Beiträge von StephanOrgel

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    Las Vegas ist gut getroffen. Die Stadt hatte ich zum Teil tatsächlich vor Augen als ich die bunten Werbeflächen beschrieben habe. Dieses bunte Durcheinander hatte mich vor einigen Jahren bei meinem Besuch dort schon nachhaltig beeindruckt.


    Zum Thema 8.000 gegen 87 gab es doch vor einiger Zeit mal einen Fernsehfilm wo ein entführtes Flugzeug auf ein vollbesetztes Stadion zuflog: https://de.wikipedia.org/wiki/Terror_%E2%80%93_Ihr_Urteil

    Solche moralischen Dilemmata vermischt mit rechtlichen Bedenken finde ich als Autor immer sehr interessant (und manchmal erschreckend).

    Hawking hat u.a. in seinem letzten Buch nicht nur vor Aliens, genetisch modifizierten Supermenschen oder Naturkatastrophen gewarnt, sondern wiederholt auch vor künstlichen, sich selbst fortpflanzenden Intelligenzen, die sich schneller entwickeln als unsere schnöde Evolution. Also wer wenn nicht Hawking wäre als Namensgeber für so eine Direktive geeignet?


    Apropos: lustig finde ich in diesem Zusammenhang übrigens die Vorhersage von Scott Adams (vielleicht hatten die Idee aber auch schon andere), dass die Wissenschaft selbst eines nicht all zu fernen Tages das Konzept des Kreationismus (Intelligent Design) beweisen wird.

    Kurz wird es ja auch in unserem Buch schon angesprochen, dass die mathematische Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass wir alle in einer Simulation leben (Matrix lässt grüßen). In diesem Fall wäre die Wissenschaft also bereits so weit fortgeschritten, dass sie in der Lage ist, eine nahezu perfekte Welt zu erschaffen in der die künstlichen Intelligenzen fest daran glauben, durch evolutorische Vorgänge entstanden zu sein. Unser allmächtiger Gott wäre dann in Wirklichkeit vielleicht nur ein bärtiger alter Mann, der in seinem Bademantel vor dem Rechner sitzt - was diversen historischen Darstellungen ja recht nahe kommt und somit schon beinahe als valider Gottesbeweis gelten kann (ok, aber nur beinahe).


    Und all diese irren Vorstellungen sind vielleicht auch der Grund, warum es Autoren so schwer fällt, ein positives Bild von unserer Zukunft zu malen ;-) (mal davon abgesehen, dass ein gewisses Maß an Dystopie es auch einfacher macht, in einem Roman Spannung zu erzeugen)

    Die immense Recherche hätte ihr in Teilen umgehen können, wenn ihr weiter in die Zukunft gegangen wärt. Bisher kommt es mir so vor, als hättet ihr keinen Science Fiction Roman geschrieben, sondern eher ein futuristisches Buch.

    Ist es das was euch gereitzt hat, zu versuchen ein relativ 'realistisches' Szenario unserer Welt in 100 Jahren zu zeigen?

    Wir wollten definitiv keine bombastischen Weltraumschlachten und auch nicht zu weit in die Zukunft gehen. Ich hatte vor einiger Zeit mal "Pulsarnacht" vom Dietmar Dath gelesen. Das war zwar interessant aber mir auf Dauer dann doch zu abgespaced. Wie du weißt, bleiben wir ohnehin lieber dicht an den Charakteren dran. Das ist nochmal einfacher, wenn man über eine Lebenswelt schreibt, die von unserer gar nicht mal so weit entfernt ist (geschickterweise haben wir das Szenario aber exakt so weit in die Zukunft verlegt, dass man uns vermutlich nicht mehr zur Verantwortung ziehen kann, falls wir völlig falsch lagen). Von daher hast Du vermutlich recht: das Buch könnte beinahe noch als so eine Art von Science Thriller durchgehen.

    Gegenansatz:
    Die Menschen in der Zukunft haben viel mehr Zeit.
    Vor allem, weil der Großteil gar keinen Job hat (und das ist keine aus der Luft gegriffene Idee, sondern wird von den meisten Zukunftsforschern als sehr reale, kommende Entwicklung betrachtet

    In diesem Zusammenhang fand ich "Ready Player One" interessant, wo sich alle Welt die Zeit in diesem riesigen Online-Spiel vertreibt. Ich denke auch, es wird so ein bisschen wie im Römischen Reich werden, wo die Hauptarbeit von Sklaven verrichtet wurde und man als wohlhabender Bürger viel Zeit für Brot und Spiele hatte. Die Einen werden den ganzen Tag vor dem Bildschirm (früher: Arena) verbringen, während andere (allerdings wohl die Wenigsten) sich in irgendeinem Handwerk perfektionieren (kochen ;-) ) oder anfangen, zu philosophieren.


    Das ist übrigens der Grund, warum ich glaube, dass die Japaner diesen Wandel mit am besten verkraften: Einerseits haben sie weltweit mit die besten Online-Zocker und andererseits perfektionieren sie es, irgendwelche Striche in die Landschaft zu malen, Steine in Gärten anzuhäufen oder stundenlang an einem Holzstück herumzuschnitzen. Die Chinesen kriegen es vielleicht auch irgendwie hin. Die haben ja heute schon Kredit-Systeme für gutes Verhalten (was ich ziemlich gruselig finde).

    Du scheinst essenstechnisch eher nicht zu den Genussmenschen zu zählen, richtig? ;-)

    Bei mir Zuhause wird selbst bei Zeitmangel abends gemeinsam gekocht und gegessen, weil es neben dem Geschmacksfaktor ja auch eine stark soziale Komponente beinhaltet. Und sollte ich jemals meinen Kaffee (Genussmittel! Das Koffein ist tatsächlich zweitrangig) in Pillenform zu mir nehmen müssen, würde ich vermutlich schon nach wenigen Tagen Klein-Paris abfackeln...

    Was das Essen im Stress angeht, hast Du aber natürlich recht. Da wäre eine Pille vermutlich besser, als sich zwischen Tür und Angel irgendwelchen Fertigfraß reinzuzwängen.

    Achso, mir ist noch eine Frage eingefallen: Im Gespräch mit Moses Moletsane ist einmal von einem DNA Leser und einmal von einem DNS Leser die Rede (bzgl Fingerabdruck). Gibt es da einen Unterschied?

    Aufmerksame Leser sind echt eine Plage ;-)

    Es gibt tatsächlich keinen Unterschied. Das eine ist der englischsprachige Begriff, das andere der deutsche (S steht für Säure, A für Acid). DNS wird inzwischen eher weniger verwendet und wir haben beim Korrekturlesen nur vergessen, es abzuändern.

    tomorgel und StephanOrgel

    Wie kam es eigentlich, dass ihr diesmal einen Science Fiction-Roman statt Fantasy geschrieben habt?

    Terra ist ein Einteiler, oder?


    Könnt/Dürft ihr schon etwas über eure nächsten Projekte verraten?

    So aufwendig ist die Frage gar nicht zu beantworten, warum es diesmal ein Science-Fiction-Roman wurde: weil wir es können ;-)

    Nee, im Ernst: wir hatten eine ganze Handvoll Konzepte in der Schublade (u.a. auch zwei Science Thriller und mehrere Fantasy-Romane). Heyne war aber gleich von Anfang an von dem Terra-Konzept begeistert und da haben wir uns natürlich nicht gewehrt. Letzten Endes stehen wir hinter jeder unserer Ideen, denn wir wollen in erster Linie ja Geschichten über Menschen (oder Zwerge oder Orks) erzählen. Da ist das Genre beinahe schon zweitrangig - obwohl die Fantasy einem natürlich eine Menge Freiheiten gibt, die in der Science Fiction z.B. durch physikalische Gesetze (= die Wirklichkeit) und ähnlicher Störfaktoren deutlich eingeschränkter werden. Nachdem wir dieses Buch geschrieben haben, wissen wir erst, was für ein immenser Rechercheaufwand manchmal hinter so einem Buch steckt.

    Wir sollten lieber unseren eigenen Planeten richtig kennenlernen und ihn lieber schützen, als sich Gedanken darüber zu machen, ob man irgendwann auf dem Mars leben kann oder nicht.

    Das hast Du sehr schön geschrieben. So sehe ich das auch.

    Warum nicht beides tun?

    Erstens müssen wir tatsächlich mit der Möglichkeit rechnen, dass die Erde irgendwann von einer gewaltigen Katastrophe heimgesucht wird, zweitens ist die Erforschung des Weltraums eine unglaublich faszinierende Perspektive (nicht zuletzt der Blick zurück auf diesen zerbrechlichen Planeten - Astronauten und Kosmonauten betonen ja immer wieder, wie sie dieser Blick erst davon überzeugt hat, wie sehr wir uns bemühen müssen) und drittens gibt die Menschheit so viel unnützes Geld für unnütze Dinge aus, dagegen ist die Weltraumforschung etwas, wofür ich jederzeit einstehen würde.


    Ich bin gerade im sechsten Leseabschnitt und mir fällt auf, das ihr sehr detailreich die Kampf- und Kriegsszenen beschreibt, z.B. den Kampf von Flüster mit dem Kolnorer.
    Wovon sind diese Beschreibungen inspiriert? Film? Rollenspiel? Oder habt ihr euch auch mit mittelalterlichem Schwertkampf in Theorie und Praxis beschäftigt?


    Ich lese massenhaft Zeitschriften zum Thema Mittelalter (G-Geschichte, Damals, PM History und, besonders ergiebig zum Thema Mittelalter und Waffenkunst, die Karfunkel) und habe außerdem ein paar Bücher zum Thema Schwertkampf. Theoretisch bin ich also ein gefürchteter Gegner, praktisch wäre ich im Mittelalter so gut wie tot.


    Tom und ich legen Wert darauf, dass die Kämpfe nicht all zu unrealistisch ausfallen. Heldenhafte Bühnenkämpfe finden wir beide albern und schauen daher immer, dass es ordentlich rüberkommt. Von daher denke ich mal, dass Rollenspiel eher keine gute Inspirationsquelle wäre, da die meisten Systeme wenig realistisch sind (ist ja auch nachvollziehbar, weil sonst auch der stärkste Held viel zu schnell durch einen unglücklichen Treffer getötet würde und der Spielspaß leiden würde).


    Zu der Flüster-Kampfszene hatte ich keine spezielle Inspirationsquelle, hatte mir aber einen Schlagaustausch aus dem Fechtbuch von Thalhoffer angeschaut, damit der Ablauf einigermaßen passte.


    Genau! Ich hätte vorher auch gedacht, dass er genug Ehre und Selbstrespekt hat, um sich nicht volllaufen zu lassen und im Rausch ungeliebte Feinde abzustechen. Mich hat es nämlich wirklich überrascht, dass Danil das gemacht hat, ich hätte ihn dafür verfluchen können.
    (...)
    Marten, unser Schürzenjäger. Ich finde ihn immer noch unglaublich sympathisch, weil ich solche undurchschaubaren Hitzköpfe oft mag, aber hier musste er ein paar Sympatiepunkte einbüßen. Er hat sich für meinen Geschmack etwas zu oft und zu schnell von möglichen Flirts einwickeln lassen.


    Vielleicht sind wir immer noch viel zu sehr vom Bild des edlen Ritters aus Abenteuerromanen geprägt, der die Minne beherrscht, Etikette und was sonst noch dazu gehört. Da Tom und ich uns aber beide sehr für Geschichte interessieren, haben wir natürlich die ganzen Negativbeispiele vor Augen. Theoretisch sollte der Ritter natürlich ehrenhaft sein, praktisch war er viel zu oft nur ein Drecksack der seinen Status ausgenutzt hatte, um Schwächere zu unterdrücken (und das zieht sich durch alle Kulturen und Epochen - ich denke da z.B. an die "edlen" Samurai die bei Weitem nicht so edel waren, wie man heute manchmal denken will - oder natürlich das Paradebeispiel Götz von Berlichingen). Gegen die Wirklichkeit sind Danil und Marten fast sogar brave Waisenjungen. Sie sind zwar nachlässige Herumtreiber aber zumindest keine brutalen Sadisten oder Wegelagerer.


    Ja die Reisenden sind mir bisher auch nicht sonderlich sympathisch. Irgendwie wollten sie wohl götterfrei leben (kein so schlechter Gedanke), vernichten sie und erfahren heute selbst göttergleiche Verehrung. Schon merkwürdig. Ob sie wohl selbst an diesem Stats gearbeitet haben? Oder ist es erst viel später geschehen, da die Menschen nach Orientierung gesucht haben?


    Furchtbar, oder? Die "Menschheitsretter" Stalin oder vor allem Mao Zedong könnten ein Lied davon singen, nach ihrem Tod wie Götter verehrt zu werden. ;)
    (und würden sich sicherlich geschmeichelt fühlen)


    Interessant finde ich, dass ich ohne mehr zu wissen, die Kaiserin und ihren Berater mag und andere, ohne mehr zu wissen Marten und Cunrat mögen.


    Letztens in einer Rezension erwähnte eine Leserin in Bezug auf die Charaktere unserer Bücher den Frank Underwood aus der Serie "House of Cards" (der ja eigentlich ein mieses Arschloch ist, aber irgendwie doch ganz cool ...). Sie wusste offenbar die ganze Zeit nicht, ob sie diese oder jene Charaktere nun mag oder nicht - und das hat sie an dem Buch fasziniert. Finde ich toll, wenn das so rüberkommt. Genau so ist es ja auch beabsichtigt.


    Dass die Kaiserinmutter und Thoren ein Verhältnis haben steht für mich aber außer Frage. Zumindest sind sie sehr vertraut miteinander. Muss ja nicht heißen, dass sie zusammen ins Bett gehen.


    Ach vielleicht ist das Verhältnis zwischen den Beiden ja nur die holde Minne (vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wollen wir euch ja nur auf den Holzweg führen ;) )


    An die BBC-Musketiere hatte ich auch eher gedacht ;D


    Verdammt, und ich habe jetzt aus irgendeinem Grund die ganze Zeit die Mausketiere vor Augen ...
    Ich habe zwar die BBC-Musketiere nie gesehen, aber von den Bildern her würde ich auch sagen, das passt. Weniger Renaissance-Plüsch, dafür deutlich mehr Dreck.


    Genau in diese Richtung zielte meine Frage. Es geht nicht darum Geschichten endlos auszuwalzen. Aber in eine Welt steckt viel Arbeit: Länder, Städte, Völker und Historie.
    Vor diesem Hintergrund ist es doch schade, wenn man nur eine Geschichte daraus erzählt. Terry Brooks z.B. macht das seit Jahren sehr gut mit seinen Shannara- Romanen.


    Da ich ja zu jedem passenden und unpassenden Zeitpunkt meinen Lieblings-Fantasyautoren Joe Abercrombie erwähnen muss, erwähne ich an dieser Stelle gern seine Buchreihen und diversen Einzelbände die außer der gemeinsamen Welt zum Teil nichts miteinander zu tun haben müssen, in denen aber immer wieder altbekannte Charaktere auftauchen. Manchmal als Hauptperson, manchmal als unwichtiger Nebencharakter. Ich liebe solche Augenblicke, wenn ich einen ehemaligen strahlenden Helden in einem abgewrackten Streuner wiedererkenne und mir denke: Oha, was dem wohl in der Zwischenzeit widerfahren ist? Sehr schön ist natürlich auch, den Helden aus dem einen Buch aus der Sicht anderer Menschen zu sehen, die ihn gar nicht mehr so strahlend sondern eher tyrannisch finden (oder anders herum). Genau aus dem Grund liebe ich solche Welten - gern auch über mehrere Buchreihen hinweg.


    Bei einem Einzelband steht das Ende und der Weg dahin wahrscheinlich schon vor dem Schreiben fest. Ist das bei der Triogie auch so? Also wisst ihr jetzt schon genau was Figur A in Band zwei und drei machen oder plant man nur den Schluss und die grobe Rahmenhandlung und lässt die Details treiben.


    Tatsächlich steht das Ende der Trilogie noch nicht hundertprozentig fest (vor allem wissen wir selbst nicht so genau, wer alles überlebt ;) ). Es gibt aber natürlich eine Rahmenhandlung bzw. einen Handlungsbogen der sich über alle drei Bücher hinweg spannt. Wir kennen also die meisten Intrigen, Verräter und Ereignisse bis hin zum großen Finale und wissen, was die meisten Charaktere vorhaben. Die Details ergeben sich dann mehr oder weniger aus dem Schreiben heraus. Gerade Nebencharaktere können da immer wieder noch eingreifen und uns Autoren mit besonders interessanten Aktion auf sich aufmerksam machen (um damit vielleicht im nächsten Band eine bessere Gage einzufordern).


    Aktuell schreibe ich an Kapiteln über einen Nebencharakter aus Buch 1 der sich in Buch 2 zu einem Hauptcharakter entwickelt. Je nachdem wie er sich benimmt, wird er in Buch vielleicht nicht mehr auftauchen oder eine noch wichtigere Rolle erhalten. Mal sehn ;)