Allgemeine Fragen an Robert Corvus

Leserunden.de wurde am 31.12.2018 eingestellt. Registrierungen und Antworten sind nicht mehr möglich. Der Betrieb geht im Bücherforum von Literaturschock weiter.
Leserunden.de positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.
  • Ich habe schon mal die ersten Fragen an Bernard, die mir so in den Sinn kamen, als ich das Buch begonnen habe.


    Wie denkst du dir eigentlich die Namen von Personen/Ländern/Städten aus? Diese sind doch diesmal recht "ungewöhnlich", denkt man zum Beispiel an Chastro-Ignuto...
    Genießt du es danach zu grübeln, oder ist es eher die lästige Pflicht eines Autors? Du beginnst ja in jedem Buch von Neuem...

    Schweigen ist das Element, in dem sich große Dinge gestalten. (Thomas Carlyle)

  • Ich sage mal: Ich stehe mit Sicherheit nicht morgens auf und mache Jubelsprünge, wenn ich weiß: "Heute ist ein Namen-ausdenk-Tag".
    :D
    Das gehört eher zu den lästigen Pflichten. Andererseits ist es nützlich: Sobald ich eine Figur benannt habe, wird sie griffiger. Es geht nicht mehr "um den Typen, der vor der Tür Wache steht", sondern um "Kistur".
    Generell nehme ich gern echte Namen und verfremde sie ein wenig - so wird aus "Diana" "Deani". Das hat den Vorteil, dass sie für unser Sprachgefühl noch immer wie Namen klingen, aber durch die Verfremdung zugleich klar wird, dass wir uns in einer Fantasywelt befinden. Ich gestehe freimütig: Das habe ich mir bei Großmeister George R. R. Martin abgeschaut.
    Bei Rotes Gold habe ich den Zirkumflex benutzt, um Namen zu kennzeichnen, die aus dem Kulturkreis von Ygôda kommen. Dadurch hat man sofort eine Zuordnung, beispielsweise auch bei den Begriffen auf der Umgebungskarte.
    "Nirto" und "Ignuto" wiederum sind Namen, die direkt etwas mit ihren Trägern zu tun haben. Nirto ist ein leicht reizbarer Mann, der schnell hochgeht - dabei dachte ich an "Nitro", "Nirtoglyzerin". "Ignuto", der Name des Homunkulus mit Nähe zu einem Feuerdämon, leitet sich vom Englischen "to ignite" (anzünden) ab. So etwas mache ich aber selten.

  • Ich habe da mal eine etwas delikate Frage. :-[ Musst Du Dir als Autor nicht auch oft die Frage gefallen lassen, wie diese sexuellen Gewaltfantasien zustande kommen? Hat das schon mal jemand gefragt? :totlach:
    Eigentlich traue ich mich das gar nicht zu fragen, aber solche Stellen kommen ja doch relativ oft vor und das schon jetzt am Anfang. Ist sexuelle Gewalt für dich ein Mittel der Wahl um Macht zu demonstrieren? Immer wieder taucht das auf, dass Macht ausüben und Sexualität verbunden wird. Es könnte ja auch anderweitige Folter o.ä sein, Oh Gott wie peinlich, ich hab es echt gefragt :-[ :unschuldig:

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.


  • Musst Du Dir als Autor nicht auch oft die Frage gefallen lassen, wie diese sexuellen Gewaltfantasien zustande kommen? Hat das schon mal jemand gefragt?


    Nein, das hat mich noch nie jemand gefragt.
    :D



    Ist sexuelle Gewalt für dich ein Mittel der Wahl um Macht zu demonstrieren? Immer wieder taucht das auf, dass Macht ausüben und Sexualität verbunden wird.


    Sexualisierte Gewalt in der Form, wie wir sie in Rotes Gold antreffen (und in beinahe jeder anderen Form auch) ist zunächst einmal Gewalt. Der Sexualtrieb ist dabei vergleichsweise sekundär. In einer Geschichte kann diese Gewaltform eine Funktion erfüllen, weil sie eindeutig Gewalt um der Gewalt willen ist - mit dieser Form der Gewaltausübung ist keine Selbstverteidigung oder auch nur die Befriedigung eines halbwegs rationalen Bedürfnisses wie Bereicherung verbunden. Der Täter ist hinterher nicht reicher als vorher - er hat nur seine Überlegenheit gegenüber dem Opfer demonstriert.



    Es könnte ja auch anderweitige Folter o.ä sein


    Eine Vergewaltigung ist eines der wenigen Verbrechen, bei denen man darauf vertrauen darf, dass die Leserschaft den Täter eindeutig in die Ecke "Schurke" stellt - das gelingt noch nicht einmal bei einem Mord so eindeutig. Wenn man also jemanden als Bösewicht positionieren möchte, ist die Schilderung einer Vergewaltigung ein bewährtes Mittel.
    Eine Folter kommt tatsächlich knapp dahinter und erfüllt oft denselben Zweck, insbesondere dann, wenn der Folterer Vergnügen am Prozedere empfindet. Je nach Umständen kann aber auch sie ein rationales Ziel verfolgen, etwa das Herauspressen von Informationen (wobei man sich streiten kann, inwiefern das mit Folter gelingt). Oder es wird in einem mittelalterlich angehauchten Umfeld als valide Strafe akzeptiert - tatsächlich spotten manche mittelalterliche Strafen jeder Beschreibung ...
    Eine Vergewaltigung ist aber immer rein destruktiv und hilft deswegen bei einer eindeutigen Positionierung.

  • Das habe ich vermutet, dass es darum geht die Figur deutlich zu positionieren. Echt? Das gelingt nicht mal mit Mord? Ok verstehe das leuchtet mir ein und ich habe etwas Wichtiges dazu gelernt. Danke!

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.


  • Das habe ich vermutet, dass es darum geht die Figur deutlich zu positionieren. Echt? Das gelingt nicht mal mit Mord?


    Wenn es nur um normalen Mord geht, also ohne begleitende Grausamkeiten, einfach das bewusste Töten eines Menschen mit Mordmerkmal (wie etwa Heimtücke), hat das in der Spannungsliteratur kaum Auswirkungen auf die Sympathiewerte der Figur, es sei denn, das Opfer ist dem Leser sympathisch.
    James Bond ballert mehr oder minder nach Lust und Laune Leute der Gegenseite nieder, ohne einen Gedanken darauf zu verwenden, ob er ihr Leben schonen könnte.
    In der Fantasy ist "die Stadtwache" der typische "Aufwärmgegner" - ein namenloser Nachtwächter kommt dem Helden bei seinem nächtlichen Erkundungsgang in die Quere - da wird dem Protagonisten ein Genickbruch nicht nachgetragen.
    Bei Vampiren wird großzügig eine eigene moralische Kategorie gewährt, die das Töten eines Menschen legitimiert (wobei interessant ist, dass einem Menschen keinesfalls das Töten eines Delfins zugebilligt wird).
    Auch das Figurenkonzept des Meuchelmörders ist durchaus verbreitet, auch für Sympathieträger.
    Bei Fernsehserien gibt es Richtlinien für die Autoren. Zum einen ergeben sich diese aus der gewünschten Ausstrahlzeit - bei einem 20:15-Spielfilm darf nur in Ausnahmefällen gezeigt werden, wie ein Kind zu ernsthaftem Schaden kommt. Bei der Reihe "Tatort" steht angeblich in dieser Richtlinie auch: "Save the dog" - Menschen dürfen sterben, Haustiere nicht. Das nimmt die Zuschauer zu sehr mit und beeinträchtigt das Fernsehvergnügen.
    Wir leben in einer seltsamen Welt - und da schließe ich mich selbst ausdrücklich ein.
    :D

  • Das ist ja alles sehr interessant und aufschlussreich. Im Ernst? Es gibt für den Tatort die Anweisung keine HaustieRe dürfen zu Schaden kommen? :totlach: Ich kann nicht mehr

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.


  • "Nirto" und "Ignuto" wiederum sind Namen, die direkt etwas mit ihren Trägern zu tun haben. Nirto ist ein leicht reizbarer Mann, der schnell hochgeht - dabei dachte ich an "Nitro", "Nirtoglyzerin". "Ignuto", der Name des Homunkulus mit Nähe zu einem Feuerdämon, leitet sich vom Englischen "to ignite" (anzünden) ab. So etwas mache ich aber selten.


    und ich lese Chastro als Castro und frage mich, woher diese Ähnlichkeit kommt ;)


  • [Eine Vergewaltigung ist aber immer rein destruktiv und hilft deswegen bei einer eindeutigen Positionierung.


    Ich denke, ein Mord an Kindern ist ähnlich wirksam, oder? Also ich würde mich da auch eindeutig positionieren und, wie Du vielleicht gemerkt hast - auch an Tieren. Da hast Du Dir doch aber keine Schranke gesetzt, oder?
    Müssen es dann auch immer so genaue Beschreibungen sein? Woher weißt Du wie ausführlich Du sein musst, um die gewünschte Reaktion beim Leser zu erhalten?


    Immerhin läßt du hier ja schon eine Frau einen Mann vergewaltigen, das kenne ich bisher nur aus Robert Merles "Die Geschützten Männer". Allerdings klingt es bei Dir auch wesentlich brutaler.



    Kannst du uns verraten, wie hoch die Sterblichkeit der Hauptpersonen in dem Buch ist? :)


  • und ich lese Chastro als Castro und frage mich, woher diese Ähnlichkeit kommt


    Das fällt in die Kategorie "Verfremden echter Namen". ;)



    Ich denke, ein Mord an Kindern ist ähnlich wirksam, oder?


    Nur beinahe - er muss expliziter geschildert werden. Allgemein zu schildern, dass sich in einem Haus auch Kinder aufhalten, und es danach explodieren zu lassen, hat weniger Wirkung, als wenn eine Figur im Vorbeigehen hört, dass im Haus jemand vergewaltigt wird - obwohl die Darstellung ähnlich lapidar ausfällt. Wenn allerdings die Schilderung einen gewissen Fokus einräumt, sodass der Leser oder Zuschauer die sterbenden Kinder vor sich sieht, ist der Effekt nahezu gleich, schätze ich.



    Da hast Du Dir doch aber keine Schranke gesetzt, oder?


    Ich glaube, ich habe mir generell kaum Schranken gesetzt - am Ende dient jede Schilderung dazu, die Geschichte so gut wie möglich zu machen. Wenn ich den Eindruck habe, dass eine abstraktere (oder auch gar keine) Schilderung die Geschichte besser macht, dann wende ich dieses Stilmittel ab. Wenn ich glaube, die Geschichte gewinnt durch eine detailliertere Darstellung, dann mache ich das. Ein Stilmittel ist für mich Mittel zum Zweck (es sei denn, die Pferde gehen mit mir durch und mich packt die Extase bei Plusquamperfekt-Folgen ... dann muss meine Lektorin mich einfangen).



    Müssen es dann auch immer so genaue Beschreibungen sein? Woher weißt Du wie ausführlich Du sein musst, um die gewünschte Reaktion beim Leser zu erhalten?


    "Müssen" im Wortsinne trifft es nicht. Es gibt tausend Möglichkeiten, dieselbe Szene zu schildern. Jedenfalls, wenn es nur darum geht, die Handlungszusammenfassung (das Exposé) umzusetzen. In der Wirkung ist jede davon allerdings ein klein bisschen anders. Im ersten Leseabschnitt haben wir zum Beispiel eine Diskussion um das Verb "säugen" - das löst ein bisschen andere Bilder aus als "stillen". Noch viel mehr gilt das für das Schildern von Details auf mehreren Seiten versus einer gerafften Darstellung in einem oder zwei Sätzen.
    Unter Schreiblehrern kursiert der Leitspruch "Show, don't tell". Er ist zwar überstrapaziert, hat aber dennoch seine Berechtigung. Ich glaube, wenn man schreibt: "Chastro-Ignuto war ein böser Mann" und es dabei belässt, ist der Leser viel weniger deutlich zu ihm positioniert, als wenn man zeigt, was er an bösen Taten ausführt - an einem expliziten Beispiel.



    Kannst du uns verraten, wie hoch die Sterblichkeit der Hauptpersonen in dem Buch ist? :)


    Können - ja.
    Tun - nein.
    ;D

  • Hallo!


    Nun von mir eine Frage, auf den Prolog bezogen: Spielt da jemand Skyrim bzw. hat beim Schreiben daran gedacht? Diese Szene, in diesen Raum zu kommern, erinnert mich extrem an Sykrim, wenn man irgendwo rein muss und den Banditenanführer umlegen muss :totlach: Ich kam nicht darum herum, mir alles im Stil dieses Computerspiels vorzustellen.


  • Echt, das bringt dir keinen Spaß? ???:o


    Aber ich finde es interessant, wie unterschiedlich wir beim Namenerfinden vorgehen. Mir bringt das riesigen Spaß und ich beginne immer "bei Null", sprich beim Blick auf die Tastatur und denke: "Okay, welchen Anfangsbuchstaben hatten wir bei Namen denn noch nicht und mit welchen Buchstaben könnte es danach weitergehen?" Dann spielen natürlich die Silbenanzahl und der Klang und die Assoziationen noch eine Rolle.


    Ich muss gestehen, jetzt muss ich bei Chastro auch immer an Castro denken. ;D

    "Namensmagie ist die stärkste Macht der Welt." - bekannte Volksweisheit aus "Die Magie der Namen"

  • Danke für das Kompliment. :-[ Schreibe ich mir demnächst vielleicht auf meine Visitenkarten. ;)

    "Namensmagie ist die stärkste Macht der Welt." - bekannte Volksweisheit aus "Die Magie der Namen"

  • Oh na dann. Mir kam das einfach zu ähnlich vor. Vor allem, weil es im Internet momentan ja zu allem Fanfictions gibt. Bei dem Computerspiel Skyrim sogar einen eigenen Roman dazu.
    Das Spiel ist nordisch/von der Wikingerzeit angehaucht und ein Fantasy-Rollenspiel, erschien schon 2011 ist aber ein Dauerbrenner und bis heute noch beliebt. Eines der bekanntesten Spiele von Bethesda und maßgebend für die graphische Entwicklung von Videospielen.



    PS: Ich war immer zufrieden mit den Namen in Büchern von Robert Corvus. Also auch wenn es unangenehm für dich ist, Namen zu finden, gute hast du jedenfalls :)

  • Zitat

    Da hast Du Dir doch aber keine Schranke gesetzt, oder?


    Hier hätte ich mir eine Beschränkung durchaus gefallen. Ich brauche all diese Details nicht, um zu wissen, das der Homunkulus ein absoluter Bastard ist.
    Und er ist da ja nicht allein. Die Söldner, die mit ihm im Tempel sind schauen zu und machen mit.

    Literatur erweitert unser Dasein...Durch das Lesen großer Literatur werde ich zu tausend Menschen und bleibe doch ich selbst. CSL


  • Bei Vampiren wird großzügig eine eigene moralische Kategorie gewährt, die das Töten eines Menschen legitimiert (wobei interessant ist, dass einem Menschen keinesfalls das Töten eines Delfins zugebilligt wird).


    Ehrlich gesagt, habe ich bei der Szene in Sanguis B. auch geschluckt, genauso bei dem Menschenaffen ;D