wie realistisch der von mir geschilderte Krankheitsverlauf ist.



    Musste eigentlich noch jemand bei "so schnell wie möglich laufen, um auf der Stelle zu bleiben" an Alice im Wunderland denken? ;D


    Das ist auch tatsächlich als die "Red-Queen-Hypothese" bekannt :) Eigentlich aus der Evolutionslehre, um den ständigen Anpassungsdruck zu beschreiben, unter dem Organismen stehen. Fand ich passend für eine aus dem Ruder gelaufene Welt, in der jeder gerade noch so irgendwie zurechtkommt.



    Passend find ich, dass die letzte Passage, die aus Howards Sicht beschrieben wird, im Präsens verfasst ist, während davor die Vergangenheitsform verwendet wurde. Howard steckt aufgrund seiner Erkrankung quasi in einer vergangenen Gegenwart fest, daher passt das mit dem Präsens perfekt.


    Danke! :) Ich schreibe sehr gerne im Präsens, und tatsächlich hatte ich selten eine bessere "Rechtfertigung" dafür als hier.



    Die Metapher des Schnees wie Rhea erzählt hat mir auch sehr gut gefallen. Schnee der fällt und alles leise macht, wo ich mir eigentlich so eine technisierte Zukunft eher laut vorstelle.


    Der Schnee fällt auch ein wenig unter die gesamte Wiedergeburtsmetaphorik (s.o.). Die ganze Welt liegt im Dornröschenschlaf und wartet, doch wacht niemals auf.



    Als Howard zu Beginn der Geschichte etwas verwirrt mit dem Obdachlosen gesprochen hat, habe ich zuerst vermutet, dass er einer von den "Eingefrorenen" ist, der - möglicherweise durch einen technischen Defekt - zufällig zu früh wieder aufgewacht ist.


    Das wäre auch eine sehr coole Idee für eine Geschichte!


    Insgesamt freut es mich sehr, dass die Geschichte bislang so gut ankam. Manchmal denke ich, sie ist vielleicht ein wenig konstruiert (und bedient sich auch ein kleines bisschen bei "Blade Runner" ... hat den jemand gesehen?), aber ich wenn ich ehrlich bin, halte ich sie auch für eine meiner gelungeneren.

  • Ruthie wurde "überaschend krank" (S.87), sie einfrieren zu lassen war also weniger ein Zukunftsplan als ein Notbehelf.


    Ah, okay. Das hatte ich anscheinend überlesen. Dann macht das natürlich Sinn ;-)



    Das ist auch tatsächlich als die "Red-Queen-Hypothese" bekannt :) Eigentlich aus der Evolutionslehre, um den ständigen Anpassungsdruck zu beschreiben, unter dem Organismen stehen. Fand ich passend für eine aus dem Ruder gelaufene Welt, in der jeder gerade noch so irgendwie zurechtkommt.


    Wie cool! Das wusste ich gar nicht ;D

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  • Ruthie wurde "überaschend krank" (S.87), sie einfrieren zu lassen war also weniger ein Zukunftsplan als ein Notbehelf.


    Das hatte ich auch überlesen. Eigentlich bezeichnend, wie unaufmerksam man manchmal liest, gerade bei Kurzgeschichten, in denen so viele wichtige Details in wenigen Worten stecken...

  • Der Catch 22 ist, dass auf dieselbe Art ein kleiner Fehler meinerseits schon ausreichen kann, Leser völlig auf die falsche Fährte zu führen. Auch deshalb brauche ich relativ viel Zeit zum Schreiben: Wenn ich vom Leser einerseits erwarte, dass er sehr aufmerksam liest, muss ich mir andererseits auch große Mühe geben, dass mir nichts durchrutscht ...

  • Die Geschichte aus der Tarot-Anthologie hat hat mich auch beim erneuten Lesen wieder sehr berührt. Ich mag die Gesellschaftskritik darin, denn so weit sind wir in manchen Dingen nicht von den beschriebenen entfernt - vor allem was den Umgang mit Menschen und "anderen" angeht. Eine Gesellschaft mit mehreren Klassen, in der Geld über sehr viel entscheidet. Überraschenderweise hat mir aber auch der SF-Anteil richtig gut gefallen, vielleicht ja weil so eine Zukunft gefühlt nicht allzu weit entfernt ist und weil die Probleme irgendwie "menschlich" bleiben. Außerdem finde ich die Thematik rund um das Einfrieren spannend.


    Der Android möchte ein menschliches Leben und wirkt durch seine Gedanken auch sehr menschlich auf mich. Offen und verständnisvoll, wo er verbittert und wütend hätte sein können. Er sorgt sich sogar um Howard, obwohl er selbst bald sterben wird, nur weil er nicht genug Geld hat. Für mich wird damit auch ein wenig thematisiert, dass diejenigen, denen es nicht so gut geht, sich oft viel mehr um andere kümmern/sorgen, als diejenigen denen es finanziell gut geht. Das ist vielleicht gar nicht beabsichtigt, aber ich musste beim Lesen einfach dran denken. Und ich habe mich auch gefragt, wie wohl der wohlhabende Howard von früher auf die Krankheit des Obdachlosen reagiert hätte.


    Die Geschichte von Howard und Ruthie ist tragisch, auch wenn Howard das durch seine Amnesie nicht realisieren kann. Er ist immer auf dem Weg zu Ruthie, in seinen Gedanken wartet sie immer auf ihn und ist gesund. Sie beide sind zusammen und die Welt ist voller Wunder. Dieser Zustand ist eine Gnade, aber wenn ich an Ruthie denke, werde ich traurig. Sie ist eingefroren und wartet darauf, transportiert zu werden, um auf einem neuen Planeten wieder zu erwachen. Sicher zusammen mit Howard, denn sie wurde ja überraschend krank und er wollte sich sicher später einfrieren lassen, sobald er alles erledigt hatte - doch dann kam alles anders. Nur weiß sie das ja nicht, im "besten" Fall wacht sie dort also auf und muss damit klarkommen, dass er ihr nicht folgen konnte. Oder hier, wenn die Tutanchamun nie fertig wird. Oder sie stirbt dabei einfach, vergessen wie vielleicht das ganze Schiff. Irgendwann.


    Das schönste Ende, das ich mir für die beiden vorstellen kann, ist eine Verbindung über ihre eigenen Realitäten bzw. Träume. Er ist in seiner Realität immer nah bei ihr, immer auf dem Weg zu ihr. Vergangenheit. Und sie träumt von ihm, von einem Wiedersehen, einer gemeinsamen Zeit in der Zukunft. Es ist vielleicht ein irgendwie "schwebender" Zustand, aber für mich passt das irgendwie zur Geschichte. Und auch zu der dort gezeichneten Welt, wo einiges "dazwischen" ist. Gebäude, die abgerissen aber nicht wieder aufgebaut wurden. Große Pläne, deren Umsetzung begonnen wurde aber die nicht vollendet werden können, weil für die auftretenden Probleme nicht genug Geld da ist.


    Das Ende bzw. den Tod des Androiden hat mich emotional aber am meisten erwischt, gerade weil ich mir kurz davor noch etwas Hoffnung gemacht hatte. Wegen dieser fremden ID-Karte in dem Mantel, der nicht der von Howard ist. Er zahlt ja auch damit - und wer weiß, wie es um die Finanzen des Eigentümers aussieht ... Natürlich war der Tod des Androiden abzusehen und man weiß ja auch nicht, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist. Nach dem ersten Schreck kamen bei mir dann auch ganze andere Gedanken ans Tageslicht: Welche der drei Schicksale wäre für mich das schlimmste? Und was würde ich tun, wenn ich schwer krank wäre und es die Möglichkeit geben würde, sich einfrieren zu lassen?


  • Überraschenderweise hat mir aber auch der SF-Anteil richtig gut gefallen, vielleicht ja weil so eine Zukunft gefühlt nicht allzu weit entfernt ist und weil die Probleme irgendwie "menschlich" bleiben.


    Klassischerweise ist gut gemachte SF sehr häufig ein sehr menschliches, manchmal sogar philisophisch-didaktisches Genre, in dem es um genau so Fragen wie "was macht den Menschen aus", "wie können wir sinnvoll miteinader leben" geht. In Star Trek z.B. gab es in jeder Serie eine Figur, die einzig dazu da war, solche Fragen aufzuwerfen (Spock, Data, Odo, Seven of Nine). Anders gesagt, es geht nicht nur um Raumschlachten, altkluge Wissenschaftler und Robotergesetze (zumindest nicht mehr seit den 60ern :))



    Das Ende bzw. den Tod des Androiden hat mich emotional aber am meisten erwischt, gerade weil ich mir kurz davor noch etwas Hoffnung gemacht hatte. Wegen dieser fremden ID-Karte in dem Mantel, der nicht der von Howard ist. Er zahlt ja auch damit - und wer weiß, wie es um die Finanzen des Eigentümers aussieht ...


    Diese Mäntel nimmt er aber immer einfach vom Haken, wenn er mal wieder ausreißt, d.h. die gehören wohl irgendeinem anderen Patienten oder Besucher im Pflegeheim, nicht dem Obdachlosen. Oder vielleicht hab ich dich falsch verstanden. Aber traurig ist es allemal, klar.


  • Klassischerweise ist gut gemachte SF sehr häufig ein sehr menschliches, manchmal sogar philisophisch-didaktisches Genre, in dem es um genau so Fragen wie "was macht den Menschen aus", "wie können wir sinnvoll miteinader leben" geht. In Star Trek z.B. gab es in jeder Serie eine Figur, die einzig dazu da war, solche Fragen aufzuwerfen (Spock, Data, Odo, Seven of Nine). Anders gesagt, es geht nicht nur um Raumschlachten, altkluge Wissenschaftler und Robotergesetze (zumindest nicht mehr seit den 60ern :))


    Du bekommst mich irgendwann doch noch weich. ;) Spock mochte ich sehr, eben auch wegen der philosophischen Seite und den Fragen, die damit aufgeworfen wurden. Data und Seven of Nine sagen mir immerhin noch etwas, allerdings habe ich die Serien nicht so intensiv verfolgt. Lustigerweise schaue ich manche SF-Serie ja doch mal versuchsweise, und manches davon hat mir auch richtig gut gefallen, aber lesen ... Da hab ich wohl immer noch Bammel vor zuviel Technik, aber ich bin schon neugieriger geworden ...


    Diese Mäntel nimmt er aber immer einfach vom Haken, wenn er mal wieder ausreißt, d.h. die gehören wohl irgendeinem anderen Patienten oder Besucher im Pflegeheim, nicht dem Obdachlosen. Oder vielleicht hab ich dich falsch verstanden. Aber traurig ist es allemal, klar.


    Ja, das hatte ich auch so verstanden. Nur weil Howard ja bei dem einen Treffen in seinem Mantel nach Geld gesucht hatte, das er dem Obdachlosen geben könnte, musste ich an so eine Lösung denken.