04 - Seite 263 - 311 (Kapitel 15 bis einschl. Kapitel 17)

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  • So langsam wird das Buch zum richtigen Krimi. ;)


    Dieser ausgelöste Brandalarm im Hotel, der Gemmas schlimmste Ängste wieder hervorbringt und Sisley, der sie an die Hand nimmt und ein Gefühl von Sicherheit gibt. In mir kam die Vermutung hoch, dass das absichtlich ausgelöst wurde – und das bestätigte sich kurze Zeit später dann auch, denn Gemmas Zimmer war völlig durchwühlt und Teile ihrer Sachen zerstört. Die Nachricht auf dem Spiegel – die Drohung – war unmissverständlich. Da sucht jemand etwas ganz Bestimmtes und trachtet Gemma nach dem Leben. Da Sisley Gemmas Handtasche retten konnte, nehme ich mal an, dass es sich um den Ohrring handelt?! Immer mehr glaube ich an meine Theorie mit Morgan Andicott.


    In San Fran angekommen, machen sich Gemma und Sisley daran, mit ihren selbstgemachen Flugblättern mit dem Konterfei von Gemmas Vater in der Mission nachzufragen. Ich fand es interessant zu lesen, dass Sisleys Freunde ihn per Computer haben altern lassen, um ein möglichst exaktes Bild von ihm zu bekommen, was sie rumzeigen können. Tatsächlich werden sie fündig, denn es können gleich mehrere Personen ihn identifizieren – den Professor. Besonders ans Herz ist mir dieser Pianospieler gegangen, der wohl nicht mehr sprechen kann, aber mit seiner Musik von Frank Sinatras „My way“, „Bluebird“ und „Aloa Oe“ Gemma eine Geschichte erzählen und ihr eine Richtung weisen kann.


    Weiterreise nach Hawaii, um dort die Suche unter den Obdachlosen weiterzuführen. Dabei treffen sie auf einen Mann, der Gemma den Ohrring abnimmt und sie fragt, wo sie wohnt. Anscheinend kennt er ihren Vater. Hoffentlich wird sie nicht enttäuscht! Auf jeden Fall war die Szene am Strand mit Sisley sehr romantisch, ist er doch auf einmal ein richtiger Draufgänger, der sich traut, Gemma zu küssen. Erst leistet sie noch Widerstand, doch dann fühlt es sich doch richtig an für sie. Im Vorfeld habe ich schon gedacht, sie will ihn von sich stoßen, denn sie hat ja in den letzten Tagen versucht, sich etwas zu distanzieren – die Angst vor Nähe liegt ihr wohl immer noch sehr im Magen.


    Derweil hat Lucrezia das Glück, dass ihr alter Arzt zu ihr kommt und sie gründlich untersucht. Er findet heraus, dass sie vergiftet wurde und sie nicht mehr zu retten ist. Dass Malachit so giftig ist, habe ich nicht gewusst. Und diesen Stein trägt auch Elizabeth Browning ständig bei sich. So sind die Krankheitssymptome der beiden doch gleich und es wundert mich dann auch nicht, dass Elizabeth sich immer schwächer fühlt und so abgemagert ist. Dass Sandro sich um Lucrezia kümmert, finde ich wunderbar, sie hat noch eine kleine Freude, bevor sie sterben muss.


    Nun bin ich gespannt, wie sich das ganze Puzzle langsam aufdröselt. Ich muss heute unbedingt noch weiterlesen, das Buch macht richtig süchtig – kaum zu glauben, nachdem ich zu Beginn noch so meine Schwierigkeiten hatte… 8)


  • Besonders ans Herz ist mir dieser Pianospieler gegangen, der wohl nicht mehr sprechen kann, aber mit seiner Musik von Frank Sinatras „My way“, „Bluebird“ und „Aloa Oe“ Gemma eine Geschichte erzählen und ihr eine Richtung weisen kann.


    Mir auch. :) Eine Szene, die ich vorab überhaupt nicht geplant hatte, die dann aber in St. Anthony's plötzlich da war und die ich unglaublich gern geschrieben habe.



    Derweil hat Lucrezia das Glück, dass ihr alter Arzt zu ihr kommt und sie gründlich untersucht. Er findet heraus, dass sie vergiftet wurde und sie nicht mehr zu retten ist. Dass Malachit so giftig ist, habe ich nicht gewusst. Und diesen Stein trägt auch Elizabeth Browning ständig bei sich. So sind die Krankheitssymptome der beiden doch gleich und es wundert mich dann auch nicht, dass Elizabeth sich immer schwächer fühlt und so abgemagert ist. Dass Sandro sich um Lucrezia kümmert, finde ich wunderbar, sie hat noch eine kleine Freude, bevor sie sterben muss.


    Dieses Buch als solches hat eine etwas längere Vorgeschichte: Es ist mein zweiter Anlauf, über Lucrezia, die Barrett Brownings und die Dame in Grün zu erzählen. Die erste Fassung - mit einer anderen Rahmenhandlung - fiel nämlich im Exposé-Stadium beim Verlag durch. Ruhe ließ mir die Idee trotzdem nicht, obwohl ich nach und nach einsah, dass der Verlag richtig entschieden hatte. So, wie ich die Geschichte entworfen hatte, taugte sie tatsächlich nichts - etwas fehlte daran.
    Während ich weiter recherchierte und brütete, stolperte ich über einen Satz in einer Biografie über Elizabeth Barrett, der sich auf eine Malachitbrosche bezog. Grün wie unsere Dame im Städel - und als ich dann weiterrecherchierte und auf die Giftigkeit von Malachit stieß, wusste ich, ich hatte meinen Missing Link gefunden.
    Also setzte ich mich noch einmal hin, schrieb ein neues Exposé, dieses Mal mit Gemma und Sisley - und dieses Mal bekam ich grünes Licht für diese Geschichte, die dann zu den "Farben der Erinnerung" wurde.

  • Mir auch. :) Eine Szene, die ich vorab überhaupt nicht geplant hatte, die dann aber in St. Anthony's plötzlich da war und die ich unglaublich gern geschrieben habe.


    Die Szene mit dem Pianisten ist so wunderschön romantisch, subtil und trägt dabei Botschaften von Gemmas Vater versteckt in den Songs - was für eine geniale Inspiration, liebe Nicole. :) Das ist so ergreifend und passend für ihre Suche nach dem Vater, ihrem fremden Vater, der ihr so viel zugemutet hat, all den Schmerz, die Ungewissheit, die diffusen Ängste, ihre ständigen Albträume. Als sie dort in dieser Obdachloseneinrichtung nach ihrem verschollenen Vater fragt, kam mir der Gedanke, dass wir unsere Eltern gar nicht wirklich kennen außer in ihren Rollen als Mutter und Vater. Wir wissen nicht, wie sie als Kinder waren, als Teenager, in den schwierigen Zeiten danach, Wege zu einer Selbstfindung, der erste Liebeskummer, Konflikte mit Eltern, Lehrern etc. In diesem Kontext sehe ich auch eine Grundproblematik der Eltern- Kind - Beziehung. Es ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Erkenntnis, als Gemma plötzlich hinter die Fassaden blickt und eine andere Realität sieht, dass auch eine Stadt wie San Francisco Abgründe hat, Armut, Verbrechen, menschliche Tragödien
    Ich habe einmal in einem Album ein altes Photo meiner Eltern gefunden - sie saßen an einem See, sahen so jung und glücklich aus, ein großer Hund lag neben ihnen....
    Als ich meine Eltern bewußt wahrgenommen habe, war mein Vater bereits weit über 50 und meine Mutter überarbeitet und krank an Körper und Seele.
    All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich an Gemma und ihren Vater dachte und ihre Suche nach der Wahrheit, obwohl es nie nur eine einzige Wahrheit geben kann.
    Lucrezia und Sandro berühren mich auch sehr, aber in anderer Weise.
    Heute stand in der Zeitung ein Artikel über eine junge Frau aus Amerika, die auf dem Sterbebett geheiratet hat und dabei so glücklich aussah.
    Vielleicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, wann uns im Leben das Glück begegnet - ist es nicht viel wichtiger, dass wir es wahrnehmen und in unsere Seele lassen wie einen Lichtstrahl in dunklen Nächten ?
    Wir haben immer nur den einen Moment, den wir mit Glück und Freude, mit Liebe und Schönheit erfüllen können. Daran musste ich denken, als der Maler Sandro für die todkranke junge Lucrezia ein Leben voller Schönheit und Licht malt - diese flüchtigen Tage, die dennoch unvergänglich sind, weil sie glücklich war.

  • Was für ein Horror muß der Brand im Hotel für Gemma gewesen sein, die immer versucht, alles unter Kontrolle zu halten, damit von ihr nie ein Brand ausgelöst wird.
    Die Idee, ein Computerbild von ihrem gealterten Vater zu machen, und dann damit auf die Suche nach ihm zu gehen, ist großartig.


    Ich frage mich immer wieder, was das für ein Gefühl ist, 30 Jahre lang seinen Vater tot geglaubt zu haben und dann zu vermuten, daß er doch lebt. Für mich wäre das wahrlich kein Grund zur Freude, eher eine große Irritation. Zumal Gemma wegen dem Kindheitserlebnis ständig gehemmt, eingeschränkt ist.


    Aber Sisley ist so zuversichtlich, daß sich alles auflösen wird.

  • Ich finde das in diesem Abschnitt die Spannung so richtig Fahrt aufgenommen hat.


    Aber erst einmal zu Lucrezia. Wie kann man so grausam sein und einen Menschen mit Absicht über einen so langen Zeitraum dahin siechen lassen.
    So ein kleines , junges zartes Leben wir ausgelöscht, ohne das Lucrezia die Möglichkeit bekommen hat ihr Leben zu genießen.


    Der Doktor hat ziemlich schnell die Ursache für ihr leiden feststellen können. Gleich zu Beginn als er auf das Wasser zu sprechen kam, hatte ich den Verdacht das etwas nicht damit stimmt.
    Der einzige Trost der ihr bleibt, ist die Tatsache daß der Maler und der Doktor an ihrer Seite sind. Zwei Menschen denen sie vertraut. Ich fand es rührend wie Sandro an ihrer Seite ist.


    Dann die spannende Reise von Gemma und Sisley. Ich habe auch erst gedacht, dass Gemma einen ihrer Alpträume hat. Aber als ich so wie sie realisierte, dass es ihr Unterbewusstsein ist was in diesem Moment die Geräusche wahrnimmt, wahr ich doch erschrocken.
    Sisley hat geistesgegenwärtig ihre Tasche mitgenommen, an die kann Gemma sich für einen Moment festhalten. Er hätte aber echt die Ruhe weg, zum Glück, so konnte er seine Ruhe auf Gemma übertragen.
    Doch dann im Zimmer zurück, gab es den nächsten Schreck.
    Nun ging es nach Hawaii, was für eine Reise bisher.
    Dort machen sie sich auf den Weg in den Park wo sich die Obdachlosen aufhalten. Da kann ich Gemma verstehen , es scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein.
    Aber es gibt einen, der war mir allerdings ein wenig unheimlich. Er nimmt Gemma das Schmuckstück ab und nach der Frage wo sie wohnt, meinte er sie solle warten.


    Es ist wirklich sehr spannend und ich kann kaum erwarten zu wissen wie und was hinter all dem steht. Nach so einer langen und nervenaufreibenden Reise hoffe ich, das es ein schönes Ende gibt.


    Ach, das noch schnell. In der Mensa in San Francisco, diese Szene mit dem Bild bis sie zu dem Klavier Spieler kommen, fand ich sehr traurig.


  • Ich vermute auch das Morgan Andicott irgendetwas damit zu tun hat. Aber was sind ihre Beweggründe? Da bin ich noch am rätseln, der Ohring ist doch nur eine Nachahmung oder habe ich mich da verlesen. Das ist doch kein Original? Meinst du sie hat vielleicht danach gesucht?


    Schön das Sisley solche Freunde hat die mitgedacht haben. So sind die Möglichkeiten doch viel größer, als wenn man das Bild von vor 30 Jahren zeigt.


    Mir war der Obdachlose ein wenig unheimlich, ob der auf der guten oder bösen Seite steht?


    Dieser Stein von Elisabeth, den sie trägt macht also auch sie krank. Das Thema mit den Farben in Tapeten und co wurde ja erklärt. Ich mag gar nicht daran denken wie viele Menschen dadurch erkrankt sind und gelitten haben.


  • Die Szene mit dem Pianisten ist so wunderschön romantisch, subtil und trägt dabei Botschaften von Gemmas Vater versteckt in den Songs - was für eine geniale Inspiration, liebe Nicole. :)


    Für diese Inspiration bin ich auch sehr dankbar, liebe Emmy. :)



    Das ist so ergreifend und passend für ihre Suche nach dem Vater, ihrem fremden Vater, der ihr so viel zugemutet hat, all den Schmerz, die Ungewissheit, die diffusen Ängste, ihre ständigen Albträume. Als sie dort in dieser Obdachloseneinrichtung nach ihrem verschollenen Vater fragt, kam mir der Gedanke, dass wir unsere Eltern gar nicht wirklich kennen außer in ihren Rollen als Mutter und Vater. Wir wissen nicht, wie sie als Kinder waren, als Teenager, in den schwierigen Zeiten danach, Wege zu einer Selbstfindung, der erste Liebeskummer, Konflikte mit Eltern, Lehrern etc. In diesem Kontext sehe ich auch eine Grundproblematik der Eltern- Kind - Beziehung.


    Das ist richtig, liebe Emmy, und ein sehr wichtiger Gedanke.
    Für mich war ein sehr berührender Moment, als Lulu Gemma vorwirft, nicht schon früher nach ihm gesucht zu haben, und Gemma antworten muss, dass sie es nicht wusste. In diesem Augenblick habe ich für mich das ganze Ausmaß gespürt - die ungeheure Leere, die er hinterlassen hat, all das, was ihr - aus welchen Gründen auch immer - von ihm genommen wurde, dreißig Jahre lang: an Nähe, an Erfahrungen, Erlebnissen.



    All diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich an Gemma und ihren Vater dachte und ihre Suche nach der Wahrheit, obwohl es nie nur eine einzige Wahrheit geben kann.


    Auch ein ganz wichtiger Gedanke!



    Lucrezia und Sandro berühren mich auch sehr, aber in anderer Weise.
    Heute stand in der Zeitung ein Artikel über eine junge Frau aus Amerika, die auf dem Sterbebett geheiratet hat und dabei so glücklich aussah.
    Vielleicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, wann uns im Leben das Glück begegnet - ist es nicht viel wichtiger, dass wir es wahrnehmen und in unsere Seele lassen wie einen Lichtstrahl in dunklen Nächten ?


    Diese Nachricht ist mir in den letzten Tagen auch begegnet.
    Ich denke, man muss das auch können und sicher erst lernen - dass man im Moment lebt, dass immer nur der Moment zählt. (Gelingt mir nicht immer, nicht immer gleich gut, das gebe ich ehrlich zu.)



    Wir haben immer nur den einen Moment, den wir mit Glück und Freude, mit Liebe und Schönheit erfüllen können. Daran musste ich denken, als der Maler Sandro für die todkranke junge Lucrezia ein Leben voller Schönheit und Licht malt - diese flüchtigen Tage, die dennoch unvergänglich sind, weil sie glücklich war.



    Der Doktor hat ziemlich schnell die Ursache für ihr leiden feststellen können. Gleich zu Beginn als er auf das Wasser zu sprechen kam, hatte ich den Verdacht das etwas nicht damit stimmt.
    Der einzige Trost der ihr bleibt, ist die Tatsache daß der Maler und der Doktor an ihrer Seite sind. Zwei Menschen denen sie vertraut. Ich fand es rührend wie Sandro an ihrer Seite ist.


    Wir wissen sehr wenig über die historische Lucrezia - aber was ich herausfand, ging mir sehr nahe. Ein immer schon unsicheres, hypersensibles Mädchen, das weder in ihrem Aussehen noch in ihren Talenten mit ihren Geschwistern mithalten konnte. Als Ersatz für die schöne, kluge, tote Maria nur zweite Wahl für Alfonso, in den sie wirklich unsterblich verliebt war - und dann war sie so unglücklich in dieser Ehe ... Ein solch trauriges, so furchtbar kurzes Leben.
    Umso lieber habe ich ihr diese glücklichen Momente mit und durch Sandro geschrieben.



    Aber erst einmal zu Lucrezia. Wie kann man so grausam sein und einen Menschen mit Absicht über einen so langen Zeitraum dahin siechen lassen.
    So ein kleines , junges zartes Leben wir ausgelöscht, ohne das Lucrezia die Möglichkeit bekommen hat ihr Leben zu genießen.


    Ich versuche bei historischen Persönlichkeiten ja immer erst einmal möglichst unvoreingenommen zu sein, bis ich möglichst viele verschiedene Quellen durchgesehen habe. Alfonso allerdings ist mit Lucrezia wirklich nicht gut umgegangen; er hat von Anfang an wenig Interesse an seiner Braut gezeigt, und das bisschen an Interesse, dass da war, ließ dann auch rapide nach. Die längste Zeit ihrer Ehe ließ er Lucrezia allein. Als machte er ihr zum Vorwurf, dass sie nicht Maria war (der gegenüber er sich wesentlich zugänglicher gezeigt hatte).




    Ach, das noch schnell. In der Mensa in San Francisco, diese Szene mit dem Bild bis sie zu dem Klavier Spieler kommen, fand ich sehr traurig.


    Darf ich da kurz nachfragen, was Du daran traurig fandest? Das interessiert mich ... :)




    Ich vermute auch das Morgan Andicott irgendetwas damit zu tun hat. Aber was sind ihre Beweggründe? Da bin ich noch am rätseln, der Ohring ist doch nur eine Nachahmung oder habe ich mich da verlesen. Das ist doch kein Original? Meinst du sie hat vielleicht danach gesucht?


    Da hast Du Dich nicht verlesen - das Schmuckstück ist eine Nachahmung.



    Ich frage mich immer wieder, was das für ein Gefühl ist, 30 Jahre lang seinen Vater tot geglaubt zu haben und dann zu vermuten, daß er doch lebt. Für mich wäre das wahrlich kein Grund zur Freude, eher eine große Irritation. Zumal Gemma wegen dem Kindheitserlebnis ständig gehemmt, eingeschränkt ist.


    Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt!

  • Das Gefühl des Unheimlichen, das mich gegen Ende des dritten Abschnitts beschlichen hat, hat sich nun tatsächlich bestätigt!
    Während ich nie so recht geglaubt hatte, dass Gemma durch diese Odyssee, auf die sie, das scheint mir nun ziemlich klar zu sein, ihr Vater geschickt hat, in Gefahr geraten würde, ist es aber wohl genau so!


    Wer hat aber für den Brandalarm gesorgt, danach Gemmas Zimmer durchwühlt ( was könnte sie denn da verborgen haben? Meine Schatz-Idee gerät damit aus dem Bild, denn wer würde schon so etwas mit sich herumschleppen!? ) und verwüstet und sie dann unverhohlen bedroht? Morgan? Denn ich kann auf keinen Fall glauben, dass dieser Unbekannte ihr Vater ist. Nein, Väter tun so etwas nicht, schon überhaupt nicht, wenn sie so liebevolle Väter sind, wie es Bernstein für die kleine Gemma war.
    Mittlerweile hege ich die starke Vermutung, dass Bernsteins Verschwinden nach dem Brand des italienischen Häuschens nicht freiwillig war, dass er vielmehr auf der Flucht war, sich verstecken musste vor jemandem, der auf der gleichen Spur war, dreißig Jahre zuvor, wie Gemmas Vater.
    Doch macht das nur dann Sinn für mich, wenn er etwas entdeckt hatte, das nie an die Öffentlichkeit kommen durfte, das mit ihm sterben musste. Doch wieso setzt er jetzt Gemma darauf an?


    Die Tochter reagiert auf die Vorfälle in Waco erstaunlich gelassen! Scheinbar hat sie eine essentielle Hürde genommen: sie weigert sich, sich ihr Leben aus der Hand nehmen zu lassen. Die Zeit des Zögerns ist vorbei, sie geht den Spuren nach - und zusammen mit Sisley lag sie mit San Francisco goldrichtig.
    Ihr Vater hat - absichtsvoll? - Spuren hinterlassen in dieser Lieblingsstadt der Touristen, die aber noch eine ganz andere Seite hat! Vor Jahren las ich immer mal, dass sie so viele Obdachlose hat, wie, prozentual gesehen, keine andere Stadt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Schon seltsam, dass sich die Touristen unverdrossen weiterhin in diese Stadt verlieben, in der offensichtlich so vieles im Argen liegt...
    Und hier hat sich also Bernstein aufgehalten! Er war Universitätsprofessor, nicht wahr? Nun, dann machte er in San Francisco nichts anderes, als das, was er gelernt hatte - nur mit einem ganz anderen Klientel: er unterrichtete! Ich muss sagen, dass mir das nicht schlecht gefällt und mich durchaus für ihn einnimmt!
    Inzwischen sieht es so aus, als wollte er von seiner Tochter gefunden werden, denn Chili gibt ihr einen klaren Hinweis auf Hawaii. Es ist so, als spräche Bernstein durch ihn.
    Und in Hawaii, dem amerikanischen Bundesstaat, gleichzeitig das Touristenparadies schlechthin, mit der höchsten Obdachlosenquote des Landes ( es wäre ja nur fair, wenn die Obdachlosen von dem Geldregen, den die Millionen von Besuchern jährlich ins Land bringen, auch etwas hätten! ), wird sie also ihrem Vater endlich begegnen!


    Aber zuvor gibt es auf der ersten Zeitebene wieder zwei mich zutiefst anrührende Szenen: Dottore Pasquali ist zu Lucrezia gekommen. Er bringt ihr nicht nur ein Stück Heimat zurück, sondern sorgt mit seiner beruhigenden Anwesenheit dafür, dass das Mädchen sich in Sicherheit fühlt. Er gibt ihr neue Hoffnung, doch von ihm erfährt sie auch, dass es für sie keine Rettung mehr gibt, dass sie langsam vergiftet wurde. Und sie weiß, dass ihr Mörder niemals zur Rechenschaft gezogen werden wird...
    Wenn sie trotz aller Verzweiflung aber sagt, dass sie ihren Frieden gemacht hat, dann ist das gewiss Sandro zu verdanken mit seiner Fürsorge, seiner Liebe, seinen Farben, die er in ihr trauriges Leben bringt. Ja, das ist wirklich wunderschön und voller Zartheit geschrieben! Ich stelle mir vor, wie ein Roman aussehen würde, der die Nebenfigur Lucrezia als Protagonistin hätte - er würde nicht nur eine Saite in mir zum Klingen bringen...
    Nun aber beginnt sich der Schleier um das Geheimnis zu lüften, über das wir die ganze Zeit rätseln! Ich vermute es in jenem letzten Wunsch, den Lucrezia an Sandro hat.
    Und da alle drei Ebenen miteinander verwoben sind, kann es sich dabei nur um das grüne Gemälde handeln - oder etwa doch um den Malachit? Denn noch immer verstehe ich die Verbindung zu den Brownings nicht. Aber diese besteht vielleicht einzig und allein in "My last duchess", das auch eine Art Leitmotiv des Romans ist....


  • ( ... ) Als sie dort in dieser Obdachloseneinrichtung nach ihrem verschollenen Vater fragt, kam mir der Gedanke, dass wir unsere Eltern gar nicht wirklich kennen außer in ihren Rollen als Mutter und Vater.


    Das stimmt wohl meistens auch, heutzutage wenigstens. Doch - wer kennt schon einen anderen Menschen wirklich!?
    In vergangenen Zeiten, als in den Familien noch viel von früher erzählt wurde, war man auf jeden Fall besser über Kindheit, Jugend, junges Erwachsenenalter der Eltern, der Großeltern informiert. Und mit meinen eigenen Kindern habe ich das ebenso gemacht, denn ich finde, sie sollen nicht nur ihre Wurzeln kennen sondern auch wissen, wer ihre Eltern sind, wie sie aufwuchsen, wie sie als junge Menschen waren, etc. Also, ich habe nicht das Gefühl, meine Eltern nicht zu kennen!
    Und Gemma, um auf die Romanhandlung zurückzukommen? Sie hat eine Erinnerung, eine sehr detaillierte, lebendige übrigens, - aber wie kann sie die Eltern, die sie nur mit Kinderaugen gesehen hat, kennen? Ihren Vater, so sie ihn auf Hawaii denn findet, muss sie erst kennenlernen. Und das scheint mir eine riskante Sache zu sein....



    ( ... )Es ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Erkenntnis, als Gemma plötzlich hinter die Fassaden blickt und eine andere Realität sieht, dass auch eine Stadt wie San Francisco Abgründe hat, Armut, Verbrechen, menschliche Tragödien.


    Diese Erkenntnis, wie du es nennst, finde ich doch recht eigenartig! Gemma hat sich in New York zwar ein akribisch geordnetes Leben mit engen Grenzen geschaffen, ist dadurch aber nicht aus der Welt herausgefallen. Da sie zudem eine Frau mit einer hohen Intelligenz und einem ebensolchen Wissen ist, sollte ihr doch wohl bekannt sein, wie es um ihr Land bestellt ist, welche tiefe Kluft es gerade in Amerika zwischen den Superreichen und den ganz Armen gibt. Wenn sie jetzt, da ihr wirkliche Armut wohl zum ersten Male in ihrem privilegierten Leben begegnet, so erschüttert ist, spricht das nicht gerade für sie und sagt durchaus etwas über ihre emotionale Intelligenz aus....



    Wir haben immer nur den einen Moment, den wir mit Glück und Freude, mit Liebe und Schönheit erfüllen können. Daran musste ich denken, als der Maler Sandro für die todkranke junge Lucrezia ein Leben voller Schönheit und Licht malt - diese flüchtigen Tage, die dennoch unvergänglich sind, weil sie glücklich war.


    So ist es. Und man kann diese flüchtigen Momente in Erinnerung behalten, kann sie an schlimmen Tagen wieder heraufbeschwören und bekommt eine Ahnung, einen Schimmer von dem, was man in jenem vergangenen Moment gefühlt hat. Schöne Erinnerungen gehen nie verloren, wenn man das nicht will. Die Roman-Lucrezia ist für mich jemand, der imstande ist, dieses vergangene Schöne zu konservieren und davon zu zehren. Drum kann ihr Abschied von dieser Welt auch ein tröstlicher, versöhnlicher sein.


  • Ich frage mich immer wieder, was das für ein Gefühl ist, 30 Jahre lang seinen Vater tot geglaubt zu haben und dann zu vermuten, daß er doch lebt. Für mich wäre das wahrlich kein Grund zur Freude, eher eine große Irritation.


    Ich bin da zwiegespalten! Gemma hat diesen Vater schließlich geliebt. Und man könnte Bernsteins Verschwinden auch als nicht freiwillig interpretieren. Auf der anderen Seite, und da stimme ich Dir zu, Anne, mag Gemma sich verraten fühlen, von dem Menschen, der ihr so nahe stand verlassen und mit all ihren schrecklichen Erinnerungen alleingelassen. Und dann eine Wahnsinnswut auf ihn haben. Ja, schwierig...


  • Ich denke, man muss das auch können und sicher erst lernen - dass man im Moment lebt, dass immer nur der Moment zählt. (Gelingt mir nicht immer, nicht immer gleich gut, das gebe ich ehrlich zu.)


    Dennoch gehört auch die Vergangenheit zu unserem Leben, denn ohne sie gäbe es uns nicht. Warum sollte man sich nicht an das Schöne, das uns im Leben begegnet ist, erinnern? Und das gerne? Denn es kann eine schwere Gegenwart nicht nur erträglicher machen, sondern einen auch mit neuem Mut erfüllen. Die eigentliche Kunst ist es doch, die unguten, die bösen Momente abzuschütteln und ins Dunkel des Vergessens zu verbannen.
    Bei Lucrezia nun habe ich das Gefühl, dass sie schließlich mit der Vergangenheit, mit allem Bösen, das ihr widerfahren ist, abschließen kann und stattdessen die Momente mit Sandro lebendig erhält, die ihr das Glück bescherten, nach dem sie sich in ihrer freud- und lieblosen Ehe vergeblich gesehnt hatte. Sehr reif ist sie für ihre sechzehn Jahre...

  • Das war ein richtig spannender Abschnitt.


    Die arme Gemma, geht vermutlich gefühlsmäßig und verstandsmäßig durch die Hölle. Das ist starker Tobak, den sie da ertragen muss. Wie gut, dass sie Sisley, der anscheinend doch eine romantische Ader hat, an ihrer Seite ist.


    Bei dem Brand vermute ich ebenfalls, dass Morgen Andicott dahintersteckt. Ich denke jetzt erst recht, dass alle nach diesem Malachit-Schmuckstück suchen, dass Lucrezia und Elizabeth getragen haben. Gift hatte ich schon im Fokus, dass allerdings der Malachit selbst giftig ist, damit hatte ich dann doch nicht gerechnet. Und dieses Schmuckstück ist vermutlich auch das Verbindungsstück zu den drei Zeitebenen. Der Vater hat es wahrscheinlich damals gefunden und irgendwo versteckt. Vielleicht konnte er es nach dem Brand nicht mehr zurück holen. Überhaupt ist die Frage ja noch offen, warum der Vater nach dem Brand abgehauen ist und Gemma allein gelassen hat. Zum Schutz? Aber vor was? Vor seinem Gegenspieler, der vermutlich dieser Andicott war?


    Die Suche nach dem Vater fand ich auch sehr aufwühlend. Die Szene mit dem Klavierspieler finde ich sehr gelungen und hat mich sehr berührt. Das ist mal eine andere Art der Kommunikation.


    Lucrezia und Sandros haben mich auch diesmal wieder tief berührt. Er ist ihr letzter Halt. Was sie sich von ihm wünscht? Vielleicht soll er das Gemälde zu Ende malen mit dem Malachit drauf, denn getragen hat sie das Schmuckstück doch nie, oder? Es lag doch immer im Wasser, das sie trank. Also ein versteckter Hinweis im Bild, dass sie durch den Malachit vergiftet wurde und so eine stumme Anklage an ihren Mörder.


    Ich bin jetzt sehr gespannt, wie es nun zu Ende geht.

    Lieben Gruß Pat



    Motto: Leben und leben lassen


  • Ihr Vater hat - absichtsvoll? - Spuren hinterlassen in dieser Lieblingsstadt der Touristen, die aber noch eine ganz andere Seite hat! Vor Jahren las ich immer mal, dass sie so viele Obdachlose hat, wie, prozentual gesehen, keine andere Stadt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Schon seltsam, dass sich die Touristen unverdrossen weiterhin in diese Stadt verlieben, in der offensichtlich so vieles im Argen liegt...



    Und in Hawaii, dem amerikanischen Bundesstaat, gleichzeitig das Touristenparadies schlechthin, mit der höchsten Obdachlosenquote des Landes ( es wäre ja nur fair, wenn die Obdachlosen von dem Geldregen, den die Millionen von Besuchern jährlich ins Land bringen, auch etwas hätten! ), wird sie also ihrem Vater endlich begegnen!


    Nicht wenige Touristen stören sich an den Obdachlosen in San Francisco, deren Zahl in den letzten Jahren nicht nur statistisch, sondern auch deutlich sichtbar im Stadtbild zugenommen hat; es ist immer wieder von einem "Image-Problem" die Rede. Zumal die Obdachlosen einen doch auch immer wieder mal nach Kleingeld fragen oder nach einer Zigarette oder einfach nur das Gespräch suchen ... Mein Lieblingshotel in San Francisco (in dem ich praktischerweise auch Gemma und Sisley untergebracht habe) ist nur ein paar Häuser von einer Obdachlosenunterkunft entfernt. Das prägt das Straßenbild natürlich, und dementsprechend hagelt es immer wieder (in meinen Augen komplett ungerechtfertigte) schlechte Bewertungen für eben dieses Hotel.


    Noch viel mehr gilt dies für Honolulu, speziell für Waikiki, dem Inbegriff von Urlaub und Sorglosigkeit.



    Aber zuvor gibt es auf der ersten Zeitebene wieder zwei mich zutiefst anrührende Szenen: Dottore Pasquali ist zu Lucrezia gekommen. Er bringt ihr nicht nur ein Stück Heimat zurück, sondern sorgt mit seiner beruhigenden Anwesenheit dafür, dass das Mädchen sich in Sicherheit fühlt. Er gibt ihr neue Hoffnung, doch von ihm erfährt sie auch, dass es für sie keine Rettung mehr gibt, dass sie langsam vergiftet wurde. Und sie weiß, dass ihr Mörder niemals zur Rechenschaft gezogen werden wird...


    Dottore Pasquali und sein Besuch sind übrigens historische Tatsache - und auch, dass es Lucrezia nicht mehr nach Hause, nach Florenz, geschafft hätte.



    Wenn sie trotz aller Verzweiflung aber sagt, dass sie ihren Frieden gemacht hat, dann ist das gewiss Sandro zu verdanken mit seiner Fürsorge, seiner Liebe, seinen Farben, die er in ihr trauriges Leben bringt. Ja, das ist wirklich wunderschön und voller Zartheit geschrieben! Ich stelle mir vor, wie ein Roman aussehen würde, der die Nebenfigur Lucrezia als Protagonistin hätte - er würde nicht nur eine Saite in mir zum Klingen bringen...


    Es ist nicht so, dass mir das nicht ganz am Anfang auch durch den Kopf geschwirrt wäre, was ich aber ziemlich schnell verworfen habe. Als ganzen Roman konnte ich mir es nicht vorstellen, da wäre für mein Gefühl das, worauf es mir bei Lucrezia immer ankam, untergegangen. Ich konnte nur in dieser minimalistischen Form über sie schreiben, eingebettet und mit Bezug auf unsere Zeit.


    Dennoch gehört auch die Vergangenheit zu unserem Leben, denn ohne sie gäbe es uns nicht. Warum sollte man sich nicht an das Schöne, das uns im Leben begegnet ist, erinnern? Und das gerne? Denn es kann eine schwere Gegenwart nicht nur erträglicher machen, sondern einen auch mit neuem Mut erfüllen. Die eigentliche Kunst ist es doch, die unguten, die bösen Momente abzuschütteln und ins Dunkel des Vergessens zu verbannen.
    Bei Lucrezia nun habe ich das Gefühl, dass sie schließlich mit der Vergangenheit, mit allem Bösen, das ihr widerfahren ist, abschließen kann und stattdessen die Momente mit Sandro lebendig erhält, die ihr das Glück bescherten, nach dem sie sich in ihrer freud- und lieblosen Ehe vergeblich gesehnt hatte. Sehr reif ist sie für ihre sechzehn Jahre...


    Das meinte ich eigentlich: dass es mir nicht immer gelingt, das Schlechte abzuschütteln. Von flüchtigen Glücksmomenten zu zehren. So sollte es eigentlich sein, das weiß ich schon, ich kann das heute auch besser als früher - es gelingt mir nur nicht immer.



    Die arme Gemma, geht vermutlich gefühlsmäßig und verstandsmäßig durch die Hölle. Das ist starker Tobak, den sie da ertragen muss. Wie gut, dass sie Sisley, der anscheinend doch eine romantische Ader hat, an ihrer Seite ist.


    Ja, das tut sie. Und ich bin auch froh, dass Sisley an ihrer Seite ist.
    (Und wenn Gefühl ins Spiel kommen, ist auch die Romantik nicht weit - wenigstens ein bisschen und in welcher Form auch immer :) )



    Gift hatte ich schon im Fokus, dass allerdings der Malachit selbst giftig ist, damit hatte ich dann doch nicht gerechnet.


    Ich wusste das vorher auch nicht - ein Zufallsfund bei der Recherche, der natürlich ein absoluter Glückstreffer für diesen Roman war.

  • Nicole


    Ich fand den ganzen Moment traurig als wenn ich die Atmosphäre die im Raum stand, mit all den Gefühlen des Klavierspielers und Gemmas, spüren konnte. Das hat mich irgendwie traurig gestimmt.

  • Dennoch gehört auch die Vergangenheit zu unserem Leben, denn ohne sie gäbe es uns nicht. Warum sollte man sich nicht an das Schöne, das uns im Leben begegnet ist, erinnern? Und das gerne? Denn es kann eine schwere Gegenwart nicht nur erträglicher machen, sondern einen auch mit neuem Mut erfüllen. Die eigentliche Kunst ist es doch, die unguten, die bösen Momente abzuschütteln und ins Dunkel des Vergessens zu verbannen.


    Die Vergangenheit tragen wir immer in uns und sie hat uns zu den Menschen gemacht, die wir heute sind. Ich wollte damit nur sagen, dass der Blick zurück oft mit viel Bedauern über verpasste Chancen, Reue über gemachte Fehler und Schuldgefühlen behaftet ist. Das erschwert ja auch das Leben für Gemma so sehr - die Vergangenheit und vor allem die Leerstellen darin, belasten sie so sehr, dass ihre Gegenwart und möglicherweise auch ihre Zukunft davon betroffen sind.
    Daher habe ich vor einiger Zeit so eine Art mentales Training versucht - ohne Anleitung, nur für mich ;) - und manche Augenblicke sehr bewußt wahrgenommen - ohne Störfeuer von Gedanken an Vergangenes und Zukünftiges. Es gelingt mir auch nicht immer, aber manchmal entsteht so eine innere Ruhe und Harmonie und ich nehme viele Dinge viel intensiver wahr, gerade in der Natur - den Gesang der Vögel, das Muster von Ästen am Himmel, überhaupt alle Sinneseindrücke. Das ist so schön und mir hat es zumindest geholfen - ich bin seither viel ausgeglichener.
    Diese Gedanken hatte ich eben auch bei Lucrezia und Sandro - sie haben nur so wenig gemeinsame Zeit, dennoch sind diese Tage und Stunden so wertvoll, weil Sandro ihr das Licht und die Farben einer Welt schenkt in seinen Bildern, die sie so nie mehr sehen wird - und diese Augenblicke sind es, auf die es ankommt. Wenn die beiden immer nur an das Ende, an Tod und Vergeblichkeit gedacht hätten, wären diese Momente verschwendet gewesen...


  • Nicole


    Ich fand den ganzen Moment traurig als wenn ich die Atmosphäre die im Raum stand, mit all den Gefühlen des Klavierspielers und Gemmas, spüren konnte. Das hat mich irgendwie traurig gestimmt.


    Danke für Deine Antwort! Ich verstehe sehr gut, was Du meinst ... :)



    Die Vergangenheit tragen wir immer in uns und sie hat uns zu den Menschen gemacht, die wir heute sind. Ich wollte damit nur sagen, dass der Blick zurück oft mit viel Bedauern über verpasste Chancen, Reue über gemachte Fehler und Schuldgefühlen behaftet ist. Das erschwert ja auch das Leben für Gemma so sehr - die Vergangenheit und vor allem die Leerstellen darin, belasten sie so sehr, dass ihre Gegenwart und möglicherweise auch ihre Zukunft davon betroffen sind.


    Für mich war bei diesem Buch de Beschäftigung mit der Vergangenheit in unterschiedlichen Formen so interessant. Die persönliche (was erlebt ist und andererseits die Leerstellen, wie Du so schön sagst), die Vergangenheit der Eltern, die historische Vergangenheit - da hat der Roman für mich ganz faszinierende Aspekte entwickelt.



    Diese Gedanken hatte ich eben auch bei Lucrezia und Sandro - sie haben nur so wenig gemeinsame Zeit, dennoch sind diese Tage und Stunden so wertvoll, weil Sandro ihr das Licht und die Farben einer Welt schenkt in seinen Bildern, die sie so nie mehr sehen wird - und diese Augenblicke sind es, auf die es ankommt. Wenn die beiden immer nur an das Ende, an Tod und Vergeblichkeit gedacht hätten, wären diese Momente verschwendet gewesen...


    Das war auch eine Inspiration, die pltzlich da war - dass er ihr die Welt und all das, was sie vermisst, wonach sie sich sehnt, malt. Und allein schon, DASS er das tut, ist tröstlich und liebevoll und wunderbar ...


  • Nicht wenige Touristen stören sich an den Obdachlosen in San Francisco, deren Zahl in den letzten Jahren nicht nur statistisch, sondern auch deutlich sichtbar im Stadtbild zugenommen hat; es ist immer wieder von einem "Image-Problem" die Rede. Zumal die Obdachlosen einen doch auch immer wieder mal nach Kleingeld fragen oder nach einer Zigarette oder einfach nur das Gespräch suchen ... Mein Lieblingshotel in San Francisco (in dem ich praktischerweise auch Gemma und Sisley untergebracht habe) ist nur ein paar Häuser von einer Obdachlosenunterkunft entfernt. Das prägt das Straßenbild natürlich, und dementsprechend hagelt es immer wieder (in meinen Augen komplett ungerechtfertigte) schlechte Bewertungen für eben dieses Hotel.


    Noch viel mehr gilt dies für Honolulu, speziell für Waikiki, dem Inbegriff von Urlaub und Sorglosigkeit.


    Als ich das eben gelesen habe, musste ich erst mal schlucken und tief durchatmen ( mindestens 20 mal - das ist meine Marotte, die mich davor bewahrt, an die Decke zu gehen, wozu ich leider neige... ;)). Wenn ich reise, möchte ich, sofern es kein reiner Erholungsurlaub ist, was Städtereisen gar nicht sein können, das authentische Land sehen. Und keineswegs vor Missständen die Augen schließen.
    Die ob der vielen Obdachlosen naserümpfenden Touristen sollten vielleicht mal die Möglichkeit ins Auge fassen ( unter anderem ), dass außer den Superreichen niemand davor gefeit ist, selbst mal in Not zu geraten. Es könnte auch ihnen passieren. Mich macht diese empathielose Arroganz einfach nur wütend!
    Und um die Brücke zum Roman zu schlagen - dass der ehemals privilegierte Universitätsprofessor sich nun unter den so gar nicht Privilegierten bewegt und sich für sie engagiert, gefällt mir sehr!
    Die dreißig Jahre, in denen er sich vor aller Welt versteckte, werden ihn schon geprägt haben - und nicht zu seinem Nachteil!


  • Wenn ich reise, möchte ich, sofern es kein reiner Erholungsurlaub ist, was Städtereisen gar nicht sein können, das authentische Land sehen. Und keineswegs vor Missständen die Augen schließen.


    Das geht mir auf Reisen auch so. Ich will möglichst alles sehen, ausprobieren, in mich aufnehmen - auch die hässlichen, die traurigen Seiten.
    Für mich war es immer wieder ein Schock, die Obdachlosigkeit in den USA zu erleben, weil ich Obdachlosigkeit in diesem Ausmaß, dieser Not so nicht kannte, selbst aus deutschen Großstädten nicht. Mir ging viel von dem, was ich sah und erlebte und erzählt bekam, unter die Haut und an die Nieren - und das hat mich nachhaltig beschäftigt. Bis heute eigentlich.



    Und um die Brücke zum Roman zu schlagen - dass der ehemals privilegierte Universitätsprofessor sich nun unter den so gar nicht Privilegierten bewegt und sich für sie engagiert, gefällt mir sehr!
    Die dreißig Jahre, in denen er sich vor aller Welt versteckte, werden ihn schon geprägt haben - und nicht zu seinem Nachteil!


    Das war natürlich einerseits einfach ein schöner Plot-Twist hinsichtlich Clifford, aber auch Gemma - wenn ihr euch daran erinnert, dass sie sonntags immer Dollarnoten faltet und unter der Woche dann an Odachlose und Straßenmusiker verteilt ... Aber hauptsächlich war es für mich die Möglichkeit, davon zu erzählen.


  • Das war natürlich einerseits einfach ein schöner Plot-Twist hinsichtlich Clifford, aber auch Gemma - wenn ihr euch daran erinnert, dass sie sonntags immer Dollarnoten faltet und unter der Woche dann an Odachlose und Straßenmusiker verteilt ... Aber hauptsächlich war es für mich die Möglichkeit, davon zu erzählen.


    Stimmt! Das war mir schon wieder entfallen. Ein Pluspunkt also für Gemma es zeigt, dass sie keineswegs in einem Elfenbeinturm lebt - obwohl die freundlichen Gaben natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein können, solange sich das System nicht ändert! Doch das ist ein Thema, über das man tagelang reden könnte und sollte, das hier aber nicht hingehört....