Allgemeine Fragen an Barbara Bierach

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  • Hallo Barbara,


    die Frage hatte ich zuerst im ersten Leseabschnitt geschrieben, aber ich denke, sie gehört eher hierher in den allgemeinen Bereich - auch wenn das Buch den Anstoß gegeben hat.


    Kurz gestolpert bin ich auf Seite 17 über den Ausdruck "das britisch besetzte ... Northern Ireland". Fühlt man sich in Nordirland wirklich noch "besetzt"? Aufgrund des Brexit habe ich in den letzten Monaten viel über England, Nordirland und die Republik Irland gelesen und hatte eher das Gefühl, dass die Nordiren ganz zufrieden sind, zu Großbritannien zu gehören, auch wenn sie überwiegend gegen den Brexit gestimmt haben.


    Wie ist denn hier die aktuelle Stimmungslage?


    Liebe Grüße von Annabas :winken:

  • Hallo Barbara! Mich würde interessieren ob du (ich hoffe, ich darf du sagen) Irland schon bereist hast? ...oder weshalb ein Irland Krimi? Denn die Atmosphäre kommt sehr gut rüber und ich denke nicht, dass man das "nur" durch Recherchen so hinkriegt.

  • Hallo, liebe Annabas,

    das mit Nordirland und dem Status als besetztes Land kommt auf die Perspektive an. Die Protestanten in NI sind in der Regel Unionisten und wollen britisch bleiben. Viele der Katholiken in NI - eine Minderheit - jedoch wollen nach wie vor ein vereinigtes Irland als Republik unter der Führung von Dublin. Die IRA rekrutierte ihre Kämpfer ja auch vor allem aus den Katholiken in Belfast und drumherum. Diese Leute sind ja alle noch da, so einfach verschwinden diese Konflikte nicht, auch nciht nach einem Friedensabkommen.

    Erinnerst du dich noch an das geteilte Deutschland? Das war auch eine Frage der Perspektive... wollte man die Wiedervereinigung oder doch lieber nicht? Jedenfalls sind von den vier früher mal geteilen Ländern - Deutschland, Vietnam, Korea und Irland - noch 2 übrig. Irland und Korea. Keine besonders attraktive Liste, wie ich finde.

  • Hallo Igela,

    ich habe Irland schon bereist. Auch, weil ich seit fast 3 Jahren hier lebe. Bin mit einem Anglo-Iren verheiratet, also einem Protestanten, dessen Vorfahren auf die britischen Besatzer zurück gehen. Kein ganz einfaches Erbe in diesem Land. Wir sind 2015 nach Irland zurück gekommen, um das alte Farmhaus der Familie zu renovieren. Es ist von 1781 und stand ein paar Jahre lang leer. Was einem da so alles widerfährt, steht auf meinem Blog "... und vor der Tür nichts als Schafe." https://www.bierach.com/blog

  • Barbara, das merkt man, dass du Irland kennst. So, wie die Problematik "Religion" beschrieben ist im Buch, konnte es nur so sein!

    Ich beneide dich, in diesem schönen Land zu leben muss wunderbar sein!

  • Hallo Ingela, ja, Irland ist ein schönes Land. Aber auch ein armes Land und eines mit viel Regen. Ich lebe gerne hier, aber ein Land mit so einer schweren Geschichte - britische Kolonie, schwere Hungersnöte, Bürgerkrieg, Terror - hat auch wirklich dunkle Seiten. Die lassen sich aber vermutlich nur erfahren, wenn man dauerhaft hier lebt und das Vertrauen seiner Nachbarn gewinnt. Dann hört man, was sie wirklich denken. Die Iren reden viel und gerne... können aber auch stundenlang quatschen, ohne viel zu sagen. Das lernt man vermutlich, wenn man 1000 Jahre lang die Besatzer im Land hat: tu so, als wärst du offen und kooperativ, sag aber in Wirklichkeit kein Wort.

  • Ich musste schmunzeln über "die Iren reden viel und gerne"...das habe ich auf meiner Reise durch Irland erlebt. Selten so gute Gespräche mit völlig Fremden gehabt, wie in Irland!:)

  • Liebe Barbara,

    dein Irland und deine Emma haben mich so begeistert das ich mich nach dem Schreiben der Rezi gerade ganz leer fühlte..und da ich gerade auch kein anderes Buch lese und die nächste Runde hier erst Freitag startet, musste ich mir eben mal schnell Lügenmauer als Ebook laden...

    Ich freue mich darauf


    Ganz liebe Grüsse

    dieUnkaputtbare

  • Hallo, liebe Annabas,

    das mit Nordirland und dem Status als besetztes Land kommt auf die Perspektive an. Die Protestanten in NI sind in der Regel Unionisten und wollen britisch bleiben. Viele der Katholiken in NI - eine Minderheit - jedoch wollen nach wie vor ein vereinigtes Irland als Republik unter der Führung von Dublin. Die IRA rekrutierte ihre Kämpfer ja auch vor allem aus den Katholiken in Belfast und drumherum. Diese Leute sind ja alle noch da, so einfach verschwinden diese Konflikte nicht, auch nciht nach einem Friedensabkommen.

    Erinnerst du dich noch an das geteilte Deutschland? Das war auch eine Frage der Perspektive... wollte man die Wiedervereinigung oder doch lieber nicht? Jedenfalls sind von den vier früher mal geteilen Ländern - Deutschland, Vietnam, Korea und Irland - noch 2 übrig. Irland und Korea. Keine besonders attraktive Liste, wie ich finde.

    Hallo Barbara,


    ich bin in dem geteilten Deutschland aufgewachsen und eine Wiedervereinigung war mir herzlich egal, ich kannte ja nichts anderes und hatte auch keine Verwandten im anderen Teil. So geht es vermutlich auch vielen Leuten in/mit Irland. Da hast du recht mit der Frage der Perspektive.


    Die Iren reden viel und gerne... können aber auch stundenlang quatschen, ohne viel zu sagen.

    Oh ja, die Dubliner Taxifahrer lassen ihre Gäste selten zu Wort kommen, das habe ich selbst erfahren ... :totlach:

  • Erinnerst du dich noch an das geteilte Deutschland? Das war auch eine Frage der Perspektive... wollte man die Wiedervereinigung oder doch lieber nicht?

    Ich bin '69 geboren und mit dem geteilten Deutschland aufgewachsen, bis 1986 hatte ich mir daher auch keine großen Gedanken bzgl. Wiedervereinigung gemacht. 1986 haben wir die obligatorische Klassenfahrt nach Berlin gemacht und als ich damals an der Mauer stand, ist mir diese Trennung das erste Mal richtig bewusst geworden. Und mein größter Wunsch damals war, dass ich es noch erleben möchte, wenn diese bescheuerte Mauer fällt. Dass das drei Jahre später der Fall sein würde, hatte ich seinerzeit nicht erwartet.

    Hallo Ingela, ja, Irland ist ein schönes Land. Aber auch ein armes Land und eines mit viel Regen. Ich lebe gerne hier, aber ein Land mit so einer schweren Geschichte - britische Kolonie, schwere Hungersnöte, Bürgerkrieg, Terror - hat auch wirklich dunkle Seiten. Die lassen sich aber vermutlich nur erfahren, wenn man dauerhaft hier lebt und das Vertrauen seiner Nachbarn gewinnt. Dann hört man, was sie wirklich denken. Die Iren reden viel und gerne... können aber auch stundenlang quatschen, ohne viel zu sagen. Das lernt man vermutlich, wenn man 1000 Jahre lang die Besatzer im Land hat: tu so, als wärst du offen und kooperativ, sag aber in Wirklichkeit kein Wort.

    Ja, das glaube ich, dass man wirklich in dem Land leben muss, um es und seine Menschen wirklich kennenlernen zu können. Und um zu erkennen können, wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst und prägt. Ich finde diese Informationen jedenfalls sehr spannend.

  • Hab gerade noch mal über eure Kommentar hier nachgedacht... wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt. Das ist ein ganz wichtiger Gedanke, der gerade hier in Irland wirklich Gewicht entwickelt. Wir in Deutschland haben unsere innerdeutsche Grenze überwunden, mit grossen Schmerzen, aber ohne Bürgerkrieg. Was passieren würde, sollten sich die Briten jemals aus Nordirland zurückziehen, ist jedoch immer noch ein unbeantwortete Frage. Viele fürchten, dass es wieder zu Gewalt kommen würde, so tief sind die Gräben und so groß die Animositäten. Die protestantsiche Mehrheit will unbedingt in der "Union" mit den Briten bleiben, die katholische Minderheit will die Insel wiedervereinigt unter der Führung von Dublin sehen.

    Ein Besuch in Belfast ist echt ein Erlebnis, auch nach dem Friedensabkommen stehen viele der Mauern noch und auch der Stacheldraht zwischen den katholischen und protestantischen Brennpunkten ist noch nicht weggeräumt. Ich stand ziemlich fassungslos vor dem Gerichtsgebäude in Belfast: die IRA hat dieses Haus über 180 Mal (!) angegriffen (Zahlt stammt von einem Fremdenführer). Auch gibt es ganze Strassenzüge mit "Murals" - politisch motivierte Wandgemälde, auf denen sich die jeweiligen Gruppen verewigt haben. Die Leute gehen da immer noch jeden Tag dran vorbei. Aber immerhin: Die Zeit der Bomben und der Strassensperren ist vorbei. Hoffen wir, dass der Brexit nicht für neuen Ärger sorgt.

  • Aber immerhin: Die Zeit der Bomben und der Strassensperren ist vorbei. Hoffen wir, dass der Brexit nicht für neuen Ärger sorgt.

    Das hoffe ich auch sehr. Da ich bisher noch nie in Belfast war, war mir gar nicht klar, dass das immer noch so drastisch sichtbar ist.