Extra: Kurzgeschichte "Der Soldat und der Schmetterling"

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  • Jedes Mal, wenn er aus der Narkose aufwachte, war er ein anderer. War weniger von seiner Menschlichkeit übrig. Boris wagte nicht die Augen zu öffnen. Welche Schmerzen waren neu? Wo hatten sie ihn diesmal aufgeschnitten? Metallverstärkung für seine Knochen? Eine weitere Energieleitung, die ätherblaues Plasma in seine Adern pumpte? Wenigstens hatte er sein Herz noch. Es raste in Panik, schlug als wolle es aus dem Gefängnis seines Brustkorbes ausbrechen, um der Qual zu entkommen. Was wusste nicht, dass es kein Entkommen gab.
    Etwas schlug von außen gegen das Fenster. Ein sehr leises Geräusch. Das Fenster – sein einziger Trost. Viel gab es nicht zu sehen, nur ein Stück Himmel. Den Wald hatte man gerodet, um ein freies Schussfeld zu haben. Er war ein Soldat des Zaren und man hatte ihm – und tausend anderen – mitgeteilt, sie hätten sich freiwillig gemeldet, um an einem Versuch teilzunehmen, der das Kriegsgeschick endlich zugunsten Russlands wenden sollte. Er war schon sehr lange Soldat und er wurde alt. Wenn er einmal die Bedeutung von freiwillig gekannt hatte, dann hatte er sie schon längst vergessen.
    Das Bett quietschte, als er sich bewegte, um den wunden Rücken zu entlasten. Er bemerkte, dass er über mehr Bewegungsfreiheit verfügte. Etwas fehlte. Er spreizte die Finger, ballte die Hände zu Fäusten, streckte sie wieder, um das Gefühl der Taubheit zu vertreiben. Das Leder der Manschetten, mit denen man ihn fesselte, knarrte. Allerdings nur auf der linken Seite.
    Das Geräusch vor dem Fenster riss nicht ab. Sollte er wagen, die Augen zu öffnen, um herauszufinden, was es verursachte? Aber was wäre, wenn sein Blick dabei unbeabsichtigt nach rechts fiele? Dort, wo die Lederfessel nicht knarrte? Dort, wo etwas fehlte?
    Es gelang ihm nicht länger, sich der Erkenntnis zu verweigern. Verzweifelt bäumte er sich auf, den Mund zum Schrei aufgerissen, doch er brachte keinen Ton über die Lippen. Sein rechter Arm war fort. Dort, wo er hätte sein müssen, ragte nur noch ein Stumpf aus seinem Schultergelenk. Seine Peiniger hatten seinen Arm amputiert.


    Das Geräusch vorm Fenster. Er riss den Kopf herum, als hoffe er, in der Ursache des Geräusches Trost zu finden – oder eine Antwort. Warum tat man ihm das alles an?
    Ein kleiner, blauer Schmetterling schlug mit den Flügeln und prallte immer wieder gegen das Glas. Im ersten Moment glaubte Boris, der Schmetterling versuche, ins Krankenzimmer – zu ihm – zu gelangen, doch schnell erkannte er, wie dumm dieser Gedanke war und – wie hoffnungslos. So sehnlich wünschte er sich, dass es jemanden kümmerte, was er erlitt, dass er sogar von einem Insekt Freundschaft erhoffte.
    Der Schmetterling flatterte wild, doch er bewegte sich nicht vom Fleck. Er war festgefroren. Der Winter nahte. Nachts vereisten die Scheiben und der Sonne fehlte die Kraft, um sie aufzutauen. Das kleine Tier war dem Tod geweiht.
    Vor Unglück begann sein Herz, noch schneller zu schlagen. Trauer und Verzweiflung – weil ein Schmetterling sterben würde? Er war viel zu lange Soldat, es gab keine Art zu Sterben, die er nicht schon tausendmal gesehen hätte, kein Elend, das weitere Narben in seiner Seele hinterlassen könnte.
    Auf dem Gang ertönten Schritte. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn sich jemand seinem Gefängnis näherte. Er sank zurück, starte zur Zimmerdecke und rettete sich in Apathie. Wenn es ihn schon nicht gelang, zu sterben, wollte er wenigstens die Welt aussperren, weder die Hölle, in der er gelandet war noch die Maschine mit ihren Schläuchen, die sich in seinen Körper und seinen Verstand bohrten, wahrnehmen. Es musste einfach etwas geben, was sie ihm nicht nehmen konnten, wo sie ihn nicht finden konnten.
    Zwei Männer betraten den Raum. Magister Kareluis trat an sein Bett, der Pfleger blieb respektvoll zwei Schritte hinter dem Leiter des Versuchslazaretts stehen. Wie nach jedem Eingriff überprüfte Karelius, ob sein Versuchsobjekt die Prozedur überstanden hatte, und stellte auch dieses Mal erfreut fest, dass Boris überlebt hatte. Damit war Boris eine Seltenheit. Zu Beginn der Versuchsreihe waren die Freiwilligen wie die Fliegen gestorben. Es riss sie von innen auseinander, sobald man ihr Nervensystem mit der Quantenmagiequelle verband.
    Im Sommer waren die Gänge von Schreien und Explosionen erfüllt gewesen und Verwesungsgeruch war in jeden Winkel der Versuchsanlage gekrochen. Jetzt, bei Einbruch des Winters, war nur noch Boris übrig. Der einzige Überlebende. Er wünschte sich, er wäre mit den anderen gestorben.
    »Hervorragend«, sagte Karelius, beendete die Untersuchung und befahl dem Pfleger: »Löse die Fesseln.«
    Boris seufzte stumm. Das Lösen der Ledermanschetten war einer der wenigen Lichtblicke, die das Dasein in der Hölle für ihn bereithielt. Denn es bedeutete, er durfte aufstehen und ein paar Schritte im Zimmer auf und ab gehen.
    »Los, hoch mit dir!«, befahl der Pfleger.
    Es waren immer die Pfleger, die ihm sagten, was er zu tun hatte. Magister Karelius richtete nie das Wort an ihn. Es ging dem Pfleger nicht schnell genug
    »Wird‘s bald, BK 1 /403?«
    BK 1 /403 – diese Nummer hatte man ihm bei seiner Ankunft in den Nacken tätowiert und so nannten sie ihn, wenn sie über ihn sprachen. Sein Name war das Erste, was man ihm genommen hatte. Jetzt seinen Arm. Sein Körper erinnerte sich noch an den Arm, wollte sich beim Aufsezten mit ihm abstützen.
    Boris drehte den Kopf so weit wie möglich nach links, um den Stumpf nicht sehen zu müssen und kam schwerfällig auf die Beine.
    Seit vierzig Jahren diente er in der Armee und genau so lange lag das Zarenreich im Krieg. Es gab keine Verstümmelung, die Boris nicht schon gesehen hätte. Er versuchte sich einzureden, er hätte seinen Arm in einer Schlacht verloren. Das hätte er akzeptieren können. Warum erschütterte es ihn so tief, dass man ihn einfach abgeschnitten hatte? Unglücklich schaute er zum Fenster. Der Schmetterling flatterte hilflos am vereisten Glas. Die Freiheit hätte ihm nichts genutzt. Der Winter nahte. Wenn Herbststürme die Flügel nicht zerfetzen würden, käme der Frost, um sie zu zerbrechen. Es gab keine Hoffnung. Für den Schmetterling. Ein schneller Tod war die einzige Gnade, die er erwarten durfte. Boris wäre jeder Tod recht.
    Während der Pfleger Boris Anweisungen gab Geh nach links! Dreh dich um! Lauf nach rechts! Pass auf die Energieleitungen auf!, behielt Kareluis die Anzeigen auf der Maschine im Auge und machte sich Notizen. Keiner seiner Peiniger schien das Geräusch der Flügel zu hören.
    »Er soll anhalten«, sagte Karelius, seine Stimme klang, als überträfe etwas seine Erwartungen.
    »Anhalten!«, befahl der Pfleger.
    Boris gehorchte. Er war Soldat. Es musste eine Zeit vor der Armee gegeben haben, doch daran besaß er keine Erinnerungen und selbst in Gedanken konnte er sich nicht vorstellen, einen Befehl zu verweigern.
    Karelius drehte Regler an der Maschine hoch und Boris spürte, wie die fremde, ætherblaue Energie in seinen Adern die Schwingung änderte. Er ertrug es. Er hatte keine andere Wahl. Er stand direkt vorm Fenster. Für einen Moment hörte kleine Insekt auf, mit den Flügeln zu schlagen. Für seine Schinder war Boris auch nicht mehr als ein Insekt, etwas, was man wie Fliegen sterben lassen konnte – oder die Flügel ausreißen, wenn einem danach war.
    »Beweg deinen Arm!«, sagte der Pfleger.
    Boris warf dem Schmetterling einen jammervollen Blick zu und für den Bruchteil einer Sekunde, schien sein Leidensgenosse ihn zu erwidern. Dann tat er, wie befohlen, hob seinen linken Arm und legte die Hand – wie zum Gruß – auf die Glasscheibe. Der Schmetterling schlug wieder mit den Flügeln.
    »Nicht den«, sagte der Pfleger barsch und klang hämisch, als er ergänzte: »Du sollst den rechten Arm bewegen.«
    Boris schloss die Augen. Sein rechter Arm war fort. Nur sein Nervensystem wusste noch nichts davon. Er stellte sich vor, wie er ihn hob, die Finger bewegte.
    »Überaus hervorragend!«, sagte Magister Karelius aufgeregt, eilte auf Boris zu, stöpselte ein Gerät in Anschlüsse, die aus seinem Armstumpf ragten und sofort begannen sich im Inneren des Gerätes Hebel und Zahnräder zu bewegen, ratterten im Takt der Bewegung eines amputierten Armes.
    »Ich will ihn sofort wieder auf dem Operationstisch haben«, rief Karelius dem Pfleger hinzu. »Na los«, fügte er hinzu, weil auch der Pfleger stutzte, BK 1 /403 war doch eben erst aus der Narkose erwacht, »Lass den magitronischen Arm aus der Werkstatt holen. Er funktioniert gut genug.«
    Angst presste Boris die Luft aus den Lungen. Ihm wurde schwindlig. Er taumelte. Vielleicht wollte er fallen. Das Fensterglas durchbrechen und mit dem Kopf voran in die Tiefe stürzen. Wahrscheinlich würde er auch das überleben.
    »Pfleger!«, schrie Karelius. Fünf Mann kamen angerannt, packten ihn und zerrten ihn zum Bett. Die Manschetten schlossen sich um seine Gelenke. An seinem Armstumpf baumelte noch das Gerät. Die Bewegung, um es abzuschütteln, war reiner Reflex und nicht mehr, als ein Gedanke. Den Arm, den er hatte schütteln wollen, gab es nicht mehr. Im Gerät klackte es.
    Magister Kareluis war so begeistert, dass er sogar Boris‘ Schulter tätschelte.
    »Zar Nikolaus II. wird seine unbesiegbare Armee bekommen. Wir werden herausfinden, warum die anderen nicht überlebten – und dann können wir mit der Produktion beginnen.«
    Ein kalter Luftzug wehte durchs Zimmer. Bei den Bemühungen der Pfleger, Boris die Manschetten wieder anzulegen, war das Fenster zerbrochen. Er hielt nach dem Schmetterling Ausschau. Er sah ihn nicht. Dort, wo er gesessen hatte, klaffte ein Loch im Glas. Er versuchte sich damit zu trösten, dass der Schmetterling es jetzt hinter sich hatte. Aber, von welcher Seite er diesen Gedanken auch betrachtete, es war kein Trost an ihm zu finden.
    Magister Karelius träufelte Narkose-Ether auf ein Tuch, als ein heftiger Windstoß etwas Blaues vor sich hertrieb. Der Schmetterling. Der Luftzug wehte ihn durchs Zimmer. Von einem Flügel fehlte die Hälfte. Er flatterte hilflos, ein kreiselnder Kampf ums Überleben und streifte Magister Karalius‘ Ohr. Der Quantenmagier schlug nach dem Insekt und presste das ethergetränkte Tuch wieder auf Boris‘ auf Mund und Nase. Boris versuchte den Kopf wegzudrehen, hielt den Atem an und riss die Augen auf. Wo war der Schmetterling hin? Er musste wissen, was aus ihm geworden war.
    »So störrisch kenne ich ihn ja gar nicht«, murmelte Karelius und verstärkte den Druck. Heftig riss Boris den Kopf zur Seite und da sah er ihn. Ein Flügel fehlte, der andere schlug wild, konnte den Sturz jedoch nur verlangsamen. Ohne zu wissen warum, öffnete Boris seine linke Hand. Vielleicht, um den Schmetterling aufzufangen, um seine Finger vorsichtig um das kleine Tier zu schließen und ihm Schutz zu gewähren. Ein sinnloses Unterfangen. Es gab keinen Schutz in der Hölle. Man war ihr ausgeliefert. Ein Pfleger kam Karelius zu Hilfe, packte Boris‘ Kopf, zwang ihn, stillzuhalten. Der Geruch des Ethers wurde übermächtig, sein Bewusstsein begann zu schwinden. Das Letzte, was er fühlte, war eine leichte Berührung in seiner Handfläche.


    Etwas Fremdes.
    Statt seines Armes ragte etwas Fremdes aus seinem Schultergelenk. Er spürte Finger, die keine waren, Metall, wo Haut hätte sein sollen. Das Loch im Fenster war mit Pappe abgedichtet und direkt hinter dem Glas, hatte sich die Nacht auf eine Welt gesenkt, von der er ausgesperrt war. Der er nicht mehr angehörte. Wie sehr musste das Schicksal ihn hassen, dass es ihn nicht endlich sterben ließ? Da wo sein rechter Oberarm hätte sein sollen, leuchtete etwas und warf unheimliche Schatten von Zahnrädern und Streben an die Wände; Zahnräder, die zuckten, wenn er sich bewegte. Das blaue Licht pulsierte, schwoll an und ab, als wolle es Herzschlag imitieren. Eins – zwei. Eins – zwei. Irgendwo in den Tiefen des geheimen Versuchslazaretts stießen Wissenschaftler auf ihren Erfolg an.
    Boris‘ linke Hand war zur Faust geballt und schmerzte, so als hätte sie sich selbst unter der Narkose nicht entspannt. Ängstlich öffnete er sie, strich mit den Fingern über einen klebrigen Brei. Er wusste, was das war: Zu Staub zermahlene und mit Schweiß vermischte Flügel. Der Panzer des kleinen Körpers war zerdrückt, ein Fühler hing abgerissen in seinen rauen Schwielen. Tot und dennoch zuckte er. Eins – zwei. Eins – zwei. Zuckte im Rhythmus der Hölle.

  • Zitat

    Karelius drehte Regler an der Maschine hoch und Boris spürte, wie die fremde, ætherblaue Energie in seinen Adern die Schwingung änderte. Er ertrug es. Er hatte keine andere Wahl. Er stand direkt vorm Fenster. Für einen Moment hörte kleine Insekt auf, mit den Flügeln zu schlagen. Für seine Schinder war Boris auch nicht mehr als ein Insekt, etwas, was man wie Fliegen sterben lassen konnte – oder die Flügel ausreißen, wenn einem danach war.


    In dieser Geschichte sieht man sehr deutlich, wie viele Gedanken Boris sich macht, zur Vergänglichkeit des Lebens.
    Aber auch zu der grausamen Gleichgültigkeit mit der andere Menschen, die ihnen anvertrauten Menschen sterben lassen.


    Dieser Schmetterling verbildlicht quasi seine Qualen und sein eigenes Leben. Seine Hoffnungslosigkeit zu diesem Zeitpunkt im Versuchslazarett. :'(

  • Suse

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