3. Kapitel 21 bis 29 (S. 193 bis 277)

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  • Hier könnt Ihr zum Inhalt von Kapitel 21 bis einschließlich 29 schreiben.


    Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen

  • Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Die Kinder, allen voran Horst, verstehen es wie ihre Eltern, die Gesetze geringfügig (?) zu umgehen. Schule schwänzen mit gefälschten Entschuldigungen - das ist schon krass! Aber es ist ja sozusagen für einen guten Zweck und nicht nur zum Vergnügen.

    Klasse fand ich die Reaktion des Bahnaarbeiters, der die drei beim Klauen erwischt hat. Er hatte ein Herz! Das hätte auch anders ausgehen können.

    Lachen musste ich über Horst, der einen Bezugsschein für Schuhe bekommen hat (eigentlichen beschämend, oder?), ihn voreilig einlöst und dann nicht mehr gegen sein Wunschobjekt tauschen kann. Es ist natürlich nicht zum Lachen, aber seine Verzweiflung brachte mich trotzdem zum Schmunzeln.


    Horst war in Bayern und hat für die Amis gedolmetscht. Herrlich! Da ist mir eine Geschichte eingefallen: Ich bin ja gebürtig aus Oberbayern und habe einen „Preißn“ geheiratet. Natürlich fahren wir mehrmals im Jahr in den Süden, um die Verwandtschaft zu besuchen. Meine Eltern und Geschwister reden ein derbes bayrisch (ich übrigens auch in der entsprechenden Gesellschaft). Nach einem Urlaub fragte mein Sohn (Ende des ersten Schuljahres): „Mama, warum haben die in Bayern auch deutsche Nummernschilder?“ Darüber lachen wir heute noch.... :totlach:


    Richard und seinen Mitbewohnern geht es materiell vergleichsweise gut. Trotzdem sind seinen Kinder untergewichtig! Wie muss es den Leuten ergehen, die „normal“ leben und keine Extrarationen bekommen? Einfach nur furchtbar! Kälte und Hunger haben vielen Menschen das Leben gekostet.


    Dass Arthurs Scheidung so glimpflich verläuft, hätte ich nicht gedacht. Klasse! Kann da noch was nachkommen? Auch die Zeugenaussage verlief ohne Zwischenfälle. Eigentlich ein unspektakulärer London-Besuch, wenn man mal von Ellinor Mitchell absieht. Sie ist ja wahrlich eine harte Nuss!!

    Wie Fritz sie abgefertigt hat, war einfach nur klasse („Dann ist das jetzt also die zweite Angriffswelle. Erst Bomben, danach blond Furien“)! Selbst, als ihm klar wurde, dass seine Mutter noch lebt, ist er eiskalt und abweisend gegenüber seiner Halbschwester geblieben. Dass dann noch der angetrunkene Thomas dazu kam, hat die Lage nicht unbedingt verbessert.


    Ist der Brief an die Mutter wirklich verloren gegangen? Oder hat die Mutter ihn ignoriert? Wir werden es erfahren (hoffe ich).

    Der Brief, den er dann erneut schreibt, hat es in sich. Er vergibt ihr, dass sie ihn verlassen hat. Eine Gänshaut bekam ich, als er schreibt: „In deinem Leben ist kein Platz mehr für mich, genauso, wie für dich kein Platz mehr in dem meinen ist. ... Die Zeiten, da du meine Mutter warst und ich dein Sohn, sind seit 1915 vorbei.“ Das finde ich schon krass.


    Gut finde ich, dass Fritz seine Habilitation vorantreibt. Er sieht also durchaus Potential für die Zukunft. Wenn man die Hoffnung aufgibt, ist alles verloren. Der Grund ist bestimmt nicht, dass andernfalls in Zukunft zwei Dr. Ellerwegs in einer Klinik arbeiten. Die beiden waren wohl doch nicht so diskret, wie sie meinten.


    Arthur und Lottchen - das ist ja wirklich klasse! Trotz Altersunterschied. Arthur schient ja einen umwerfenden Charme zu haben. Er hat Margits Mutterherz im Sturm erobert!


    Leni ist nun offiziell Fritz‘ Tochter. Ich denke, Paula kann sich damit abfinden. Ihre Rolle als Ersatzmutter bleibt ja vorerst bestehen.


    Beeindruckend fand ich die „eiserne Lunge“. Wahnsinn, was in der damaligen Zeit mit denkbar wenigen Mitteln erschaffen wurde, um Leben zu retten.

  • Vielen Dank, Caren. Die Erlebnisse von Horst sind alle echt - der freundliche Mann beim Kohlenklauen ist verbürgt, ebenso wie der Bezugsschein für Schuhe und der fehlgeschlagene Dampfmaschinentausch. Auch die Erlebnisse in Bayern.

    Tolle Geschichte übrigens mit deinen Kindern. Ja, Bayern ... da kommt man mit Deutsch auf den Dörfern echt nicht weit :-).


    Und jetzt hat der arme Fritz auch noch lauter nervige Verwandte dazu bekommen ...

    Ich habe sogar beim Autorenworkshop eine Familienaufstellung gemacht, um diese verkorkste Situation zu lösen - wird nicht leicht.

  • Vielen Dank, Caren. Die Erlebnisse von Horst sind alle echt - der freundliche Mann beim Kohlenklauen ist verbürgt, ebenso wie der Bezugsschein für Schuhe und der fehlgeschlagene Dampfmaschinentausch. Auch die Erlebnisse in Bayern.

    Tolle Geschichte übrigens mit deinen Kindern. Ja, Bayern ... da kommt man mit Deutsch auf den Dörfern echt nicht weit :-).


    Und jetzt hat der arme Fritz auch noch lauter nervige Verwandte dazu bekommen ...

    Ich habe sogar beim Autorenworkshop eine Familienaufstellung gemacht, um diese verkorkste Situation zu lösen - wird nicht leicht.

    Solche kleinen Erlebnisse wie das mit dem Bahnarbeiter lassen das ganz Elend menschlicher erscheinen.

    Hat denn der arme Horst in seinem Leben noch eine Dampfmaschine bekommen? Meine Brüder hatten eine und waren fasziniert!

    Ich bin richtig gespannt, wir Fritz mit seinen neuen Geschwistern klarkommt un ob er sich mit seiner Mutter aussöhnt.

  • Das elend nach dem krieg hat mich auch sehr erschüttert, spricht man doch eigentlich häuptlich von den kz und vergisst die bevölkerung die überlebt hat, wie es denen geht und unschuldige leiden müssen. von daher mag ich dieses dreiergespann horst georg und emilia und bin auch betroffen, dass emilia ihren bruder wegen der gehörlosigkeit in einigen situationen beneidet.

  • Nein, er hat nie eine bekommen. Als ich ein kleines Kind war, ging er mit mir in die Spielzeugabteilung von Brinkmann. Dort gab es sehr viele Dampfmaschinen und er zeigte mir die alle begeistert und fragte mich, ob er mir eine kaufen sollte. Ich war damals 3 oder 4 - ist eine meiner frühesten Erinnerungen. Ich fand das langweilig und habe mir lieber einen Teddy ausgesucht. Ich habe damals nicht begriffen, was er so toll daran fand und warum er so begeistert war und enttäuscht war, dass ich den Teddy bevorzugte. Als ich älter wurde, erzählte er mir die Geschichte. Ich fragte ihn, warum er sich nicht selbst eine Dampfmaschine gekauft hat, als ich mich für den Teddy entschied. Er sagte, er wäre ja schon erwachsen gewesen und bräuchte das nicht mehr. Ihn hätte immer das Feuer machen fasziniert, aber dazu brauche er als Erwachsener keine Dampfmaschine mehr. Er habe jetzt einen Grill. Aber da die Dampfmaschine immer sein größter unerfüllter Kinderwunsch gewesen sei, wollte er, dass wenigstens ich eine bekomme. Aber da das eben nicht mein größter Wunsch war, bekam ich den Teddy. Denn den wollte ich und ich sollte alles bekommen, was ich mir wünschte.

  • Ja, die geschichte mit dem Bahnarbeiter hat mich auch sehr beeindruckt, ich gehe allerdings davon aus, dass diese menschlichkeit mit anhaltendem elend immer weniger wurde.


    Dass die scheidung von arthur so problemlos geklappt hat hat mich für arthur gefreut. jetzt kann er mit dem thema abschliessen und nach vorne sehen, was ja in späteren kapiteln zum nachlesen ist. mich hat nicht nur gefreut, dass er und lottchen zusammen gefunden haben, sondern auch dass er margit's mutterherz für sich gewinnen konnte, es gibt nichts schlimmeres wenn sich eltern gegen eine verbindung ihrer kinder stellen. Auch das gespräch zwischen richard und paula fand ich sehr interessant, wobei ich manchmal das gefühl habe, dass paula manchmal liberalerer gesinnung ist als richard. wichtig damals wie heute ist die gleichstellung aller menschen in der gesellschaft, bestes beispiel hier sind karl und julie.


    Die von richard angeregte antwort auf den brief von fritz mutter war genial. allerdings frage ich mich ob sie sich nochmal meldet, ist der brief von fritz wirklich verloren gegangen. der zweite brief von fritz geht einem regelrecht unter die haut.


    Allgemein möchte ich noch anmerken Melanie, dass dein buch insgesamt unter die haut geht und es mich fast den ganzen tag gedanklich beschäftigt.


    Caren

    der Spruch von deinem sohn ist einfach nur herrlich!

  • Vielen Dank, Strandfloh.

    Es freut mich sehr, wenn das Thema die Leser weiter beschäftigt. Die Menschlichkeit ließ nicht unbedingt nach - sie blieb denen erhalten, die sie schon immer besessen hatten. Mein Vater sagte immer, je schlechter die Zeiten, umso mehr Hilfsbereitschaft fand er - auch wenn man sich das heute gar nicht vorstellen kann. Aber vielleicht half ihm auch sein unerschütterlicher Optimismus. Er war deshalb am Ende seines Lebens sogar im Hospiz ein sehr beliebter Patient, weil er selbst den nahenden Tod akzeptierte und anderen noch Mut machte. Da gab es kein piätätvolles Schweigen über das Unausweichliche - es wurde besprochen und hingenommen. Ich glaube, man kann aus so schweren Zeiten in der Kindheit auch viel Stärke ziehen, wenn man sich nicht als Opfer, sondern aktiv handelnden Menschen sieht. Dann weiß man in besseren Zeiten, dass man alles schaffen kann.

  • Wenn ich das im Rahmen der Leserunde so rekapituliere, wird mir immer mehr klar, dass mein Vater nicht nur in dem kleinen Horst steckt. Sein erwachsener Part, bei dem ich in der Figurenentwicklung unbewusst Anleihen genommen habe, ist Fritz. Vielleicht ist er deshalb mein heimlicher Liebling.

  • Ich glaube, man kann aus so schweren Zeiten in der Kindheit auch viel Stärke ziehen, wenn man sich nicht als Opfer, sondern aktiv handelnden Menschen sieht. Dann weiß man in besseren Zeiten, dass man alles schaffen kann.

    Viele gehen an dem Elend kaputt. Ich glaube, dass nur wenige es schaffen, daraus Stärken für die Zukunft zu ziehen. Hut ab vor deinem Vater!

  • Ich glaube, man kann aus so schweren Zeiten in der Kindheit auch viel Stärke ziehen, wenn man sich nicht als Opfer, sondern aktiv handelnden Menschen sieht. Dann weiß man in besseren Zeiten, dass man alles schaffen kann.

    Viele gehen an dem Elend kaputt. Ich glaube, dass nur wenige es schaffen, daraus Stärken für die Zukunft zu ziehen. Hut ab vor deinem Vater!

    Da bin ich mir nicht so sicher - diese Kindergeneration hat unser heutiges Deutschland aufgebaut. Ihre Abwehr hieß anpacken und nicht jammern.

  • Melanie, wieder mal fliegen die Seiten viel zu schnell dahin :argh::)


    Über das Wiedersehen mit Horst habe ich mich sehr gefreut. Er war in Bayern und hat den Amis gedolmetscht. Und er hat es faustdick hinter den Ohren mit seinen Schwarzmarktgeschäften. Viel Überredungskunst braucht er dann auch nicht, um Georg und Emilia zu überzeugen, auch mitzumachen. Mit den Kohlen helfen sie dann auch ihren Eltern und er Wohngemeinschaft im Winter. Ich fand es zudem sehr interessant, wie die Geschäfte auf den Schwarzmarkt abliefen. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.


    Tja, Fritz und Julia waren in der Klinik wohl doch nicht ganz so disrekt wie sie gedacht hatten. Aber niemand scheint sich an ihren Glück zu stören. Für beide freut es mich, auch dass sie Zukunftspläne schmieden.

    Erstaunt hat mich aber die Liaison von Arthur und Lottchen. Darauf wäre ich nie und nimmer gekommen.


    Sehr paradox finde ich die Sache mit der Schulspeisung. Erst wenn die Kinder untergewichtig waren, hatten sie einen Anspruch darauf? Wer lässt sich den sowas einfallen? Und wer hat das finanziert? Der Staat, die Besatzer?`


    Und dann dieser seltsame Auftritt von Miss Mitchell. Dass sie in London mit Arthur gleich einen Freund von Fritz anspricht, ist nun wieder ein großer Zufall. Aber erstaunt war ich über ihre Beweggründe. Erst erzählt sie Arthur nicht, worum es geht um dann urplötzlich bei Fritz in der Klinik aufzutauchen. Was ist von den Brief der Mutter halten sollte, wusste ich ehrlich gesagt nicht wirklich. Aber Fritz sein Antwortbrief erklärt einiges. Ich habe für seine Haltung vollstes Verständnis. Nach der Geschichte. So eine Mutter kann einen gestohlen bleiben.

  • Ja, die geschichte mit dem Bahnarbeiter hat mich auch sehr beeindruckt, ich gehe allerdings davon aus, dass diese menschlichkeit mit anhaltendem elend immer weniger wurde.

    Zumal die Diebstähle ja dann schon extreme Ausmaße angenommen haben. Hier waren es ja nur drei Kinder, die ihre Säcke gefüllt haben.

  • Erstaunt hat mich aber die Liaison von Arthur und Lottchen. Darauf wäre ich nie und nimmer gekommen.

    Ich auch nicht! Fritz und Julia - das war ja klar! ^^ Aber Arthur und Lottchen - das war eine Überraschung!

  • Sehr paradox finde ich die Sache mit der Schulspeisung. Erst wenn die Kinder untergewichtig waren, hatten sie einen Anspruch darauf? Wer lässt sich den sowas einfallen? Und wer hat das finanziert? Der Staat, die Besatzer?`

    Das Problem war nicht die Finanzierung. Das Problem war, dass es nach den Verheerungen in Europa nirgendwo mehr genug zu essen gab. Auch in England mussten wieder Lebensmittelkarten eingeführt werden, die Kontinentaleuropäer hatten sowieso noch alle welche - es gab schlichtweg zu wenig zu essen.


    Es gab zwei Sorten von Schulspeisung. Die regelmäßige Speisung, die von den Briten organisiert wurde - die schmeckte auch nicht besonders, sagte mein Vater. Seitdem hatte er einen Abscheu gegen Haferschleim. Die bekamen nur Kinder, die untergewichtig waren - weil es eben zu wenig essen für alle gab und da hat man dann wirklich nach Bedürftigkeit geschaut. Jemand, der noch normalgewichtig ist, braucht es ja nicht so dringend wie der Untergewichtige. Und dann gab es noch die Schwedenspeisung, die schmeckte besser und war beliebter, aber die gab es seltener und die Kinder wurden auch gewogen, ob sie einen Anspruch hatten. Die Schwedenspeisung stammte nicht nur aus Schweden, da arbeiteten mehrere karitative Organisationen aus verschiedenen Ländern zusammen. Je nachdem, wo sie verteilt wurde, mussten die Kinder sie direkt vor Ort essen und durften nichts mitnehmen - sie sollte genau den unterernährten Kindern zugute kommen.