Allgemeine Fragen an Jens Lossau

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  • Guten Morgen, Jens :winken:


    Dann mache ich mal den Anfang mit der ersten neugierigen Frage: Ich finde, der Plot ist für einen Krimi recht ungewöhnlich. Erzählst Du ein bisschen was zur Entstehung des Buches? Was hat Dich inspiriert?


    Liebe Grüße
    nimue

  • Hallo ihr Lieben,


    freue mich auf viele Fragen!!! Und vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für die Einladung zur Leserunde!


    Ein Buch wächst. Mir geht es während des Entstehungsprozesses einer Geschichte so, dass ein Bild sich mit dem anderen verknüpft. Anfangs habe ich ein Sammelsurium an Ideen. Wenn zwischen diesen Ideen sich dann automatisch Brücken bilden, wird das Ganze plötzlich eine interessante Geschichte, die ich verfolgen möchte (ich glaube ja, dass alle Geschichten schon irgendwo herumschwirren und der Erzähler diese nur herausfischt).


    Zum Plot: Mir schwebte viele Jahre eine Liebesgeschichte vor, aber Mitte der Neunziger, als ich ein wenig horrorverseucht war (bin ich im Grunde heute noch), traute ich mir Derartiges nicht zu. Das Motiv der Raben hat mich seit jeher verfolgt, und als ich mich näher mit ihrer Symbolkraft beschäftigte, stellte ich fest, meine Brücke zur Geschichte gefunden zu haben.


    Ich bin kein Freund der immer wieder breit getretenen hochliterarischen deutschen Vergangenheitsbewältigung, konnte diesem Thema – ohne zuviel verraten zu wollen – allerdings nicht aus dem Weg gehen, als ich merkte, wie verstockt zum Teil die Leute hier in Alzey sein können. Ein Weinlexikon (sic!!!) hat es mal schön zusammengefasst. Unter dem Eintrag „Alzey“ ist absurderweise verzeichnet: Merkwürdige Mischung aus toleranter Weltoffenheit und krittelndem Kleinbürgertum. Das trifft’s. Ich mag die Leute hier und ihre Lebenseinstellung, aber manchmal machen sie mich total verrückt. Ich fand es erstaunlich, dass diese weltoffenen Leute zuweilen ein Problem mit der eigenen Geschichte haben, und ich begann, nachzubohren – und stieß auf Barrikaden. Das fand ich sehr spannend.


    Ich hatte also verschiedene Ebenen – eine Liebesgeschichte, die Raben, das Thema Vergangenheit und Verdrängung. Der Rest kam von allein.
    Als Autor bin ich in meinen Geschichten immer zugegen, das ist mir bewusst. Ich versuche mich, so weit wie möglich zu öffnen, denn ohne Ehrlichkeit gibt es keine gute Story. Ich bemühe mich jedoch, dass das Ganze nicht in einer puren therapeutischen Selbstreflexion endet (denn letztendlich zählt die Geschichte, nicht der Erzähler).


  • Das Motiv der Raben hat mich seit jeher verfolgt, und als ich mich näher mit ihrer Symbolkraft beschäftigte, stellte ich fest, meine Brücke zur Geschichte gefunden zu haben.


    Hallo Jens,


    für was stehen Raben denn? Oder verrätst Du dann zu viel von der Handlung? Ehrlich gesagt weiß ich nur, dass sie häufiger in Märchen vorkommen und immer ziemlich intelligent erscheinen (und wahrscheinlich auch sind)...


    Und noch etwas interessiert mich: der Societätsverlag ist doch ein eher ungewöhnlicher Verlag für einen Krimi, oder? Liegt das an einer Art regionalem Bezug, dass Du dort gelandet bist?


    Liebe Grüße
    dubh


  • Ich bin kein Freund der immer wieder breit getretenen hochliterarischen deutschen Vergangenheitsbewältigung, konnte diesem Thema – ohne zuviel verraten zu wollen – allerdings nicht aus dem Weg gehen, als ich merkte, wie verstockt zum Teil die Leute hier in Alzey sein können. Ein Weinlexikon (sic!!!) hat es mal schön zusammengefasst. Unter dem Eintrag „Alzey“ ist absurderweise verzeichnet: Merkwürdige Mischung aus toleranter Weltoffenheit und krittelndem Kleinbürgertum. Das trifft’s. Ich mag die Leute hier und ihre Lebenseinstellung, aber manchmal machen sie mich total verrückt. Ich fand es erstaunlich, dass diese weltoffenen Leute zuweilen ein Problem mit der eigenen Geschichte haben, und ich begann, nachzubohren – und stieß auf Barrikaden. Das fand ich sehr spannend.


    Ich hatte also verschiedene Ebenen – eine Liebesgeschichte, die Raben, das Thema Vergangenheit und Verdrängung. Der Rest kam von allein.
    Als Autor bin ich in meinen Geschichten immer zugegen, das ist mir bewusst. Ich versuche mich, so weit wie möglich zu öffnen, denn ohne Ehrlichkeit gibt es keine gute Story. Ich bemühe mich jedoch, dass das Ganze nicht in einer puren therapeutischen Selbstreflexion endet (denn letztendlich zählt die Geschichte, nicht der Erzähler).


    Das ist dir perfekt gelungen 8)

  • Hallo,


    bezüglich Raben hier eine schöne Zusammenfassung von einer anderen Leserunde, ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich das gerade rüberziehe:


    Der Rabe gilt, und das ist gemeinhin unumstritten, als kluger und neugieriger Vogel. So wird in den Mythen von zwei Raben berichtet, die den Göttervater begleiten. Ihre Namen sind Hugin und Munin und sie bedeuten der Gedanke und das Gedächtnis. Ihre Aufgabe besteht darin, den Göttervater, der sie allmorgendlich an den Himmel schickt, mit den neuesten Informationen zu versorgen. Jeden Abend kehren sie zu ihm zurück und erstatten ihm Kunde. Ein weiterer Name Odins ist Hrafnagud (Rabengott).


    Der Rabe wird auch als Totenvgel oder als der Bote des Todes verschrien. Man spricht ihm aber auch die Fähigkeit zu, die Anderwelt zu bereisen somit verkörpert er wie kein anderer Vogel den Mittler zwischen den Lebenden und der Welt der Geistwesen. Insofern erklärt sich auch, warum Odin, der ein Meisterschamane ist, von zwei Raben begleitet wird.


    Es ist nicht unbedingt nötig, dass die Raben am Abend zu ihrem Herrn zurück kehren, da Odin in ständigem geistigen Kontakt zu seinen Vögeln steht. Als Boten des mächtigsten aller Götter waren die Raben den Germanen heilig. Ihr Flug und das Verhalten der Vögel vor der Schlacht war das wichtigste Omen. Außer den Raben waren den Germanen auch die Wölfe heilig und so überließen sie Odins heiligen Tieren die Gefallenen auf dem Schlachtfeld. Sie waren das ,,Opfer" für die Mittler zwischen Mensch und Gott. Vermutlich kommt daher auch der Satz ,,ein Fressen für die Raben".



    http://www.rabenbaum.com/pageID_2710168.html


    Verlag Societät: Der Societäts-Verlag hat mittlerweile eine ganze Reihe von Krimis, wir lieferten seinerzeit mit "Der Schädeltypograph" einer der ersten. Der Verleger Dr. Kron ist ein spannender Mensch, der Mut für neue Projekte mitbringt und den Autoren nicht beschneidet. Das findet sich heutzutage selten, da viele Verlage selbst Konzepte für den Markt erstellen und dann aus der Hühnerbatterie einen Autoren holen, der ihm das gewünschte makellose Ei legt. Das finde ich sehr langweilig und ist auch nicht mein Ding - der Societäts-Verlag ist da innovativer. Er vertraut seinen Autoren (jetzt aber genug mit dem Hohenlied auf den Verlag, wenn die das hier lesen, werden die sonst noch größenwahnsinnig) :)

  • Hallo Jens,


    vielen Dank für Deine schnelle und ausführliche Antwort! Die Erklärung zu den Raben fand ich sehr interessant - dass Odin gleichzeitig auch als Rabengott bezeichnet wird, ist mir gänzlich neu (was allerdings auch daranliegen mag, dass ich mich mit Odin & Co. so gar nicht auskenne).


    Zu Deiner Erklärung des Societäts-Verlages: sehr spannend! Da ich aus dem Buchhandel komme, kenne ich das leidige Thema des Einheitsbreis zu genüge... Leider. Von daher freue ich mich, dass Du einen anderen, guten Verlag für Deine Bücher gefunden hast!


    Liebe Grüße
    dubh

  • Hallo Jens. :)



    Ich bin kein Freund der immer wieder breit getretenen hochliterarischen deutschen Vergangenheitsbewältigung, konnte diesem Thema – ohne zuviel verraten zu wollen – allerdings nicht aus dem Weg gehen, als ich merkte, wie verstockt zum Teil die Leute hier in Alzey sein können. Ein Weinlexikon (sic!!!) hat es mal schön zusammengefasst. Unter dem Eintrag „Alzey“ ist absurderweise verzeichnet: Merkwürdige Mischung aus toleranter Weltoffenheit und krittelndem Kleinbürgertum. Das trifft’s. Ich mag die Leute hier und ihre Lebenseinstellung, aber manchmal machen sie mich total verrückt. Ich fand es erstaunlich, dass diese weltoffenen Leute zuweilen ein Problem mit der eigenen Geschichte haben, und ich begann, nachzubohren – und stieß auf Barrikaden. Das fand ich sehr spannend.


    Warum hast Du dich denn dafür entschieden, die Geschichte in deinem Heimatort anzusiedeln? Das bringt doch sicherlich einige Probleme mit sich, z.B. könnten sich Leute doch persönlich angegriffen fühlen, weil sie meinen, sich in deinen Figuren wiederzuerkennen? Du hast zwar ganz am Anfang einen Hinweis untergebracht, dass eventuell auftretende Ähnlichkeiten zufälliger Natur seien, aber ist man damit als Autor auf der rechtlich sicheren Seite?


    Genug Fragen für den Anfang. ;D


    LG Myriel

  • Genug Fragen für den Anfang. ;D


    Aber ich habe auch noch welche ;D


    Mich würde interessieren, was Du Jens, so liest (wenn Du überhaupt neben dem Schreiben noch zum Lesen kommst). Was sind Deine Lieblingsbücher (hast Du vielleicht ein paar schöne Tipps für uns), welches Buch oder welche Bücher haben Dir nicht sonderlich gefallen? Was liest Du momentan?


    Liebe Grüße
    nimue

  • Hallo Jens!


    Ich wüsste gerne, ob du die Charaktere frei erfunden hast, oder ob Sympathen und Unsympathen aus deiner Umgebung Pate gestanden haben. Besonders Onkel Flossie macht mir den Eindruck, als könnte er ein Vorbild im richtigen Leben haben.

  • Hallo Jens,


    gerade traf dein Buch " Die Schlafwandler" bei mir ein. Du hast schon erwähnt, dass du dich gut beheimatet fühlst bei deinem Verlag. Ich kenne den Societätsverlag nicht. Magst du noch ein wenig davon erzählen wie du ihn für dich entdeckt hast?
    Ich bin so ein wenig vertraut mit Verlagswesen, weil ich mit dem Beckverlag in München durch meine Eltern sehr verbunden bin, aber das ist halt ein sehr großer Verlag inzwischen.
    Wie läuft das für einen Schriftsteller in einem kleineren Verlag?


    Falls die Fragen grenzüberschreitend sind, dann bitte ignorieren.


    Herzliche Grüße,
    Judith, die nun sofort "Die Schlafwandler" beginnt zu lesen

  • Hallo ihr Lieben,


    ui, so viel Resonanz, und das so schnell! Das freut mich sehr!!!
    Bin heute leider unterwegs, deswegen gerade zu wenig Zeit zum Beantworten eurer Fragen, aber morgen ausführlich!
    Liebe Grüße
    Jens

  • Hallo Jens,


    ich wollte bloß sagen, dass ich, falls du dazu kommst, eine thematische Frage an dich im thread des letzten Kapitels deines Buches an dich gestellt habe.
    Extra dort, obwohl ich es nicht zu Ende gelesen habe, damit nicht die anderen Leser etwas von der Spannung genommen bekommen.
    Ich hatte gestern hier im thread aus Versehen die Frage gestellt, aber das war natürlich blöd.
    Deshalb jetzt im letzten Kapitel. Also, falls du die Frage nicht zu neugierig findest, dann freue ich mich, wenn du sie irgendwann dort beantwortest.
    Ich bin wegen der Fragerei deshalb etwas vorsichtig, weil ich mir damit immer schwer tue, damit es eben nicht grenzüberschreitend rüberkommt.


    Judith :winken:

  • @ Myriel: Ich hatte schon ein merkwürdiges Gefühl, die Geschichte in meinem Heimatort anzusiedeln, vor allem, als es an die Veröffentlichung ging. Mit dem Vorsatzspruch ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Im Skript hatte ich ursprünglich einige eindeutige Andeutungen, die habe ich aber chiffriert. Die Reaktion der Alzeyer war überraschend positiv -wie gesagt, ich mag die Leute hier im Grunde, und deswegen lohnt es sich, dort zu bohren, wo es wehtut, sonst könnte es mir egal sein. Ich bekam einen Anruf mit dem Wortlaut "Dich kriegen wir noch", aber das war's dann


    Nimue: Uff! Lieblingsbücher ... schwer, ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Es gibt ein paar Bücher, die ich immer wieder lese: Michael DeLarrabeiti, "Die Borribles". Michael Crichtons kluge Reiseerzählungen "Im Kreis der Welt". Ich mag die Bücher von Dan Simmons. Ihr seht, ich bin kein Kandidat für eine Neuauflage des literarischen Quartetts. Bücher sollen für mich spannend sein, neue Welten und Sichtweisen eröffnen. David Sedaris mag ich gerne, ein feiner Beobachter des Alltäglichen mit viel Wortwitz.


    sillesoeren: Alles "Wirkliche" fließt in meine Erzählungen ein, das heißt, es gibt Paten für meine Figuren, meistens vermische ich aber verschiedene Leute. Onkel Flossie ist in der Realität eine Frau. Bei einigen Charakteren hoffe ich, dass die "Originale" sich nicht wiederfinden (allerdings bedeutet dass ein hohes Reflexionsvermögen, und das spreche ich diesen Leuten ab).


    Judith: Societät ist der Bellestristikverlag der FAZ. Wie schon erwähnt, steht und fällt so ein Verlag mit dem Verleger, und mit Dr. Kron habe ich da richtig Glück gehabt - in meiner Danksagung in Schlafwandler daqnke ich ihm, weil er mir ganz am Anfang erklärt hat, worum es in diesem Buch eigentlich geht, und das stimmt. Sicherlich stößt der Verlag markttechnisch an seine Grenzen - aber mir ist es lieber, ein "kleines" Buch nach meinen Entwürfen zu veröffentlichen (dass dann auch noch so schön aussieht - auch in der Verantwortung des Verlages). Wenn sich dann doch der überraschende Erfolg einstellt, bleibt alles authentisch.

  • @Jens


    Vielen Dank für deine Antwort. Deinem Verleger sei auch gedankt und bescheinigt, dass er schlau ist, denn mit deinem Buch hat er einen sehr guten "Fang" gemacht,


    Judith :winken:

  • ich wollte bloß sagen, dass ich, falls du dazu kommst, eine thematische Frage an dich im thread des letzten Kapitels deines Buches an dich gestellt habe.
    Extra dort, obwohl ich es nicht zu Ende gelesen habe, damit nicht die anderen Leser etwas von der Spannung genommen bekommen.
    Ich hatte gestern hier im thread aus Versehen die Frage gestellt, aber das war natürlich blöd.


    Ich habs Dir schon per PN erklärt: Am besten ist es immer, wenn ihr in dem Thread Fragen zum Buch stellt, wo die Fragen auch auftauchen. Hast Du bist Kapitel 3 gelesen, dann solltest Du die Frage nicht bei Kapitel 2 stellen (weil die anderen noch nicht so weit sind), brauchst sie aber auch nicht erst in Kapitel 5 stellen :winken:


    Wegen Grenzüberschreitung: Jens muss hier nichts beantworten, was er nicht mag ;-) Trotzdem hat er sicher nichts gegen Fragen.


    Liebe Grüße
    nimue

  • Ich habs Dir schon per PN erklärt: Am besten ist es immer, wenn ihr in dem Thread Fragen zum Buch stellt, wo die Fragen auch auftauchen. Hast Du bist Kapitel 3 gelesen, dann solltest Du die Frage nicht bei Kapitel 2 stellen (weil die anderen noch nicht so weit sind), brauchst sie aber auch nicht erst in Kapitel 5 stellen :winken:


    Wegen Grenzüberschreitung: Jens muss hier nichts beantworten, was er nicht mag ;-) Trotzdem hat er sicher nichts gegen Fragen.


    Liebe Grüße
    nimue



    Nimue


    So einfach wie du es schreibst mit der Frage zum Kapitelist das nicht immer, denn es geht oft über das Kapitel hinaus. Ich phantasiere ja auch weiter und deshalb habe ich es ins letzte Kapitel gestellt, denn andere haben vielleicht andere Phantasien und denken, dass ich etwas vorwegnehme, wenn es dann plötzlich auftaucht. Ich denke, das es richtig war die Frage im letzten Kapitel zu stellen.
    Wegen der Grenzüberschreitung: mir war jetzt schon wichtig, dass Jens etwas dazu gesagt hat. Und ich mag halt schon meine Sorge wegen meiner eventuellen Grenzüberschreitung zum Ausdruck bringen dürfen, denn das ist einfach meine Art und auch meine Erfahrung ohne die ich keine Fragen stellen mag wie die im letzten Kapitel. Sonst kann ich hier einfach nicht mitmachen.


    Liebe Grüße,
    Judith

  • Hallo Jens,


    dsa Motiv der Raben finde ich auch sehr faszinierend. Vielleicht auch weil ich gerade eine CD anhöre in der es um Krabat geht. Irgendwie muss ich bei deinem Roman unwillkürlich daran denken^^
    Dein Heimatort. Wow ganz schön mutig... wobei auch nötig. Wenn man so liest wie die Menschen ihre Vergangenheit gerne verdrängen...


    Grüße