Was macht ein Buch zu einem guten Buch?

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  • Ui, Leseratte - da bist Du ganz schnell bei der Erwartungshaltung des Lesers und wie die den Autor festnageln kann.
    Ich kenne das von Dir zitierte Buch nicht - aber oft ist es so, daß Leser von einem erwarten, daß man immer und immer das gleiche schreiben soll, weils so schön ist und man sich so wohlfühlt damit (siehe auch das "Teil 3-Syndrom" im Kino *seufz*) - und wehe man bricht aus und macht was ganz anderes.
    Entweder dann knallts und man hat es vielleicht "geschafft" - oder der Leser/Kritiker ist eingeschnappt.


    Zum Thema Ideeklau:
    über sowas hab ich mir noch nie Gedanken gemacht. Es kommt tatsächlich vor, daß zwei Leute zur gleichen Zeit den gleichen Gedanken haben.
    Deswegen können es komplett verschiedene Werke sein - weil jeder eine andere Feder und einen anderen Kopf über der Feder hat.
    Meine Bücher werden von niemandem probegelesen. Aber nicht weil ich Angst vor Klau hab, sondern weil ich ein Perfektionist bin und immer denke, es ist noch nich gut genug, ums jemandem zu zeigen. Wenns dann gut genug ist, hab ich Termin *g*


    "wir müssen die Bücher schreiben, die uns am Herzen liegen und nicht nach dem Markt."
    Seh ich auch so. Kann man aber auch Pech mit haben.
    Eins jedoch weiß ich gewiß: der Leser merkt wenn man unehrlich ist und was vorgibt, wenn man versucht, in einer Welle mitzuschwimmen. Deswegen ist das Herz so wichtig.


    Mein Agent sagt immer "Ihr aktuelles Buch ist immer das Beste".
    Musste ich lange drüber nachdenken - aber er hat recht.

  • Hallo Dagmar,


    nein, nein, da hast du mich ganz falsch verstanden. M. Fredriksson hat Bücher über verschiedene Themen geschrieben, die ich alle in sich schlüssig finde. Auch bin ich durchaus der Meinung, dass man als Autor nicht an einem Thema kleben bleiben sollte. Ich selbst habe die Erwartungshaltung der Leser schon zu spüren bekommen, als ich gefragt wurde, welche Erzählung der griechischen Mythologie ich mir nun vorgenommen habe, dabei habe ich eine Art Sachbuch geschrieben. Für jenes bin ich übrigens auf Verlagssuche, doch das gehört hier nicht her.


    Zurück zu M. Fredriksson:
    In diesem Buch geht es darum, dass die Tochter der Hauptperson von dem leiblichen Vater mißbraucht wurde. Sie durchlebt noch einmal im Rückblick die Ehe mit diesem Vater. An dem Part habe ich nichts auszusetzen, aber an ihrem Umgang mit der nun seelisch verletzten Tochter und an ihrem Verhalten Männern gegenüber. Ich habe mir von diesem Buch einfach mehr versprochen. Wenn man sich einem solch schweren Thema zuwendet, muss dann von einer Erfolgsautorin einfach mehr kommen. Meiner Meinung nach hätte sie, wenn sie selbst auf dem Gebiet keine Erfahrung hat, besser recherchieren müssen. Eine Mutter, deren Kind mißbraucht wird, ist in den nächsten Wochen so paralysiert, sie wird sich keinem neuen Mann öffnen und sich vor der körperlichen Liebe ekeln. Sie wird an dem Kind hängen wie eine Glucke, sich schuldig fühlen an dem, was passiert ist, obwohl sie viele tausend Kilometer entfernt war, als es geschah und dieses Kind nicht aus den Augen lassen. In diesem Buch läuft das aber genau anders herum.


    Aber nun will ich aufhören. Ich wollte keine Rezension schreiben. Das war nicht meine Absicht. Eigentlich bin ich wirklich offen für alles. Ich lese auch alles. Eigentlich wollte ich ja einst nur erklären, dass es mich ärgert, wenn Erfolgsautoren mit einem Mal so schwache Bücher abliefern und man merkt, dass sie mit dem Herz nicht bei der Sache sind.


    Liebe Grüße an alle
    Leseratte

  • Ich tendiere nach vielen Jahren inzwischen auch dazu, daß man nicht schreiben soll, was die Leser wollen, sondern was man selber will. Der Grund ist, daß man auf diese Weise viel eher ein Buch zustande bringt, das die Leser wollen, als wenn man zuerst versucht, das herauszubekommen und sich dann verbiegt, um dieses Interesse zu bedienen.


    Allerdings sollte man das Handwerk beherrschen. Das bedeutet: Es ist egal, ob man Jazz oder Bach auf dem Klavier spielt, man sollte zunächst vor allem Klavier spielen können.


    Peter

  • Jaja - ich weiß schon, ist nicht das neueste Thema in diesem Forum, aber ich habe gerade Lust, mich dazu zu äußern:


    Der vorangehenden Aussage von Peter Lancester schließe ich mich an - und obwohl es im Prinzip die leichteste aller Aufgaben ist (oder wenigstens zu sein scheint), einfach man selbst zu sein, in der Praxis erweist sie sich oftmals als schwieriges Problem. Aber letzten Endes führt daran (glücklicherweise) kein Weg vorbei. Jedes Sich-verbiegen und Gefallen-wollen kann nur zu Enttäuschungen führen, das ist nicht nur beim Schreiben der Fall, sondern eigentlich in jeder denkbaren Lebenssituation, in der man mit anderen Menschen, deren Ansichten, Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen konfrontiert wird. Tatsache ist nun mal, dass die Ansichten, Wünsche - etc. - anderer Menschen nicht MEINE sind, sich notwendigerweise von meinen Ideen unterscheiden MÜSSEN. Sich danach zu richten, was anderen gefällt, (zumal beim Schreiben, das viel Zeit und Kraft kostet), wäre nicht nur Selbstverleugnung, sondern im Prinzip künstlerischer Selbstmord. Es teilt sich immer auf unsichtbare Weise mit, ob es ehrlich / "wahrhaftig" gemeint ist, was man so von sich gibt. Schreibe ich etwas - egal, ob geschliffen, poetisch oder platt - wird der Leser es spüren, ob ich gerade "die Wahrheit" sage, [die "innere Wahrhaftigkeit" ist gemeint, die Rede ist hier nicht von objektiv überprüfbaren Wahrheiten], oder ob es bloß aufgesetztes und prätentiöses Blabla ist. In dem Fall wird der Leser ... um das alte Goethe-Wort zu bemühen ... so reagieren: "Man merkt die Absicht und ist verstimmt."

    Hmm .. was macht nun also ein Buch zu einem guten Buch?


    Ein "gutes" Buch - für mich persönlich - kann so ziemlich alles mögliche sein. Simpel dargestellt:


    Ist es für mich von Interesse, aus irgendwelchen Gründen? (Romanzen, Problembücher [menschliche Schicksale, z.B. Drogenmilieu, Kriegs- und Kindheitserinnerungen, bla], 08/15-Fantasy, Biographien u.ä. locken mich einfach nicht bzw. nicht mehr)


    Ist es spannend, einfallsreich, geistreich, lebendig geschrieben?


    Unterhält es mich
    - mit guten Dialogen
    - mit Überraschungen
    - mit phantasiereichen Details
    - glaubwürdigen Charakteren, etc.? (Beispielsweise, ich erinnere mich noch, wurden eine Zeit lang sehr diese Ägypten-Romane von Christian Jacq gelobt, in denen dauernd jemand mit "umwölkten Gesicht" durch die Gegend lief. Alle Naselang: "sein Gesicht umwölkte sich; seine Stirn umwölkte sich, sein Antlitz war umwölkt". So viele Wolken gab es nicht mal im Alten Ägypten, nachweislich ... Ich war jedenfalls wahnsinnig enttäuscht, weil der Rest fast genauso ... "gähn" ... spannend und interessant beschrieben wurde ...)


    Und / oder bereichert mich ein Buch - abgesehen von netter Unterhaltung - auf irgendeine Weise? Bringt es mich zum Lachen? Regt es mich zu Nachdenken an? Bietet es mir fundierte Informationen, erweitert es den Horizont - oder weckt es gar in mir das Interesse für ein Thema, das mich bislang völlig kalt ließ? Motiviert es mich? Regt es meine eigene Phantasie an? Ist es aufbauend, ist es stark genug, mich an sich zu binden, oder mich über ein Tief hinwegzutrösten / von Ärger abzulenken? - Oder ist es wirklich so wahnsinnig schlecht, sodass man auf jeder Seite vorgeführt bekommt, wie man es als Autor besser mal einfach nicht machen sollte? Auch das ist manchmal sehr hilfreich. (Danke, Christian Jacq ...)


    So könnte also ein Buch sein, das für mich subjektiv betrachtet "gut" ist.


    Das kann für mich (auch) Terry Pratchett sein oder Agatha Christie, Alberto Moravia oder Peter Berling, Tom Sharpe oder Pinchas Lapide. (Sensationell, z.B. seine Sachbücher "Ist die Bibel richtig übersetzt? Bd. I & Bd. II" !)


    [Und habe ich eigentlich Tanja Kinkel erwähnt? Tanja ... chapeau! Love ya!]

  • Hallo Ascan,


    danke für Deinen Beitrag.



    ... locken mich einfach nicht bzw. nicht mehr ...


    Das scheint mir der Schlüsselsatz in Deinen Ausführungen zu sein: Die Qualität liegt im Auge des Lesers. Wenn sich der Leser ändert, ändert sich sein Empfinden für gute Bücher. Was er früher gut fand (ihn früher lockte), findet er jetzt nicht mehr gut (lockt ihn nicht mehr).
    Gibt es auch das Umgekehrte? Ein Buch, das man früher schlecht fand, findet man heute gut?
    Ist Literatur wirklich ausschließlich subjektiv? Gibt es über Grammatik und Orthografie hinaus keine leserunabhängigen Qualitätsmerkmale?

  • Ein Buch wird zu einem guten Buch, wenn es mich fesselt, wenn es zum Nachdenken anregt, wenn es einen bleibenden Eindruck hinterläßt, so daß man auch nach Abschluß des Buches eigentlich nicht damit zuende ist.


  • Ein Buch wird zu einem guten Buch, wenn es mich fesselt, wenn es zum Nachdenken anregt, wenn es einen bleibenden Eindruck hinterläßt, so daß man auch nach Abschluß des Buches eigentlich nicht damit zuende ist.



    Voll unterschreib.
    Und ein gutes Buch kann ein Kopfkino in Gang setzen.

  • Unterschreib ich auch (post von Anne H. und JaneAustenFan) - und ergänze noch, was für mich ein gutes Buch ausmacht:


    Selbst nach dem Lesen beschäftigt es mich noch, begleitet mich: Die besten Bücher legt man nicht ab, wenn man sie gelesen hat - sie bleiben im Kopf ;) und geben einem zuweilen das Gefühl, stärker als zuvor wieder aus der Geschichte rauszugehen, nachdem man sie zu Ende gelesen hat.


    Vielleicht hat ein wirklich gutes Buch gar kein richtiges Ende (im Kopf des Lesers?)


    Unterschiede sehe ich dann noch in den Genres bzw. darin, was ich gerade lese: Ein guter Krimi muss spannend sein, unvorhersehbar sein, schlüssig, fesselnd, nachvollziehbar, sozialkritisch etc. - da gibt es nicht ganz so viele, die alle meine Erwartungen an einen guten Kriminalroman decken können, aber es gibt sie.


    Bei historischen Romanen muss ich mich bei einem guten Roman so fühlen können, als stünde ich quasi 'neben den Hauptprotagonisten' und erlebte alles mit; tauche in die Zeit ein (und am liebsten in die Sprache), in der die Geschichte spielt.
    Gute Autoren (da gibt es einige) machen (mir) dies möglich und das ist für mich das Schönste daran: Eine literarische "Zeitreise" - absolutes Abtauchen, Nachdenken, Nachfühlen, Nacherleben - und dazu lernen....

    "Bücher sind meine Leuchttürme"(Dorothy E. Stevenson)

  • Ein gutes Buch ist für mich, wenn es mich Zeit und Raum vergessen lässt.
    Wenn mich die Story so gefangen nimmt, dass ich nur noch weiter lesen möchte.
    Dafür stehe ich gerne dann auch mal eine Stunde früher auf.