Beiträge von dodo

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    Mir hat das Ende sehr gut gefallen. Baron von Kern hatte ich sehr spät, aber noch vor der Auflösung, im Visier und mich umso mehr gefreut, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag.


    Die Stärken des Romans lagen in meinen Augen in der gelungenen Charakterisierung der handelnden Personen und ihrer Interaktion. Die Protagonisten wirkten echt und ihre Entwicklung realistisch. Der nur auf seinen Bruder fixierte Einzelgänger Jakob ist beispielsweise durch die Begegnung mit Annette beispielsweise eine Spur zugänglicher geworden. Annette wiederum überwindet ihr Trauma von Bökendorf.


    Letzteres glaube ich nicht, denn ich denke, dass er ganz gut mit "vorlauten Weibern" umgehen kann, da hat er schließlich seine Schwester Lotte als Beispiel.
    Leider aber kann er nichts gegen den hormonell bedingten Aufruhr in seinem Inneren tun, der ihm Annette, die einen Typ Frau vertritt, mit dem er eigentlich nichts anfangen kann, als Objekt seiner Begierde in seine Träume schickt und ihn ganz wuschelig macht. Davon will er sich unbedingt befreien! Wenn's sein muss, mit Gewalt - siehe Bökendorf!
    Ja, tatsächlich sehe ich seine schändliche Mitwirkung als einen Akt der Befreiung an.


    Ich sehe das genauso. Wilhelm hat sich ein ideales Frauenbild zusammen gezimmert. Jenny kommt dem sehr nahe, also stellt er sie auf ein Podest und verehrt ein Trugbild. Angezogen fühlt er sich aber von Annette, die sagt, was sie denkt und verlangt, dass man ihr zuhört. Da er sich seine Verliebtheit nicht eingestehen kann und will, ist ihm jedes Mittel recht, um sich aus ihrem Bann zu befreien.

    Man kann ja um Straubes Beweggründe nur spekulieren, warum er Annette nicht geantwortet hat. Vielleicht hat er sich ob seiner unrühmlichen Rolle in der Affäre geschämt? Vielleicht hat er die Briefe aber nie gelesen, weil er zu verletzt war? Wie schon gesagt, man kann nur spekulieren.


    Zu August, dem Onkel: Ich denke, Annette hat sein Weltbild massiv bedroht. Eine selbstbewusste Frau mit Talent, die weiß, was sie will und die offensichtlich Männern intellektuell nicht nur ebenbürdig sondern bei vielen auch überlegen ist. Deswegen lässt er quasi einen biedermeierlichen "Shitstorm" über sie herniederbrechen.


    Ja, Annette ist sehr versiert mit Worten, schlagfertig ist sie auch! Da flirtet sie doch tatsächlich mit dem steifen, gelehrten Jacob! Und er ist so verblüfft, dass er darauf nichts erwidern kann. Ob er überhaupt gemerkt hat, dass sie ihm eindeutig Avancen machte?


    Also ernst gemeinte Avancen hat sie ihm in meinen Augen nicht gemacht. Sie schlägt ihm einfach nur auf seinen ureigenstem Gebiet: mit der Sprache.


    Der Schlagabtausch zwischen den beiden hat mich ein ganz klein wenig an Lizzie Bennet und Mr. Darcy erinnert.


    August denkt wirklich, nur weil er adelig ist, hört jeder auf ihn? Sehr eingebildet.


    Diesen Zitat verwende ich einmal stellvertretend für die vielen, die sich über Augusts Verhalten wundern. Da muss ich den guten fast schon in Schutz nehmen. Er agiert aus einem Selbstverständnis heraus, das ihm quasi in die Wiege gelegt wurde. Aus altem Adel stammend, steht er über dem Gesetz und zwar nicht nur scheinbar. Komissar Blauberg gesteht sich selbst ein, dass seine Möglichkeiten schnell erschöpft wären, befände sich der Täter im Kreis des Adels (siehe Seite 109).


    Augusts Motive für die Intervention sind ganz einfach simpel: Ein Mordfall, der vielleicht an den Namen seiner Familie geknüpft werden kann? Das ist undenkbar, ein Skandal, der sich, anders als Anettes "Dämpfer", Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, verheerend auf die Reputation der Familie auswirken würde. Töchter blieben unverheiratet, Ehen ließen sich generell nur noch mit unwichtigen Namen arrangieren. Das eigene Vermögen ist nicht groß genug, um einen derartigen Skandal mit einer fetten Mitgift abzudämpfen. Es geht also um Macht und Ansehen und nicht nur, ob Jenny und Anette eine gute Partie danach verwehrt bliebe.


    Mir gefallen beide, wobei Jacob natürlich aufgrund seines Mundwerks und seiner Selbstverliebtheit etwas hervorsticht, trotzdem ist mir Wilhelm etwas lieber.


    Findest du Jacob selbstverliebt? Auf mich wirkt er selbstbewusst, sich seiner eigenen Stärken (und Schwächen) gewahr. Er weiß, was er kann und wie weit er gehen darf. Äußerst intelligent, mit einer scharfen Zunge gesegnet und definitiv kein einfacher Zeitgenosse. Aber Selbstverliebtheit hätte ich nicht an ihm gesehen.


    Danke, jetzt kenne ich das Märchen auch. Auf google hätte ich selbst kommen können, da muss ich euch recht geben. ;D



    Ich mag Tanjas Schreibstil, auch (oder weil) ich ihn recht anspruchsvoll finde. Manche Sätze lese ich doch zweimal, so verschachtelt sind sie ;) Aber das ist keine Kritik, anspruchsvoll ist ja gut - man muss sich aber beim Lesen eben konzentrieren.


    Ich bin ja ein Fan von Schachtelsätzen. Ab gesehen davon finde ich es bei dieser Thematik passend. Bei einem Roman über die Gebrüder Grimm und Annette Droste-Hülshoff muss der Schreibstil dementsprechend sein. Wohltuend finde ich auch den schwarzen Humor, der immer wieder durchblitzt. Jakob Grimms Verriss von Wegners Machwerk war köstlich - auch wenn er wenig diplomatisch zu Werk ging und den armen Kerl furchtbar damit verletzt hat, konnte ich mir ein Grinsen doch nicht verkneifen.

    Das ist definitiv ein Roman, den man nicht in einer Leserunde lesen sollte. Aufhören zu müssen, wenn man das Buch eigentlich nicht aus den Händen legen möchte, stellt eine große Herausforderung an die eigene Disziplin dar.


    Man wird sofort ins Geschehen gestoßen. Der im Prolog geschilderte Mord, der in jedem Thriller Platz finden könnte, ist nichts für schwache Nerven. Leider kenne ich das zugrunde liegend Märchen nicht. Ich habe alle im Haus befindlichen Märchenbücher - das sind gar nicht einmal so wenige - durchforstet, es war in keinem einzigen zu finden. Deswegen finde ich es schade, dass es keinen Anhang gibt, in dem zumindest eine Zusammenfassung des betreffenden Märchens zu finden ist.


    Wer sich romantisierenden historischen Kitsch erhofft, wird (zum Glück) enttäuscht werden. Hier wird die scheinbare Idylle des Biedermeiers ordentlich ins rechte Licht gerückt und gezeigt, dass der Biedermeier gleichzeitig der Vormärz war. Jakob Grimm ist Mitarbeiter einer Zensurkomission. Nur wer politisch genehmes schreibt, darf veröffentlichen. Frauen besitzen gar keine Rechte - sie dürfen noch nicht einmal als Urheberinnen ihrer eigenen Geschichten gelten. Jakob Grimms Frauenbild passt sehr gut in den allgemeinen Tenor der Zeit. Seine Schwester Lotte fungiert als gratis Haushälterin, aber eine eigene Meinung sollte sie tunlichst nicht haben. Anstatt wie die Mutter duldsam und still zu sein, gibt sie ihm Widerworte.


    Auch der vorherrschende alles bestimmende Standesdünkel wurde bereits thematisiert. Ein Katholik darf auf keinen Fall einen Protestanten heiraten und lässt sich in der eigenen sozialen Schicht kein passender Ehegespons finden, dann hat man eben Pech gehabt.


    Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass mir die laufenden Anspielungen auf die deutsche Klassik und ihre Vertreter großen Spaß machen. Von Faust zur Judenbuche, von Brentano über Eschenbach bis zu von Arnim habe ich schon viele Hinweise der damaligen "Bestseller" gefunden. Wobei die Judenbuche ja noch gar nicht geschrieben ist und "nur" Annette von Droste-Hülshoffs Begegnung mit dem Thema erzählt wurde.

    Rezension:


    Was passiert mit den Helden, wenn ihre Aufgabe erledigt und die Welt gerettet ist? Werden sie gefeiert und leben von dann glücklich und zufrieden an ihr Lebensende oder sinken sie zur Bedeutungslosigkeit herab und werden bestenfalls in fernen Zeiten liegenden Legenden gewürdigt? Dieser spannenden Frage geht Michael Peinkofer in seinem neuen Fantasyzyklus „Die Legenden von Astray“ nach. „Tote Helden“ ist der Auftakt der Reihe.


    Der Kontinent Astray wird seit 37 Jahren von einem gewaltigen Abgrund, genannt der Abyss, getrennt. Entstanden beim Sturz eines Tyrannen, der die Völker in seiner Umklammerung hielt, führt er nicht nur zu einer geografischen Trennung, sondern auch zu einer tiefen kulturen und sozialen Kluft zwischen den beiden Hälften. Auf der einen Seite gibt es die fanatische Sekte des Feuerkults, die jeden Andersgläubigen sofort in Flammen aufgehen lässt. Auf der anderen Seite sind die nicht minder gefährlichen Exekutoren unterwegs, die unbarmherzig jeglichen Glauben an Magie beziehungsweise Aberglauben ausmerzen.


    In dieser explosiven Grundstimmung machen sich aus unterschiedlichen Gründen die verschiedenen Dramatis Personae auf den Weg. Da gibt es den Halbling Lorymar, der von Albträumen gequält wird und sich von einer geheimnisvollen „Sie“ Hilfe erhofft. Den Sänger Rayan zieht es ebenfalls zu einem bestimmten Ziel. Er ist der einzige, der die alten Legenden noch kennt und die Erinnerung an sie am Leben erhält. Ihm ist der Exekutor Thorgon-Syn auf den Fersen, der ihn für den Mord an einem Ordensangehörigen zur Rechenschafft ziehen möchte und auch aus anderen Gründen eine große Gefahr in Rayan sieht.


    In kurzen Kapiteln werden die einzelnen Handlungsstränge aufgenommen. Sie machen neugierig und verführen zum Weiterlesen. Manche Wendungen lassen sich erahnen, andere kommen völlig überraschend. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und haben viele Facetten. Auf Schwarz-Weiß-Malerei wird verzichtet, es finden sich im Gegenteil viele Grauschattierungen. Jeder hat seine guten und schlechten Seiten, die Taten der Protagonisten sind stringent und erklären sich sowohl aus ihrer Persönlichkeitsstruktur als auch aus ihrer Geschichte.


    Manche Elemente mögen an bekannte Fantasy-Serien erinnern. Parallelen zu ziehen oder den Vorwurf des Plagiats zu erheben, ist aber zu kurz gegriffen. Die einen wollen im Halbling Lorymar eventuell Tyrion Lancaster erkennen. Andere empfinden seine Erscheinung und Teile seines Charakters als Hommage an Wilhelm Hauffs „Der kleine Muck“. Wer genau hinsieht, kann Dickenssche Elemente erkennen. Fakt ist, dass es in der Literatur in jedem Genre Werke gibt, an denen sich nachfolgende Bücher messen (lassen) müssen und niemand das Rad neu erfinden kann. Wichtig ist, was daraus gemacht wird. Peinkofer gelingt definitiv eine eigenständige Welt, die gut ausgearbeitet und fesselnd ist.

    Wie bei jedem Auftakt werden viele Fragen aufgeworfen und nicht alle beantwortet. So manchem mag dabei zu viel offen bleiben, andere werden durch den ordentlichen Cliffhanger erst so richtig angefixt.


    Fazit: Fesselnder Auftakt zu einer neuen Fantasyserie. Gerne mehr davon.


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    Zur Leserunden:


    Diese Leserunde hat mir sehr viel Spaß gemacht. Vielen Dank für die angeregte Diskussionen! Wenn es eine Leserunde zum zweiten Teil geben sollte, wäre ich sehr gerne wieder dabei.


    Rayan hatte sie an Bray übergeben. Bin nur mal gespannt, inwiefern Bray ohne einen Lehrmeister ihr Leierspiel verbessern kann.


    Danke, dass muss ich überlesen haben. Rayan hat auch ohne Lehrer das Leierspiel erlernt. In seinen Augen ist Bray sehr talentiert. Sie wird mit ziemlicher Sicherheit eine würdige Nachfolgerin (zumindest was das Leierspiel betrifft).

    Das Ende ist schon sehr offen, was mich aber überraschenderweise gar nicht so stört. Es wäre mir natürlich lieber, wenn Band 2 schon bereitliegen würde, denn ich möchte wissen, wie es weiter geht.


    Rayans Erkenntnis mit dem Stein hat sich mir auch nicht erschlossen, aber ich denke, das war Absicht.



    Ich bin mir beim Großexecutor keineswegs sicher, dass er nicht vielleicht doch überlebt hat und wieder auftaucht!! Ich hoffe sogar darauf, ich mochte ihn als Charakter sehr! War einfach gut geschrieben.


    Mir geht es wie euch. Es wäre schön noch etwas mehr von Thorgon-Syn zu erfahren. Er ist ein faszinierenden Charakter. Generell finde ich die Ausarbeitung der handelnden Personen gelungen. Sie haben alle Ecken und Kanten und sind nicht eindimensional. Das zieht sich konsequent durch bis zu den Nebencharakteren.


    Zur Leier würde mich folgendes interessieren: was wurde aus ihr? Hat sie Bray an sich genommen oder wurde sie mit Rayan im Fluß beerdigt?