01 - Anfang bis Seite 82 (einschließlich Kapitel 2)

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  • Der erste Leseabschnitt hat es schon in sich. Die junge Hannah Riedel erlebt mit Töchterchen Kathrinchen das Leben mit dem von der Front zurückgekehrten Ehemann Robert in den beengten Verhältnissen des Elternhauses. Hannah und Robert haben verschiedene Vorstellungen von der Zukunft. Mit dem Bombenangriff auf Hamburg wird alles zerstört. Auf dem Gutshof in Lütjenau hat sie einen Schlafplatz und ein Dach über dem Kopf. Nachdem Elisabeth mit Kindern, Großmutter und ihrem entlassenen Mann den Hof verlassen, werden 3 Soldaten bei Hannah in der Dachkammer einquartiert.


    Als Hannah noch in ihrem Elternhaus lebte, hatte sie noch Träume. Auf dem Gutshof ging es nur noch um das Überleben. Mit Elisabeth und ihren Angehörigen waren sie ein eingespieltes Team. Mit den neuen Mitbewohnern, den Soldaten, muß erst ein neues Verhältnis aufgebaut werden.


    Was hat Fuchs erlebt, daß er nicht spricht? Ist es traumatisiert? War er bei der SS?


    Was mich sehr bewegt hat, ist zu lesen, daß man den Soldaten zunächst keine Unterkunft anbot, und damit auch keine Versorgung. Sie mußten irgendwie überleben. Welche eine grausame Vorstellung. Als ob sie im Krieg noch nicht genug haben durchmachen müssen!


    Hannah kann zwar noch keinen Blick in die Zukunft werfen, ist aber gut organisiert und darauf bedacht, daß das Leben weitergeht.


    Wie schlimm muß es für sie am Anfang gewesen sein, daß sie durch den Bombenangriff scheinbar alles verloren hatte, ihr Elternhaus, ihre Tochter, ihren Mann!


    Dadurch, daß Elisabeth sich um sie gekümmert hat, hat sie weitergemacht, nicht aufgegeben.


    Die Autorin hat die Stimmung gut rübergebracht. Die Protagonisten sind so beschrieben, daß man sich gut in sie hineinversetzen kann.

  • Hier beginnt der Kampf ums nackte Überleben und auch, wie sehr das Denken und Empfinden abstumpft und doch bleibt Hannah menschlich, was sich auch bei ihren Überlegungen auf dem Pflaumenbaum zeigt, als sie auch daran denkt, dass andere noch etwas möchten und sie nur so viel nimmt, wie sie auch verarbeiten kann!

    Ich habe Hannah gleich ins Herz geschlossen, ganz besonders wegen ihrer Menschlichkeit. Sie denkt auch an ihre Mitmenschen.

  • Heftig, dass Hannah nach der Rückkehr Roberts überlegen muss, ob sie ihm ihre Ansicht über die Zwangsarisierung und Enteignung jüdischer Mitbürger erzählen kann. Das mag zum einen daran liegen, dass die beiden nie wirklich eine Chance hatten, sich richtig kennenzulernen, zum anderen aber auch daran, dass die Riedels offensichtlich auch Profiteure des Leids sind.

    Klingt etwas hart, aber so ganz groß finde ich den Verlust von Robert tatsächlich nicht. Er hatte schon recht veraltete dominante Vorstellungen davon, wie Mann und Frau miteinander umgehen sollten. Und ich zweifle tatsächlich, ob das lange gut gegangen wäre mit den beiden. Sie hatte sogar Angst, er könnte sie an die Nazis verraten. Das fand ich schon krass, wie weit es da hapert.

    Auch wenn Robert andere Vorstellungen hatte als Hannah, der Verlust des Ehemannes ist immer schlimm. Hannah war bereit, Kompromisse einzugehen.

  • Auch wenn Robert andere Vorstellungen hatte als Hannah, der Verlust des Ehemannes ist immer schlimm. Hannah war bereit, Kompromisse einzugehen.

    Ich hatte nur das Gefühl, dass die beiden sich nicht so wirklich nahe standen. Es ging doch alles ziemlich holter di polter mit kennenlernen, Kind, heiraten, Krieg. Sie kamen mir vor, als wenn sie sich sehr fremd waren oder vielleicht auch durch den Krieg wieder geworden sind.

  • Auch wenn Robert andere Vorstellungen hatte als Hannah, der Verlust des Ehemannes ist immer schlimm. Hannah war bereit, Kompromisse einzugehen.

    Ich hatte nur das Gefühl, dass die beiden sich nicht so wirklich nahe standen. Es ging doch alles ziemlich holter di polter mit kennenlernen, Kind, heiraten, Krieg. Sie kamen mir vor, als wenn sie sich sehr fremd waren oder vielleicht auch durch den Krieg wieder geworden sind.

    Ja, das mit dem Kind und der Hochzeit kam schon ziemlich schnell. Und dann noch der Krieg. Sie hatten gar nicht die Zeit, sich richtig kennenzulernen. Der Krieg hat Robert verändert und das ist gut zu verstehen. Das Grauen steckt noch in ihm, und zwar so sehr, daß er es nicht mit Hanah teilen möchte. Auf diese Weise kommt Hannah auch nicht an Robert heran. Aber wie verarbeitet man Krieg? Ich könnte mir vorstellen, daß man sehr lange Zeit braucht, um sich wieder der Welt, der Familie, der Liebe zu öffnen. Aber die beiden hätten eine Chance gehabt, das glaube ich schon.

  • Nachdem hier ja (so mehr oder weniger) alle durch diesen Abschnitt durch sind, schreibe ich jetzt auch mal was dazu :-)

    Ich fange mal an, auf ein paar Sachen zu antworten.


    Ich bin Jahrgang '79 also von daher nicht unmittelbar von der Kriegszeit betroffen und doch bin ich es seit jeher. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick! Denn schon als Kind lauschte ich aufmerksam den Erzählungen meiner Eltern und erfuhr so von den Erlebnissen meiner Großeltern, die sich zu jener Zeit zugetragen hatten.

    Schon mit gerade mal zehn Jahren begriff ich, wie schrecklich dieser Krieg gewesen sein musste und welches Glück ich doch hatte in friedvollen Zeiten aufzuwachsen (damals hielt ich das noch für selbstverständlich, inzwischen wissen wir alle, dass die Dämonen der Vergangenheit durchaus ihren Weg in unsere Gegenwart finden können!)


    Von dem Beginn und den Ursachen innerhalb der Weimarer Republik bis zur Aufarbeitung in der deutschen Nachkriegsgeschichte, habe ich mit 14 Jahren begonnen alles dazu zu verschlingen. Immer wieder wird man konfrontiert damit, dass meine Generation ja keine Schuld und erst recht keinen Anteil an dem was geschehen ist trägt, und doch fühlte ich etwas in mir, dass mich dazu antrieb, all das verstehen zu können, damit so etwas nie wieder passieren würde.


    Das ging mir sehr ähnlich wie dir. Ich habe auch als Kind mit großem Interesse den Erzählungen meiner Oma gelauscht und mich immer schon gefragt, wie das alles sein konnte. Als wir dann später im Geschichtsunterricht die Hintergründe gelernt haben, kam für mich schnell die Frage auf, wie so etwas geschehen konnte, und wie sich das aus Sicht der damaligen Bevölkerung so entwickelt hat. Ich wollte diese unglaublich schwierig zu fassenden Extreme im zweiten Weltkrieg irgendwie durchschauen und zwar von allen Seiten: Die Seite der Opfer zu begreifen ist ja im Grunde noch am "einfachsten", aber ich wollte auch gerne wissen, wie sich die Seite der Täter darstellt. Wie man überhaupt in der Lage sein kann, zum Mörder zu werden und was das mit einem macht.

    Von meinen ersten Gedanken dazu in meiner Jugend bis jetzt war es natürlich ein langer Weg, auf dem ich selbst erstmal genug "reifen" musste, um dieses Thema anzugehen. Aber "Wie Treibholz im Sturm" und "Winterhonig" sind jetzt sowas wie mein "Beitrag" dazu. (Wobei ich mit dem Thema sicher noch nicht durch bin ;-) )

  • Unvorstellbar, wie viel Grauen, Schmerz und Traumata der Nationalsozialismus über die Menschheit gebracht hat.

    Ich hoffe sehr, dass Hannah wieder Freunde und menschliche Nähe findet - und noch mehr, dass vielleicht jemand aus ihrem "alten" Leben überlebt hat. Auch wenn es in diesen Zeiten fast ein wenig viel verlangt scheint.

    In der Tat habe ich es mir immer wieder versucht vorzustellen: über 6 Millionen Juden, weitere Millionen Tote in der Zivilbevölkerung dann die vielen jungen Männer, die ihr Leben im Krieg ließen. Dieses Grauen übersteigt einfach jegliche Vorstellungskraft!

    Als ich das KZ Dachau besucht habe und die Schnitzereien in den Holz"betten" gesehen habe, all diese Details, die bezeugen, diese Menschen hat es wirklich gegeben und jeder einzelne hatte ein Schicksal unerträglichen Ausmaßes.

    Dann die vielen "Behinderten" die unter der Herrschaft des NS Regimes ebenfalls beseitigt wurden, diese unbarmherzige Ideologie vom perfekten Herrenmenschen hat soviel Leid und Elend hervorgebracht und ich finde angesichts einer AfD und anderen Entwicklungen in Europa und der Welt ist mir der Aufschrei der Menschen zu leise. Wir müssen all diese Erfahrungen, alles was uns die Geschichte gelehrt hat zum Anlass nehmen, dass wir früher als damals handeln, wir können Parallelen ziehen und entgegenwirken. Ich denke, niemand von uns wünscht sich für sich oder seine Kinder, dass es jemals wieder zu so einem Regime oder so einer Ideologie kommt! Unsere Demokratie (bei allen Schwächen die sie hat), ist nicht selbstverständlich unser Frieden in Europa erst recht nicht. Überall Nationalisten auf dem Vormarsch. Wie müssen unermüdlich aufrütteln, mahnen und erinnern. Jeder dritte unter 17jährige weiß nicht was "Auschwitz" bedeutet. Ich selbst habe als Mutter erlebt wie sehr diese Thematik inzwischen unter den Tisch fallen gelassen wird in manchen Schulen (vor allem jenseits von Gymnasien!). Ich glaube so eine Geschichte hört nie auf und ein Bewusstsein dafür zu schaffen hat nichts mit Schuldzuweisungen an eine Generation zu tun, die nichts damit zu tun hat. Leider wird das oft als erstes angeführt.

    Ich schaue mir die derzeitigen Entwicklungen auch mit immer größer werdendem Unbehagen an. Es gibt so furchtbar viele Parallelen und es ist wie du sagst: Wir schreien viel zu leise.
    Tatsächlich ist das auch mein Anliegen: Mit einem Buch wie diesem dazu beizutragen, den Menschen die damalige Zeit näher zu bringen, damit sie "mitfühlen" wie es damals war und die Parallelen selbst erkennen. Insbesondere die Jugendgeneration jetzt, die zum Großteil keine Großeltern mehr hat, die aus dem Krieg erzählen können, sollte trotzdem einen Zugang zu dieser Zeit finden. Die Gefahr ist groß, dass die Geschichte des Nationalsozialismus viel zu sehr aus dem Blick gerät, weil der persönliche Bezug dazu fehlt.
    Ich erlebe das auch bei meiner Tochter und ihren Freunden, wie weit das alles für sie weg ist (wobei meine Tochter ja noch durch mich zu einem gewissen Grad sensibilisiert ist). Aber ihre Mitschüler haben teilweise überhaupt gar keinen Bezug. Zumal es in den Schulen ja erst in der 9. Klasse unterrichtet wird. In der Zeit vorher sind aber schon jede Menge Gerüchte und Halbwahrheiten unterwegs - oder irgendwelche Scherze, die überhaupt nicht lustig sind, von den Kids aber überhaupt noch nicht verstanden werden (und das ist ein Gymnasium, ich möchte nicht wissen, wie es auf anderen Schulen teilweise aussieht).

    Im Grunde müsste man in den Schulen noch viel, viel mehr in dieser Richtung machen. Ich hatte letztes Jahr z.B. eine Lesung aus "Winterhonig" vor einer Oberstufe (160 Kids in der Aula). Ich habe dann zusätzlich zum Lesen noch einen Vortrag mit Bildern über die Hintergründe vorbereitet. Das kam sehr gut an.
    Früher gab es ja teilweise Vorträge von Zeitzeugen an Schulen. Das ist inzwischen nicht mehr wirklich möglich. Aber es braucht meiner Meinung nach einen Ersatz dafür. Leider haben die Schulen in der Oberstufe Lesungen nicht mehr wirklich vorgesehen, so dass sie nicht selbst danach Ausschau halten. Die meisten Schulen machen (wenn überhaupt) Lesungen als "Leseförderung" bis zur 7. Klasse, und das wars. Die knappen Zeitpläne in G8 lassen es ja auch immer weniger zu, zusätzliche Projekte zu veranstalten.
    Dabei stehen Autoren in der Regel sehr gerne zur Verfügung, wenn sie für Lesungen angefragt werden. Und in den meisten Bundesländern gibt es auch Förderungen für Schullesungen, sodass die Schulen das Geld dafür nicht einmal selbst zusammenkratzen müssen. Aber auch das wissen Lehrer oft gar nicht und sind sehr erstaunt, wenn man ihnen davon erzählt. Leider ist das etwas, was man als Autor nicht leisten kann. Teilweise mache ich auch Aquise in Richtung Schulen, aber die Zeit ist von meiner Seite leider meistens nicht vorhanden (zumal es in der Regel viele Schritte fordert, ehe man überhaupt den richtigen Ansprechpartner hat).

  • Was mich sehr bewegt hat, ist zu lesen, daß man den Soldaten zunächst keine Unterkunft anbot, und damit auch keine Versorgung. Sie mußten irgendwie überleben. Welche eine grausame Vorstellung. Als ob sie im Krieg noch nicht genug haben durchmachen müssen!

    Die Soldaten galten nach Kriegsende als Schuldige und die Alliierten hatten ihre Mühe damit, aus der Masse an Männern diejenigen herauszufiltern, die besonders große Schuld trugen. Abgesehen davon waren Lebensmittel ohnehin schon extrem knapp und die Alliierten waren schlicht überfordert damit, alle zu versorgen. Insofern wurde die Regellung mit den Sperrgebieten getroffen und der Status der Soldaten wurde als "entwaffnetes Kriegspersonal" festgelegt. Im Grunde hätten sie Kriegsgefangene sein müssen, aber gemäß der Genfer Kriegskonvention hätten die Alliierten dann die Pflicht gehabt, alle Gefangenen ausreichend mit Lebensmitteln und Wohnraum zu versorgen. Das konnten sie aber nicht gewährleisten und haben deshalb die Definition geändert.


    Dass die Männer überwiegend mehr oder weniger traumatisiert waren, wurde damals nicht erkannt, zumal es den Begriff der Traumatisierung überhaupt noch nicht gab. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde erst in den 80er Jahren als psychiatrische Diagnose eingeführt. Direkt nach dem Krieg gab es noch nicht einmal Ansätze in dieser Richtung. Aus der Sicht der damaligen Bevölkerung waren das ja Männer und Männer sollen sich einfach mal nicht so anstellen. Von Seiten der Heimatbevölkerung wurden da nach Ende des Krieges ganz andere Anforderungen an die Männer gestellt: Die sollten einfach mal das Land neu aufbauen und endlich wieder für ihre Frauen und Kinder sorgen. Dass sie dazu teilweise gar nicht mehr in der Lage waren, wurde gesellschaftlich nicht anerkannt - und wer sich sein Trauma allzusehr anmerken ließ, wurde entweder als verweichlicht angesehen oder als verrückt. Aber als Ursache für die Verrücktheit galten dann irgendwelche erblichen oder angeborenen Anlagen. Der Krieg wurde von Seiten der Psychiatrie nicht als Ursache in Betracht gezogen. Allein körperliche Schäden waren als Kriegsversehrung anerkannt. Alle psychischen Beeinträchtigungen sollten nach wenigen Wochen "Erholung" gefälligst überwunden sein.

  • Dass die Männer überwiegend mehr oder weniger traumatisiert waren, wurde damals nicht erkannt, zumal es den Begriff der Traumatisierung überhaupt noch nicht gab. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde erst in den 80er Jahren als psychiatrische Diagnose eingeführt. Direkt nach dem Krieg gab es noch nicht einmal Ansätze in dieser Richtung. Aus der Sicht der damaligen Bevölkerung waren das ja Männer und Männer sollen sich einfach mal nicht so anstellen. [...] Der Krieg wurde von Seiten der Psychiatrie nicht als Ursache in Betracht gezogen. Allein körperliche Schäden waren als Kriegsversehrung anerkannt. Alle psychischen Beeinträchtigungen sollten nach wenigen Wochen "Erholung" gefälligst überwunden sein.

    Wenn man bedenkt, dass zum Beispiel im und nach dem Ersten Weltkrieg sogenannte "Kriegszitterer" häufig in den Verdacht gerieten, dass sie lediglich simulieren, damit sie nicht mehr kämpfen müssen/mussten!

    Vielleicht kam das Verständnis erst mit den eigenen Erlebnissen von Zivilpersonen, aber die Betroffenheit als direkt Beteiligter war vermutlich dennoch eine ganz andere. Ständige Todesangst, traumatische Erlebnisse, Abgestumpftheit durch das ständige Töten und das Gesehene...

    Die meisten Heimkehrer haben ja auch nicht über ihre Erfahrungen gesprochen, daher fehlte wahrscheinlich wirklich die Vorstellungskraft für ihr Leben an der Front. Heutzutage sind Kriege viel dokumentierter, man kann Bilder im Fernsehen sehen, kann gewisse Zusammenhänge alleine aufgrund von Dokumentationen und Filmen nachvollziehen. Ich denke, dass dadurch auch das Grauen vorstellbarer geworden ist.

  • Ich hatte nur das Gefühl, dass die beiden sich nicht so wirklich nahe standen. Es ging doch alles ziemlich holter di polter mit kennenlernen, Kind, heiraten, Krieg. Sie kamen mir vor, als wenn sie sich sehr fremd waren oder vielleicht auch durch den Krieg wieder geworden sind.

    Ja, das mit dem Kind und der Hochzeit kam schon ziemlich schnell. Und dann noch der Krieg. Sie hatten gar nicht die Zeit, sich richtig kennenzulernen. Der Krieg hat Robert verändert und das ist gut zu verstehen. Das Grauen steckt noch in ihm, und zwar so sehr, daß er es nicht mit Hanah teilen möchte. Auf diese Weise kommt Hannah auch nicht an Robert heran. Aber wie verarbeitet man Krieg? Ich könnte mir vorstellen, daß man sehr lange Zeit braucht, um sich wieder der Welt, der Familie, der Liebe zu öffnen. Aber die beiden hätten eine Chance gehabt, das glaube ich schon.

    Die Ehesituation der Beiden dürfte damals sehr üblich gewesen sein. Wer versehentlich schwanger wurde, musste eben heiraten. So war das in den allermeisten Familien, weil es einfach ein Unding gewesen wäre, als alleinerziehende Mutter umherzulaufen. Als einzige Alternative wäre es noch möglich gewesen, das Kind gleich komplett zur Adoption freizugeben. Dafür gab es die Lebensbornheime, die extra eingerichtet wurden, um uneheliche Kinder großzuziehen, vorausgesetzt, es handelte sich um "arische" Kinder.
    Angeblich soll es sogar Absicht der Nazis gewesen sein, die Jugendcamps von Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädels in enger Nachbarschaft abzuhalten, damit versehentlich Kinder entstehen, die alle arischen Merkmale erfüllen. Wer diese Kinder nicht selbst großziehen wollte, durfte sie in den Lebensbornheimen abgeben, wo sie dann gleich regimebewusst großgezogen oder in entsprechende Adoptivfamilien vermittelt wurden.


    In jedem Fall sind durch ungewollte Schwangerschaften viele Ehen entstanden, bei denen die Ehepartner nicht unbedingt Traumpartner waren. In Hannahs Fall stößt dann auch noch ihre vergleichsweise moderne Haltung auf Roberts doch eher traditionelles Bewusstsein. Frauen wie Hannah, in deren Familien eine Ausbildung für Frauen angedacht war, hatten damals noch eher seltenheitswert. In dieser Hinsicht war das bürgerliche Milieu im Grindelviertel aber sehr fortschrittlich, also genau jene Schicht, die durch Bildung und Ausübung ihrer Berufe zu Wohlstand gekommen sind. Roberts Familie entstammt einem anderen Milieu, die durch Handel und Kapitalbesitz schon seit mehreren Generationen reich sind. Da hatten Frauen dann zwar auch ein gutes Leben, durften sich aber mehr oder weniger auf dem Reichtum ihrer Männer ausruhen, während sie in der bürgerlichen Bildungsschicht selbst Bildung genießen durften, um dann aber auch durch ihren Beruf mitzuverdienen.

  • Dass die Männer überwiegend mehr oder weniger traumatisiert waren, wurde damals nicht erkannt, zumal es den Begriff der Traumatisierung überhaupt noch nicht gab. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde erst in den 80er Jahren als psychiatrische Diagnose eingeführt. Direkt nach dem Krieg gab es noch nicht einmal Ansätze in dieser Richtung. Aus der Sicht der damaligen Bevölkerung waren das ja Männer und Männer sollen sich einfach mal nicht so anstellen. [...] Der Krieg wurde von Seiten der Psychiatrie nicht als Ursache in Betracht gezogen. Allein körperliche Schäden waren als Kriegsversehrung anerkannt. Alle psychischen Beeinträchtigungen sollten nach wenigen Wochen "Erholung" gefälligst überwunden sein.

    Wenn man bedenkt, dass zum Beispiel im und nach dem Ersten Weltkrieg sogenannte "Kriegszitterer" häufig in den Verdacht gerieten, dass sie lediglich simulieren, damit sie nicht mehr kämpfen müssen/mussten!

    Vielleicht kam das Verständnis erst mit den eigenen Erlebnissen von Zivilpersonen, aber die Betroffenheit als direkt Beteiligter war vermutlich dennoch eine ganz andere. Ständige Todesangst, traumatische Erlebnisse, Abgestumpftheit durch das ständige Töten und das Gesehene...

    Die meisten Heimkehrer haben ja auch nicht über ihre Erfahrungen gesprochen, daher fehlte wahrscheinlich wirklich die Vorstellungskraft für ihr Leben an der Front. Heutzutage sind Kriege viel dokumentierter, man kann Bilder im Fernsehen sehen, kann gewisse Zusammenhänge alleine aufgrund von Dokumentationen und Filmen nachvollziehen. Ich denke, dass dadurch auch das Grauen vorstellbarer geworden ist.

    Das grundsätzliche Problem liegt schon allein darin, dass das ganze Thema von einem dicken Tabu überdeckt wurde. Über den Krieg wurde geschwiegen, weil man sonst über die eigene Schuld hätte reden müssen. Die Männer wurden von der ganzen Welt (inklusive des eigenen Volkes) pauschal als schuldig betrachtet. Natürlich haben sie (zu einem größeren oder kleineren Teil) tatsächlich eine (größere oder kleinere) Schuld getragen. Aber damit wurde es schonmal prinzipiell unmöglich, dass sie gleichzeitig auch Opfer des Krieges sein könnten. Das heißt, für sie kamen zwei Dinge zusammen, die es unmöglich gemacht haben, das Trauma zu verarbeiten: Sie durften a) nicht darüber reden, und spätestens die Teile, in denen sie selbst in Verbrechen verwickelt waren, mussten partout verschwiegen werden, auch wenn diese Situationen vermutlich die größte Belastung bedeuteten. Und b) war es für deutschen Psychiater und Ärzte natürlich unmöglich, einen Zusammenhang zwischen Kriegserlebnissen und psychischer Erkrankung zu ziehen, weil sie damit nicht nur das große Tabu gebrochen hätten, sondern weil sie damit dem deutschen Soldaten eine Opferrolle gegeben hätten. Aufgrund der Deutschen Kriegsschuld wäre es aber unmöglich gewesen, diese "Opferrolle" öffentlich anzuerkennen.


    Letztendlich ist das ein so vielschichtiges und zweischneidiges Thema, das sich einfach mit dem Schwarz-Weiß-Schema von Schuld und Unschuld nicht vereinbaren lässt. Dass die Kriegserlebnisse unserer Großelterngeneration letztendlich ein gesellschaftliches Trauma hinterlassen haben, das sich durch Traumaübertragung bis in die 3. Generation fortpflanzt, ist ein Thema, das erst in den letzten Jahren überhaupt erst in der öffentlichen Diskussion angekommen ist.
    Für die damalige Bevölkerung kommt damit natürlich jegliche Anerkennung ihrer schlimmen Erlebnisse als Trauma zu spät.


    Im Volksmund wird das aber vermutlich anders ausgesehen haben. Dass es Männer gab, die der Krieg verrückt gemacht hat, wird für viele Menschen sehr klar gewesen sein. Aber dazwischen wird es wohl sehr viel mehr Männer gegeben haben, die versucht haben, diese "Schwäche" niederzukämpfen, sodass sie sich dann verdeckt geäußert hat. Wie viele Familien sind geprägt von den Gewaltausbrüchen ihrer Väter? Und wie viele Männer waren nach dem Krieg Kettenraucher und/oder alkoholabhängig. In vielen Fällen sind das die Folgen dieses unbehandelten Traumas.

  • In der Tat habe ich es mir immer wieder versucht vorzustellen: über 6 Millionen Juden, weitere Millionen Tote in der Zivilbevölkerung dann die vielen jungen Männer, die ihr Leben im Krieg ließen. Dieses Grauen übersteigt einfach jegliche Vorstellungskraft!

    nicht zu vergessen die 1,4 Millionen Pferde, die ebenfalls ihr Leben lassen mussten... - im 1. Weltkrieg waren es fast genauso viele. Ich bin zwar keine Reiterin, aber ich finde es ungeheuerlich, dass Menschen sich in allen Kriegen angemaßt haben, auch noch Mitgeschöpfe mit in den Tod zu nehmen - ganz selbstverständlich. Da blutet mir auch das Herz - heute noch!

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • Was mich sehr bewegt hat, ist zu lesen, daß man den Soldaten zunächst keine Unterkunft anbot, und damit auch keine Versorgung. Sie mußten irgendwie überleben. Welche eine grausame Vorstellung. Als ob sie im Krieg noch nicht genug haben durchmachen müssen!

    Das hat mich auch überrascht und ich wusste das nicht: Ich habe es so verstanden, dass die Soldaten im Sperrgebiet im Wald hausen mussten - ohne Dach über dem Kopf? Wie soll man sich da ein Überleben vorstellen? Kaum Nahrung, Wind und Wetter ausgesetzt... Auch von den Sperrgebieten weiß ich herzlich wenig. Man lernt immer dazu, auch wenn man sich noch so viel mit der Thematik beschäftigt - und vieles dazu gelesen hat.


    Gut vorstellen konnte ich mir hingegen, wie froh die 3 gewesen sein mussten, endlich eine Kammer zur Verfügung gestellt zu bekommen - wenn auch ohne Dienstmädchen ;)

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • In der Tat habe ich es mir immer wieder versucht vorzustellen: über 6 Millionen Juden, weitere Millionen Tote in der Zivilbevölkerung dann die vielen jungen Männer, die ihr Leben im Krieg ließen. Dieses Grauen übersteigt einfach jegliche Vorstellungskraft!

    nicht zu vergessen die 1,4 Millionen Pferde, die ebenfalls ihr Leben lassen mussten... - im 1. Weltkrieg waren es fast genauso viele. Ich bin zwar keine Reiterin, aber ich finde es ungeheuerlich, dass Menschen sich in allen Kriegen angemaßt haben, auch noch Mitgeschöpfe mit in den Tod zu nehmen - ganz selbstverständlich. Da blutet mir auch das Herz - heute noch!

    Die Trakehner sind auf diese Weise quasi ausgestorben. Da Ostpreußen und insbesondere Trakehner (so durften sich nur Pferde nennen, die in Trakehnen geboren wurden) vorrangig als Kavalleriepferde gezogen wurden, wurden sie auch vorrangig in den Krieg einberufen. Die zuhause verbliebenen Zuchtherden konnten dann nur zu einem geringen Teil mit in den Westen genommen werden. In Polen und Russland ist die Zucht der Trakehner dann nicht weitergeführt worden.
    Letztendlich sind nur so wenige Trakehner übrig geblieben, dass die heutige Rasse der Trakehner kaum noch mit damals zu vergleichen ist, weil so viele andere Pferde eingezüchtet werden mussten.
    Wenn man sich die Rassebeschreibung der damaligen Trakehner anschaut, ist das unglaublich bedauerlich. Die Trakehner waren das Ergebnis einer jahrhunderte langen Zucht, die auf freundlichen, zuverlässigen Charakter, Ausdauer, Gesundheit und Leistungsbereitschaft ausgerichtet war. Zudem wurden die Pferde so gezüchtet, dass sie möglichst wenig schreckhaft waren. Besonders groß waren sie auch nicht, damit sie wendig und schnell blieben. Im Grunde klingt das alles nach "idealen" Reitpferden, und jeder Pferdefreund wird dieser Rasse vermutlich ein paar Tränen hinterherweinen, wenn er darüber nachdenkt.

  • I. Das grundsätzliche Problem liegt schon allein darin, dass das ganze Thema von einem dicken Tabu überdeckt wurde. Über den Krieg wurde geschwiegen, weil man sonst über die eigene Schuld hätte reden müssen.



    II. Wie viele Familien sind geprägt von den Gewaltausbrüchen ihrer Väter? Und wie viele Männer waren nach dem Krieg Kettenraucher und/oder alkoholabhängig. In vielen Fällen sind das die Folgen dieses unbehandelten Traumas.

    Hallo und guten Abend zusammen, ich steige nun endlich in die Leserunde ein und habe den 1. LA nun auch gelesen und aufmerksam Eure posts natürlich: An dieser Stelle erstmal vielen Dank an Dich, liebe Daniela - und an dubh für die anschaulichen Links zu den Bildern des alten HH!


    zu dem Geschriebenen

    I. würde ich sagen, dass dies nicht die ganze Erklärung sein kann: Für mich sieht es im Nachhinein so aus, dass es wohl für viele einfach zu schmerzhaft war, von den leidvollen Erfahrungen zu berichten, die die Soldaten an der Front erlebt haben. So wurde vieles verdrängt - und darüber wurde nicht oder kaum gesprochen. Mit Schuld und Mitschuld hat es für mich nicht alleine etwas zu tun (meine Meinung ist jedoch subjektiv, da ich dies anhand meiner Familiengeschichte schreibe und so erlebt habe).

    Ich bin Jahrgang 1956 und mein Vater war spät noch eingezogen worden; er war Jahrgang 1912 - und musste nach Norwegen. Mein ganzes Leben lang war ich sehr froh, dass er Hitler und die NSDAP nicht mochte, sich lange durch seinen Beruf (Gärtner) vor der Rekrutierung wohl "drücken"konnte, aber dann wurde er doch eingezogen wurde.

    Was ich damit sagen möchte ist, dass es bei mir nicht die Großeltern sind, sondern die Eltern - meine Mutter, die wesentlich jünger war als mein Vater und noch Jugendliche, als der 2. WK begann, hinterließ uns Kindern die Worte, dass sie um ihre Jugend betrogen worden sei - was auch stimmt (sie war im Jahre 1945 mal eben 15 Jahre alt). Als "Nachkriegskind" habe ich noch heute das Gefühl, dass die Erfahrungen der Verwandten (besonders der Tanten, die dann doch mit einigen Geschichten aufwarteten, allerdings später) meine Kindheit auch mitgeprägt haben.

    Ich kann mich z.B. noch gut an "Versehrtensitze" in Bus und Bahn erinnern - die waren für die Kriegsversehrten....


    Zu II.

    Das würde ich ebenfalls relativieren und gilt sicher nicht für jeden Mann, der traumatisiert oder versehrt wieder nach Hause kam - und wie ihr richtig schreibt, ohne psychische Betreuung wie das heute der Fall ist, irgendwie in ein Leben zurückfinden mussten - bloß in welches? Das stelle ich mir sehr schwierig vor - und finde es unsagbar traurig, dass man Menschen mit solcherlei Traumatisierungen völlig alleine ließ - oder schlimmstenfalls in psychiatrische Kliniken abschob.


    Sehr froh bin und war ich immer, dass mein Vater ein sanftmütiger Mensch war, jedenfalls in Erziehungsfragen - und keinesfalls gewalttätig; im Gegensatz zu meiner Mutter rauchte er nicht - und trank auch selten Alkohol (und wenn, dann sehr leckeren - und in vernünftigen Mengen :-)


    Aber ich denke, Du hast jetzt auch nicht verallgemeinert - in vielen Fällen heißt halt : oft, aber nicht immer.... Ich denke heute, dass sein Beruf seine persönliche Therapie war, wieder "ganz zu werden", psychisch zu genesen.....

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • Besonders groß waren sie auch nicht, damit sie wendig und schnell blieben. Im Grunde klingt das alles nach "idealen" Reitpferden, und jeder Pferdefreund wird dieser Rasse vermutlich ein paar Tränen hinterherweinen, wenn er darüber nachdenkt.

    Ein Film, der mich sehr berührt hat - ist "Die Flucht" mit Maria Furtwängler: Darin ist auch gut dargestellt, was es für die Gutsbesitzer hieß, dass man ihnen die Pferde wegnahm.... Eine sehr traurige Sequenz im Film... (ich mag Pferde sehr).


    Danke vielmals für die interessanten Infos zu den Trakehnern; und ich denke, dass nicht nur Pferdefreunde den Trakehnern hinterherweinen sollten, sondern eigentlich alle Menschen. Ich finde es absolut traurig.

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • Meine Leseeindrücke zum 1. LA:


    Wirklich keine leichte Kost, ein Abschnitt voller Verluste, Traumatisierungen - aber auch dem Kennenlernen von Hannah, die mir bzw. deren Charakter mir sehr gut gefällt: Ich glaube eher nicht, dass sie Robert wiedersehen wird -aber es wird sich zeigen... Der Verlust ihrer Familie, besonders ihrer Tochter, ist so existenziell, auch die Szene, als sie in den Bunker gezogen wird vor der Feuersbrunst...


    Dann erleben wir Hannah, schwer traumatisiert, im Kreis Plön (ich war mal einige Wochen dort, eine schöne Gegend! - die holsteinische Schweiz genannt) - zum damaligen Zeitpunkt jedoch Sperrgebiet und Auffanglager von Ausgebombten und Kriegsgefangenen: Hier war ich erstaunt, dass Soldaten, deren Schicksal noch ungewiss ist, im Wald campieren mussten, kaum zu essen hatten (hat Daniela sehr gut erklärt, danke!) - und sicher glücklich waren, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben!


    Ich glaube, ohne Elisabeth und ihre Kinder hätte Hannah sich evtl. aufgegeben - sie half ihr sehr über die ersten Wochen (Solidarität von Frauen).... Aber ich fand es auch beachtenswert, wie sie leidenschaftlich Essbares sammelte, um sich, Elisabeth und den Kindern ein Überleben zu ermöglichen! Auch hat sie eine unglaublich toughe Art, mit neuen Situationen zurechtzukommen - und sich zu behaupten: Sie arrangiert sich mit Egon, Freddie und dem Fuchs - was es wohl mit Letzterem und seinem Schweigen auf sich hat? Da bin ich sehr gespannt!

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • Hallo zusammen,


    ich bin zwar spät dran, aber ich habe heute auch endlich das Buch aus dem Briefkasten gefischt und sogleich losgelesen. Es war wirklich spannend, eure Gedankengänge zu lesen bis hierhin.


    Für mich ist dieses ganze Thema (also der zweite Weltkrieg aus deutscher Sicht, das Naziregime und alles was da dran hängt) bis vor einigen Jahren ein Thema gewesen, das wie von einem anderen Stern war. Ich habe schwedische Wurzeln und war zwar über die groben Fakten informiert, aber diese Epoche spielte in meiner Schulzeit keine große Rolle und ist auch im alltäglichen Diskurs in Schweden nicht wichtig; das brach erst über mich herein, als ich nach Deutschland zog. Hier scheint mir dieses Thema allgegenwärtig zu sein, was ich inzwischen natürlich auch verstehe und wichtig finde. Allerdings schmerzt es mich, dass die Deutschen heute immer noch das Gefühl der Schuld mit sich herumtragen- ganz egal ob sie selbst etwas damit zu tun hatten oder nicht. Das ist ein Umstand, zu dem ich auf jeden Fall nochmal in mich gehen muss. Ich denke, das Buch ist eine gute Gelegenheit dazu.


    Der erste Abschnitt hat mich dann auch sogleich richtig mitgenommen. Ich weiß jetzt schon, dass ich Hannah mögen werde- sie ist genau die Art Frau, die mir sympathisch ist. Ihre menschliche und mitfühlende Art gefällt mir sehr... ganz besonders natürlich im Hinblick darauf, was sie mitmachen musste. Ich denke ich kann mir nichts schlimmeres vorstellen, als ein Kind zu verlieren. Oder gleichzeitig alle, die ich liebe. Eine Tragödie, von der ich nicht glaube, dass Hannah darüber in naher Zukunft hinweg kommen wird. Sie ist zwar klug und psychisch soweit stabil- aber vielleicht auch nur an der Oberfläche? Momentan scheint sie das Trauma im Alltag kaum zu belasten. Sie funktioniert eben und überlebt. Aber vielleicht holt es sie irgendwann ein? Man weiß ja inzwischen wieviel Kraft es kostet, gegen ein unbehandeltes Trauma anzugehen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie irgendwann zerbröckelt, die Fassade. Vielleicht, wenn es sie doch nochmal nach Hamburg verschlägt? Oder wenn ihr eine Person aus ihrer Vergangenheit begegnet. Auf eine Art fürchte ich mir dafür, auf der anderen Seite wäre es natürlich auch schön, wenn sie jemanden wiedertrifft. Besonders freuen würde ich mich wenn Klara noch lebt, auch wenn die Wahrscheinlichkeit wirklich sehr gering ist.

    Auch wenn Robert andere Vorstellungen hatte als Hannah, der Verlust des Ehemannes ist immer schlimm. Hannah war bereit, Kompromisse einzugehen.

    Ich hatte nur das Gefühl, dass die beiden sich nicht so wirklich nahe standen. Es ging doch alles ziemlich holter di polter mit kennenlernen, Kind, heiraten, Krieg. Sie kamen mir vor, als wenn sie sich sehr fremd waren oder vielleicht auch durch den Krieg wieder geworden sind.

    Ich glaube, das ging ganz vielen Familien so. Die Männer konnten oft nicht über das sprechen was in ihnen vorging oder was sie erlebt hatten (entweder weil es einfach nicht ging, oder weil sie nicht wollten um nicht als Waschlappen dazustehen) und plötzlich war da eine Kluft zwischen den Partnern, die sich nicht mehr so leicht schließen ließ. Was ich so gehört habe... in vielen Familien wurde das Thema Krieg einfach totgeschwiegen. Schwer vorstellbar für mich, dass man irgendwann einfach so tut als wäre der Mann eben ein paar Jahre vom Erdboden verschluckt gewesen. Ich schätze mal, die meisten Paare durften sich nach dem Krieg erstmal ganz neu kennen lernen- das war, wie einen Fremden in der Wohnung haben. Zumal die Frauen oft schon andere Beziehungen begonnen hatten weil sie gar nichts über den Verbleib ihres Ehemannes wussten. Irgendwann kamen die dann aus dem Krieg zurück... und dann gab es wieder gebrochene Herzen.


    Dass Robert noch lebt, kann ich mir auch gut vorstellen. Es ist ja nicht klar, dass er Großeltern und Kathrinchen überhaupt erreicht hat- vielleicht konnte er sich irgendwo anders retten.