Beiträge von Sagota

Leserunden.de wurde am 31.12.2018 eingestellt. Registrierungen und Antworten sind nicht mehr möglich. Der Betrieb geht im Bücherforum von Literaturschock weiter.
Leserunden.de positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

    .. auch ich sag' zum Abschied nochmal leise "servus" - bevor die Tür hier endgültig zufällt: Ich danke nochmal Suse und den ModeratorInnen hier für Ihr Engagement - die Leserunden hier im Portal werden für mich unvergessen sein: Es waren mit die Allerbesten!!


    Schöne Raunächte noch und einen sanften Jahresausklang sowie eine schöne Zeit "zwischen den Jahren" und guten Start in ein friedliches 2019!


    P.S. - ein bisschen wehmütig ist mir auch ums Herz: Leserunden schließt seine Tore; die Histo-Couch bzw. Krimi-Couch hat seit Mai kein Forum mehr .... - in der virtuellen Welt ist es ähnlich drollig wie "draußen": Es ändert sich immer mal was... :elefant: na dann: Auf in's Große Bücherforum - und bis denne :elch:

    Ich habe gerade eben gelesen, dass Leserunden.de seine Pforten schließt: Ich hatte hier einige sehr tolle Leserunden mit Euch (und Autorinnen), für die ich mich herzlich bedanke! Aber ein "Umzug" ist es für mich nicht - da ich sowohl hier immer reinschaute - als auch 'drüben' aktiv war; das Große Bücherforum gut kenne (und schätze).

    Das hier war eher die "Zweitwohnung", während das große Forum mein "Erstwohnsitz" in Sachen Literaturschock war. In letzter Zeit bin ich auch sehr häufig über die Hauptseite rein, denn die Rezensionen sind mir immer wichtig, die sich dort finden (wie hier und im Bücherforum auch).


    Danke den "MacherInnen" und ModeratorInnen für die langjährige und tolle Arbeit hier - wir sehen uns dann drüben wieder!:daumen:

    Hier würde ich sehr gerne mitlesen, da ich die Romane von Mechtild Borrmann außergewöhnlich intensiv und sehr gut finde! Ein hartes Thema, das mich aber historisch betrachtet und auch von Berufs wegen sehr interessiert, da ich mich über die Heimerziehung in Deutschland (allerdings ab den 1960ern/70ern) mal sehr beschäftigt habe...

    Ich bewerbe mich für ein Print-Exemplar.

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön für diesen sehr ergreifenden Roman vor allem an Daniela Ohms; aber auch für den regen Austausch an alle MitleserInnen dieser Leserunde!


    Hier ist meine Rezension, die ich (heute Abend noch nach Möglichkeit) auch auf vielen anderen Seiten veröffentliche (Histo-Couch, Bücherforum, LitSchock, amazon, Buchrebellin, Büchereulen, Lovelybooks, was liest du, Lesejury, Weltbild, online-Buchhandel)

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    Wie Treibholz im Sturm


    Nach dem ersten Roman der Autorin Daniela Ohms (Winterhonig) war ich sehr gespannt auf diesen Roman - und wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil: Ein intensiveres Leseerlebnis, das den Leser in die Kriegs- und Nachkriegsjahre zurückkatapultiert und anhand des Kennenlernens zahlreicher Personen, die den Roman bevölkern; hauptsächlich jedoch den beiden Hauptprotagonisten Hannah und den stummen Soldaten, der aus dem Krieg zurückkehrt und zufällig mit ihr und zwei weiteren Kriegsheimkehrern die Dachstube eines Gutshofs in Schleswig-Holstein teilt, bis zur letzten Seite nicht loslässt, hatte ich selten. Besonders auffallend war für mich, dass auch die "Nebenfiguren" wie Egon, Freddie - aber auch Herr von Kobelenz sehr gut angelegt waren und die Autoren auch diesen sehr viel Leben 'einhauchte'.


    Der Roman beginnt in Hamburg, 1943 und man erlebt quasi mit, wie Hannah Riedel, Apothekertochter, verheiratet, ein Kind (4) nur durch Glück einen Fliegerangriff im Grindelviertel überlebt - jedoch an diesem Tag ihre gesamte Familie verliert...
    Traumatisiert wird sie aus Hamburg evakuiert und findet, wie so viele Flüchtlinge, eine vorläufige Bleibe auf einem Gutshof in Schleswig-Holstein. Dort teilt sie sich kurz darauf eine fast nicht beheizbare Dachkammer mit drei Soldaten, von denen einer kein Wort spricht und von den Freunden "Fuchs" genannt wird, da er rotes Haar hat. Von diesem stummen - oder sollte man besser sagen, verstummten Menschen, der Schreckliches im Krieg durchmachen musste, fühlt sich Hannah unweigerlich angezogen und möchte ihm helfen, verliebt sich trotz dessen Stummheit in ihn...


    Die zweite wichtigste Hauptfigur im Roman ist dieser "Fuchs", der knapp 18jährig, aus Ostpreußen stammend, den Zug mit hunderten anderer Soldaten besteigen muss und unterwegs bereits ahnt, was auf ihn zukommen wird. Er freundet sich mit einem älteren Kameraden an, da dieser ihn an seinen kleinen Bruder erinnert und wird gemeinsam mit Glaubitza einem Bataillon zugeteilt, das in Russland hinter der Frontlinie Partisanen bekämpfen sollen.... Es ist schier unglaublich, wie intensiv die Gefühle des kaum dem Kindesalter entwachsenen Fuchs von der Autorin dargestellt werden; seinen inneren Zwiespalt, seine erlebten Schrecken und sein unbeugsamer Überlebenswille:
    Die Lektüre der Kriegsszenen, die Daniela Ohms nicht ausspart, sind ein Kernthema des Romans und umkreist die Themen Schuld - und Sühne; Verantwortung und Menschlichkeit, die in Zeiten des zweiten Weltkrieges - währenddessen und auch hinterher - quasi ausser Kraft gesetzt werden und viele Männer traumatisierten, nicht wenige zeitlebens, da eine Unterstützung in psychologischem Sinne, wie es heute der Fall ist, nicht gegeben war. Es geht aber auch um Freundschaft, ja um Liebe in Kriegs- und Nachkriegszeiten; um das schwierige Weiterleben, um Vertriebene und Flüchtlinge, die einander noch teils Jahrzehnte suchen sollten, da ganze Familien ausgelöscht - oder in Flüchtlingstrecks auseinandergerissen wurden.....


    Die Konsequenzen von Traumata, Flucht und Vertreibung, besonders hier der früheren Gebiete Deutschlands wie Ostpreußen, Schlesien, Masuren z.B. greift die Autorin nicht nur auf, sondern beleuchtet sie in aller literarisch zur Verfügung stehenden Schärfe. Auch die "Wolfskinder" sind ein Thema und auch die Verfolgung und Ermordung der Juden - hier in Form von Klara, der besten Freundin Hannahs in der Zeit ihrer Kindheit, die aus einer jüdischen Familie stammte...


    Ich hatte das Glück, mich in einer autorenbegleiteten Leserunde mit anderen LeserInnen austauschen zu können und mir ging es wie einigen anderen: Der Roman ist keine leichte Kost und der Stil von Daniela Ohms sowie der Verlauf der Handlungsstränge im Roman, die sich zeitlich von 1943 bis etwa 1949 erstrecken; von Hamburg über Weißrussland, Ostpreußen bis nach Schleswig-Holstein verortet sind, zeigen anhand der großen Authentizität von sowohl Hannah als auch dem Fuchs deutlich auf, welche Spuren und seelischen Verletzungen ein Krieg stets bei Menschen hinterlässt.
    Dies kann und konnte in manchen Menschen solche irreparablen Schäden an der Seele verursachen, dass es kaum möglich war, wieder ein normales Leben führen zu können, die Wiese des Friedens wieder mit von Blut besudelten Stiefeln betreten zu können, wie es so treffend im Roman formuliert wurde. Auch lädt der Roman durchaus dazu ein, durch eigene Recherchen noch tiefer in die Thematik von Flucht und Vertreibung einzutauchen.


    Fazit:


    Daniela Ohms ist es unglaublich gut gelungen, eine Geschichte aus sehr dunklen Zeiten des 2. Weltkrieges zu erzählen, bei der man als Leser nahe an den sehr authentisch dargestellten Figuren "dran" ist; mit ihnen leidet, mitfiebert, sich freut, entsetzt ist und Hoffnung hat: Eine solche Intensivität, aber auch einen Roman, der mich emotional sehr mitgenommen hat und der mich mitunter an die Grenzen meiner Belastbarkeit beim Lesen brachte, habe ich sehr selten gelesen und möchte ihn dennoch absolut weiterempfehlen: Sehr gut recherchiert, exemplarisch für so viele Menschen, denen großes Leid zugefügt wurde durch den 2. Weltkrieg, die alles hinter sich lassen mussten und als Flüchtlinge geduldet wurden, schlägt die Autorin in ihrem Nachwort noch einen Bogen in die heutige Zeit, in denen erstmals die Zahlen von Flüchtlingen vergleichbar sind mit denen nach dem 2. Weltkrieg: Somit ist es für mich auch ein Plädoyer für Menschlichkeit und Frieden, der in allen Zeiten oftmals brüchig war: Es gilt, ihn zu erhalten, gerade in unserer Zeit!
    Von mir erhält der Roman die volle Punktezahl, 5* und 100° auf der Histo-Couch sowie eine absolute Leseempfehlung!


    :buchtipp: :daumen::daumen::daumen::daumen::daumen:

    dubh: Vielleicht hast Du recht und siehst das richtiger als ich. Ich hatte es so empfunden, dass er wirklich nicht in die Strömung geraten wollte, das war nicht sein Ziel. Es ging in vielen Sätzen darum, wie schwer es für ihn war, gegen die Strömung zu schwimmen, um nicht in die gefährlichen Strudel zu geraten... und dass er die Beherrschung über seinen Körper verlor durch die Kälte (so kam es bei mir an).

    Da ich selbst sehr gerne und auch ganz gut schwimme, empfand ich das ziemlich nah mit - und schauderte, dass er dann doch ertrunken ist - es nicht schaffte.


    Aber wie gesagt, vielleicht sehe ich das falsch - interessant ist es jedenfalls sehr, welche verschiedenen Gedanken zu solchen Stellen in jedem entstehen...


    Was meint denn Daniela dazu? Insgesamt denke ich, dass der Tod von Moritz natürlich Holger quasi den Weg zu Hannah freimachte... und sobald sie von seinem Tod erfuhr, konnte sie ihn ja auch loslassen, was zuvor nicht der Fall war.

    dubh: Was mir im Nachhinein sehr aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass Holger durch dieses Privilegiertsein ganz andere Möglichkeiten hat, seine Schuldgefühle abzutragen als dies für Moritz möglich war:

    Er hat vllt. AUCH wegen dieser Schuldgefühle angepackt, in der Backstube gestanden, "für die Flüchtlinge gesorgt" - sehr bezeichnend fand ich in diesem Zusammenhang seinen Satz "hier auf diesem Gut stirbt mir keiner!"

    Diese Möglichkeit des seelischen "Ausgleichs" (wenn man es so nennen kann, ihr wisst sicher, was ich meine) brauchte er vielleicht auch - und genau die fehlte Moritz eigentlich gänzlich.

    Stachelschnecke:


    Gute Frage (ist das so?) ;) Aber wo ist da die Linie, ob man es Liebe nennt oder das Bedürfnis nach Zuneigung, Sicherheit und Halt. Für mich ist dies alles im Begriff Liebe impliziert...

    Ich hatte schon das Gefühl, dass sich beide aufrichtig lieben; denke aber, dass Liebe in diesen Zeiten auch nicht dieselbe war - und sein konnte - wie sie es heute ist. In Friedenszeiten, zumindest hierzulande seit nunmehr ziemlich genau 73 Jahren....

    P.S.: Heute ist ein historischer Tag: 8. Mai 1945 - Kriegsende


    In Frankreich z.B. ist Feiertag, in der "unbewältigten Vergangenheit" (ein Lieblingsausdruck meines Vaters übrigens :-) dieses Landes wird sicher morgen der Millionen Toten gedacht. Und ein Kranz niedergelegt. Ob das ausreicht? In Zeiten von Pegida - und der AfD????

    (schon alleine für diese Partei müsste man sich eigentlich entschuldigen).

    Heute hörte ich, dass in einer Schule einer Kleinstadt in meinem Bundesland - Name der Schule "Sophie Scholl-Schule" Hakenkreuze geschmiert wurden..... Der "Staatsschutz" wurde eingeschaltet.

    Eine große Dramatik liegt nun auch im letzten Leseabschnitt:

    Er beginnt mit Briefen; den nie abgesendeten von Hannah und dem Abschiedsbrief von Moritz...

    Hannah lässt nun die Zuneigung Holgers zu - und erwidert sie erstmals, schön! Es zeugt von wirklich noblem Charakter, dass er Moritz mit ihr suchen will.... - andererseits möchte er auch nicht die no. 2 sein.


    Sehr traurig machte mich die Tatsache, dass Moritz ertrinkt - und ich glaube auch nicht, dass er sterben wollte, sondern in einen Strudel geriet. Andererseits war es grob fahrlässig (welch ein Ausdruck) sich selbst gegenüber, im Dezember in die Oder zu steigen, um sie schwimmend zu durchqueren. Ich fürchte, er hat die Auswirkungen des eiskalten Wassers unterschätzt....


    Als es um den Besuch im Waisenhaus bei Lukas und Elfie ging (Kyritz gab es tatsächlich, las ich im Nachwort) - dachte ich an all die "Wolfskinder" - die Kinder, die im Krieg verloren gingen und (oft in kleinen Banden zusammengeschlossen) umherirrten, bettelten, stahlen, oft hungers gestorben sind.. Diese Geschichte um die Kriegskinder, von der die Erzieherin erzählt, ist mehr als zum Weinen...


    Ich bin traurig, dass Moritz gestorben ist - aber auch voller Hoffnung für Hannah, die in Holger wirklich einen sehr lieben Menschen ehelicht. Berührt hat mich auch der "Erinnerungsschlüssel" Hannahs, die damit all die Lieben ihres Lebens immer bei sich trägt, "weil sie zu ihr gehören". Sie verdrängt den Schmerz um den Verlust nicht, sie stellt sich ihm und betrachtet ihn als ein Teil ihres Selbst, eine starke Frau!


    Mich tröstet ein wenig, dass Moritz' Geschwister später seine Geschichte lesen können; Hannah hat sie aufbewahrt. Ein Teil von ihm ist damit bei seiner Familie, ein gutes Gefühl.

    Ein paar Tage nach der Hochzeit steht die Adoption an: Hannah nimmt die Verantwortung und die Bitte an, sich um Elfie und Lukas zu kümmern; Holger steht an ihrer Seite und: Posthum hat Moritz damit doch noch Gutes getan; er hat den jüngeren Geschwistern eine Familie gegeben, was er ihnen nicht (mehr) sein konnte.

    Was habt ihr anderen denn empfunden, als ihr das Cover gesehen habt?

    Ich habe schon des öfteren von der Problematik der Entscheidung fürs Cover und das (zuweilen mangelnde) Mitspracherecht der Autoren gehört: Ich fände es schon sehr sinnvoll, wenn der Verlag dem Autor oder hier der Autorin mehr Mitsprache- und auch Entscheidungsrechte zugesteht.


    Auf mich hat das Cover eine sehr belletristische Wirkung, die mich jetzt nicht unbedingt zum Kauf verleiten könnte (sorry, liebe Daniela - ich hab's ja trotzdem gekauft ;-)

    Aber der Inhalt eines Buches und vor allem die Thematik, der Klappentext ist viel wichtiger als das Cover. Hinter Covern, die mir überhaupt nicht gefallen haben - oder mit denen ich eigentlich nichts anfangen konnte, haben sich schon die tollsten Romane versteckt - z.B. "Der Vater, der vom Himmel fiel" - J. Paul Henderson; eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre!

    Ganz ähnlich ist es auch hier - aber das Cover passt nicht wirklich zum Inhalt, finde ich.

    Aber schon schnell hat mich der Katzenjammer eingeholt, denn auch wenn ich im letzten Abschnitt spekuliert habe, dass es durchaus eine Option wäre, wenn Hannah mit Holger zusammenkommen würde. Damit meinte ich aber keinesfalls, dass Hannah den Fuchs nie wieder sieht oder gar, dass er doch noch den immer wieder herbeigesehnten Tod finden würde... Die Suche Richtung Osten ist wirklich Wahnsinn, aber Moritz wollte sich eben einmal komplett seiner Verantwortung stellen - auch wenn sein Ansinnen im Grunde als lebensmüde zu bewerten ist. Von daher ist die Überlegung Hannahs, dass der letzte Brief an sie auch so etwas wie ein Testament sein könnte, vermutlich richtig.

    Ich hatte trotz allem nicht den Eindruck, dass er sich wirklich umbringen will. Es war wie ein endloses Ringen nach Erlösung. Er spielte zwar mit dem Gedanken, wie er auch im Krieg schon damit spielte. Aber er war kein Selbstmörder, sonst hätte er es schon längst tun können. Er hoffte immer noch, irgendwie seinen Seelenfrieden wieder finden zu können. Ich bin vor allem traurig, dass er seine Geschwister nicht mehr gefunden hat, obwohl sie noch leben. Das hätte ich ihm so gewünscht.

    *unterschreib* - ich hätte es ihm auch gewünscht und stimme mit Deinen Eindrücken überein....

    Wie es wohl gewesen wäre, wenn er Lukas und Elfie gefunden hätte? Wäre dann doch ein wenig Hoffnung möglich gewesen?

    Ich fantasiere mal, was ihn dazu angetrieben haben könnte, sie zu suchen: Den Verlust so vieler geliebter Menschen zu kompensieren? Einen Teil der Familie wiederzufinden, um sich selbst ein Stück weit wiederzufinden? Seine frühere Identität, sein früheres Selbst, mit dem er gut leben konnte?

    Denn letzeres hatte er völlig verloren durch den Kriegseinsatz: Das passt z.B. zu seiner Haltung seinem Namen gegenüber: er wurde zu Lasky und dann zum Fuchs. Niemals mehr aber sah er sich als den Moritz, der er mal war.


    Ich schließe mal nicht aus, dass er aus dem dunkelsten Tief herausgekommen wäre evtl., wenn er Elfie und Lukas gefunden hätte - er hätte auch Verantwortung gehabt, eine Aufgabe, denn er sah sich noch immer als der große Bruder, der er ja mal war.


    Vielleicht hat diese Verantwortung Holger z.B. geholfen, der für die Flüchtlinge und deren Wohlergehen sich verantwortlich fühlte )"hier auf diesem Hof stirbt mir keiner") - er hatte etwas zu geben; etwas zu tun, etwas Positives, Aufbauendes.

    So sehr ich Moritz auch ins Herz geschlossen habe, ich konnte in Holger keinen Rivalen sehen. Der ehemalige Offizier ist ein so gütiger, zurückhaltender Mann, der mich mit seinem geduldigen Art, um Hannah zu werben, wirklich beeindruckt hat. Alleine die Tatsache, dass er sich mit Hannah auf eine wochenlange Suche nach Moritz macht, hat mich sehr für ihn eingenommen. Alleine die vielen kleinen Momente, in denen er Hannah beigestanden hat, ohne jemals Aufhebens um sich selbst zu machen. Und wenn ich nicht schon längst überzeugt gewesen wäre, dann spätestens an der Stelle, an der Holger mit den Waisenkindern eine Wasserschlacht veranstaltet...

    Ich glaube, er hat uns alle mit seinem sanften Wesen und seiner großen Sensibilität sowie seinem Einfühlungsvermögen Hannah gegenüber sehr beeindruckt; ein wirklich sympathischer Charakter, der jüngste "Ableger" vom Drachen ;)

    Ich streiche mal heraus, was mich an diesem Leseabschnitt am meisten berührt und beschäftigt hat:


    Nach einer langen Liebesnacht geht der Fuchs - Hannah einen Brief hinterlassend. Einiges beantwortet dieser Brief, was hier heftig diskutiert wurde und den Fuchs als Soldaten im Krieg betrifft:

    Er - tötete aus Feigheit und Schwäche, nicht als überzeugter Nazi; er lief zu den Partisanen über, weil es bequem für ihn war, nach dem Tod von Dunja muss er eine Art Racheakt vollführt haben - vielleicht wie ein 'blackout'?

    Wie oft kamen solche Vergeltungsakte zusätzlich zu den Grausamkeiten im Krieg vor? Sehr oft, denke ich (hier in der Nähe, in Lothringen, gibt es ein kleines französisches Dorf, das die SS niedermachte, alle Einwohner in der Kirche verbrennen ließ - als Vergeltungsschlag, da dort 2 SS-Leute getötet wurden).


    Verständlich finde ich, dass er seine beiden Geschwister wiederfinden will (damit ein Stück seiner früheren Identität?) - und er will Hannah freigeben, da diese mit Holger eine bessere Zukunft haben könnte - ein Leben voller Möglichkeiten, das er ihr nicht bieten kann. Aber dennoch ist der Inhalt des Briefes für Hannah leidvoll zu ertragen....


    Die Sätze der Gefühle Laskys (S. 429 Mitte) um den Verlust, den Tod von Dunja beschreibt sehr gut, wie ein Mensch in einer derartigen Schock- und Ausnahmesituation fühlt - und emotional erstarren kann.


    (Bei meinem Vater, der Kriegserlebnisse hatte, die ich bis heute nicht kenne, ist mir oft aufgefallen, wie geradezu "gepresst beherrscht" er war, wenn ihn etwas emotional erreichte, traurig machte. Dann bebte immer seine Unterlippe - aber weinen konnte er nicht).


    Hätte er bloß die andere Richtung gezeigt, wie dubh schon schrieb, hat Lasky nicht damit gerechnet, dass Andrewj sich auch etwas dabei dachte, von der anderen Seite zu kommen. Sehr tragisch, er wollte sie in die Irre führen - und brachte sie auf den Weg zum Dorf....


    Daniela gelingt eine perfekte Beschreibung der Verrohung der Gefühle, die Gewalt und Kriege in Menschen auslösen können - und aus ihnen tatsächlich zuweilen Monster machen; für mich ist dies auch ein Kernthema des Romans - und ein Plädoyer für Frieden und Menschlichkeit!


    Die Arme des Gutsherrn waren nun etwas vorhersehbar, aber gut für Hannah: Sie brauchte jemanden, dem sie erzählen konnte, wie es ihr wirklich ging. Einen Moment lang fürchtete ich, sie könnte sich etwas antun (versuchte sie ja auch). Holger von Morkamp hörte zu und Moritz hatte schon Recht irgendwie; Holger ist verliebt in Hannah, der "klügsten und schönsten aller Flüchtlingsfrauen" - ob sie bleibt oder ob sie geht?

    Holger mag ich sehr, das ist genau so ein Mann der Balsam für die Seele ist. Ein Mann der zu seiner Verantwortung steht, verlässlich ist und auch keine Angst hat, seine Ansichten gegen Widerstand zu vertreten, selbst wenn es die eigene Familie ist. Er ist gebildet und verständnisvoll und herrlich bodenständig. Ich denke, dass dies in der Tat ein Mann wäre, mit dem sich für Hannah etwas dauerhaftes aufbauen ließe.

    Was ich sehr an dieser Figur schätze, ist seine unglaubliche Sensibilität und seine Empathie - fast schon wie nicht von dieser Welt :)