06 - Der gestohlene Abend - Kapitel 58 bis Ende

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  • Ich habe das Buch eben beendet und es lässt mich auf zwei unterschiedliche Arten zurück:


    Einerseits völlig unbefriedigt, weil die Geschichte irgendwie kein richtiges Ende hat, andererseits kann ich das Ende der Geschichte aber abnicken: ja, so ist das im Leben eben manchmal. Wir erfahren nun mal nicht immer alles (in diesem Falle mehr über den Tod Davids), verlassen Orte und Menschen, lassen Geschehnisse hinter uns.


    Hier stellt sich mir die Frage, ob ein Roman so etwas "darf", einfach wie das echte Leben sein. Da ich aber weiß, dass dies auch ein autobiografisches Buch ist, an einem echten Lebensweg orientiert, ist es in Ordnung, die Geschichte nicht in allen Erzählebenen zuende zu führen.
    Doch wie hinterlässt das Buch den Leser, der einfach nur einen Roman liest, ohne das autobiografische Hintergrundwissen?


    Ihr sehr, ich bin momentan mit mir selbst nicht einer Meinung.


    @ Wolfram


    Du hattest irgendwo hier gepostet, dass es im Vorfeld jede Menge Diskussionen um dieses Buch gab. Erzählst du uns, worum es dabei ging?

  • Hallo zusammen,


    also im Gegensatz zu SheRaven, hat dieses Buch für mich einen richtigen "Abgang" gehabt. Für mich schien plötzlich alles klar und auch Matthias schien sich ganz zum Schluss mit seiner Wahl auf friedliche Weise anfreunden zu können. Denn nachdem er den Kernpunkt, den Miramis oben so schön beschrieben hat und den ich hier gleich noch einmal zitieren werde, begriffen hat, weiß er für mich, dass es für ihn selbst keinen anderen Weg gab. Schon gar nicht was Janine betrifft.



    Für mich ist die eigentliche Schlüsselszene ganz am Ende des Buches - Matthias' Besuch im jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum Mechelen, zu dem er Janine nicht mitnehmen konnte und wollte. Denn hier spiegelt sich doch ganz deutlich der unüberbrückbare Gegensatz zwischen den beiden, der Graben, der die beiden trennt, meinetwegen auch der Riss. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage, es ist ein Riss zischen Matthias und der ganzen Universität. In Hillcrest wurde nämlich vor allem über Literatur, Sprache und ihre Wirkung, über ihre Existenz und Nichtexistenz diskutiert. De Vanders Zeitungsartikel wurden in erster Linie im Kontext zu seiner Literaturtheorie gesehen und der wissenschaftliche neben dem Imgageschaden hat allen das größte Kopfzerbrechen bereitet.


    Aber Matthias geht einen Schritt weiter, er sieht sich an, um was es in Wirklichkeit geht. In Wirklichkeit geht es um die Frau, die von ihrem Kind getrennt wird, um das Kind, das die Schläge mit dem Gewehrkolben abbekommt und um das Gas, das sie nachher alle miteinander einatmen werden in Ausschwitz. Über diese Wirklichkeit wird niemals eine Literaturtheorie hinwegkommen, die das alles als sprachlose Kunst und Fiktion erscheinen lässt. Für die Betreffenden war das keine Theorie, sondern bitterer, tödlicher Ernst. Ich denke auch, das war es, was David angetrieben hat; deswegen plötzlich Jom Kippur und seine Rückbesinnung auf das Judentum; deswegen sein Bedürfnis nach Mitteilung.


    Es war genau diese Szene, die für mich plötzlich alles darlegte und klarstellte. Hier gab es auch für Matthias keine Diskussionen mehr, keine Interpretationsmöglichkeiten, kein noch so konstruierter Perspektivenwechsel, der diese Gräueltaten hätten in ein genehmeres Licht hätten rücken können. Diese Szene war so heftig und so einleuchtend klar, dass auch ich erstmal eine ganze Zeit lang brauchte, um wieder aus dieser empfundenen Verzweiflung heraus zu kommen. Hier hieß es erstmal gaaaanz langsam durchatmen...


    Liebe Grüssle
    Marion :winken:

    "Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

  • Hallo zusammen,


    ja, der Roman hat mich ganz schön aufgewühlt, meine Gedanken kehren den ganzen Tag über immer wieder zu den Geschehnissen zurück.


    Das Ende fand ich, obwohl es offen ist, sehr stimmig. Es wirft Fragen auf, die vielleicht jeder für sich selbst beantworten muss. Und dass nun auf der kriminalistischen Ebene nicht jedes Detail geklärt wurde, damit kann ich leben - schliesslich habe ich das Buch nicht als Krimi gelesen.


    Da die Geschichte wahr ist, sind vielleicht manche Dinge bis heute noch im Dunkeln und bleiben es auch. Hier hätte es mich eher gestört, wenn Wolfram zwanghaft zu einer "Auflösung" gekommen wäre, die dann nicht so authentisch wie der Rest ist.


    Aber bestimmt erfahren wir von Wolfram noch näheres über die Verteilung von Wahrheit und Dichtung in diesem Roman, und natürlich würde mich brennend interessieren, wie die Reaktionen darauf sind.


    Wolfram: ich finde es übrigens sehr mutig von dir, ein solches Buch zu schreiben :anbet:. Ich könnte mir vorstellen, dass es dir manchmal ganz schön schwer gefallen ist, alles niederzuschreiben. Es sind ja doch in erster Linie schmerzvolle Erfahrungen, von denen die Geschichte geprägt ist.


    Viele liebe Grüße :winken:
    Miramis


  • Im Grunde hast Du hier schon alles gesagt. Man muss das Ganze nur auf der allegorischen Ebene lesen und ernst nehmen, dann lösen sich alle Widersprüche auf. Es gab eine Schlussfassung, die im Lektorat zu scharfem Protest geführt hat, die mir jedoch noch immer als die plausibelste erscheint: als Matthias Janine in Antwerpen nach vielen Jahren wiedertrifft, ist sie nicht allein sondern in Begleitung von... David. Beide sind auf De Vanders Spur weitergegangen und haben eine brillante Karriere gemacht. Das ist für den Leser natürlich ein Schock, denn was hat er denn da gelesen? David ist doch gestorben. Ist es also gar kein realistischer Roman? Was soll das? Nun, es wäre die gleiche literarische Figur wie in White Noise: am Ende stellt man fest, dass man natürlich eine Geschichte gelesen hat, eine Allegorie über das Erzählen: David, das war natürlich eine Idealsierung von Matthias. Matthias wollte wie David sein, wollte David werden. Das war sein Traum. Doch dann erkennt er, wo diese ganze Theorie herkommt und worauf sie hinausläuft, und seine Ideale stellen sich als gefährliche Illusion heraus. Deshalb spricht Theo ja davon, dass Hillcrest für Matthias ein Fegefeuer war. Der Literaturwissenschaftler Matthias ist in diesem Feuer verbrannt. Und daraus hervorgegangen ist der Erzähler. Ich fand diesen Schluss toll, stand aber völlig allein damit und habe es deshalb nicht gewagt, das ganze wirklich so durchzuziehen. Und vermutlich war das auch ganz richtig, so, denn der Roman wird ja von vielen Lesern bereits in seiner gegenwärtigen, also ungebrochen realistischen Form, als gewagt und "zu literarisch" empfunden.
    Der Unterschied zwischen Matthias und Janine ist letztlich, dass sie eine völlig gegensätzliche Auffassung von Moral haben. Janine weigert sich, jemals ein abschließendes Urteil zu sprechen. Sie will sich immer eine letzte Tür offenhalten, eine weitere Relativierung zulassen. Matthias kann das nicht. Er hat Grundsätze, Grundwerte, ist also ein eher altmodischer Zeitgenosse im Vergleich zu der aalglatten Zynikern Janine, die viel faszinierender ist. Beide sind tragische Figuren, denn sie verstricken sich ja beide in unauflösbare Widersprüche. Und ich, als Autor, natürlich auch. Ich scheibe einen Roman, der eine alte Werteordnung gegen ein Postmodernes anything-goes verteidigen will, kann aber gar nicht anders als die postmoderne, experimentelle Form dabei ernst zu nehmen, von innen auszuleuchten und mir dadurch eine Position dazu zu erarbeiten. Ich tue also bisweilen genau das, wogegen ich eigentlich anschreibe, weil ich das Thema eben ernst nehmen wollte. Die Lösung für mich heißt immer: erzähle eine Geschichte darüber. Aber natürlich kann ich die großen Fragen nicht "lösen", sondern, um mit Barstow zu sprechen, mir lediglich eine "Haltung" dazu erschreiben. Es gibt diese schöne Zeile , ich glaube, sie ist von Rilke: "ist dir trinken bitter, werde Wein." Genau das habe ich hier getan. Ich bin einfach noch einmal in diesen Lebensabschnitt eingetaucht, in dem ich aus schwindelerregenden geistigen Höhen abgestürzt und tief beschämt und völlig orientierungslos aufgewacht bin.

  • @ Wolfram


    Du hattest irgendwo hier gepostet, dass es im Vorfeld jede Menge Diskussionen um dieses Buch gab. Erzählst du uns, worum es dabei ging?


    Ich habe das in meiner letzten Antwort schon angedeutet: ich habe diesen Roman unter anderem auch deshalb bei Piper veröffentlich, weil ich wusste, dass er ein wenig literarischer angelegt ist als meine anderen Bücher. Es geht eben hier nicht wirklich um einen geheimnisvollen Toten in einer Bibliothek wie in einem Schauerroman, sondern um ein seelisches und geistiges Fegefeuer eines jungen Menschen. Der Roman war also in mehrfacher Hinsicht schwierig für den Verlag: er war nich "historisch", und er hatte eine sehr starke und nicht ganz einfache Bedeutungsebene. Im Roman muss man abstrakte Fragen erlebbar machen, Themen müssen Figuren werden, Theorien müssen sich in Konflikte und Handlung verwandeln. Da gab es sehr viele Diskussionen und ich bin immer wieder gezwungen gewesen, mir neue Lösungen einfallen zu lassen. Das ist im Grunde ein ganz üblicher Prozess. Ich bin auch kein eingebildeter Autor, der meint, alles zu wissen, sondern ich reagiere sehr aufmerksam auf die Echos, die ich bekomme. Nur war bei diesem Buch manchmal der Punkt erreicht, wo ich das Gefühl hatte, der einzige zu sein, der überhaupt noch eine Lösung wollte und auch daran glaubte. Das war schon eine Enttäuschung, denn da hätte ich mir einfach mehr Unterstützung erhofft.

  • Hallo,


    nach einigem Nachdenken muss ich zugeben, dass mich das Ende mit einem lebendigen, wieder auftauchenden David schon auch gereizt hätte - sehr atemberaubend. Ob ich die Geschichte dann allerdings von vornherein so verstanden hätte, wie es gedacht gewesen wäre, das bleibt dahin gestellt.


    Ich kann beide Seiten verstehen - dich, Wolfram, der du eine perfekte Auflösung aus deiner literarischen Sicht heraus anbieten wolltest. Auf der anderen Seite der Verlag, der natürlich Angst hat, das vorgesehene Zielpublikum zu überfordern.


    Trotzdem Hut ab, dass das Projekt trotz aller Schwierigkeiten verwirklicht wurde und wir diese unglaubliche Geschichte zu lesen bekamen.


    Viele liebe Grüße
    Miramis

  • Hallo zusammen,


    mir hätte es gar nicht gefallen, wenn David zum Schluss wieder aufgetaucht wäre. Dies hätte mich dann wohl eher völlig irritiert,sowie
    lediglich eine gewisse Art von Unverständnis bei mir ausgelöst.
    OK, so wie Wolfram es hier beschreibt, wäre es sicher eine Art Lösung gewesen. Und eine genial erdachte obendrein.
    Doch wer hätte es beim Lesen ohne den Autor und seinen miteingebrachten Gedanken auf Anhieb so verstanden? Sicherlich nicht die Mehrheit, wage ich jetzt einfach mal so zu behaupten. ;)


    Nein, nein. So war dieser Schluss für mich durch und durch in Ordnung.


    Liebe Grüssle
    Marion :winken:

    "Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

  • nach einigem Nachdenken muss ich zugeben, dass mich das Ende mit einem lebendigen, wieder auftauchenden David schon auch gereizt hätte - sehr atemberaubend. Ob ich die Geschichte dann allerdings von vornherein so verstanden hätte, wie es gedacht gewesen wäre, das bleibt dahin gestellt.


    Ich brauche da gar nicht drüber nachzudenken: der wiederaufgetauchte David, das wäre es für mich gewesen....
    Die Geschichte hätte nichts verloren, sondern gewonnen....

    Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich. <br /><br />Chinesisches Sprichwort

  • Suse

    Hat das Thema geschlossen