05 - Kapitel 19 bis Ende (ab Seite 297)

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  • Unglaublich! :o So schnell habe ich noch nie ein so dickes Buch :lesen::lesen::lesen: gelesen - nein: verschlungen! Bitte entschuldigt, dass ich der Leserunde so davon geeilt bin, das war nicht ich selbst, das war mein Geist, fremdgesteuert von einem brillanten Autoren, der meine Vernunft ausschaltete (sonst hätte ich einiges an Lesezeit mit Schlaf, Nahrungsaufnahme,... verbracht)


    Nun bin ich am Schluss des Buches und habe einiges von Linas Bauchweh abbekommen. Am Ende gibt es kaum noch Unterschiede zwischen Tätern und Opfern, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart. Beim Lesen des letzten Leseabschnitts habe ich ständig wieder in frühere Abschnitte zurück geblättert, um mir die damals ganz anders wirkenden Szenen noch einmal im Licht der aufgedeckten Geheimnisse vor Augen zu führen. Wie manipulativ doch alle Beteiligten miteinander umgegangen sind! Und wieviel Selbstbetrug überall hinein spielte, bis hin zu einer 20-Jahres-Verjüngungskur bei dem Krankenhausarzt, der mich ja schon gleich bei Ferdinands Einlieferung skeptisch machte, obwohl er bei Lina so einen guten Tröster-Eindruck hinterließ.


    Ich will nun gar nicht den ganzen letzten Leseabschnitt auseinander pflücken, es war einfach ein so spannender wie frustrierender Showdown.


    Ganz am Ende kommt noch eine neue Handlungsebene ins Spiel: Linas Brief an Julius und der Dank des Autoren an Julius für die Zettel aus dem Keller. Nun lässt mich dieser Roman zurück mit dem gefühl, ein wirklich tolles Buch gelesen zu haben und auf einigen meiner Fragen sitzen zu bleiben. Bestimmt werde ich das Buch in einiger Zeit noch einmal lesen und hoffe darauf, dann Antwort auf folgende Fragen zu finden: Welche konkrete Rolle spielte denn nun Linas Vater? Und Helena? Wie wurden Linas Eltern zu diesen Egal-Menschen? Was sagt mir der Dank von Jens an Julius?


    Vielen Dank für dieses einmalige Leseerlebnis.

  • Hallo Jens,


    ich bin zwar nicht fertig mit dem Lesen deines Buches, aber ich möchte nicht irgendwie eine Frage stellen oder etwas sagen, womit ich dann den anderen Lesern etwas vorwegnehme.
    Ich habe deshalb jetzt auch nicht das gelesen, was sillesoeren hier schreibt.


    Die Thematik, die unter anderem in deinem Buch eine wichtige Rolle spielt, so ahne ich es zumindest, hat etwas mit Pädophilie zu tun.
    Mich erwischt dein Roman an dieser Stelle eiskalt, denn ich hätte, hätte ich das gewusst, dein Buch im Augenblick vermieden.
    Die persönlichen Gründe kann ich natürlich hier nicht erläutern und wären auch für alle anderen uninteressant.


    Ich muss jetzt einfach etwas vorsichtig mit mir und deinem Buch umgehen, aus Selbstschutz.
    Aber mir liegt viel daran dir etwas zu sagen und zu fragen, falls du die Frage in Ordnung findest.
    Mir fällt auf wie du emotional absolut stimmig die Gefühle und Reaktionen aufbaust, die mit dieser Thematik zu tun haben. Ich bin leider schon oft auf Krimis gestoßen, in denen das Thema zum Reißer wurde, aber letztlich nichts dahinter war, denn da war nichts wirklich echt.
    Hier ist irgendwie alles echt.
    Der langsame Aufbau der psychischen Explosion von Ferdinand bis hin zu seinem fast schon konsequenten Tod. Seine Dissoziationen, seine Psyche, die so dampft, dass kein Deckel mehr den Dampf nieder halten kann.
    Die Personen außen herum, die entweder nichts verstehen oder absolut involviert sind und natürich wieder in guten Positionen sitzen.
    Deine Raben. Genial. Ein dermaßen toller Einfall.
    Ich bin sehr beeindruckt.
    Ich könnte noch so viel aufzählen, aber mag jetzt auch nicht so viel reden.


    Zwei Dinge also: das Buch ist ein Hit. Trifft die Realität, ist deshalb sehr schwer verdaulich. Ist aber dann doch wieder verdaulich durch die vielen witzigen Passagen und Wortspiele.


    Und eine Frage, wie gesagt bloß, wenn sie nicht zu aufdringlich ist:
    hast du da ganz lange recherchiert, eben nicht nur Nationalsozialismus, sondern bei Psychologen, Psychiatern etc.? Oder wie bist du auch zu der Echtheit der Sprache gelangt?


    Herzliche Grüße,
    Judith :winken:

  • @ Judith: Vielen Dank für deine Frage! Was Nationalsozialismus anbelangt, habe ich viel nachgeforscht, gerade hier in der Gegend, und ich stieß auf viele verschlossene Türen, was ich sehr seltsam fand. Von Guido Knopp bekam ich freundlicherweise einige Infos zugeschickt, besonders zu dem Themenbereich, der kaum in der Öffentlichkeit vorhanden ist.
    In der Regel lasse ich meine Protagonisten einfach agieren. Das klingt abgeschmackt, aber nach einer Weile werden die Handelnden lebendig. Ich redigiere ein Manuskript sehr lange, lese es circa 20 Mal. In den ersten Sitzungen kille ich die Grammatik-, Sinn- und Sprachfehler. In den weiteren Verläufen achte ich darauf, dass alles echt wirkt. Ich glaube, dass viele Autoren verhinderte Schauspieler sind. Der Prozess ist ähnlich - der Versuch einer totalen Einfühlung. Zum Teil habe ich die Dialoge am Schreibtisch mir selbst vorgespielt.
    Der Rest ist Handwerk. Aber ich finde, alles muss authentisch wirken, selbst in absurden Situationen. Die Geschichte muss atmen, der Autor muss sich einerseits mit seiner ganzen Seele und Ehrlichkeit einbinden, andererseits darf er nicht das narzistische Zentrum sein.
    Die Geschichte zählt, nicht der Autor.

  • @ Jens


    Vielen Dank für deine Antwort. Ich könnte mir vorstellen, dass nach deinem Buch dieser Themenbereich des Nationalsozialismus vielleicht häufiger diskutiert wird. Wäre wirklich gut.
    Daran, dass Autoren wie Schauspieler agieren, habe ich noch nie gedacht. Aber klar, indem du dir die Szenen vorspielst werden sie lebendig und du siehst wo es vielleicht noch nicht ganz stimmig ist. Ich muss sagen, dass ich es eine Riesenleistung finde, wenn Schauspieler oder auch Autoren sich dermaßen in eine Situation einfühlen können, dass sie tatsächlich mit ihrer Sprache, Gestik, etc authentisch sind. Wobei dir ja nur wirklich allein das schnöde Wort zur Verfügung steht. Und das ist ja besonders schwer. Du kannst mit nichts anderem den Kontakt mit deinen Lesern aufnehmen und da gehört für mich noch viel mehr dazu als bei einem Schauspieler, der mit vielen Kommunikationsmitteln sich dem Publikum nähern kann.


    Mir genügt oft schon ein einfacher Brief um absolutes Missverständnis bei meinem gegenüber auszulösen, weil ich eben nur die Worte habe und auch in den Internetforen sehe ich oft wie schwierig es ist. Da stehen zum Glück die smileys zur Seite.
    Nein, klar: der Autor darf nicht das narzisstische Zentrum sein, denn zum einen verfehlt er dann seine Leser zu oft, zum anderen wird er Kritik niemals zulassen können.
    Ich bin Pfarrerin und kenne es halt von meinen Predigten: es ist wunderschön gelobt zu werden, aber ganz schön hart, wenn die Kritik kommt.
    Mein ehemaliger Lehrpfarrer hat mal zu mir gesagt: der Satz, der dir beim Predigt machen besonders toll vorkam, den streichst du am besten, denn
    der ist oft der, in den man dann selbstverliebt ist.
    Aber Predigten sind ein Sonderthema.


    Danke dir,
    Judith :winken:

  • Mich treibt das Thema der Schuld um.
    Wie grausam ist es, dass ein Kind sich zwischen einem Menschen und einem Stofftier entscheiden soll.
    Wie mies schuldig ist der, der ein Kind vor eine solche Wahl stellt.
    Und wie furchtbar ist es, dass ein Kind sich natürlich schuldig fühlen muss, aber natürlich keinerlei Schuld trägt.
    Mich überkommt an der Stelle die größte Wut im ganzen Buch. Wie infam treiben diese Menschen das Spiel mit der Schuld.




    sillesoeren hat mir gerade geschrieben, dass es sich natürlich um ein Tier handelte. :-[
    Ich ändere es jetzt nicht, weil sonst würde ihr posting nicht mehr folgerichtig dastehen :winken:


  • Wie grausam ist es, dass ein Kind sich zwischen einem Menschen und einem Stofftier entscheiden soll.


    Das war doch kein Stofftier, sondern ein echter Vogel, oder habe ich das falsch verstanden?

  • So sehr mich übrigens Linas Vater immer wieder positiv überrascht hat, dest schwieriger wurde für mich Franz. Das liegt natürlich daran, dass er am Anfang als die Lichtgestalt auftritt, die etwas Menschlichkeit auch in Linas Leben reinbringt. Aber er verliert dann doch ziemlich.
    Aber klar, man kann ihn auch verstehen wie Lina ihn versteht, dass er eben immer so handeln musste um selbst nicht den Verstand zu verlieren.


    Ich finde es insgesamt gut, dass die handelnden Personen nicht einfach nur gut oder nur böse sind, sondern in ihren Schattierungen eben besonders
    menschlich oder unmenschlich werden.


  • sillesoeren


    nein, das war mein Fehler gerade, danke dir :winken:


    das ändert ja nichts an der Grausamkeit dieser Entscheidung :o



    Ich finde es insgesamt gut, dass die handelnden Personen nicht einfach nur gut oder nur böse sind, sondern in ihren Schattierungen eben besonders menschlich oder unmenschlich werden.


    Geht mir genauso. Eine durch und durch böse oder stets und ständig gute Figur wird beim Lesen leicht langweilig, weil sie so vorhersehbar, berechnend ist.

  • Das pure Schlechte und das pure Gute gibt es in absoluter Form im Menschen meines Erachtens nicht. Eine solche differenzierte Betrachtung war auch das (hoffentlich nicht zu hoch gesteckte) Ziel von "Die Schlafwandler". Der Gute und der Böse - das gibt es in Western, und in Hollywoodfilmen finde ich es immer etwas ärgerlich, wenn solch eine Simplifikation gemacht wird (außer im Popcornkino, da muss es so sein). Deswegen auch die (gewagte?) Täter/Opfer-Vertauschung.
    Ich fand die die immer wieder auftretenden Vaterfiguren in "Die Schlafwandler" sehr spannend, ich habe mich während des Schreibens in Linas Vater und in Franz verliebt - aus eben diesen Grund des etwas geheimnisvollen "Nicht-Zuzuordnenbaren". Beide haben etwas gemeinsam - sie sind im Grunde "gute" Menschen (um das jetzt doch zu Vereinfachen), aber beide stolpern über ihre Schwächen. Sie können nicht so handeln, wie sie es vom Herzen möchten, in einer Welt, in der alles so ist, wie es sein sollte.

  • Ich hab das Buch gestern Abend zu Ende gelesen, hatte eine Nacht Zeit um drüber zu schlafen und bin immer noch ziemlich sprachlos. :-\


    Helenas Alternative, die sie den Tätern zur Veröffentlichung der Beweise ihrer Schuld anbietet, ist schon ziemlich herb. Um zu soweit etwas bereit zu sein, muss man sehr viel durchgemacht haben. Wahrscheinlich spielt bei Helena die Zeit, die sie in Alzey verbracht hat und während der sie den Tätern auf der Straße begegnet ist. Lina scheint mir nicht ganz hinter der ganzen Aktion zu stehen sondern eher von Helena dazu überredet worden zu sein. Sie selbst versucht sich aber davon zu überzeugen, dass es das Richtige ist. Aber gerade während des Aufenthalts auf der Insel etabliert sie wieder eine Glasglocke, unter der sie sich versteckt. Ich kann verstehen, dass sie gar nicht wieder nach Alzey zurückkehren will und statt dessen lieber ewig auf der Insel unter ihrer Glasglocke bleiben möchte.


    Dass Lina überhaupt ihr Handy nochmal angeschalten hat, obwohl sie es eigentlich in der Nordsee versenken wollte, zeigt mir, dass sie immer noch an bestimmten Menschen hängt. Würde sie wirklich mit ihrem alten Leben komplett abschließen wollen, wäre sie nicht rangegangen, als die "Elterngeschöpfe" angerufen haben. Obwohl sie ihr früher keine Unterstützung angeboten haben, sind es doch immer noch Linas Eltern und sie hängt an ihnen. Das merkt man auch, als sie (zurück in Alzey) vor der Wohnung ihrer Eltern parken und Lina zu ihnen gehen möchte.


    Statt dessen ziehen sie und Helena ihren Plan durch, auch noch Noack , den letzen lebenden Täter mit Ausnahme des Sandmanns, dran zu kriegen. Allerdings ist mir nicht ganz klar, wie sie das Treffen mit ihm eigentlich geplant haben. Obwohl die Waffen eigentlich nur für die Selbstverteidigung gedacht waren, glaube ich, dass Helena sie wirklich hätte benutzen wollen, wenn das Treffen nach Plan verlaufen wäre.


    Dann gerät aber alles außer Kontrolle. Noack taucht nicht allein auf, sondern er hat Linas Vater dabei. Was für eine Rolle spielt er in der ganzen Sache?? Im vorherigen Leseabschnitt habe ich geschrieben, dass ich eine Hypothese hätte, aber ich bin mir absolut nicht im Klaren, ob sie zutrifft oder nicht. Linas erste Reaktion auf die Gestalt an Noacks Seite war, der Sandmann ist mitgekommen. Aber später fragt sie, wann er geboren wurde - 1946. Damit ist er zu jung, um zu den Tätern zu gehören. Allerdings musste ich da wieder an Dr. Rosen denken, der sich auch als 60jähriger ausgab. Ist Linas Vater also wirklich unschuldig oder nur besonders gerissen?? Und welche Rolle spielt nun eigentlich Helena? Sicherlich kann man nicht leugnen, dass sie Lina für ihre Zwecke eingespannt hat, aber ist sie wirklich nur ein Opfer?
    So viele Fragen, so wenige eindeutige Antworten. Fest steht für mich, dass ich das Buch sicherlich mit einigem Abstand nochmals lesen werde.


    Das einzige Manko für mich ist der Abschluss. Lina ist mir ihrer Geschichte fertig, das Feuer ist gelöscht, sie noch am Leben und wird von der Feuerwehr gerettet. Und das wars? Ich weiß nicht. Irgendwie kommt es mir nicht wirklich richtig vor, aber ich kann absolut nicht festmachen, woran es liegt. Vielleicht habe ich einfach erwartet, dass nur mit Linas Tod die ganze Angelegenheit abgeschlossen werden kann, da sie die einzige noch Lebende ist, die Bescheid weiß. Allerdings stirbt sie nicht, sondern überlebt.
    Konsequent ist dann aber der letzte Satz im Roman "Sterben konnte jeder Trottel." Lina will die Vergangenheit hinter sich lassen und sich nicht in den Tod, sondern ins Leben flüchten. Ich denke mit der Hilfe von Franz wird sie es sicherlich schaffen.


    Die zusätzliche Handlungsebene, die schon sillesoeren angesprochen hat, verleiht dem ganzen Buch nochmal zusätzliche Authentizität, als ob es sich alles genau so zugetragen hat, wie es Jens niedergeschrieben hat. Eine Frage habe ich aber noch zur Danksagung: Wer ist PCS - Hüterin der Raben? Und hattest du selbst Plüschraben um dich, während du am Roman geschrieben hast, Jens?



    Nun lässt mich dieser Roman zurück mit dem gefühl, ein wirklich tolles Buch gelesen zu haben und auf einigen meiner Fragen sitzen zu bleiben. [...]
    Vielen Dank für dieses einmalige Leseerlebnis.


    Da kann ich mich nur voll und ganz anschließen. So fasziniert und beschäftigt hat mich schon lange kein Buch mehr. [Blockierte Grafik: http://cosgan.de/images/smilie/froehlich/s015.gif]

  • Hallo zusammen,


    zugegebenermaßen hat mir der letzte Abschnitt am allerbesten gefallen! Er ist packend, wirft fast ebenso viele Fragen auf wie er gleichzeitig auch beantwortet und hat einen gelungenen "Showdown".
    Dass einige Fragen zurück bleiben, gefällt mir eigentlich ganz gut - nur bei einer bin ich mehr als unschlüssig: wer war/ ist der Sandmann?
    Kurze Zeit dachte ich mal wieder, dass er nun feststeht (= Linas Vater), aber das war ja auch nur ein Trugschluß, auf den Jens einen gekonnt bringt... Auch an Helena habe ich nochmal stark gezweifelt (wie schon im letzten Abschnitt) - Noack hat eine gute Überzeugungskraft an den Tag gelegt. Und so hat er über Jahre eine derartige Abgebrühtheit an den Tag gelegt hat, dass er einige Leute (einschließlich sich selbst wahscheinlich) täuschen konnte. Linas Eltern gehörten da wohl zu - ich denke jedenfalls nicht, dass Linas Vater irgendetwas mit der Bordell-Geschichte zu tun hatte.


    Helena Eulinger war bis zum Schluß konsequent und hat vermutlich geahnt, dass sie dafür mit dem Leben bezahlen würde. Trotz einiger Zweifel an ihrer Ehrlichkeit fand ich sie nie richtig unsympathisch. Außerdem versucht sie im richtigen Moment, Lina wieder zur Besinnung zu bringen - auch wenn es zu spät (für sie und Linas Vater) ist.


    Lina selbst kommt hoffentlich bei Franz wieder zur Besinnung! Mittlerweile tut es mir ja schon fast leid, dass ich ihn erst verdächtigt habe - trotzdem fand ich sein Davonstehlen nicht wirklich in Ordnung.


    So, soviel erstmal - nachdem die Lektüre etwas sacken konnte, melde ich mich wieder.




    Liebe Grüße
    dubh



    PS. Aus S. 297 wird eine Situation zwei Tage vor Neujahr (mit Helena und Lina) beschrieben - auf S. 321 sind die Tage auf Langeoog so dahingeplätschert und Helena und Lina feiern Silvester... Kommt vom zeitlichen Ablauf nicht so ganz hin, oder? ;)

  • Ach, mir fällt noch etwas ein: die Selbstmorde der drei ehemaligen Zuhälter sind wirklich beinahe künstlerisch, wie zuvor erwähnt. Der eine "erfüllt" sich seinen Traum vom Fliegen, der andere tötet sich mit Schokoladen-Überdosis und der dritte wirkt zuerst so als würde er gerne der Erfrierungstod sterben... Der Satz, der seinen letzte Handlung beschreibt, ist beinahe zu poetisch.


    Empfindet Ihr das als etwas überzogen oder gar als zu drastisch?



    Liebe Grüße von einer neugierigen dubh :winken:


  • Ach, mir fällt noch etwas ein: die Selbstmorde der drei ehemaligen Zuhälter sind wirklich beinahe künstlerisch, wie zuvor erwähnt. Der eine "erfüllt" sich seinen Traum vom Fliegen, der andere tötet sich mit Schokoladen-Überdosis und der dritte wirkt zuerst so als würde er gerne der Erfrierungstod sterben... Der Satz, der seinen letzte Handlung beschreibt, ist beinahe zu poetisch.


    Empfindet Ihr das als etwas überzogen oder gar als zu drastisch?


    Nein, diese bewusst gewählten Todesarten habe ich auch für die Betroffenen geradezu als lustvoll empfunden. Es hat doch auch wirklich Charme, wenn Jens diese Menschen einen Tod sterben lässt, in dem sie einer in ihrem langen Leben noch ungestillten Lust nachgehen können. Uberzogen fand ich es, Lina auch plötzlich zur Schlafwandlerin werden zu lassen, aber die Wahl der Selbstmordarten passt mir gut in das Bild, das ich beim Lesen hatte.

  • Hallo sillesoeren,


    am besten "gefallen" hat mir der Selbstmord des Kriminalkommissars Dengler. Auf so eine Art wäre ich noch nicht einmal gekommen! Geschweige denn, dass ich gewußt habe, dass das wirklich funktioniert...
    Die fliegende Variante war nichts wirklich Ungewöhnliches, ebenso wie der Schuß in den Kopf. Bei letzterem habe ich sogar beim entscheidenden Satz schmunzeln müssen, weil er beinahe poetisch ist und trotzdem so perfekt passt.


    Alle drei haben große Schuld auf sich geladen und dennoch ein bequemes und luxeriöses Leben geführt - mit lupenreinen Westen und viel Ansehen. Deshalb habe ich jetzt nicht gerade Mitleid mit den alt gewordenen Männern - zudem ist es ihre eigene Wahl gewesen, ebenso wie die Mittel dazu. Dennoch hätte mir besser gefallen, sie zur Rechenschaft zu ziehen und ihre weiße Weste noch -reichlich spät zwar- zu korrigieren...



    Liebe Grüße
    dubh


  • am besten "gefallen" hat mir der Selbstmord des Kriminalkommissars Dengler. Auf so eine Art wäre ich noch nicht einmal gekommen! Geschweige denn, dass ich gewußt habe, dass das wirklich funktioniert...


    Ich auch nicht, aber Jens hat uns ja mehr als einmal überrascht und ich gehe davon aus, dass er das ebenso gut recherchiert hat wie alles andere.



    Alle drei haben große Schuld auf sich geladen und dennoch ein bequemes und luxeriöses Leben geführt - mit lupenreinen Westen und viel Ansehen. Deshalb habe ich jetzt nicht gerade Mitleid mit den alt gewordenen Männern - zudem ist es ihre eigene Wahl gewesen, ebenso wie die Mittel dazu. Dennoch hätte mir besser gefallen, sie zur Rechenschaft zu ziehen und ihre weiße Weste noch -reichlich spät zwar- zu korrigieren...


    Mitleid habe ich auch nicht. Aber ich kann gut nachvollziehen, dass jens den Selbstmord gewählt hat und nicht die Blosstellung. Bei so alten Menschen wird sich ein Arzt finden, der in einem Gutachten sie Prozessunfähigkeit attestiert und Staatsanwaltschaft/Gericht kommen nicht zum Zuge. Wer weiß, ob ein einem Städtchen wie dem beschriebenen dann überhaupt der gewünschte Blosstellungseffekt einsetzt oder gar noch Mitleid mit den armen Altchen aufkommt... :o


  • Empfindet Ihr das als etwas überzogen oder gar als zu drastisch?


    Ich empfinde das weder als überzogen noch als drastisch.
    Die Todesarten an sich empfinde ich als sehr persönlich, weil sich die Selbstmörder dadurch einen letzten Wunsch erfüllten. Insbesondere die Überdosis Schokolade war sehr kreativ, aber für einen Diabetiker verständlich. Eine meiner Cousinen ist Diabetikerin und sie muss ständig aufpassen, dass sie nicht zu viel/zu wenig/das "Falsche" isst und da wird so eine "Fressorgie" bestimmt als sehr befreiend empfunden.
    Der Sprung in den Tod ... nunja, das ist zwar nicht kreativ, aber mich würde es auch interessieren, wie es ist zu fliegen (wobei ich vor der Landung einen Fallschirm öffnen würde ;) ). Insofern auch diese Todesart verständlich.
    Die Fahrt in die Kälte fing auch kurios an, aber das Ende dieser Reise mit dem Schuss in den Kopf fand ich dann doch klischeehaft. Da hätte er sich auch etwas anziehen können - einen Unterschied hätte das nicht gemacht. Warum also hat er sich dann fast nackt in den Wagen gesetzt?



    Mitleid habe ich auch nicht. Aber ich kann gut nachvollziehen, dass jens den Selbstmord gewählt hat und nicht die Blosstellung. Bei so alten Menschen wird sich ein Arzt finden, der in einem Gutachten sie Prozessunfähigkeit attestiert und Staatsanwaltschaft/Gericht kommen nicht zum Zuge. Wer weiß, ob ein einem Städtchen wie dem beschriebenen dann überhaupt der gewünschte Blosstellungseffekt einsetzt oder gar noch Mitleid mit den armen Altchen aufkommt... :o


    Verdienen tun die alten Männer kein Mitleid: sie haben zwar (teilweise) Schreckliches in ihrer Jugend erfahren müssen, aber dadurch, dass sie danach von Opfern zu Tätern wurden und an anderen, unschuldigen Menschen Verbrechen begangen haben, verlieren sie in meinen Augen jeglichen Anspruch auf Mitleid.
    Dass ihnen Lina und Helena / Jens die Chance des Selbstmords gelassen hat, war mMn ein Akt der Gnade, der von 3 der Täter genutzt wurde. Ich denke aber, dass weniger die Angst vor einem fehlenden richterlichen Schuldspruch aufgrund ihres Alters, als viel mehr die Bedenken, wie die Neonazis diesen Prozess vielleicht für ihre Propaganda missbrauchen würden, ausschlaggebend für Jens' Entscheidung zum Selbstmord waren. Zudem würde wahrscheinlich, wie sillesoeren geschrieben hat, noch Mitleid für die armen Opis aufkommen. Schließlich haben sie der Gemeinde so viel Gutes getan etc. pp.


  • Ich hab das Buch gestern Abend zu Ende gelesen, hatte eine Nacht Zeit um drüber zu schlafen und bin immer noch ziemlich sprachlos. :-\


    Mir geht es gerade ganz genauso! :(


    Ich bin völlig erschüttert von dem Ende. So düster das Buch begann, so endet es. Ich wusste in der Lagerhalle nie, woran ich bin. Mal glaubte ich Noack, mal Helena. Hier habe ich Lina zum ersten Mal wirklich verstanden: Ich hätte auch nicht gewusst, was ich tun soll. Allerdings hätte ich wohl nicht in Trance meine Waffe aus der Hand gegeben. Lina wird vermutlich immer mit der Schuld am Tod ihres Vaters leben.


    Helenas Vorgehen, die Täter in Selbstmord zu treiben.. puh... ich fragte mich die ganze Zeit: Warum gingen die Frauen nicht an die Presse? Warum haben sie nur gedroht mit dem Schließfach? Sie waren so verdammt blauäugig, dass ich am liebsten ins Buch gesprungen wäre! Wie kann man nur so dumm sein! Haben sie die Situation wirklich die ganze Zeit so massiv unterschätzt?


    Ich bin wirklich versucht zu glauben, dass es Lina gibt und sie die Geschichte geschrieben hat ::)
    Jens? Ist das wirklich alles auf Deinem Mist gewachsen? ;D


    Liebe Grüße
    nimue


  • Ich bin wirklich versucht zu glauben, dass es Lina gibt und sie die Geschichte geschrieben hat ::)
    Jens? Ist das wirklich alles auf Deinem Mist gewachsen? ;D


    Das ist irre, nicht? Am Ende können wir nicht mehr zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden. :o