07 - Seite 457 bis 529 (Kapitel 20 bis einschließlich Epilog)

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  • Hier könnt Ihr zum siebten Abschnitt - Kapitel 20 bis einschließlich Epilog - schreiben.


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  • Zugegebenermaßen konnte ich mich nicht mehr beherrschen und musste weiterlesen - zu gespannt war ich auf das Ergebnis der Suche Moritz' und sonstiger Entwicklungen.

    Aber schon schnell hat mich der Katzenjammer eingeholt, denn auch wenn ich im letzten Abschnitt spekuliert habe, dass es durchaus eine Option wäre, wenn Hannah mit Holger zusammenkommen würde. Damit meinte ich aber keinesfalls, dass Hannah den Fuchs nie wieder sieht oder gar, dass er doch noch den immer wieder herbeigesehnten Tod finden würde... Die Suche Richtung Osten ist wirklich Wahnsinn, aber Moritz wollte sich eben einmal komplett seiner Verantwortung stellen - auch wenn sein Ansinnen im Grunde als lebensmüde zu bewerten ist. Von daher ist die Überlegung Hannahs, dass der letzte Brief an sie auch so etwas wie ein Testament sein könnte, vermutlich richtig.

    Holgers Blick auf die Situation finde ich allerdings am zutreffendsten: es macht den Eindruck, als würde Moritz nicht nur seine Geschwister suchen, sondern spätestens ab dem Zeitpunkt, als er alle Waisenheime und Eggestein durch hat, vor allen Dingen seine Strafe herbeizusehnen.

    Als Moritz dann in die Oder steigt, hatte ich zuerst Angst, dass er es darauf anlegt, zu ertrinken. Als er dann aber den Rucksack abstreift und einen Ausweg aus dem Strudel sucht, hatte ich wiederum den Eindruck, dass er leben möchte. Dass er dann doch in einen starken Sog gerät, hielt ich erst einmal für einen argen Cliffhanger... Erst mit der Mitteilung des Roten Kreuzes wurde mir schlagartig bewusst, dass Moritz wirklich tot ist. Ich denke am Ende, dass sein Lebenswille letzten Endes vermutlich doch zu schwach war...


    So sehr ich Moritz auch ins Herz geschlossen habe, ich konnte in Holger keinen Rivalen sehen. Der ehemalige Offizier ist ein so gütiger, zurückhaltender Mann, der mich mit seinem geduldigen Art, um Hannah zu werben, wirklich beeindruckt hat. Alleine die Tatsache, dass er sich mit Hannah auf eine wochenlange Suche nach Moritz macht, hat mich sehr für ihn eingenommen. Alleine die vielen kleinen Momente, in denen er Hannah beigestanden hat, ohne jemals Aufhebens um sich selbst zu machen. Und wenn ich nicht schon längst überzeugt gewesen wäre, dann spätestens an der Stelle, an der Holger mit den Waisenkindern eine Wasserschlacht veranstaltet...

    Hannahs Situation muss wirklich herzzerreißend gewesen sein, denn die Entscheidung zwischen den beiden Männern ist wirklich unvorstellbar schwer. Letztlich nimmt ihr Moritz diese Entscheidung ab - schlicht und ergreifend, weil er der Ansicht ist, dass er selbst kein Glück sondern lediglich Strafe verdient hat. Er ist eine durch und durch gebrochene Seele, die nur selten - gemeinsam mit Hannah - ein wenig Licht am Horizont sehen konnte. Wie es wohl gewesen wäre, wenn er Lukas und Elfie gefunden hätte? Wäre dann doch ein wenig Hoffnung möglich gewesen?

    Holger und Hannah hingegen haben die Chance, sich gegenseitig zu stützen, zu verstehen und - wenn nötig - die Scherben ihrer Herzen zusammenzusetzen und an der Stelle zu halten. Mit ihren bald adoptierten Kindern Lukas und Elfie haben alle in der Familie dunkle Erinnerungen mit sich zu tragen, aber ich bin mir sicher, dass sie es gemeinsam schaffen.


    Dass Hannah an ihrem Hochzeitstag noch einmal zurückblickt, finde ich nicht nur verständlich, sondern auch wunderschön. Es ist eine Last und ich denke, dass sie immer mal wieder von Trauer um ihre verlorenen Liebsten eingeholt wird, aber es ist einfach großartig, dass sie die Erinnerungen nicht ausklammern, sondern in ihrem Leben behalten will.


    Und dass dann auch noch einmal Freddie und Egon auftauchen, stimmt mich versöhnlich - die Freunde haben sich trotz all der Nachkriegswirren nicht aus den Augen verloren. Zudem scheint es, als hätten auch diese beiden ein wenig Glück gefunden. Ob Freddie inzwischen wohl Tanzlehrer ist?

    Tja, und Moritz ist in Russland zerbrochen. Unrettbar - auch wenn es zwischendurch den Eindruck machte, dass doch noch eine Chance bestünde.


    Nun bin ich mal auf Eure Eindrücke gespannt.

  • Oh je, selbst Stunden nach der Beendigung des Buches (naja, ganz stimmt es nicht, da ich mit dem Nachwort noch ein bisschen warten wollte) bin ich immer noch ganz mitgenommen. Ohne Frage ist es ein passendes Ende, eines, dass für die damalige Zeit so rund ist, wie man es den beiden bald Vermählten nur wünschen kann.

    Und doch ist da auch Schmerz, der mich sehr berührt. Allen voran der Verlust des Fuchses und die Tatsache, dass Klara ihre Deportation offensichtlich nicht überlebt hat.

    Gleichzeitig ist da aber auch jede Menge Glück, denn mit Holger hat Hannah einen wirklich guten Partner gefunden. Und dann sind da ja auch noch Elfie und Lukas, die die Erinnerung an Moritz wachhalten werden und die sich so sehr über ihr neues Zuhause freuen! Alleine die Szene am Badesee - zuerst die Wasserschlacht von Elfie und Holger und dann dieser Moment, an dem sich Elfie ganz sachte an Hannah lehnt und Lukas sie anstrahlt... Da hatte ich wirklich einen Klos im Hals - vor lauter Glück. Was sind Hannah und Holger nur für tolle Menschen, dass sie Moritz' letzten Wunsch erfüllen und die Kinder suchen und zu sich nehmen.<3

  • Obwohl Hannah immer noch oft an Moritz denkt und ihm Briefe schickt, die sie nie absendet, wird die Bindung an Holger immer enger. Bei ihm fühlt sie sich geborgen und verstanden, er ist einfühlsam und erkennt ihre inneren Konflikte, ohne sie mit seinen Gefühlen zu bedrängen. Außerdem ist dieser Gutshof, dieses Land, der See und der Strand schon lange der Ort, an dem sie zuhause sein möchte, auch wenn ihr das lange nicht bewußt ist. Ich habe mich für die beiden gefreut, als sie endlich nach dem Tanzabend die Nacht miteinander verbringen.

    Das Schicksal von Moritz ist und bleibt dagegen leider tragisch und ausweglos. Er kommt nochmal zurück und flieht sofort wieder, nachdem er ihr seinen letzten Brief schicken lässt. Ob er seine Geschwister wirklich finden will oder ob das nur ein Vorwand für seine Flucht vor Hannah ist, lässt sich schwer sagen, aber es ist zumindest der Impuls für seine rastlose Suche, die in letztendlich in den Tod treibt.

    Für Hannah ist die letzte Hürde, die ihrer Ehe mit Holger noch im Weg stand, mit der Gewissheit, dass Moritz nicht mehr am Leben ist, genommen. Auch die Adoption seiner Geschwister bestärkt sie in ihrem Entschluss. Die Szene am Ende, als sie die geliebten Menschen nochmal auf den alten Photos betrachtet und ihren Frieden mit der Vergangenheit macht, ist sehr berührend. Nun kann sie endlich all den Kummer, die tragischen Verwicklungen und Zweifel hinter sich lassen und in eine glückliche, friedliche Zukunft blicken mit ihrer neuen Familie.

  • Hannah konnte Moritz erst loslassen, als sie sich mit Holger, dem Gutsbesitzer auf die Suche gemacht und ihn nicht gefunden hatte. Mit den Geschwistern Lukas und Elfriede, die Hannah und Holger adoptieren wollen, schließt sich der Kreis. Mit Holger hat Hannah jemanden gefunden, auf den sie bauen kann. Mit ihm, mit den Kindern, kann eine neue fröhlichere Zukunft beginnen.


    Die beiden Geschwister mußten viel durchmachen, bis sie ins Waisenheim kamen. Was für uns Erwachsene sich schon schrecklich anhört, wie mag das nur für die Kinder gewesen sein?


    Auch Moritz mußte sich vergewissern, daß es Hannah gut ging, bevor er sich auf den Weg Richtung Osten machte. Er hatte sich eine letzte Aufgabe gesetzt, die er unbedingt durchziehen wollte.

  • Bei mir wirkt das Buch auch noch nach. Ich habe schon viele Geschichten über den Zweiten Weltkrieg gelesen, aber dieses Buch war wirklich das eindringlichste. So viel Leid, Elend und Seelenqual! Die Autorin hat ein Werk geschaffen, auf das sie sehr stolz sein kann! Chapeau!

  • Und doch ist da auch Schmerz, der mich sehr berührt. Allen voran der Verlust des Fuchses und die Tatsache, dass Klara ihre Deportation offensichtlich nicht überlebt hat.

    Daß Klara ihre Deportation offensichtlich nicht überlegt hat, paßt zu dem Buch. Wenn doch, wäre das Stoff für ein anderes Buch.

  • Aber schon schnell hat mich der Katzenjammer eingeholt, denn auch wenn ich im letzten Abschnitt spekuliert habe, dass es durchaus eine Option wäre, wenn Hannah mit Holger zusammenkommen würde. Damit meinte ich aber keinesfalls, dass Hannah den Fuchs nie wieder sieht oder gar, dass er doch noch den immer wieder herbeigesehnten Tod finden würde... Die Suche Richtung Osten ist wirklich Wahnsinn, aber Moritz wollte sich eben einmal komplett seiner Verantwortung stellen - auch wenn sein Ansinnen im Grunde als lebensmüde zu bewerten ist. Von daher ist die Überlegung Hannahs, dass der letzte Brief an sie auch so etwas wie ein Testament sein könnte, vermutlich richtig.

    Ich hatte trotz allem nicht den Eindruck, dass er sich wirklich umbringen will. Es war wie ein endloses Ringen nach Erlösung. Er spielte zwar mit dem Gedanken, wie er auch im Krieg schon damit spielte. Aber er war kein Selbstmörder, sonst hätte er es schon längst tun können. Er hoffte immer noch, irgendwie seinen Seelenfrieden wieder finden zu können. Ich bin vor allem traurig, dass er seine Geschwister nicht mehr gefunden hat, obwohl sie noch leben. Das hätte ich ihm so gewünscht.


    Ich bin Daniela ehrlich dankbar, dass der letzte Abschnitt für mich der war, in dem ich endlich Hoffnung und Zuversicht spüren konnte und der Blick nach vorne für Hannah und Holger und die Kinder ein schöner und sogar ein fröhlicher sein konnte. Die Szenen ihres ersten Treffens waren einfach toll und dazu noch einmal die Infos über die vielen Hunderttausende von Waisen und ich aufwühlendes Schicksal - eines meiner Highlights im Buch. Ich hätte das Buch nicht so rückwärts gewandt beenden wollen. Auch der Tod von Moritz wurde auf eine sehr kluge Art rübergebracht, nämlich in einem Brief vom Roten Kreuz, in dem doch die Nüchternheit den richtigen Ton getroffen hat. So hat der Brief doch auch das einzig Gute, dass nun einer Adoption nichts mehr im Wege steht und es ist auch besser, dass keine Ungewissheit über sein Schicksal mehr herrscht.


    Daniela, dein Buch ist eines meiner Jahreshighlights. :anbet:

  • Was sind Hannah und Holger nur für tolle Menschen, dass sie Moritz' letzten Wunsch erfüllen und die Kinder suchen und zu sich nehmen. <3

    Göttlich, wie sie grübeln, wie viele Kinder man denn im Gut unterbringen könnte - neben den zukünftigen eigenen. :love:

  • Ich hatte trotz allem nicht den Eindruck, dass er sich wirklich umbringen will. Es war wie ein endloses Ringen nach Erlösung. Er spielte zwar mit dem Gedanken, wie er auch im Krieg schon damit spielte. Aber er war kein Selbstmörder, sonst hätte er es schon längst tun können.

    Selbstmörder nicht, nein. Dennoch hing er nicht mehr sonderlich an seinem Leben, denn er wusste, dass es Wahnsinn ist, zu dieser Zeit östlich der Oder zu suchen. Er wusste Hannah in guten Händen und die Hoffnung, Lukas und Elfie wiederzufinden schwand zunehmen - beides Punkte, die - zusätzlich zu der schweren Schuld, die er verspürt hat - den Faden zu seinem eigenen Leben noch dünner werden ließ.

    Er hat ja in der Oder nicht sofort losgelassen, sondern gegen die Strömung gekämpft. Aber der eine Strudel war zu stark - und dieser Gefahr war er sich bewusst, als er in den Fluss gesprungen ist.

  • Aber der eine Strudel war zu stark - und dieser Gefahr war er sich bewusst, als er in den Fluss gesprungen ist.

    Junge Menschen gehen ja oft mal große Risiken ein, weil sie sich für unverwundbar halten. Das ist eine Eigenart der Jugend, denke ich. Irgendwo stand, glaub ich auch mal, dass Moritz dachte, der Tod wollte ihn nicht (sinnbildlich) weil er ja schon im Krieg bei den Bombenentschärfern immer der war, der überlebte. In der Oder hatte ich nicht das Gefühl, dass er loslässt, sondern dass er kämpft. Vielleicht wollte Daniela ja auch, dass jeder sich seine eigene Meinung darüber bildet, was in Moritz wirklich vorging. ;)

  • Ich konnte mich jetzt auch nicht mehr beherrschen und habe den Rest in einem Rutsch gelesen. Und wie auch schon in Winterhonig habe ich im Epilog wieder einmal jede Menge Tränen vergossen. Die Szene, in der Hannah die Kiste durchgeht, jede Person ihres Herzens noch einmal Revue passieren lässt... das war wirklich schmerzvoll schön. Ich liebe solche Szenen in Büchern, alles scheint dann soweit zurück zu liegen und man wird sich der langen Reise bewusst, die man gemeinsam mit dem Protagonisten zurückgelegt hat. Und dann stellt man fest, dass Hannah zu einer Freundin geworden ist, die man einfach nur versteht. Und ihr Schicksal ist ja durchaus nicht aus der Luft gegriffen, ähnliches kennen sicher viele von ihren Großmüttern. Und doch, am Ende bleibt die Hoffnung. Weil man einfach keine Wahl hat und irgendwann nach vorne schauen muss, wenn man weiterleben will.

    Das ist überhaupt das eigentliche Wunder- das Leben treibt einen eben irgendwie immer weiter vorwärts. Stehenbleiben geht nicht. Und so ging es auch Hannah.


    Ich bin Daniela sehr dankbar, dass sie die Geschichte zu so einem runden Schluss gebracht hat und die Leser nicht in ein an den Haaren herbeigezogenes Ende wirft. Der Schluss ist authentisch, er ist nachvollziehbar und real. Natürlich trauere ich um Moritz. Aber es wäre einfach nicht gut gegangen, und auf Biegen und Brechen die beiden zusammen zu bringen hätte aus 'Wie Treibholz im Sturm' eine Schmonzette gemacht, die dem Buch in keiner Form gerecht geworden wäre. Ich dachte ja im Hinterkopf: Es ist doch am Ende nie der anständige Mann, sondern immer der Kerl mit dem Motorrad, sinnbildlich gesprochen, der am Ende der Auserwählte ist. Hier hat mal eine Autorin den Mut, mit diesem Muster zu brechen. Danke! Denn das ist einfach der Schluss, der zu dieser Geschichte passt und auch zu dem geschliffenen, liebevollen Schreibstil bei dem man bei jedem Wort merkte, dass die Autorin ihre Figuren liebt.


    Etwas so eindrückliches, bewegendes und dabei gnadenloses habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Morgen werde ich mich an meine Rezension setzen solange alle Gedanken noch frisch sind- aber ich kann schonmal sagen, dass das Buch ein absolutes Jahreshighlight für mich ist. Und vermutlich wird es mich auch noch eine ganze Weile beschäftigen.


    Es ist so schön, dass ich Teil dieser Runde sein durfte. Eure Gedanken und die Diskussion hat mir sehr gefallen und das Erlebnis dieses Buches nochmal großartiger gemacht.

  • Aber der eine Strudel war zu stark - und dieser Gefahr war er sich bewusst, als er in den Fluss gesprungen ist.

    Junge Menschen gehen ja oft mal große Risiken ein, weil sie sich für unverwundbar halten. Das ist eine Eigenart der Jugend, denke ich. Irgendwo stand, glaub ich auch mal, dass Moritz dachte, der Tod wollte ihn nicht (sinnbildlich) weil er ja schon im Krieg bei den Bombenentschärfern immer der war, der überlebte. In der Oder hatte ich nicht das Gefühl, dass er loslässt, sondern dass er kämpft. Vielleicht wollte Daniela ja auch, dass jeder sich seine eigene Meinung darüber bildet, was in Moritz wirklich vorging. ;)

    Das würde ich auch sagen- du sagst es schon, diese Situation war irgendwie sehr offen gestaltet und für sämtliche Interpretationen offen. Ich persönlich glaube einfach, er hat die Situation unterschätzt. Es hätte leichtere Wege gegeben, sich umzubringen, oder?

    Ich glaube eher, er wollte wirklich nur rüberschwimmen und hat in der Dunkelheit die Strömung unterschätzt. Das geschieht ja wirklich schnell.

  • Sagt mal, gab es diese Anfragen beim Roten Kreuz eigentlich wirklich? Also dass man sich dort nach dem Verbleib seiner Lieben erkundigen konnte?

    Ja, die gab und gibt es:

    Formular beim DRK


    Im letzten Jahr wurde übrigens beschlossen, dass 2023 die Suche nach Vermissten des II. Weltkrieges eingestellt wird, da aktuelle Konflikte das DRK immer stärker fordern:

    Zeit Online

  • Sagt mal, gab es diese Anfragen beim Roten Kreuz eigentlich wirklich? Also dass man sich dort nach dem Verbleib seiner Lieben erkundigen konnte?

    Ja, die gab es tatsächlich, und die haben eine ausschlaggebende Rolle in der Überlebendensuche nach dem 2. Weltkrieg gespielt. Ohne das hätten sehr, sehr viele Familien nie wieder zusammengefunden. Das rote Kreuz war in der Regel die zentrale Anlaufstelle, an die man sich wenden konnte, wenn man jemanden vermisst hat. Dort wurden alle Informationen über Vermisste, Gefallene und wiedergefundene Personen zusammengeführt. Das heißt, sie haben sämtliche Personenakten und Informationen, die irgendwo zur aufgetaucht sind, bekommen, um sie auszuwerten.
    Gerade nach dem Fall des eisernen Vorhangs sind viele Akten und Informationen in Russland aufgetaucht und dem roten Kreuz zur Verfügung gestellt worden, die dann erst ausgewertet werden konnten. Deshalb gab in den 90er Jahren nochmal einen Schub von Familienzusammenführungen, weil doch ziemlich viele Leute, insbesondere Kinder in den ehemaligen Ostgebieten zurückgeblieben sind und dort dann in Waisenheimen oder anderen Familien aufgewachsen sind. (Das ist übrigens eins der Themen, die ich mir noch vorgenommen habe ;-) )

    Die Aufgabe der Personensuche hat das rote Kreuz übrigens bis heute. Auch in den aktuellen Kriegskonflikten suchen sie weltweit nach Vermissten. Man kann sich übrigens auch als ehrenamtlicher Personensuchhelfer ausbilden lassen. Ich habe mir schon überlegt, ob ich das mache, weil es einerseits interessant und andererseits extrem wichtig ist, dass Leute das machen. Momentan scheitert es bei mir an der Zeit (wie vermutlich bei vielen) - aber wenn ich mal Luft habe, steht das weit vorne in der Rangliste, was ich noch vorhabe.
    In dem Fall wird man allerdings auch in Katastrophensituationen eingesetzt, beispielsweise bei Attentaten oder einem größeren Unglück, wenn innerhalb kurzer Zeit die Anfragen von Angehörigen bearbeitet werden müssen, ob ihre Familienmitglieder von einem Unglück betroffen sind. Das muss einem bewusst sein und man muss sich schon zutrauen, das emotional hinzukriegen.

  • Dankeschön ihr beiden!

    Ich finde das ehrlich gesagt erschütternd, dass heute noch (soviele Jahre nach dem Krieg) immer noch eine so große Nachfrage herrscht. Das spricht mMn auch dafür, wie stark das Kriegstrauma auch nachfolgende Generationen noch beeinflusst und wieviele Familien nie wieder ganz vollständig geworden sind. Andererseits ist es auch auf eine Art ermutigend- die Verschollenen sind immer noch nicht vergessen. Eigentlich hatte doch jede Familie Verluste zu betrauern, und so wie es klingt war es spätestens der Nachbar, bei dem ein Familienmitglied verschollen war.


    Dass man sich dort auch zum ehrenamtlichen Helfer ausbilden lassen kann, wusste ich nicht. Ich werde mal Kontakt mit denen aufnehmen und fragen, ob es in meiner Nähe ein Kreisauskunftsbüro gibt. Das könnte ich mir gut vorstellen, mich da zu beteiligen- weil es stimmt: Das ist eine wichtige Aufgabe und jemand muss das machen.


    Über ein Buch, das sich mit den zurückgebliebenen Waisen befasst (das hatte auch etwas mit den sogenannten Wolfskindern zu tun, die versuchten, allein in den Wäldern Ostpreußens zu überleben, oder?) würde ich mich sehr freuen. Als Holger und Hannah zum Schluss in das Waisenhaus fahren hatte ich auch gleich den Gedanken, dass es doch mal Bücher über diese Perspektive geben müsste.

  • Dankeschön ihr beiden!

    Ich finde das ehrlich gesagt erschütternd, dass heute noch (soviele Jahre nach dem Krieg) immer noch eine so große Nachfrage herrscht. Das spricht mMn auch dafür, wie stark das Kriegstrauma auch nachfolgende Generationen noch beeinflusst und wieviele Familien nie wieder ganz vollständig geworden sind. Andererseits ist es auch auf eine Art ermutigend- die Verschollenen sind immer noch nicht vergessen. Eigentlich hatte doch jede Familie Verluste zu betrauern, und so wie es klingt war es spätestens der Nachbar, bei dem ein Familienmitglied verschollen war.

    Die Nachfrage heute lässt allmählich schon nach. Jetzt geht es auch nicht mehr um die Suche nach Vermissten, sondern mehr darum, zu erfahren, in welchen Einheiten die Väter oder Großväter eingesetzt waren und vielleicht näheres herauszufinden, wo und unter welchen Umständen sie gefallen sind.
    Die Sucharbeit des Roten Kreuzes beschränkt sich aber nicht auf die Suche nach 2. Weltkriegsvermissten. Inzwischen sind sie auch sehr beschäftigt mit der Suche nach Vermissten aus aktuellen Krisenherden.
    Das ist ja auch das, was Dubh schrieb, dass die Suche nach 2. Weltkriegsvermissten in ein paar Jahren eingestellt wird, weil die Ressourcen für aktuelle Konflikte gebraucht werden.
    Wenn man auf die Seite des Roten Kreuzes geht, findet man dort auch aktuelle Suchmeldungen. Da kann man dann in etwa sehen, was derzeit wohl die Hauptaufgabe ist.

    Über ein Buch, das sich mit den zurückgebliebenen Waisen befasst (das hatte auch etwas mit den sogenannten Wolfskindern zu tun, die versuchten, allein in den Wäldern Ostpreußens zu überleben, oder?) würde ich mich sehr freuen. Als Holger und Hannah zum Schluss in das Waisenhaus fahren hatte ich auch gleich den Gedanken, dass es doch mal Bücher über diese Perspektive geben müsste.

    Ja, genau, ein Buch aus Wolfskinderperspektive war die Grundidee :-) Denn du hast völlig recht. Dieser Teil der Geschichte ist mit dem Treibholz nur angerissen. Da gibt es noch weit mehr zu erzählen.

  • Hochinteressant und ein sehr wichtiges Thema. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass das auch wieder eine enorme Recherchearbeit ist, zumindest so vielschichtig, wie du deine Charaktere anlegst. Im Grunde kann man sich da ja nur auf Zeitzeugenberichte verlassen. Ich weiß nicht, wie leicht die zu finden sind. Aber ich freue mich jetzt schon drauf. Viele Stimmen und Nischen im Kriegsgeschehen sind noch weitgehend unerforscht- da bist du ja auch mit den Pferden in beiden Büchern drauf eingegangen, das hat bisher noch nicht jemanden interessiert (was ich wirklich schaurig finde). Ich denke dass da noch einiges schlummert, dem sich noch nie jemand angenommen hat. Und auch das Tabu der Nachkriegsfrauen die von der roten Armee überrannt wurden. Oder die Trümmerfrauen.

    Das sind alles Geschichten, die nur sehr wenig Beachtung fanden bisher. Ich weiß nicht warum, ich finde sie wichtig.

  • Hochinteressant und ein sehr wichtiges Thema. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass das auch wieder eine enorme Recherchearbeit ist, zumindest so vielschichtig, wie du deine Charaktere anlegst. Im Grunde kann man sich da ja nur auf Zeitzeugenberichte verlassen. Ich weiß nicht, wie leicht die zu finden sind. Aber ich freue mich jetzt schon drauf. Viele Stimmen und Nischen im Kriegsgeschehen sind noch weitgehend unerforscht- da bist du ja auch mit den Pferden in beiden Büchern drauf eingegangen, das hat bisher noch nicht jemanden interessiert (was ich wirklich schaurig finde). Ich denke dass da noch einiges schlummert, dem sich noch nie jemand angenommen hat. Und auch das Tabu der Nachkriegsfrauen die von der roten Armee überrannt wurden. Oder die Trümmerfrauen.

    Das sind alles Geschichten, die nur sehr wenig Beachtung fanden bisher. Ich weiß nicht warum, ich finde sie wichtig.

    Ich könnte mir vorstellen, dass die geringe Beachtung dieser Themen an der Scheu liegt, sich an die wirklich schwierigen und zweischneidigen Stoffe heranzuwagen. Da haben bis jetzt viele Tabus gewirkt, die es Betroffenen unmöglich gemacht haben, darüber zu schreiben - und die gesellschaftlich einfach nicht gehört werden wollten.
    Viele dieser Barrieren brechen erst jetzt auf.
    Aber stimmt, es ist wichtig, davon zu erzählen, was für mich auch der Grund ist, warum ich über solche Stoffe weiterhin schreiben möchte.
    Auch Verlage scheuen sich mitunter davor, über die Schmerzgrenzen zu gehen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum dieses Buch diesen unübersehbaren "Kitschmantel" trägt, der leider verschleiert, was wirklich darin steckt. Ich finde das ja immer ein bisschen schade. Ich fände es schon schön, wenn man meinen Büchern die Ernsthaftigkeit mehr ansehen würde.
    Aber das hängt wohl auch davon ab, welches Segment ein Verlag für gewöhnlich bedient. Und Knaurs Schwerpunkt liegt eben in der Unterhaltung.

    Das stimmt, die Wolfskinder sind nicht ohne in der Recherche. Zum Glück beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren damit (Ich bin schon bei Winterhonig darauf gestoßen), sodass ich ein bisschen Vorlauf habe. Aber es gibt schon einen Teil der Recherche, der nicht leicht umzusetzen ist: Die meisten Zeitzeugen sind in Litauen verblieben und die wenigen, die es jetzt noch geben könnte, sind damals so jung gewesen, dass sie die Deutsche Sprache verlernt haben. Ich muss mich da also im Wesentlichen auf das stützen, was ich an Zeitzeugenberichten finde.
    Aber so grundsätzlich würde ich für dieses Buch gerne ins ehemalige Ostpreußen und nach Litauen reisen und dort auch mit Leuten sprechen, am liebsten mit Nachfahren der ehemaligen Wolfskinder. Das wäre also ein großer Aufwand, von dem ich noch nicht weiß, wie ich ihn realisieren kann. Zumal ich da auch ohne Übersetzer nicht weit kommen dürfte.