01 - Anfang bis Seite 82 (einschließlich Kapitel 2)

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  • Hallo Ihr Lieben,


    hier startet die Leserunde zu "Wie Treibholz im Sturm". Ich begrüße alle Teilnehmer*innen herzlich und ganz besonders Daniela Ohms. Wir freuen uns riesig, dass Du auch dieses Mal Zeit und Lust hast, uns bei der Lektüre Deines neuen Romans zu begleiten! :-*


    Bitte lest Euch zuvor noch einmal die allgemeinen Informationen zu Leserunden und die Aufführungen zur Netiquette durch.

    Postet bitte erst, wenn Ihr mit der Lektüre begonnen habt und etwas zum Buch zu schreiben oder zu fragen habt. Die Beiträge "Buch liegt bereit, ich fange heute Abend an" ziehen das Ganze sehr in die Länge und passen besser in den Buchvorschlag.


    Hier könnt Ihr zum ersten Abschnitt - Anfang bis einschließlich Kapitel 2 - schreiben.

    Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.


    Nun wünsche ich uns allen viel Spaß beim Lesen und Austauschen!

  • Ich grüße alle und möchte zunächst noch etwas zu mir erzählen: Ich bin Jahrgang '79 also von daher nicht unmittelbar von der Kriegszeit betroffen und doch bin ich es seit jeher. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick! Denn schon als Kind lauschte ich aufmerksam den Erzählungen meiner Eltern und erfuhr so von den Erlebnissen meiner Großeltern, die sich zu jener Zeit zugetragen hatten.

    Schon mit gerade mal zehn Jahren begriff ich, wie schrecklich dieser Krieg gewesen sein musste und welches Glück ich doch hatte in friedvollen Zeiten aufzuwachsen (damals hielt ich das noch für selbstverständlich, inzwischen wissen wir alle, dass die Dämonen der Vergangenheit durchaus ihren Weg in unsere Gegenwart finden können!)

    Ich möchte nicht zu ausschweifend werden (oder gar langweilen) aber kurzgefasst: Mein Großvater stammt aus Königsberg (Ostpreußen /heute Polen) und musste damals als KInd mit seiner Familie flüchten. Auf dieser Flucht hat er grausame Sachen erlebt und blieb sein Leben lang traumatisiert! Das zog sich soweit, dass auch meine Mutter (also seine Tochter davon betroffen war ) und somit auch ich, die immer wieder diese Erzählungen hörte. Nur knapp verpassten mein Großvater und seine Geschwister die Wilhelm Gustloff (Ein Schiff das schließlich torpediert wurde und sank und mit ihm zahlreiche Menschen vorwiegend Flüchtlinge untergingen).

    Meine Existenz erschien mir also als reiner Zufall, als Glücksfall der(grausamen) Geschichte und somit begann ich mich sehr für das Thema zu interessieren.

    Von dem Beginn und den Ursachen innerhalb der Weimarer Republik bis zur Aufarbeitung in der deutschen Nachkriegsgeschichte, habe ich mit 14 Jahren begonnen alles dazu zu verschlingen. Immer wieder wird man konfrontiert damit, dass meine Generation ja keine Schuld und erst recht keinen Anteil an dem was geschehen ist trägt, und doch fühlte ich etwas in mir, dass mich dazu antrieb, all das verstehen zu können, damit so etwas nie wieder passieren würde. Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, ich sei es all den Opfern des Krieges der von deutschem Boden ausging schuldig, nicht einfach zu sagen: Da war ich noch nicht geboren, das geht mich nichts an und das ist alles längst vorbei (die aktuelle Politik lehrt uns gerade, dass es wichtiger denn je ist, aus der Vergangenheit zu lernen).

    Normalerweise lese ich in den Leserunden eigentlich ausschließlich Fantasy, nun bin ich über "Treibholz im Sturm" gestolpert und konnte nicht anders, als mitzumachen.


    Nun zum 1. Abschnitt:


    Wir lernen die junge Mutter Hannah kennen, die in den Wirrungen der letzten Kriegsjahre in Hamburg mit ihren Eltern lebt. Hier werden die Lebensumstände in Deutschland zu jener Zeit sehr authentisch dargestellt. Hannah wohnt mit ihrer kleinen Tochter in einem Zimmer bei ihren Eltern, schließlich kann sie ihren Mann Robert wieder in die Arme schließen, der verwundet und nicht mehr kriegstauglich heimkehrt.

    Hier wird sehr schön beschrieben, wie fremd miteinander der Krieg selbst Liebende macht und wie traumatisiert jene waren, die das Grauen gesehen und in die grässliche Fratze des Krieges geblickt haben. Junge Menschen, die hoffnungsvoll ins Leben geblickt haben und nun schon sehr früh mit zerstörten Träumen und versehrten Körpern lernen müssen zurecht zu kommen.

    Besonders gelungen fand ich auch, dass immer wieder dargestellt wird, wie viele Menschen sich durch die Enteignungen der Juden bereichert haben und ihren Luxus darauf begründet haben. Leider ein Thema, das bis heute stiefkindlich behandelt wird. Und jeder kannte Juden....oft hörte man noch in den 70er und 80ern so etwas wie "bei uns gab es keine Juden" usw.

    So wie Hannah eine jüdische Freundin durch Deportation verloren hatte, oder beobachten konnte, wie andere Juden enteignet und verschleppt wurden, konnten es sicher zahlreiche DEutsche in jener Zeit beobachten.

    Hannahs Familie leidet darunter, dass sie sich nicht allem anschließen und bekommen das auch zu spüren. Es zeigt wie schwierig das Überleben jenseits von der NSAP Mitgliedschaft in jener Zeit war. Auch das fand ich sehr authentisch.

    Die leichte Melancholie die von Beginn an auf Hannah liegt verstärkt sich nun immer mehr und dann verliert sie tatsächlich bei einem Bombenangriff auf Hamburg ihre Familie und damit ihren Halt.

    Die Darstellung wie sie aus dem Bunker tritt und in dieses Flammeninferno blickt, in diese TRümmerwüste mir all den Leichen und Verstümmelten, hat mir einen Schauer über den Rücken gejagt und mich sofort an die Bilder aus zahlreichen Dokumentationen erinnert, die hier authentisch in die Handlung eingegliedert wurden.


    Auch der Orientierungs-und Hoffnungslosigkeit der traumatisierten Zivilbevölkerung wird hier Rechnung getragen und so zeigt sich schon zu Beginn, dass die Autorin diese Ereignisse von allen Seiten beleuchtet, was sehr gut gelungen ist und mir gut gefällt.

    Man spürt Hannahs Beklemmung und Einsamkeit am eigenen Leib und als Mutter kann man wohl nachvollziehen, wie sehr der Verlust eines Kindes schmerzt. Und Hannah hat nicht nur ihr Kind, sondern auch ihren Mann und ihre Eltern verloren.


    Hier beginnt der Kampf ums nackte Überleben und auch, wie sehr das Denken und Empfinden abstumpft und doch bleibt Hannah menschlich, was sich auch bei ihren Überlegungen auf dem Pflaumenbaum zeigt, als sie auch daran denkt, dass andere noch etwas möchten und sie nur so viel nimmt, wie sie auch verarbeiten kann!


    Als dann noch die Soldaten in ihre bescheidene Unterkunft einquartiert werden tut Hannah einem wirklich nur noch leid. Man wünscht sich, dass es endlich etwas aufwärts geht für sie. Immerhin kommt sie zu Kartoffeln und wir dürfen teilhaben daran, wie viel eine gekochte Kartoffeln wert sein kann, wenn man nichts mehr hat, außer ewigen Hunger!


    Die 80 Seiten lasen sich schnell weg und man ist gespannt, wie es Hannah weiterergehen wird. Der Sprachstil bewegt sich auf einem ordentlichen Niveau ohne abgehoben zu wirken oder unverständlich zu wirken.

    Ich bin gespannt, wie es ihr weiter ergeht.


    (Ich bin momentan auch noch in der Leserunde zu "Das Imago Projekt" eingebunden und werde so vielleicht etwas langsamer unterwegs sein.)

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.

  • Der erste Abschnitt lässt sich genauso lesen wie ich es bei Daniela vermutet hatte.:) Schnell war ich in der Geschichte - auch wenn der Prolog von einer schlimmen Zeit berichtet.

    Hannah habe ich sofort in mein Herz geschlossen, denn ich mag ihre kluge, mitfühlende Art. Wenn ich bedenke, was sie als 21jährige durchmachen musste, schätze ich ihre zurückgenommene Art noch mehr.

    Der Prolog erzählt von einem irrsinnigen Schicksalsschlag in einem jungen Leben. Beeindruckt hat mich dabei vor allem, dass in diesem verhältnismäßig kurzen Zeitfenster extrem viel zugefahren gibt und wir Hannah im Grunde schon sehr gut kennenlernen. Sie und ihre Eltern sind sehr liberal, geben von Anfang an nichts auf die Nationalsozialisten, sondern schätzen das bunte, vertrauensvolle Leben im Grindelviertel. Heftig, dass Hannah nach der Rückkehr Roberts überlegen muss, ob sie ihm ihre Ansicht über die Zwangsarisierung und Enteignung jüdischer Mitbürger erzählen kann. Das mag zum einen daran liegen, dass die beiden nie wirklich eine Chance hatten, sich richtig kennenzulernen, zum anderen aber auch daran, dass die Riedels offensichtlich auch Profiteure des Leids sind. Natürlich bedeutet das nicht, dass der Sohn diese Situation gutheißt, aber es reicht eben, um sich vor einer Offenbarung zu fürchten. Heftig, wenn man das auf so alltägliche, zwischenmenschliche Interaktionen herunterreicht...

    Paradoxerweise ist die Erinnerung an die beste Freundin Klara und ihre "Weisheiten" für Hannah so etwas wie ein Anker in schwersten Zeiten. Ob Klara noch lebt? Ich hoffe so sehr, dass Hannah wieder ein Bindeglied in ihre Vergangenheit finden kann. Jemand, mit dem sie persönlich nicht nur Schmerz und Leid verbindet...


    Das Grindelviertel in Hamburg ist übrigens sehr sehenswert - auch wenn vieles nicht mehr so ist wie vor 1938. Ich bin hin und wieder dort und freue mich dann vor allem über das Café Leonar, einem jüdischen Café. Auf dem Weg dorthin bin ich aber erst einmal schockiert, wenn ich an der Talmud Tora Schule vorbeikomme, die auch im Jahre 2018 noch ständigen Polizeischutz mit Maschinenpistolen benötigt. Ein Armutszeugnis, das viel über den Antisemitismus im heutigen Deutschland sagt. Die Talmud Tora Schule steht übrigens in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen Bornplatz und dem Hochbunker, in dem Hannah die erste Angriffswelle der Operation Gomorrha überlebt. Der Bunker steht noch immer - allerdings schon lange in entfestigtem Zustand.


    Talmud Tora Schule und rechts davon der Hochbunker (heute)

    Talmud Tora Schule und rechts davon die Bornplatz-Synagoge (vor 1938)

  • Oh, hier geht es ja schon los. (Ich hatte das heute Nachmittag noch so verstanden, als wären die meisten Bücher noch gar nicht da, aber vielleicht waren eure Einträge schon älter :-) )
    Ich lese hier jetzt fleißig und sehr gespannt mit, werde aber noch ein bisschen auf weitere Leseeindrücke warten, ehe ich "dazwischenquatsche".

  • Das Grindelviertel in Hamburg ist übrigens sehr sehenswert - auch wenn vieles nicht mehr so ist wie vor 1938. Ich bin hin und wieder dort und freue mich dann vor allem über das Café Leonar, einem jüdischen Café. Auf dem Weg dorthin bin ich aber erst einmal schockiert, wenn ich an der Talmud Tora Schule vorbeikomme, die auch im Jahre 2018 noch ständigen Polizeischutz mit Maschinenpistolen benötigt. Ein Armutszeugnis, das viel über den Antisemitismus im heutigen Deutschland sagt. Die Talmud Tora Schule steht übrigens in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen Bornplatz und dem Hochbunker, in dem Hannah die erste Angriffswelle der Operation Gomorrha überlebt. Der Bunker steht noch immer - allerdings schon lange in entfestigtem Zustand.


    Talmud Tora Schule und rechts davon der Hochbunker (heute)

    Talmud Tora Schule und rechts davon die Bornplatz-Synagoge (vor 1938)

    Das ist natürlich toll, dann hast du die Originalschauplätze quasi vor der Tür und kannst das noch besser nachvollziehen! Danke für diesen spannenden Einblick!

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.

  • Ihr Lieben,


    der Anfang war sehr bewegend, Idyll und Apokalypse innerhalb weniger Stunden.Es beginnt so friedlich an der Elbe an einem herrlichen Sommertag - die kleine Tochter mit ihrem Papa beim Schwänefüttern und Hannah ist glücklich, weil ihr Mann Robert wieder bei seiner kleinen Familie ist. Erst ein paar Stunden später spüren wir gewisse Irritationen in der familiären Harmonie, weil Robert andere Vorstellungen von ihrer gemeinsamen Zukunft hat. Er stellt sich eine repräsentative Stadtvilla in Hamburg vor, während Hannah befürchtet, sie könnten sich damit am Besitz der früheren jüdischen Bewohner bereichern. Damit liegt sie vermutlich ganz richtig und es zeichnet sie aus, dass ihr eine solche Planung zuwider ist.

    In dieser Nacht wird Hamburg heftig bombardiert, es kommt zu einem Feuersturm, der ihre gesamte Familie auslöscht. Das ist ein so tiefer existenzieller Schock, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie Hannah jemals wieder so etwas wie Lebensfreude empfinden soll oder ihre seelischen Wunden heilen können. Dennoch überlebt sie die ersten Tage und Wochen und wir begegnen ihr wieder zwei Jahre später auf einem holsteinischen Gut,wo sie zusammen mit vielen weiteren Flüchtlingen ein vorläufiges Zuhause gefunden hat.

  • Hannah habe ich sofort in mein Herz geschlossen, denn ich mag ihre kluge, mitfühlende Art. Wenn ich bedenke, was sie als 21jährige durchmachen musste, schätze ich ihre zurückgenommene Art noch mehr.

    Der Prolog erzählt von einem irrsinnigen Schicksalsschlag in einem jungen Leben.

    Hannah erlebt das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Die ganze Familie wird ausgelöscht. Sie bleibt alleine und unversehrt zurück. Unvorstellbar der seelische Schmerz. Dazu noch, dass sie auch keine Heimat mehr hat. Kein Dach über dem Kopf. Heimatlos und ohne Familie. Ein Wunder, wie stark sie schon wieder ist. Wie sie sich gegen die jungen Männer zur Wehr setzt mit Verstand und Mut. Dass sie wirklich jetzt mit drei jungen Männern in einem Zimmer leben muss, o Mann. Das ist nicht lustig. Keiner Privatsphäre und dann das. Egon ist schon sehr nervig. Der Fuchs dagegen ist eine spannende Figur. Er hat wohl ebenfalls ein schweres Trauma. Ob da die traumatisierte Hannah ihm helfen kann? Zwei verletzte Seelen.

  • Heftig, dass Hannah nach der Rückkehr Roberts überlegen muss, ob sie ihm ihre Ansicht über die Zwangsarisierung und Enteignung jüdischer Mitbürger erzählen kann. Das mag zum einen daran liegen, dass die beiden nie wirklich eine Chance hatten, sich richtig kennenzulernen, zum anderen aber auch daran, dass die Riedels offensichtlich auch Profiteure des Leids sind.

    Klingt etwas hart, aber so ganz groß finde ich den Verlust von Robert tatsächlich nicht. Er hatte schon recht veraltete dominante Vorstellungen davon, wie Mann und Frau miteinander umgehen sollten. Und ich zweifle tatsächlich, ob das lange gut gegangen wäre mit den beiden. Sie hatte sogar Angst, er könnte sie an die Nazis verraten. Das fand ich schon krass, wie weit es da hapert.

  • Als dann noch die Soldaten in ihre bescheidene Unterkunft einquartiert werden tut Hannah einem wirklich nur noch leid.

    Interessant fand ich zu erfahren, was mit den ganzen Soldaten nach Kriegsende gemacht wurde. Dass es Sperrgebiete gab u.ä. Nachdem ich ja schon einiges aus dem Buch von Claire Winter erfahren habe, gibt es auch hier noch Einzelheiten, die ich so nicht wusste. Und es ist hier alles sehr sehr eindringlich erzählt. Ich bin schon ganz tief drinnen in der Geschichte. Vor allem emotional tief drinnen.:anbet:

  • Ich möchte nicht zu ausschweifend werden (oder gar langweilen) aber kurzgefasst: Mein Großvater stammt aus Königsberg (Ostpreußen /heute Polen) und musste damals als KInd mit seiner Familie flüchten. Auf dieser Flucht hat er grausame Sachen erlebt und blieb sein Leben lang traumatisiert! Das zog sich soweit, dass auch meine Mutter (also seine Tochter davon betroffen war ) und somit auch ich, die immer wieder diese Erzählungen hörte. Nur knapp verpassten mein Großvater und seine Geschwister die Wilhelm Gustloff (Ein Schiff das schließlich torpediert wurde und sank und mit ihm zahlreiche Menschen vorwiegend Flüchtlinge untergingen).

    Mein Vater, seine Mutter und sein Bruder sind mit einem Handwagen aus Schlesien geflohen und haben zufällig am Tag vor der Bombadierung Dresden verlassen. Sie hatten wahnsinniges Glück und landeten in Bayern. Auch mich interessiert diese Zeit sehr. Die Dramatik ist einem tatsächlich näher, als das Mittelalter o.ä. Quasi in der eigenen Familie.

  • Hannah erlebt das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Die ganze Familie wird ausgelöscht. Sie bleibt alleine und unversehrt zurück. Unvorstellbar der seelische Schmerz. Dazu noch, dass sie auch keine Heimat mehr hat. Kein Dach über dem Kopf. Heimatlos und ohne Familie.

    Wenn man nun bedenkt, was ihre beste Freundin vielleicht in dieser Zeit durchmachen muss - oder weiter gefasst: die Menschen, die in Konzentrationslager verbracht werden. Man kann Schmerz und Trauer nur schwer gegeneinander aufwerten, aber ich bin mir sicher, dass Hannah das richtig einordnen könnte, deshalb spreche ich es hier an.

    Hannah hat ihre Sprache noch, kommt für diese Zeiten als Ausgebombte noch halbwegs komfortabel unter... Was ist mit den Menschen, die beispielsweise Auschwitz überlebt haben und es nicht übers Herz bringen, in ihre alte (deutsche) Heimat zurückzukehren?

    Unvorstellbar, wie viel Grauen, Schmerz und Traumata der Nationalsozialismus über die Menschheit gebracht hat.

    Ich hoffe sehr, dass Hannah wieder Freunde und menschliche Nähe findet - und noch mehr, dass vielleicht jemand aus ihrem "alten" Leben überlebt hat. Auch wenn es in diesen Zeiten fast ein wenig viel verlangt scheint.

  • Ich hatte das heute Nachmittag noch so verstanden, als wären die meisten Bücher noch gar nicht da, aber vielleicht waren eure Einträge schon älter :-)

    Das habe ich falsch interpretiert, sorry. Ich war wohl die Einzige, bei der das Buch noch fehlte, aber ich habe seit gestern das eBook, da ich keine Geduld mehr hatte.:love:

  • Klingt etwas hart, aber so ganz groß finde ich den Verlust von Robert tatsächlich nicht. Er hatte schon recht veraltete dominante Vorstellungen davon, wie Mann und Frau miteinander umgehen sollten. Und ich zweifle tatsächlich, ob das lange gut gegangen wäre mit den beiden. Sie hatte sogar Angst, er könnte sie an die Nazis verraten. Das fand ich schon krass, wie weit es da hapert.

    So sehr hatte ich den Stab nicht über Robert gebrochen, denn eigentlich konnte ich ihn überhaupt nicht einschätzen. Allerdings bin ich mir sicher, dass er stark traumatisiert war - Schlafstörungen und manchmal eine geistige Abwesenheit, dazu starke Schmerzen... Vielleicht sehnt er sich einfach nur danach, mit seiner Familie in eigene vier Wände zu ziehen? Normalität aufbauen und etwas zur Ruhe kommen? Mag krude klingen, aber für jemand, der von der Ostfront zurück ist, möglicherweise schon ein Traum. Außerdem möchte er sich um seine Frau und sein Kind kümmern - für jemand, der viel Zeit mit den beiden verpasst hat, auch nachvollziehbar. Ich fand die Szene, wie Kathrinchen zum ersten Mal Papa sagt, sehr rührend - vor allem aufgrund der Reaktion Roberts.

    Dass Robert annimmt, dass Hannah jetzt kein Studium mehr aufnehmen möchte, ist eben auch den damaligen Konventionen geschuldet. Wer weiß, vielleicht hätte er seine Meinung noch überdacht, wenn er mit Hannah in Ruhe darüber gesprochen hätte?

    Aber ja, klar, die beiden haben früh geheiratet, kannten sich im Grunde kaum. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie nun feststellen, dass sie damals möglicherweise eine rosarote Brille aufhatten. Und dann haben sie sich auch weiterentwickelt... zwangsläufig.

    Ich bin gespannt, ob wir vielleicht noch etwas mehr über Robert erfahren. Spannend wäre es allemal.

  • Ich höre euch weiterhin gebannt zu und werfe mal kurz diesen Link in die Runde:

    http://www.hamburg-bildarchiv.…0549dcd1167705/index.html


    Auf der Seite findet ihr sehr viele alte Fotos vom Grindelviertel vor und während des zweiten Weltkrieges. Genaugenommen gibt es dort alte Fotos von ganz Hamburg. Ihr müsst nur den Straßennamen eingeben, der euch interessiert.
    Für mich war das eine sehr wichtige Quelle bei der Recherche, um mir den Ort gut vorstellen zu können. Bilder von heute helfen da nur stellenweise weiter, da der Bombenangriff, den Hannah miterlebt, sehr viel zerstört hat, das nun ganz anders aussieht. In anderen Straßen sieht es heute wiederrum noch fast genauso aus, weil die alte Substanz stehen geblieben ist.

  • Man kann Schmerz und Trauer nur schwer gegeneinander aufwerten

    Ich wollte es nicht wirklich vergleichen mit anderen fürchterlichen Schicksalen. Ich wollte nur ausdrücken, dass es für mich das Schlimmste wäre, wenn ich all das verliere, was mir wichtig und wertvoll ist. All meine Lieben. Natürlich gibt es viele Schicksale die schlimm sind und die ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen kann.

    Ich hoffe sehr, dass Hannah wieder Freunde und menschliche Nähe findet - und noch mehr, dass vielleicht jemand aus ihrem "alten" Leben überlebt hat. Auch wenn es in diesen Zeiten fast ein wenig viel verlangt scheint.

    Irgendwie hatte ich ja die Vermutung dass Robert überlebt hat und vielleicht noch einmal auftaucht. Dann aber im ungünstigsten Moment, also wenn Hannah u.U. mit einem anderen Mann wieder Zutrauen gefasst hat. (ja, ich mag es gerne dramatisch ^^)

  • Dass Robert annimmt, dass Hannah jetzt kein Studium mehr aufnehmen möchte, ist eben auch den damaligen Konventionen geschuldet. Wer weiß, vielleicht hätte er seine Meinung noch überdacht, wenn er mit Hannah in Ruhe darüber gesprochen hätte?

    Kann natürlich schon sein. Ich bin wahrscheinlich einfach zu freiheitliebend und selbstbestimmt. Wenn ein Mann versucht mir oder meinen Heldinnen Fesseln anzulegen werde ich immer grimmig. :totlach:

  • Auf der Seite findet ihr sehr viele alte Fotos vom Grindelviertel vor und während des zweiten Weltkrieges.

    Wow, eine tolle Seite. Da kann man richtig eintauchen in die Vergangenheit der Stadt. München ist ja auch zu großen Teilen zerstört und mich fasziniert, wie die Straßenzüge damals ausgesehen haben.

  • Man kann Schmerz und Trauer nur schwer gegeneinander aufwerten

    Ich wollte es nicht wirklich vergleichen mit anderen fürchterlichen Schicksalen. Ich wollte nur ausdrücken, dass es für mich das Schlimmste wäre, wenn ich all das verliere, was mir wichtig und wertvoll ist.

    Ach so, ich meinte nicht Dich. Es war als Zusatz für meinen Vergleich zwischen Hannahs Situation und zum Beispiel Klaras, ihrer besten Freundin.

  • Unvorstellbar, wie viel Grauen, Schmerz und Traumata der Nationalsozialismus über die Menschheit gebracht hat.

    Ich hoffe sehr, dass Hannah wieder Freunde und menschliche Nähe findet - und noch mehr, dass vielleicht jemand aus ihrem "alten" Leben überlebt hat. Auch wenn es in diesen Zeiten fast ein wenig viel verlangt scheint.

    In der Tat habe ich es mir immer wieder versucht vorzustellen: über 6 Millionen Juden, weitere Millionen Tote in der Zivilbevölkerung dann die vielen jungen Männer, die ihr Leben im Krieg ließen. Dieses Grauen übersteigt einfach jegliche Vorstellungskraft!

    Als ich das KZ Dachau besucht habe und die Schnitzereien in den Holz"betten" gesehen habe, all diese Details, die bezeugen, diese Menschen hat es wirklich gegeben und jeder einzelne hatte ein Schicksal unerträglichen Ausmaßes.

    Dann die vielen "Behinderten" die unter der Herrschaft des NS Regimes ebenfalls beseitigt wurden, diese unbarmherzige Ideologie vom perfekten Herrenmenschen hat soviel Leid und Elend hervorgebracht und ich finde angesichts einer AfD und anderen Entwicklungen in Europa und der Welt ist mir der Aufschrei der Menschen zu leise. Wir müssen all diese Erfahrungen, alles was uns die Geschichte gelehrt hat zum Anlass nehmen, dass wir früher als damals handeln, wir können Parallelen ziehen und entgegenwirken. Ich denke, niemand von uns wünscht sich für sich oder seine Kinder, dass es jemals wieder zu so einem Regime oder so einer Ideologie kommt! Unsere Demokratie (bei allen Schwächen die sie hat), ist nicht selbstverständlich unser Frieden in Europa erst recht nicht. Überall Nationalisten auf dem Vormarsch. Wie müssen unermüdlich aufrütteln, mahnen und erinnern. Jeder dritte unter 17jährige weiß nicht was "Auschwitz" bedeutet. Ich selbst habe als Mutter erlebt wie sehr diese Thematik inzwischen unter den Tisch fallen gelassen wird in manchen Schulen (vor allem jenseits von Gymnasien!). Ich glaube so eine Geschichte hört nie auf und ein Bewusstsein dafür zu schaffen hat nichts mit Schuldzuweisungen an eine Generation zu tun, die nichts damit zu tun hat. Leider wird das oft als erstes angeführt.

    Es gibt Bücher, die uns in einer Stunde mehr leben lassen, als das Leben uns in zwanzig Jahren gewährt.

  • Hannah habe ich sofort in mein Herz geschlossen, denn ich mag ihre kluge, mitfühlende Art. Wenn ich bedenke, was sie als 21jährige durchmachen musste, schätze ich ihre zurückgenommene Art noch mehr.

    Der Prolog erzählt von einem irrsinnigen Schicksalsschlag in einem jungen Leben.

    Hannah erlebt das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Die ganze Familie wird ausgelöscht. Sie bleibt alleine und unversehrt zurück. Unvorstellbar der seelische Schmerz. Dazu noch, dass sie auch keine Heimat mehr hat. Kein Dach über dem Kopf. Heimatlos und ohne Familie. Ein Wunder, wie stark sie schon wieder ist. Wie sie sich gegen die jungen Männer zur Wehr setzt mit Verstand und Mut. Dass sie wirklich jetzt mit drei jungen Männern in einem Zimmer leben muss, o Mann. Das ist nicht lustig. Keiner Privatsphäre und dann das. Egon ist schon sehr nervig. Der Fuchs dagegen ist eine spannende Figur. Er hat wohl ebenfalls ein schweres Trauma. Ob da die traumatisierte Hannah ihm helfen kann? Zwei verletzte Seelen.

    Es ist vor allem diese Enge und die hermetische Welt auf diesem Gutshof,die für alle eine Herausforderung ist. Dazu kommt noch die Nahrungsknappheit und die fehlende Privatspäre. Das kann auch den Geduldigsten an seine Grenzen bringen. Außerdem steht jeder ständig unter Beobachtung, es wird getrascht und gelästert. Solche Exremsituationen bringen immer die besten und die schlimmsten Seiten der Menschen zum Vorschein. Hannah schafft es erstaunlich gut, sich zu arrangieren,sie sammelt Holz und Früchte, sie ist nicht passiv und larmoyant, das kann ihr letztlich auch helfen,mit den drei Männern klarzukommen,obwohl es schon eine krasse Wohnsituation darstellt, in einer winzigen Kammer als junge Frau mit drei Männern zu wohnen.