01 - Seite 11 bis Seite 90 (Prolog bis einschl. Kapitel 5)

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  • Hallo liebe Tanja, liebe MitleserINNEN,


    hier treffen wir uns zum ersten Abschnitt der Leserunde zu dem Buch "Grimms Morde" und ich begrüße alle TeilnehmerINNEN und ganz besonders die Autorin Tanja - schön, dass Du unsere Runde wieder begleitest!


    Bitte lest Euch kurz vorher nochmal die Informationen zu Leserunden und auch die Ausführungen zur Netiquette durch.


    Postet hier bitte erst, wenn Ihr zu lesen angefangen habt und etwas zu dem Buch zu sagen oder fragen habt. Die Beiträge "Buch liegt bereits, ich fange heute Abend an" ziehen das Ganze zu sehr in die Länge und passen besser in den Buchvorschlag.
    Auch ist es nicht nötig, den Inhalt nachzuerzählen, wir lesen ja alle das gleiche Buch ;)


    Wenn Ihr erst ein paar Tage später in die Leserunde einsteigen könnt, gebt bitte hier oder per PN an den Moderator kurz Bescheid, denn eigentlich sind insgesamt ca. 2 Wochen dafür gedacht.

  • Das ist definitiv ein Roman, den man nicht in einer Leserunde lesen sollte. Aufhören zu müssen, wenn man das Buch eigentlich nicht aus den Händen legen möchte, stellt eine große Herausforderung an die eigene Disziplin dar.


    Man wird sofort ins Geschehen gestoßen. Der im Prolog geschilderte Mord, der in jedem Thriller Platz finden könnte, ist nichts für schwache Nerven. Leider kenne ich das zugrunde liegend Märchen nicht. Ich habe alle im Haus befindlichen Märchenbücher - das sind gar nicht einmal so wenige - durchforstet, es war in keinem einzigen zu finden. Deswegen finde ich es schade, dass es keinen Anhang gibt, in dem zumindest eine Zusammenfassung des betreffenden Märchens zu finden ist.


    Wer sich romantisierenden historischen Kitsch erhofft, wird (zum Glück) enttäuscht werden. Hier wird die scheinbare Idylle des Biedermeiers ordentlich ins rechte Licht gerückt und gezeigt, dass der Biedermeier gleichzeitig der Vormärz war. Jakob Grimm ist Mitarbeiter einer Zensurkomission. Nur wer politisch genehmes schreibt, darf veröffentlichen. Frauen besitzen gar keine Rechte - sie dürfen noch nicht einmal als Urheberinnen ihrer eigenen Geschichten gelten. Jakob Grimms Frauenbild passt sehr gut in den allgemeinen Tenor der Zeit. Seine Schwester Lotte fungiert als gratis Haushälterin, aber eine eigene Meinung sollte sie tunlichst nicht haben. Anstatt wie die Mutter duldsam und still zu sein, gibt sie ihm Widerworte.


    Auch der vorherrschende alles bestimmende Standesdünkel wurde bereits thematisiert. Ein Katholik darf auf keinen Fall einen Protestanten heiraten und lässt sich in der eigenen sozialen Schicht kein passender Ehegespons finden, dann hat man eben Pech gehabt.


    Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass mir die laufenden Anspielungen auf die deutsche Klassik und ihre Vertreter großen Spaß machen. Von Faust zur Judenbuche, von Brentano über Eschenbach bis zu von Arnim habe ich schon viele Hinweise der damaligen "Bestseller" gefunden. Wobei die Judenbuche ja noch gar nicht geschrieben ist und "nur" Annette von Droste-Hülshoffs Begegnung mit dem Thema erzählt wurde.


  • Das ist definitiv ein Roman, den man nicht in einer Leserunde lesen sollte. Aufhören zu müssen, wenn man das Buch eigentlich nicht aus den Händen legen möchte, stellt eine große Herausforderung an die eigene Disziplin dar.


    hihi, wir geben uns immer große Mühe, euch mit tollen Büchern zu "foltern"

  • So, ich habe auch eben den ersten Abschnitt beendet und muss zugeben, dass ich noch so ein bisschen meine Schwierigkeiten habe, in die Geschichte hineinzufinden. Aber ich bin zuversichtlich, dass das noch wird.
    Ich mag Tanjas Schreibstil, auch (oder weil) ich ihn recht anspruchsvoll finde. Manche Sätze lese ich doch zweimal, so verschachtelt sind sie ;) Aber das ist keine Kritik, anspruchsvoll ist ja gut - man muss sich aber beim Lesen eben konzentrieren.


    Nach diesen ersten Seiten treibt mich nun natürlich nicht nur die Frage um, wer die ehemalige Mätresse ermordet hat und warum und vor allem, warum auf diese Weise... sondern noch viel mehr die Frage, was in Bökendorf genau passiert ist. Für Annette war es jedenfalls offensichtlich ein einschneidendes und demütigendes Erlebnis. Ich weiß recht wenig über sie :-[ , aber so wie sie bisher beschrieben ist, muss sie eine tolle Frau gewesen sein und immerhin wissen wir, dass sie ihren Weg gehen wird und ihr Name auf jeden Fall überdauert. Den Rest lasse ich mal auf mich zukommen.


    Die Gebrüder Grimm in ihrer Unterschiedlichkeit finde ich spannend. An Stelle von Lotte würde ich allerdings verzweifeln mit solchen Brüdern!


    Auf die Zeit und den Handlungsort muss ich mich erst noch ein bisschen einlassen, ich weiß da recht wenig drüber.


    Ich finde es aber immer wieder faszinierend, wie vielseitig Tanjas Themen sind. Von der Mongolenkönigin Manduchai nun zu den Brüdern Grimm und Annette von Droste-Hülshoff - das ist einfach toll!


  • Leider kenne ich das zugrunde liegend Märchen nicht. Ich habe alle im Haus befindlichen Märchenbücher - das sind gar nicht einmal so wenige - durchforstet, es war in keinem einzigen zu finden. Deswegen finde ich es schade, dass es keinen Anhang gibt, in dem zumindest eine Zusammenfassung des betreffenden Märchens zu finden ist.


    Dafür gibts doch google ;D
    https://www.grimmstories.com/d…i_schwatten_prinzessinnen

  • Ich schätze mal, dass noch mehr Märchen in diesem Roman zur Sprache kommen. Das wäre sicherlich zu umfangreich, wenn man da alle Märchen im Anhang abhandeln würde. ;)


    Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Abschnitt. Aber mir geht es ähnlich wie Dani, dass ich noch ein bisschen umherirre und noch nicht richtig reingefunden habe. (Liegt aber wohl eher daran, dass ich mich wegen privatem Tohuwabohu gerade nicht so gut konzentrieren kann.) Ich mag nämlich gerade diesen anspruchsvollen, leicht verschachtelten Schreibstil sehr gerne. Deshalb brauche ich wahrscheinlich ein bisschen länger in dieser Runde. Aber dann hab ich auch länger was davon.


    Grimm, der Hofbibliothekar, ist mir auf jeden Fall auf Anhieb sympathisch. Erstens natürlich durch seinen Beruf. :) Aber er scheint auch optisch nicht unappettitlich zu sein. Oder habe ich da zu viel reininterpretiert. ;) Und er schert sich nicht um Konventionen oder Vorschriften, ist nicht obrigkeitshörig und vielleicht auch ein bisschen verschroben.


    Die Vorstellung von heißem Wachs auf einem Gesicht und dann nach dem Abziehen... puh das ist schon eklig. Wurde da ein Abdruck von dem Gesicht gemacht?


  • Danke, jetzt kenne ich das Märchen auch. Auf google hätte ich selbst kommen können, da muss ich euch recht geben. ;D



    Ich mag Tanjas Schreibstil, auch (oder weil) ich ihn recht anspruchsvoll finde. Manche Sätze lese ich doch zweimal, so verschachtelt sind sie ;) Aber das ist keine Kritik, anspruchsvoll ist ja gut - man muss sich aber beim Lesen eben konzentrieren.


    Ich bin ja ein Fan von Schachtelsätzen. Ab gesehen davon finde ich es bei dieser Thematik passend. Bei einem Roman über die Gebrüder Grimm und Annette Droste-Hülshoff muss der Schreibstil dementsprechend sein. Wohltuend finde ich auch den schwarzen Humor, der immer wieder durchblitzt. Jakob Grimms Verriss von Wegners Machwerk war köstlich - auch wenn er wenig diplomatisch zu Werk ging und den armen Kerl furchtbar damit verletzt hat, konnte ich mir ein Grinsen doch nicht verkneifen.


  • Ich finde es aber immer wieder faszinierend, wie vielseitig Tanjas Themen sind. Von der Mongolenkönigin Manduchai nun zu den Brüdern Grimm und Annette von Droste-Hülshoff - das ist einfach toll!


    Das fasziniert mich auch. Ich habe bis jetzt noch kein Buch von ihr gelesen, dass in einem ähnlichen Setting gespielt hätte.

  • Dodo, Jacob Grimms scharfzüngige Art ist historisch verbürgt, aber ich muß zugeben, daß mir die Szene mit Wegner besonders Spaß gemacht hat. Aber durchaus auch alle Szenen mit Lotte Grimm und ihren Brüdern, aus offensichtlichen Gründen.


    "Die drei schwarzen Prinzessinnen" wurde schon gelinkt, also laß mich noch hinzufügen, daß ich das Märchen auch nicht kannte, bevor ich mich durch die Gesamtausgabe der Grimmschen Märchen las. (Was heute publiziert wird, ist ja "nur" eine Auswahl der bestbekanntesten.) War natürlich als Recherche für den Roman unumgänglich. :) Das bekannteste Märchen, welches von den Droste-Schwestern beigetragen wurde, dürfte "Die zertanzten Schuhe" sein, auch unter "Die zwölf Prinzessinnen" veröffentlicht.

  • Das fasziniert mich auch. Ich habe bis jetzt noch kein Buch von ihr gelesen, dass in einem ähnlichen Setting gespielt hätte.


    Für mich gehört es zu den reizvollen Aspekten des Autorinnendaseins, sich immer wieder neue Epochen, Milieus, Personen vornehmen zu können. Allerdings muß ich zugeben, daß ich bei den Dichtern im frühen 19. Jahrhundert schon mal vorbei geschaut habe, in meinem allerersten Roman, "Wahnsinn, der das Herz zerfrißt", über Byron und seine Schwester Augusta.

  • Hallo zusammen und hallo auch an Tanja für das Begleiten der Leserunde :)


    Ich habe jetzt den Prolog und bis Kapitel 2 gelesen und habe zwar merkwürdigerweise das Gefühl, der Handlung folgen zu können, aber gleichzeitig den Gedanken, ihr noch besser folgen zu können, würde ich die ganzen Hintergründe kennen :) Die Brüder Grimm und ihr Wirken sind mir in vielen Punkten bekannt, bei den Schwestern von Droste-Hülshoff kenne ich Jenny gar nicht und von Annette sagen mir nur zwei Dinge etwas: "Der Knabe im Moor" und, dass sie auf dem 20 DM-Schein abgebildet ist ;D Kurzum, ich will mich noch ein bisschen in die Thematik einarbeiten, um mehr verstehen zu können...


    Den Prolog fand ich wunderbar und gleich mal einen schönen Einstieg in das Buch. Das Thema "Für den Mord wird eine Szene aus einem Werk nachgestellt" ist jetzt zwar nicht unbedingt neu, aber das muss ja auch nicht sein, es bietet sich bei den Brüdern Grimm ja geradezu an :) Beim plattdeutschen Text hatte ich übrigens zuerst an "Der Fischer und seine Frau" gedacht - das Märchen von den drei schwarzen Prinzessinnen ist mir allerdings nicht bekannt. Werde ich auch noch nachlesen.


    Bei der Auseinandersetzung zwischen Jacob und Blauberg musste ich wirklich schmunzeln, eine sehr schöne Szene! Grimms Märchen sind nicht von den Brüdern Grimm, sondern vom Volksmund - im Grunde ja keine falsche Aussage! :D


    Wie Jacob allerdings Wegner zusammengefaltet hat... nun ja. Selbst wenn er recht hat, kann man das diplomatischer ausdrücken, außerdem erscheint es so, als hätte Jacob nur ein Ventil für seine angespannte Gemütslage gebraucht, nachdem er den Mord gesehen hat.


    Bei Lotte dachte ich für einen kurzen Moment: "Was für eine Zicke", aber vermutlich wird man angesichts zweier Brüder, die ihre Arbeit wohl mehr lieben als alles andere, so. Wenigstens ist sie resolut und lässt sich nicht unterbuttern, das macht sie sympathisch.


    Kurzer Mecker-/Klugscheißermodus:


    Zitat von Buch (S. 23)

    Er hatte es als Symbol für rituelle Reinigung verstanden (...) und die mögliche Verbindung zu Wolfram von Eschenbachs 'Parzival' hatte ihn interessiert.


    Bei mittelalterlichen Autoren kommt das Genetiv-s an den Vornamen, also "Wolframs von Eschenbach".


    Aus den Schwestern werde ich nicht so wirklich schlau. So, wie ich es verstanden habe, hat Annette mit jemandem, der nicht ihrem Stand entsprochen hat, "rumgemacht", ist das so richtig? Und August spielt bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit darauf an. Es wirkt aber so, als fühlte sich niemand so schuldig wie Annette selbst... Hoffentlich bietet der Mord tatsächlich die gewünschte Ablenkung für sie, auch wenn es wohl bessere Möglichkeiten gibt, sich abzulenken und mit der Schuld abzuschließen...


  • Wohltuend finde ich auch den schwarzen Humor, der immer wieder durchblitzt. Jakob Grimms Verriss von Wegners Machwerk war köstlich - auch wenn er wenig diplomatisch zu Werk ging und den armen Kerl furchtbar damit verletzt hat, konnte ich mir ein Grinsen doch nicht verkneifen.


    Da habe ich auch gegrinst! Ein guter Verriss ist halt einfach was Wunderbares (außer natürlich für den betroffenen Autor)


  • Für mich gehört es zu den reizvollen Aspekten des Autorinnendaseins, sich immer wieder neue Epochen, Milieus, Personen vornehmen zu können. Allerdings muß ich zugeben, daß ich bei den Dichtern im frühen 19. Jahrhundert schon mal vorbei geschaut habe, in meinem allerersten Roman, "Wahnsinn, der das Herz zerfrißt", über Byron und seine Schwester Augusta.


    Ah, muss ich mir gleich mal anschauen (wenn es den noch gibt?). Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich deine "alten" Bücher nicht alle kenne. Aber auch wenn es da auch um Dichter im 19. Jahrhundert geht, ist Byron ja schon was anderes als die Gebrüder Grimm. Und ja auch schon länger her.
    Ich bleibe dabei, ich finde deine Vielfältigkeit wirklich faszinierend, weil ja auch jedes neue Buch und Thema perfekt recherchiert ist (zumindest kommt es bei mir als Leser so an)


  • Aus den Schwestern werde ich nicht so wirklich schlau. So, wie ich es verstanden habe, hat Annette mit jemandem, der nicht ihrem Stand entsprochen hat, "rumgemacht", ist das so richtig? Und August spielt bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit darauf an. Es wirkt aber so, als fühlte sich niemand so schuldig wie Annette selbst...


    Ich rätsele ja auch, was da vorgefallen sein könnte. Wir erfahren es sicher noch, aber bis dahin können wir ja etwas spekulieren. Ich habe die Theorie, dass Annette und der unstandesgemäße Mann von den anderen geplant und absichtlich in eine "kompromittierende" Situation gebracht und dann "ertappt" wurden.
    Aber so richtig kann ich mir das alles noch nicht erklären. Was habt ihr für Theorien?


  • hihi, wir geben uns immer große Mühe, euch mit tollen Büchern zu "foltern"


    Danke dafür! :daumen:


    Ansonsten geht es mir, ähnlich wie dir, Dani - erstmal einlesen, dann schau ich mal weiter. Ich verstehe zu wenig über die Zeit.



    Nach diesen ersten Seiten treibt mich nun natürlich nicht nur die Frage um, wer die ehemalige Mätresse ermordet hat und warum und vor allem, warum auf diese Weise... sondern noch viel mehr die Frage, was in Bökendorf genau passiert ist. Für Annette war es jedenfalls offensichtlich ein einschneidendes und demütigendes Erlebnis.


    Ich habe noch meiner Wikipediarecherche nur wenig dazu gefunden. Im Artikel von August Franz von Haxthausen ist unter "Verwandschaft zu Annette von Droste-Hülshoff" von einer "Jugendkatastrophe" die Rede. Es ist also wohl historisch tatsächlich belegt, dass das Verhältnis der beiden schwierig war, sich dann aber besserte.


    https://de.wikipedia.org/wiki/August_Franz_von_Haxthausen



    Dodo, Jacob Grimms scharfzüngige Art ist historisch verbürgt, aber ich muß zugeben, daß mir die Szene mit Wegner besonders Spaß gemacht hat. Aber durchaus auch alle Szenen mit Lotte Grimm und ihren Brüdern, aus offensichtlichen Gründen.


    Das ist dir auch wirklich gut gelungen, wobei ich sagen muss, dass mir die Szene mit Blauberg besser gefallen hat.

  • Doscho, du hast natürlich recht, was den Genetiv und mittelalterliche Autorennamen wie "Wolfram von Eschenbach" betrifft. Mea Culpa.


    Re: Annette - nun, was genau in Bökendorf geschehen ist - die sogenannte "Jugendkatastrophe" - , und warum, ist neben der Frage nach dem Mörder das zweite Geheimnis des Romans, das sich Stück für Stück herausstellt, daher kann ich mich dazu natürlich nicht äußern, ehe die Wahrheit ganz enthüllt ist. ;) Aber spekuliert nur!


    Re: Annettes Verhältnis zu ihrem Halbonkel August von Haxthausen - war nicht zuletzt wegen der Bökendorfer Ereignisse, aber nicht nur deswegen, wirklich lange Zeit miserabel, aber die Tatsachen, aus der sie später die Novelle "Die Judenbuche" entwickelte, lernte sie tatsächlich durch einen Aufsatz kennen, den er für die Zeitschrift "Die Wünschelrute" schrieb. Eine typische Annette-Briefstelle, 1928, also sieben Jahre nach der Handlungszeit dieses Romans, über August: … meines Onkels Werner kleines Töchterchen soll ein wahrer kleiner Engel sein, ich kenne es noch nicht, da ich seit acht Jahren nicht in Bökendorf gewesen bin, um das Zusammensein mit meinem Onkel August Haxthausen zu vermeiden, dem ich, aus hinlänglichen Gründen, nicht eben gar zu hold bin, und dem es zu sehr an Takt gebricht, um, bei einem gespannten Verhältnisse, sich einigermaßen anständig zu benehmen. Ich habe Proben davon!


    Indessen kann mir all mein Hüten zu nichts helfen, denn Jenny hat mir die angenehme Nachricht gegeben, dass der August einen Teil dieses Winters in Münster zuzubringen gedenkt — ich möchte lieber auf der Stelle hundert Taler bezahlen!

  • Hallo Ihr Lieben, hallo Tanja,


    erst mal zu dem Buch selbst: Für mich zählt nicht nur der Inhalt, sondern auch die Aufmachung. Das Gebundene Buch gefällt mir sehr gut, sogar mit Lesebändchen. Auch das Cover finde ich sehr passend. Und natürlich liebe ich Kapitel und Personenverzeichnisse. Dafür gibt es bei mir immer extra Punkte ;)


    In die Geschichte bin ich eigentlich relativ gut rein gekommen. Die Grimms kennt man und in Kassel auf der Wilhelmshöhe war ich erst vor ein paar Jahren, so dass ich direkt ein Bild davon hatte. Annette von Droste-Hülshoff ist für mich auch nicht unbekannt, vor vielen Jahren habe ich Burg Hülshoff besichtigt mit dem kleinen Teehäuschen von Annette und dem netten Garten. Der Besuch lohnt sich.


    Allerdings muss ich auch sehr langsam lesen, damit mir nichts entgeht. Der Schreibstil ist sicherlich anspruchsvoll, aber sehr angenehm zu lesen. Mir gefällt er sehr gut.


    Der Mord ist wirklich düster. Die Vorstellung, dass die Frau noch gelebt hat, als man ihr das Wachs ins Gesicht geschüttet hat, finde ich schon sehr gruselig. Und dann der Bezug zum Märchen (was ich mir noch durchlesen muss) zeugt doch irgendwie von einer persönlichen Rache oder? Sicherlich soll es einen Grimm treffen, ist nur die Frage, welcher sich eventuell irgendwo unbeliebt gemacht hat. Jakob kommt einem da natürlich direkt in den Sinn, aber der eher angenehmere Wilhlem könnte durchaus auch seine Feinde haben. Der Polizeibeamte wird sich sicherlich auf die Grimms beschränken, denn innerhalb des Adels zu ermitteln, ist in dieser Zeit wohl mehr als unangenehm.


    Die Beziehung der beiden Droste-Schwestern finde ich sehr gut dargestellt. Annette gefällt mir, sie war ihrer Zeit wohl um einiges voraus und gehörte definitiv zu den Frauenfiguren, die für unsere Freiheit mit gekämpft hat. Toll, dass sie sich den Mund nicht verbieten ließ. Intelligent und talentiert genug war sie allemal, um sie alle in die Tasche zu stecken.


    Die Dialoge finde ich auch sehr gelungen. Da freue ich mich schon auf die nächsten Gespräche, besonders zwischen den Grimm-Brüdern und den Droste-Schwestern. Anscheinend kann Wilhelm Annette wohl nicht richtig leiden, allerdings weiß ich noch nicht genau, warum.



    Ich rätsele ja auch, was da vorgefallen sein könnte. Wir erfahren es sicher noch, aber bis dahin können wir ja etwas spekulieren. Ich habe die Theorie, dass Annette und der unstandesgemäße Mann von den anderen geplant und absichtlich in eine "kompromittierende" Situation gebracht und dann "ertappt" wurden.
    Aber so richtig kann ich mir das alles noch nicht erklären. Was habt ihr für Theorien?


    Es könne durchaus so gewesen sein. Die Frage ist, inwieweit die Grimms da eventuell ihre Finger mit drin hatten. Und inwieweit der Onkel da integriert hat. Denn der scheint auf Annette und ihrem Schreibtalent eifersüchtig zu sein. Und Eifersucht ist immer eine starke Motivation.

    Lieben Gruß Pat



    Motto: Leben und leben lassen

  • Guten Abend!


    Ich muss gestehen, dass ich noch kein Buch von Tanja gelesen habe - aber schon nach den ersten Seiten überzeugt bin, dass ich das bald ändern muss! Mir gefällt der Stil wirklich gut, auch wenn ich langsamer als üblich lese. Aber damit bin ich hier ja nicht alleine! :) Auf alle Fälle hat mich diese Geschichte schon gefangen genommen - jetzt eine Lesepause zu machen, fällt mir schwer!!!


    Die Darstellung der ersten Untersuchungen nach dem Fund der Leiche war schon sehr spannend! Mit heißem Wachs übergießen - das ist wirklich grausam! Ein mysteriöser Mord und bis jetzt keine Hinweise auf einen Mörder! Aber irgendwie tritt dieser Mord bis jetzt mal in den Hintergrund. Wir lernen erst mal die verschiedenen Charaktere kennen. Und momentan interessiert mich fast mehr, was in Bökendorf tatsächlich passiert ist! Anhaltspunkte auf den Mörder gibt es ja noch nicht viele - auf alle Fälle muss es irgendeine Verbindung zu den Grimms geben. Aber ich vermute, dass mit diesem Mord gleich mehrere "Probleme" beseitigt werden sollten: einerseits musste die Frau sterben und andererseits sollte einer der Grimms beschuldigt werden. Oder zumindest angeschwärzt.


    Meine wichtigste Frage, ob die Beschreibungen der einzelnen Personen auch historische Grundlagen haben, wurde ja schon fast beantwortet. Jakob Grimm war tatsächlich so "zielorientiert"? Ohne Rücksicht auf Verluste? Und die Darstellung von Annette und Jenny? Ihr Leben und ihre Geschichen? Gab es dafür auch historische Belege?


    Auf alle Fälle gefällt mir die Darstellung des Lebens im Grimmschen Haushalt. Die Brüder, die für das Überleben der Familie sorgen, die Schwester, die gratis den Haushalt führt (keine lustige Aufgabe!) und die anderen Brüder, die nicht gerade von Erfolg gesegnet irgendwie mitleben. Ich vermute, dass es eine recht realistische Beschreibung der Zeit ist. Ich kenne mich dabei leider zu wenig aus - aber ich hab beim Lesen schon einiges gegoogelt - ich liebe Bücher, die ein wenig fordern!


    Eine Frage, liebe Tanja... wie lange hast Du für dieses Buch recherchiert? Und warum hast Du Dich für dieses Thema entschieden?


    :winken:

  • Hallo an alle Mitlesenden und die Autorin!


    Wie immer, wenn ich einen Roman von Tanja Kinkel beginne, habe ich gewisse Schwierigkeiten, in die Geschichten, die in so viel Historie eingepackt sind, hineinzukommen - um dann nach den ersten hundert Seiten etwa umso gefesselter von dem jeweiligen Buch zu sein.
    Ich denke, das wird auch bei "Grimms Morden" so kommen, - wenn ich mir auch im Moment noch sehr bewusst bin, wie spärlich meine Kenntnisse der Epoche sind, in der sich der Roman zuträgt.


    Beworben habe ich mich für die Leserunde hier, weil mir die Idee, dass die Brüder Grimm gemeinsam mit den Droste-Hülshoff-Schwestern in einen Mordfall verwickelt sind und ihn womöglich auch aufklären, gefallen hat.
    Sowohl die einen wie auch die anderen sind mir natürlich nicht fremd, - freilich ohne dass ich viele Details aus ihrem Leben kenne. Doch wie jeder hier bin ich mit Grimms Märchen vertraut und habe einiges von Annette von Droste-Hülshoff in Schule und Studium lesen müssen bzw. dürfen.


    Von Annette aber hatte ich bislang ein ganz anderes Bild, als die Autorin sie darstellt. Ernst habe ich sie mir vorgestellt, zurückgezogen, scheu. Eine brave Tochter, die ganz die von ihr erwartete Rolle erfüllte. Eine Frau ihrer Zeit, eher weltenfern, aus gutem Hause, die ihre beträchtlichen schriftstellerischen Talente im stillen Kämmerlein entfaltet hat und deren Ruhm erst nach ihrem Tod begann. So ähnlich wie Jane Austen, die ja eine Zeitgenossin der Annette war.


    Zu meiner Überraschung begegnet mir aber eine selbstbewusste, quicklebendige, provokante und blitzgescheite ( wenigstens daran hatte ich nie Zweifel ) junge Frau, die den Mut zum Anecken hat, ja die Auseinandersetzungen geradezu zu suchen scheint. Der aber zum Zeitpunkt, da wir sie im Roman kennenlernen, die Flügel gestutzt sind durch einen noch nicht näher erläuterten Vorfall auf dem Anwesen ihres kaum älteren aufgeblasenen Stiefonkels, der besagten Vorfall, für den sie sich offensichtlich zutiefst schämt, inszeniert hatte. Was mag da wohl geschehen sein!?
    Durch den Mordfall in Kassel allerdings, von dem sie erfährt, scheint sie langsam wieder zur alten Form zurückzukehren!


    War sie wohl so, wie sie hier im Roman geschildert ist, die begabte Annette? Dann war sie eine sehr interessante Persönlichkeit, ganz und gar untypisch für ihre Zeit ( nur eine Bettine Brentano konnte es mit ihr aufnehmen ), deren Bekanntschaft ich gerne gemacht hätte!


    Lieber jedenfalls als die von Jacob Grimm, den ich mir auch anders vorgestellt hatte, als Gelehrten halt, der ganz in der Welt der deutschen Sprache und seiner geliebten Altertumswissenschaft versunken ist.
    Dabei hätte ich mir ja denken können, dass dem nicht so sein konnte! Zusammen mit seinem Bruder war er viel später schließlich einer der "Göttinger Sieben", also ganz bestimmt kritisch und mutig.
    Wilhelm macht eher einen unscheinbaren Eindruck, geplagt von seinen Herzproblemen und in unglücklicher und unerfüllt bleibender Liebe mit Jenny von Droste-Hülshoff verbunden.


    Die vier Protagonisten werden also bald zusammentreffen ( fand überhaupt mal so ein Zusammentreffen statt? ), worauf ich schon gespannt bin. Wie wird die forsche Annette, die zumindest Wilhelm nicht zu mögen scheint, auf den selbstsicheren und arroganten Jacob reagieren? Einschüchtern lassen wird sie sich von ihm nicht...


    Aber was verspricht sie sich denn eigentlich von ihrer Reise nach Kassel? Will sie den Mord aufklären? Geht es um die Freude, ihren scharfen Verstand an der Lösung eines Rätsels auszuprobieren?
    Oder fühlt sie sich irgendwie mitverantwortlich, weil ein Zitat aus ihrem Märchen ( soviel über überliefertes Volksgut, bei den kleinen Leuten gesammelt! ) bei der getöteten Mätresse gefunden wurde?
    Nutzt sie die Gelegenheit, von zu Hause wegzukommen und möchte sie gleichzeitig ihrer Schwester die Möglichkeit geben, den angebeteten Wilhelm wiederzusehen? Obwohl sie ja genau weiß, dass eine Verbindung mit ihm unmöglich ist....
    Aber halt - da fällt mir ihre eigene unerfüllbare Liebe zu dem nicht standesgemäßen Straube ein! Lebt der nicht auch in Kassel?


  • Auch der vorherrschende alles bestimmende Standesdünkel wurde bereits thematisiert. Ein Katholik darf auf keinen Fall einen Protestanten heiraten und lässt sich in der eigenen sozialen Schicht kein passender Ehegespons finden, dann hat man eben Pech gehabt.


    Woran sich im Übrigen auch bis weit nach der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht viel geändert hatte....