Allgemeine Fragen an Wolfram Fleischhauer

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  • Ich habe mal eine Frage zu allen Büchern. Wie kommst du nur immer wieder auf solche Ideen?
    Ich meine, das Shakespare-Thema - fällt einem das irgendwann beim Essen ein oder schlägt der Verlag ein paar Themen vor und du nimmst dann einfach irgendeines?


    Und diese ganzen Theorien, die du in dem Buch zitierst, angefangen von Kleist überSchlegel bis hin zu Kant - hast du die alle selbst gelesen?


    Katrin

  • Hallo Wolfram,


    ich habe gleich mal eine Frage die gar nichts speziell mit diesem Buch zu tun hat, sondern mit deinen Hörbüchern.
    Ich bin jetzt nicht so eine großer Hörbuch Hörerin aber ich mag sie für zwischendurch ganz gerne.
    Auch besonders für Büchern die ich vorher schon gelesen habe.


    In "Das Buch, in dem die Welt verschwand" liest du selber, und wie ich finde ist das auch sehr gelungen.
    Warum hast du nicht auch einige deiner anderen Bücher selber gesprochen?
    Keine Zeit, vielleicht keine Lust (Ich persönlich finde ja vorlesen so was von anstrengend, könnte das also gut verstehen), oder lag die Entscheidung gar nicht bei dir (ich weiß nicht in wie weit Autoren bei der Entstehung von Hörbüchern eine Mitspracherecht haben)?
    Oder vielleicht besser: Gab es einen Grund warum gerade dieses eine Buch von dir selber gelesen wurde?


    LG
    sabrina

  • Liebe Leserundenteilnehmer/innen


    entschuldigt bitte meine Verspätung. Ich hatte erst keine Zugangsdaten, dann wurde meine kleine Tochter plötzlich krank und ich bin seit zwei Tagen und Nächten im Krankenhaus ohne Internet. Daher kann ich mich jetzt auch nur kurz melden.


    Vorneweg: vielen Dank für die vielen interessanten Kommentare und Bemerkungen. Ich antworte vor allem hier in dieser Rubrik, weil das für mich einfacher ist (in den Strängen verliere ich manchmal den Überblick)


    Zur ersten Frage: wie mir das alles einfällt. Na ja, in diesem Fall habe ich das ja erlebt. Der Roman erzählt im Grunde, wie ich mich vom Literaturwissenschaftler zum Erzähler gewandelt habe. Das ist alles zwanzig Jahre her und recht besehen habe ich das auch selbst jetzt erst verstanden. Für mich brach damals eine ganze geistige Welt zusammen. Geistewissenschaften waren für mich immer so eine Art bessere Welt mit besseren Menschen. So naiv ist man wohl als junger Student. Das Jahr in Irvine (so heißt die Uni ja in Wirklichkeit) war für mich eine Art Damaskus-Erlebnis, ein heilsamer Schock sozusagen. Insofern ist dieses Buch ein Sonderfall, denn es ist eben sehr autobiographisch, was ich sonst eher meide.


    Die anderen Stoffe finde ich und entwickle sie dann über recht lange Zeiträume. Im Grunde ist es immer etwa so: ich wundere mich über etwas (das Bild im Louvre, die Anekdote eines Kindsmordes im 19 Jhdt, die Stimmung und Blickwechsel in einer Tango-Bar). Dann denke ich so lange über dieses Wundern nach, bis eine Frage daraus geworden ist. Die Frage muss dann eine dramatische Dimension annehmen (was VERÄNDERT ihre Beantwortung in mir). Dann fange ich an, die dazugehörige Welt zu erforschen (Renaissance, zweites Kaiserreich, Buenos Aires) und besetze die unterschiedlichen dramatischen Stränge mit Figuren. Allmählich zeichnet sich so das Panorama des dramatischen Bogens ab. So etwa kann man das umschreiben.


  • Ich habe das einmal gemacht und dabei folgende Erfahrung gemacht: Profis können das besser. Es ist sehr anstrengend. Ich glaube, ich kann sehr gut öffentlich vortragen und eine Stunde lang ganz gut vorlesen. Aber vor einem Mikro im Studio ist es doch eine ganz andere Situation und Schauspieler bzw. Profi-Sprecher sind da einfach versierter.

  • Hallo Wolfram,


    schön dass du doch noch kurz hier hereinschaust. :winken:
    Wir wollen dich aber sicher nicht von deinen Pflichten und Notwendigkeiten als umsorgender Papa
    abhalten. Dein Buch ist ja zum Glück so gut, dass die Leserunde bisher unter deiner Abwesenheit keinesfalls gelitten hat. ;)


    Grüssle
    Marion :)

    "Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

  • Hallo Wolfram,


    schön, von dir zu lesen, trotz deiner schweren Sorge um deine Tochter. Gute Besserung auch von mir. :)


    Mit "Der gestohlene Abend" hast du ja wirklich einen denkwürdigen Roman abgeliefert - manche behaupten, bisher der beste Roman aus deiner Feder.


    Meine Frage: was kommt danach? Hast du bereits ein neues Projekt in Arbeit?


    Viele liebe Grüße :winken:
    Miramis

  • Hallo


    so, wir sind wieder zu Hause. Vielen Dank für Euer Verständnis.
    Und vielen Dank auch für das bisher weitgehend positive Echo. Ich habe noch nie ein so riskantes Buch geschrieben und es war auch sicher für längere Zeit das letzte dieser Art, denn erstens bleibe ich lieber im Hintergrund (wie ja auch beim Dolmetschen) und zweitens werde ich sicher nicht noch einmal über so eine schwierige, geisteswissenschaftliche Thematik schreiben. Aber dieser Roman musste sein, weil er erzählt, wie ich überhaupt zum Erzählen gekommen bin. Insofern ist auch ganz richtig, was hier und da schon beobachtet wurde: ich bin alle diese Figuren einmal gewesen bzw. sie spiegeln eine Facette von mir, die immer auch gegenwärtig ist, wenn ich schreibe. Es ist ja so schwierig, sich zwischen den vielen Urteilen und Vorurteilen zu positionieren. Der Buchmarkt wird immer komplexer, die Leseerwartungen immer widersprüchlicher, der eigene Geschmack und die eigenen Interessen ändern sich mit der Zeit auch - und entsprechend wird es mit jedem Buch schwieriger, seine Linie zu halten bzw. zu finden und gleichzeitig zu wachsen. Ich habe wohl noch nie so viel an einem Text herumgearbeitet wie an diesem, und auch noch nie so viel kämpfen müssen. Es gibt ja bereits fünf Bearbeitungen des Stoffes ( Lars Gustafsson, Gilbert Adair, John Banville, Malcolm Bradbury, Bernhard Schlink) und schon daher habe ich immer wieder gezögert, die Geschichte zu erzählen. Aber dann dachte ich: keiner von denen war dabei, als es geschah. Und sie schreiben alle aus Augenhöhe über De Vander (also De Man). Ich wollte erzählen, welche Katastrophe dieser Skandal für einen jungen, vielleicht talentierten aber doch eben naiven Literaturstudenten gewesen ist. Denn ich hatte schon das Gefühl, in letzter Minute auf einem sehr gefährlichen Holzweg gerade noch einmal aufgewacht zu sein.
    Janines Vortrag in Antwerpen ist übrigens nicht erfunden. Solche Sätze werden heutzutage tatsächlich öffentlich geäußert, ohne dass jemand: Stop! ruft. Es gibt heute eine lähmende Unübersichtlichkeit in allen öffentlichen Diskussionen, insbesondere bei den sogenannten Intellektuellen. Und zum Teil hat das seinen Ursprung meiner Auffassung nach in diesen Theorien aus den 70´er und 80´er Jahren, denen ich ja auch mal verfallen war. Wir fühlten uns damals einfach super mit diesen tollen Slogans vom "Ende der Geschichte" und vom "Ende des Subjekts". Man konnte sich da herrlich in einen toten Winkel stellen und alle anderen für ideologisch verblendet erklären. Alle reden von den Sünden oder Fehlern der 68´er. Aber von dieser katastrophalen Lehre, die sehr viel subtiler alle Werte zu Disposition stellt (vor allem: ohne einen erkennbaren Zweck ausser dem der eigenen Unangreifbarkeit) spricht niemand. Weil es eben sehr schwer ist, darüber zu sprechen. Die Theorie ist derart abgehoben, dass sie für Talkshows einfach nichts taugt. Aber dennoch lenkt sie den öffentlichen Diskurs und erzeugt Aussagen wie die, mit der Janine in Antwerpen aufs Podium steigt. Oh je, jetzt rede ich schon wie in einem Seminar. Also das nur mal so als Erläuterung.

  • Suse

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