Beiträge von Bernard

Leserunden.de wurde am 31.12.2018 eingestellt. Registrierungen und Antworten sind nicht mehr möglich. Der Betrieb geht im Bücherforum von Literaturschock weiter.
Leserunden.de positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.


    Eine negative Buchbesprechung bedeutet weniger Verkäufe - und welcher Autor wünscht sich das.


    Das ist etwas zu einfach gedacht, glaube ich.
    Jede öffentliche Besprechung ist erstmal eine Form von Öffentlichkeit. Negative Presse ist besser als keine Presse. Wenn Reich-Ranicki ein Buch zerreißt, schnellen die Verkaufszahlen in die Höhe. "Skandalbücher" leben davon, dass sie verrissen werden.


    Bei mir persönlich ist es inzwischen so, dass ich bevorzugt in Kinofilme gehe, die schlechte Kritiken bekommen - ich habe nämlich festgestellt, dass die mir in der Regel gut gefallen. Okay, da bin ich wohl ein Einzelfall ...

    Okay, dann mache ich mal den Anfang für diesen Leseabschnitt.


    Die schöne Sprache des Buches tröstet über Vieles hinweg, auch darüber, dass manche Ereignisse nicht direkt und unmittelbar beschrieben werden, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich gestehe, dass das einzige Ereignis der französischen Revolution, an das ich mich aus dem Geschichtsunterricht erinnere, der Sturm auf die Bastille ist. Deswegen hatte ich mich darauf gefreut, diesen nun hautnah aus der Perspektive der Figuren miterleben zu können. Das geschieht leider nicht, er wird nur im Rückblick behandelt.
    Auch auf einem von Céciles Botengängen wäre ich gern dabei gewesen, aber was sie dort im Detail macht und erlebt, wird nicht geschildert.


    Wir bekommen also nicht die Revolution selbst geboten, sonden eher den Schatten, den sie auf das Leben der Protagonisten wirft. Was aber auch sehr interessant ist.
    Für Manche macht die neue Ordnung das Leben leichter. Da es nicht mehr so wichtig ist, ob man dem Adel angehört oder nicht, können Sophie und Jules zusammenfinden. Für sie sind einige Schranken gefallen.
    Für Andere wird das Leben bedeutend schwieriger. Besonders gut gefallen hat mir der Einschub mit dem Pfarrer am Ende von Kapitel 17. Für den war vor der Revolution alles einfach - Gott und Staat, König und Papst waren anerkannt, wollten das gleiche, er hatte sich in seinem Leben und in seiner Rolle eingerichtet, war etabliert und anerkannt. Jetzt muss er sich entscheiden zwischen seiner Gemeinde und der Weltordnung, die er bislang vertreten hat - und droht an diesem Zerwürfnis zu brechen.
    Überhaupt halte ich die vielen unterschiedlichen Blickwinkel, die der Roman uns permanent bietet, für eine große Stärke.


    Jules und Cécile. Tja. Es hätte alles gut werden können, sie hätten einander finden, sich sozusagen nachträglich verlieben können.
    Haben sie aber nicht.
    Jules zeigt Konsequenz, er trennt sich von Vater, Familie, seinem ganzen bisherigen Leben. Er geht in ärmliche Verhältnisse, kümmert sich um verelendete Kinder - vielleicht, weil er selbst keine hat?
    Cécile sieht ihre adlige Welt bedroht und findet in Henri einen Verbündeten - wer hätte das gedacht? Wie erwähnt, hierüber hätte ich gern mehr erfahren - was hat es mit diesen Botengängen auf sich? Welche Abenteuer erlebt sie dabei?


    Sehr stark finde ich Kapitel 21, das letzte dieses Leseabschnitts. Hier wird die Brutalität der französischen Revolution deutlich - und auch Jules' Reaktion darauf ist interessant. Als die große Ordnungsmacht seines Lebens wegbricht, scheint er selbst eine ordnende Funktion einnehmen zu wollen. Jetzt akzeptiert er die Rollen, die er zuvor verleugnen wollte - als Sohn, als Ehemann. Das ist überraschend für mich gewesen und zugleich nachvollziehbar, wenn ich darüber nachdenke. Perfekt.


    Das ändert aber nichts daran, daß in dieser Situation Jules der Täter und Cécile das Opfer ist.


    Das ist vermutlich richtig. Den umgedrehten Zwang, dass also Cécile Jules körperlich gezwungen hat, fände ich auch etwas weit hergeholt. Obwohl das physisch möglich ist.
    Was mich nur stört, ist, dass ich für mich keine Antwort finde, was Jules hätte machen können, um nicht zum Täter zu werden. Zu einer moralischen Schuld gehört für mich immer, dass man eine Wahl hat und sich dann für, ich nehme jetzt mal die moralische Kategorie, das Böse entscheidet.
    Welche Wahl hatte nun Jules?
    Hätte er nicht getan, was Henri von ihm verlangte, wäre dieser Geheimhaftbefehl zum Tragen gekommen und er wäre ins Gefängnis geworfen worden. In ein 18.-Jahrhundert-Gefängnis, wohlgemerkt. Sicher, er hätte sagen können: "Ich rühre meine Frau nicht an, basta! Ich gehe ins Gefängnis!" - Das wäre zweifellos sehr edel gewesen. Ich denke aber nicht, dass man ein solches Verhalten verlangen kann. Es wäre außergewöhnlich gewesen, heroisch.
    ::)


    ... ganz ehrlich habe ich schon den Verdacht dass etwas passiert ist was für beide unschön war. ... Ich kann mir nicht so recht vorstellen das Jules vergewaltigt hat aber Geschlechtsverkehr der nicht gewollt ist ist auch in einer Ehe eine Vergewaltigung, selbst wenn beide beschlossen haben das es eben sein muss. Würde ich jetzt sagen.


    Ich finde diese Konstellation hoch interessant.
    Cécile wurde zum Geschlechtsverkehr gezwungen - aber könnte man das nicht auch von Jules sagen? Insofern wurden beide vergewaltigt - und zwar von Henri, auch, wenn der nicht im Raum anwesend war, als der Akt vollzogen wurde.


    Stimmt, Perspektivwechsel in der Form und Vielzahl sind tatsächlich eine Todsünde. Das weiß ich inzwischen.


    Ach, gäbe es doch mehr Bücher, in denen solche Todsünden begangen würden ... Seufz ...



    Was die Vorvergangenheit angeht, wirst Du u.U. Noch über weitere "Nachlässigkeiten" stolperten. Es ist nämlich tatsächlich so, dass im Lektorat die Tendenz dahin geht, diese Form zugunsten der leichteren Lesbarkeit abzuschwächen.


    Ich weiß genau, wovon Du schreibst. Und wer sind die Opfer dieser Lektorate? - Richtig, Leser wie ich. Wenn diese Lektoren in ihren Kämmerlein wüssten, wie ich leide - sie würden nie wieder mit ruhigem Gewissen einschlafen können ... ::)

    Sprachlich hat dieser Leseabschnitt ganz zu Beginn ein paar Anlaufschwierigkeiten, finde ich. Pierres Lippen werden "schmäler" statt "schmaler" und auch die von mir so geliebte Zeitform der Vorvergangenheit findet nicht die sorgfältige Beachtung, die ich mir wünsche.
    Aber das legt sich nach den ersten paar Seiten - danach gefällt mir der Stil wieder ausgesprochen gut.
    Ein besonderes Stilmittel scheint mir der "gleitende Perspektivwechsel" zu sein: Eine Szene wird zu Beginn aus Sicht einer bestimmten Figur beschrieben. Diese bemerkt dann eine andere Person und - schwupps - geht es aus Sicht dieser anderen Person weiter, man erfährt deren Gedanken und Wahrnehmungen. Das ist etwas, was vermutlich in allen Ratgebern zum "Kreativen Schreiben" als Kardinal-Todsünde gebrandmarkt wird, weil es Leser verwirrt. Die Autorin hat diese Ratgeber also vermutlich nie gelesen oder ignoriert sie souverän. Man könnte auch sagen: Sie traut dem Leser eine gewisse Intelligenz zu. Dafür gilt ihr mein herzlicher Dank. Ich genieße diese Passagen. Überhaupt ist dieses Buch stilistisch für mich wirklich ein grünes Tal.
    :herz:


    Ich glaube, noch einen Hinweis darauf gefunden zu haben, dass Jean-Marie der Vater von Sophie sein könnte, und zwar im 2. Kapitel:
    Über Langeweile hatte er sinniert ... und interessiert das sternförmige Muttermal oberhalb ihres rechten Ellenbogens betrachtet.
    Warum ist er interessiert an dem Muttermal? Vielleicht einfach nur der ungewöhnlichen Form wegen. Vielleicht aber auch, weil es ihn an jemand anderes erinnert - möglicher Weise an Sophies Mutter, von der sie dieses Mal geerbt haben könnte.


    Adrienne rückt in diesem Leseabschnitt in die Riege der Hauptfiguren vor, Cécile und Sophie ziehen sich etwas zurück.


    Die Handlung geht vorwärts, die Revolution ist im Anmarsch.
    Interessant sind hier für mich die unterschiedlichen Motive der Figuren:
    Es gibt natürlich die Armen, die nichts zu essen haben und deswegen einen Umsturz wollen. Aber mit so einer monokausalen Erklärung gibt sich die Autorin nicht zufrieden.
    Es gibt auch die Intellektuellen, die aus philosophischen Gründen einen Wechsel wollen - so wie Jules.
    Natürlich gibt es auch diejenigen, die einfach dabei sind, weil hier eine Menge los ist - so eine Revolution, das ist ein actionreiches Event, das will man nicht verpassen - Daniel.
    Mit Pierre begegnen wir jemandem, der ohne viel eigenes Zutun in die Ereignisse hineingezogen wird.
    Und dann sind da diejenigen, die einfach jung sind, bei denen der Sturm und Drang in den Hormonen steckt - dazu würde ich Adrienne und Cécile rechnen, auch wenn die beiden sich noch nicht eindeutig zur Revolution bekannt haben.


    Faszinierend ist für mich dabei besonders, dass auch Leute mitmachen, die vom materiellen Standpunkt her nur zu verlieren haben, wenn die bestehende Ordnung zerstört wird - das trifft vor allem die jungen Adligen, die auch die Mehrzahl der Protagonisten ausmachen.


    Ich würde gern noch mehr über diesen Palais Royal erfahren und warum er als Versammlungsort für die Aufständischen genutzt wird - vielleicht kommt dazu ja noch etwas in den folgenden Leseabschnitten.


    Naja, die Form, in der er wohl seine "ehelichen Rechte" geltend gemacht hat, spricht nicht gerade für Respekt, oder?


    Hm. Ich finde, wir kennen hier zu wenige Details.
    Sowohl Jules als auch Cécile fügen sich in ihre (von ihnen so gesehene, von Henri eingeforderte) Pflicht, für Erben zu sorgen. Das wird auch von Céciles Seite aus klar - im Dialog in der Hochzeitsnacht und auch in der Szene, in der Henri die beiden drängt.


    Alles, was wir über den Vollzug wissen, ist, dass das Modell des Heißluftballons zerstört ist. Wie es dazu kam, darüber können wir nur spekulieren. Möglich, dass es einen Kampf gegeben hat. Möglich aber auch, dass man sich beiderseitig ins Schicksal gefügt hat und Cécile selbst - aus Verzweiflung vielleicht - das Modell hinterher gegen die Wand geworfen hat.


    Jules' sonstiges Auftreten spricht meines Erachtens dagegen, dass er Cécile gewaltsam gezwungen hat.

    Ich überlege gerade, in welcher Verwandschaftsbeziehung die verschiedenen Figuren stehen, wenn meine beiden Theorien stimmen.


    Jean-Marie und Henri sind Halbbrüder.
    Jules ist Henris Sohn und damit Jean-Maries (Halb-)neffe.
    Wenn Sophie Jean-Maries Tochter ist (wie ich vermute), ist sie gleichzeitig (Halb-)cousine von Jules.


    Cécile ist die eheliche Tochter von Letrac.
    Wenn Pierre der uneheliche Sohn von Letrac ist (Vermutung), ist er damit Céciles Halbbruder.


    Das könnte noch für Verwicklungen sorgen, vor allem, weil Sophie ja nichts von ihrer leiblichen Verwandtschaft weiß.

    Sprachlich finde ich diesen Leseabschnitt zwar eine Nuance schwächer als den ersten, aber dennoch weit über dem Durchschnitt dessen, was ich sonst so lese. Sehr schön, dieses Buch, wirklich.



    Ich weiß noch nicht wirklich was ich von diesem Rückblick auf Pierres Leben halten soll.


    Der hat mir besonders gefallen. Erstens hat er meine Vorstellung von der sozialen Schichtung verbessert. An Aldawens Theorie von den homoerotischen Neigungen Lautrecs glaube ich nicht so recht. Pierre ist meines Erachtens ein Bastard, der mit anderen unehelichen Kindern seines adeligen Vaters in einer Erziehungsanstalt ausgebildet wird. Ab und an schneit der Vater (offiziell der "Förderer") herein und lässt sich die Zöglinge präsentieren.
    Zweitens gefällt mir dieses Kapitel deswegen sehr gut, weil es dramaturgisch perfekt platziert ist. In den meisten Büchern wäre dieser Einschub beim ersten Auftauchen Pierres gekommen, vermute ich. Als Leser wüsste man: aha, diese Figur wird besonders detailliert vorgestellt, also ist sie wichtig.
    Nicht so bei "Die Farbe der Revolution". Pierre wird zunächst wie jede gewöhnliche Nebenfigur eingeführt. Er taucht ab und zu auf und erst dann, als er auch für die Hauptfigur Sophie (und für mich als Leser) deutlicher unterscheidbar wird, aus der Masse heraustritt, erst dann liefert mir die Autorin Details. Da kann ich sie aber bereits in das Figurengeflecht positionieren, sie fallen nicht einfach nur vom Himmel.


    Außerdem interessant finde ich die Konstellation Jules/ Cécile. Cécile ist allerdings auch wegen eines Zufalls, der nicht direkt etwas mit dem Buch zu tun hat, besonders interessant für mich. Als ich heute nämlich vom Supermarkt nach hause kam, ist mir eine junge Dame entgegen gekommen, die genauso aussah, wie ich mir Cécile vorstelle. Zufälle gibt's ...
    Aber zurück zum Buch. Jules und Cécile sind zwangsverheiratet, ein Thema mit trauriger Aktualität in der heutigen Zeit. Beide reagieren unterschiedlich darauf. Jules folgt dem Motto: "Akzeptieren, was ich nicht ändern kann, und angehen, was ich beeinflussen kann." Er hat sich seine Braut nicht ausgesucht, aber jetzt bemüht er sich aufrichtig, aus dieser Ehe das Beste zu machen, vielleicht doch noch so etwas wie Liebe zu finden. Er lässt der Sache Zeit, versucht, seine Frau zu verstehen, die sympathischen Seiten an ihr zu entdecken. Vielleicht das Wichtigste: Er respektiert sie. Er erkennt, wie sehr das Interesse an der Wissenschaft ihr Wesen prägt und wird in dieser Angelegenheit zu ihrer Verbündeten. Vielleicht kann er so ihr Herz gewinnen?
    Cécile dagegen versucht zunächst, sich möglichst weit aus dieser Ehe herauszuhalten, möglichst wenig von sich preiszugeben. Auch das ist verständlich. Ich glaube nicht, dass man sie als außergewöhnlich gefühlskalt abstempeln kann. Sie lebt in einem Haus mit lauter Fremden und ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt und das zu einer Zeit, in der gerade Romane populär sind, die das Bild der Liebesheirat als der schönsten Sache der Welt propagieren. Zudem fühlt sie sich und vor allem ihre Träume abgelehnt. Da zieht sie sich halt zurück.
    Vielleicht wird ja dennoch etwas aus den beiden, trotz der Tragödie am Ende des ersten Teils. Jules jedenfalls scheint auf seine Art dazu entschlossen und Cécile nicht gänzlich abgeneigt.


    Sophie tritt demgegenüber für mich etwas in den Hintergrund. Sie ist eben auch irgendwie mit dabei. Aber das stört mich nicht.


    Jetzt ist der erste Teil vorbei, man darf wohl mit einem Sprung in der Handlung rechnen. Ich freue mich also auf Straßenkämpfe, Barrikaden und Guillotinen.


    Tja, die Mode ... Ich bin eigentlich kein Modefreak, aber für die Zeit hat Kleidung eine ganz besondere Bedeutung.


    Genau so habe ich es auch verstanden: Man ist als Leser sozusagen in der Zeit der Handlung, und einem wird vermittelt, was in diesem Umfeld eben wichtig ist. Das ist meines Erachtens auch ein Vorteil des Mediums "Buch" gegenüber "Film". Hier kann man die Dinge ganz anders betonen. Zum Beispiel, dass schwarze Strümpfe von eher armen Leuten getragen werden, die nicht so oft waschen können und sich auch nicht so häufig neue Strümpfe kaufen können. In einem Film müsste man einen vermutlich etwas künstlichen Dialog bemühen, um diese Information zu vermitteln.
    In "Die Farbe der Revolution" werden daher meines Erachtens die spezifischen Möglichkeiten eines Buches sehr gut genutzt - auch in anderer Hinsicht: Sinneseindrücke jenseits von Bild und Ton, nachgereichte Beschreibungen zu Figuren etc.
    Wirklich: es gefällt mir sehr gut.

    Donnerwetter, dieses Buch legt aber einen furiosen Start hin! Mord und Totschlag, Tragödien, Geheimnisse, da geht es wirklich Schlag auf Schlag!


    Besonders positiv fällt mir die Sprache auf. Endlich eine Autorin, die sich von den modernen 8-Wort-Stummelsätzen verabschiedet und die deutsche Sprache mit Eleganz zu verwenden weiß. Fast bin ich versucht, zu seufzen: "Dass ich das noch erleben darf ..."
    Zudem sind die Formulierungen korrekt, plastisch, präzise. Da stehen nicht einfach ein paar Bäume in der Kulisse, da gibt es "Zypressen, Kirschbäume, Feigen, Oliven und Mandeln". Wir bekommen Details geboten, die uns zugleich die Mentalität der Figuren enthüllen. Ich verstehe nicht die Bedeutung jedes Wortes, die Ausdrucksweise ist teils elitär, und wer in so vielen Spezialbegriffen für Kleidungsstücke denkt, für den muss Mode eine besondere Bedeutung haben. Auch die französischen Vokabeln kann ich meist nicht übersetzen, da ich diese Sprache nie gelernt habe, aber das ist auch gar nicht notwendig - sie erfüllen auch so ihren Zweck, denn sie schaffen Atmosphäre. Mir braucht Ihr also kein Glossar zu schicken.


    Unaufdringlich und doch kraftvoll werden die Charaktere eingeführt. Sie definieren sich über ihre Handlungen, über das, was sie tun, nicht durch endloses Gelaber. Der Advokat nimmt sich des Findelkindes an, Jules ist empfindsam und lässt mit sich geschehen, was eben geschehen soll, Sophie entwickelt sich zu einer kecken jungen Dame. Auch die Nebenfiguren wie Cécile sind sehr plastisch.
    Gerade bei Cécile und Henri gebe ich den Figuren den gleichen Bonus, den sie auch von HoldenCaulfield bekommen. Sicher wäre ihr Verhalten in der heutigen Zeit ... befremdlich. Aber sie sind in einer vollkommen anderen Gesellschaft aufgewachsen. Dort musste man als Adeliger klar machen, dass man die Zügel in der Hand hielt, manchmal auch brutal. Und dass Cécile nicht begeistert ist von einer Ehe, die sie nicht eingehen wollte und einem Schwiegervater, der ihr klar macht, dass er von persönlicher Entfaltung nichts hält, ist nachvollziehbar. Gut, sie hätte wirklich die Verbindungstür nehmen können, hätte ihren Mann nicht bloßstellen müssen.
    Aber: Sowohl Henri als auch Cécile handeln in Situationen extremer emotionaler Belastung. Deswegen haben sie bei mir "mildernde Umstände" - trotzdem natürlich der Hinweis an unsere jüngeren Leser: "Zu Hause nicht nachmachen" ;)


    Das gesellschaftliche Umfeld wird greifbar, direkt erfahrbar mit all den geschilderten Sinneseindrücken. Die Bauernkinder haben noch nicht einmal Hosen, ein Adliger darf einen Diener praktisch grundlos erschießen. Innerhalb des Adels trinkt man Schokolade aus Porzellantassen und man siezt sich auch im engsten Familienkreis. So wird eine sehr dichte Stimmung ohne belehrende Passagen aufgebaut.
    Aus Nebendialogen wird bereits klar, dass die Revolution in der Luft liegt. Die Zeit scheint reif.


    Die Figuren sind plastisch, ihr Schicksal interessiert mich. Wer ist der "er" im Prolog? Ich tippe ja auch auf Jean-Marie. Er könnte tatsächlich Sophies leiblicher Vater sein. Sein Eintreffen stimmt mit dem Auffinden des Kindes überein, zudem stellt Jean-Marie am Ende von Kapitel 5 überrascht fest, dass Sophie "ihr" ähnlich geworden ist. Aldawen: Allerdings glaube ich nicht, dass er die Dirne im Prolog bewusst umgebracht hat - es war vielleicht eher ein Unglück, ein Missgeschick im Affekt.


    Kaum zu glauben, dass dieses Buch, wie der Klappentext verrät, ein Erstlingswerk ist. Wenn die Autorin solch ein Talent hat, wie dieser Leseabschnitt offenbart - wieso ist sie dann nicht früher damit herausgekommen? Fast schon eine Zumutung, uns Leser so lange warten zu lassen. ;)



    PS:


    Und noch ganz etwas anderes: Nachdem ich gerade noch mal darüber gestolpert bin, daß Bernard sich auch für diese Leserunde angemeldet hat, und ich vor ein paar Tagen die Leserunde zu Reptilia nachgelesen habe, warte ich ja nur auf eine Neuauflage über den Gebrauch der Vorvergangenheit. Ich habe zwar nicht durchgehend darauf geachtet, aber bei Jules' Erinnerung an den letzten Tag mit seiner Mutter stand mir das sofort wieder vor Augen ;D


    Nur für Dich, Aldawen:
    Im Gegensatz zu anderen Werken haben wir hier ein Buch, in dem die von mir tatsächlich sehr geschätzte Vorvergangenheit wundervoll angewendet wird und ihre sprachliche Ästhetik entfaltet. Nur ein einziges Mal hat mich ein Fehler angesprungen - Hardcoverausgabe S. 18: "Ja, er hatte die Ankunft der Familie Montfort beobachtet, so wie alle anderen auch, die am Wegesrand innegehalten hatten, als sich die Kutschen in einer Wolke aus Staub näherten (genähert hatten)." Bei dem häufigen Gebrauch dieser vielfach verleumdeten Zeitform in diesem Leseabschnitt ist das eine tolle Leistung der Autorin.
    Sie hat ihr Handwerk nicht nur gelernt. Sie hat es zur Kunst erhoben.


    So. Und jetzt hoffe ich, dass es so bleibt. :lesen:

    Ich lese ab und an gern Heroic Fantasy. Von einem ihrer führenden Vertreter wurde diese Stilrichtung, auch als "Sword and Sorcery" bekannt, mit den Worten beschrieben: "Alle Frauen sind schön, alle Männer sind stark."
    Solche Klischees, die einen Rahmen aufspannen, mag ich, weil sie mir garantieren, dass eine Geschichte eine Grundstimmung aufweist, die ich haben möchte, wenn ich zu diesem speziellen Buch greife. Das ist bei mir vermutlich so ähnlich wie das, was Maren beschrieben hat.
    Was ich nicht mag, ist, wenn eine Geschichte so klischeebelastet ist, dass sie keine Überraschungen mehr bereit hält und ich nach Seite 10 voraussagen kann, was auf der letzten Seite stehen wird.

    Das ist schon richtig.


    Ich versuche nur, das für mich nachzuvollziehen.
    Ich stelle mir einen Menschen vor, den ich sehr mag.
    Jetzt stelle ich mir vor, ich bekomme die Nachricht, dass dieser Mensch vier andere Menschen umgebracht hat. Nebenbei: das hat durchaus einen traurigen aktuellen Bezug - wenn ein Schüler, wie kürzlich geschehen, in einer Schule Amok läuft und die Eltern davon erfahren: "Was, mein Sohn hat das getan???"


    Wie reagiere ich darauf?
    "Entsetzt", vermute ich, zumindest aber "verstört". Wahrscheinlich mag ich den Menschen immer noch, aber diese Nachricht würde mich schockieren. Ich würde sie vielleicht nicht einordnen können, etc.


    David reagiert nun ganz anders. Er geht über den Mord einfach hinweg, ignoriert ihn. Auch das ist für mich noch okay - manche Romanfiguren reagieren halt ungewöhnlich.


    Wenn aber gleich vier oder fünf Romanfiguren so reagieren und keine da ist, die eine (in meinen Augen) normale Reaktion zeigt, dann wird für mich die Romanhandlung unverständlich.


    Zusammengefasst: in diesem Aspekt ist der Roman für mich vom psychologischen Aspekt her nicht nachvollziehbar.


    Ohne den umliegenden Text zu kennen, kann folgender Satz auch absolut korrekt sein: "Egomos scharfe Augen und Maloneys geübter Umgang mit dem Speer hatten einander gut ergänzt: Nach einiger Zeit kamen sie mit dem Wels zurück, der gut und gern 1,20 Meter maß".


    Genau das ist ja der Punkt: Der Satz ergibt durchaus einen Sinn - nur eben nicht den, den er in der Geschichte haben soll. Dort ist nämlich die "Erzählgegenwart" die, dass der Fisch bereits zubereitet ist. Wenn man den Satz allein liest, gibt dieser aber die Information, die "Erzählgegenwart" wäre der Zeitpunkt, an dem die Jäger mit dem Fisch an Land kommen. Ein Widerspruch.


    Bei Texten mit einem Ich-Erzähler tritt das "Problem"(?) mit der Vorvergangenheit naturgemäß recht häufig auf, nämlich praktisch immer dann, wenn der Ich-Erzähler sich an etwas erinnert. Oft wird dann die ja auch von Dir vorgeschlagene optische Trennung der Zeitebenen vollzogen - meist nicht nur mit einem Absatz, sondern sogar mit einem kompletten (Unter-)kapitel.



    Deswegen werden längere Passagen für gewöhnlich nicht in der Vorvergangenheit geschrieben, sondern zum Beispiel von einem Charakter erzählend/erinnernd dargestellt, wodurch das im Präterium/Perfekt geschehen kann.
    Tatsächlich ist es so deutlich besser lesbar, und wird von der überwiegend Zahl der Leser als die bessere Konstruktion geschätzt.


    Diese Aussage habe ich in der Tat schon häufig gehört. Allerdings habe ich bislang noch keine Quelle gefunden, die sie belegt. Gibt es öffentlich zugängliche Statistiken dazu, dass die Vorvergangenheit unbeliebt ist?


    es würde mir auch den Spaß am Lesen verderben, ständig nach zeitlich korrekten Formen und Formulierungen zu suchen


    Mir auch. Deswegen suche ich auch nicht danach - diese haben mich "angesprungen".
    Es gibt Leute, die kriegen beinahe Zahnschmerzen, wenn sie in einem Musikstück schiefe Töne hören, die ich gar nicht wahrnehme. Das bedeutet nicht, dass sie bewusst danach suchen würden - nur, dass ihnen eben solche Sachen auffallen.


    Ich hatte das ja auch als Frage formuliert:

    Zitat


    Dabei haben wir doch im Deutschen so eine schöne Vorvergangenheit! Bin ich denn der einzige Leser, der die schätzt?


    Für Dich würde die Antwort auf diese Frage wohl "ja" lauten - für Dich beeinträchtigt diese Handhabung der Zeitformen, wie sie in "Reptilia" vorgenommen wird, den Lesegenuss nicht. Das ist eine gute Nachricht für Dich und eine schlechte für mich, weil eben die große Masse der aktuellen deutschsprachigen Bücher ähnlich verfährt.


    wenn ich vom Selben Titel eine schönere Ausgabe sehe kauf ich mir lieber diese.


    So geht's mir auch. Oft ist das Cover für mich auch der erste Blickfang, der mich überhaupt dazu bringt, ein Buch in die Hand zu nehmen und zu prüfen, ob es etwas für mich wäre.


    Die Lesehaltung beeinflusst ein Cover bei mir insofern, als es mir die "Startstimmung" vermittelt, mit der ich in das Buch gehe. Sozusagen den ersten Grundton.
    Wenn der Schreibstil des Autors stark genug ist, überdeckt er das aber bereits auf den ersten paar Seiten.