Beiträge von ysa

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    Einiges hat sich noch geklärt in diesem Abschnitt:

    Charly ist fast uneingeschränkt sympathisch: sie warnt Frau Döring und klärt sie auf. Wobei - so schnell und einfach würde ich mich sicher nicht zu einer fremden Person, auch wenn es sich um eine Frau handelt, ins Auto setzen. Egal: Frau Döring hat es gemacht und wurde damit gewarnt. Es hat ihr allerdings auch gezeigt, wie eingeengt ihr Leben ist!


    Rath wird endlich versetzt in das LKA. Ich frage mich, welche Rolle da seine Nachforschungen im Fall Lehmann, der ja eigentlich ein Fall Brunner ist, gespielt haben. Wollte ihn da vielleicht irgendjemand weglotsen?

    Denn diese Versetzung (auch wenn schon lange gewünscht) kommt jetzt doch zu einem recht praktischen Zeitpunkt.

    Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gereon diesen Fall einfach zur Seite schieben kann - vor allem nicht nach der Aussage des Taxifahrers. Warum wollte Lehmann unbedingt, dass Brunner zu ihm ins Taxi steigt? Das ist doch reichlich auffällig. Vor allem, weil Rath ja herausgefunden hat, dass es sich bei dem toten Fahrgast um einen SS-Mann handelt, der unter falschem Namen unterwegs ist und noch dazu Geheimakten dabei hat. Ich vermute mal, dass der Unfall absichtlich herbeigeführt wurde mit dem Ziel, dass Brunner stirbt. Dafür spricht meines Erachtens auch Lehmanns Verhalten zu Beginn der Fahrt. Wer der Drahtzieher dahinter ist, ist mir jedoch noch ein Rätsel. Und es ist mir nicht klar, welche Rolle die Geheimakten dabei spielen bzw wohin die eigentlich geschickt wurden. Viele Fragen, die ein spannendes Rätsel ergeben!


    Wilchelm Böhm ist sehr interessiert an dem Fall Lehmann. Welche Verbindungen oder Ähnlichkeiten zu anderen Fällen gibt es da? Die Diagnose Glioblastom? Welche Rolle spielt dieser Dr. Wrede?

    Interessant ist ja, dass genau dieser Doktor Wrede 1918 sein Auto Magnus gegeben hat, damit dieser Chen Lu immer wieder besuchen konnte.

    Die Vermutungen, wer Marlow ist und in welchem Verhältnis er zu Kuen-Yao steht, haben sich auch als richtig erwiesen. Und diese Vergangenheit, die ja eigentlich eine andere Geschichte ist, wirkt bis in die Gegenwart des Jahres 1935 nach.


    Es werden immer mehr Verbindungen zwischen den einzelnen Personen offenbar - eine komplexe Geschichte!

    Falls du noch die Vorgängerbände lesen möchtest, möchte ich dazu erstmal nichts verraten, das ist Bestandteil eines der Vorgängerbände.

    Ich möchte die ersten Bände natürlich noch lesen - deshalb danke! dass Du nicht gleich alles verrätst!

    Ich wollte eigentlich nur anmerken, dass ich wirklich in vielen Bereichen ahnungslos lese. Aber ich hab ja den Mut zur Lücke - es wird sich schon alles ergeben!;)

    Kurz für dich als Hintergrundinformation: Johann Marlow hat einen sehr treuen langjährigen Mitarbeiter, einen Chinesen namens Liang, mit dem absolut nicht zu spaßen ist. Evtl. besteht hier eine Verbindung.

    Das ist eine Superinformation! Danke! Ich vermute mal, der von mir gesuchte Kuen-Yao ist somit wieder aufgetaucht. Anders kann ich es mir nicht vorstellen!

    Aber ich lag mit meinen Vermutungen schon oft genug falsch:totlach:


    Ich mag diese Widersprüche! Genau deshalb finde ich diese Figur so spannend!

    Ich mag solche Protagonisten auch sehr gerne - auch wenn ich sie den Leser manchmal wirklich zur Weißglut bringen können durch Dummheit oder Arroganz oder Übermut! Aber genau diese Vielschichtigkeit macht die Figuren authentisch und fordert den Leser ein wenig heraus.


    Du musst unbedingt die Vorgänger lesen. Vor allem die Entwicklung der Beziehungen der Darsteller ist Klasse. Aber Gereon schätzt du schon ganz gut ein. Er versucht hartnäckig, unpolitisch zu bleiben und zu verdrängen, dass sein Deutschland sich zusehends verändert. Ich warte ja auf den finalen Schlag, an dem sein Verhalten kippt, weil er erkennt, dass man in solchen Zeiten Farbe bekennen muss.

    Den Verdacht hab ich auch: mein SuB wächst und wächst...

    Gereons Weigerung alles mitzumachen, was die Nazis so angeordnet haben, macht ihn ungeheuer sympathisch. Aber gleichzeitig ist sein Versuch unpolitisch zu leben von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Zu stark ist der offensichtliche politische Einfluss auf seinen Alltag. Charly und er stehen eigentlich recht offen zu ihrer Abneigung was die politische Ordnung angeht. Nur Friedrich ist begeistert mit der HJ unterwegs, was für mich schon verständlich ist: es ist die gelungene Kombination aus Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gehirnwäsche... Hoffentlich geht das nicht so weit, dass er Charly, die ja recht offen in ihrer Abneigung ist, denunziert. Möglich wäre es ja, allerdings hoffe ich, dass er vorher munter wird.


    engineerwife : Gute Besserung!

    Aber erstmal zu "Eine andere Geschichte": hier war ich kurz irritiert, weil es um den Ort Marlow geht und nicht um Johann Marlow, wie ich bei dem Buchtitel erwartet habe. Oder doch? Ist der Sohn von Friedrich Larsen vielleicht Johann Marlow, der seinen Namen irgendwann von Magnus Larsen in Johann Marlow geändert hat?

    Das ist ein interessanter Gedanke! Wahrscheinlich hast Du recht damit. Das wäre ja auch eine Art für Magnus wieder zurück in seine Heimat zu kommen.

    Der Sohn von Chen-Lu könnte theoretisch auch der Sohn von Magnus sein, da Magnus 10 Jahre zuvor, also 1908, wegen seiner Verliebtheit zu der Chinesin aus China zurück nach Deutschland geschickt wurde, denn Kuen-Yao ist 1918 elf Jahre alt. Was vielleicht schlussendlich auch der Grund war, dass er und seine Mutter mit nach Deutschland genommen wurden.

    Diesen Verdacht hatte ich auch - zeitlich könnte es ja durchaus passen. Und Magnus Vater spricht ja auch von "Scherben" die der Sohn hinterlassen hat. Aber wo ist Kuen-Yao jetzt im Jahre 1935. Er wird doch nich Johann Marlow sein? Nein, das erscheint mir eigentlich unmöglich! Aber es würde mich interessieren, wo dieser junge Mann im Jahre 1935 steckt und wie er mit den akutellen politischen Verhältnissen zurecht kommt.


    Aber was hat das alles zu bedeuten? Brunner ist ein SS-Mann, der wiederum scheinbar Hermann Göring ausspioniert und auch auf Irene angesetzt wurde, um mit ihr eine Scheinverlobung einzugehen. Warum Irene, was ist besonders an ihr? Und wer ist Brunners Auftraggeber?

    Stimmt - Irene hab ich doch glatt vergessen! Ich frage mich auch, warum Gerhard Brunner als SS-Mann unbedingt Irenes Vertrauen erschleichen wollte. Welche Geheimnisse kennt sie? Denn eigentlich habe ich nicht den Eindruck, dass sie irgendeine speziell wichtige Position einnimmt. Hat das alles irgendetwas damit zu tun, dass Göring bespitzelt wird?

    Momentan gibt es noch sehr viele Fragen - wie spannend!

    Was mir sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass Gereons Persönlichkeit wirklich vielschichtig gezeichnet ist.

    Manchmal ist er ein extremer Kotzbrocken und dann ist er wieder ein angenehmer Zeitgenosse. Besonders gefällt mir jedoch natürlich, dass er nicht jeden Blödsinn der Nazis mitgemacht hat, zum Beispiel den deutschen Gruß schlichtweg verweigert.


    Auch hier tut es mir leid, dass ich ihn erst jetzt mit diesem Band kennenlerne. Seine Entwicklung erscheint mir beachtenswert!:)

    Ein spannender Anfang! Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es tatsächlich klug ist, mit dem 7. Buch in einer Reihe einzusteigen. Es gibt doch immer wieder Anspielungen auf die Vorgeschichen, wo ich halt leider keine Ahnung habe.

    Wie zum Beispiel ist Fritz zum Gereon und Charly gekommen? Warum hat er sich auf Berlins Straßen alleine durchschlagen müssen?

    Warum ist Rath in dieser Abteilung so schlecht angesehen? Warum wird der ehemalige Liebling von Gennat jetzt nur mehr mit den belanglosen Fällen betraut? Mal sehen wie viele dieser Fragen in diesem Buch noch beantwortet werden!

    Egal - der Beginn ist spannend und temporeich.


    Mit der "anderen Geschichte" zu Beginn kann ich bis jetzt noch wenig anfangen - ich finde vorerst einmal keinen Bezug zur Geschichte. Außer dass der Unterweltsboss sich Marlow nennt, oder tatsächlich so heißt.:schwitz:


    Der Unfall ist wirklich mysteriös und natürlich hab ich mir lange überlegt, welche Ursachen dahinter stecken könnten. Natürlich ist ein Glioblastom eine mögliche Ursache, aber ich zweifle dran. Nicht zuletzt weil es ein Roman ist... und weil mir da eine Verschwörungstheorie interessanter scheint!


    Ebenso seltsam ist die Tatsache, dass die Uniform in einem Schließfach liegt und nicht im Büro, wenn das doch so nahe liegt.

    Welche Rollen spielte dieser Gerhard Brunner nun wirklich? Für wen arbeitet er?


    Berührend fand ich übrigens die Szene, wo Rath Frau Lehmann die Nachricht überbringt, dass ihr Mann verstorben ist. Die Armut ist erdrückend und keine gut gemeinte Floskel kann sie irgendwie trösten. Sie ist recht realistisch in dieser Angelegenheit.


    Und sehr interessant war auch das Badehaus - die strikte Trennung von Männlein und Weiblein war klar, aber ich wußte nicht, dass zwischen Wannenbad oder Dusche preislich ein Unterschied gemacht wurde bzw dass es dieses Angebot gab. Mich interessiert alltägliche Geschichte sehr!


    Sehr sympathisch fand ich Charlys und Böhms Weigerung, die Fotos an diesen Giftzwerg Döring weiterzugeben. Auch wenn sie dadurch Geld verloren haben. Rein technisch kann ich es mir allerdings nicht vorstellen, wie das mit den Fotos, die Charly gemacht hat, funktioniert haben soll: ich erinnere mich noch an einen uralten Fotoapparat (lange nach 1935), der qualitativ eigentlich ziemlich gut war, aber solche Fotos wären unmöglich gewesen. Und ich erinnere mich auch noch, dass dieser Apparat schrecklich laut war, ein wirklich charakteristisches Klicken hatte. Aber eigentlich ist das eher ein Nebenschauplatz.


    Entsetzlich finde ich die Tatsache, dass Charly ihre Berufswünsche für den Moment begraben muss - und das nur wegen politischen Verboten:wand:. Auch das sind sehr interessante geschichtliche Fakten...


    Mein PC macht gerade seltsame Dinge.... ich schick das lieber mal ab!:freu:

    Vielleicht schaut Mechtild hier ja doch noch einmal vorbei - ich weiß ja, dass ich mit meiner Frage etwas spät dran bin. Aber das Lesen der "Grenzgänger" war so intensiv, dass ich gar nicht dran gedacht habe, nachzufragen, welche Pläne Mechtild für die nähere Zukunft hat. Welche Geschichten sie als nächstes unbedingt erzählen muss...

    Es würde mich sehr interessieren...

    :blume:

    Normalerweise bin ich nicht nahe am Wasser gebaut, aber bei dieser Lektüre musste ich zwischendurch immer mal wieder schlucken und ein Taschentuch zur Hilfe holen. "Grenzgänger" hat mich erschüttert, weil aus den Schrecken, von denen wir durchaus in den Nachrichten lesen/hören, eine Geschichte erzählt, die Gesichter und Schicksale formt. Die Dinge, die ich sonst zu verdrängen versuche, Leid, über das ich nicht nachdenken mag und bei dem mein Hirn sich zu weigern versucht, es zu begreifen, all das bekommt hier Namen und ein Leben. Regine, Thomas, Matthias, Fried - nur wenige Namen und fiktive Charaktere, die mich regelrecht gezwungen haben, mich mit dem Schicksal solcher Kinder auseinandersetzen ließen. Wie viele Kinder mag es geben, die tägliches Martyrium erleben? Hier, mitten unter uns?

    Mir ist es mit dem Buch ähnlich ergangen - Tränen kommen mir selten, Happy Ends mag ich eigentlich nicht gar so gerne. Aber hier war alles ganz anders!

    Und auch mir stellt sich die Frage, wie viele Kinder heute noch solches Leid ertragen müssen, irgendwo im Geheimen, irgendwo in einer Organisation, die einen untadeligen Ruf hat, die niemand zu kritisieren den Mut hat. Hier wurde ich mit Schicksalen konfrontiert, die ich mir einfach nicht vorstellen konnte, manche Dinge kann man nicht einmal denken. Und deshalb wirkt das Buch auch lange nach bei mir. Immer wieder muss ich an Henni denken, an ihren Mut, an ihre Verzweiflung und an die grenzenlose Ungerechtigkeit, die sie erleben musste.

    Toll, dass wenigstens die von ihr und Georg gegründete Familie zusammenbleibt! Ich hatte kurz Sorge, als ihr ihr Ehemann die Leviten liest... auch wenn er durchaus (aus seiner Perspektive) recht hat!

    Dass Georg und die Kinder zu ihr gehalten haben, lässt das Ende besser ertragen. Wenigstens hat Henni noch ein paar schöne, glückliche Jahre gehabt.


    Natürlich macht es das Ende ein wenig erträglicher für uns... aber 7 Jahre? Das ist eine extrem lange Zeit. Zeit, die sie eigentlich mit ihren Kindern verbringen hätte sollen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass 7 Jahre Gefängnis spurlos an einem Menschen vorüber gehen. Vor allem weil diese verlorenen und eigentlich sinnlosen Jahre im Gefängnis fast sinnbildlich für ihr Leben stehen, für die Ungerechtigkeiten, die sie erleben musste. Für das Schicksal, dass sich für sie oft ins Negative gedreht hat, obwohl sie es doch eigentlich nur gut gemeint hat, obwohl sie ja eigentlich nur helfen wollte. Sie hat bei aller Energie und allen Mut, den sie benötigte um zu Überleben, immer wieder ihre Machtlosigkeit zu spüren bekommen. Bewundernswert, dass sie nicht zerbrochen ist daran.


    Bewundernswert finde ich auch jene Menschen, die Mechtild ihre Erinnerungen erzählt haben. Ich stelle es mir schrecklich schwer vor, nach so vielen Jahren, sich wieder diesen Erlebnissen zu stellen. Danke!

    Liebe Mechtild,

    herzlichen Dank für die großartige Begleitung dieser Leserunde! Auch an alle Mitleserinnen: herzlichen Dank für die tollen Diskussionen und Gedankenanregungen. Lesen mit Euch allen ist wirklich unvergleichlich wertvoll!


    Meine Rezension


    Grenzgänger


    Mechtild Borrmann, Bestsellerautorin und bekannt durch Bücher wie „Trümmerkinder“ oder „Der Geiger“, greift in „Grenzgänger“ ein lange verdrängtes Kapitel Zeitgeschichte auf: die Zustände in kirchlichen Kinderheimen in der Nachkriegszeit.


    Sie erzählt uns die Geschichte von Henni und ihren Geschwistern. Henni muss jung Verantwortung für ihre Familie übernehmen: ihre Mutter verstarb früh, der Vater, durch den Krieg traumatisiert, war völlig unfähig, seine Kinder zu versorgen. Durch Kaffeeschmuggel an der deutsch-belgischen Grenze verdient sie ihren Lebensunterhalt und ermöglicht es, dass die Geschwister zu Hause bleiben dürfen. Als dann allerdings ein Unglück passiert, landet Henni in einer Besserungsanstalt und ihre jüngeren Geschwister werden in einem kirchlichen Kinderheim untergebracht. Damit beginnt ihr unfassbarer Leidensweg, denn anstatt Liebe und Fürsorge erfahren die Kinder Gewalt, systematische Misshandlungen und Erniedrigungen.


    Mechtild Borrmann erzählt ihre Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und auf verschiedenen Zeitebenen. So werden die einzelnen Kapitel zu Puzzleteilchen, die erst am Schluss ein ganzes und erschütterndes Bild ergeben.

    Die Sprache ist klar und präzise, hat enorme Sogwirkung, denn der Leser ist sofort mitten in der Geschichte und leidet mit den Protagonisten mit. Die Formulierungen bleiben fast minimalistisch, ohne Übertreibungen, ohne überflüssige Wertungen beschränkt sich die Autorin auf das Erzählen der Schicksale. Übertreibungen sind bei diesen Geschichten auch keinesfalls notwendig, sie lassen niemanden unberührt.


    Selten habe ich so mitgelitten und selten habe ich mir so sehr ein Happy End gewünscht, wie bei der Lektüre dieses Buches. Vielleicht auch deshalb, weil mir von Anfang an klar war, dass zwar die einzelnen Figuren fiktiv sind, die geschilderten Erlebnisse jedoch nicht. Mechtild Borrmann hat in zahlreichen Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern die Zustände genau recherchiert. Sie hat mit jenen Menschen gesprochen, die zum Teil auch heute noch unter diesen Erlebnissen leiden und auch unter einer Umwelt leiden, die dieses grausame Kapitel Sozialgeschichte jahrzehntelang bewusst ignoriert und totgeschwiegen hat.


    Mit diesem Buch haben sie endlich eine Stimme bekommen.


    LB

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    Und ich empfand es für Thomas' Seele als durchaus heilsam, dass er sich einmal wehren konnte gegen diese Frau. Ich hatte das Gefühl, danach war der Weg für ihn frei in ein neues Leben. Ohne die bösen Schatten der Vergangenheit.

    Ob das so funktionieren kann? Dass eine solche Tat, ein Sich-endlich-wehren heilsam für Thomas sein könnte? Aber wenn er sich nun nicht daran erinnern kann, dann hat er verdrängt, was ein wirklich perfekter Schutzmechanismus der Seele ist, aber nicht wirklich heilsam. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass ein Mord die Schatten der Vergangenheit tilgen kann, sondern vielleicht eher neue oder andere Schatten produziert.


    Ich hab im ersten Moment eher gedacht, dass Sr Angelika gestürzt sein muss, weil sie ansonsten auf immer und ewig in Thomas Albträume fallen würde. Und ich weiß nicht, ob Thomas einen Mord so wegschieben könnte.

    Er scheint ja dann in Paris ein gutes und erfolgreiches Leben geführt zu haben, ein Leben ohne Vergangenheit und ohne grausame Albträume.


    Aber egal ob Mord oder Unfall: es ist wenigsten ein klein wenig Gerechtigkeit nach meinem Empfinden in dieser ganzen traurigen Geschichte!


    Was ich schon lange unbedingt sagen will: mir gefällt auch der Schreibstil sehr. Präzise Formulierungen ohne irgendwelche Schnörkel rundherum, keine sinnlosen Übertreibungen (die hier ganz besonders fehl am Platz wären, weil alles zusammen schon so fassungslos macht), einfache und klare Sprache. Wirklich fesselnd zu lesen! Der Stil passt einfach perfekt zum Inhalt des Buches.


    Mein SuB wird größer und größer...

    In meiner Phantasie war Thomas dort irrtümlicherweise auf dem Bahnsteig. Schwester Angelika hat in gesehen und ist vor Schreck und schlechtem Gewissen gestürzt. Und Thomas war schließlich als Beobachter der Szene schockiert.

    Diese Interpretation gefällt mir gut! Es kommt ja nicht klar heraus, ob es ein Unfall oder ein vorsätzlicher Stoß war, der Sr Angelika zu Fall brachte.

    Allerdings... ich glaube nicht, dass eine Person wie sie zu schlechtem Gewissen fähig gewesen ist.

    Beim Vaterhat mich ja gewundert, dass er so lange durchgehalten hat. Er hat sich allesschöngeredet und beim Prozess ist sein Traumgebäude zerbrochen

    Ich vermute mal, dass er es sich gar nicht schönreden musste. Er konnte es einfach nicht glauben, dass Nonnen zu derartigen Gräueltaten fähig wären. Und da war er keinesfalls der einzige. Als er dann ahnte, was er seinen Kindern angetan hat, wendet er sich von der Kirche ab (er ist zumindest die paar Tage nicht mehr dorthin gegangen) und findet als Helfer den Alkohol. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn er den Brand überlebt hätte?


    EineGefühlsregung, die man nicht haben sollte, die ich aber als Leserin dieserGeschichte einfach ausgelebt habe, ist die, dass ich gut fand, dass Thomas dieNonne vor den Zug geschubst hat. Nein, so etwas tut man nicht. Es ist Mord.Aber sei`s drum. Beim Lesen kann ich auch mal meine dunkle Seite ausleben – und Du beimSchreiben vielleicht auch, liebe Mechtild. Ich habe also zufrieden die Faustgeballt, als Schwester A. endlich ihrem Schöpfer gegenüber stehen musste. Ungestraft durfte die nicht davon kommen.

    Genau so ist es mir ergangen - als Leserin wurde ich zum Mittäter und Alibi eines Mordes, den ich eher als Gerechtigkeit empfinde, denn als Verbrechen.

    Die Recherche kann ich mir diesmal besonders hart vorstellen, mit all denGesprächen der ehemaligen Heimkinder.

    Das habe ich mir zwischendurch auch immer wieder gedacht: wie schlimm muss es sein, solche Geschichten zu hören und wie schlimm muss es sein, solche Geschichten zu erzählen und damit Vergangenes wieder aufleben zu lassen. Aber es ist wirklich Zeit, dass auch dieses düstere Kapitel Zeitgeschichte Gehör und Glauben findet!

    Henni glaubte mit ihrem Schweigen ihren Bruder zu schützen! Warum haben die beiden bloß nicht gleich offen und ehrlich miteinander geredet? So ein sinnloses Drama - Henni muss für Jahre hinter Gitter. Ich glaube nicht, dass irgendwer es schaffen kann, das unbeschadet zu überstehen! Egal wie sehr Mann und Familie hinter ihr stehen - es ist sinnlos und ungerecht. Vor allem weil das Urteil eigentlich nur wegen ein paar Indizien und einer ungenauen Zeugenaussage zustande kommen konnte.


    Elsa forscht weiter nach und findet die wesentlichen Fakten, damit der Brand als Unfall und nicht mehr als Brandstiftung bezeichnet wird. Da imponiert mir Elsa wieder sehr! Herbert Schöning war betrunken und der Brand ein Unfall. Kurz dachte ich, ob es vielleicht Selbstmord war - aber diesen Gedanken habe ich gleich wieder verworfen.

    Eine aussage von Henni hat mir diesbezüglich sehr zu denken gegeben: "Von da an hat er nichts mehr selber in dei Hand genommen. Hat alles in Gottes Hand gelegt oder, besser, in die von Pastor Lenkes. Aber das habe ich erst in den letzten Jahren verstanden..... Aber nichts mehr in die iegene Hand zu nehmen ist auch eine Entscheidung! Und die hat er zu verantworten" (Seite 233)


    Thomas hat nie erfahren, dass er Sr Angelika den Bahnsteig runtergestoßen hat? Hat er es überhaupt getan? Vieles spricht dafür, aber so ganz klar ist es dann ja doch nicht, oder?

    Betrauern kann ich ihren Tod keinesfalls - ich empfinde es (auch wenn es Mord war) als "schicksalhafte Gerechtigkeit", vielleicht hat Thomas da ein wenig nachgeholfen. Da es ein Buch ist kann ich ja so denken.


    Die Geschichte lässt mich fassungslos und traurig zurück, weil ich Schicksale kennenlernte, die ich nie für möglich gehalten hätte.

    Ich glaube, mit diesem Buch hast Du zahllosen misshandelten Menschen eine Stimme gegeben.

    In Köln ist es jetzt nicht viel besser, aber in der Nachkriegszeit hatten die ein Glück, dadurch das Kardinal Frings am Ruder war - eine echte Kraat, der nur an seine Mitmenschen dachte und Mundraub quasi legitimierte. Das nannte man dann "fringsen".

    Danke für diese Info! Geschichte dieser Art finde ich immer extrem spannend!

    aber ich bin fest davon überzeugt, dass alles Entgegenkommen der Kirche reine Rhetorik ist. Es wird immer nur das zugegeben, was definitiv nicht mehr zu leugnen ist.

    Vermutlich und erschreckenderweise hast Du recht. Und jene, die Verbrechen gestehen müssen, verbringen dann ruhige und gemütliche Jahre in einem Kloster. <X

    Es ist entsetzlich, wie viele Opfer sich in den letzten Jahren gemeldet haben, mit ihren Lebensgeschichten an die Öffentlichkeit gegangen sind. Vermutlich ist aber auch hier die Dunkelziffer enorm hoch;(

    Außerdem war da ja auch noch diese ungeheuerliche Lüge, die die Nonnen Thomas aufgetischt haben. Dass seine Mutter ihn weggegeben hat. Dabei ist sie bei seiner Geburt verstorben.


    Thomas erfährt dies erst bei seiner Anhörung - verständlicherweise ist er dadurch völlig durcheinander. War nicht der Gedanke, dass seine Mutter ihn nicht wollte, bestimmend für ihn und sein Selbstbild gewesen? Und jetzt muss er erfahren, dass alles eine gemeine Lüge der Nonnen war.

    Dazu kommt noch die Aussage, dass er debil sei.

    So wurden Kinderseelen methodisch gebrochen.

    Es ist zu meiner Schande mein erstes Buch von Mechthild. Ich bin sehr beeindruckt von ihrem Schreibstil. So wie du schreibst, ihre Sprache ist unglaublich und für mir sehr gewaltig, was die Emotionen angeht.

    Genau so geht es mir auch - es ist mein erstes Buch von Mechtild und ich bin wirklich beeindruckt. Es wird sicher nicht das einzige Buch von ihr bleiben!

    Schon ein krasser Satz. Ohne Mann war die Frau in der Gesellschaft abgestempelt und aufs Abstellgleis geschoben.

    Elsa wächst mir nach und nach sehr ans Herz.

    Elsa ist ja in einem Alter, in dem sie durchaus nochmal einen Mann finden könnte! Ich würde es ihr sehr wünschen. Sie ist eine tolle Frau!

    hmmmm.... eigentlich wünsche ich ihr, dass es ihr gut geht und dass sie glücklich ist - egal ob mit oder ohne Mann!

    Jürgen Loose fragt ja Elsa auch, ob ihr vielleicht etwas aufgefallen wäre am Tag des Brandes. Und da war das Verhalten von Hr Schöning schon ungewöhnlich: er war mittags nicht im Pfarrhof essen und dann hat er sogar einmal gelüftet. Ich bin neugierig, was die Ursache für dieses untypische Verhalten war.


    Was mir noch nicht klar ist - wann und wo kam Schwester Angelika zu Tode? Bei dem Brand? Was wollte sie dann bei Hr. Schöning? Hab ich irgendetwas überlesen?

    Guten Abend!


    Die Erinnerungen von Thomas sind wirklich berührend und schwer zu ertragen: die Kinder waren diesen Mißhandlungen ausgesetzt und konnten sich nicht wehren. Erwachsenen, denen sie eventuell vertrauten, so wie Matthias Vater, glauben ihnen nicht und helfen ihnen überhaupt nicht. Wie verlassen müssen sich dann Kinder vorkommen! Noch mehr alleine lassen kann man seine Kinder fast nicht. Und er hat konsequent alles gemacht, damit Henni ihre Brüder nicht wiederfinden konnte - inklusive Lügen. Wie war das mit dem 8. Gebot?


    Es mag ja sein, dass der Vater selber schwer traumatisiert ist, aber sein Verhalten den Kindern gegenüber kann ich trotzdem nicht akzeptieren. Da können sich bei mir Hirn und Herz nicht einigen!


    Die Zustände im Heim? Der Begriff systematischer Sadismus trifft es am besten. Dunkelhaft, Folter, Demütigungen etc. Und dann erst dass Eintauchen ins Wasser - verständlich, dass Thomas die Fluchtpläne verraten hat. Aber welch ein Hohn: es ist eigentlich nur um ein paar Buntstifte gegangen...

    Matthias hat das in weiterer Folge das Leben gekosten - manchmal ist eine Lungenentzündung auch Mord.

    Extrem zu Herzen ging mir dann diese Szenen, wo weder Fried noch Thomas an Matthias' Tod glauben konnten. Es hätte ihnen den letzten Lebensmut geraubt und so wurde ihr Wunsch, dass Matthias fliehen konnte und bereits in Italien ist, immer mehr zur Wahrheit.

    Irgendwann mussten sie dann allerdings einsehen, dass Matthias tatsächlich tot war.

    Ebenso interessant ist die Thomas Interpretation des Bildes, dass er im Zuge der Vorbereitungszeit auf die Anhörung malt.


    Die Anhörung und auch Hennis Prozess sind sehr interessant. Es wird klar, dass weder Richter noch Staatsanwälte an der Wahrheitsfindung interessiert sind - sie versuchen alles um die Betroffenen einzuschüchtern und alles um die Opfer als Lügner bloßzustellen. Niemand war bereit, die Kirchenleute als Schuldige zu betrachten, anscheinend waren das "undenkbare Gedanken". Was nicht sein darf, das nicht sein kann?!?


    Frau Castrup ist ein Lichtblick in diesem Abschnitt - sie unterstützt Henni und sie sagt auch für sie aus und lässt sich dabei nicht einschüchtern. Jürgen Loose ist tatsächlich Merks Sohn und er ist tatsächlich auf der Suche nach der Wahrheit. Elsa unterhält sich trotzdem noch mit ihm, schließlich war es seine Idee, Frau Castrup als Zeugin vorzuladen.


    Hennis Leben mit Mann und Kindern, der Arbeit in der Gärtnerei scheint recht friedlich und normal zu verlaufen. Erst als Fried sie glücklicherweise findet erfährt sie vom Schicksal ihrer Brüder. Und sie will unbedingt die Umstände um Matthias Tod aufklären. So verständlich dieser Wunsch ist, so sehr fürchte ich, dass ihre Familie darunter leidet...


    Und noch etwas: um die beiden Toten tut es mir nicht leid. Weder der Vater noch diese Schwester Angelika haben mein Mitleid - ganz im Gegenteil!


    Und nach wie vor wünsche ich mir ein glückliches Ende für Henni...

    ch war mir darüber im Klaren, dass die Schilderungen des Heimalltags nicht leicht verdaulich sein würden. Auf der anderen Seite habe ich mit vielen ehemaligen Heimkindern gesprochen und mir war es wichtig, nichts durch Auslassung zu beschönigen.

    Das ist schon gut so - Auslassungen und Schönfärberei bringt nichts. Es wird ja noch nicht so lange offen gelegt und diskutiert und auch von den Institutionen anerkannt, dass Erniedrigungen, Folter und systematische Grausamkeit eher die Regel denn die Ausnahme waren. Die Menschen, die diesen Institutionen ausgeliefert waren, leiden heute noch darunter.


    Was mich dabei extrem schockiert, ist die Tatsache, dass das alles noch nicht so ewig lange her ist. In einem Internetbericht stand, dass es 1970 eine Reform gab, die jedoch nicht wirkliche Verbesserungen brachte. Erst eine Reform ung 1990 brachte Veränderungen - das behauptet zumindest der Kinderpsychiater Ernst Berger. (Es geht auch um die Zustände in österreichischen Kinderheimen. Ich fürchte allerdings, dass die Situation in Deutschland nicht wesentlich besser war)

    Es ist unvorstellbar!


    Aber ganz ehrlich - ich habe noch nie ein Buch gelesen, bei dem ich mir so sehr ein Happy End (wobei mir klar ist, dass es das hier nicht so einfach geben kann) gewünscht habe!