Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler)

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  • Hier ist Platz für die Rezensionen und Meinungen (zur Leserunde allgemein), die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen - zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.


    Bitte vermeidet Spoiler in den Rezensionen und verratet nichts Handlungsrelevantes.

  • Nachdem ich das Buch eine Weile hab sacken lassen, habe ich mich an einer Rezi probiert.


    Worum geht's?
    Lina und Ferdinand sind ein verliebtes junges Paar mit einer etwas seltsam anmutenden Liebe für ihre 3 Plüschraben Hugin, Munin und Nevermore. Als ihnen beim abendlichen Herumalbern und Skizzieren die Idee kommt, einen Comic zu zeichnen, setzen sie Dinge in Bewegung, von denen sie nichts ahnen. „Rabenwelt“ wird zu einem Erfolg, der jedoch die Meinungen spaltet – schließlich thematisiert er anhand von Raben im KZ eines der dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit.
    Obwohl Lina es nicht wusste, hat Ferdinand viele Details aus der Vergangenheit seiner Familie in den Comic integriert und damit schlafende Dämonen geweckt. Seine Mutter überlebte als Kind das KZ, nur um sich Jahre später in den Selbstmord zu flüchten. Bei seiner Suche nach Antworten stößt Ferdinand auf ungeheuerliche Verbrechen, die damals von einigen Tätern und Opfern des KZ gemeinsam begangen wurden – und einige der Verbrecher leben heute noch. In ihren Bemühungen, die Vergangenheit bedeckt zu halten, schrecken sie auch vor neuen Verbrechen nicht zurück.


    Meine Eindrücke:
    Mit diesem Roman hat Jens Lossau ein sehr aufwühlendes Buch geschrieben, das mich auch Wochen nach dem Lesen noch beschäftigt. Zu Beginn sind Lina und Ferdinand ein Paar wie (fast) jedes andere auch und man freut sich mit ihnen über ihr privates und geschäftliches Glück. Doch die anfänglich relativ gute Stimmung wird sehr schnell von dunklen Vorahnungen und seltsamen Geschehnissen getrübt, die ein schlimmes Ende voraussagen.
    Zu der fast durchgängig gedrückten Atmosphäre trägt auch der Aufbau des Buches bei: Lina schreibt in einem düsteren Keller ihre Erinnerungen an die Geschehnisse auf, die sie in der Gegenwart in ebendiesen Keller geführt haben. Dadurch bleibt dem Leser auch bei einigen witzigen Stellen das Lachen im Hals stecken, wenn er sich vor Augen führt, wo dies alles enden wird.
    Während Ferdinand mir durchweg immer etwas fernblieb, konnte ich mich sehr gut in Lina hineinversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen. Vermutlich liegt dies hauptsächlich daran, dass der Roman aus Linas Sicht geschrieben wurde und der Leser genau wie sie selbst auch erst nach und nach die Geheimnisse aufdeckt, die Ferdinand und seine Familie umgeben.
    Je tiefer Lina im Schlamm wühlt, der die Vergangenheit bedeckt, desto schmutzigere Tatsachen werden ans Licht befördert. Die Zweifel an allem und jedem werden sukzessive immer stärker, bis man selbst – genau wie Lina im Roman auch – nicht mehr weiß, wem man trauen kann und wem nicht. Der Höhepunkt dieses allgemeinen Misstrauens wird in der Danksagung des Autors erreicht, in der er mit einem einzigen Satz den Leser dazu bringt, nicht mehr sicher zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können.
    Besonders beeindruckt hat mich zudem das ständige Aufgreifen des Buchtitels. Selten passte er so markant zum Inhalt des Romans, den er ziert, wie in diesem Fall. Wer genau sich jedoch hinter den Schlafwandlern verbirgt, ist – wie so vieles in dieser Lektüre – nicht eindeutig zu sagen.


    Jens Lossau hat mit „Die Schlafwandler“ auf zweifache Art ein lesenswertes Buch geschrieben. Zum Einen greift er die lange verschwiegenen Lagerbordelle wieder auf und informiert den Leser über Geschehnisse, die nicht Gegenstand des Geschichtsunterrichts waren, aber dennoch nicht dem Vergessen anheim fallen sollten. Zum Anderen bietet er einen spannenden Thriller, in dem nichts so ist, wie es zu sein scheint und am Ende der Leser selbst entscheiden muss, was er glaubt.
    Für mich ist dieser Roman mein bisheriges Lesehighlight 2008. Ich vergebe 5 von 5 Ratten und das Prädikat :buchtipp:.



    Zur Leserunde:
    Es war eine wunderbare Leserunde und das gemeinsame Spekulieren hat mir sehr viel Spaß gemacht. Dadurch habe ich das Buch auch viel intensiver gelesen und der bleibende Eindruck wurde noch verstärkt. Danke auch an Jens für seine Kommentare und die Einblicke hinter die Kulisse. :winken:

  • Ich musste auch erst einen gewissen Abstand haben, bevor ich nun eine Rezitation schreiben kann.


    Leserundenfazit:
    Hinzu kommt bei mir, dass ich zur Leserunde ja auch direkt nach meiner Lektüre gar nichts zur Leserunde hätte schreiben können, weil mich der Autor quasi durch das Buch gejagt hat. Dennoch bin ich froh, es nicht allein, sondern es mit euch zusammen gelesen und diskutiert zu haben. Denn der Grund für diese auseinandergezogene Leserunde liegt meiner Meinung nach im Buch. Je nach Naturell und Gemütslage konnten wir gar nicht von dem Buch lassen oder mussten es in winzig kleinen homöopathischen Dosen lesen, der Stoff war einfach zu heftig. Ich bin daher sehr froh, immer wieder von euch zu lesen, denn das Buch ist noch lange nicht fertig mit mir.


    Rezension:
    Lina kennt Ferdinand schon aus der Schulzeit, später verlieben sie sich ineinander und ziehen zusammen. Ferner ziehen Ferdinands Plüschraben Hugin, Munin und Nevermore in Linas Leben ein, sie sind auch Grundlage ihrer Idee, ein Comic über die Konzentrationslager Hitlerdeutschlands zu zeichnen. Anstelle von Menschen agieren Raben, was dem Ganzen aber keineswegs den Schrecken nimmt, sondern - wie bei Fabeln üblich - den Focus noch stärker auf die eigentliche Aussage der Autoren lenkt.
    Mit dem Erfolg des Comics entstehen unerwartete Probleme für Lina. Die Dämonen aus Ferdinands Vergangenheit werden geweckt, das junge Paar wird bedroht, der für die Zukunft zuständige Rabe verbrennt. Doch der Schrecken findet kein Ende, sondern beginnt grade erst...
    Einen Roman wie diesen habe ich noch nie gelesen. Ich habe alle wichtigen Aktivitäten des Tages vernachlässigt, auf den Nachtschlaf verzichtet, das Buch sogar auf der Toilette und im Gehen bei der Hunderunde weitergelesen. Innerhalb von weniger als einem Tag war ich fertig mit dem Buch - aber nur mit Lesen. Denn das Buch ist noch lange nicht fertig mit mir. Immer befand ich mich in höchster Anspannung - hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, weiterzulesen und zu erfahren, wie es ausgeht und dem Wunsch, das Buch zuzuschlagen, weil ich schnell merkte, dass jeder Schrecken - kaum mit Mühe verdaut - von einem neuerlichen, größeren Schrecken abgelöst wurde.
    Das Schlimmste jedoch ist, dass ich am Ende nicht einmal in der Lage war und bin, Fiktion und historische Wahrheit auseinander zu halten.


    Das ist das brillanteste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Der Autor ist ein Ausnahmetalent :anbet:, das Buch ein echter :buchtipp:

  • Soo.... ich glaube, dann werde ich hier auch mal meine Eindrücke posten.


    Zuerst einmal zur Leserunde:


    Die hat mir sehr gefallen, obwohl sie etwas dahintröpfelte. Ich hoffe Dir, Jens, hat sie trotzdem gefallen? Es tauchten ja so einige Fragen auf und es tut mir leid, dass ich nicht so durch das Buch hecheln konnte wie sillesoeren ;D
    Aber sicher sind diese Eindrücke - so unterschiedlich sie waren, waren sie doch alle sehr positiv - interessant für Dich gewesen. Vielen Dank, dass Du uns etwas Zeit geopfert hast :winken:


    Das Buch:


    Schon die beginnende Freundschaft zwischen Ferdinand und Lina ist von düsteren Vorzeichen geprägt: In der Schule beweist Lina Zivilcourage und setzt sich für den stillen Ferdinand ein, al er von einer Gruppe Jungendlicher bedroht wird. Sie steuern in eine gemeinsame Zukunft und nichts ist für die beiden schlimmer, als blind als Schlafwandler durch die Welt zu gehen. Ferdinand trägt Dämonen der Vergangenheit in sich, Lina leidet unter ihren gleichgültigen Eltern und so befreien sie sich durch einen Comic über drei Raben in einem KZ, der sie schnell berühmt macht. Doch mit dem Comic ziehen weitere Düsternis und Bedrohung in ihr Leben.


    Jens Lossau schreibt hier kein Buch über die deutsche Vergangenheitsbewältigung und doch ist man erschüttert, je mehr man sich dem Ende nähert. Die Atmosphäre ist beklemmend und verstörend und durch diese deprimierende Grundstimmung ich brauchte viele Pausen zwischen den einzelnen Kapiteln.


    Die Hauptcharaktere sind keine typischen Helden: Lina mutierte für mich von einer wunderbaren, verträumten, introvertierten Hauptfigur zu einer verstörten jungen Frau, die sich verzweifelt an ihren Freund klammert und ihre eigene Persönlichkeit immer mehr aufgibt. Ferdinand, der stille Ferdinand, teilt seine innersten Nöte nicht mit seiner Freundin, frisst alles in sich hinein und so zieht es beide in einen Strudel, der sie gegen ein schlimmes Ende wirbeln wird. Linas Eltern werden oft sehr überspitzt dargestellt und ich hoffe von Herzen, dass es solche Menschen nicht gibt (befürchte aber das Gegenteil).


    Das Motiv der Raben zieht sich natürlich durch den Roman und bald wird auch der Zusammenhang zum Titel klar. Jens Lossau schreibt so eindringlich, bedrückend und mit viel Atmosphäre, dass ich mir ständig alles sehr gut vorstellen konnte - das Lesen des im Buch erzählten Comics wurde fast überflüssig (fast, weil ich ihn so gerne gelesen hätte), aber Bilder würden wohl - wie viele Verfilmungen - die eigenen Vorstellungen einschränken und vielleicht sogar zerstören.


    Vom Ende des Buches war ich völlig erschüttert. So düster es begann, so endet es. "Die Schlafwandler" war für mich eine der Entdeckungen des Jahres und ich möchte das Buch jedem ans Herz legen, der von stupiden, handlungsarmen Thrillern die Nase voll hat.


    Natürlich auch auf Literaturschock.de rezensiert - mit der Höchstbewertung.


    Vielen Dank für das tolle Buch, Jens!


    Ich hoffe ja immer noch, dass hier noch ein paar Eindrücke geschrieben werden. :winken:


    Liebe Grüße
    nimue

  • Auch ich habe mir lange Gedanken gemacht bis ich etwas zu diesem Roman schreiben konnte. Erstmal vielen Dank - wenn auch etwas später, sorry dafür - für die Leserunde und vor allem an Jens, einmal für die tolle Begleitung und für Die Schlafwandler selbst.


    Kaum ein Roman der letzten Zeit hat mich so verfolgt wie "Die Schlafwandler" - auch jetzt noch Wochen nach der Lektüre lässt mich der Roman nicht los. Das ging sogar soweit, das eines der Themen des Romans Eingang in mein Referat über Frauen im Nationalsozialismus, für den Geschichtsunterricht fand. Ich konnte mich davon einfach nicht lösen und habe mir zum Thema "Zwangsprositution in Konzentrationslagern" Literatur besorgt. Aber eigentlich war etwas Anderes der Hauptgrund für meine innerliche Verbundenheit mit diesem Roman:
    Fasziniert hat mich zum Einen die Liebesbeziehung der beiden Hauptfiguren, ist das noch Liebe oder schon Abhängigkeit?, fragte man sich nicht nur einmal. Die düstere, melancholische Grundstimmung zog mich magisch an, das passiert im Grunde immer wenn ein Roman in eine eher traurige, fast schon depressive Richtung geht: psychologisch gesehen würde ich sagen (natürlich extrem Laienhaft) nichts für schwache Nerven, vor allem die Stimmung ist oft ziemlich bedrückend. - Ich war allein davon schon begeistert und habe auch genau deshalb weiter gelesen.


    Nach und nach haben es nicht nur die Figuren - vor allem Friedrich hat es mir sehr angetan - geschafft mich zu überzeugen, auch die Handlung zog mich immer mehr in den Roman hinein. Es war keine Spannung im herkömmlichen Sinne, aber ich konnte irgendwann einfach nicht mehr aufhören zu lesen, selbst als ich es eigentlich nicht mehr ertragen konnte...


    Aber auch die Beschäftigung mit Schuld, Schuld die im Dritten Reich auf sich geladen wurde, hat mich sehr angesprochen. Dieses Thema lässt mich schon das Ganze Jahr nicht mehr los. Ein Grund weshalb ich mich auch hier wieder damit auseinandergesetzt hatte. "Schweigen macht frei" ein Satz der im Roman eine Zentrale Rolle spielt und der mich seither bei allen möglichen Gelegenheiten durch den Kopf schießt.


    Im Grunde hat der Roman nicht nur meine Geistige Seite angesprochen sondern vor allem auch meine emotionale Seite, es gab Stellen an denen ich nahe am Weinen war. Kein Roman hat mich in letzter Zeit so zum Nachdenken gebracht und das Thema lässt mich, wie schon erwähnt, seither nicht mehr los.
    Gerade die Verbindung der verschiedenen Ideen in der Handlung hat mich angesprochen. Irgendwie
    war ich sehr froh das Buch in einer Leserunde gelesen zu haben. So war ich mit meinen Gedanken nicht so allein. Auch jetzt würde ich am liebsten mit 10 Leuten etc. weiter disskutieren^^ Ich hab den Roman sogar meinem Geschichtslehrer empfohlen *gg*


    Für mich persönlich einer der wichtigsten Romane die ich in diesem Jahr gelesen habe und vor allem mit einer der Besten!

  • Suse

    Hat das Thema geschlossen