02 - Seite 85 bis Seite 168 (Von "Der Lärm im Raum weckte ihn" bis "...wo er hingeht.)

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  • Uff, jetzt nimmt es aber schon ganz schön Fahrt auf! War es im ersten Abschnitt noch so, dass sich alles langsam entfaltet überstürzen sich jetzt die Ereignisse.


    Erstmal: Gut, dass Egon nun seine Freunde und damit eine Perspektive hat. Alles was gegen die Hoffnungslosigkeit hilft, ist willkommen. Ich bin wirklich fasziniert dass diese ganze Widerstandsbewegung anscheinend doch so groß war, dass sie es trotzdem irgendwie geschafft haben sich zu organisieren und sogar richtig große Zusammenkünfte abhalten konnten.


    Bei dieser Szene mit dem Briten der vom Himmel stürzte hatte ich ja einen kurzen Augenblick wirklich Angst, dass Egon etwas passieren könnte. Ich meine... ich weiß ja nicht. Da habe ich dann erstmal durchgeatmet, als er den Angriff überlebt hat und dann noch Erika gefunden hat. Die Puzzleteile fügen sich immer weiter zusammen, schön!


    Und nun als Schlussszene für diesen Abschnitt nochmal einen echten Knalleffekt... ohje... diese Ungewissheit, nicht zu wissen was mit Karl und den anderen passiert ist, schlimm. Ich hoffe sie kommen einigermaßen ungeschoren davon, also vielleicht 'nur' mit einem Verhör und werden nicht ins KZ gebracht. Überhaupt, heftig dass sie jetzt auch die SS da mit reinziehen- eigentlich sind ein paar Jugendliche die sich nicht an Regeln halten eine Lapalie- nichts, wofür man solch harte Geschütze auffahren müsste. Aber da sieht man eben die vollkommen verquere Wahrnehmung der Nazis. Ich wusste auch gar nicht dass die HJ doch so viele Befugnisse hatte, dass die einen zuhause abholen durften oder sogar bei der Polizei anzeigen... erschreckend, oder?

    Ich bin mal gespannt, ob Paul Schrader noch eine größere Rolle spielen wird. Es kam mir so vor als hätte er Interesse an Erika (also an der Erika, die ein braves deutsches Mädel wird) und ich könnte mir vorstellen, dass er, sobald er bemerkt was da passiert aus Eifersucht einen persönlichen Rachefeldzug oder sowas plant.

  • Das war ein spannender Abschnitt.


    Erich Balzer geht es tatsächlich besser,wenn auch sehr mitgenommen, aber die Wunde scheint gut zu heilen. Das Egon den Worten von Erich keinen Glauben schenken will oder mag, kann ich gut nachvollziehen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen daß sie ernst gemeint gewesen sind. In der Stunde des Todes gehen einem bestimmt viele Gedanken durch den Kopf.

    Als die HJ zu den Siepmanns kam, fand ich die Situation trotz seiner Dramatik, sehr erheiternd. Egon flüchtet auf den Dachboden und seine Mutter und die Nachbarin heizen den Jungs erst einmal ordentlich ein. Als Pfadfinder betitelt zu werden ist eine pure Beleidigung ;)


    In Fritz hat Egon wirklich einen guten Freund gefunden, auch die anderen Jungs gefallen ihm. Wollen sie doch nur ihre Jugend genießen und nicht ständig an Krieg denken zu müssen.

    Nach dem Fliegeralarm, bei dem der Bomber über Egon hinweg ist und dann explodierte, blieb mir fast das Herz stehen. Und ich hätte vermutet, dass Egon ein Trauma erleidet und nicht mehr er selbst ist.

    Auch die Rettung von Erika war sehr dramatisch und für uns kaum vorstellbar. Aber dadurch hat er Erika wieder gefunden.


    Die hatte er zum ersten Mal bei diesem Swing Club gesehen, an dem Tag als sie die HJ Jungen ordentlich verkloppt haben. Und ausgerechnet Paul Schrader hat richtig etwas abbekommen.

    Hier kommt der Name " Ruhrpiraten" ins Spiel,so nennen sie sich nun .


    Schrader und Müller sind sich wegen dem Kompetenz Gerangel zwar nicht unbedingt grün, aber es wird ein gemeinsames Ziel angestrebt. Die Fahrtenstenze,da musste ich googlen, müssen zur Strecke gebracht werden. Ich habe nicht schlecht gestaunt, dass es doch so viele gewesen sind, dass hätte ich nicht vermutet.


    Nicht zu vergessen, dass schöne Wochenende in Königswinter, welches ein jähes Ende gefunden hat. Hier konnte sich Egon, so wie sicherlich alle anderen auch, endlich frei und unbeschwert fühlen. Die anderen nennen sich Edelweiß Piraten.

    Interessant fand ich, dass sie als Erkennungsmerkmal auch bestimmte Kleidung getragen haben. Sozusagen der Gegenpart zu den Braunen Klamotten der HJ.

    Aber Karl seine Befürchtungen, durch die Gerüchte die er gehört hat, sollten sich bewahrheiten. Der Bahnhof war eine Falle. Ich hoffe dass sie Karl und die anderen wieder sehen und die nicht geschnappt wurden.


    Nach den anfänglich detaillierten Beschreibungen, hat das Geschehen ganz schön an Fahrt aufgenommen.

  • Dass Egon den Worten von Erich keinen Glauben schenken will oder mag, kann ich gut nachvollziehen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen daß sie ernst gemeint gewesen sind. In der Stunde des Todes gehen einem bestimmt viele Gedanken durch den Kopf.

    Ganz bestimmt sogar und ich bezweifle auch nicht dass man sich durch so eine Erfahrung ändern kann. Aber ich traue dem Braten noch nicht so richtig... Erich ist wirklich mit Vorsicht zu genießen und ich könnte mir sogar vorstellen, dass er als Spitzel oder sowas fungiert im Laufe des Buches. Und Egon sogar verraten würde. Ich weiß nicht, vielleicht auch nicht- aber ich traue Erich nur soweit wie ich ihn werfen kann. 8)

  • Wow, der Abschnitt hat es in sich und das Buch nimmt rasant Fahrt auf. Ich kann ja kaum aufhören zu lesen!


    Dass die Jungs sich die Gängeleien der Hitlerjugend nicht gefallen lassen, wundert mich nicht. Mit Karl haben sie einen wirklich überlegten Anführer, so dass ihre Aktion direkt erfolgreich wird. Wobei mir schon ein wenig anders wurde, als ich gelesen habe, was sie dem Schrader zugefügt haben. Ja, er ist wirklich ein gemeiner Typ und anders als so kann man sich wohl nicht zur Wehr setzen, dennoch bin ich fast eher bei den gewaltlosen Swingern, die einfach tanzen und träumen wollen.

    Aber ich mag die Darstellungen der beiden verschiedenen Jugendbewegungen total. Sie transportieren so viel Gefühl und Stimmung, dass ich ihren Freiheitsdrang (von beiden Bewegungen!) sehr gut nachempfinden kann. Die umgedichteten Lieder (bzw. eins davon) kenne ich auch. Großartig, wie sie das aufs Korn genommen haben:


    1. umgedichtete Strophe
    Wir traben in die Weite,
    das Fähnlein steht im Spind.
    Viel tausend uns zur Seite,
    die auch verboten sind.
    (...)
    Das Fahrtenhemd im Schranke,
    das Halstuch und Barett,
    die sagen: Gott sei Danke,
    jetzt haben wir’s mal nett.
    2. eigene Strophe
    Die dreimal Hunderttausend,
    von denen Baldur* sprach,
    die stehen eisenfeste,
    bis an den jüngsten Tag.
    Nicht dreimal Hunderttausend,
    Millionen sind es noch,
    die niemals je sich beugen
    dem fremden braunen Joch.
    Originalfassung:
    Wir traben in die Weite,
    das Fähnlein weht im Wind.
    Viel tausend uns zur Seite,
    die ausgezogen sind:
    (...)
    Auf grünem Wiesenplane
    Freund Hain malt Blumen rot,
    und über uns die Fahne singt
    rauschend Blut und Tod.

    *Baldur von Schirach, Reichsjugendführer


    Die Bombenangriffe sind schrecklich. Egon denkt, er ist vermeintlich in Sicherheit und dann wird genau über ihm ein Flugzeug abgeschossen. Mir ging es da wie Stachelschnecke und ich hatte große Angst um ihn. Aber immerhin war es dafür gut, dass er Erika näher kennenlernte und sie aus den Trümmern rettete.

    Mir gefiel in diesem Zusammenhang auch das Treffen zwischen Egon und ihrem Vater. Ihr Vater wurde sehr treffend beschrieben. Seine Rechtfertigungen, die sofort kamen, als Egon ihn auf die Partei ansprach, sprach Bände. Der arme Mann muss wirklich schon einiges durchgestanden haben und dass er trotzdem an seinen Idealen festhält, sagt sehr viel über seine Charakterstärke aus. Seit Jahren muss er sich durch das Terrorregime schlängeln und das, wo sie immer brutaler vorgegangen sind und dadurch wohl auch immer weniger Leute den Mut und die Kraft hatten, sich dagegen zu positionieren. Wirklich schrecklich. Vor allem hat er ein anderes Leben gekannt und weiß genau, was er alles verloren hat.


    Die Einblendungen der Polizisten, Gestapo-Männer etc. helfen mir wirklich sehr, die Lage besser einschätzen zu können. Ansonsten wäre ich von dem Überfall in Königswinter nicht nur geschockt sondern irgendwo auch irritiert gewesen. Denn in meinen aufgeklärten, modernen Augen handelt es sich hier um ein paar (aus Nazi-Sicht) ungehorsamen Jugendlichen. Keinen Grund einen solchen Aufwand zu betreiben. Aber nein, sie werten dieses Verhalten ganz anders und ich bin keinesweg auf einer Linie mit denen, aber immerhin kennt man ihre Argumente und warum sie so handeln. (Ich will nicht "verstehen" sagen, weil ich denen etwas entgegensetzen würden. Aber man kann ihre quere Denkweise in diesem Sinne verstehen, dass man weiß, wie sie sich alles zurecht legen.)
    Nun sind die drei übriggebliebenen Jungs in einer argen Zwickmühle. Was tun? Ich würde sagen: Lauft und bringt euch in Sicherheit. Der Naziapparat ist so groß, dagegen könnt ihr kaum ankommen. Auf der anderen Seite: Wenn man nicht aufbegehrt, lässt man sich alles gefallen. So funktioniert das System. Und hier handelt es sich immerhin um ihre Freunde.

    Überlegt zurückziehen und ihre Möglichkeiten ausloten, so dass man erstmal nicht selbst auch noch ins Visier gerät, ist sicherlich klug. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht!


    Dass Egon den Worten von Erich keinen Glauben schenken will oder mag, kann ich gut nachvollziehen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen daß sie ernst gemeint gewesen sind. In der Stunde des Todes gehen einem bestimmt viele Gedanken durch den Kopf.

    Ganz bestimmt sogar und ich bezweifle auch nicht dass man sich durch so eine Erfahrung ändern kann. Aber ich traue dem Braten noch nicht so richtig... Erich ist wirklich mit Vorsicht zu genießen und ich könnte mir sogar vorstellen, dass er als Spitzel oder sowas fungiert im Laufe des Buches. Und Egon sogar verraten würde. Ich weiß nicht, vielleicht auch nicht- aber ich traue Erich nur soweit wie ich ihn werfen kann. 8)

    Mhm, Erich ein Spitzel? Das fände ich sehr traurig. Er hat sich nicht korrekt verhalten in der vergangenen Zeit, aber ich habe es auch eher so erlebt, dass ihn seine Verletzung und die damit verbundene Zeit ein wenig geläutert hat. Immerhin darf Egon wegen seiner Intervention auch nach Königswinter fahren. Apropos, gibt es den See eigentlich noch? Mir hat er gar nichts gesagt. Bei Königswinter denke ich vor allem an den Drachenfels.

  • Er hat sich nicht korrekt verhalten in der vergangenen Zeit, aber ich habe es auch eher so erlebt, dass ihn seine Verletzung und die damit verbundene Zeit ein wenig geläutert hat.

    Das hoffe ich sehr! Man soll ja nie nie sagen. Obwohl ich diese Argumente nicht so ganz nachvollziehen konnte. Alle haben ein Kriegstrauma, aber nicht alle müssen ihre Schwester deswegen verprügeln, die sich um sie kümmern. Das ist schon eine Charaktersache. Mitleid empfinde ich da keines mit ihm.


    ...


    Sag mal, die umgedichteten Lieder sind ja genial! Kreativ und so erfrischend sinnig. Irgendwie tröstet es mich etwas, dass es diesen Widerstand überhaupt gegeben hat. Es ist schlimm zu denken alle wären einverstanden gewesen.

  • Obwohl ich diese Argumente nicht so ganz nachvollziehen konnte. Alle haben ein Kriegstrauma, aber nicht alle müssen ihre Schwester deswegen verprügeln, die sich um sie kümmern. Das ist schon eine Charaktersache. Mitleid empfinde ich da keines mit ihm.

    Nein, Mitleid empfinde ich auch keins. Und du hast vollkommen Recht, es entschuldigt keineswegs, dass er seine Schwester verprügelt hat. Aber da hat wohl auch der Alkohol aus ihm gesprochen. Ich selbst werde eher rührselig als agressiv, wenn ich Alkohol getrunken habe. Aber ich habe schon öfter agressive Menschen unter Alkoholeinfluss erlebt. Alkohol ist und bleibt ein Teufelszeug, der Charakterzüge eines Menschen stark verändern kann. Dann kommt das Kriegstrauma hinzu, bzw. mit dem Alkohol hat er versucht dies zu verdrängen (so habe ich es zumindest verstanden). Als er dann verletzt war und kurz vorm Tod war, konnte er (vielleicht?) sein Verhalten reflektieren. So scheint es mir und bereut es eventuell sogar. Ob das nun anhält, wird sich zeigen.

  • Hallo zusammen.


    Ein wirklich schöne Diskussion, die sich hier entwickelt.


    Zum Cover:


    Anders, als früher, hatte ich bei „Ruhrpiraten“ kein Mitspracherecht mehr bei der Covergestaltung. Persönlich finde ich es absolut klasse.

    Mit der Szene um die Swing-Jugend erhält es dann auch ein stückweit seine Daseinsberechtigung. Auch, wenn das Bild nicht direkt auf unsere Piraten zutrifft, beschreibt es doch das, worum es geht. Den Wunsch junger Menschen nach einer unbeschwerten Zeit. Sich vom Elternhaus zu lösen, seine eigene Identität zu finden, Musik, Freunde, erste Liebe … Eine Momentaufnahme. Aber es drückt es perfekt aus.


    Im ersten Teil unserer Diskussion stand immer wieder die Informationsflut im Fokus. Allmählich wird, zumindest lese ich es aus euren Beiträgen heraus- die Notwendigkeit mancher Dinge bewusst, um die Geschichte, oder Teile von ihr, zu verstehen. Ich darf euch aber beruhigen, es nimmt nicht weiter zu.


    Ich selbst habe handwerklich 10 Daumen. Auch familiär gab es keinen Bezug zum Bergbau. Obwohl ich tatsächlich noch als Kind auf einer alten Schlackenhalde gespielt habe, kann ich mich zurückblicken nicht daran erinnern, dass der Bergbau zu meiner Zeit des Aufwachsens eine große Rolle gespielt hatte. Ich habe für dieses Thema intensiv recherchiert. Darunter befand sich auch eine Besichtigung der Zeche Zollverein in Essen. Ein beeindruckendes Erlebnis.


    Den See in Königswinter gibt es. Er war sozusagen das Mekka der Edelweißpiraten und es gibt viele Berichte über die Treffen dort.


    Das Lied ist gut. Wusstet ihr, dass es noch im Kölner Raum ein Edelweißpiratenfestival mit vielen Musikgruppen gibt? Einfach mal googlen, wenn es interessiert.


    Die Handlung verläuft recht linear. Im zweiten Teil nehmen wir Fahrt auf, wie ihr bereits festgestellt habt. Danach schalten wir ein paar Gänge runter und der Plot erhält Züge eines Spannung- und Kriminalromans. Es kommt noch einiges. Versprochen.

  • Den See in Königswinter gibt es. Er war sozusagen das Mekka der Edelweißpiraten und es gibt viele Berichte über die Treffen dort.

    Das ist wirklich interessant- vielleicht gehe ich dort mal vorbei, das wäre doch mal einen Besuch wert. Ist eigentlich bekannt, wie es zu dem Namen 'Edelweißpiraten' kam? Piraten, klar... aber wie kamen sie auf die Blume? Hatte das eine spezielle Bedeutung?



    Aber da hat wohl auch der Alkohol aus ihm gesprochen. Ich selbst werde eher rührselig als agressiv, wenn ich Alkohol getrunken habe. Aber ich habe schon öfter agressive Menschen unter Alkoholeinfluss erlebt. Alkohol ist und bleibt ein Teufelszeug, der Charakterzüge eines Menschen stark verändern kann.

    Du hast ohne Zweifel recht. Mir fällt es einfach wahnsinnig schwer, einen Menschen deswegen von seiner Verantwortung freizusprechen. Eigentlich hat er sogar noch mehr Verantwortung wenn er weiß, er wird aggressiv wenn er trinkt. Dann ist die einzig logische Konsequenz, nicht einen Tropfen anzurühren.

    ABER ich war auch nicht im Krieg, ich weiß nicht wie das ist, auch wenn meine Vorstellungskraft gut ist. Dennoch greift auch nicht jeder zur Kompensation zum Alkohol... ach, schwierig. Ich lass mir das nochmal durch den Kopf gehen.

  • Dass Egon den Worten von Erich keinen Glauben schenken will oder mag, kann ich gut nachvollziehen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen daß sie ernst gemeint gewesen sind. In der Stunde des Todes gehen einem bestimmt viele Gedanken durch den Kopf.

    Ganz bestimmt sogar und ich bezweifle auch nicht dass man sich durch so eine Erfahrung ändern kann. Aber ich traue dem Braten noch nicht so richtig... Erich ist wirklich mit Vorsicht zu genießen und ich könnte mir sogar vorstellen, dass er als Spitzel oder sowas fungiert im Laufe des Buches. Und Egon sogar verraten würde. Ich weiß nicht, vielleicht auch nicht- aber ich traue Erich nur soweit wie ich ihn werfen kann. 8)

    Das Erich ein Verräter ist mag ich nicht so glauben. Er hat an der Front zu viel erleben müssen,sein Schwager ist an der Ostfront gefallen, da ist es wahrscheinlicher das er ein Trauma hat. Darum vielleicht der hohe Alkohol Konsum, um einfach zu vergessen. Und das er so ein Schläger gegenüber Egon und seiner Schwester ist, kommt bestimmt auch durch den Krieg. Es ist ja bekannt, dass viele Kriegsheimkehrer sich zum negativen entwickelt haben.

  • Avila schrieb


    Mir gefiel in diesem Zusammenhang auch das Treffen zwischen Egon und ihrem Vater. Ihr Vater wurde sehr treffend beschrieben. Seine Rechtfertigungen, die sofort kamen, als Egon ihn auf die Partei ansprach, sprach Bände. Der arme Mann muss wirklich schon einiges durchgestanden haben und dass er trotzdem an seinen Idealen festhält, sagt sehr viel über seine Charakterstärke aus.



    Stimmt, das Treffen gefiel mir auch sehr, schon die Bemühungen des Vaters um Egon zu danken, zeigt was für ein tolles Mann er ist.

    Ich fand es erstaunlich, dass Egon sofort aufgefallen ist wie die Wohnung eingerichtet ist und was er daraus für eine Schlussfolgerung gezogen hat. Aber von beiden mutig darüber zu sprechen.

  • Ich bin mal gespannt, ob Paul Schrader noch eine größere Rolle spielen wird. Es kam mir so vor als hätte er Interesse an Erika (also an der Erika, die ein braves deutsches Mädel wird) und ich könnte mir vorstellen, dass er, sobald er bemerkt was da passiert aus Eifersucht einen persönlichen Rachefeldzug oder sowas plant.

    Ich vermute das wir eher noch vom Vater Schrader etwas lesen werden. Der will nämlich den Verantwortlichen für die gebrochene Nase, die sein Sohn nun hat. Der ist so heiß und genau das wird ihn gefährlich machen.

  • Mir fällt es einfach wahnsinnig schwer, einen Menschen deswegen von seiner Verantwortung freizusprechen.

    Da gebe ich dir Recht. Er muss trotzdem die Verantwortung für seine Taten tragen. Alkohol hin und her - das ist keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.

  • Wer waren die Edelweißpiraten?


    Allgemeinhin unterstellt man dieser Bewegung, passiven und/oder aktiven Widerstand gegen das Naziregime geleistet zu haben. Also junge Menschen, die –aller Gefahren zum Trotz – aus tiefster Überzeugung handelten und denen man ein ehrendes Andenken bewahren sollte.

    Das ist so nicht richtig. Es herrscht ein völlig falsches Bild.


    Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, gab es eine große Jugendbewegung, die, als pauschalen Oberbegriff, als bündische Jugendbewegung bezeichnet wurde. Junge Menschen, die – teils bis auf Bundesebene in bis zu 100 Bünden mit bis zu 100.000 Mitgliedern organisiert – ihrem Freiheitsdrang folgten. Naturverbunden gingen sie auf Wanderschaft (daher auch oft die Bezeichnung Wandervögel), trafen sich und sangen ihr eigenes Liedgut.


    Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verwarfen sich die unterschiedlichen Bünde. Einige, viele sogar, fühlten sich der neugegründeten NSDAP zugewandt, andere lehnten sie rigoros ab. Das ging so weit, dass es sogar zwischen den bündischen Gruppierungen zu heftigen Auseinandersetzungen, bis hin zu Straßenschlachten kam.


    Nach und nach wurden Jugendbewegungen aller Art verboten. Das Ziel klar definiert. Man wollte die jungen Menschen in der Hitlerjugend wissen. Und die Hitlerjugend war es, die gezielt auf die Mitglieder der ehemaligen bündischen Jugend angesetzt wurde. Das hatte einen Grund. Die Mehrzahl der Mitglieder der Bünde hatten eine höhere Schulbildung, stammte aus so genanntem guten Hause, während der Prozentsatz derjenigen bei der Hitlerjungend um die 12 Prozent betrug. Man unterstellte den Bündischen Arroganz und erhob sie zum Feindbild.

    Die Verfolgung nahm immer groteskere Formen an. Sogar die Gestapo richtete eine Abteilung ein, die sich vorrangig mit diesen Mitgliedern beschäftigte.


    Trotz aller Bemühungen aber war der Gedanke des bündischen Lebens nicht aus den Köpfen der jungen Menschen zu bekommen und so warb man sogar gezielt Führer der bündischen Jugend zur HJ ab, um ähnliche Freizeitangebote anzubieten.

    Es gab darüber hinaus unzählige weitere, so genannter unangepasster Jugendlicher. So zum Beispiel die Kittelbachpiraten aus dem Düsseldorfer Raum. Eine recht rechtsradikale Truppe, die sich den Nazis zuwandte. Viele von ihnen sollen Karriere bei der HJ und in der SS gemacht haben.

    Der Druck hinsichtlich des Pflichtdienstes in der HJ und im BDM wurde immer größer. Bei den Kontrollen stellte man fest, dass viele Gruppe eigene Namen hatten und ihre Zugehörigkeit mit unterschiedlichen Symbolen zum Ausdruck brachten. Wimpel, Fahnen, Armbänder und oftmals eine, meist aus Holz geschnitzte, Edelweißblüte.

    Doch konnte man all diese Unangepassten nicht unter einen Hut bekommen. So waren es die Nazis, die aus dem Begriff der Edelweißblüte und den Kittelbachpiraten für alle unangepassten Jugendlichen den Oberbegriff „Edelweißpiraten“, kreierten. Ein Begriff, der die Mitglieder ins Lächerliche ziehen sollte. Aber, wie es so ist … es verkehrte sich ins Gegenteil. Viele sahen es als Kompliment an, dass man ihnen derart viel Aufmerksamkeit schenkte und verwendeten den Begriff Edelweißpiraten für sich selbst.

    Tatsächlich aber waren es unzählige Einzelgruppierungen ohne jegliches, politisches Interesse. Sie waren nicht organisiert, bekämpften sich zum Teil, manche waren kriminelle Banden und einige turnten zwischen HJ und bündischer Lebenseise hin und her. Von daher ist schwer, von „den Edelweißpiraten“ zu reden, weil es sie streng genommen nicht in der Form gab, wie es allgemeinhin angenommen wird.


    Dies ist nur ein kurzer Schnellschuss zur Erklärung der Namensgebung. Man könnte allein über dieses Thema stundenlang debattieren und referieren.

  • Mir fällt es einfach wahnsinnig schwer, einen Menschen deswegen von seiner Verantwortung freizusprechen.

    Da gebe ich dir Recht. Er muss trotzdem die Verantwortung für seine Taten tragen. Alkohol hin und her - das ist keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung.

    Ja so meinte ich es auch. Es gibt keine Entschuldigung, wenn ein Mensch zum Täter wird. Es sollte nur eine Erklärung sein, warum er vielleicht so ist. Trotz allem glaube ich nicht das er ein Verräter ist.


    Mike Steinhausen , wieder eine klasse Erklärung zu den Edelweiß Piraten, danke dafür

  • Ja, danke für die Erklärung! Ich finde es ja beinahe witzig dass der Name eigentlich verunglimpfend von den Nazis kam- und dann übernommen wurde. Das haben die sich wohl anders gedacht. ^^



    Trotz allem glaube ich nicht das er ein Verräter ist.

    Ich glaube es inzwischen auch nicht mehr. Vielleicht ist er ja wirklich geläutert bzw. es hat klick gemacht...

  • Ich hinke etwas hinterher. Das liegt aber nicht am Buch. Das wird nämlich zusehens spannender. Und jetzt gibt es auch keine Erklärungen mehr, die vielleicht das Tempo drosseln könnten.


    Um so mehr wir die jungen Leute kennenlernen, um so mehr wachsen sie einem ans Herz. Die Erwachsenen spielen tatsächlich eine untergeordnete Rolle.



    Nach dem Fliegeralarm, bei dem der Bomber über Egon hinweg ist und dann explodierte, blieb mir fast das Herz stehen. Und ich hätte vermutet, dass Egon ein Trauma erleidet und nicht mehr er selbst ist.

    Auch die Rettung von Erika war sehr dramatisch und für uns kaum vorstellbar. Aber dadurch hat er Erika wieder gefunden.

    Ich habe ja nicht damit gerechnet, dass Egon wirklich etwas passiert. Er ist ein patenter Kerl und als Hauptfigur wäre es noch zu früh gewesen für dramatische Geschehnisse um seine Person. Der Angriff war schon recht genau beschrieben. Die nackte verbrannte Frau war heftig. Aber irgendwie auch toll, dass er so Erika retten kann und kennenlernt. Und dass die Jungs gar nichts dagegen haben, dass er eine Fremde und dann auch noch ein Mädchen mitbringt.

    Im ersten Teil unserer Diskussion stand immer wieder die Informationsflut im Fokus. Allmählich wird, zumindest lese ich es aus euren Beiträgen heraus- die Notwendigkeit mancher Dinge bewusst, um die Geschichte, oder Teile von ihr, zu verstehen. Ich darf euch aber beruhigen, es nimmt nicht weiter zu.

    Von meiner Seite aus - keine Infoflut mehr. Alles bestens. ;)



    Es gab darüber hinaus unzählige weitere, so genannterunangepasster Jugendlicher. So zum Beispiel die Kittelbachpiraten aus demDüsseldorfer Raum. Eine recht rechtsradikale Truppe, die sich den Naziszuwandte. Viele von ihnen sollen Karriere bei der HJ und in der SS gemachthaben.

    Das ist interessant. Es gab also jugendliche Gruppierungen aller Art. Hattest Du bei der Recherche nicht den Eindruck, dass die Jugendlichen ein Abbild der Gesellschaft sind? Oder waren die Jugendlichen rebellischer als die Erwachsenen?

  • Obwohl ich diese Argumente nicht so ganz nachvollziehen konnte. Alle haben ein Kriegstrauma, aber nicht alle müssen ihre Schwester deswegen verprügeln, die sich um sie kümmern. Das ist schon eine Charaktersache. Mitleid empfinde ich da keines mit ihm.

    Nein, Mitleid empfinde ich auch keins. Und du hast vollkommen Recht, es entschuldigt keineswegs, dass er seine Schwester verprügelt hat. Aber da hat wohl auch der Alkohol aus ihm gesprochen. Ich selbst werde eher rührselig als agressiv, wenn ich Alkohol getrunken habe. Aber ich habe schon öfter agressive Menschen unter Alkoholeinfluss erlebt. Alkohol ist und bleibt ein Teufelszeug, der Charakterzüge eines Menschen stark verändern kann. Dann kommt das Kriegstrauma hinzu, bzw. mit dem Alkohol hat er versucht dies zu verdrängen (so habe ich es zumindest verstanden). Als er dann verletzt war und kurz vorm Tod war, konnte er (vielleicht?) sein Verhalten reflektieren. So scheint es mir und bereut es eventuell sogar. Ob das nun anhält, wird sich zeigen.

    Ich habe mal einen Bericht gesehen, in dem es darum ging, wie die Gesellschaft sich nach dem ersten und zweiten Weltkrieg veränderte, u.a. auch, weil so viele schwer traumatisierte Männer zu ihren Familien heimkamen. Tatsächlich gehört es wohl zum Krankheitsbild von Kriegstraumata, dass die emotionale Ebene schwer gestört ist und bei vielen die Frustrationsschwelle extrem gering war. In Kombination mit der "Wehrlosigkeit" der Frauen, die damals seltener einen eigenen Job hatten und der Gesellschaft, die den Mann als Oberhaupt der Familie ansah und sowohl von Kirche als auch Staat Schläge noch als erlaubt angesehen waren, da gab es viele zerrüttete Familien und Beziehungen in der die Männer entweder sprach- und scheinbar gefühllos waren oder Frau und Kinder schlugen. Und dann noch Alkohol der erst betäubt und dann hemmungslos macht. Puh.


    Alkoholisierte Schläger gehen bei mir ja eigentlich gar nicht aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es dem Onkel mit seiner Reue ernst sein könnte. Ich hoffe es auf jeden Fall. Und ich hoffe, dass der Junge ihm doch irgendwie "verzeihen" kann. Nicht um des Onkels Willen sondern um seiner selbst willen.

  • gagamaus


    Ich persönlich hatte bei den Recherchen, aber auch aktuell rückblickend auf meine eigene Jugend und die jetzige Generation immer schon den Eindruck, dass die Jugend nur in Teilbereichen ein Abbild der Gesellschaft ist. Sie bekommt von der Elterngeneration gewisse Werte vermittelt, die sie günstigenfalls (gut, während der NS-Zeit nicht unbedingt positiv) in ihre charakterliche Entwicklung einfließen lassen und dauerhaft behalten.

    Aber gehört es nicht zum Heranwachsen, sich gegen Obrigkeiten - und sei es nur den eigenen Eltern - aufzulehnen? Ist es nicht ein Bestandteil der Entwicklung, des Abnabelungsprozesses, der eigenen Identitätsfindung? Jede Generation hatte und hat Verhaltensweisen, welche der Elterngeneration aufstießen/stoßen. Nach dem Krieg war es der Rock ‘n Roll, dann kamen die Hippies … für mich war damals Musik, wenn zwei E-Gitarren ineinander verschmelzen. Für meine Eltern war das Ohrenkrebs, verursacht durch langhaarige Vollidioten.

    Was unsere Generation aus dem Roman betrifft, muss man die Dinge nochmals anders betrachten. Kriegsbedingte Abwesenheit der Väter, somit das Fehlen einer wichtigen Leitfigur. Entbehrungen, Bevormundungen bis hin zu Sanktionen durch staatliche Gewalt. Materielle Entbehrungen. Hunger, Perspektivlosigkeit, nicht zuletzt das Erleben des Kriegsgeschehens mit all seinen traumatisierenden Dingen. Da scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl Gleichgesinnter um ein Vielfaches wichtiger. Subjektiv bewertet würde ich sagen, dass die Rebellion der unangepassten Jungendbanden größer war, als zu anderen Zeiten.

  • Ich habe ja das Gefühl, dass erst schwierige Zeiten die Jugend mobilisieren. Erst die Einwanderungswelle und die AfD rütteln im Augenblick die Jugend wirklich auf, die eigentlich "verschollen in ihren Handyuniversen" auf der Suche nach Supermodel und Superstar scheint. Gleiches gilt aber auch für die Erwachsenen, die doch in den letzten 20 Jahren mehr auf den eigenen kleinen Horizont, den eigenen Erfolg ausgerichtet waren und viel zu wenig über den Tellerrand hinausgesehen haben, wo sich der Terror und Trump zusammengebraut haben. :boah: