Beiträge von dodo

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    In den Siebzigern schließt sich Martina Müller der RAF an. Sie gibt dafür alles auf - ihr bisheriges Leben, ihre Eltern und ihre Tochter Angelika. Nach der Selbstauflösung der Terrorvereinigung wird sie 1998 vorzeitig aus der Haft entlassen. Dieser Gnadenakt stellt viele Personen vor eine Zerreißprobe. Zum einen die Hinterbliebenen ihrer Opfer, zum anderen den einzigen Überlebenden eines blutigen Entführungsversuches, aber auch ihre Tochter und vor allem auch sie selbst. Alles, woran sie geglaubt hat, gibt es nicht mehr. Vielmehr muss sie sich jetzt die Frage stellen, ob ihre Überzeugungen, für die sie gekämpft und gemordet hat, überhaupt die richtigen waren.


    Tanja Kinkel beschäftigt sich in ihrem neuesten Roman mit dem deutschen Herbst. Anhand der fiktiven Person Martina Müller zeichnet sie einfühlsam die stetige Radikalisierung eines jungen Menschen nach. Martinas Wandel von einer gutgläubigen Idealistin zur gnadenlosen Fanatikerin vollzieht sich glaubhaft. Der Punkt, an dem es für sie kein Zurück mehr gibt, ist nachvollziehbar und stellt einen selbst vor die kritische Frage, ob man in derselben Situation unter gleichen Voraussetzungen nicht vielleicht sogar genauso gehandelt hätte.


    Die Sicht von Martinas Opfern wird ebenfalls behandelt. Wie haben sich ihre Taten auf die Hinterbliebenen, dem einzigen Überlebenden des von ihr verübten Anschlags und ihre Tochter ausgewirkt? Mit welchen Spätfolgen haben diese noch zwanzig Jahre nach der Tat zu kämpfen?


    Leichte Kost ist dieser Roman nicht. Er lässt einen auch nach dem Lesen nicht los und währenddessen können Pausen notwendig werden, um das Gelesene zu reflektieren. Die Autorin verwendet in den Dialogen der Terroristen deren Sprache – lässt sie deutlich zwischen Menschen und Schweinen unterscheiden. Nach der sprachlichen Enthumanisierung fällt es den RAF-Mitgliedern leichter ihren Gegnern – also alle die sich im herrschenden System eingerichtet haben – generell die Menschlichkeit abzusprechen. So erklärt sich auch der entstandene Widerspruch zwischen der selbst auferlegten Mission die unterdrückte Masse erretten zu wollen und der absoluten Mitleidlosigkeit mit unschuldigen Opfern ihrer Aktionen, die sogar noch zynisch mit Hobelspänen verglichen wurden.


    Fazit:
    Ein fesselnder Roman, der einem auch nach dem Lesen noch beschäftigt.


    Hier kann ich mich nur anschließen. Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie man mit den eigenen Taten und dem Gewissen leben kann. Die RAFler, die gesessen haben, mussten sich zwangsläufig mit ihren Taten auseinander setzten, weil sie im Knast ja ständig daran erinnert wurden. Dennoch denke ich, dass sie - sobald sie ihre Strafe abgesessen haben - auch wieder ein Recht auf ein Leben in Freiheit erhalten müssen. Eine Staat steht eine Rache nicht - eine gerechte Strafe jedoch immer. Deshalb mag es vielleicht verwunderlich sein, dass der Generalbundesanwalt Silke Maier-Witt eine Empfehlung geschrieben hat, aber ich finde es legitim und richtig.


    Der Meinung bin ich auch. Wenn ein Mensch seine Strafe verbüßt hat, dann ist seine Schuld juristisch gesehen getilgt. Es bringt nichts, ihn durch weitere Stigmatisierung weiter zu bestrafen. Für eine gelungene Resozialisierung ist ein geregeltes Arbeitsleben wichtig, daher ist es kontraproduktiv den Menschen noch weitere Hürden in den Weg zu legen.



    Das Buch hat mich sehr beeindruckt und wirklich gepackt. Für meine abschließende Meinung muss ich es noch ein bisschen sacken lassen, ich möchte mich aber auf diesem Weg gleich vorweg für die tolle Diskussion mit euch bedanken.

    Am Ende des ersten Weltkriegs erschießt sich der Hamburger Reeder Victor Dornhain in seinem Arbeitszimmer. Seine älteste Tochter Ellinor muss nun in dieser unsicheren Zeit um das Überleben des Familienunternehmens kämpfen und gleichzeitig ein großes Geheimnis wahren.


    Micaela Jary legt hier den Nachfolgeband ihres Familienromans „Das Haus am Alsterufer“ vor. Die Fortsetzung kann sehr gut eigenständig gelesen werden, die Kenntnis des ersten Buchs hilft aber natürlich beim Verständnis der verschiedenen Charaktere. Leider konnte mich dieser Roman nicht begeistern. Zu seifenopernartig verlief die Geschichte. Der Hauptaugenmerk lag an den persönlichen Befindlichkeiten der weiblichen Protagonistinnen, eine charakterliche Weiterentwicklung auch in Bezug auf den ersten Band gesehen fehlt vollkommen. Anstatt sich auf den wirtschaftlichen Überlebenskampf und die politischen Unruhen zu konzentrieren, wird ein stereotypischer Feind der Familie bemüht, um einen Spannungsbogen zu kreieren. Der Roman liest sich flott und weiß zu unterhalten, meine Erwartungen gingen allerdings in eine andere Richtung und wurden nicht getroffen. Nicht einmal das Finale wusste zu überzeugen. Die zwei Problemfelder – das große Geheimnis der Familie und eine uneheliche Schwangerschaft – wurden groß aufgebaut und dann abrupt fallen gelassen. Die Reaktionen der betroffenen Charaktere konnte man sich bestenfalls vorstellen – erfahren hat man sie nicht. Das offene Ende lässt auf eine Fortsetzung schließen. Ob ich der Familie Dornhain noch einen weiteren Besuch abstatten werde, bleibt allerdings fraglich.



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    Tanja: Danke für das sehr interessante Interview.


    Wobei ich meinen Post präzisieren muss: Ich finde das über die Medien gemachte Angebot widerlich, weil hier klar auf den damit verbundenen Skandal geschielt wird. Gratis Werbung, die mit sozialem Anstrich verkauft wird. Wäre das Angebot still und leise an der Öffentlichkeit vorbei gemacht worden, sähe für mich die Sache anders aus. Denn ich bin auch der Meinung, dass ein Mensch nach einer verbüßten Straftat nicht gesellschaftlich weiter bestraft werden darf und ihm die Möglichkeit einer Resozialiserung geboten werden muss.


    Aber um ein sehr verwandtes Thema geht es ja in der Diskussion zwischen ihr und Angelika hinsichtlich des Theaterintendanten - oder ist die erst im nächsten Abschnitt?


    Nein, das war in diesem Abschnitt. Das Angebot des Intendanten war für mich einfach nur widerlich. Er möchte aus Martinas Vergangenheit Kapital schlagen. Ich bin für sie froh, dass sie sich gegen sein Angebot entschieden hat. Hätte sie es angenommen, könnte sie mit ihrer Vergangenheit und ihren Taten abschließen und verlöre damit die Möglichkeit, ihre Überzeugungen zu überdenken und vielleicht zu einem geänderten Verständnis zu gelangen.


    Smyrill, das ist mir tatsächlich mal bei einer früheren Lieblingsautorin passiert. Sie ist tot, also gibt es ohnehin keine neuen Romane von ihr, aber einige ihrer Bücher haben mich als jugendliche Leserin geprägt, und mir wirklich viel bedeutet, und dann habe ich vor einem Jahr etwa entdeckt, daß sie ihrem Mann dabei geholfen hat, Kinder zu mißbrauchen. Es war ein scheußliches Gefühl. (Wobei natürlich die Desillusionierung als Leserin ein Nichts im Vergleich zur wahren Tragödie ist, d.h. die der Kinder.)


    Ein paar Monate bevor ich davon erfahren habe, hat mir mein Mann über dreißig Bücher von ihr geschenkt, weil ich sie mir gewünscht hatte. Jetzt stehen sie ungelesen im Regal - weggeben will ich sie aber auch nicht, weil sie ein Geschenk waren. Es geht mir da wie dir - einige ihre Bücher haben mich in meiner Teenagerzeit begleitet und wurden mehrmals von mir gelesen. Übrigens wird ihr nicht nur die Komplizenschaft vorgeworfen - sie soll selbst auch Kinder mißbraucht haben.


    Christian macht Ellinor einen Heiratsantrag. Naja, eigentlich kann man das gar nicht so nennen. Ich fand es fürchterlich!! Und musste daher schon über Ellinors Verhalten grinsen, als sie Lehmbrook einfach hereinbittet :) Christian war mir bei dieser ganzen Szene ganz furchtbar unsympathisch.


    Faszinierend, dass euch allen Christian durch den Heiratsantrag so unsympathisch wurde. Mir tat er einfach nur leid. Ich fragte mich bei der Szene, ob er wirklich so nüchtern ist und die Ehe mit Ellinor aus Vernunftgründen eingehen möchte oder ob er eigentlich ein sehr leidenschaftlicher Charakter ist, der, aus Angst sie anderweitig zu verschrecken, zu so einem unromantischen Antrag greift. Derzeit tendiere ich zu letzterem.

    Martina sagt in diesem Abschnitt etwas sehr wichtiges:


    Zitat

    "Jeder ist für alles verantwortlich. Keine Einzelgeständnisse."


    Wenn alle für alles verantwortlich sind, egalisieren sich die eigenen Taten. Man gibt die eigenen Schuld ans Kollektiv ab und legitimiert gleichzeitig das eigene Handeln. Denn wenn alle so wie man selbst handelten, kann das eigene Handeln nicht verkehrt und damit nicht kriminell sein.

    Ich finde die Fallanalytikerin interessant und ich bin gespannt, was sie berausfindet. Allerdings bezweifle ich, dass ihre Methoden psychologisch richtig sind. Sie will mit aller Kraft Dinge ans Licht bringen, an die Steffen sich nicht mehr erinnert.


    Ist euch eigentlich aufgefallen, dass sie Liebert mit Nachnamen heißt? Alex sucht gerade nach einem Stasi-Mann mit demselben Namen. Irgendwie glaube ich da nicht an einen Zufall! Falls doch, hat mich Tanja genial an der Nase herum geführt ;)

    Ich weiß nicht wie ihr das seht, aber so ein Hungerstreik ist doch nichts anderes als ein Suizid, oder? Hungertod wäre für mich nur Mord, wenn man ihm im Gefängnis nichts zu essen gegeben hätte, aber er hat ja was bekommen. Ist das dann Propaganda das als Mord zu bezeichnen? ???


    Am Hungertod von Holger Meins erkennt man meiner Meinung nach die Überforderung der damaligen Politik. Denn er ist trotz Zwangsernährung verhungert. Entweder wurde zu spät damit begonnen oder aber die Kalorienzufuhr war zu niedrig.


    Für die RAF war es ein gefundenes Fressen. Sie konnten seinen Tod als Mord anprangern - ich bin mir sogar sicher, dass er einige Sympathisanten über die Klippe zum Mittätertum springen ließ (wie bei Martina im Roman).


    Bert nutzt Martinas Schock psychologisch sehr geschickt aus, als sie von Holgers Tod erfahren hat. Er zwingt sie dazu, sich in genau dem Moment zu entscheiden - ist sie ein Mensch oder ein Schwein? Aus ihrer Sicht kann es nur eine Antwort geben. Bei der Szene hatte ich Gänsehaut :o

    [quote author=nicigirl85 link=topic=12391.msg256001#msg256001 date=1448We913925]
    Total verzweifelt hat mich, dass Martina Flüchtige in ihre Wohnung lässt und dabei ihre Tochter Angelika in Gefahr bringt. Ist das jugendlicher Leichtsinn oder einfach nur fahrlässig? Niemals sollte eine Mutter so etwas tun, oder?
    [/quote]


    Weder noch. Martina ist eine Sympathisantin. Die RAF hat bis jetzt noch niemand ermordet (wenn ich die Chronologie richtig im Kopf habe), sondern "nur" Sprengstoffattentate verübt - immer als Symbol gegen das faschistische System und den Kapitalismus. Holger und Bert dürfen bei ihr bleiben, solange sie Martina und Angi nicht durch Waffen in Gefahr bringen. Als Holger dieses Versprechen bricht, wirft sie ihn hochkant aus der Wohnung. Obwohl er sie unter Druck setzt und trotz ihrer Sympathie der RAF gegenüber und vor allem trotz der großen Anziehungskraft, die Holger auf sie ausübt.


    [quote author=nicigirl85 link=topic=12391.msg256001#msg256001 date=1448We913925]
    Für mich hat es den Anschein als wenn gerade die Jugend der besseren Gesellschaft so fasziniert ist von der RAF und gegen die Elterngeneration aufbegehren will. Warum ist das nur so? Falsche Schuldgefühle?
    [/quote]


    Das ist wahrscheinlich eher der besseren Bildung geschuldet. Sie müssen ihren Lebensunterhalt nicht von jungen Jahren an selbst verdienen, sondern haben den finanziellen Background, um studieren zu können, tagelang zu diskutieren und auf Demos zu gehen. Kinder der Arbeiterschicht hatten dafür einfach keine Zeit.



    Buecherlabyrinth, die RAF hat sich tatsächlich aufgelöst, eben 1998 (das ist einer der Gründe, warum der Roman zum Teil in diesem Jahr spielt). Morde hatte es schon in den Jahren vorher keine mehr gegeben, als Antwort auf die sogenannte "Kinkel-Initiative" meines Namensvetters Klaus Kinkel, mit dem ich nicht verwandt bin.


    Mir war nicht bewusst, dass die Auflösung erst so spät war. Im Zuge dieser Leserunde habe ich online gelesen, dass der letzte Anschlag, zu dem sich die RAF bekannte, 1993 erfolgte. Ich bin Österreicherin, aber auch bei uns wurde natürlich über die RAF berichtet. Von meiner Kindheit habe ich noch ein paar Schlagzeilen aus den 80igern vage im Gedächtnis, aber das war es auch schon.


    Aber zurück zum Buch: Renate Huber hat Dreck am Stecken, eindeutig. Sie reagiert ganz einfach zu panisch. Ihre politische Karriere kann durch die frühere Freundschaft zu Martina nicht gefährdet sein, vor allem da diese allgemein bekannt ist. Wenn sogar Joschka Fischers Nähe zur RAF in den Siebzigern ihm nicht schaden konnte (was mir übrigens auch neu war), dann wird sie doch auch nichts zu fürchten haben. Meiner Meinung nach war sie beim Werder-Anschlag aktiv mit beteiligt. Steffen glaubt sich an fünf Attentäter zu erinnern, ist sich aber nicht mehr sicher. Die Helmstedt hat nur über die bekannten Täter ausgesagt und die eigene Rolle herunter gespielt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie die Grünenpolitikerin nicht ans Messer lieferte, zu einem Zeitpunkt als die Organisation noch bestand.

    In Österreich setzte die Aufarbeitung sogar noch viel später ein als in Deutschland. Durch die Opferthese (Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus) konnte sich die Kriegsgeneration als unfreiwilliges Opfer betrachten und die eigene Mittäterschaft leugnen. Bundeskanzler Vranitzky war 1991 der erste offizielle Vertreter der sich für die von Österreichern während des Dritten Reiches begangene Verbrechen entschuldigte. Mit Restitutionen wurde überaupt erst 1998 begonnen.

    Mich fasziniert der Umstand, dass ich durch die Person von Martina die Gedankenwelt der RAF-Terroristen ein Stück weit verstehen kann. Diese jungen Erwachsenen müssen damit klar kommen, dass die Elterngeneration in ein unglaubliches Verbrechen wider die Menschheit verwickelt war und sich anscheinend nichts geändert hat. Über die Vergangenheit wird der Mantel des Schweigens gelegt und es damit gut sein gelassen. Das beste Beispiel ist Jürgens Vater, der in seiner Fabrik Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, aber überhaupt kein Schuldempfinden zeigt. Er hat sich im Gegenteil in der neuen Republik wieder gut eingerichtet. Solche Beispiele hat es im Nachkriegsdeutschland zuhauf gegeben. Die empfundene Wut ist dadurch verständlich - die Radikalisierung und das Anwenden von Gewalt ist selbstverständlich abzulehnen.