Beiträge von Iris Kammerer

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    Hallo, Marion!



    Dies wird wohl daran liegen, dass sich Iris hier einmal die andere Seite, die der Römer, als Blickwinkel ausgesucht hat. ;)
    Bekanntlich kann man ja die Dinge oftmals von mehreren Seiten betrachten und kommt daher auch meist zu sehr unterschiedlichen Resultaten.
    Ich bin ja mitlerweile auch der Meinung, dass die Römer, die sich hier ja stets im Recht sehen, die Wahrheit nicht unbedingt für sich gepachtet haben.


    Ich würde mich wundern, jemals einem Menschen begegnet zu sein, der jeden seiner Standpunkte permanent relativiert ... ;)


    Der Roman ist aus der Sicht *einiger* Römer erzählt und beschreibt natürlich deren Sicht und Ansichten (die sich -- nebenbei bemerkt -- nicht zwingend stets mit den Ansichten der Autorin decken müssen!).


    Dass "die Römer" gerne negativ dargestellt werden (restlos verkommen, dekadent, korrupt, brutal usw. usf.) ist ein sattsam bekannter Topos. Ihr würdet staunen, wenn ihr wüsstet, woher dieses Römerbild kommt und welche Entwicklungen es durchgemacht hat. ;)


    Tillman Bendikowski hat das sehr schön ausgearbeitet:

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    Hallo, ihr Lieben!



    Sie gefällt mir so auch gut und ich finde es schön, dass sie sich gegen die anderen Frauen durchsetzt. Trotzdem fand ich es etwas... naja, erstaunlich und ich hätte es besser gefunden, wenn das vorher angelegt gewesen wäre.


    War es das etwa nicht?


    Sie stammt aus einem *Dorf*, in einer Zeit, in der sich die Menschen nicht nur von Ackerbau und Viehzucht, sondern auch von den Früchten der Natur ernährten, d.h. Beeren und Pilze in den Wäldern sammelten, wussten, wie man ohne Hilfsmittel doch noch ein Feuer hinkriegt, welches Tier welche Fährte hinterlässt, welches Tier jagdbar und welches gefährlich ist usw. usf. In einer Welt, in der jeder Fremdling sowohl freundlicher Wanderer als auch marodierender Krieger sein konnte. Sie ist in dieser Welt aufgewachsen, hat gelernt darin und damit zu leben.


    Zu Beginn der Handlung ist sie durch die Verschleppung in eine Situation geworfen, die ihr vollkommen fremd ist und in der sie weder irgendwelche Rechte hat noch weiß, wie sie sich helfen kann. Das lähmt gewaltig.
    Von dem Augenblick an, da sie erkennt, dass sie mit einer Schar Ahnungsloser durch die Wälder zieht, mit Frauen, die in der Welt, in der sie nicht bestehen kann, bestehen können, aber nicht in der, in der sie bestehen kann -- von diesem Moment an kann sie "auftrumpfen" und alte Qualitäten pflegen.
    Denn dass sie eigentlich ziemlich mutig ist, hat sie schon bewiesen, z.B. als sie Annius attackierte. ;)


    (Ich finde "Heldinnen", die immer und überall, sogar in den aberwitzigsten Situationen patent bleiben, extrem unglaubwürdig und albern -- auch wenn das im HR gerade so richtig Mode ist. Das taugt m.A.n. nicht einmal als Wunschvorstellung. ;) )

    Hallo, Imlammenien!



    Warum störte sich Augustus so sehr an diesen Heiraten zwischen Adeligen und Freigelassenen? Ging es ihm darum die Stände nicht aufweichen zu lassen? Oder fehlten ihm vielmehr die "Abnehmer" für die adeligen Töchter? Oder hatten diese Ehegesetze eine ganz andere Ursache?


    Naja, die adligen Töchter neigten damals auch eher zu einem "Lotterleben" -- an der von Augustus und seiner Livia propagierten Moral gemessen.
    Es ging ihm sicherlich darum, dass das alte Ständesystem, auf dem die gesamte Staatsstruktur beruhte, wieder zu stärken. Gesellschaft und Staat wurden damals nicht wie heute als getrennte Strukturen angesehen, sondern die res publica, die "öffentliche/allgemeine/gemeinsame Sache" war eben Ausdruck des Zusammenschlusses zu einem Volk. Die römische Staatsform ist auf Ausgleich bedaht. Gut möglich, dass Augustus meinte, er könne wieder darauf hinarbeiten, aber am Ende war es ihm wohl doch zu wichtig, dass *ER* darauf hinarbeitet und sich die Dinge nicht im Diskurs -- wie man heute sagen würde -- entwickelten.

    Hallo, Katja!



    Varus scheint ihn nun für einen naseweisen Wichtigtuer zu halten und hört natürlich nicht auf ihn, auch Vala später nicht (für den die soziale Ebene offenbar wesentlich wichtiger sind als die sachliche).


    Naja, da hast du aber etwas überlesen. ;)
    Bei einer Unterredung vor dem Abmarsch ist es ausgerechnet Caldus, der mehr oder weniger verhindert, dass ein Großteil des Trosses verschifft wird, weil er sich in eine Unterredung zwischen Varus und den beiden Lagerpraefecten einmischt, die dazu raten (S. 90 - 92). Den beiden alten Hasen ist völlig klar, dass der Tross eine gehörige Behinderung darstellt; darüber hatten sie sich kurz zuvor beraten. :)
    Varus schließt sich letztendlich Caldus Einwand an, allerdings ist er klug genug, die Lagerpraefecten, die die Frage des Wasserstandes außer acht gelassen hatten, nicht groß bloßzustellen, sondern beschränkt sich darauf, dass er sagte, er werde das prüfen lassen. :)



    Zitat

    Iris, wurden diese Nachtlager eigentlich über die Jahre immer wieder auf denselben Plätzen aufgeschlagen, wenn die Römer vom Sommer- zum Winterlager zogen und zurück? Dann wären die örtlichen Gegebenheiten ja praktischerweise bereits bekannt, und die Strecke sozusagen in feste Abschnitte eingeteilt.


    Nch Möglichkeit hielt man das so; das lässt sich auch anhand archäologischer Befunde nachweisen. Änderungen im Grundriss oder Lageänderungen wurden vorgenommen, wenn das vorherige Lager z.B. zu klein oder viel zu groß war bzw. wenn Erosion den Lagerplatz beschädigt hatte.


    Manche dieser Marschlager dienten zwischen den Belegungen auch als Straßenposten und Proviantlager.



    Zitat

    Auf S. 133/134 lesen wir nun auch etwas über grausame Strafen bei den germanischen Stämmen. Sicher ist ein Teil davon richtig, und ganz sicher gab es jede Menge Willkür bei den lokalen Herrschern. Aber zu einem guten Teil handelt es sich bestimmt auch um Gerüchte und Legenden, die man aufbauschte, um die römischen Gegner in Angst und Schrecken zu versetzen.


    Wie sollte man die römischen Besatzer mit drakonischen Strafen gegen die eigenen (!) Leute in Angst und Schrecken versetzen? Das macht doch keinen Sinn, weil jedesmal, wenn ein römischer Bürger betroffen war, ohnehin das römische Recht und nicht das ius gentium zur Anwendung gekommen wäre, denn die Germanen als Nichtrömer hatten kein Recht, nach ihrer Rechtsprechung über römische Bürger zu Gericht zu sitzen. (BTW: Das entspricht durchaus heutigen Rechtsvorstellungen, dass zwar das Tatortprinzip gilt, aber auch in solchen Fällen der Täter nicht selten in seiner Heimat vor Gericht gestellt wird. Straffällige US-Soldaten z.B. werden nicht nach den Gesetzen des Landes verurteilt, in dem sie die Straftat begingen, sondern nach US-Strafrecht.)


    Dass gerade Kulturen, die nicht über ein schriftliches Recht verfügen, häufig weitaus drakonischere Strafen verhängen als schriftliche Kulturen, ist eine Binsenweisheit der Kulturwissenschaft. Liberale Rechtssprechung gibt es nur in schriftlichen Kulturen, in denen bereits ein langer Diskurs über die Bedeutung von Strafe etc. besteht. In den meisten mündlichen Kulturen besteht bei der Rechtsprechung eher Willkür, nämlich die Willkür von lokalen Anführern, die eine unumschränkte und nicht durch Gewaltenteilung gezähmte Macht über ihre Untertanen haben.


    Die romantischen Vorstellungen von den "edlen Wilden" sind ein netter Mythos, aber leider kompletter Quatsch. Es handelt sich in jedem Fall um Menschen, und wenn einem Menschen unumschränkte Macht über andere gegeben wird, hängt es von seinem individuellen Charakter ab, ob das gut oder schlecht ist für die Leute, die er beherrscht. Es mag Regulative gegeben haben und geben, aber ich garantiere euch, dass niemand von uns auch nur einen Tag in einem solchen System aushalten würde. ;)

    Hallo, mohan!



    Die zitierte Stelle sehe ich auch als zentral an für die Diskussion derartiger kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Kooperation mit "Verbündeten" geht offenbar häufiger einher damit, dass man ihnen beibringt, was man selbst kann, aber nicht lernt, was sie können und sich darüber hinaus auch nicht weiter mit ihnen befasst. Sie sollen für einen bestimmten Zweck ausgebildet und ausgestattet werden, aber was geschieht, wenn sie sich gegen einen richten, darüber macht man sich scheinbar selten Gedanken oder gar nicht.


    Entschuldigung, hier muss ich nochmals einhaken: Das trifft mitnichten für die Römer oder gar ihre Methoden der Kriegführung zu. :)


    Man rekrutierte die Germanen nicht, um sie in blutrünstige Monster zu verwandeln, sondern man machte sich die Kampfweise der äußerst brutalen, räuberischen Trupps, die immer wieder in Gallien und Oberitalien eingefallen waren, zunutze.


    Die Römer mussten den Germanen das Vergewaltigen, Foltern, Morden und Brandschatzen keineswegs beibringen -- derlei Überfälle waren für die kriegerische Jugend Ehrensache. Und derlei Übergriffe waren auch der Grund, weshalb der Alpenübergang und Drusus und Tiberius und die Feldzüge gegen die Stämme zwischen Rhein und Elbe überhaupt durchgeführt worden waren.


    Was Kriegführung anging, waren die Römer sogar äußerst lernwillig. Nur die Legion als Organisationsform ist genuin römisch, die meisten Waffen haben sie sich abgeschaut, die Reiterei stammte aus Gallien und Britannien, Bogenschützen aus Syrien, Steinschleuderschützen von den Balearen, Guerilla aus Germanien usw. usf. Ganz zu schweigen von der Artillerie, die im Grunde ausschließlich von hellenistischen (kulturell gesehen griechischen) Ingenieuren entwickelt wurden.




    Zitat

    Die kriegerischen Handlungen sind zwar spannend, aber nicht sonderlich transparent beschrieben.


    Was wäre eine transparente Beschreibung kriegerischer Handlungen? :)

    Hallo, allerseits!


    Da ich schon etliche Lesungen und eine andere Leserunde sowie einiges an Leserfeedback, Pressestimmen etc. zu diesem Roman bekommen habe, mische ich mich jetzt doch ein mal ein. ;)


    Meine Romane sind keine Doku-Dramen. Es ist nämlich der Vorzug der Literatur vor der non-fiktionalen Geschichtsschreibung, dass sie allgemeinmenschliche und zeitlose Aspekte aus dem Faktengewühl herausarbeiten kann. Es geht nicht darum, jedes (vermeintliche) Rätsel zu lösen, für jede Frage eine Antwort zu präsentieren. Die kann jede(r) nur für sich selbst finden.


    Man kann es sich leicht machen und Varus die entsprechende Kompetenz absprechen und als Versager abstempeln. Auf den ersten Blick erscheint das naheliegend, vielleicht sogar logisch. Aber das widerspricht seiner Biographie. Es war dieser krasse Widerspruch, der einen besonderen Reiz ausmachte, als ich der Frage nachging, wie das, was geschah, geschehen konnte. Nicht einmal die versiertesten Wissenschaftler, die sich heutzutage mit dieser Schlacht beschäftigen, haben eine simple Antwort, und auch ich bin der Überzeugung, dass es diese simple Antwort nicht gibt.


    Varus stützte sich schon in Syrien auf einheimische Berater und ist damit sehr gut gefahren. Er war nicht nur ein kluger Jurist, sondern auch ein versierter Heerführer, der in heiklen Situationen strategisch klug vorging und taktisch geschickt operierte. Er verließ sich nie ausschließlich auf die militärische Option, sondern immer zugleich auf die Rechtsprechung (sowohl nach römischem Recht als auch nach der Mischform des ius gentium).


    Dass dieses Vorgehen bei den Germanen fehlschlug, hat auch die antiken Geschichtsschreiber vor Rätsel gestellt. Augustus trauerte um Varus, ließ seinen sterblichen Überresten ein feierliches öffentliches Begräbnis zukommen. In den nächsten Jahren findet sich (trotz einer sicherlich umfangreichen Untersuchung der Vorgänge durch den Senat) nicht der geringste Hinweis darauf, dass man Varus beschuldigte oder gar zum Versager stempelte.


    Das passt allerdings so gar nicht zu unserer hübschen deutschen Hermannslegende, in der der tapfere und aufrechte deutsche Recke den dummen und feigen welschen Schuft vernichtet.


    Warum der Roman "Varus" heißt? -- Weil es um Varus geht und um alle die, die ihm anvertraut waren! Weil die Falle letztendlich zuschlug, weil er schon vor dem Abmarsch im Netz der Spinne hing, und es nichtsdestotrotz seine Entscheidungen waren, die die Falle mehr und mehr zuschnappen ließen.
    Dennoch ist es derjenige, dem die Falle gestellt wird, nicht schuld an der Falle.


    Die Frage ist doch, wie gingen die Opfer mit dieser ganz speziellen Situation um? Wann erkannten sie, dass sie in eine Falle tappten? Welche Möglichkeiten hatten sie überhaupt?


    Der Hinweis auf die Karte bezog sich darauf, dass die nächsten -- kleinen -- Garnisonen zwei Tagesmärsche entfernt waren, die Region des Hinterhalts befand sich zwar auf einem alten Handelsweg, dem Hellweg, aber fernab von jeder Möglichkeit, Entsatz durch frische Truppen zu rufen. Im Falle einer Einigelung wären sie auf sich allein und auf ihre Vorräte angewiesen. Centurio Marcus Caelius schlägt das vor, aber ist es wirklich realistisch, dass der Feind sich dann dem Kampf stellt oder abzieht? Sind die Vorschläge der anderen Offiziere wirklich tauglich?


    Und noch etwas: Muss man die Leser in den Kopf einer Figur blicken lassen, um sie zu verstehen?


    Haben wir diese Möglichkeit im wirklichen Leben?

    Hallo, Imlammenien!



    Auf Seite 193 bin ich gleich einmal mit einem dicken Fragezeichen gestrandet. Wer oder was ist ein/eine Fama???


    Fama ist das personifizierte Gerücht (lat. fama - "Gerede, Gerücht").



    Zitat

    Aber auch Vala scheint im Kampf kein allzu erfahrener Praktiker zu sein. Auch seine Prätorianer müssen ihn zurückhalten, als er während des Angrifs vorschnell reagieren will.


    Diese Reaktion würde ich doch auf den Schrecken zurückführen. Schließlich muss er gerade erkennen, dass seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen werden -- ohne zu ahnen, dass das Schlimmste noch vor ihnen liegt. Aber von jetzt an weiß er, wer der Gegner ist und dass man ihm in dieser Situation wenig entgegensetzen kann.



    Zitat

    War es damals eigentlich üblich, dass man Freigelassenen sozusagen seinen "Familiennamen" überläßt? Nicht umsonst nennt Annuius das Mädchen ja nun "Annia Rufilla".


    Das war üblich; Freigelassene wurden zu Angehörigen der Familie desjenigen, der sie freigelassen hatte; sie waren zwar nicht in der Erbfolge vorgesehen, aber es schützte sie.
    Die römische Gesellschaft basierte viel stärker auf der Familie als Keimzelle des Staates als unsere heutige; die Mitgliedschaft in einer Familie verschaffte einem Schutz und Unterstützung. Ein Freigelassener konnte die Ämterlaufbahn nicht einschlagen (also nicht Consul werden), aber jedes Gewerbe stand ihm offen.
    Beim Heiraten war es ein wenig heikel; Kinder aus einer Ehe zwischen Freigelassenen und frei geborenen römischen Bürgern waren vollwertige römische Bürger. Da es zu Beginn der Kaiserzeit überhand genommen hatte, dass römische Adlige freigelassene Frauen heirateten oder mit ihnen im Konkubinat lebten, ließ Augustus Ehegesetze einführen, die solche Schritte mit empfindlichen Sanktionen belegten. Diese Gesetze betrafen allerdings vorwiegend den Senatorenstand.



    Zitat

    Das fand ich ziemlich heftig, besonders weil mir bislang nicht klar war, dass in der Varus-Schlacht auch Frauen und Kinder in (direkte) Mitleidenschaft gezogen wurden. Ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, dass nur Männer dabei umgekommen sind... :-[


    Die Quellen bezeugen, dass der Tross durch die Angehörigen der Soldaten und viel Volk (also Händler, Markertenderinnen, Handwerker und was sonst noch alles einem Regiment nachläuft) zusätzlich behindert worden sei. Außerdem wurde z.B. in Kalkriese zumindest eine Haarnadel gefunden -- setzen wir mal voraus, dass dort ein Teil der Schlacht stattgefunden hat. Die Seltenheit solcher Funde liegt nicht zuletzt daran, dass Schlachtfelder üblicherweise sofort nach der Schlacht gründlich geplündert wurden. Da brachte mancher Krieger der Liebsten zuhause etwas Hübsches mit, das ihm bei der Verteilung der zusammengetragenen Beute zugesprochen wurde.

    Hallo, Katja!



    Der Aspekt war mir neu, weil mir bisher mir als Grund für den Aufstand nur im Kopf war, daß die Steuerlast für die Germanen zu hoch war, weil das Land nicht so viel hergab wie südlichere, fruchtbarere Landstriche, und daß die römische Gerichtsbarkeit (z.B. Todesstrafe) doch manchmal mit dem germanischen Stammesrecht kollidierte.


    Die Germanen kannten durchaus die Todestrafe, und auch in ziemlich grausamen Formen. Man denke nur an die Moorleichen, aber es gab auch andere hübsche Methoden ... wir kommen noch darauf ...


    Außerdem dürfen wir auch nicht von einem modernen Volksbegriff ausgehen. Möglich, dass die einfachen Leute die Möglichkeit, sich gegen willkürliche Dorfcaesaren wehren zu können, vielfach gar nicht so übel fanden, und den Dorfcaesaren das nun gar nicht passte. ;)
    Man kann die Quellen durchaus auch so lesen.



    Zitat

    Ich kann mir gut vorstellen, daß es für dich als Fachfrau nervig ist, immer wieder auf diese Vorurteile zu treffen.


    Man gewöhnt sich dran und schwafelt geduldig. ;D

    Ganz so ist es ja nun nicht. Varus war bereits Statthalter in Syrien und musste ein extrem kniffliges Problem lösen.
    In Palästina, südlich von Syrien, das bereits römische Provinz war, gab es Vasallenkönige, bestehend aus Mitgliedern der Familie Herodes' des Großen (der mit dem Bethlehemischen Kindermord). Und diese Region grenzte an Ägypten, das damals die Kornkammer des römischen Reiches war.
    Die Herodes-Sippe war ein ziemlich heikler Haufen: Alle untereinander bis aufs Blut verfeindet und habgierig, dass einem schlecht wird. Hier hat Augustus außenpolitisch mal ganz schlimm danebengegriffen. Hinzu kam, dass östlich von Palästina und Syrien, im Zweistromland (heute Iraq), die Parther saßen, die Erzfeinde Roms, die Zugang zum Mittelmeer und Zugriff auf das ägyptische Korn haben wollten. Palästina war zur Zeitenwende ein Hexenkessel sondergleichen.
    Herodes bezichtigte einen seiner Söhne aus mehreren Ehen, einen Mordanschlag auf ihn verübt zu haben; deshalb kam es zu einem Prozess, das wiederum führte zu Unruhen. und dann mischte auch noch einer dieser Privatunternehmer im Bereich Steuern und Abgaben mit, der die Bewohner Palästinas drangsalierte und sich dabei sogar römischer Truppen bediente. Schließlich war er ein bedrohter Mann. Er verschanzte sich beim Prokurator in Jerusalem, was zu Aufständen in der Stadt und umliegenden Orten führte. Varus war gezwungen, diesen römischen Bürger durch Belagerung Jerusalems rauszuhauen, verfrachtete den Kerl dann aber stracks nach Rom und beendete die Rebellion mit einer Mischung aus Zugeständnissen ans Volk und öffentlichen Hinrichtungen.
    Auf diese Weise sorgte er zügig für Ruhe, zumal wegen der lauernden Parther im Osten Gefahr im Verzug bestand und durch den Tod des alten Herodes Palästina erst einmal "kopflos" dastand. Aber zimperlich waren seine Methoden nicht, sondern den Zeitumständen entsprechend, das will ich auch gar nicht entschuldigen.


    Er ist also eigentlich kein unerfahrener Mann; das eigentliche Problem war eher, dass der hochintelligente Arminius offenbar ausreichend Zeit gehabt hatte, den Mann, den er erledigen wollte, zu studieren, so dass er alles vorwegnehmen konnte, nicht nur das, was allgemein römische Taktik gewesen wäre, sondern auch, was gerade Varus tun würde.


    Ich komme noch mal drauf, ob andere Entscheidungen mehr gebracht hätten. Wenn ihr euch auf der Karte vorn die Verteilung der Stützpunkte anschaut und die (mutmaßliche) Region der Schlacht, dann müsste euch ja doch etwas auffallen ... ;)

    Hallo, nerolaan!


    Ich habe mich bemüht, dass jeder der drei Romane auch für sich funktioniert, auch wenn es natürlich mehr als einen großen Bogen gibt, der alle drei miteinander verschränkt. Es wird auch nicht dreimal die gleiche Geschichte mit Variationen erzählt. Schließlich sind es auch sehr unterschiedliche Phasen der historischen Auseinandersetzungen, also liegen auch die Schwerpunkte jeweils woanders.


    Es sind allerdings auch nicht "nur" Doku-Dramen der historischen Ereignisse. :)

    Keine Ursache, Mobi! :)


    Ihr lest den Text ja -- hoffentlich! -- zum Vergnügen und nicht mir wissenschaftlicher Akribie.


    Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele unterschiedliche Sichtweisen aus dem Roman herausgelesen werden, und dass so eine Geschichte wirklich in jedem Leser neu und anders entsteht. :)

    Hallo, ihr Lieben!



    Ja, da stimme ich dir zu, ich finde das auch gut, dass darauf eingegangen wird, dass die Römer an allem nicht so ganz unschuldig sind und die Germanen auch zu vielen Gräueltaten angestiftet haben. Ja, genau bei diesem Aufstand haben doch die Römer Germanen auf Germanen losgelassen und den von ihnen gesandten Germanen anscheinend diese brutalen Taktiken, wie Frauen und Kinder rauben und ermorden, geschändete und getötete Frauen am Waldweg aufstellen etc., näher gebracht, oder? :-\ :o


    Stopp! Jetzt muss ich doch einschreiten! ;)


    In Pannonien lebten damals keine Germanen!
    Der Krieg ging vorrangig gegen Illyrer und Dalmater, außerdem musste man die ziemlich räuberischen Daker aus diesen Gebieten vertreiben, die immer wieder Raubzüge bis an die Adria verübten. Hinzukommt, dass die Bewohner der östlichen Adria ihren Lebenunterhalt häufig durch Piraterie und nicht zuletzt mit Menschenraub und Menschenhandel (auch an griechischen und italischen Küsten!) aufbesserten. Das waren Probleme, die gelöst werden mussten.


    Man darf sich damalige Aufstände nicht modern romantisch als Freiheitskämpfe wie bei der Résistance oder im Spanischen Bürgerkrieg vorstellen. Diese Vorstellung von Freiheit gab es damals nicht. Das Problem waren lokale Unruhen, die zu einem Flächenbrand wurden, vermutlich weit mehr ausgelöst dadurch, dass zu wenig gegen die Räuberbanden aus der Steppe unternommen worden war, während gleichzeitig die Steuern ungewöhnlich brutal eingezogen wurden.


    Die Eintreibung von Abgaben und Steuern war damals privatisiert und wurde ohne staatliche Kontrolle von privaten Unternehmensgesellschaften betrieben, die sich meist auch private Söldnertrupps, bestehend aus Freigelassenen, hielten. (Auch damals waren "Privatisierung" und "Deregulierung" Zauberworte, wenn dem Staate finanziell das Wasser bis zum Hals stand. ;) ) Übergriffe waren häufig, zwar waren sie widerrechtlich, aber ebenso häufig wurde zu spät reagiert, weil diese Unternehmen damals ohne staatliche Kontrolle operierten.


    Bei der Niederschlagung des Pannonischen Aufstandes -- ein Krieg, der auf *beiden* Seiten mit äußerster Härte und Rücksichtslosigkeit gegen die unbeteiligte Zivilbevölkerung geführt wurde -- wurden germanische Hilfstruppen eingesetzt. Man geht davon aus, dass die germanischen Trupps, die ja gerade für ihre brutalen Buschkriegmethoden bekannt waren, bewusst eingesetzt wurden, u.a. um den aufständischen Kriegern durch gezielten Terror den Rückhalt in der Bevölkerung zu rauben und lokale Widerstandsnester auszubrennen.


    Die römischen Legionen waren auf solche Operationen nicht eingerichtet; schwere Infanterie ist gut für die offene Feldschlacht und Belagerungen, im Buschkrieg ist sie im Nachteil.


    Ich möchte die Römer nicht "schönreden", aber wirklich beibringen mussten sie den Germanen die Grausamkeiten nicht. Es waren schließlich die wiederkehrenden Angriffe von marodierenden und brandschatzenden Banden bis in die Po-Ebene (was aus Sicht der Germanen eine Frage der Ehre war), die letztendlich den Alpenübergang von Drusus und Tiberius geradezu nötig machten, um die Menschen in Oberitalien zu schützen.


    Neu in dieser Situation während der Schlacht erscheint Ceionius wohl eher, dass die Germanen eben nicht wild angreifen, sondern entsprechend der Taktik in Pannonien psychologische Kriegsführung durch gezielten Terror einsetzen.


    Es waren ja auch die eigenen meuternden Hilfstruppen, die hier losschlugen.

    Hallo, ihr Lieben!



    Vielleicht schafft man es noch weniger bei einem selbstgewählten "Sohn" realistisch bzw. objektiv zu sein?
    Bei den eigenen Kindern ist das schon nicht so einfach. Aber wenn es dann um eine Person geht, der man sein Vertrauen aus vollkommen freien Stücken (also ohne jegwede FAMILIÄRE Verpflichtung) geschenkt hat, ist das sicherlich noch schwieriger... ::)


    Aus dem heutigen Rechtswesen kann man das durchaus bestätigen, speziell im sensiblen Bereich der Kindesmisshandlung innerhalb der Familie: Die Mütter verschließen die Augen davor, was ihr Partner (leiblicher Vater oder nicht) mit ihrem Kind anstellt, ja sie geben durchaus dem Kind die Schuld -- denn die Einsicht, dass der Täter allein die Schuld trägt, würde nach sich ziehen, dass sie bei der Wahl des Partners einen Fehler gemacht hat und ebenfalls Mitschuld trägt.
    Das Ganze führt häufig zu sehr unheilvollen Verstrickungen.


    Das nur am Rande. Wir Menschen haben grundsätzlich Probleme damit, Fehleinschätzungen aufgrund eigener Entscheidungen anzuerkennen; in solchen Fällen lassen wir Menschen uns sehr leicht und nachhaltig täuschen.


    Macht einen das wirklich zu jemandem, der von Anfang an inkompetent oder gar dumm ist? ???

    Hallo, kaluma!


    Willkommen in der Runde -- ich hoffe, der Urlaub war erholsam. :)



    Einen für mich neuen, interessanten Gedanken habe ich auf Seite 63 gefunden, als die Stammesfürsten der Brukterer sich über die Steuerlast beschweren, Zitat: "Unsere Leute hungern. Es gibt keine Vorräte. Und wenn wir sie zu den Diensten heranziehen, die sie schon für unsere Ahnen verrichteten, dann bestürmen sie eure Gerichte mit Klagen, von uns ungerecht behandelt zu werden. Und wenn eure Richter den Klägern recht geben, untergraben sie unsere Macht...."
    Es ist für mich ein neuer Aspekt, daß die germanischen Stammesfürsten ihre Macht auch auf diese Weise (durch die Anwendung der römischen Gesetze durch ihre eigenen Leute) bedroht sahen. (Daß die Römer,als Besatzungsmacht, eine Bedrohung waren, ist ja klar.)


    Das steht da aber so eigentlich nicht. :)


    Varus führte auftragsgemäß in den Gebieten zwischen Rhein und Elbe, soweit ihm das möglich war, römisches Recht ein. Nach römischem Recht gab es zwei Arten von Recht: eines, das für alle Personen mit römischem Bürgerrecht galt, und das sogenannte ius gentium (etwa: "Stammesrecht"), das grundlegende Bestandteile des ersteren um die jeweiligen regionalen Rechtsvorstellungen erweiterte. Bei der Herrschaftsausübung waren die Römer weitaus weniger brutal als ihr Ruf; sie versuchten pragmatisch eine Übereinkunft zwischen ihren Gepflogenheiten und den örtlichen zustandezubringen, um durch diesen Ausgleich einen dauerhaften Frieden zu sichern, soweit möglich.


    (Die weitverbreitete heutige Vorstellung von römischer Herrschaftsausübung ist stark geprägt von Hollywood-Filmen, die sich wiederum aus klassischen historischen Romanen wie z.B. Sienkiewicz' Quo Vadis und Wallace' Ben Hur -- die aber benutzen weitgehend eine römisch gestaltete Kulisse, um zeitgenössische totalitäre Regimes anzuprangern!)


    Germanisches Recht war ein rein mündlich tradiertes Gewohnheitsrecht. Lokale Kleinfürsten beherrschten die jeweilige Bevölkerung ohne jede Gewaltenteilung und letztendlich auch nach eigenem Gutdünken. Außerdem mussten die einfachen Leute ihren Herren Abgaben entrichten, über deren Höhe letztendlich auch der jeweilige Fürst entschied, und Dienste verrichten.
    Der Ursprung des späteren Feudalsystems liegt in diesem germanischen Gewohnheitsrecht.


    Die Heeresversammlungen sorgten zwar dafür, dass ein Anführer mehrerer Stämme nur gemeinsam bestimmt werden konnte, allerdings kann von demokratischen Verhältnissen im modernen Sinne keine Rede sein, denn die Krieger, die jeweils einem Fürsten folgten (seine Gefolgsleute also) stimmten natürlich geschlossen für das, was ihr Gefolgsherr wollte.
    Das Heer rekrutierte sich aus freien und damit waffenfähigen Männern, die sich einem Gefolgsherrn anschlossen. Diese Entscheidung war weniger freiwillig als es den Anschein hat, denn die Krieger entstammten üblicherweise den Familien, die ohnehin zum Herrschaftsbereich dieses Fürsten gehörten. Wechsel waren möglich, aber durchaus mit Ehrverlust verbunden!


    Auch die Rekrutierung wurde durch die römische Herrschaft geändert: Fortan leisteten die Krieger Dienst als Hilfstruppensoldaten -- zwar oft unter einheimischen Fürsten bzw. deren Söhnen als Offizieren, aber das Oberkommando lag in römischer Hand und die römische Befehlskette musste eingehalten werden. Auch das war etwas, was so mancher germanisch Edle als Ehrabschneidung ansehen musste.


    Die Maßnahmen des Varus beraubten nun die Kleinfürsten eines Großteils ihrer kaum beschränkten Macht über ihre Untertanen: Wer sich von seinem Fürsten ungerecht behandelt fühlte, konnte sich plötzlich woanders beschweren! Das hatte es vorher einfach nicht gegeben -- und diese Beschränkung der Macht muss auf viele Kleinfürsten wie Ehrabschneidung gewirkt haben.


    Zitat

    Arminius´ Ausbruch kurz darauf paßt für mich nicht ganz ins Bild, das ich von ihm habe. In meiner Vorstellung ist er, als römischer Offizier mit germanischem Hintergrund, sehr diszipliniert - und dann leistet er sich gleich als erstes in dieser Geschichte so einen Ausbruch seinem Vorgesetzten gegenüber????


    Kalkuliert vielleicht ...? ;)

    Hallo, mohan!


    Der Gedanke, dass jemand zu einer erfolgreichen Reihe flott ein dem Jubiläumsjahr angepasstes Prequel schreibt, ist in der Tat naheliegend. Das kann ich niemandem verübeln. Aber es hätte einfach nicht funktioniert -- und ich hätte das auch nicht gewollt.


    Dann wünsche ich mal weiterhin viel Vergnügen! :)

    Hallo, mohan!



    Ist "Varus" Bestandteil einer Reihe, ist er ein unabhängiger Roman?


    Varus ist ein eigenständiger Roman.


    Die Trilogie, auf die Aeria sich bezieht, ist vorher entstanden, behandelt die Zeit zwischen der Schlacht im Teutoburger Wald 9 n.Chr. und dem Abzug des Germanicus 16 n.Chr., thematisiert aber nicht die Schlacht selbst.


    Ganz kurz: Der erwähnte Protagonist ist kein Überlebender der Schlacht, sondern gerät zu Beginn des ersten Teils während einer Sondermission in germanische Gefangenschaft. In dieser Zeit bekommt er sehr viel über die Beweggründe der unterschiedlichen Stämme und Gaufürsten mit, was ihn später auf römischer Seite zu einem erfolgreichen Unterhändler für die Heeresleitung macht. Im dritten Band erlebt er die brutalen Feldzüge des Germanicus mit. Dadurch dass der Protagonist dank familiärer Bindungen zwischen den Stühlen sitzt und weil es insgesamt um eine längere Zeitspanne geht, kommen in diesen Büchern die unterschiedlichen Sichtweisen, also auch einige der Germanen, mehr zum Tragen.


    Für Interessierte stell ich mal die Cover rein:

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    Weil danach das Ausgangsereignis, die Schlacht selbst, wie ein weißer Fleck zurückgeblieben war, habe ich das Thema doch noch einmal in Angriff genommen -- allerdings nicht als "Prequel", sondern als eigenständige Bearbeitung.


    Irrwitzig beschreibt das recht gut, was die Römer da fabriziert haben. Aber das konnten sie bestimmt auch nur machen, weil eben alles so gut organisiert war. Ansonsten hätten der Führungsstab sicherlich andere Probleme gehabt und es sich nicht auf ihren Liegen bequem machen können.


    I beg to differ: Damals pflegte man auch im Liegen zu arbeiten, nicht nur am Schreibtisch. ;)

    Hallo, Mobi!



    War auch nicht komplett ernst gemeint, ist mir auch nur wegen dem Klischee 'Älterer Mann und junger Knabe haben was miteinander' bezüglich der Antike eingefallen.


    Das ist allerdings auch so ein Gerücht wie das mit der "üblichen Sklavenfolterung" u.v.m. :)


    Nichtsdestotrotz hatte ich vor Jahren mal einen Varusschlacht-Roman in der Hand, in dem genau das, nämlich dass Varus Arminius sexuell missbraucht hätte, zum Motiv für dessen Hass gemacht wird. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, welcher das war; denn es gibt eine Unmenge an Romanen aus germanischer Sicht. Wer danach suchen möchte, findet sie z.B. hier: Thema "Arminius" bei Historische Romane über das alte Rom :)