#01 - Anfang bis 84 (einschließlich Kapitel 12)

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  • Am Ende von Lunapark habe ich gedacht, dass Fritzi vielleicht den Dreh doch noch bekommt, aber wie wir sehen, ist er mehr in der HJ engagiert als je zuvor. Sein Freund hat sich nicht bewährt und muss die Abscheu seines Vaters ertragen. Grauenhaft! Dafür ist er stolz auf Fritzi, dem das natürlich gefällt. Aber Fritzi sehnt sich auch nach Charly, die ihn immer spüren lässt, was sie von der HJ und allem anderen hält. Sie kann einfach nicht aus ihrer Haut raus. Dass das Jugendamt sie dann auch noch im Visier hat, wird wohl noch zu Problemen führen und Gereon hat sich ja auch nicht gerade kooperativ gezeigt.

    Ja, und genau hier mache ich mir ein bisschen Sorgen um diese kleine Familie ... Fritzi ist noch sehr jung und gerade in dem Alter, in dem man sich sehr leicht beeinflussen lässt ... ich spreche aus Erfahrung, was hat man in der Jugend doch für einen Quatsch gemacht und unsterblich war man sowieso! Dass Charly dem allen kritisch gegenüber steht finde ich klasse. Sie scheint die Gefahr zu erkennen und kämpft dagegen an, solange es noch geht ... weniger beeindruckt bin ich in dieser Hinsicht gerade von Gereon ...

    Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen ... Heinrich Heine

  • Die Zeiten werden immer gefährlicher, Überwachung und Bespitzelungen sind an der Tagesordnung und sie reichen weit, wie die Unterlagen zeigen, die Gerhard Brunner bei sich hat und die Gereon so viel Kopfzerbrechen bereiten. Aber es ist mal wieder typisch Gereon. Die Neugier des Polizisten ist stärker als die Vorsicht. Kaum hat er den Umschlag aufgerissen, ist es ihm, als würde er sich die Finger verbrennen. Nun ist der Brief zwar zum Empfänger unterwegs, doch er ist an anderer Stelle eingeworfen worden, die Anschrift ist gefälscht (wenn auch einigermaßen gut) und er ist doch bestimmt nicht rechtzeitig weggekommen, denn Brunner hatte es doch so eilig. Ich glaube nicht, dass das alles unbemerkt bleibt.

    Oh, da war mir auch ganz schön mulmig aber das ist mal wieder so typisch Gereon, er ist für einen Kommissar schon ganz schön korrupt, finde ich. Oder ist er einfach nur zu neugierig? Ich denke auch, dass das noch ein Nachspiel haben wird!

    Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen ... Heinrich Heine

  • Ein spannender Anfang! Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es tatsächlich klug ist, mit dem 7. Buch in einer Reihe einzusteigen. Es gibt doch immer wieder Anspielungen auf die Vorgeschichen, wo ich halt leider keine Ahnung habe.

    Wie zum Beispiel ist Fritz zum Gereon und Charly gekommen? Warum hat er sich auf Berlins Straßen alleine durchschlagen müssen?

    Warum ist Rath in dieser Abteilung so schlecht angesehen? Warum wird der ehemalige Liebling von Gennat jetzt nur mehr mit den belanglosen Fällen betraut? Mal sehen wie viele dieser Fragen in diesem Buch noch beantwortet werden!

    Egal - der Beginn ist spannend und temporeich.


    Oh, das stelle ich mir auch sehr schwierig vor ... ich bin quasi Fan der ersten Stunden, wenn man auch so manches zwischendurch vergisst, weil Herr Kutscher es doch sehr genau mit der Recherche nimmt und immer etwas länger braucht ;) ... (das ist jetzt nicht böse gemeint :) )

    Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen ... Heinrich Heine

  • Ja, und genau hier mache ich mir ein bisschen Sorgen um diese kleine Familie ... Fritzi ist noch sehr jung und gerade in dem Alter, in dem man sich sehr leicht beeinflussen lässt ... ich spreche aus Erfahrung, was hat man in der Jugend doch für einen Quatsch gemacht und unsterblich war man sowieso!

    Aber nicht nur die Beeinflussung ist gefährlich, er ist bestimmt bei Befragungen noch nicht so gewieft, dass er eventuell Gefahren erkennen kann und die falschen Antworten gibt. Ihm fehlt ja noch Lebenserfahrung, auch wenn das Leben auf der Straße ihm einiges an Vorsicht mitgegeben hat.

  • Aber nicht nur die Beeinflussung ist gefährlich, er ist bestimmt bei Befragungen noch nicht so gewieft, dass er eventuell Gefahren erkennen kann und die falschen Antworten gibt. Ihm fehlt ja noch Lebenserfahrung, auch wenn das Leben auf der Straße ihm einiges an Vorsicht mitgegeben hat

    Ja, hier zeigt sich das extrem gefährliche einer Diktatur: in jungen Jahren sieht man lange nicht alle Facetten - Fritze findet die Gemeinschaft, die Abenteuerlust und weitere Dinge bei der HJ per se erst einmal sehr spannend. Sind Kinder/Jugendliche erst einmal angefixt und dadurch noch mehr im Dunstkreis der Propaganda, dann wird es nur noch einfacher, sie zu indoktrinieren... Daher ist es nicht sonderlich verwunderlich, wenn Menschen, die zu Kriegsende Anfang bis Mitte 20 und jünger waren, bis an die Nasenspitze voller nationalsozialistischem Gedankengut waren.

    Fritze ist genau im "richtigen" Alter und er begreift eben nicht, dass es Charly gut mit ihm meint. Er denkt, sie will ihn in seiner Freiheit beschränken, im seine Leidenschaft madig machen.


    Übrigens ist Fritze einer der Personen, die mich dazu anregen, mich immer wieder bei der Lektüre zu fragen, wie ich wohl gedacht und gehandelt hätte. Eine müßige Frage, schon klar - aber stellt Ihr sie Euch auch?

  • Übrigens ist Fritze einer der Personen, die mich dazu anregen, mich immer wieder bei der Lektüre zu fragen, wie ich wohl gedacht und gehandelt hätte. Eine müßige Frage, schon klar - aber stellt Ihr sie Euch auch?

    Ich stelle sie mir nicht nur bei diesem Buch, sondern habe sie mir bei einer ganzen Reihe Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, gestellt. Aber es ist nun mal so, man kann noch so viel darüber nachdenken "was wäre, wenn...", wissen tut man es doch nur in der jeweiligen Situation.

  • Aber erstmal zu "Eine andere Geschichte": hier war ich kurz irritiert, weil es um den Ort Marlow geht und nicht um Johann Marlow, wie ich bei dem Buchtitel erwartet habe. Oder doch? Ist der Sohn von Friedrich Larsen vielleicht Johann Marlow, der seinen Namen irgendwann von Magnus Larsen in Johann Marlow geändert hat?

    Mir hat dieser Einstieg extrem gut gefallen und ja, ich denke, dass Magnus Larsen zu Marlow wird. Vielleicht hat er den Namen Marlow später gewählt, um sich zu erinnern, woher er kommt? Keine Ahnung, aber ich bin mir sicher, dass es sich um den späteren Gangsterboss handelt.

    Und dann ist da auch seine spätere rechte Hand... Die Verbindung gibt mir im Übrigen das momentan größte Rätsel auf: handelt es sich bei ihm um den Halbbruder oder gar den Sohn von Marlow?:boah: Das würde das extrem enge Verhältnis der beiden erklären und die Tatsache, dass Marlow Kuen-Yao auch gegenüber den SSlern sehr deutlich in Schutz nimmt.

    Allerdings stellt sich mir die Frage, warum der alte Larsen die Mutter mit ins Deutsche Reich genommen hat... Ich denke, da kommt noch einiges auf uns zu.:)

    Irgendwie habe ich den Verdacht, dass Lehmann gezwungen wurde, mit Brunner in den Tod zu fahren, das würde jedenfalls erklären, dass er anfangs so langsam gefahren ist. Klar, das könnten auch die Schmerzen gewesen sein, aber irgendwas stimmt da nicht. Und Böhms Reaktion auf Raths Aussage mit dem Hirnturmor verstärkt mein Gefühl noch.

    Vielleicht wurde dem Droschkenfahrer versprochen, dass man sich dann nach seinem Tod um dessen Familie kümmern würde bzw. wurde ihm gedroht, dass seiner Familie dann nichts geschehen wird, was eher zu den Nazis passen würde.

    Eine sehr gute Idee, odenwaldcollies! Dass Otto Lehmann gezwungen wurde, kam mir noch nicht in den Sinn... In der Tat würde das das langsame Fahren, die Schweissperlen und die Paranoia sehr gut erklären - der Taxifahrer hat Todesangst. Dann denkt er an seine Familie und beschließt, dass er es machen muss, lässt sich nicht mehr davon abbringen und beschleunigt als hätte er Scheuklappen auf.

    Ob er von seiner Erkrankung wusste und deshalb dachte, dass er eh bald sterben muss?

    Als Rath den Briefumschlag aus Brunners Aktentasche in den Händen hält, war mein erster Gedanke auch, hoffentlich öffnet er ihn, um vielleicht durch ihn Licht in die Sache zu bringen. Mit so einem Inhalt hätte ich auch nie gerechnet, kein Wunder, dass es Gereon ganz anders wird. Ob es klug war, dass er den Brief weitergeschickt hat oder nicht, weiß ich nicht - in jedem Fall scheint das schwer vermintes Territorium zu sein.

    Ich werde vor allem das Gefühl nicht los, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem Gereon zu gerne wissen würde, was eigentlich in der Geheimakte stand... Vermutlich hätte ich mir an Gereons Stelle in die Hose gemacht, andererseits hätte ich mir gewünscht, dass er wenigstens kurz seinen Blick über die Unterlagen streifen lässt...;)

    Übrigens zeigt diese Szene ganz deutlich, dass Gereon die neuen Zeiten durchaus einzuschätzen weiß, er ist halt einfach nur deutlich unpolitisch und zudem weniger direkt betroffen als beispielsweise Charly. Diese Mischung sorgt dafür, dass er sich selbst gegenüber noch rechtfertigen kann, für die Polizei zu arbeiten.

    Eigentlich müsste Charly Martha Döring vorwarnen, denn sonst kommt ihr Doppelleben doch noch heraus.

    Das zum einen, zum anderen steht dann auch Böhm Ärger ins Haus. Keine Ahnung, ob Döring vor Gericht eine Chance hat, da es ja auch bloßer Zufall sein kann, dass seine Detektei die Affäre seiner Frau nicht mitbekommen hat. Andererseits ist der Widerling Parteimitglied und Böhm nicht...

    Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ernst ihm das alles ist bzw. welche Ziele er genau verfolgt. Ob er sich wirklich mit den Nazis gemein macht, um nun als Legaler seinen Geschäften nachgehen zu können? Oder verfolgt er noch andere Ziele?

    Marlow geht es vor allem um Macht und die Sicherung seiner Interessen. Daher gehe ich davon aus, dass er noch immer nich viel für die Nazis übrig hat, für sich aber erkannt hat, dass er von Vorteil sein könnte, wenn er Mitglied in diesem Verein ist...

  • Übrigens ist Fritze einer der Personen, die mich dazu anregen, mich immer wieder bei der Lektüre zu fragen, wie ich wohl gedacht und gehandelt hätte. Eine müßige Frage, schon klar - aber stellt Ihr sie Euch auch?

    Ich stelle sie mir nicht nur bei diesem Buch, sondern habe sie mir bei einer ganzen Reihe Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, gestellt. Aber es ist nun mal so, man kann noch so viel darüber nachdenken "was wäre, wenn...", wissen tut man es doch nur in der jeweiligen Situation.

    Ja, zum einen das. Zum anderen sind wir heutzutage nicht mehr "unvoreingenommen" wie die Menschen damals... Obwohl es selbst heute noch genug Menschen gibt, die all die Fakten, Erkenntnisse und Zusammenhänge leugnen.X(


    VolkerKutscher War das eigentlich auch ein Faktor für Dich? Die Entwicklung der einzelnen Charaktere, ihre Indoktrination und Verführbarkeit aufzuzeigen?

  • Der Unfall ist wirklich mysteriös und natürlich hab ich mir lange überlegt, welche Ursachen dahinter stecken könnten. Natürlich ist ein Glioblastom eine mögliche Ursache, aber ich zweifle dran. Nicht zuletzt weil es ein Roman ist... und weil mir da eine Verschwörungstheorie interessanter scheint!

    Mir spukt ebenfalls eine Überlegung nach der anderen durch den Kopf. Wie realistisch ist es, dass Otto Lehmann ein Glioblastom hatte, das sich erst in exakt diesem Moment so drastisch bemerkbar gemacht hat? Hm... Ist es denkbar, dass dieser neue ehrgeizige Gerichtsmediziner das Gehirn von einem anderen Toten hatte und dies Gereon nur "präsentiert" hat?

    Ebenso seltsam ist die Tatsache, dass die Uniform in einem Schließfach liegt und nicht im Büro, wenn das doch so nahe liegt.

    Genau! Warum versteckt er eine SS-Uniform in einem Schließfach? In dieser Zeit war man doch gerade stolz, sich in so einem Teil zu zeigen! Warum wollte er Irene Schmeling also in zivil aufsuchen? Nur, weil er ihr einen Antrag machen wollte und die schwarze Uniform unpassend fand? Dann hätte er sie aber nicht einschließen müssen, oder? Und ich bin mir auch sicher, dass ein SS-Mann seine Zugehörigkeit nicht verdecken möchte - zu keinem Zeitpunkt. Es sei denn, er führt etwas im Schilde und will nicht erkannt/zugeordnet werden...

    Berührend fand ich übrigens die Szene, wo Rath Frau Lehmann die Nachricht überbringt, dass ihr Mann verstorben ist. Die Armut ist erdrückend und keine gut gemeinte Floskel kann sie irgendwie trösten. Sie ist recht realistisch in dieser Angelegenheit.


    Und sehr interessant war auch das Badehaus - die strikte Trennung von Männlein und Weiblein war klar, aber ich wußte nicht, dass zwischen Wannenbad oder Dusche preislich ein Unterschied gemacht wurde bzw dass es dieses Angebot gab. Mich interessiert alltägliche Geschichte sehr!

    Gerade was solche Details angeht, bist Du bei Volker genau richtig! Die historischen Details aus dem Alltag und die Schilderungen der Lebensverhältnisse...

    Ich muss gestehen, dass ich mir nie Gedanken über die Hygiene in den damaligen Zeiten gemacht habe. Aber klar, wenn die Leute damals noch Etagentoiletten hatten: wo sollte die Wanne/ der Waschzuber in solch beengten Verhältnissen sein? Da ist man sicherlich - wenn man es sich leisten konnte - ab und an mal ins Badehaus. Toll finde ich, dass man dabei unterscheiden kann, was man alles möchte, zum Beispiel nur Brause oder ohne Handtuch.

    In der Serie "Babylon Berlin" gibt es auch eine Szene, in der Charly gemeinsam mit ihrer Freundin Greta ins Badehaus geht. Die beiden teilen sich eine halbe Stunde - dabei losen sie aus, wer zuerst in die Wanne darf. Die zweite bekommt zwar das dreckige und schon etwas ausgekühlte Wasser, darf dafür aber länger in die Wanne.:)

  • Was mir sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass Gereons Persönlichkeit wirklich vielschichtig gezeichnet ist.

    Manchmal ist er ein extremer Kotzbrocken und dann ist er wieder ein angenehmer Zeitgenosse. Besonders gefällt mir jedoch natürlich, dass er nicht jeden Blödsinn der Nazis mitgemacht hat, zum Beispiel den deutschen Gruß schlichtweg verweigert.


    Auch hier tut es mir leid, dass ich ihn erst jetzt mit diesem Band kennenlerne. Seine Entwicklung erscheint mir beachtenswert!:)

    Ja und nein. Eigentlich ist sich Gereon ziemlich treu geblieben. Unpolitisch, aber eben auch nicht empfänglich für Nazi-Gedankengut. Ihm ist das Männchenmachen zuwider, weil er diesen Gehorsam und das Genormte irgendwie nicht leiden kann. Das passt zu ihm, da er schon immer etwas... hm... sagen wir unkonventionell agiert.

    Gereon ist manchmal wirklich ein Trottel - vor allem, was das Zwischenmenschliche angeht, aber eigentlich gefällt es mir, dass er seinen Weg geht und durchaus die richtigen Schlüsse zieht. Ich bin mir sicher, dass er wie Charly denken würde, wüsste er 1935 schon, was da noch kommt...


    Übrigens verweigert er den Deutschen Gruß nicht immer komplett. Er erkennt, dass er manchmal nahezu zwingend erforderlich ist. Aber er laviert sich zumindest an der zackig-überzeugten Variante vorbei.;)

  • Vermutlich hätte ich mir an Gereons Stelle in die Hose gemacht, andererseits hätte ich mir gewünscht, dass er wenigstens kurz seinen Blick über die Unterlagen streifen lässt...

    Da merke ich bei mir immer, dass ich in einer anderen Zeit lebe, weil jedes Mal denke: Mach doch eine Kopie. Gleich danach: Mann, bis du blöd.

    Marlow geht es vor allem um Macht und die Sicherung seiner Interessen. Daher gehe ich davon aus, dass er noch immer nich viel für die Nazis übrig hat, für sich aber erkannt hat, dass er von Vorteil sein könnte, wenn er Mitglied in diesem Verein ist...

    Marlow geht es nur um seine Geschäfte und wie er die ohne Schwierigkeiten weiter tätigen kann.

    Ich muss gestehen, dass ich mir nie Gedanken über die Hygiene in den damaligen Zeiten gemacht habe. Aber klar, wenn die Leute damals noch Etagentoiletten hatten: wo sollte die Wanne/ der Waschzuber in solch beengten Verhältnissen sein? Da ist man sicherlich - wenn man es sich leisten konnte - ab und an mal ins Badehaus.

    Mein Vater war in englischer Kriegsgefangenschaft und kam ins Rheinland, weil Arbeitskräfte für den Wiederaufbau benötigt wurden. Er hatte nicht viel als das, was er auf dem Leib trug. Der Anzug war seine Uniform ohne den Marine-Schnickschnack. Dazu hatte er noch eine Decke (von der Marine), die noch jahrelang bei uns benutzt wurde. Sie war kratzig und bretthart, aber unverwüstlich. Gewohnt hat er in Untermiete in einer Dachkammer und gebadet wurde in der Badeanstalt, die seltsamerweise fast nicht beschädigt war, obwohl rundherum alles zerbombt war. Sogar ich (Baujahr 1953), weiß noch, wie es da später noch aussah. In dieser Badeanstalt habe ich dann irgendwann sogar schwimmen gelernt.

  • Übrigens ist Fritze einer der Personen, die mich dazu anregen, mich immer wieder bei der Lektüre zu fragen, wie ich wohl gedacht und gehandelt hätte. Eine müßige Frage, schon klar - aber stellt Ihr sie Euch auch?

    Natürlich stelle ich mir diese Frage auch oft. Und ich verstehe Fritze und die Jugendlichen, die sich von diesem System einfangen ließen, recht gut - Gemeinschaft, große Ziele etc genau das zieht doch in einem gewissen Alter! vor allem, wenn die betreffende Person vorher abseits der Gemeinschaft stand.


    Ob ich in meinem Alter auch noch so anfällig für derartige ideologische Normung wäre? Ich hoffe, dass ich es nicht wäre und auch heute nicht bin!

    Aber egal wie sehr man darüber nachdenkt - solange man nicht in so einer Situation ist, kann man es nicht wirklich sagen. Allerdings finde ich die Sensibilisierung diesen Mechanismen gegenüber, die ich durch dieses Buch und auch durch andere Bücher erfahre, wichtig.


    Allerdings stellt sich mir die Frage, warum der alte Larsen die Mutter mit ins Deutsche Reich genommen hat... Ich denke, da kommt noch einiges auf uns zu. :)

    Stimmt! Larsen spricht zwar von Scherben, die der Sohn hinterlassen hätte, aber egal was da war - warum hat er Chen Lu mit nach Deutschland genommen. Das war sicher nicht üblich damals!

  • Vermutlich hätte ich mir an Gereons Stelle in die Hose gemacht, andererseits hätte ich mir gewünscht, dass er wenigstens kurz seinen Blick über die Unterlagen streifen lässt...

    Da merke ich bei mir immer, dass ich in einer anderen Zeit lebe, weil jedes Mal denke: Mach doch eine Kopie. Gleich danach: Mann, bis du blöd.

    :totlach:


    Dazu muss man ja auch bedenken, dass Gereon den Umschlag mitten am Tatort öffnet - das heißt im Grunde vor jedermanns Augen. Kein Wunder, dass er den Umschlag dann rasch unter seinem Anzug verschwinden lässt. Mir hätte man meine Panik vermutlich sowas von in mein Gesicht geschrieben gesehen...:o Zum Glück hat Gereon da schon ein wenig Übung.;)

  • Übrigens ist Fritze einer der Personen, die mich dazu anregen, mich immer wieder bei der Lektüre zu fragen, wie ich wohl gedacht und gehandelt hätte. Eine müßige Frage, schon klar - aber stellt Ihr sie Euch auch?

    Ja, das frage ich mich auch immer wieder ...


    Vermutlich hätte ich mir an Gereons Stelle in die Hose gemacht, andererseits hätte ich mir gewünscht, dass er wenigstens kurz seinen Blick über die Unterlagen streifen lässt... ;)

    Das hat mich, ehrlich gesagt, ein wenig gewundert, dass er nicht einen zweiten Blick riskiert hat, er war schon mal neugieriger :totlach:


    Marlow geht es vor allem um Macht und die Sicherung seiner Interessen. Daher gehe ich davon aus, dass er noch immer nich viel für die Nazis übrig hat, für sich aber erkannt hat, dass er von Vorteil sein könnte, wenn er Mitglied in diesem Verein ist...

    Ja, in diese Richtung tendieren meine momentanen Überlegungen ebenfalls.

  • Ich stelle sie mir nicht nur bei diesem Buch, sondern habe sie mir bei einer ganzen Reihe Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, gestellt. Aber es ist nun mal so, man kann noch so viel darüber nachdenken "was wäre, wenn...", wissen tut man es doch nur in der jeweiligen Situation.

    Ja, zum einen das. Zum anderen sind wir heutzutage nicht mehr "unvoreingenommen" wie die Menschen damals... Obwohl es selbst heute noch genug Menschen gibt, die all die Fakten, Erkenntnisse und Zusammenhänge leugnen.X(


    VolkerKutscher War das eigentlich auch ein Faktor für Dich? Die Entwicklung der einzelnen Charaktere, ihre Indoktrination und Verführbarkeit aufzuzeigen?

    Hallo, liebe Leserunde,


    erst einmal mein Hallo an alle. Bin derzeit viel unterwegs und habe nicht immer Zeit, online zu gehen, verfolge Eure Diskussionen aber mit großem Interesse.


    Zum Thema Verführbarkeit: Von Anfang an war die Frage, wie solch ein historischer gesellschaftlicher Umbruch, der ja nicht nur den Weg von der Demokratie in die Diktatur, sondern eine Umwertung aller Werte bedeutet, eine große Motivation für mich, eine Reihe wie die Rath-Romane überhaupt erst anzugehen. Meine Figuren, allen voran Gereon Rath, sind sozusagen Versuchskaninchen, die ich diesen Einflüssen aussetze, um zu schauen, was das mit ihnen macht, wie es sie ändert (oder auch nicht), wie sie damit umgehen.


    Und wenn ihr euch beim Lesen ab und zu einmal auch diese Frage stellt: Wie würde ich denn in solche einer Situation reagieren?, dann halte ich das für wichtig. Natürlich kann man diese Frage rein theoretisch, ohne dieser Situation ausgesetzt sein, nicht beantworten. Aber wenn man sich diese Frage überhaupt schon einmal gestellt hat, ist man, so hoffe ich jedenfalls, wenigstens etwas sensibilisierter, sollte etwas Vergleichbares einmal passieren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber vielleicht kann man aus ihr lernen. Und nicht dieselben Fehler machen wie unsere Vorfahren.


    So, das wäre es erst einmal von mir. Ich wünsche euch weiterhin eine anregende Lektüre.


    Herzlichst

    Volker Kutscher