Beiträge von ClaudiaB

Leserunden.de wurde am 31.12.2018 eingestellt. Registrierungen und Antworten sind nicht mehr möglich. Der Betrieb geht im Bücherforum von Literaturschock weiter.
Leserunden.de positioniert sich. Nazifreie Zone, denn wer neben Nazis marschiert, ist entweder selbst ein Nazi oder eine nützliche Marionette der Nazis. Andere Kategorien gibt es nicht.

    Hallo in die Runde,
    auch euch vielen Dank - für die Rezensionen und die anfangs so rege Beteiligung. Es ist halt nicht immer so, dass man entschleunigt über Entschleunigung diskutieren kann, der Alltag kommt eben oft dazwischen. Bei mir ist es auch gerade etwas hektischer geworden, deshalb hier nur eine kurze Rückmeldung. Es hat viel Spaß gemacht, mich euch über diverse Dinge, auch abseits vom Buch, zu diskutieren und manchmal in diesen Diskussionen richtig tief zu gehen und zu fragen, ohne immer gleich Antworten parat zu haben. Interessant sind doch erst einmal die Fragen, die oft zu weiteren Fragen und intensiverem Nachdenken führen.
    Es war eine sehr schöne Runde!
    Liebe Grüße und euch eine nicht zu beschleunigte Zeit mit Reisen und Touren und Langsamkeit ...
    Claudia

    Zitat

    Es ist die eigentliche, die Ur-Einsamkeit, die jeder Mensch in sich trägt, die uns auch so verletzlich macht, und die man, je älter man wird, stärker spürt. Und nur im Jetzt ist - wenn überhaupt - Nähe möglich.


    Ja, das empfinde ich gerade absolut so. Im Buch war das noch eher ein Ahnen und Tasten, im Moment ist es "wahr". An dem Wahrheitsbegriff bin ich noch ... ich würde gern noch einmal darauf eingehen, wenn ich meine Gedanken sortiert habe. In der modernen Philosophie ist die Wahrheit eine diffizile Angelegenheit ... Und das Anzweifeln einer objektiven, bestehenden Realität hat ebenso wie die Existenz der vielen Wahrheitsfacetten im persönlichen Bereich mit dieser "Ur-Einsamkeit" zu tun, glaube ich.



    Zitat

    Was mich dann allerdings interessiert ist, ob Josefine es stören würde, dass er jünger ist. (Aus dem Grund, dass zwei Freundinnen jüngere Männer (2 & 3 Jahre, also relativ wenig ) und damit trotz allem ein 'Problem ' haben. )


    Interessant, was ihr alle zu Jörn sagt. Mir geht es beim Schreiben so, dass ich relativ viel über das Leben meiner Figuren nach Romanende weiß. Manchmal denke ich auch gern darüber nach, was sie wohl machen. Nur bei Josefine und Jörn gelingt mir das weniger als bei anderen, ich kann ihre Beziehung nicht wirklich fassen. Ich glaube, dass Jörn sie für Vorträge etc empfehlen wird, er hat ja Kontakte, dass Josefine durch ihn ein neues Betätigungsfeld finden wird. Und ich ahne eine gewisse Zärtlichkeit zwischen den beiden. Keine Ahnung, was daraus wird ... Der Altersunterschied wird definitiv kein Problem sein, für beide nicht. Darüber bin ich mir wiederum sicher.


    Zitat

    Dialog, es geht um Munas Eindrücke unter Wasser - und die Pizza. Und Josefine fragt genauso: nach Munas Todeswunsch und der Pizza. Und wieder antwortet Muna auf beiden Ebenen: Führ mich bloß nicht in Versuchung (Tod) - und - Vielleicht haben die Möwen ja Lust (Pizza). Josefine sagt später, Muna habe auf die Frage nicht geantwortet, aber sie hat.
    Muna geht in Folge immer wieder allein mit Jensen zum Tauchen - und es passiert nichts. Und dann, als Josefine zum ersten Mal wieder mit taucht, passiert es, Muna wird ohnmächtig (ich hatte zuerst "ohnmöchtig" geschrieben !). Für mich kommt das so an, dass sie von Josefine zwar in Versuchung geführt wird, aber zugleich auch von ihr gerettet werden will.


    Exakt! Das glaube ich auch, es ist zwischen beiden, und beide suchen diese Situation oder - Mann, wie esoterisch - die Situation sucht sie. Und sie wissen es beide bzw ihre Unbewusstseine - KREISCH! Angelika Jodl, darüber müssen wir dringend bei der Lesung reden, dringend: Über den Plural von Unbewusstsein, wir hatten es doch eh mit dem Plural!! - also ihre Unbewusstheiten wissen es. Ohnmöchtig sagt doch alles. Barbara, ich freu mich so, dass du diesen Dialog so siehst! Und die Möwen verkörpern auch noch das Ego dabei ... (Meins! Meins! Meins! Das, was Josefine dann später auch noch mal in ihrer Wohnung macht, in der Situation mit den Tüchern.)


    Zitat

    Jetzt hab ich ihr das Buch entrissen 8)! "Dieser Moment ist weit, sanft, zärtlich und Josefine weiß, dass Zeit nur eine Illusion ist wie alles andere." - Das ist so wunderbar und tröstlich und so sehr poetisch.


    Auch das freut mich so sehr. :-[ Für mich ist diese Situation ... alles, was Muna in diesem Moment und später betrifft: Liebe. Im Jetzt, die einzig mögliche - oder wahre ;) - Form von Liebe, frei von Illusionen. Grüß doch bitte deine Schwester von mir, Barbara!!


    Auf alles andere gehe ich später noch mal ein. Und liebe Andrea, mach dir keine Gedanken ... Hauptsache, die Inspirationen kommen. 8)
    Liebe Grüße in die Runde
    Claudia

    Ich wollte damit nicht sagen, dass Wahrheit nicht der richtige Begriff sei. Ich glaube, es gibt gar keinen einzigen, allein richtigen Begriff dafür, für die Authentizität einer Erinnerung.
    Mich hat einfach die "Wahrheit" an sich interessiert - da der Begriff in der Diskussion aufkam.
    So, wie Maike es formuliert hat, gehören zu einer (überprüfbaren) "Wahrheit" zwei, die sich erinnern. Smyrill sagte, es reiche einer. Und ich fragte: Was ist überhaupt Wahrheit? :)
    (Haben sich ja bereits einige Philosophen daran versucht ...)


    Erinnerungen sind so etwas erschreckend Persönliches. Wer weiß, wie diese Geschehnisse, an die wir uns erinnern, "wirklich" waren? Die Forschung sagt ja, dass sich die Erinnerungen mit den Menschen verändern, dass sie nichts eindeutig Festgelegtes, sozusagen Gespeichertes sind.

    Interessant, was ihr sagt! Ich geh erst einmal auf ein paar Sachen ein ....


    Zitat

    Und diese Person hat mir dann nach der Sitzung gesagt: Meine Angst ist ein Wolf 8) - und der Wolf ist ein Lehrer, den ich lieben soll. Dä!


    Aber da haben wir's doch: Deine Angst ist ein Lehrer und ein mutiger Wolf ... (also doch: Mut ist nur eine Form von Angst ...)


    Zitat

    Die Ama - gibt es sie wirklich und wie bist du auf sie gekommen?


    Da kamen mir ja einige zuvor, danke! Ja, es gibt sie wirklich (siehe Link) und ich muss wohl früher mal einige Filme über sie gesehen haben. Das fiel mir dann wieder ein und ich habe noch mal recherchiert und mir wieder Filme über sie angesehen und Berichte gelesen von Personen, die zu ihnen gereist sind. Ursprünglich wollte ich Muna mit Geräten tauchen lassen, dann faszinierte mich das Apnoetauchen aber immer mehr, weil es eben so etwas Meditatives hat und man Meditationstechniken anwenden muss, um es überhaupt tun zu können (was beim "normalen" Tauchen weniger der Fall ist) und Muna hätte das auch nicht so einfach überall unterrichten können. Dann hat mir auch gefallen, bzw gepasst, dass dieses Tauchen der Ama (und anderen asitatischen Frauen) so etwas Urweibliches ist. Und das Apnoetauchen passt auch perfekt zu Josefines traumatischen Ängsten ...


    Zitat

    Claudia, hast du eigentlich diese Zahlenkoinzidenz geplant von vornherein oder ist das erst während des Schreibens passiert: M, die Zahl 13, Josefine war 13 als der Vater starb ...


    Ich hab weder den Buchstaben M noch die Zahl geplant, ich wusste es selbst nicht ... Das Schreiben und Erscheinen des Buches war von sehr vielen Synchronizitäten begleitet und das hat gezeigt, wie es sein kann, wenn man sich auf diese Welt einlässt. Ich bin ganz und gar nicht esoterisch, bin eine Skeptikerin wie Josefine, muss ich dazu sagen. Aber während des Schreibens hat sich alles gefügt, die richtigen Symbole am richtigen Platz, wie zb das M (mir fiel auf, dass einige Namen mit M begannen, ich ließ mich einfach darauf ein und machte es zum Thema und es passte genau) aber auch anderes, das einzige, was ich tun musste, war wachsam sein, was die Intuition betraf, sie zulassen. (Man schreibt ja meist intuitiv und ich war nie eine Planerin, aber diesmal war es schon extrem ...)


    Was Jörn Weil betrifft: Glaubt ihr, die beiden kommen noch zusammen? Würde mich interessieren ...
    Liebe Grüße
    Claudia

    Zitat

    Und dann kommt Josefine an und ist fast enttäuscht, dass Muna wirklich (da) ist. Auch wieder so eine besondere Situation: Der Abend auf dem Campingplatz, Josefine in ihrer teuren Hütte, und der Abend bricht ein und mit ihm wieder mal Robert - und plötzlich wirkt der Platz unheimelig. Ihr wird ihre Einsamkeit bewusst. Und als Muna eintritt erscheint der Campingplatz weniger trostlos - es ist ein Gegenüber da.


    Schön, dass du das erwähnst. Das war mir sehr wichtig. Es ist nicht nur ein Gegenüber da, sondern dieses Gegenüber befindet sich in der Gegenwart. Wie esoterisch Muna auch immer tut, sie ist die meiste Zeit wirklich im Jetzt (sofern man das sein kann.) Und ich glaube, das verändert die Ausstrahlung. (Habe einiges gelesen über taoistische Meister in China und wie ihre Schüler sie wahrnahmen ... und habe auch selbst einige Erfahrungen mit Menschen, die stärker im Jetzt zu leben scheinen als andere.)


    Zitat

    Interessant: Man braucht die Angst, um Mut zu entwickeln. Das war mir neu. Ich weiß nur, dass Mut ganz verschieden definiert wird, was mein Noch-Mann als Angst definierte, empfang meine alte Freundin als sehr mutig. Trotz Angst, oder mit Angst dennoch etwas tun - ist das Mut? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man Angst nicht wegreden kann.


    Angst und Mut - treibt mich schon lange um. Und da ich mich selbst als große Angsthäsin erlebe, war es für mich ganz natürlich, zu dieser Theorie zu kommen. Kennt ihr das Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen?" Der Held kennt keine Angst, und begegnet allen Herausforderungen und mehreren Spuknächten im Schloss ganz pragmatisch und vertreibt den Spuk. Er bekommt die Königstochter und das halbe Reich - aber ihm fehlt etwas. Er kann immer noch keine Angst empfinden und wird unglücklich. Erst, als die Königstochter ihm einen Eimer Fische ins Bett schüttet, schafft er es, sich zu gruseln. Und wird endlich "ganz."
    Tja, was sagt uns das: er hat die weibliche Seite/das Unbewusste zugelassen? Aber wie dem auch sei, sein Mut ohne die Angst war schal, erst mit der Angst wird er glücklich und vollständig.


    Mir wird übrigens auch oft gesagt, ich sei "mutig". Aber ich empfinde mich als ängstlich. So ist Angst wirklich Definitionssache ...



    Zitat

    Diese Vorsilbe hat was Negatives und zwar (nicht moralisch gemeint, nur logisch) im Sinne von: Ich gebe etwas endgültig weg von mir; also ich – vergesse, verliere, versende, vergebe (eine Schuld, jetzt isse weg) – bis zu vermenschliche (z.B. etwas Tierisches, dem ich damit das Tierische wegnehme) etc.


    Dann lass uns das vermaledeite ver doch mit hineinnehmen! Verflixt und verheiratet nochmal! :P



    Zitat

    Was mich aber auf Josefine und Robert bringt. Die beiden haben nicht geheiratet und hatten keine Kinder. Sie war immer bruflich unabhängig von ihm, auch wenn sie ihn mit der Schweinerei unterstützt hat. Es ist also nicht so, dass er in der zweiten Lebenshälfte das gleiche Ding nochmals durchzieht wie viele Männer, die dann ihre Familie verlassen und eine Zweitfamilie gründen.


    Wobei man aber berücksichtigen muss, dass Robert 55 ist. Eine sehr späte Midlife-Crisis. Wie gesagt, im Rechnen war er nie besonders gut. Josefine konnte sich also denken, dass er mit Kinderwünschen bereits abgeschlossen hatte ...
    Und ja, ich erzähle wenig über Robert, aber ich denke, dass sein Kinderwunsch, falls er ihn jemals hatte, ihm jedenfalls nicht bewusst war. Josefine hat ja sogar die Verhütung absichtlich vergessen in ihren Anfangszeiten - und es kann gut sein, dass sie auch mal vorgefühlt hat, wie es bei ihm so aussieht, was wäre, wenn sie jetzt ... Und vielleicht hat sie gespürt, dass er in dieser Situation, in der er war, im Begriff, seinen Laden aufzubauen (auch das war ja für ihn eine große Veränderung), kein Kind gebrauchen konnte.
    Josefine war sich also ziemich sicher, dass sie sich beide in diesem Punkt einig waren. Und auch ihre eigenen Wünsche waren eher diffus.

    Zitat

    Mareike scheint voll in sein Geschäft eingestiegen zu sein, sie lässt sich gleich auf der ganzen Linie auf Robert ein


    Ja, das brauchen viele Männer eben ... ;)

    Zitat

    und es würde mich nicht wundern, wenn die beiden heiraten würden. Vielleicht ist es diese Bereitschaft, sich ganz auf ihn einzulassen, die Robert an ihr schätzt und die ihn bewogen hat, Josefine zu verlassen.


    Ich denke, es gab Zeiten bei den beiden, in denen sie sich aufeinander eingelassen haben, Josefine und Robert. Nicht nur ganz zu Anfang, in der ersten Verliebtheit, auch später. Auf einer erwachsenen oder nennen wir es gleichberechtigten Ebene.
    Was jetzt mit Mareike passiert, ist ein wenig anders ...

    Zitat

    Denn Josefine hat ihn immer auf Distanz gehalten, vielleicht nicht am Anfang in ihrer ersten Verliebtheit, aber später ganz sicher.


    Und sie hat geglaubt, auch Robert brauche diese Distanz. Was dann passierte, war das, worüber wir unter dem Thema "Verhüllung" gesprochen haben - finde ich nach wie vor hochinteressant. Wie lange hält man es aus, sich vor dem Partner nackt zu zeigen, seelisch, körperlich, roh und verwundbar. Für Josefine besonders schwierig, da gebe ich dir recht, und natürlich ist die Bezeichnung "Klischee" abwertend und hilft ihr erstmal, sich davon zu distanzieren.

    Zitat

    Ich habe es nicht so sehr als Flucht empfunden, dass sie dann weiterfährt. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass sie diese Prozesse, in denen sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, jetzt erst richtig in Gang kommen und sie nicht aufhören möchte. Vielleicht ist sie hier schon so intuitiv, dass sie weiß, was gut für sie ist.


    Auf jeden Fall konnte sie so nicht zurück ... der Weg war ihr versperrt. Also weiter. Und ja, der Rest ist sicher Intuition, Josefines und auch meine. :)


    Zitat

    Das mit den Erinnerungen finde ich super spannend - auch gerade die Frage, was passiert mit Erinnerungen, die ich mit niemandem mehr teile? Also denen, an die nur noch ich mich erinnere, weil sonst niemand mehr da ist, der/die noch davon weiß? Das finde ich nicht nur einsam, sondern manchmal kommt mir dabei auch der Gedanke, ist die Erinnerung, bzw. sind die Geschehnisse überhaupt noch wahr, wenn sich sonst niemand mehr daran erinnert ...?


    Zitat

    Ich finde, wenn sich noch EINER dran erinnert, dann ist es noch wahr... wäre ja auch traurig, wenn das nicht reichen würde.


    Da müssten wir erstmal Wahrheit definieren ...
    Gerade über "wahre" und "falsche" Erinnerungen ist ja viel geforscht worden.
    Aber Wahrheit ist in diesem Falle nicht das objektiv Richtige (was man auch definieren müsste) sondern eine Erfahrung oder Empfindung, wenn ich es richtig verstehe.
    Herzliche Grüße in die Runde
    Claudia

    Zitat

    Mir gefallen diese Assoziationsreihen: ent- ohne Ende (Wir haben früher Assoziationsketten gebildet: in sieben Schritten von Pinsel zu Himbeereis). Das erinnert mich an Assoziationen, die ich selbst vor ein paar Jahren mal durchgespielt habe, alles mit ver- - und kam zu der Einsicht, dass Vieles mit ver- etwas Negatives vermittelt. Ich stieß dann darauf, dass vor mir schon berühmtere Personen dieses Spiel mit ver- getrieben haben (die Namen fallen mir wieder mal nicht ein, ich glaube, einer war André Heller: Verheiratet ist auch kein gutes Wort!)


    Hihi, verheiratet, das ist verflixt. Mit ver- hab ich auch schon viel verarbeitet und verwurstet (auch verwüstet) manchmal auch eine Erkenntnis verschenkt ... ver- das stellt sich quer, oder Mme Rennpferd-Grammatik? Wäre ver nicht auch was für unsere gemeinsame Lesung? Ent, be, ver.
    (Ich bin beheiratet ... nee, geht nicht, aber ich bin beheiratet worden, das geht. Bezirzt, beschenkt, beringt! Dann bin ich verheiratet, da steckt der Kampf und der Krampf und das Verbundene, verzweifelt Verbandelte drinnen ... und dann bin ich vielleicht entheiratet. Befreit ... Ach ja, die Form, sie hat Macht über uns, ja. Und wir wollen sie nicht entmachten ... dann würden wir in der Freiheit schnell nach neuen Formen suchen :) )


    Zitat

    Dieser Gedankengang auf Seite 170 hat mir gut gefallen und dieser fast mantraartige, aber auch altmodische Spruch bringt auch noch einmal eine neue spirituelle Dimmension in das Thema Entschleunigung. Das fand ich sehr schön.


    Danke!! Das war mir sehr wichtig, diese Dimension. Und ich glaube auch, dass man das jetzt nur erleben kann, wenn etwas einen ansieht (und seine Zustimmung gibt zu diesem speziellen Moment) Was dieses Etwas ist, das weiß ich nicht.


    Übrigens war mir die Sache mit den Flüchtlingen auch verdammt wichtig; ich schrieb ja parallel zu den untergehenden Booten, den Schreckensnachrichten, den Kommentaren im Netz - und verzweifelte fast, immerhin ist Josefines Reise eine Luxusreise, irgendwann glaubte ich, dieses Buch nicht mehr weiterschreiben zu können angesichts dieser Realität. Dann war irgendwann klar, die Flüchtlinge müssen in die Geschichte.


    Zitat

    Was genau ist für euch das Lonesome Cowgirl Gefühl? Und worin besteht für euch der Unterschied zur Einsamkeit?
    Einsamkeit ist immer gleich so negativ besetzt... weil sie nicht selbst gewählt ist? Weil sie traurig macht und man sich evt. verloren fühlt?
    Das Lonesome Cowgirl Gefühl vermittelt eher einen positiven Eindruck. Josefine und ihr Rad. Mutig. Die Natur und Zwiesprache mit selbiger. Wenige Worte, dafür umso mehr Empfinden...?


    Ja, was ist das für euch?
    Für mich ist es eine positive Einsamkeit mit einer Portion Melancholie. Joni Mitchell singt in "Heijra": There's comfort in melancholy. Ich glaub, das ist es. Josefine geht voran, weiß um ihre Einsamkeit (ohne Alleinsein zu empfinden, All-Eins-Sein mit der Natur und der Welt wie in den spirituellen Momenten) sie ist mutig, sie ist gut zu sich und sie ist gleichzeitig ein bisschen selbstironisch. Das Cowboygebaren ist männlich, manchmal in alten Filmen schon etwas albern, der harte Cowboy, der aus der Stadt reitet, nachdem er für Ordnung gesorgt hat, er kehrt zurück in seine kantige Einsamkeit oder geht in den Saloon... und Josefine sieht die Familien am Strand, die ihre Kinder einsammeln und die Paare, die zum Abendessen gehen und kehrt zurück in ihr Hotelzimmer (oder lässt die Einfamilienhaus-Paradiese und Alltagsgefängnisse hinter sich) und ist ganz bei sich ... immer mit einer gewissen Sehnsucht.


    Zitat

    Die Episode mit Antonio hatte ich seit dem ersten Lesen völlig vergessen. Warum? Darüber muss ich wohl nochmal nachdenken. Obwohl es auch da ähnliche Erinnerungen gibt, lang lang ist's her. Wie sie mit Antonio an Deck der Fähre schläft und er ihre Hand festhält, so kindlich unschuldig. Eine Berührung ohne Begehren - so schön und so selten.


    Stimmt, hat etwas ganz Klares, Starkes, so eine Berührung ohne Begehren. Ich persönlich mag die Beziehung zwischen den beiden, die sowas Unschuldiges hat und etwas von tiefem Verstehen (hoffe ich), aber dennoch so flüchtig ist. Antonio hat ein ein reales Vorbild, allerdings mehr eine Inspiration als eine wirkliche Vorlage (Begegnung in Nordnorwegen, sehr kurz, hat mich aber beeindruckt).


    Zitat

    Was wissen wir von unseren Müttern, von deren Sehnsüchten, deren Einsamkeiten ... was wissen unsere Kinder von uns, was wir von unseren Kindern? Es gibt dieses schöne Gedicht von Khalil Gibran: Deine Kinder ... leben in dem Land von morgen, das du nicht betreten kannst. Ist nicht unsere Sehnsucht nach der Mutter (meine ist auch schon lange tot) die Sehnsucht nach dem Land unserer Kindheit, in das wir nicht zurückkönnen? Selbst wenn sie noch lebte. Und wenn die Eltern tot sind, ist diese Verbindung abgeschnitten, wer teilt noch die Erinnerungen? Sind die überhaupt wahr?


    Das finde ich superschön, deshalb zitiere ichs hier.
    Ich glaube, dieses Nicht-Wissen-voneinander macht uns mehr zu schaffen als wir wahrhaben wollen. Und Erinnerungen sind etwas Einseitiges, deshalb auch Einsames, etwas Inselartiges (oder Verinseltes?)

    Zitat

    Mir gefällt, wie nun diese verschiedenen Josefines miteinander streiten, die bedachtsame, die ängstliche, die planende und die abenteuerlustige (Es gibt eine Betrachtung von Bonnhoefer zu diesem Thema: Wer bin ich? Bin ich der ... oder der andere ... Es geht also nicht nur Josefine so [wieviel Josefine in uns?]).


    Ja, die vielen Facetten unserer selbst, die sich bei näherer Ansicht doch als so flüchtig erweisen. Dazu kommt ja später auch noch mehr ...
    Und, was du über das Trauern sagst, Barbara, da schließe ich mich Smyrill an: Soweit ist es noch gar nicht. Einmal der Schock: Leben ohne Gegenüber, dann Suche nach Gegenübern (hihi), Verdrängung, Flucht. Da hat Josefine noch dran zu knabbern. Aber das Jetzt bzw die nächsten Ereignisse lenken sie auch davon ab. Vielleicht wird sie später noch einmal trauern müssen.
    Liebe Grüße
    Claudia

    Hier hat sich ja einiges angesammelt ... :winken:


    Zitat

    Wieder mal ein Beispiel für diese glatten, gekonnten Übergänge vom Jetzt in die Vergangenheit: "Mit den Füßen voraus. So fährt man Liegerad, und so wird man zu Grabe getragen ... Auch ihre Mutter ..." Das ist eine Leichtigkeit im Umgang mit den Erzählzeiten, die ich bewundere.


    :-[
    Aber das gehört ja zu diesem Oszillieren zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft dazu ... man ist da und gleichzeitig nicht da, sehnt sich nach dem Paradies des Bald und sucht das Jetzt (PING!) Und das muss oder sollte sich auch stilistisch widerspiegeln, zumindest war das mein Bestreben. Was dadurch sehr leicht wurde, weil Josefine ja die Möglichkeit hat, mit sich selbst zu reden und auch zu denken. In einer rein personalen Perspektive und gefesselt an eine Erzählstimme wäre das nicht möglich gewesen ...


    Zitat

    Zum wiederholten Mal kommt ihre Therapie zur Sprache, wo alles abgehakt, aber nichts wirklich geklärt wurde. Ist das nicht häufig bei Therapien der Fall - dass sie nicht wirklich "berühren"?


    Darauf kommt Josefine später ja noch mal zurück. Vielleicht war sie damals nicht zu mehr imstande, es war das, was in diesem Lebensalter, kurz vor vierzig, für sie möglich war. Und dahin gehört für mich auch die "Schrankangst." Da blieb etwas unaufgeklärt und das korrespondiert auf einer unbewussten Ebene, wo es ja nur um Symbole geht, mit der leeren Schrankhälfte und dem Bild der Tür, die sie in der Beziehung zu Robert verschlossen halten wollte. Es hat genau mit Angst vor dieser "Berührung" zu tun. Vielleicht hat Robert sie "berührt", ist ihr zu nahe gekommen, und diese Berührungen rühren auch etwas in der Seele auf. Das darf aber zu diesem Zeitpunkt nicht sein, so weit wird sie erst später sein, dass sie diese Seelenanteile zulässt. Insofern ist der Schrank ein Symbol, das wie alle Symbole mehrdeutig ist: Angst vor dem, was in diesem Schrank liegt und durchaus nicht so wohlgeordnet ist wie Josefine glaubt, Angst vor zu großer Nähe und Verletzlichkeit durch Robert, die an etwas rührt, das (noch) nicht berührt werden darf, und eine gewisse Reue, dass Robert (auch deswegen) gegangen ist und die Schrankhälfte leer zurückgelassen hat.


    Zitat

    Dann ist sie wieder mit Urteilen beschäftigt: Das hält uns auf Abstand von unseren Mitmenschen, eine bewährte Strategie. Es hält uns aber auch auf Abstand von uns selbst, denn mit den gleichen, maßnehmenden Augen betrachten wir uns ja auch selbst. Es gibt im Zen den Rat: don't compare, don't judge ... und interessanterweise soll Jesus ja Ähnliches gesagt haben: richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Aber es ist so schwer, davon zu lassen ...


    Ja, finde ich auch ... und probiere es immer wieder. In letzter Zeit mit mehr "Erfolg" (auch dieses Kriterium wird ja dann unwichtig)


    Zitat

    Dass ihr Fahrrad geklaut wird, fand ich richtig schlimm. Ich weiß, wie sehr man an so einem Teil hängt, das einen über viele Kilometer heil getragen hat. Ich habe mit Josefine getrauert, und so sehr ich neue Trekkingräder mag, dieses hier bleibt doch seelenlos.


    Ja, das haben ja einige von euch gesagt, und ich sehe es auch so. Ihr Pferd ist weg, und das neue Rad wird nie mehr ihr Pferd werden. Und du, Andrea, sagst sehr richtig: Dann ruft sie ein altes Muster auf, Robert. Mit fatalen Folgen ...
    Und nachher allerdings, wird ja das Fahrrad weniger wichtig, dann kommen ja andere Herausforderungen auf Josefine zu.

    Zitat

    Beinah fluchtartig verlässt Josefine Jörns Wohnung und verirrt sich prompt in einem Labyrinth - sieht sie ihre Situation so ausweglos an?


    Ich fange mal hier an: Für mich ist es eher das Labyrinth der Alltagsgefängnisse. Und wie Krimine schreibt, gibt es ja tatsächlich solche Wohnviertel oder Gegenden (das sagst du ja auch, Barbara, Beispiel Madrid). Und ich glaube, dass sie sehr verwirrt ist, das schon - es sind noch die Nachwirkungen des Sturzes, diese Art Schock nach einem Sturz geht ziemlich tief. Bin selbst öfter gestürzt, einmal nach Fahrerflucht eines LKW fahrers, der mich ins Schleudern brachte, das dauert oft Tage, bis man das überwunden hat. Auch wenn man dann weiterfährt. Deshalb auch nachher das Time Out (das sind Stellen im Roman, die ich selbst genossen habe, diese Ruhe, die sie plötzlich hat.)


    Zitat

    Und ich habs ja geahnt. Bettina hat ein Burn Out.


    Genau. Ich wollte im ersten Teil nicht Spoilern, deshalb schrieb ich auf deine Ahnung nur, das könne schon sein ... :)


    Angelika, du darfst sie ruhig schütteln. Warum macht sie das? Ich sags mit dem kitschigen Lied "Operator" von Jim Croce. Er ruft seine ehemalige große Liebe an, erwischt aber nur den Operator und sagt ihm schön gereimt: She's livin' in L.A. With my best old Ex-friend Ray :) und fährt einige mit Gitarrengeklamper begleitete Zeilen später fort, warum er anruft ... "just to tell'em I'm fine and to show I've overcome the blow, I learned to take it well ... (um dann zu sich selbst zu sagen: I only wish my words could just convince myself ...) Und so, genau so, gehts lonely Cowgirl Josefine ...! Auf das Lonely Cowgirl Gefühl und das verlorene Pferd will ich auch noch eingehen, später ...
    Liebe Grüße in die Runde
    Claudia

    Zitat

    Das kenn ich, dieses 20 mal Umschreiben bei so schwierigen Szenen. Meist werden sie aber jedes Mal ein bisschen besser. Hier war es bestimmt so. Ich finde es nur schwierig, dann ein Ende zu finden. Sagst du selbst "Jetzt ist Schluss!", bist du dann sicher in deinem Urteil, oder gibst du irgendwann einfach an deine Lektorin ab?


    Kennen wir sicher alle, dieses Umschreiben und Umschreiben, und geht's dir auch so, Andrea oder euch anderen AutorInnen hier, dass es nur bei bestimmten Szenen so ist und manche viel früher passen? Ich weiß, dass ich zumindest eine einzige Szene im Roman (im nächsten Teil) gar nicht mehr umgeschrieben habe, sowas kommt äußerst selten vor. Eigentlich nie.
    Bei dieser hier war es dann irgendwann gut, sprachlich und inhaltlich möchte ich erstmal nichts an die jeweilige Lektorin abgeben, der ich allerdings absolut vertraue (gilt für meine Verlagslektorin bei Knaur und die Außenlektorin, mit denen ich schon sehr lange arbeite) - natürlich haben sie dann trotzdem etwas zu sagen und zu tun, und das ist auch sehr gut so, aber ich muss selbst das Gefühl haben, das Beste gegeben zu haben, das mir möglich war. Bei dieser Szene zB hat die Außenlektorin vorgeschlagen, einen etwas zu überschwänglichen Kommentar des lieben Jörn zu kürzen, hab ich gern getan, sonst haben wir nichts geändert.


    Zitat

    Aber auch das passt für mich gut, schließlich schleicht sich die Entschleunigung bei Josefine auch erst nach und nach ein, das geht ja nicht so von heute auf morgen.


    Ja, das geht langsam und fängt für mich so richtig in Travemünde an, wo sie dieses Time Out fühlt - also im nächsten Abschnitt.

    Zitat

    Es fühlt sich super an im Alter! Zum Teil besser als früher, weil weniger gestresst. Was denkt ihr jungen Hüpfer euch denn? Meint ihr, ihr habt den Sex für euch allein gepachtet? ;D


    Das ist beruhigend, lieber Ulf! Und schön. Nee, hab nie gedacht, ich hätte irgendwas für mich allein gepachtet ... :P
    Josefine vergleicht sich ja auch mit dem jungen Hüpfer Mara und erinnert sich an die früheren Reisen und die Zeltnächte: Sich behaupten auf dem Feld der Lust, das ist ihr mit fünfundzwanzig noch so wichtig gewesen ... und das ändert sich später, wie eben alles sich ändert.


    Zitat von: Jaqui am Heute um 11:09:49


    Und ich seh heute noch wie der Chef zum Fenster geht und ins Telefon rein schreit: Da draußen ist herrlicher Sonnenschein. Bist du blind oder deppat oder beides! Also brachte die ganze Zeitung den super Sonntag am Cover.


    Unglaublich!! Klasse!!


    Zitat

    Josefines Treffen mit Herrn Weil war unglaublich... ich war ziemlich entgeistert, wie der Typ da am Tisch agierte und wie wenig das mit dem zu tun hatte, was er in seinen Interviews von sich gibt.
    Ob Josefine nur so auf ihn reagierte, weil sie so kaputt und erschüttert (von ihrem Unfall) war ? Sie hat ja mit ihren Fragen ziemlich ins Schwarze getroffen.


    Ja, ich glaube schon. Wenn sie nicht so erschüttert und damit pur und verletzlich und sensibel gewesen wäre, dann hätte sie den "Urwaldmann" einfach so abgetan, sie kannte ja seine Verkleidung und Maskierung schon von etlichen Talkshows. Die ganze Tour hat sie aber zu dem Zeitpunkt schon sensibilisiert, sie hat ja auch sein Buch anders gelesen, hat diesen ängstlichen Jungen gesehen und nicht den khakihosentragenden Intellektuellen, der auch mal ein Wildschwein erlegt, seine Maske. Und so, in dem sie wahrhaftig war, war auch er es ... jedenfalls für Momente.


    Zitat

    Aber wenn ich mal eine kleine Stilkritik anbringen kann. Ich finde den Text manchmal von zu vielen, sich sehr schnell abwechselnden Gedanken und Impressionen überfrachtet. Das empfinde ich an Stellen ein bisschen ermüdend. Hitze, Bienen, Müllgeruch, Facebook piepst, Schweinerei, Robert am Schreibtisch, wieder Hitze. Hummeln, Robert am Schreibtisch, Duft nach Harz, Klischee kocht Kaffee, Windhauch streichelt, Bettina, Langsamkeit, Leserinnen, Bettinas Anweisungen ... das alles springt hin und her auf vielleicht dreißig Zeilen. Das ist ne Menge auf einmal. Es wirkt etwas unruhig, fast gehetzt, also nicht unbedingt entschleunigend, wenn ich das so sagen darf. :)


    Darfst du. :)
    Das wirkt bestimmt so, ja, entspricht für mich dem Lebensgefühl der Figur (und ja, okay, mein Hirn ist auch ein Taubenschlag) uns soll auch im Gegensatz zu den Entschleunigungsbemühungen stehen. Kann sicher nerven ... wird dann später auch weniger (zumindest hab ich's so angelegt ... hoffe, es funktioniert dann auch.)


    Zitat

    Und die Fohlenbeine ...
    Ertappt: dieses Abschätzen der anderen, Urteilen ... und sich dann selbst zur Ordnung rufen - ja, das kenne ich auch gut.


    Ja, ich auch ... Der gute alte mustersuchende, abqualifizierende Verstand (Ego oder so :)) ... und die Instanz irgendwo, die es noch schafft, an das andere, das Umfassendere, Größere zu appellieren.


    Zitat

    Die latente Angst, die der schwarze Sprinter bei Josefine ausgelöst hat, konnte ich gut nachvollziehen. Ich bin mal beim Joggen von einem Fahrradfahrer verfolgt worden, der immer irgendwo an der nächsten Ecke stand und mich anstarrte. Unheimlich.


    Ja, da gabs bei mir auch diverse Erlebnisse, einmal ein Mofafahrer bergauf, der immer neben mir herfuhr ... wirklich unheimlich. Beim Joggen sicher noch mehr, weil man noch weniger abhauen kann als auf dem Rad, nichts hat, was man zwischen sich und den Verfolger bringen kann ...


    Zitat

    Die Szene im Restaurant mit Jörn Weil ist großes Kino. Man hat ja erst mal keine genaue Vorstellung davon, was vorher passiert ist. Man spürt nur, dass irgendwas nicht stimmt und dann kommt Seiten später heraus, dass Josefine immer noch den Helm trägt. Das ist ihr ja nicht passiert, weil sie schon so gechillt ist von ihrer Reise, dass ihr das Aussehen egal ist. Nein, sie ist von ihrem Unfall erschüttert und versucht gleichzeitig bei dem Interview zu funktionieren. Das kommt gut rüber. Erst als sie von der Kuhbegegnung berichtet, kippt das Gespräch und wird plötzlich zu einer echten Begegnung. Bezeichnenderweise schaltet Josefine ihr Diktiergerät hier aus. Gefällt mir sehr, die ganze Szene.


    Danke! Da freu ich mich einfach mal (ewige Baustelle, diese Szene, bestimmt 20 Versionen oder mehr 8))
    Wollte Thema Verletzlichkeit dort auf allen Ebenen haben, auch nachher, als sie unter unfairen Bekleidungsbedingungen reden. How fragile we are ... in jeder Beziehung. Und manchmal bzw meistens trägt man ja auch bei zivilisierten Gesprächen einen Helm und vielleicht einen Gesichtsverlustschutz ..
    Für mich schwingt dabei auch immer das "Wilde" unter dem Gespräch mit: Dschungel, Affekte, rohe Emotionen, unzivilisierter Hunger, Futterneid ... alles, was so mühsam übertüncht wird und was so nah ist.


    Zitat

    Dass diese Forderungen von Bettina in Klammern gesetzt sind und den falschen Namen enthalten, zeigt nach meiner Interpretation, wie unauthentisch und fragwürdig diese Forderungen/Äußerungen von Bettina sind. Hast du das bewusst so geplant, Claudia, oder ist das einfach so entstanden?


    Vielleicht unbewusst geplant? :) Das musste einfach so sein ... diese Verinnerlichung dieser negativen und, ja, unauthentischen Stimmen. Irgendwann denkt man nicht mehr: Bettina (bzw passenden Namen einsetzen :)) sondern hört das innerlich.

    Zitat

    Wie entscheidest du, wann Josefines Selbstgespräche kursiv gedruckt sind und wann nicht? Hast du da für dich eigene Richtlinien oder entscheidest du das aus dem Bauch heraus?


    Für mich sollten alle Gespräche, die sie direkt führt, einfach im Text fließen. Während Lektionen und kleinere "Philosophien" schräg sein sollten. Bettina in Klammern. Und der Blog dann wieder in einer anderen Schrift. Hat nicht immer geklappt. Meine beloved Lektorin und ich haben einiges ausprobiert, und nachher, als ich nicht mehr durchblickte, habe ich die Entscheidung auch ihr überlassen.


    Zitat

    Ich finde das gehetzte kommt sehr gut rüber. Dann gibt es wieder ruhige Passagen. Man kann josefine beim entschleunigen zusehen


    Schön ... das wollte ich, dass man ihr zusehen oder mitfühlen kann ...


    Liebe Grüße Claudia

    Zitat

    Du hättest im November in Hümmel dabei sein sollen, Ulf. Raue Rinde hin oder her – die Bäume haben was.


    Genau! Für die anderen: In Hümmel hat uns Peter Wohlleben durch seinen Wald, einen Ruheforst, der nachhaltig bewirtschaftet wird, geführt und uns die Bäume und das Leben im Wald ganz nahe gebracht. Es war wunderbar. Umarmt hab ich aber keinen Baum ... und alles, was Josefine betraf, schon geschrieben.


    Aber die Präsenz von Bäumen oder auch Gebüschen habe ich oft gespürt auf Tour. Die Hirnforscher haben übrigens auch dafür eine Erklärung. Müsste ich jetzt von weit herholen ... ich glaube, ich habe Josefine kurz vor ihrem Sturz darüber reflektieren lassen.


    Angelika, ob diese Auflösung alles Trennenden mit der Illusion "alles ist paradiesisch und somit unschuldig" zusammenhängt - vermutlich, ja. Es geht ja um Selbstironie und Distanz, um die Banalität des Tötens und Sterbens (sie schaut ja vorher Fernsehen) und ihre Entscheidung, diesmal von ihrem (rationalen) Muster abzuweichen, auf Ereignisse zu reagieren: Selbstironie als Glaswand. Wenn alles Trennende aufgehoben ist, hat das natürlich etwas Ozeanisches, Pränatales, wenn du so willst oder religiös Paradieshaftes ... und dann ist auch das Töten und das Wissen, dass man anderen (Tieren) mit seinem Verhalten Leid zufügt und sich schuldig macht aus der Welt. Andererseits hat die Aufhebung des Trennenden auch etwas sehr Beängstigendes, Ich-Verlust, Kontrollverlust ...
    Komponiert hat's mein Good Old Unbewusstes, das hatte einen Plan und alles, was es beschlossen hat und mir nahelegte (und ich ihm sagte: He, spinnst du?) das hat sich nachher als begründet erwiesen und passte ...
    Analysieren kann ich das jetzt ... (und ich glaub fast, es lacht mich auf gutmütige Weise deswegen aus ...)

    Zitat

    Ja, den Verfolger fand ich auch bedrohlich. Ich musste an einen Film denken, wo ein Autofahrer von einem gesichtslosen Wesen in einem LKW verfolgt wird (Spielberg?) Damals hatte ich mich sehr gefürchtet vor dem Fernseher.


    Wer ist das für Josefine, Claudia?


    Ja, der Film ist von Spielberg, weiß aber auch nicht mehr, wie er heißt. Das ist soo gruselig. Es gibt auch gar keinen Grund, warum er den Autofahrer verfolgt ... das ist das Gruseligste daran.


    Der Sprinter - das ist der Tod, der an dieser Stelle der Tour ins Spiel kommt. Der Tod in der Vergangenheit, der bislang gut weggeräumte, "aufgearbeitete" Unglücksfall, als die Mutter umkam, und alles, was damit zusammenhängt und Josefine direkt betrifft (was später noch zur Sprache kommt.) Aber auch der eigene Tod, der für Josefine ja nicht mehr soo weit entfernt ist, zumindest denkt sie neu darüber nach, seit Robert weg ist. Sie ist keine dreißig und sie fängt nicht wie Robert von vorne an und belügt sich, es könnte einen zweiten Frühling geben. Dieses Nachdenken fand vor der Tour jedoch eher unterschwellig stand, jetzt wird es massiv. Zum Todesgedanken gehört der Gedanke, nie gelebt zu haben. Was ist Leben? Woraus besteht es, wie schafft man es, am Leben zu sein, wirklich im Moment, das Leben zu spüren? All das wird ja mit der Kuh an sie herangetragen. Mit dem Thema: sich das Leben nehmen, hineingreifen ins volle Leben, es abküssen, wird das erste Mal die Gier angesprochen, um die es später noch gehen wird und die vielleicht dem Erleben am meisten entgegensteht ...
    Und kein Leben oder kein wirkliches Erleben, ohne den Tod mit hineinzunehmen.


    Ich freue mich, dass niemand das Kuh-Erlebnis (bis jetzt) absurd und weit hergeholt fand. Es hat sich tatsächlich zugetragen, allerdings etwas anders. Ich hatte unterwegs eine andere Radfahrerin getroffen, wir waren alleine auf einem ansteigenden Feldweg. Sie bemerkte die Kuh zuerst. Wir brachten unsere Räder zwischen uns und die heranrasende Kuh. Wir redeten nicht mehr in diesen Sekunden, die sehr lang waren, ich glaube, wir dachten beide das Gleiche: das war's jetzt. Und dann bog die Kuh in allerletzter Sekunde ab. Als wir uns halbwegs beruhigt hatten, fragte die Frau, ob ich ein Handy hätte, wegen der Polizei, ich holte es heraus und rief an, und in diesem Moment kam der Metzger ...
    Vegetarierin war ich da aber schon längst ... nur für Josefine war es der richtige Moment, ein Veggie zu werden (jedenfalls, wie ich annehme, vorübergehend).


    Auf jeden Fall ändert sich nach dem Besuch bei den beiden Vätern die Tour, alles bekommt einen dunkleren Ton, für Josefine stehen andere Themen an. Ich persönlich interessiere mich auch sehr für die Synchronizität, diese Antworten der Welt, die sie hier erstmals erfährt und über die sie mit Jörn Weil spricht.


    Zitat

    Was mir aufgefallen ist: Josefines Schritte ins "Leben" haben bisher immer mit Naturbegegnungen im weitesten Sinne zu tun: sie umarmt einen Baum - und die Zeit scheint stehen zu bleiben; sie spricht mit dem Busch, sie begegnet einer Kuh - und kann plötzlich freihändig fahren und laut Lieder singen.
    Ihre Definition von "sich das Leben nehmen" finde ich auch interessant.
    Während ihrer Schulzeit hatte sie das Gefühl, das Leben der anderen fände hinter einer Glaswand statt. Witzig: am Ende meines Studiums hatte ich das Gefühl, vom "wirklichen Leben" durch eine dicke Glaswand getrennt zu sein, wir redeten und redeten, diskutierten, und taten - nichts, jedenfalls nichts wirklich. Und diese Erinnerung führt mich zu dem Gedanken, wie verschieden es ist, wie wir das "wirkliche Leben" definieren.


    Ja, stimmt - alles Naturerlebnisse. Es ist ja auch so, dass Begegnungen mit der Natur einen verändern oder mit inneren Wahrheiten konfrontieren oder den Blickwinkel erweitern ... glaube ich. Mehr als alles Reden an der Uni (das kommt später ja auch noch mal vor!) Selbst wenn es noch auf einem relativ harmlosen Radweg ist und nicht in einer Extremsituation.
    Ja, was ist das "wirkliche Leben" für jeden von uns???
    Für mich das Gefühl von Wahrhaftigkeit, kurz ausgedrückt.

    Zitat

    Was Josefine über die Facebookfreundin schreibt: das ist wieder ein Verhüllen vor der Öffentlichkeit, und noch mehr: die Freundin definiert sich offenbar nur noch über ihre Familie und ihr leckeres Essen yumyum.


    Ich sag ja, Verhüllen ist ein interessantes Thema. Ich kenne einige, die bei fb nur ihre Familie zeigen. Es berührt mich auf seltsame Weise. Hatte eine kleine Diskussion mit der Außenlektorin darüber, die gern gehabt hätte, wenn diese Freundin noch ein paar Konturen bekommen hätte, die von Josefines Annahme, sie definiere sich nurmehr darüber nach einem Studium etc abweichen würden. Habe das versucht, aber auch wieder gelassen. Passte irgendwie nicht.

    Zitat

    Was mich amüsiert hat: die stillen Fragen Josefines - sind die beiden noch sexuell aktiv, wie fühlt sich das an in dem Alter. Ich habe mich im Rotweindusel mal getraut, diese Frage laut zu stellen an zwei Männer, die ebenfalls seit Jugend an befreundet waren. Das hat dazu geführt, dass der eine - der zugab, dass sich schon seit Jahren nichts mehr abspielte zwischen seiner Frau und ihm - eine doofe Geschichte konstruiert hat, um den Kontakt zu mir abzubrechen.


    Ja, die wenigsten Männer geben so etwas vermutlich gern zu. Das hat ihm wohl nachher zu schaffen gemacht ... :)
    Ich hätte selbst auf solche Fragen gern eine Antwort - aber werde sie nicht bekommen, denn ich denke auch, dass das individuell sehr verschieden ist und es keine eindeutige Antwort gibt.

    Zitat

    Die Segeleinzelheiten stimmen leider nicht so ganz: beidrehen heißt, in den Wind gehen, eine Pause machen, z.B. um die Segel zu reffen oder einzuholen - aber nicht, an der Küste entlangsegeln.
    Gewundert hatte ich mich schon, dass die Reling gestrichen wird - die ist normalerweise aus Edelstahl. *besserwessimodus aus*


    Mann, vor-die-Stirn-klatsch! Wieso ist mir das nicht vorher eingefallen, ich hätte doch dich fragen können! Hier hab ich zu schlampig recherchiert, eindeutig.
    Das mit der Reling hab ich aber tatsächlich erlebt, bei einem der beiden Männer, die diese Geschichte inspiriert haben. Der hatte ein Segelboot mit dem er Leute zum Tauchen herumschipperte. Das Boot war nicht mehr das Jüngste. Und die Reling wurde gerade gestrichen, als wir kamen.



    Interessant, was ihr alle bei Michel und Bernhard wahrgenommen habt. Ja, da ist noch was, da wird sich noch was klären oder es wird noch etwas kommen ... hier war jemand auch schon auf der richtigen Fährte. :)
    Die beiden vermitteln Josefine eine väterliche Geborgenheit, was sie ja seit ihrem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr hatte, und bringen sie eben dadurch zurück in die Vergangenheit. Sie meint, alles geklärt und geordnet zu haben. Aber in Wirklichkeit lauert da noch etwas ... und sie wird sich damit auseinandersetzen müssen.


    Zitat

    Und es scheint sie ja auch sehr beschäftigt zu haben, wenn sie sich später einer Therapie unterzieht.
    Wobei natürlich der Tod der Mutter schon ein schweres Päckche ist, das sie da zu tragen hat, keine Frage.
    Schrecklich, daß der Vater seine Tochter durch den Tod seiner Frau scheinbar irgendwie aus den Augen zu verlieren scheint. Wobei das natürlich schwer zu beurteilen ist, wenn man nur eine (Josefines) Seite sieht.
    Aber daß sie dann mit 16 lieber ins Heim geht also bei ihrem Vater zu bleiben ist schon heftig.
    Und jetzt klang es ja irgendwie so raus, daß er immer nicht ans Telefon geht, wenn sie anruft ?


    Ich glaube, dass bei solch traumatischen Jugendereignissen die Alternative zu einer Therapie ein vollständiges Abschotten gewesen wäre. Dem Trauma einen verschlossenen Raum geben, den Schlüssel umdrehen und nie mehr nachschauen. Ist ja auch eine Form der Bewältigung, engt aber das Leben sehr ein. Nur noch hinter Glaswänden ... Aber die junge Josefine, die sich noch mit fünfundzwanzig nicht getraut hat, glücklich zu sein, hat einen ziemlichen Leidensdruck, glaube ich, und sie ist auch neugierig auf das Leben. Deshalb Therapie.
    Und, richtig, würde man sich die Geschichte vom Vater erzählen lassen, sähe sie vielleicht anders aus. Dass man mit 16 lieber in eine betreute WG zieht als zu Hause zu bleiben ... das gibts gar nicht so selten, und immer haben diejenigen einen guten Grund. Man würde es nicht tun, wenn es zu Hause nicht unerträglich wäre, und das ist heftig, da hast du recht.
    Vielleicht sucht sich Josefine bei ihren Anrufen ja auch eine Zeit aus, von der sie annimmt, dass der Vater nicht zu Hause ist ... könnte sein.


    Und Bettina: Ja, unsympathisch, richtig. Dass du, Jaqui, sie als typische Vertreterin ihrer Zunft wahrnimmst, freut mich, du bist ja vom Fach! Und was das Burn-Out betrifft ... ja, sie ist auf jeden Fall gefährdet!

    Zitat

    Und dann ihre Sehnsüchte an frühere Zeiten. Wir schrieben Postkarten, Fotos gabs erst nach dem Urlaub zu sehen, es gab kein Handy und keine SMS. Ja, in dieser Zeit bin ich aufgewachsen. Und sie war wirklich irgendwie entschleunigter als heute. Facebook und co sind echte Zeiträuber. Wann ist die Welt eigentlich so schnelllebig geworden?


    Diese ganze Entwicklung hat sich, glaube ich, beinahe unmerklich - weil man ja einfach so dahinlebte - und so unglaublich schnell vollzogen, dass mir heute unsere damaligen Urlaube in einem entlegenen Schweizer Gebirgskaff (von dem aus mein Vater seine Touren startete) wie Zeitreisen vorkommen. Aber ich glaube, die Motivation ist immer die Gleiche: Mit Fotos will man sich präsentieren, sich selbst und anderen beweisen, dass man dort war, da war, dass man ein Stück Wirklichkeit eingefangen hat. Wir hatten eben nur einen Film für eine Woche und Postkarten ... aber dieser Drang zu zeigen, dass man gerade etwas erlebt, am Leben ist, war auch da. Man hatte sicher nicht diesen Drang, sich jeden Moment selbst darzustellen wie bei fb. (Auch, weil's nicht ging!) Wenn man dann allerdings überlegt, wie banal fb ist und wie schnell man einfach an Bildern vorbeiscrollt ...



    Zitat

    Das habe ich neulich auch das erste mal so richtig bewusst wahrgenommen. Ist schon etwas merkwürdig, da ich auch der Meinung bin, dann sollen sie doch lieber im Hier und Jetzt genießen, als hinterher auf dem Mini Bildschirm in schlechter Qualität und ohne die Atmosphäre. ..


    Ja. Später im Buch kommt auch noch ein Eindruck, den ich immer wieder in Norwegen hatte: Natur, die einen eigentlich sprachlos machen sollte oder demütig - und mittendrin haufenweise Fotografierende (Asiaten, Amis hauptsächlich), wie blöd knipsend. Das natürlich nur dort, wo ein Wasserfall oder Ähnliches inszeniert wird (was die Norweger widerwillig tun, dann aber doch ganz gut können.) Das Tolle am Norden ist, dass man nur ein paar Schritte gehen muss und schon ist man allein mit der Natur, die so langsam ist wie immer und sich nicht um den Beobachter schert.
    Aber ich glaube, wie gesagt, die Motivation ist immer dieselbe. Früher machte man auch seine Urlaubsdias, es war nur komplizierter. Und noch früher benutzte man (habe ich gelesen) Kaleidoskope, durch die man die Natur betrachtete. Dies weniger aus dem Bedürfnis, etwas vorzuführen (war noch unmöglich) als sich die Natur durch eine Verfremdung zugänglich zu machen, sich vielleicht selbst die Angst davor zu nehmen ...



    Zitat


    Es gibt auch noch Leute, die Postkarten und Briefe schreiben! (Hier!!) ::)
    Was mich immer wundert sind Urlauber, die aus dem Urlaub eine sms mit vielen Urlaubsgrüßen schicken. Wozu? Ich finde, das kann man sich dann auch schenken.


    Man macht das wohl einfach, weils geht :) Und leider geht es auch ... immerwährende Handyverbindung. Sogar in der Gletscherspalte ...
    Das passt alles übrigens auch zu dem Thema Zeigelust und Verhüllung ... im übertragenen Sinne.