Beiträge von Klusi

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    Auch ich bedanke mich bei allen Beteiligten für diese wunderbare Leserunde, die den Genuss an diesem Roman nochmal erhöht hat! Liebe Nicole, dir danke ich besonders für deine Geduld mit unseren Fragen und für die interessanten Ergänzungen, die du mit uns geteilt hast. :winken: :danke:


    Hier nun meine Rezension:


    Der englische Botaniker, von dem dieser Roman handelt, ist kein geringerer als Robert Fortune, der 1843, im Auftrag der Royal Horticultural Society, China bereiste, um seltene Pflanzen, insbesondere wundervolle Päonien und den kostbaren Tee, nach Europa zu bringen.
    In England lässt er seine Frau Jane und zwei Kinder zurück, als er zu diesem großen Abenteuer aufbricht.
    Anfangs hat Robert Fortune große Schwierigkeiten, sich in diesem fernen Land zurecht zu finden und die Mentalität der Menschen zu verstehen, die so ganz anders ist als in seiner Heimat. Bald lernt er das Schwertmädchen Lian kennen und ist fasziniert von dieser geheimnisvollen jungen Frau, die ihm das Leben rettet. In Gesprächen nähern sie sich an, und Fortune erhält durch Lian ein völlig neues Verständnis von China vermittelt. Durch sie beginnt er, die Menschen dieses Landes und ihre Einstellung besser zu verstehen. Aber auch Lian gewinnt, durch die Gesellschaft des ernsten, sanftmütigen Botanikers, unerwartet ganz neue Erkenntnisse über die westlichen „Barbaren“.
    Beide profitieren von der Gesellschaft des jeweils anderen; Lian und Fortune scheinen mit einem unsichtbaren, starken Band verbunden. Hoch oben in den Bergen, wo der beste Tee wächst, öffnen sie sich gegenseitig ihre Seele und ihr Herz.


    Der Roman ist vor einem realen Hintergrund erschaffen, denn Robert Fortune und seine Frau Jane haben tatsächlich gelebt. Der schottische Gärtner und Pflanzenforscher unternahm einige Reisen in das Reich der Mitte, und wir haben ihm viele wundervolle Pflanzen zu verdanken, die für uns heute selbstverständlich sind, die aber erst der Forschungsreisende aus China mitgebracht hat. Durch Fortunes Schmuggel von Teepflanzen nach Indien verlor China damals sein Monopol, und wir können heute die Tees aus einer Vielfalt von Anbaugebieten verschiedener Länder genießen.
    Lian dagegen ist ein fiktiver Charakter, eine starke junge Frau, die zugleich etwas Ätherisches, Geheimnisvolles an sich hat. Zeitweise schließt sie sich der kleinen Reisegesellschaft um Robert Fortune an, um dazwischen immer wieder ohne Abschied zu verschwinden. Auch bei Fortunes sonstigen Erlebnissen hat die Autorin ihrer Phantasie freien Lauf gelassen. Aus einer gelungenen Mischung von wahren und fiktiven Elementen ist ein wundervoller Roman entstanden, den ich mit großem Genuss gelesen habe.


    Es ist eine eher ruhige und zugleich eindrucksvolle Geschichte, passend zu der immer ein wenig unergründlichen Atmosphäre, die das Land für seine Besucher bereit hält und auch zu Fortunes Charakter. Der Forscher erscheint zeitweise in sich gekehrt und lebt in seiner eigenen Welt - der Welt der Pflanzen. Ihre Gesellschaft ist ihm meist genug, bis er Lian kennenlernt. Sie ist eine Kämpferin für Gerechtigkeit, die sich für die Hilflosen und Benachteiligten einsetzt. Wie sich die Protagonisten erst zaghaft und langsam annähern, ist wundervoll in Worte gefasst. Nicole C. Vosseler erzählt hier eine bittersüße Liebesgeschichte, die zu Herzen geht und zum Träumen einlädt. Aber das ist nur die eine Seite des Romans, denn da ist nicht nur der einsame Mann, weit entfernt von seiner Familie, der sich von Lians Ausstrahlung fesseln lässt, sonder da gibt es ja auch noch die andre Seite, Robert Fortune, den Biologen und Forscher. Im Roman haben wir Leser die Gelegenheit, einiges über seine Arbeit zu erfahren. Es fallen viele lateinische Bezeichnungen zur Flora des Landes, doch die traumhaften Blüten, die dahinter stehen, werden in so poetischer Weise beschrieben, dass man automatisch ins Schwärmen gerät, zumindest wenn man sich, so wie ich, gerne ein wenig näher mit dem interessanten Thema Botanik befasst.
    Neben Robert Fortune kommen auch immer wieder die beiden starken Frauen zu Wort, die im wahren und im fiktiven Leben des Protagonisten eine wichtige Rolle spielen. Da ist einmal Jane, seine Ehefrau, die mit den gemeinsamen Kindern in England zurück bleibt und auf seine Rückkehr wartet, die nach und nach aber auch eigene Wege beschreitet, an der Zeit des Alleinseins wächst, erstarkt und für sich das Beste daraus macht.
    Und dann ist da das geheimnisvolle Schwertmädchen, einerseits stark und mutig, aber auch mit geheimen Träumen und Wünschen - Lian, die sich Fortune auch von ihrer schwachen, verletzlichen Seite zeigt und ihm eine völlig neue Welt und eine andere Sichtweise eröffnet.


    „Der englische Botaniker“ ist ein vielschichtiger Roman, der mich in mehrfacher Hinsicht begeistern konnte. Einerseits zeigen Teile der Handlung sehr realistisch die besondere Situation in China auf, die zur damaligen Zeit herrschte. So manches, was hier beschrieben ist, bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück, beispielsweise wenn man über die Ausmaße und Ursachen des Opiumhandels erfährt oder von der erschütternden Tradition der Lotosfüße liest. Auch meinem Wissensdurst wurde Rechnung getragen, denn ich habe sehr viel Neues erfahren und gestaunt, welche Pflanzen, die uns heute so vertraut sind, wir Robert Fortune verdanken, diesem ruhigen, sachlichen Wissenschaftler, der eine Vielfalt pflanzlicher Schönheiten im fernen Osten gefunden und nach Europa gebracht hat. Besonders hat mich auch die Geschichte des Tees fasziniert, über die man im Roman so einiges erfährt.
    Es ist eine Geschichte, die alle Sinne anspricht und zum Träumen einlädt. Der Schreibstil ist sprachgewaltig und von zarter Poesie, einfach wunderschön. Mich haben die traumhaften Schilderungen des Landes, der Menschen und der Flora gefangen genommen und die teils symbolhaften Darstellungen zum Nachdenken gebracht. Manches hat die Autorin bewusst offen gelassen, damit man als Leser die Geschichte weiterspinnen kann. Immer, wenn ich nun eine der im Buch erwähnten Pflanzen sehe oder eine Tasse chinesischen Tee genieße, werde ich wieder an diesen wundervollen Roman erinnert und lasse meine Gedanken zu den Protagonisten schweifen.
    :buchtipp::lesen: :lesen: :lesen: :lesen: :lesen:


    Meine Rezension habe ich außerdem noch auf folgenden Seiten gepostet:
    Mein Blog
    Lovelybooks
    Lesejury
    Amazon
    Literaturschock (Link trage ich nach Freischaltung ein)
    Weltbild (kann ich leider nicht verlinken)


    Zwar finde ich es richtig, dass Robert zurück zu seiner Familie geht, aber das zweite Jahr in China, war er für mich gar nicht mehr der Robert Fortune, sondern ein anderer Mann, mit einem anderen Leben.



    Aber natürlich wäre Jane nicht Jane, wenn sie sich von diesem von Männern aufgestellten Dogma, beeindrucken ließe. Und so erlaubt sie sich immer weitere Gedankengänge und merkt auch bald, dass sie mit ihrer Ansicht nicht alleine da steht.
    Jane ist für mich in diesen zwei Jahren zur eigenständigen Frau geworden, die gemerkt hat, dass sie keinen Mann zum Überleben braucht ! und genau deshalb ist sie für mich mein Charakterhighlight ! Wenn Frau das begriffen hat, dann haut sie so leicht nichts mehr um. Wieviele Frauen gibt es heute noch da draussen, die ohne Mann nicht zurechtkommen würden ??? Und das im 21. Jahrhundert ...


    Die Eheleute Fortune, die schon zwei Kinder zusammen haben und sicher der Meinung waren, es könne sie nichts mehr überraschen, und dann plötzlich sind sie lange Zeit getrennt und leben in völlig unterschiedlichen Welten. Ich stelle mir gerade Roberts Heimkehr vor, die Gespräche der beiden, die zaghafte Annäherung an den jeweils anderen Menschen, von dem man meinte, ihn so gut gekannt zu haben. Sicher werden sie nicht über alles sprechen, was sie getrennt erlebt haben. Beide haben ihre Geheimnisse, und doch wird es viel Gesprächsstoff geben, der sie hoffentlich wieder zueinander führt.



    Dass das "Tränende Herz" ursprünglich aus China kommt wusste ich nicht. Wenn man sich die Pflanze betrachtet und dann den Namen dazu sieht, kann es aber nirgendwo anders herkommen.


    Für mich war das immer eine typische Pflanze, die in heimischen Bauerngärten zu finden sind. Dass sie aus China kommt, hätte ich auch nie und nimmer gedacht.

    (später mehr, ich will noch in den Garten, habe ich vorher schon die Pfingstrosen geliebt, so werde ich sie nie wieder betrachten können, ohne an Lian, Jane, Wang und Robert Fortune zu denken..mit einem Schmunzeln..)
    :bussi:


    So geht es mir auch. Ich liebe Pfingsrosen schon immer, und mein Vater hatte früher eine kleine Sammlung dieser wundervollen Pflanzen in seinem Garten, aber nun sind die Päonien unweigerlich mit Erinnerungen an diesen wundervollen Roman verbunden.

    Was für ein ereignisreicher, gefühlvoller und wunderschöner Abschluss! Ich muss erst einmal Ordnung in meine Gedanken bringen, denn da geht es momentan noch ein wenig durcheinander, besonders was Lian angeht.


    Dieses vage Gefühl teile ich - und dann sage ich mir, dass das nicht sein kann. Als Lian völlig entkräftet vor dem Kloster gefunden wird und man sich liebevoll ihrer annimmt, war das so real geschildert, dass meine Befürchtungen wieder zerstreut wurden. Und auch die Schwangerschaft ist real!
    Dennoch fordert sie den bereits weit entfernten Fortune an, sie zu finden, sie, die sich seinetwillen, seines inneren Zwiespaltes willen von ihm getrennt hat....
    Das ist so wie ein "finde mich in der anderen Welt"....

    Ich brauche diese Vorstellung nicht unbedingt, denn ich finde, zumindest für Lian ist es ja mit der Schwangerschaft schon tröstlich ausgeklungen. Für mich war es von Anfang an eine "unmögliche" Liebe, die vielleicht auch durch diese Unmöglichkeit so intensiv war. Und auch wenn Robert immer dieses Sehnen in sich haben wird, so denke ich doch, dass er in seiner erfolgreichen Arbeit ein eigenes Glück gefunden hat. Und hoffentlich auch in der Partnerschaft zu Jane.


    Hier bin ich mir noch nicht ganz schlüssig, wie ich es interpretieren soll. Einerseits hat mich auch eine leise Befürchtung beschlichen, das könnte für Lian das "irdische Ende" darstellen, aber andererseits gibt es da Bilder der Hoffnung in meinem Kopf, dass die Verbindung mit einem gemeinsamen Kind ihre Krönung erfahren hat. Lians Wunsch, Fortune möge sie in diesem besonderen Kloster finden, kommt aus ihrem Herzen, und zugleich weiß sie, dass dies womöglich nie der Fall sein wird, dass dies ein Abschied für immer war, denn Fortune hat gewissermaßen zwei Leben: das eine, relativ kurze Leben, das er mit ihr verbracht hat, das ihn aber auch völlig aus seiner Vergangenheit gerissen hat und auf der anderen Seite das Leben mit Jane und seinen Kindern, zu dem er nun zurück kehrt. Vermutlich wird die Annäherung an seine "alte" Familie nicht leicht, denn nicht nur Fortune hat eine gewaltige Entwicklung durchlebt, auch Jane hat sich sehr verändert. Die Abwesenheit ihres Ehemannes, die Tatsache, dass sie für sich und die Kinder allein sorgen musste und der Umstand, dass sie eine Tätigkeit gefunden hat, die ihr Befriedigung gibt und zugleich wieder neue Fragen aufwirft, die das Verhältnis zwischen Mann und Frau betreffen, das alles hat sie noch stärker gemacht. Selbst wenn die beiden in ihrer Ehe wieder zueinander finden und sich miteinander arrangieren und neu kennenlernen, so wird Robert Liam nie vergessen, und ein Teil seines Herzens wird auf ewig bei ihr in China sein.




    Von der Praxis des Füßebindens hatte ich schon häufiger gehört oder gelesen und bin immer wieder entsetzt und erstaunt, was der Mensch so alles schön finden kann. Es gibt ja das Zitat "Schönheit entsteht in den Augen des Betrachters", und daran ist viel Wahres. Schönheitsempfinden hat irgendwie auch immer etwas mit Gewohnheit zu tun, und es hat schon immer und überall Schönheitsideale gegeben, die man in anderen Kulturen kaum nachvollziehen kann. Ich denke da nur an Kulturen, bei denen ein langer Hals als schön empfunden wird und die Frauen immer mehr Metallreifen umgelegt bekommen, um den Hals länger zu dehnen oder die Sitte, die Unterlippe riesig auszudehnen, um nur mal zwei weitere Beispiele zu nennen. Das ist oft schon so fest in der Kultur verwurzelt, dass es sich nicht so einfach abschaffen lässt, weil die Menschen seit Generationen mit diesen Bräuchen aufwachsen und es für sie dazu gehört, sie das Gewohnte als schön empfinden.

    Das Problem bei einem Besuch im Botanischen Garten ist ja, dass nicht IMMER ALLES blüht. Also wenn Du zwischen Juli und April in Jena zu Besuch bist könnte es schon sein, dass DU NIE eine Pfingstrose zu Gesicht bekommst. ;) Bei uns in Bayern gibt es ganze Felder, auf denen Du sie Dir sogar selber schneiden darfst.


    Es blühen ja auch nicht alle Sorten gleichzeitig. Zwar sagt der deutsche Name "Pfingstrose" schon etwas über die Blütezeit aus, aber da Pfingsten in jedem Jahr etwas anders fällt, ist das auch nur ein vager Anhaltspunkt. Ich war heuer bisher zwei mal in unserem Botanischen Garten, einmal zwei Wochen vor Pfingsten und dann am Pfingstmontag wieder, und es blühten immer Pfingstrosen, aber jedesmal andere Sorten. Die Vielfalt ist wirklich faszinierend.

    An diesem Abschnitt hat mir besonders gut gefallen, dass längere Abschnitte um Jane dabei waren. Man lernt Fortunes Frau näher kennen, mit all ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten. Sie verharrt nicht mehr ständig in der Warteposition, sondern beginnt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie tut etwas, und das lässt sie die lange Zeit ohne ihren Mann etwas leichter ertragen, so zumindest mein Eindruck.
    Auch Lian begleiten wir auf ihrer Reise, während der sie so einiges erlebt, sich dabei aber auch über ihre Gefühle klar werden kann. Ich denke, sie braucht diese "Auszeit" von Fortune.


    Wang lernen wir hier von einer ganz anderen Seite kennen. Ich denke, das hier ist der echte Wang. Anfangs, in den ersten Kapiteln, trug er wohl eine imaginäre Maske, extra für die westlichen Barbaren.



    So unendlich faszinierend ist diese Geschichte - wie eine eigene Zauberwelt und ich genieße jedes Wort, jedes Bild, jeden Gedanken. Es ist ja noch zu früh für ein Fazit, aber ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit etwas Vergleichbares gelesen zu haben - sowohl inhaltlich, als auch sprachlich und psychologisch - dabei wirken die Sätze so schwerelos und luftig wie ein frischer Windhauch angereichert mit dem Duft von Wildblüten....ich gerate ins Schwärmen :)


    Du hast wieder einmal die richtigen Worte gefunden, um den Roman zu beschreiben, liebe Emmy. Ich empfinde diesen besonderen Zauber auch, den die Geschichte ausstrahlt.


    Besonders liebenswert ist der alte Vater Wang - er verkörpert diese besondere asiatische Weisheit und Gelassenheit, ist gebildet und frei von Vorurteilen. Es ist eine erfüllte, friedliche Zeit für Fortune, in der er viel sieht und lernt von dem "alten" stolzen China.


    Den alten Wang sehe ich direkt vor mir. Er war mir auch auf Anhieb sympathisch, und die Art, wie er mit einem Fremden wie Fortune umgeht, zeugt von seiner Klugheit und Liebenswürdigkeit.



    Eine schwierige Zeit ist es hingegen für Lian - in Honkong muss sie sich gegen einen Mann wehren, der sie vergewaltigen will und sie macht die Bekannschaft von drei religiösen Fanatikern, die sie für ihre kruden Ideen gewinnen wollen. Zum Glück ist sie klug genug,die schmeichlerischen, manipulativen Argumente für die "einzig wahre, gute Sache" zu durchschauen. Warum nur muss immer das "Paradies" für die einen die Hölle für alle anderen bedeuten? Das trifft im Grunde auf jede fanatische Ideologie zu, die für sich in Anspruch nimmt, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein.


    Dass es in China eine derart "verfälschte" religiöse Bewegung gab, wusste ich bisher auch noch nicht. Da haben die Rebellen auch gleich einen zweiten Gottessohn erfunden, unglaublich!

    * Was ich noch erwähnen wollte: Das Kloster der Alten Haine und Jungen Bäume ist das Shaolin-Kloster.
    Ich wollte es im Roman nicht so nennen, weil der Begriff meinem Empfinden nach schon ein bisschen abgenutzt ist und auch andere Assoziationen weckt. "Alte Haine" und "Junge Bäume" ist jeweils eine überlieferte Herkunft des Namens. Und wenn man den Legenden wie denen von Ng Mui glauben darf, gab es tatsächlich einmal eine Zeit, in der Jungen wie Mädchen dort lebten und ausgebildet wurden.


    Das ist ja interessant, vermutlich hat die super leckere Teemischung "Acht Schätze des Shaolin" ihren Namen daher.

    Diese hohe Stellung des Tees scheint sich ja bis weit ins 20. Jahrhundert gehalten zu haben. Ich habe mal ein wenig in einem Teebuch von 1989 gestöbert und einen Abschnitt gefunden, dass es auch zu dieser Zeit wohl noch einige geheime Teegärten gab, die selbst den Einheimischen zum Teil nicht bekannt waren und die Tag und Nacht schwer bewacht wurden. Diese Tees kamen nicht in den Export, sondern waren den höher gestellten Persönlichkeiten der VR China vorbehalten.
    Wenn das vor einigen Jahrzehnten immer noch so war, wundert es nicht, dass Fortune in China völlig neue und andere Tees gesehen und getrunken hat als in seiner Heimat.


    Den Heu-Charakter bekommt man sicherlich - je nach Sorte-, wenn er zu lange zieht und ich habe festgestellt, dass es auch ein bisserl an der Trink-Temperatur liegen kann. Kalt schmeckt mir grüner Tee gar nicht mehr. :) Und es gibt natürlich solche und solche Sorten. Ich mag auch nicht alle gleich gerne.


    Es gibt ja so viele verschiedene Grüntees, dass es sich wirklich lohnt ein wenig herum zu probieren. Bitter werden vor allem die einfachen Sorten, die meist aus älteren Blättern hergestellt sind. Hier ist es wirklich sinnvoll, den ersten Aufguss wegzugießen. Je feiner der Tee, umso lieblicher schmeckt er.
    Wenn normal aufgegossener Grüntee kalt wird, schmeckt er mir auch nicht so gut, aber ich habe eine Sorte, die ist speziell dafür gedacht, den Tee kalt aufzugießen, das ist mein Sommerfavorit.

    Das war mit der Reiz daran, die Geschichte auch aus Janes Perspektive zu erzählen. Auf der einen Seite Fortune, der in China all diese Merkwürdigkeiten sieht und Abenteuer erlebt. Auf der anderen Seite Jane in ihrer kleinen überschaubaren Welt und wie sie mit seiner Abwesenheit umgeht - und jetzt auch damit, dass er nicht nach dem geplanten Jahr nach Hause kommt.



    Mir war das sehr wichtig, dass Lian nicht der Prototyp der schwertkämpfenden Jungfrau ist, die erst wachgeküsst werden muss. Sondern eine Frau, die schon einmal mit Leib und Seele geliebt hat und mit dem Verlust dieser Liebe umgehen musste.


    Das finde ich gut an ihr, dass sie schon eine bewegte Vergangenheit hat, denn dieser Punkt macht sie so authentisch.


    Zu Lian und Fortune:
    Das stimmt, beide haben sich da schon einige Zeit etwas vorgemacht. Dann ist der Moment da, in dem sie die Augen aufmachen und hinschauen müssen - und damit kommen beide natürlich in Konflikte.


    Ja, irgendwie sind die beiden umeinander herumgeschlichen wie die Katze um den heißen Brei. Vermutlich wussten sie beide, dass ihnen die Wahrheit nicht gefällt und haben deshalb geschwiegen. Im Hinterkopf war Lian vermutlich schon vorher klar, dass Fortune nicht ungebunden ist. Und Fortune wiederum geht die Sache mit Lians großer Liebe nicht aus dem Kopf.
    Liebe, Zuneigung und Offenheit machen verletzlich.



    Und Wang gehört zu der Mischung aus Haupt- und Nebencharakter, die ich in fast allen meinen Büchern habe. Im Gegensatz zu den eigentlichen Protagonisten habe ich mit ihnen kaum Arbeit: da wird keine Biografie angelegt, keine Charakterskizze entworfen und durchdacht - und trotzdem kommen sie so rund und lebendig und "eigen" daher, dass ich sie nur noch zu schreiben brauche und mich einfach daran freuen kann.


    Wang hat für mich in diesem Abschnitt ganz neue Facetten dazu gewonnen. Ihn als Nebencharakter abzutun, würde ihm nicht gerecht.

    In diesem Abschnitt ist so viel passiert, dass ich momentan gar nicht weiß, was ich zuerst ansprechen soll. Ich musste am Wochenende gezwungenermaßen mit dem Lesen pausieren, hatte aber bei dieser Geschichte keine Mühe, wieder einzusteigen. Ich weiß nicht, ob es euch auch manchmal so geht, wenn ihr ein paar Tage nicht zum Lesen gekommen seid, dass ihr euch oftmals schwer tut, den Anschluss in der Handlung wieder zu finden. Deshalb ist es mir wichtig, dies ausdrücklich zu erwähnen, dass es hier nicht so war, sondern eher, als hätte ich das Buch gerade mal eine Stunde zur Seite gelegt.


    Der Aufenthalt unserses "Trios" im Kloster hat allen Beteiligten gut getan bzw. etwas bei jedem von ihnen bewirkt. Sie gehen viel offener miteinander um, sind vertrauter geworden, und doch gibt es wiederum Dinge, die sie voreinander verbergen, womit ich besonders Liams Manipulation des Behälters mit den Teepflanzen meine.



    Was ich in diesem Fall von den Mönchen halten soll, weiß ich nicht so recht, denn irgendwie passt es nicht zusammen, dass diese gastfreundlichen, sanftmütigen Menschen, die Fortune für die Vertreibung der Wildschweine dankbar waren, andererseits so gerissen vorgehen und nicht nur so einen wichtigen Schatz des Landes opfern, sondern ja auch Fortune in Gefahr bringen. Oder war es ihnen letztendlich egal, was mit dem Barbaren aus dem Westen geschieht?


    Das England so perfide war, ein ganzes Land duch Opium lahmzulegen, ist fast genauso grausam, wie unglaublich. Sie wussten doch um die Gefahren Bescheid, in ihrer Heimat war es längst verboten.
    Kein Wunder, dass sie Fremde Teufel genannt wurden, Seelenräuber im großen Stil.
    "Diese ausgemergelten, geisterhaften Gestalten, in deren Augen keine Seele mehr war.."


    Das finde ich ja auch unglaublich, was sich die Engländer da leisteten. Menschenwürde und die Rechte anderer Völker waren ihnen vermutlich egal.

    Ich mag weißen Tee auch nicht. Nach einer sehr intensiven Rooibos-Phase bin ich jetzt bei fruchtig aromatisertem Grüntee und bei Kräutertee angekommen ...


    Obwohl ich bevorzugt grünen Tee trinke, kann ich einigen Sorten des weißen Tees auch etwas abgewinnen. Es gibt ja auch gelben Tee, den habe ich bisher aber nur in einer Mischung probiert, und ich habe gehört, der soll schon sehr gewöhnungsbedürftig sein. Überhaupt gibt es in China so einige Sorten, an die sich der westliche Gaumen nur schwer gewöhnt, beispielsweise der Pu Erh, der schmeckt für mich wie aufgebrühte Erde. :boahnee:


    Liebe Nicole, Du musst Dich doch nicht entschuldigen. Lieber warten wir ein bisserl, denn Deine Erklärungen und Anmerkungen sind so umfangreich und spannend, das ist ein wahres Highlight dieser Leserunde. Wir wollen sowieso nicht durch das Buch hetzen sondern es mit Dir genießen. Und dass es uns gefällt, siehst Du auch daran, dass wir so viel schreiben, dass Du Ärmste gar nicht so schnell durchkommst. Alles gut. :-*


    Das sehe ich auch so, und uns drängt ja nichts. Ich lese den Roman mit Bedacht und in aller Ruhe und lasse die wundervollen Beschreibungen so richtig auf mich wirken.


    Fast vergessen ...



    Du hast das sehr schön erklärt, liebe Emmy.
    In der Praxis war es nur leider so, dass auf den Schiffen niemand die Garantie übernahm, dass ein solches Wardian Case (es gibt tatsächlich kein deutsches Wort dafür) immer genug Licht bekam und auch heil an sein Ziel gelangte; an Bord hatte man anderes zu tun. Das war das ganz große Risiko, und ich meine, bei der Recherche gelesen zu haben, dass kaputte Kästen an der Tagesordnung waren. Die ganze Mühe umsonst ...


    Das ist mir auch beim Lesen durch den Kopf gegangen, wie groß die Chancen da wohl waren, dass die Pflanzen heil ankamen. Fortune hat seine Schützlinge sicher mit sehr gemischten Gefühlen aufs Schiff gebracht, denn er musste sie ja nun der Obhut der Seeleute überlassen, die sicher anderes zu tun hatten, als sich ausgiebig und liebevoll um die Pflanzen zu kümmern. Einerseits war er sicher stolz und zufrieden, die Pflanzen gefunden zu haben und in seine Heimat schicken zu können, andererseits war da schon ein hoher Unsicherheitsfaktor, wenn man bedenkt, was da unterwegs alles passieren konnte.

    Also das ist ja auch heutzutage sicher noch so. Z.B. was das Essen betrifft. Wenn man hier Indisch oder Chinesisch essen geht hat das nichts mit dem Essen zutun, dass man in den jeweiligen Ländern bekommt. Das ist immer Europäisiert. Und das Tee-Trink-Verhalten ist ja bei uns immer noch mehr so, dass wir viel mehr Tee trinken, der noch jede Menge andere Dinge enthält. Aromastoffe die der Chinese in seinem Tee nicht mag, da er am liebsten den reinen Tee ohne Himbeerblätter und Hagebutte usw. mag. Bei denen ist der Tee auch etwas ganz anderes - kulturell gesehen.


    Da hast du sicher Recht, die westlichen Gewohnheiten unterscheiden sich zum großen Teil stark davon, wie Tee in seiner Heimat konsumiert wird, so auch beim chinesischen Essen, das wir aus den Restaurants hier kennen. Aber gerade durch das Internet ist die Welt quasi näher zusammengerückt, und man hat mittlerweile alle Möglichkeiten, den Tee bei uns so zu genießen wie im Ursprungsland selbst, notfalls kann man sich seinen Tee und die benötigten Gerätschaften auch direkt aus China liefern lassen und das in einer akzeptablen Zeit. Vermutlich war es mit Tee nicht anders wie mit seltenen Pflanzen, denn da hat Fortune ja auch feststellen müssen, dass nicht alles, was er sieht und kaufen möchte, für ihn auch erreichbar ist.

    Hallo SABO :)


    das ist ein interessanter Aspekt und zeigt uns, wie individuell wir lesen und einen eigenen Rhythmus finden. Überhaupt habe ich das Gefühl, von dieser Geschichte in eine Welt getragen zu werden, die ganz eigenen Regeln folgt, die rational nicht erklärbar sind. So faszinierend wie die weiten Landschaften Chinas sind die komplexen Verästelungen der Psyche und der Beziehungen dieser Menschen, die sich so langsam entwickeln und oft nur durch Blicke, Gesten und Bilder spürbar werden. Zum Beispiel in der Szene, als Fortune und Lian zusammen in der Garküche essen, liest sie ihn mit den Augen und versucht, sein Wesen zu ergründen. Das alles geschieht auf einer nonverbalen, intuitiven Ebene und das vertieft noch den Reiz dieser Begegnungen. Dennoch verlässt sie ihn wieder und wählt die Freiheit, die ihr so wertvoll ist, Zuflucht und Rettung zugleich.
    Als diese Männer sie angreifen, wird sie konfrontiert mit ihrer Vergangenheit und es kommt etwas in Bewegung bei ihr - auch ausgelöst durch Fortune. Ihre Sicht auf die Welt beginnt sich zu verändern.
    Alles hat eine tiefere Bedeutung, geht über das Sichtbare hinaus, wie in diesem innigen Moment zwischen Lian und Fortune bei den Narzissen. Sie reden von viel mehr als ihre Worte sagen, sie sprechen über sich und ihr Schicksal. Beide lernen voneinander mit Respekt für das Fremde, Unvertraute. Als sie gleichzeitig zu lachen anfangen und sich kaum beruhigen können, öffnet sich eine Tür und gibt den Blick frei auf tiefere Gefühle - Anziehung, Begehren und die Angst, sich zu verlieren.


    Das hast du wunderschön in Worte gefasst, so dass ich momentan nicht wüsste, was dem noch hinzuzufügen wäre. :winken:



    Wang ist in Lians Augen ein Schmarotzer, der wenig für das Geld von Fortune tut.


    Canton ist wie ein Garten Eden für Fortune. Er ist fasziniert von der Vielfalt, nicht nur der Blumen, sondern auch der Tees.


    So unrecht hat Lian mit ihrer Einschätzung vermutlich nicht. Wie man Wang bisher kennengelernt hat, schätze ich ihn als Großsprecher ein, der nur leider seinen Worten nicht die passenden Taten folgen lässt. Auch ist er sehr von sich eingenommen.


    Wie Fortune den Tee sieht, finde ich äußerst spannend. Das, was er in China angeboten bekommt, hat kaum Ähnlichkeit mit dem, was er aus seiner Heimat kennt. Ich vermute mal, dass China nur einen Bruchteil der Auswahl exportierte, die es eigentlich gab. Dass man auch in Europa aus einer Vielfalt verschiedener Tees aus allen möglichen Anbaugebieten und in allen Varianten wählen kann, ist ja erst in unserer Zeit so geworden, worüber ich sehr froh bin. Wenn ich noch einige Jahrzehnte zurück denke, war hier bei uns die Auswahl vermutlich nicht sehr viel größer als damals, wie Fortune sie kannte. Ich kann mich erinnern, es gab bei uns in der Stadt ein einziges Geschäft, in dem es neben Kaffee auch losen Tee gab. Da konnte man gerade mal zwischen drei oder vier Sorten Schwarztee wählen, und grünen Tee gab es damals lediglich Gunpowder. Wie gut haben wir es da heutzutage, denn wir können zwischen so vielen Sorten wählen, dass wir uns vermutlich fühlen müssten wie Fortune beim Besuch des Teegeschäfts.