Beiträge von dodo

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    Bingo ;) Monsieur Lecoq (erfunden von Émile Gaboriau) war der Vorgänger von Sherlock Holmes.


    Ich muss jetzt gestehen, dass er mir bis jetzt noch nicht untergekommen ist. :-[ Offensichtlich muss ich dringend eine Bildungslücke schließen und mehr von ihm lesen ;)



    Naja, aber er selbst kommt immer wieder darauf zu sprechen, dass er ein Verbrecher ist. Das heißt, er gehört zu den Bösen. In welcher Form genau das der Fall ist, ist mir aber auch noch nicht klar - da bin ich sehr gespannt!


    Es stimmt, er behauptet von sich ein Verbrecher zu sein. Dementsprechend gehandelt hat er aber noch nicht - zumindest nicht im Roman. Er will noch nicht einmal das Geld von Commarin nehmen, da er dessen Frau technisch gesehen gar nicht gefunden hatte. Abgesehen davon hat mich folgende Stelle endgültig überzeugt, dass in Lecoqs Fall ein eklatanter Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und dem eigentlichen Charakter herrscht:


    [quote author=Vera Buck - Runa; Zweiter Teil: Hypothesen, Seite 269]Er hatte Lecoqs Ausführungen bislang mit höflichem Interesse verfolgt, doch nun schien ihm echte Zweifel am Verstand seines Gegenübers zu kommen. Es musste ihm ohnehin schwerfallen, einen Mann ernst zu nehmen, der ganz offiziell seinen Dienst als Inspektor quittierte, um Verbrecher zu werden. Und der sich dann nie etwas zuschulden kommen ließ.[/quote]

    Lecoq wird mein heimlicher Liebling in diesem Buch. Er erinnert mich ein bisschen an Sherlock Holmes, nur dass er nicht ganz so ein Wunderwutzi ist. Diese Exzentrik, der Glaube an die Wissenschaft, seine fehlende Empathie, die Suchtaffinität und diese kalte Logik - einfach herrlich. ;D


    Mir gefällt, dass die Charaktere so menschlich sind. Sie sind weder gut noch böse und handeln nicht immer richtig, selbst wenn sie die besten Absichten haben. Jori, der Runa wirklich helfen will und so etwas wie Verantwortung für sie fühlt, steht zum Beispiel seine Eifersucht auf Babinski im Weg. Babinski ist bereit im zu helfen, doch Jori nimmt sie nicht an. Das ist doppelt schade, denn so sabotiert er nicht nur Lunas Behandlung, sondern auch eine mögliche Freundschaft. Denn irgendwie glaube ich Babinskis Begründung nur wegen eines Wetteinsatzes helfen zu wollen nicht ganz.


    Des weiteren sprechen mich die Gothik-novel-Elemente im Roman sehr an. Das an ein Schloss erinnernde Irrenhaus, die unheimlichen Kratzer in der Kutsche, die Szene zwischen Frederic und Lecoq in der Kirche und vor allem die Episode, in der Jori glaubt, Luna schreibt ihm geheime Botschaften auf ein Fenster, haben diesen gewissen Gruselfaktor, der dem Buch eine zusätzliche Würze verleiht.


    In dieser Hinsicht schon, ich finde es ist zwar trotzdem noch etwas anders, aber im Prinzip hast du da schon Recht, dass diese Realitiy Formate im Fernsehen diesem ähneln..
    Gab es diese Vorführungen früher wirklich?


    Ich denke schon. Leider finde ich keinen Link, der dies bestätigen könnte, kann mich aber dunkel erinnern, irgendwann schon einmal einen Artikel über derartige Vorführungen gelesen zu haben.


    Ich kann die Begeisterung, dass man sich hysterische Personen anschaut, die dann Anfälle bekommen, nicht verstehen. Bin aber gespannt, was es noch mit diesem Charcot auf sich hat.. Fragwürdige Vorstellungen..


    Ich finde, das gar nicht so befremdlich. Was heute dem Zuschauer sein "Reality TV" á la "Big Brother" oder "Teenager werden Mütter" ist, waren damals unter anderem auch solche öffentlichen Vorstellungen. Man kann sich ein bisschen ekeln, sich vielleicht den einen oder anderen erotischen Kick holen und sich an einem Kuriositätenkabinett ergötzen. Damals wurde dafür die Wissenschaft als Rechtfertigung hergenommen, heute werden derartige Fernsehformate mit dem Deckmantel des "echten" Lebens begründet. Der einzige Unterschied ist, dass die Mädchen und Frauen der Salpetriere nicht freiwillig an den Demonstrationen teilnahmen.


    Was mir noch eingefallen ist:
    Die Zeichen, die Maxime erwähnt (S. 153) sind (zumindest teilweise) chemische Elemente, oder?
    Ich kenne mich da nicht so genau aus, aber Pb ist ist doch Blei und Au ist Gold...mehr erkenne ich nicht (Chemie war nie so meins...)


    Das sind definitiv chemische Zeichen: Hg ist Quecksilber, Fe ist Eisen, Cu ist Kupfer, Sn ist Zinn...


    Ich bin schon gespannt, wie sich die einzelnen Handlungsstränge am Ende verflechten. Besonders interessiert mich, wie der Ich-Erzähler Maxime in das Bild passt. Eigentlich wirkt er wie ein Jugendlicher auf mich, scheint aber gleichzeitig vom Alter her zu dem Widerling Gérard zu passen. Kurz dachte ich ja, dass sich die "Maxime-Episoden" in der Vergangenheit abspielen, um den Werdegang von Gérard zu beleuchten, aber das passt wieder nicht mit Burqs Tod in beiden Erzählsträngen zusammen. ??? Auf alle Fälle sehr spannend das Ganze.



    Ich befürchte übrigens, dass Pauls Ausführungen über Pauline und dem, wie sie auf Joris Briefe reagiert hat, stimmen :'( Da hat Jori mir richtig leid getan.


    Ich glaube auch, dass Paul in diesem Punkt recht hat. Es passt zu perfekt zu Paulines Krankheitsbild. Sie wird sich im Stich gelassen fühlen und Jori seine Freiheit neiden, die ihr versagt bleibt. Wenn sie überhaupt gerade Kraft für Gefühle irgendwelcher Art hat und nicht in einer Leere feststeckt.


    Verstanden habe ich nur nicht so recht, warum dann nur Pauline verrückt sein soll? Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hat sie diese Fähigkeit und noch etwas anderes vom Vater, aber was genau, das ist mir nicht so klar. ???


    Anscheinend traten psychische Erkrankungen vermehrt auf der väterlichen Seite auf und zwar rein auf die weiblichen Mitglieder der Familie beschränkt. Daher die Verknüpfung mit dem X-Chromosom.



    Für mich wirkt Pauline maximal wie jemand, der unter Depressionen leidet. Ansonsten ist sie doch eine ganz normale Frau, die einfach nur sagt was sie denkt.


    Du betrachtest Pauline aus der heutigen Warte heraus. Das Krankheitsbild und die Symptome der Depressionen sind allgemein bekannt. Den Betroffenen kann in vielen Fällen bei richtiger Medikation, idealerweise von begleitet von einer für den jeweiligen passenden individuellen Therapieform, geholfen werden. Damals gab es weder das eine noch das andere. Die abrupten Stimmungsschwankungen erschreckten sowohl die Erkrankten als auch ihre Umgebung. Sie waren nicht erklärbar und kaum behandelbar. Wenn Pauline in einer guten Phase einfach nur ihre Meinung kundtut und sich damit auch nicht wie das Idealbild einer unverheirateten Frau benimmt, so wird das nicht als normal, sondern als Ausdruck ihrer Verrücktheit gesehen.

    Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich finde im Zusammenhang mit Selbstbefriedigung die sprachliche-emotionale Verknüpfung interessant. Onanie ist bei mir negativ behaftet. Es klingt unanständig, schmuddelig und ein ganz kleines bisschen pervers. Masturbation wiederum ist bei mir wissenschaftlich neutral belegt. Es klingt so kühl. Zwar nichts wovor man sich fürchten muss, aber auch nichts, auf das man sich unbedingt freut, vergleichsweise wie ein Besuch beim Gynäkologen. Nur Selbstbefriedigung hat eine eindeutig positive Konnotation. Man nimmt sich selbst war, akzeptiert sich, wie man ist und tut sich selbst etwas Gutes.


    Faszinierend, wie drei unterschiedliche Begriffe für diesselbe Sache so unterschiedlich auf mich wirken. Immerhin stamme ich nicht mehr aus der Onanie=Rückenmarksverletzungsgeneration.



    Meine etwas gewagte OT-Hypothese an dieser Stelle: was damals die Hysterie für Frauen war, ist heute ADHS für Jungs...


    Da könnte durchaus etwas dran sein...

    Es wimmelt in dem Roman nur so von bekannten Namen. Tourette, Babinski, Pasteur, alles Schüler und Anhänger von Charcot (der mir ehrlicherweise nichts gesagt hat). Der erste Teil transportiert sehr gut die Goldgräberstimmung, die in der damaligen wissenschaftlichen Forschung geherrscht haben muss. Es gab quasi jeden Tag eine neue aufregende Erkenntnis und alles schien möglich. Moralische oder gar ethische Bedenken gab es dabei nicht.


    Auch wenn mich die Methoden abstoßen, kann ich diese Männer doch ein Stück weit verstehen. Die Wissenschaft war aufregend und es gab noch so viel zu entdecken. Was zählte da schon ein einzelnes kleines Mädchen, das sowieso bereits von einer anerkannten Koriphäe als unheilbar abgestempelt war? Konnte ihr eine experimentelle Gehirnoperation helfen, dann war es gut, wenn nicht, dann war es eben nicht zu ändern. Schaden konnte (scheinbar) keiner angerichtet werden, aber so viel Nutzen darauf gewonnen (in Joris Fall sowohl persönlicher als auch allgemeiner Natur).



    Er hat doch keinerlei chirurgische Ausbildung, oder ist mir da etwas entgangen? Charcot hat offensichtlich kein Interesse mehr daran, Runa zu behandeln.


    So wie ich das verstanden habe, besitzt Jori eine umfangreiche medizinische Ausbildung (was auch die Chirurgie miteinschließt). Es fehlt ihm nur noch die Dissertation.


    Interessanter Gedanke. Wie bist du darauf gekommen?


    Wegen dieser Stelle:


    Zitat

    ... obwohl die schmale Gestalt und die wie an den Kopf genähten Verbrecherohrläppchen eher auf einen Brandstifter schließen ließen.


    Lecoq ist von Pauls schlechten Absichten wegen seiner anatomischen Merkmale überzeugt, daher die Verknüpfung zur Phrenologie. :winken:


    Die Familien wollen sie einfach los werden und ihnen ist es wahrscheinlich auch egal was mit ihnen gemacht wird. [/b]


    Das denke ich eigentlich nicht. Kinderreiche Familien der ärmeren Schicht hatten aber nun einmal das Problem, das jeder mit anpacken musste, der alt genug dafür war. Konnte ein Familienmitglied seine Aufgabe nicht mehr erfüllen, war er eine Belastung. Wenn das dann noch eine psychische Erkrankung war, kam auch noch die Angst dazu. Denn wer konnte wirklich garantieren, dass der Patient nicht doch vom Teufel besessen war? Ich glaube, dass es Erleichterung eher trifft.


    Anhand von Pauline sieht man auch, dass es den Familien eben nicht egal war. Hier konnte man sich eine Behandlung leisten und versuchte ihr anscheinend seit längerem ohne Erfolg zu helfen. Wenn ein Arzt verspricht, sie durch die Entfernung ihrer Klitoris heilen zu können, klammert sich ihre Familie natürlich an diesen Strohhalm. Wir dürfen nicht vergessen, dass damals Frauen sowieso nicht als sexuelle Wesen angesehen wurden. Sie hatten kein Verlangen zu empfinden, schon gar nicht als ledige "Fräulein". Im Ehebett war Lust und Erfüllung auch nicht notwendig, Hauptsache sie erfüllte ihre Pflicht klaglos und bekam die Kinder. Für die Familie wird dieser Eingriff daher nicht als grausame Verstümmelung empfunden, sondern als notwendiges Mittel ihr zu helfen.


    Schlimm fand ich die Vorführung von Charcot, bei der sich die Boheme unter dem Deckmantel einer medizinischen Lehrveranstaltung einen erotischen Kitzel holte. :o


    Was mich ärgert: natürlich waren es Frauen, die für solche Experimente herangezogen wurden. Ich glaube kaum, dass die männlichen Ärzte an männlichen Patienten so schmerzhafte Versuche an den Geschlechtsorganen gemacht haben - den Schmerz konnten sie sich vermutlich vorstellen, aber nicht den bei einer Frau. "Hysterie" wurde aber auch als ausschließlich weibliche Krankheit angesehen, denke ich. >:(


    Ich denke, dass auch an männlichen Patienten äußerst schmerzhafte, sadistische und aus heutiger Sicht unnötige Experimente gemacht wurden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Salpêtrière ein Krankenhaus für Frauen war. Charcot hatte also nur Frauen als Untersuchungs- und Vorführpatienten. Ohne den advokatus diaboli spielen zu wollen, möchte ich allerdings einwerfen, dass die Ärzte damals erstmal wirklich versuchten, die wirklich oder vermeintlich Kranken wissenschaftlich zu untersuchen und letztendlich auch zu behandeln. Die Art und Weise wie das geschah, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Arme, Alte, Kranke und Kinder waren damals leider nichts wert und waren menschliche Versuchskaninchen (wobei sich über die Sinnhaftigkeit der modernen Tierversuche genauso diskutieren lässt, aber das ist eine andere Geschichte).



    Ich Glaube die nennen hier fast alles einfach "Hysterie", was nicht die Norm ist. Die Familien wollen sie einfach los werden und ihnen ist es wahrscheinlich auch egal was mit ihnen gemacht wird.


    Meines Wissens nach umfasste Hysterie tatsächlich so ziemlich alle noch nicht näher bekannten neurologischen und psychischen Störungen bei Frauen.


    Wenn ich daran denke, dass Onanie bei Frauen als Krankheitssymptom angesehen wurde, stehen mir die Haare zu Berge :o. Die unterschiedlichen im Roman angedeuteten Behandlungsmethoden will ich mir gar nicht wirklich vorstellen.


    Die Detailverliebtheit ist mir bereits jetzt schon positiv aufgefallen. Ich mag diese verstreuten Kleinigkeiten, wie die erwähnten neuartigen Mülleimer oder den Kokainwein. Dadurch entsteht sofort die Atmosphäre des Fin de Siécle, man taucht automatisch in das Paris der Achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ein. Mir gefällt außerdem die unaufdringliche Verknüpfung von realen historischen Personen und fiktiver Charaktere. Ich freue mich schon auf das Weiterlesen.

    Genau diese Rezension hat mich auf das Buch aufmerksam und neugierig gemacht. ;) Bei dieser Runde möchte ich gerne dabei sein. Hiermit melde ich mich verbindlich an und bewerbe mich für ein Freiexemplar.

    "Er starrte auf das Treiben und frohlockte." Mit diesem Satz startet der Prolog zu Sandra Baumgärtners Roman "Die Chronik der Hagzissa". Der Dämon Modroch ernährt sich von der Energie, die von starken Gefühlen wie Neid, Missgunst, Zorn und Zwietracht hervorgebracht wird. Gefühle, die während der Hexenverfolgung in der Neuzeit zuhauf vorhanden sind. Einzig die Hagzissas - weise Männer und Frauen mit besonderen Gaben - können ihm gefährlich werden. Also verfolgt er sie mit absoluter Härte und wird doch von dem kleinen Mädchen Johanna besiegt. Jahrhunderte später bietet sich ihm in unserer Zeit endlich die Gelegenheit neuerlich seine volle Stärke zu erlangen. Einzig Hannah, unwissend ihrem Erbe, könnte ihm die Stirn bieten.


    Erwartet hatte ich einen fesselnden Mysteriethriller, der, zwei verschiedene Zeitebenen miteinander verknüpfend, den Leser einlädt, gemeinsam mit der Protagonistin Hannah das Geheimnis der Vergangenheit zu lüften, um so zum Rüstwerk für den finalen Kampf gegen den Dämon zu gelangen. Leider konnte mich der Roman rund um die Hagzissas, ihrer Gaben und dem uralten Kampf gegen das Böse überhaupt nicht überzeugen. In für mich zu flapsig und salopp geschriebener Sprache verfasst, wirkt die Geschichte zu sehr konstruiert und gleichzeitig zu wenig durchdacht. Die Charaktere bleiben flach und eindimensional. Sie entwickeln sich im Lauf der Geschichte nicht weiter, verhalten sich im Gegenteil zuweilen irrational und zu ihrem bis dahin geschilderten Wesen nicht passend.


    Am Ende kann nicht einmal der finale Kampf gegen den Dämon für die Schwächen des Romans entschädigen. Mithilfe eines Klischees wird die bis dahin aufgebaute Handlung rund um das Enträtseln einer geheimnisvollen Chronik obsolet.


    Fazit:


    Enttäuschende Schnitzeljagd rund um uraltes Geheimnis, geeignet nur für Genrefans.




    Zur Leserunde: Vielen Dank für die nette Diskussion. Sie hat mir großen Spaß gemacht, auch wenn das Buch nicht mein Fall war.


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