2. Kapitel 10 bis 20 (S. 89 bis 192)

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  • Hier könnt Ihr zum Inhalt von Kapitel 10 bis einschließlich 20 schreiben.


    Spoilermarkierungen sind aufgrund der Seitenbeschränkung nicht vorgesehen.

  • Bei dem Prozess gegen Krüger hätte ich mich aber auch zusammenreißen müssen, um da noch ruhig zu bleiben. Solch schreiende Ungerechtigkeiten kann ich nur ganz schwer verdauen und ich kann mich darüber mächtig aufregen. Die Beweggründe von Richard interessieren ja wirklich niemanden, als ob die Nazi-Repressionen niemals stattgefunden hätten. Mann echt ... hoffentlich verläuft der Prozess wegen der 22 ermordeten Kinder anders X(
    Wobei ich sagen muss, dieser Melk ging sehr geschickt vor und seine Rechung, dass der Richter seiner Argumentation hoffentlich folgt, ging leider auf.


    Als Arthur bei Fritz im Krankenhaus auftaucht, war ich mir kurz nicht mehr sicher, ob Fritz' und Paulas Arbeit für Strehlau nicht doch ihre Freundschaft mit dem Briten belasten könnte, aber inzwischen weiß er, dass Fritz irgendwas mit den Einbruch in dem Versorgungslager zu tun haben muss und hält doch den Mund. Wobei ich jetzt schon neugierig bin, um was für eine geheime Aufgabe es sich handelt, wegen der er eigentlich in Deutschland ist.


    Was die Versorgungslage im Hellmer-Haushalt angeht, trägt die Zusammenarbeit mit Strehlau ihre ersten Früchte.


    Hui, zwischen Julia und Fritz entwickelt sich jetzt doch ziemlich schnell eine Liebesbeziehung, das hatte ich so gar nicht erwartet, bin aber nicht böse drum, dass es kein großartiges hin und her gab. Ich gönne den beiden das neu gewonnene Glück, zumal die beiden in ihrer Gesinnung auf einer Wellenlänge liegen. Überraschend auch für mich war, dass Fritz eine englische Mutter hatte, das aber nie an die große Glocke hängte, obwohl es für ihn und Harri sicherlich einen Vorteil bringen könnte.


    Die Szene mit Hannelores Geburt und dem lieblos weggelegten Baby war schrecklich und sehr traurig. Und steht stellvertretend für viele solcher Schicksale. Dass es für Paula nicht in Frage kommt, das Baby zwischen den Trümmern seinem Schicksal zu überlassen, ist klar, nachdem sie eine Abtreibung hinter sich hat und unter dem Verlust des ungeborenen Kindes leidet. Wobei ich denke, sie hätte auch ohne ihre abgebrochene Schwangerschaft das Kind mitgenommen, vielleicht nicht, um es bei sich zu behalten, aber sie hätte in keinem Fall das Kind dort zurückgelassen. Die kleine Leni einigt Paula und Fritz in ihrem Entschluss, das Baby zu behalten und um sein Leben zu kämpfen, denn auch Fritz kennt den Verlust bzw. die Hilflosigkeit, nichts tun zu können, von Gottlieb. Großartig, wie Fritz anbietet, die Vaterschaft für das Kind zu übernehmen.


    Und gleichzeitig führt Leni zu Spannungen zwischen den beiden, weil jeder das Baby ganz für sich haben möchte. Aber die Freundschaft ist so großartig und tief verwurzelt, dass Fritz auch für dieses Problem einen ganz tollen Vorschlag hat. Hier hatte ich wieder etwas Pipi in den Augen, als er Paula die Zukunft in einem Doppelhaus ausmalt und so Leni in ihrer beider Nähe bleiben könnte. Eine bessere Lösung kann es doch gar nicht geben. Toll finde ich auch, dass Julia Leni ebenfalls akzeptiert, auch die Umstände, wie sie zu Fritz gekommen ist. Blöd ist sie nicht, die Frau Doktor, so schnell, wie sie das mit der Schwangerschaft ausgerechnet hat :totlach:


    Das, was Lisa von Arthur verlangt, ist echt unterste Schublade - und er wäre noch so "blöd" gewesen und hätte den Gentleman gegeben. Gut, dass Fritz ihm eine hervorragende Alternative diktiert, die er dann auch wirklich an Lisa so schicken will. Dass das britische Scheidungsrecht damals so kompliziert war, hätte ich aber auch nicht gedacht.


    Mir gefallen auch immer wieder die Erinnerungen der Protagonisten an frühere und bessere Zeiten, z.B. die Verlobungsfeier im Schrebergarten - das alles scheint so unendlich weit weg zu sein.


    Fritz sagt in diesem Abschnitt übrigens einen sehr wahren Satz: "Die Perversität des Menschen kennt keine Grenzen, was das Ausrotten seiner Artgenossen angeht."

  • Noch vergessen: Melanie, du hattest recht, die Szene zwischen Fritz, Julia und Arthur bei dessem Dienstbesuch in der Klinik war in der Tat recht amüsant - aber Arthur hat mir schon auch ein wenig leid getan :totlach:

  • Noch vergessen: Melanie, du hattest recht, die Szene zwischen Fritz, Julia und Arthur bei dessem Dienstbesuch in der Klinik war in der Tat recht amüsant - aber Arthur hat mir schon auch ein wenig leid getan :totlach:

    Da muss er durch - der kann das vertragen, auch wenn er Internist ist und die immer so sensibel sind ;-) .


    Vor allem hat Arthur eine wichtige Lektion gelernt - er beeindruckt die Leute nicht damit, wenn er von oben herab mit ihnen Englisch redet. Er beeindruckt sie viel mehr, wenn der Deutsch spricht - da kann er dann die Spreu vom Weizen trennen. Aber wenn er auf seiner Muttersprache beharrt, macht er alle Leute sauer, die sich von oben herab behandelt fühlen - so wie Julia Kampner, die ja nicht zu feige ist, ihre Meinung vor Männern zu vertreten - egal ob sie leitende Oberärzte oder britische Besatzungsoffiziere sind. Und Fritz hat dadurch gemerkt, dass sie nix gegen ihn persönlich hatte, sondern dass jeder Mann, von dem sie sich mies behandelt fühlt, so abgekanzelt wird - egal welche Position er hat. Da er selbst ja auch ein Freund offener Worte ist und nicht im Traum daran denkt, vor irgendwem zu kuschen, wusste er sofort - die passt zu ihm.


    Fritz' große Stärke ist ja, dass er zwar am Anfang Buh und Baff sein kann, wenn er sich ärgert und jemanden auch schon mal für eine Ziege oder einen Idioten hält, aber wenn er feststellt, dass er sich geirrt hat, gibt er das ebenso unumwunden zu. Da ist er halt ein offener Chirurg, der sagt, was er denkt und aus seinem Herzen keine Mördergrube macht.

  • Noch was zu Krügers Prozess - ich war übrigens selbst schon sehr oft als Sachverständige bei Strafprozessen vor Gericht, wenn es um Fragen der Schuldfähigkeit geht. Da konnte ich dann aus dem vollen schöpfen. Rechtsanwälte sind manchmal auch recht fies zu Sachverständigen, wenn die etwas sagen, was dem Mandanten schadet. Bei mir waren die aber immer an der falschen Adresse. Einmal rief mich ein Richter am nächsten Tag noch mal an, um sich zu bedanken, dass ich wie eine Eiche standhaft geblieben wäre und das Gericht deshalb meinen Ausführungen gefolgt wäre und der Angeklagte nun weggesperrt wurde. Insofern kenne ich den Ton vor Gericht ganz gut und habe hier eigene Erfahrungen mit alten Originalakten gemischt, damit es authentisch wird. Anwälte sind im schlimmsten Fall tatsächlich so wie Melk - ich kenne einen Fall, da hat eine Anwältin (ja, eine Frau) das Vergewaltigungsopfer sogar gefragt, ob sie einen Orgasmus hatte ...

  • Da muss er durch - der kann das vertragen, auch wenn er Internist ist und die immer so sensibel sind ;-) .

    Haben Internisten tatsächlich den Ruf, so sensibel zu sein? :totlach:


    Und Fritz hat dadurch gemerkt, dass sie nix gegen ihn persönlich hatte, sondern dass jeder Mann, von dem sie sich mies behandelt fühlt, so abgekanzelt wird - egal welche Position er hat. Da er selbst ja auch ein Freund offener Worte ist und nicht im Traum daran denkt, vor irgendwem zu kuschen, wusste er sofort - die passt zu ihm.

    Ja, als Mann sollte man sich hüten, Julia krumm zu kommen :totlach:


    ich kenne einen Fall, da hat eine Anwältin (ja, eine Frau) das Vergewaltigungsopfer sogar gefragt, ob sie einen Orgasmus hatte ...

    Das ist ja wohl absolut unfassbar X(X(

  • Da muss er durch - der kann das vertragen, auch wenn er Internist ist und die immer so sensibel sind ;-) .

    Haben Internisten tatsächlich den Ruf, so sensibel zu sein? :totlach:


    Wenn man bei den Vorurteilen bleibt:

    Chirurgen sind handfest, achten aber nicht immer darauf, wie ihr Verhalten beim Gegenüber emotional ankommt.

    Psychiater haben für alles Verständnis und denken viel über alles nach - aber es gibt unter ihnen auch widerliche Narzissten wie Krüger & Co.

    Internisten sind sehr gewissenhaft und genau und empfindsam. Deshalb haben sie irgendwann die endoskopischen Untersuchungsmethoden von den Chirurgen übernommen ;-) .

    Wenn man mit allen drei Berufsgruppen zu tun hat, muss der Psychiater ständig dolmetschen, damit sich der Internist und Chirurg auch ja gut verstehen :-D

  • Noch mal eine Frage zu Arthur - kommt dir die Freundschaft zwischen Arthur und Richard und Fritz ausgeglichen vor? Wird deutlich, dass es nicht nur so ist, dass Arthur gibt, sondern dass er auch viel zurückbekommt - wenngleich immateriell?

  • Ich schreib erst mal meinen Senf, dann erst lese ich, was ihr geschrieben habt.


    Also die Verhandlung von Krüger ist eine Frechheit. Ich kann Richards Wut gut verstehen. Hoffentlich wird das Blatt sich wenden, wenn es um die ermordeten Kinder geht! Der Anwalt versteht seinen Job, das muss man ihm lassen!


    Man sollte meinen, der Krieg ist vorbei, alles ist gut - aber weit gefehlt! Es muss furchtbar sein, ums tägliche Überleben zu kämpfen. Die Bombenangriffe sind vorbei und Paula und Richard müssen nichts mehr befürchten, weil Georg taub ist. Das sind aber schon alle positiven Eindrücke.

    Paula wird erst jetzt klar, was mit den vielen Juden passiert ist. Sie hat es nicht gewusst, nicht geahnt! Obwohl es Leute gibt, die behaupten, „jedermann“ habe das gewusst. Da wird sogar eine Rezension negativ geschrieben, weil Melanie falsch berichtet hat. Lächerlich, oder eher zum Weinen.


    Richtig angst wurde mir, als Arthur ins Krankenhaus kam und nach dem angeschossenen Jugendlichen gefragt hat. Fritz hat die Situation souverän gemeistert und sich auf dafür gerechtfertigt. Ich hoffe nur, dass die Freundschaft keinen Schaden nimmt, wenn eines Tages die Wahrheit ans Licht kommt.


    Dass Fritz und Julia zusammen passen, haben wir ja schon geahnt. Gut, dass es jetzt passiert ist! Beide sehnen sich nach einem Partner. Ich hoffe so sehr für die beiden, dass sie bald eine Wohnung finden und eine richtige Familie werden können. Vielleicht erfüllt sich ja auch Fritz‘ Traum vom Doppelhaus.


    Tragisch finde ich die Geschichte mit Leni. Wie furchtbar, unter welchen Umständen sie auf die Welt gekommen ist. Sie hat Paula ihr Leben zu verdanken. Wie gut kann ich Paula verstehen, dass sie Leni als ihre Tochter behalten möchte. Aber auch Fritz ist natürlich zu verstehen. Das ist eine harte Belastungsprobe für die Freundschaft!


    Arthur ist immer noch ein toller Freund! Er bringt sich selber in Gefahr, um Leni zu helfen mit dem Penicillin. Auch als er die Speisekammer inspiziert, hält er ruhig, obwohl er Dinge entdeckt, die wahrscheinlich den Engländern geklaut wurden.


    Der Brief von Arthurs Noch-Frau ist ja der Hammer! Man kann’s ja mal versuchen..... X( Gut, dass Fritz die richtige Retourktsche auf Lager hat.


    Leonie hat das richtige gemacht, indem sie vor der Katastrophe geflüchtet ist. Schön, dass der Kontakt nicht abgerissen ist.

  • Noch mal eine Frage zu Arthur - kommt dir die Freundschaft zwischen Arthur und Richard und Fritz ausgeglichen vor? Wird deutlich, dass es nicht nur so ist, dass Arthur gibt, sondern dass er auch viel zurückbekommt - wenngleich immateriell?

    Für mich ist die Freundschaft ausgeglichen! Klar, materiell gibt Arthur mehr, aber menschlich empfängt er doch sehr viel von Fritz, Richard und Paula. Sie nehmen ihn sozusagen in ihre Familie auf. Allein schon der Brief, den Fritz an die untreue Ehefrau formuliert, ist mit Geld nicht zu bezahlen! Überhaupt ist Freundschaft nicht mit Geld aufzuwiegen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie Arthur nur zum Freund haben, weil er ihnen materiell hilft. Da besteht eine tiefe Freundschaft, die über alles materielle hinausgeht.

  • Die Szene mit Hannelores Geburt und dem lieblos weggelegten Baby war schrecklich und sehr traurig. Und steht stellvertretend für viele solcher Schicksale. Dass es für Paula nicht in Frage kommt, das Baby zwischen den Trümmern seinem Schicksal zu überlassen, ist klar, nachdem sie eine Abtreibung hinter sich hat und unter dem Verlust des ungeborenen Kindes leidet. Wobei ich denke, sie hätte auch ohne ihre abgebrochene Schwangerschaft das Kind mitgenommen, vielleicht nicht, um es bei sich zu behalten, aber sie hätte in keinem Fall das Kind dort zurückgelassen.

    Für Paula stand das Wohl des Babys an erster Stelle. Das hat nichts mit ihrer Abtreibung zu tun. Sie hätte das Baby so oder so gerettet.

    Zitat von odenwaldcollies

    Hui, zwischen Julia und Fritz entwickelt sich jetzt doch ziemlich schnell eine Liebesbeziehung, das hatte ich so gar nicht erwartet, bin aber nicht böse drum, dass es kein großartiges hin und her gab.

    Die beiden sind alt genug und sparen sich jegliches Rum-Geeiere. (Was für ein Wort!:totlach:)

    Zitat von odenwaldcollies

    Toll finde ich auch, dass Julia Leni ebenfalls akzeptiert, auch die Umstände, wie sie zu Fritz gekommen ist. Blöd ist sie nicht, die Frau Doktor, so schnell, wie sie das mit der Schwangerschaft ausgerechnet hat :totlach:

    Da musste ich auch schmunzeln. Sie hat es sofort durchschaut und auch nicht damit hinterm Berg gehalten. Allerdings hat sie dann nicht mehr nachgehakt, als sie gemerkt hat, wie unangenehm es Fritz ist.

    Zitat von odenwaldcollies

    Mir gefallen auch immer wieder die Erinnerungen der Protagonisten an frühere und bessere Zeiten, z.B. die Verlobungsfeier im Schrebergarten - das alles scheint so unendlich weit weg zu sein.

    Das und die vielen humorvollen Szenen lockern die traurige Stimmug etwas auf. Zum Piepen fand ich die Unterhaltung von Fritz und Julia, als sie sagt: „Also deshalb nähen Sie immer so schnell. Ich dachte schon, Sie wollen fertig werden, ehe Ihnen der Faden ausgeht.“ Solche humorvollen Einschübe lassen das Elend leichter ertragen. Sowohl uns als auch die Betroffenen damals.

    Zitat von odenwaldcollies

    Fritz sagt in diesem Abschnitt übrigens einen sehr wahren Satz: "Die Perversität des Menschen kennt keine Grenzen, was das Ausrotten seiner Artgenossen angeht."

    Den Satz habe ich mir auch notiert! Traurig, aber wahr!

  • Vielen Dank für deine Eindrücke, Caren.

    Da du diese negative Rezension bei Amazon ansprichst - die hat mich wegen ihres Inhalts echt geärgert - nicht wegen der Sterne-Bewertung. Wenn jemand schreibt, ihm gefällt ein Buch nicht und dann wenig Sterne gibt, ist das für mich okay - mir gefallen auch nicht alle Bücher. Aber hier hat mich geärgert, dass durch eine derart platte Verallgemeinerung der Eindruck erweckt wird, ich würde in dem Buch den Holocaust abmildern oder Täter schützen. Ich habe dazu ja was auf meiner Autorenseite bei Facebook geschrieben. Ergänzend kann ich hier noch hinzufügen, dass ich es mir ja auch hätte leicht machen können - ich hätte die Emotionen der Menschen, was in ihnen vorging, als sie von dem kompletten Ausmaß des Grauens erfuhren, einfach weglassen können. Den Holocaust ignorieren. Aber genau das passt ja nicht. Das Problem war ja, dass die Menschen zwar einiges wussten, aber das, was sie selbst gesehen haben, konnten sie erst am Ende des Krieges richtig einordnen, nachdem sie wussten, dass es solche Vernichtungslager gab. Wenn es wirklich jeder gewusst und gutgeheißen hätte, dann hätten die Nazis ja nicht im besetzten Polen mehrere Mordfabriken bauen müssen, sondern dann hätten sie ja in jedem Land Mordfabriken bauen können und sich das hin- und herfahren der armen Menschen ersparen können ... Aber es ist halt so - hätten die Menschen das gesamte Ausmaß gekannt - dann hätte man die Opfer nicht so leicht und heimtückisch umbringen können, dann hätte es Aufstände gegeben - sowohl von den zur Ermordung vorgesehenen, die dann nichts mehr zu verlieren hatten, als auch von allen anderen anständigen Menschen. Als die Juden im Warschauer Ghetto begriffen, was da abging, haben sie ja auch einen Aufstand gemacht, aber leider war es da viel zu spät ...


    Die Geschichte mit Leni war mir auch wichtig - sie zeigt, wie hart die Zeiten sind, aber auch, dass sie in den Menschen sowohl das Schlimmste als auch das Beste zum Vorschein bringen. Anfangs ist Fritz' Vorschlag wirklich selbstlos gemeint. Und später, da ist es so, wie er es beschreibt - er denkt daran, wie man die Geschichte für Leni glaubhaft aufrecht erhalten kann. Es geht letztlich um sie und nicht um die Bedürfnisse der Erwachsenen. Paula versteht das und kann sie deshalb schweren Herzens loslassen. Weil das eben wahre Liebe ist - die nicht selbstsüchtig nach dem greift, was man sich selbst wünscht, sondern das Wohl des geliebten Menschen im Blick hat.

  • Paula hätte das Kind selbstverständlich immer gerettet - auch ohne Abtreibung. Aber es wäre ihr viel leichter gefallen, es dann Fritz zu überlassen. So musste sie ein bisschen mit sich kämpfen.

    Ich freue mich übrigens, dass euch der Humor weiterhin gefällt. Mir hat es ja beim Schreiben sehr viel Spaß gemacht, als sich Julia und Fritz - noch während zwischen ihnen eigentlich Eiszeit herrscht - gegen Arthur "verbünden" und sich die Bälle im Wortgeplänkel zuspielen. Das war dann der Punkt, an dem sie beide begriffen haben, wie ähnlich sie sich sind.

  • Wenn man mit allen drei Berufsgruppen zu tun hat, muss der Psychiater ständig dolmetschen, damit sich der Internist und Chirurg auch ja gut verstehen :-D

    Oder Chirurg und Internist leeren zusammen ein paar Bier und eine Flasche Whiskey, dann klappt es auch mit der Verständigung :totlach:


    Noch mal eine Frage zu Arthur - kommt dir die Freundschaft zwischen Arthur und Richard und Fritz ausgeglichen vor? Wird deutlich, dass es nicht nur so ist, dass Arthur gibt, sondern dass er auch viel zurückbekommt - wenngleich immateriell?

    In jedem Fall finde ich die Freundschaft ausgeglichen - ansonsten wäre Arthur auch nicht mit dem Brief und seiner Niedergeschlagenheit zu seinen Freunden gegangen, die ihm ja dann auch helfen konnten.

    Außerdem hat Richard am Ende vom ersten Band Arthur gebeten, sich lieber von ihnen fernzuhalten, damit er keinen Ärger bei seinen Landsleuten bekommt und Arthur hat ihn danach richtigerweise als Idiot bezeichnet - auch wenn das Richard nicht gestört hat, weil es ja ein Internist gesagt hat :totlach:


    Paula wird erst jetzt klar, was mit den vielen Juden passiert ist. Sie hat es nicht gewusst, nicht geahnt!

    Das war ja auch so unfassbar und unglaublich, ich denke, ich hätte ebenfalls gedacht, dass hier die Gerüchteküchte völlig übertrieben wäre. Das entspricht ja auch der Erfahrung von meinem Vater, als im Krieg ein Kamerad ihm erzählte, was angeblich in den Lager vor sich gehen soll, dass dort Menschen im großen Stil ermordet würden - das fand er ebenso ungeheuerlich und unvorstellbar, dass er es einfach nicht glauben konnte.


    Sie hat Paula ihr Leben zu verdanken.

    Das war echt ein Glück, dass Paula die Ärztin war, die dort einen Hausbesuch gemacht hat.


    Leonie hat das richtige gemacht, indem sie vor der Katastrophe geflüchtet ist. Schön, dass der Kontakt nicht abgerissen ist.

    Ohja, ich bin auch gottfroh, dass Leonie auf ihren Vater gehört hat und sie früh genug emigriert sind. Ich hoffe sehr, dass es in diesem Buch noch zu einem Treffen zwischen den beiden Freundinnen kommen wird.


    Für Paula stand das Wohl des Babys an erster Stelle. Das hat nichts mit ihrer Abtreibung zu tun. Sie hätte das Baby so oder so gerettet.

    Das in jedem Fall, aber wie Melanie schreibt, das Loslassen wäre ihr ohne die Abtreibung leichter gefallen:

    Paula hätte das Kind selbstverständlich immer gerettet - auch ohne Abtreibung. Aber es wäre ihr viel leichter gefallen, es dann Fritz zu überlassen.


    Es geht letztlich um sie und nicht um die Bedürfnisse der Erwachsenen. Paula versteht das und kann sie deshalb schweren Herzens loslassen. Weil das eben wahre Liebe ist - die nicht selbstsüchtig nach dem greift, was man sich selbst wünscht, sondern das Wohl des geliebten Menschen im Blick hat.

    Und Leni hat ja hier echt einen Sechser im Lotto gezogen: eigentlich hat sie sogar zwei Eltern, die sich liebevoll um sie kümmern. Dass sie das Kind vor der Wahrheit schützen wollen, kann ich sehr gut verstehen und ich hoffe, dass sie tatsächlich niemals die Wahrheit erfahren wird - in diesem Fall ist das eine gute Lüge, die schützt.

  • Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich schon mal verrate, dass es irgendwann in diesem Buch natürlich auch noch einen Auftritt von Leonie geben wird - das gehört einfach dazu. Aber ich verrate noch nicht wann und wie das passiert.


    Ich bin übrigens sehr gespannt, wie euch die weitere Entwicklung von Arthur gefallen wird - das Leben und die Umstände, unter denen er lebt und die sich sehr von denen unterscheiden, unter denen Richard, Paula, Fritz und ihre Angehörigen leben, haben auch einen Einfluss darauf - behaltet das mal im Hinterkopf, das wird später noch ganz interessant.

  • Übrigens auch die Tatsache, dass Arthur aus einer ganz anderen Schicht kommt als seine deutschen Freunde. Arthur ist ja ein Dienstbotenkind, das sich hochgearbeitet hat. Wer Downton Abbey kennt, weiß, aus welcher Schicht er kommt und mit welchen Vorurteilen er schon früh zu kämpfen hatte ;-) .

  • Also, ich finde nicht, dass der Holocaust in den Büchern ignoriert wird. Der Hauptfokus des Buches liegt zwar nicht auf der Judenvernichtung, sondern ist dem Beruf von Richard und Paula geschuldet und verleiht den Opfern unter den Nazis eine Stimme, die zwar eigentlich der "korrekten Rasse" angehörten, aber aufgrund einer Behinderung als lebensunwert eingestuft wurden. Z.B. war mir auch nie so bewusst, dass Kinder wie Georg und auch seine gesunde Schwester Emilia so extrem von der Zwangssterilisation bedroht waren, das kommt erst in diesem Buch so richtig raus.


    Ich finde, die beiden Bücher arbeiten sehr gut die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes heraus, außerdem finde ich sehr plastisch und gelungen, wie du das Erleben der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre aus Sicht von Richard, Paula und Fritz erzählst. Wie anfangs erstmal alles gar nicht so schlimm empfunden wurde und viele Menschen oftmals dachten, so schlimm wird es schon nicht kommen. Klar, es stand zwar in Hitlers "Mein Kampf", aber dieses "Werk" bis 1933 nicht sehr oft gelesen. Ich lese gerade einen ziemlich dicken Wälzer über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Stalin und Hitler, in dem auch der Werdegang der beiden Männer beschrieben wird. Von dort habe ich die Zahlen, dass Hitlers Kampfschrift keinen großartigen Absatz bis 1933 hatte und auch, dass in Hitlers Reden bis zur Machtergreifung die wahren Ziele wie der geplante Krieg oder die Vernichtung von lebensunwertem Leben nicht angesprochen wurden, weil er wusste, dass das keine sehr populären Themen sind. Vielmehr hat er immer wieder auf die drängenden Probleme der Bevölkerung hingewiesen, wie die zunehmende Verarmung aufgrund der zweiten Weltwirtschaftskrise von 1929 und der damit verbundenen hohen Arbeitslosigkeit sowie die Last der Reparationszahlungen.


    Der Prozess, in dem Hitler und seine Schergen ihr wahres Gesicht zeigten, war ja eher schleichend, hier eine Verordnung, da eine Verordnung und Entmachtung/Verbot der Opposition usw. Und das kommt in deinem Buch ebenfalls sehr gut rüber.


    Aber genauso sprichst du auch kritisch die Bombardierungen der Städte an, bei denen gezielt die Zivilbevölkerung aufs Korn genommen wurde. Es ist so, wie auch Fritz es feststellt: es ist nicht der einzelne Kampfflieger oder Soldat, egal, welcher Nationalität er angehört, es ist die Gesamtheit des Krieges, der das Schlechteste im Menschen hervorgebracht hat und Menschen dazu zwingt, Dinge zu tun, die sie in Friedenszeiten niemals tun würden. Und ja, es ist oberstes Ziel, solche Kriege und die damit verbundene Aufstauung von Hass zu vermeiden! Da bin ich ganz bei Fritz.

  • Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich schon mal verrate, dass es irgendwann in diesem Buch natürlich auch noch einen Auftritt von Leonie geben wird - das gehört einfach dazu. Aber ich verrate noch nicht wann und wie das passiert.

    Oh, wie schön - ja, du hast recht, das muss einfach noch sein, dass sich die beiden Freundinnen irgenwann wieder persönlich sehen.


    Ich bin übrigens sehr gespannt, wie euch die weitere Entwicklung von Arthur gefallen wird - das Leben und die Umstände, unter denen er lebt und die sich sehr von denen unterscheiden, unter denen Richard, Paula, Fritz und ihre Angehörigen leben, haben auch einen Einfluss darauf - behaltet das mal im Hinterkopf, das wird später noch ganz interessant.

    Schon gedanklich notiert.


    Übrigens auch die Tatsache, dass Arthur aus einer ganz anderen Schicht kommt als seine deutschen Freunde. Arthur ist ja ein Dienstbotenkind, das sich hochgearbeitet hat. Wer Downton Abbey kennt, weiß, aus welcher Schicht er kommt und mit welchen Vorurteilen er schon früh zu kämpfen hatte ;-) .

    Das ist ja eigentlich eine Gemeinsamkeit mit Richard, der während seines Studiums auch mit den Ressentiments zu kämpfen hatte, dass er aus einer Handwerkerfamilie stammt. Allerdings ging es der Tischlerei Hellmer wirtschaftlich hervorragend und sie waren selbständig, was die Finanzierung des Studiums bei Richard enorm erleichterte.

    Aber der Kampf mit den Vorurteilen ist beiden gemeinsam.

  • Übrigens auch die Tatsache, dass Arthur aus einer ganz anderen Schicht kommt als seine deutschen Freunde. Arthur ist ja ein Dienstbotenkind, das sich hochgearbeitet hat. Wer Downton Abbey kennt, weiß, aus welcher Schicht er kommt und mit welchen Vorurteilen er schon früh zu kämpfen hatte ;-) .

    Das ist ja eigentlich eine Gemeinsamkeit mit Richard, der während seines Studiums auch mit den Ressentiments zu kämpfen hatte, dass er aus einer Handwerkerfamilie stammt. Allerdings ging es der Tischlerei Hellmer wirtschaftlich hervorragend und sie waren selbständig, was die Finanzierung des Studiums bei Richard enorm erleichterte.

    Aber der Kampf mit den Vorurteilen ist beiden gemeinsam.


    Das wird später auch noch mal aufgegriffen - die Tatsache, dass Richard nicht nur aus einer Handwerker-Familie stammte, sondern vor seinem Studium sogar eine Tischlerlehre machte und einen Gesellenbrief hat. Es wird die Zeit kommen, da wird gerade dieser Werdegang ihm dabei helfen, eine enttäuschende Situation zu entschärfen und jemandem eine neue Perspektive vermitteln ;-) - behaltet das auch mal im Hinterkopf. Ich habe immer so meinen Spaß daran, Situationen zu schaffen, dass vieles irgendwann im Leben noch mal einen Sinn hat oder nützlich wird. Ich habe das selbst oft so erlebt - wenn etwas nicht sofort klappte, hat sich das später oft als Vorteil herausgestellt. Übrigens sind die Bücher "Im Lautlosen" und "Die Stimmlosen" auch so ein Beispiel. Beide Bücher laufen richtig gut, "Im Lautlosen" stand mehrere Wochen auf der Bild-Bestsellerliste und "Die Stimmlosen" sind diese Woche ja auch drauf. Dabei hat mein Agent vorher von 20 großen Verlagen Absagen bekommen. Tinte&Feder war der einzige Verlag, der sich an dieses Thema - Euthanasie - rangetraut hat. Die anderen meinten alle, das wäre zu ernst und die Zielgruppe zu klein. Aber bei Tinte&Feder hatte ich dann eine Lektorin, die sich gleich in das Thema verliebt hat und ich hatte unheimlich viel Mitspracherecht bei den Covern - das hat man sonst nicht. Nur deshalb sind diese sehr individuellen Cover entstanden, die originale Fotos aus der Zeit zeigen.