Beiträge von Tanja Kinkel

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    Murkxsi, bei August konnte ich leider nichts machen, den beschützt die historische Realität, aber wie ich andernortens schon erwähnte: er wurde alt genug, um noch zu erleben, daß Annette als die größte Dichterin deutscher Sprache angesehen wurde, und er nur als der Kerl, der irgendwie mit ihr verwandt war.


    Jacob und Annette: okay, ich gebe zu, wenn ich die beiden erfunden hätte, dann wäre ich vielleicht der Versuchung erlegen. Aber nicht nur machte mir auch da die Realität einen Strich durch die Rechnung, es ist auch so, daß ich argwöhne, wenn sie miteinander hätten leben müssen, sie wären so oft aneinandergeraten, daß einer von beiden einen Nervenzusammenbruch erlitten hätte. :) Nicht zu vergessen: wer auch immer einen Grimm-Bruder heiratete, nahm den zweiten gleich mit, was hieß, Annette hätte auch mit Wilhelm leben müssen. ??? Aber solchen schnöden Betrachtungen zum Trotz muß ich sagen: Szenen für diese beiden zu schreiben, war immer ein Schaffenshighlight für mich, und wenn ich Fernsehautorin statt Romanautorin wäre, dann würde ich diesen Fall nur den ersten von einer ganzen Reihe von Fällen sein lassen, die sie als Ermittlerteam gemeinsam lösen....

    Um die Nachtwort-scheuen Kollegen zu verteidigen: bei meinem dritten Roman, "Die Puppenspieler", der gleichzeitig auch mein erster Festeinband war ("Wahnsinn, der das Herz zerfrißt" und "Die Löwin von Aquitanien" sind als Taschenbuch-Erstausgaben erschienen), wollte der Verlag seinerzeit absolut kein Nachwort haben, und als doch eins erschien, mußte ich es auf das Mindestmaß zusammenkürzen. Der Grund: damals hatten wohl Umfragen ergeben, daß sich Leser im Vorfeld von Nachworten "abgeschreckt" fühlten, weil ihnen der Roman dadurch beim Durchblättern zu akademisch-trocken und zu wenig genießbar erschien. Periodisch taucht diese Behauptung in der Branche immer mal wieder auf, weswegen Verlage dann oft versuchen, die Autoren vom Verfassen von Nachworten abzuhalten. (Mir selbst ist das allerdings nicht mehr passiert.) Gerade jüngere, unbekanntere Autoren hören natürlich auf ihre Verlage, was das Marketing betrifft.


    Ob die beiden Grimms und die Drostes Freunde bleiben können? Ich kenne ja die Biographien nicht.


    Jenny und Wilhelm korrespondierten lebenslang miteinander, allerdings mit einer zweijährigen Lücke just um diese Zeit. In Biographien wird angenommen, daß die Lücke mit Wilhelms Heirat zu tun hat, aber in meiner Romanwelt gibt es natürlich auch andere Gründe.


    Was Annette betrifft, so blieb sie mit den Grimms in losen Kontakt, auch, nachdem Jenny heiratete und an den Bodensee zog. Ihr Brief an eine gemeinsame Freundin, Johanna Hassenpflug (ja, aus dem gleichen Hassenpflug-Clan, dem auch Amalia "Malchen" Hassenpflug und Lotte Grimms Ehemann Ludwig Hassenpflug entsprangen), nachdem sie mal längere Zeit nichts von den Grimms gehört hatte, aus dem Jahr 1845, klingt sehr freundschaftlich und resssentimentfrei:


    "Was macht doch Louis Grimm? Und was Jacob und Wilhelm ? Zu mir kommen nur so einzelne verlorene Stücke Nachricht. Einmal waren beide krank, dann beide hergestellt, und dann war man doch nicht zufrieden mit ihrer Gesundheit. … Vor allem liegt mir aber doch Lotte am Herzen, und ich kann es nicht erwarten, genauere Nachricht über sie zu bekommen. Sie ist gewiss sehr angegriffen! Das arme Ding! Es ist dumm, wenn man sich so aus der Korrespondenz kommen läßt, man ist nachher so ungeschickt und ratlos, wenn man wieder anknüpfen möchte und nun so vieles dazwischen liegt, was man nicht weiß. Antworte mir doch bald, liebe Hanne! Die Zeit läuft so schnell und immer konfuser, daran sind die Eisenbahnen schuld, man kömmt auseinander, leiblich und geistig."

    "Historischer Roman mit kriminalistischen Elementen" ist auch eine gute Formulieren, Lerchie. Wobei ich "historischer Roman" und "Krimi" nicht als zwei sich ausschließende Genres sehe. (Siehe auch: ganze Buchserien über historische Detektive. Steven Saylor und C.J. Sansom gehören da zu meinen Lieblingsautoren.) Ich würde allerdings bei mir zwischen einem Roman wie "Manduchai" (hat zwar zwischendurch auch eine "wer war's?" Handlung, als Manduchais erstes Kind umgebracht wird, aber das ist eben nur eine Nebenhandlung, nicht der rote Faden durch den Roman, und wird lange vor dem Ende aufgeklärt) und "Im Schatten der Königin" (mein anderer um einen Todesfall gebauter historischer Roman) oder eben "Grimms Morde" unterscheiden. Die beiden letzteren sind für mich historischer Krimis, "Manduchai" dagegen nicht, weil "Wie starb Amy Robsart?" und "Wer ist der Märchenmörder?" Handlungsgerüste sind. Natürlich geht es in beiden Romanen auch um sehr viele andere Dinge, und "Was genau geschah in Bökendorf?" ist bei "Grimms Morde" der zweite rote Faden, aber das Krimielement ist sozusagen die Grundmauer, auf der das Romanhaus steht. :)


    Und dass Wilhelm da mitgemacht hat, enttäuscht fürchterlich!


    Fußnote hierzu, ehe mir noch ein Wilhelm-Grimm-Fan vorwirft, seine Reputation zu ruinieren: im Gegensatz zu den Rollen, welche die Haxthausens sowie Arnswaldt und Straube in Annettes Jugendkatastrophe gespielt haben, und die sehr gut brieflich dokumentiert sind, ist die von Wilhelm meine Spekulation. Wegen folgender Umstände:


    1) In den Briefen, nachdem er die Schwestern Droste kennen gelernt hatte, schreibt Wilhelm über Jenny nur stereotyp, sie sei “lieb und sanft”, sonst nichts, während er sich über Annette paragraphenlang ereifert (“will immer brillieren” etc.) und dann auch noch diesen sehr lebhaften Albtraum über sie beschreibt, den ich nicht erfunden habe. Da klingelt mein post-freudianischer Instinkt bezüglich dessen, was sich unter Wilhelm Grimms Abneigung gegen Annette verborgen haben mag.


    2) Annettes kryptische Bemerkung in dem Brief an Elise Rüdiger von 1844, die ich zu Beginn des betreffenden Abschnitts im Buch zitierte: “namentlich Wilhelm Grimm hat mir durch sein Mißfallen jahrelang den bittersten Hohn und jede Art von Zurücksetzung bereitet, so dass ich mir tausendmal den Tod gewünscht habe.” Das klingt nach etwas mehr als nur ein paar Streitereien in Salons, weil sie mit seinem Namen Wortspiele machte. Und in einem “den Tod gewünscht” Zustand war sie eigentlich nur nach der Straube-Arnswaldt-Affäre, die definitiv für jahrelangen bitteren Hohn etc. verantwortlich war.


    3) Ludwig Emil “Louis” Grimm hat 1820 eine Karikatur von Annette, Straube und Arnswaldt gezeichnet (die zeigt, wie beide Männer vor ihr knien); die Grimms wußten also mindestens, daß es da eine zwei-Verehrer-Situation gab.


    Nun sind das alles nur ein paar Indizien, und kein Beweis. Aber wir Romanautoren können ja im Unterschied zu Sachbuchautoren auf Spekulation eine Handlung aufbauen. ;)

    Dreamworx, als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal bei einem Vortrag über Annette von Droste-Hülshoff von der Straube-Arnswaldt-Affäre hörte, dachte ich, das sei doch viel zu Denver-und-Dallas-mäßig, so würden doch reale Menschen nicht intrigieren, aber ein Blick in die Biographien verriet, daß ich den westfälischen Adel wenigstens in seiner Qualifkation für Seifenoper-Intrigen unterschätzt hatte.


    Ernsthafter gesprochen: die ganze Episode machte mich wütend, seit ich darüber hörte und las, und es war kathartisch, darüber zu schreiben.

    Zunächst einmal: ich war gestern den ganzen Tag unterwegs, konnte daher leider nicht kommentieren, freue mich aber nach wie vor über die lebhaften Reaktionen.


    re: Bestätigung von Annettes Selbstmord-Theorie in Sachen Wegner - die erfolgt, da Jacob Blauberg herausfordert, überprüfen zu lassen, durch wen und wann die Annonce im Hanauer Anzeiger gesetzt wurde, was auch geschieht. Da Blauberg Jacob gegenüber zugibt, daß, wie vermutet, Wegner selbst es war, hielt ich eine weitere Bestätigung nicht für nötig.


    re: Annette und Jacob: ich muß zugeben, daß es mir immer besonders große Freude bereitete, die Szenen zwischen ihnen zu schreiben. Ja, sie kommen unabhängig voneinander zu der richtigen Schlußfolgerung re: Kern, aber die vorige Zusammenarbeit hat mit dazu beigetragen, daß Annette post-Bökendorf wieder mit sich ins Reine kommt. (Und wieder mit Menschen interagiert, ohne sich zu fragen, ob die oder jene Bemerkung jetzt eine Anspielung sein sollte.) Übrigens, ich bilde mir ein, daß ich alle vier Hauptfiguren mit etwas mehr Selbsterkenntnis und in einem besseren emotionalen Zustand zurücklasse. Jenny hat sich von der Vorstellung einer Ehe mit Wilhelm verabschiedet (was sie bereit zu einer neuen Beziehung machen wird), Wilhelm ist klar, daß er re: Annette falsch gehandelt hat (auch wenn er natürlich immer noch eine Menge übersieht), Jacob läßt sich auch auf Menschen als intellektuelle Partner ein, die nicht Wilhelm sind, und sieht in der Aussicht, dieser könnte heiraten, keine Bedrohung mehr, sondern etwas wünschenswertes.


    dieser Dörnberg einen solch überzeugten und fast fanatischen Fanclub?


    Unterschätze niemals Fans. :) Ernsthafter ausgedrückt: es ist nicht nur der Status von Dörnberg als Nationalidol, sondern auch das gebeutelte hessische Selbstbewußtsein per se. Sie haben gerade eine Besatzung hinter sich, die sie nicht aus eigenen Kräften wieder los geworden sind. Der alte Kurfürst, der gerade zu Grabe getragen wurde, war mit seiner Mätressenwirtschaft und seinen altertümlichen Marotten (Zöpfe wieder einführen etc.) sogar unter den nicht sehr glorreichen anderen deutschen Fürsten ein Witz. Der neue Kurfürst scheint in seine Stapfen zu treten. Alles ganz und gar nicht gut für die Staatspropaganda. Also legt man auf den makellosen Ruf von Dörnberg doppelten und dreifachen Wert.

    Lerchie und Ysa, ja, Straube hat nie geantwortet. Annette hatte zuerst nicht geschrieben, weil sie für unwürdig, auch nur das zu tun, erklärt worden war, und daher Anna ihr Herz ausgeschüttet und um ihre Vermittlung gebeten, merkte jedoch durch Annas Reaktion schließlich, daß diese nicht nur nicht sympathisierte, sondern im Gegenteil von Anfang an beteiligt gewesen war. Dann unternahm Annette wohl noch einige schriftliche Erklärungsversuche bei Straube selbst, aber hörte nie wieder von ihm. Ich muß zugeben, daß ich mir mit dem Roman natürlich auch den Wunsch erfüllte, es zu einer Aussprache kommen und Annette erkennen zu lassen, daß er um die “Prüfung” gewußt hatte.

    Danke fürs Mitmachen, Lerchie!


    Re: wie weit Arnswaldt und Annette gegangen waren: da die ganze Sache von Arnswaldt kalkuliert war, denke ich, daß er nie so unklug gewesen wäre, Annette zu entjungfern. Das hätte ihn nämlich selbst für die Annette gegenüber feindseligen Haxthausens nach dem Ehrenkodex der damaligen Zeit dazu verpflichtet, sie zu heiraten, sonst hätte das Gesamtfamilienansehen darunter gelitten. Zumal ja Arnswaldt dem Stand und der Religion nach durchaus als Ehemann in Frage gekommen wäre. Also wird Arnswaldt darauf geachtet haben, gerade so weit zu gehen, daß es Annette später beschämte und kompromittierte, aber nicht so weit, daß es ihn zu irgend etwas verpflichtete. Im ganz expliziten Klartext: Petting, aber keine Penetration, und natürlich auch kein oraler Sex.

    Doscho, Wilhelm hat mit den Droste-Schwestern in meinem Roman im Grunde das gleiche Problem wie Annette mit Straube und Arnswaldt - von der einen Person körperlich, von der anderen Person geistig angezogen zu werden. Beides ist theoretisch gleichermaßen tabu in der angehenden Biedermeier-Gesellschaft, und definitiv kein Gesprächsthema. Da jedoch Frauen und Männer völlig anders sozialisiert wurden, gibt Annette sich selbst die Schuld und wendet sich nach innen, während Wilhelm zwar auch ein schlechtes Gewissen hat, aber mit seiner Misere erst einmal dadurch umgeht, daß er sie nach außen wendet, und Annette die Schuld dafür gibt.


    (Nebenbei: bis auf Jenny hätten alle Hauptfiguren von einem Therapeuten profitieren können, aber den gab’s halt im frühen 19. Jahrhundert noch nbicht. :) )


    Ich hoffe nur, sie hat sich auch in Zukunft nicht unterkriegen lassen.



    Was das spätere Verhältnis zwischen Annette und August betrifft: es blieb noch sehr lange kühl - ich zitierte ja schon aus dem Brief von 1828, in dem Annette schreibt: „ meines Onkels Werner kleines Töchterchen soll ein wahrer kleiner Engel sein, ich kenne es noch nicht, da ich seit acht Jahren nicht in Bökendorf gewesen bin, um das Zusammensein mit meinem Onkel August Haxthausen zu vermeiden, dem ich, aus hinlänglichen Gründen, nicht eben gar zu hold bin, und dem es zu sehr an Takt gebricht, um, bei einem gespannten Verhältnisse, sich einigermaßen anständig zu benehmen. Ich habe Proben davon!


    Aber als sie daran ging, ihre Novelle „Die Judenbuche“ zu schreiben, wurde es etwas besser, und er gab ihr die einschlägigen Dokumente ohne weiteres. (Hintergrund: August hatte bereits 1820 aufgrund von alten Haxthausen-Papieren über den Fall, der Annette zur „Judenbuche“ inspirierte, einen kurzen Aufsatz in der Zeitschrift „Die Wünschelrute“ geschrieben. Das Gespräch zwischen ihm und Annette auf dem Weg nach Kassel erwähnt das kurz. Die Geschichte ließ Annette offenbar nicht los, denn sie nahm sie viele Jahre später als Grundlage für ihr bekanntestes Prosa-Werk.)


    August überlebte Annette, und wurde auf diese Weise noch Zeuge, wie sie zu Deutschlands bekanntester Dichterin wurde, während seine eigenen gelegentlichen Beiträge zur Literatur in völlige Vergessenheit gefallen waren.

    Lerchie, die Begründung ist die von Blauberg gelieferte. Man wollte nicht, daß Jacob das Ansehen des Nationalhelden Dörnberg kompromittiert, und wußte nach dem Gespräch zwischen Jacob und Müller nicht genau, welches Material (sprich: Brief) Jacob über die Dörnberg-Freiin von Bachros-Verbindung hatte. Natürlich hätte der Polizeidiener Jacob schlicht und einfach FRAGEN können, aber Jacob hat sich bei der Polizei eben nicht beliebt gemacht...

    Lerchie, leider hat die Realität in diesem Fall nicht mitgespielt: Anna heiratete Arnswaldt (!) und starb hochzufrieden mit sich selbst als bewunderte Matrone im Familienkreis. August immerhin blieb solo. Übrigens war es für mich als Romanautorin schon ein Kreuz, daß die Herren Arnswaldt und Haxthausen beide „August“ mit Vornamen hießen. Noch ein paar Zitate, um die Mentalität der Herren zu demonstrieren:


    Arnswaldt re: Annette, das böse Weib, und daß er halt leider „nur“ einen Brief mit Straube zusammen geschrieben hat, um ihr zu sagen, was sie alle von ihr hielten: „(...) ich würde gern einmal mit Haxthausen nach Hülshoff reisen und wünschte mir nur die Kraft, vor ihr niederfahren zu können wie ein Blitz aus heiterem Himmel und eine Waage in der Hand des Höchsten zu sein, wenngleich aus unheiligem Metalle.“


    Dann gab er August von Haxthausen genaue Instruktionen, wie denn der Brief auszuhändigen sei: „Deine Tätigkeit dabei soll sich darauf beschränken, den beiliegenden Brief auf geschickte Art der Nette zukommen zu lassen, ich meine so, daß du ihr etwa trocken sagst: da ist ein Brief für dich gekommen, ohne zu sagen woher.“


    August von Haxthausen meldet August von Arnswaldt Triumph:


    „Euer Brief an Annette hat fast die Wirkung gehabt, die wir dachten.“


    Übrigens fand man im Nachlaß von Straube, als er 1847 starb, eine Locke von Annette. Er hatte wohl starke Gefühle für sie, aber eben auch nicht den Mut, sich nicht auf diese intrigante Idee von der „Prüfung“ einzulassen. Im Gegensatz zu der Arnswaldts scheint Straubes spätere Ehe unglücklich verlaufen zu sein. Amalie „Malchen“ Hassenpflug, die mit Annette befreundet und übrigens auch eine wichtige Märchenquelle für die Grimms war, schrieb 1826: „Seitdem ich weiß, dass er Nette so geliebt, tut er mir noch einmal so leid wie sonst, denn nun begreife ich erst, wie er die Frau hat nehmen können.“

    Gagamaus, ja, es gab damals tatsächlich Beschwerden wegen der Grausamkeit der Märchen. Ich bin heute abend in Erfurt, habe also nicht Zugriff auf meine verbliebenen (d.h.nicht in die Bibliothek zurückgebrachten) Recherchebücher, sonst könnte ich Dir einschlägige Zitate bieten. Es war z.B. einer der Gründe, warum aus den bösen Müttern der Erstauflage böse Stiefmütter in allen folgenden Auflagen wurden.


    Mir bereitete die Märchen-inhärente Gewalt als Kind übrigens auch keine Probleme. Wie Chesterton mal sagte, das Wichtigste an Märchen ist nicht, daß sie uns Drachen bieten, sondern, daß sie uns lehren, daß Drachen besiegt werden können...


    Ohrfeige: nein, das war meine Erfindung, ist aber bei dem Verhältnis, das zwischen Annette und August zu diesem Zeitpunkt bestand, im Bereich des Möglichen. Wie gesagt, Annette blieb Bökendorf für achtzehn Jahre fern, und vermied es, August, Anna & Co. bei Familientreffen andernorts zu begegnen, soweit das möglich war. (Es klappte nicht immer.).


    Es gibt von Anna einen Brief an Straube, in den sie ihn davor warnt, Annette zu verzeihen, oder ihr nach dem Bruch auch nur zurückzuschreiben, der in seiner Selbstgerechtigkeit und Grausamkeit ungeheuer erzürnend ist. Da Anna in dem Roman nicht auftritt, hier eine Kostprobe:


    Lieber Straube, nein, ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn Nette Ihnen schreibt. Wär‘ sie schon fest in ihrer Besserung, ja dann würde es mich selbst erfreuen. Aber sie ist noch ein zartes Pflänzchen, das wir pflegen müssen, und so fürchte ich, dass es nicht gut wäre, wenn sie glauben könnte, sich mit Ihnen versöhnt zu haben [getilgt: die große Schuld, die sie gegen Sie hat]. Nette muss zu ihrer Buße noch oft den Vorwurf in sich fühlen, wie schlecht sie gegen Sie gehandelt hat – glaubt sie aber sich gegen Sie gerechtfertigt, oder auch nur ganz Verzeihung, dann möchte sie am Ende auch glauben, gegen den Himmel nichts mehr verbrochen zu haben und wie kann sie das?“
    20. Dezember 1820

    Doscho, Dörnberg ist eine historische Figur, aber was Leser zu ihm wissen müssen, steht in dem Roman drin; er wird, soviel sei schon gesagt, nicht selbst „auftreten“, weil er zur fraglichen Zeit Gesandter in St. Petersburg war.


    Auch, wenn August eine aus seiner Sicht unpassende Ehe verhindern wollte, ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß dies je sein Hauptmotiv bei der Intrige war. Seine Äußerungen und die seiner Schwester Anna (die Arnswaldt später heiratete!) sind in dieser Hinsicht eindeutig: Annette sollte „eine Lektion erteilt“ werden.