Beiträge von irmi_bennet

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    Ein wirklich schönes Buch!


    Inhalt:


    Die junge Halbitalienerin Chiara ist Hals über Kopf aus ihrem Heimatort Castelnuovo geflohen und hat bei ihrer besten Freundin Leonie in einem kleinen badischen Ort Unterschlupf gefunden. Dankbar springt sie in deren Leben, übernimmt ihre Wohnung bzw. das Häuschen und deren Putzjobs. Und sie fühlt sich momentan wohl damit. Leonie ihrerseits nimmt sich eine Auszeit in New York. Chiara nimmt ihre neue Arbeit als Haushaltshilfe sehr ernst,sie macht ihre Arbeit ordentlich und analysiert dabei mit großer Menschenkenntnis ihre „Putzbefohlenen“.
    Nur mit Herrn Vorden ist sie gnädig, eine aufgeräumte saubere Wohnung, an der alles seinen Platz hat und die von dem Schriftsteller nur an einem Tag in der Woche bewohnt wird. Irgendetwas scheint sie an dieser Wohnung zu faszinieren, sie fühlt sich dort auf magische Weise besonders wohl und verbringt heimlich mehr Zeit dort als nötig. Nachdem sie mit ihrer Arbeit fertig ist legt sie sich in die Badewanne, hört Musik – danach werden aber immer alle ihre Spuren bis aufs letzte beseitigt.
    Dann passieren ihr kleine Fehler, eine fehlende Tafel Schokolade im Kühlschrank, eine nicht zurückgelegte CD. Durch diese kleine Unachtsamkeiten entspinnt sich eine zarte Kommunikation zwischen ihr und dem Unbekannten.
    Eigentlich möchte sie nicht in den privaten Dingen des Wohnungsbesitzers herumschnüffeln, von dem sie überhaupt nichts weiß, weder Alter noch Vornamen – trotzdem liest sie eines Tages eine seiner Kurzgeschichten, die jede Woche in einem Stapel neben seiner Schreibmaschine liegen.


    Chiara fühlt sich seltsam berührt - nicht nur, weil sie glaubt, dass sie den Schriftsteller durch die vergessene CD vielleicht zu dieser Geschichte inspiriert hat. Vordens Geschichten haben auf unerklärliche Weise mit ihrem eigenen Leben zu tun ….


    Aber was kann Herr Vorden von ihr wissen? Weshalb sie Italien verlassen hat, das hat sie niemandem erzählt, selbst ihrer besten Freundin Leonie nicht.


    Leseindruck:


    Eine sehr gut geschriebene Erzählung um eine Reihe von Kurzgeschichten, die alle für sich schon sehr reizvoll und bildhaft sind, aber zusammen mit Chiaras Geschichte noch einmal ganz anders zum Nachdenken anregen.
    Ein kleines Buch über das Leben, die Sehnsucht und die Suche nach dem Glück, der eigenen Bestimmung, über hierzu notwendige Neuanfänge und Abschiede.
    Mir hat das Buch von der ersten bis zur allerletzten Seite sehr gut gefallen! Es war mein erstes, aber ganz sicher nicht letztes Buch dieses Autors. Ich bin froh, diese kleine Perle unter hunderten von Neuerscheinungen entdeckt zu haben!


    Ich werde selbstverständlich auch auf anderen Seiten meine schöne Leseerfahrung teilen - das sind üblicherweise lovelybooks, amazon, Mayersche, literaturschock etc.


    Ganz lieben Dank für die schöne Runde mit Euch und dem Buchschatz!

    Ich denke, sie sieht ihre Situation plötzlich auch extrem klar und realistisch – ihre Flucht vor der Realität ist beendet, sie kann sich wieder dem Leben stellen und ihre Zukunft in Angriff nehmen.
    Das Weggehen fällt ihr im Grunde auch gar nicht schwer, da sie innerlich mit allem abgeschlossen hat.


    Ja - ein durchaus positives Ende, das einen mit einem schönen Gefühl das Buch beenden lässt.
    Mir hat es so gut gefallen, dass ich gleich noch ein zweites Buch von Thommie Bayer lesen möchte. Ich habe mich jetzt für :"Vier Arten die Liebe zu vergessen " entschieden.

    Genau sie wahrt die Distanz nicht und da spielt es für mich keine Rolle, ob sie sich an der Schokolade bedient oder das Hemd trägt.


    Wahrscheinlich hat es damit zu tun, wieviel Nähe man zulassen kann - speziell von Fremden. Das ist vielleicht so ein wenig eine Mentalitätsfrage, dass man auf solche kleinsten Übergriffe reagiert. Der Deutsche hat ja schon Angst, wenn ein Fremder ihm bei einem Gespräch leicht die Hand auf den Oberarm legt während das unter Griechen total normal wäre.
    Zwischen Hemd und Schokolade sehe ich z.B. einen Riesenunterschied!
    Hätte ich eine männliche Haushaltshilfe, dann SOLLTE er sogar trinken und etwas essen, wenn er das Bedürfnis hat. Mein Kühlschrank steht hier allen offen. Wenn er allerdings an meiner Wäsche riecht, dann ist das schon etwas creepy. Allerdings weiß Vorden ja ( offiziell ) nichts von der Sache mit dem Hemd, oder ???? ....


    Ich habe da die letzten Tage nochmal drüber nachgedacht. Uns stört alle die Badewanne und/oder das Hemd. Aber warum eigentlich?
    Sie putzt ja hinterher und das Hemd ist, wenn ich es richtig verstanden habe, in der Schmutzwäsche (da müsste ja eher sie sich unwohl fühlen, nicht er)


    Wo ist der Unterschied zwischen Badewanne und aufgegessener Schokolade? Ist letzteres nicht eigentlich "schlimmer", denn die Tafel war dann weg, während es bei der Wanne doch gar keinen Unterschied für Herrn Vorden gibt.


    Ich habe ja vor ein paar Tagen schon gesagt - ich finde es nicht so tragisch.
    Es ist natürlich irgendwo ein Übergriff, sie ist Putzfrau in der Wohnung und sollte sich nicht vorstellen wollen, es sei ihr Reich. Sie wahrt diese, von ihr erwartete Distanz nicht.


    Hallo Nina! :winken:
    Ich muss sagen, dass mir der neue Titel und das neue Cover besser gefallen. Der Titel ist mal was ganz besonderes!


    Ja, das finde ich auch. Ich bin erst durch den Titel auf dieses Buch aufmerksam geworden und habe mir dann die Buchvorstellung auf der Verlagsseite angesehen. Das neue Cover gefällt mir auch besser - obwohl das Thema mit dem Vogel geblieben ist, die Farben sind wärmer und moderner. :)


    Ja, die Zeichnungen meinte ich ja auch - ob ich das andere als Parallele betrachten würden? Eher nicht!


    Das ist das Tolle an dem Buch - es lässt soviel Raum für eigene Gedankenspiele.


    alice: Du hattest z.B. im ersten Besprechungsteil hier sofort bei der ersten Geschichte ( der Transgender Schulfreund ) einen Zusammenhang zu Chiaras Leben gesehen. Das ging mir nicht so, jedenfalls nicht beim ersten Lesen. Und außer dem "Neuanfang" und dem "Zurücklassen" kann ich da viel weniger Gemeinsamkeiten mit Chiaras Leben und Fühlen sehen als in den anderen Erzählungen.

    Die letzte Geschichte mit den gefälschten Bildern hat mir sehr gut gefallen: faszinierend und geheimnisvoll kam sie rüber. Und hier war das Klimt-Motiv die Parallele zu Chiara. Oder gab es mehr? Dann stehe ich irgendwie auf dem Schlauch.


    Ja, Chiaras Zeichnungen.
    Das Handyfoto ( auf dem man aber nicht das sieht, was bei Klimt oft noch rot coloriert ist )


    Echte Bilder und Fälschungen ... dazu fiele mir ein:


    Die Versuchung Chiaras in einem Leben zu bleiben, dass nicht das "richtige" ist, sondern eigentlich das ihrer Freundin Leonie. Weil es einfacher und bequemer ist ... und weniger schmerzvoll. Sich nicht dem "echten" Leben stellen zu müssen - einfach alles so zu lassen wie es ist?
    Diese Entscheidung wurde ihr dann ja abgenommen.


    Ich denke, ja: ein Autor muss schon eine ungeheure Aussagekraft besitzen, um so viel Ungesagtes mitschwingen zu lassen, wie Thommie es hier tut. Das war, fand ich, manchmal bei Siegfried Lenz auch so (Schweigeminute zum Beispiel): da hätte man über einen recht kurzen Text stundenlang diskutieren können. Und hier eben auch. Für mich war das Buch ein echter Gewinn!
    [/quote author=Dani link=topic=10964.msg227346#msg227346 date=1429527977]




    Ja, das Buch ist toll geschrieben. So klar und präzise und ich habe das Gefühl, es gibt nichts Überflüssiges in den Formulierungen. Viele Sätze in diesem Buch transportieren ganze Geschichten. ( wie ich oben schon schrieb z.B. der vorletzte.

    Leider schon fertig gelesen. Die letzten Seiten habe ich regelrecht zelebriert. :)


    Jetzt weiß man, was Chiara dazu bewogen hat aus ihrem Heimatstädtchen zu fliehen. Verständlich! Das, was ihr passiert ist, ist schon heftig! Und dann noch in der italienischen Provinz! Die intensive Liebesaffaire mit Saverio „passierte“ Chiara – genau wie alles andere im Leben. Tiefe Liebe war da eh nicht im Spiel, jetzt wird sie ihn eh nie wiedersehen, denn nach Castelnuovo kann sie ja nicht zurück.
    Die deutsche Kleinstadt, das Leben in Leonies Häuschen, die Putzjobs, sie waren nur ein Intermezzo. Chiara fühlte sich bisher schnell dort wohl, wo es bequem war, wo das Leben sie hinführte und es irgendwie „lief“. Diese Bequemlichkeiten hinter sich lassen zu müssen und ganz alleine und von vorne anzufangen ist eine Herausforderung, der sich viele junge Menschen stellen müssen. Bei Chiara wird es höchste Zeit!


    Chiara erkennt die Notwendigkeit ihr eigenes Leben zu leben.
    Ich finde, das ist ein sehr schönes Ende dieser Geschichte.
    Der vorletzte Satz klingt lange nach!


    Die Frage kommt ja immer wieder auf: müsst ihr euch mit einer Buchfigur identifizieren können, müsst ihr ihre Handlungen gutheißen können, damit euch ein Buch gefällt?


    Für mich sind das zwei völlig verschiedene Dinge - ich les ja auch Thriller mit Serienkillern ;D


    ;D Nein, natürlich nicht!

    Das hatte ich konsequent aus meinem Gedächtnis gestrichen. :-[ Aber du hast Recht. Vielleicht sollte ich beim Lesen nicht zu sehr versuchen mich an ihrer Stelle zu sehen... ::)


    Das stimmt.
    Ich kann mich in Chiara nicht wiederentdecken - vielleicht als junges Mädchen einmal.
    Aber diese Figur ist zu weit weg von mir ...


    Chiara scheint mir sehr unschlüssig in allem, weiß nicht wo sie hingehört. In jeder Beziehung. Saverio vermisst sie zwar, aber er scheint nicht so wichtig zu sein, dass sie die Beziehung mit ihm fortführen will.
    Und aus ihrem Studium und ihrem Talent hat sie bisher auch nichts gemacht. Und das nur, weil das Leben es ihr etwas schwerer gemacht hat. Sie hat ja immer alles so genommen wie es kam, arbeitet nicht in ihrem Beruf, weil die Gegebenheiten es nicht zuließen oder ihr das Leben andere Beschäftigungen zuspielte?

    Ich kann einen halben Tag in einer Buchhandlung verbringen und dabei die Zeit völlig vergessen.
    Meistens finde ich dann so Einiges!
    Es soll ja Frauen geben, die gerne Schuhe kaufen ( ich gehöre definitiv nicht dazu und sehe das eher als ein notwendiges Übel ) - ich shoppe Lesestoff und oft genug auch einfach nur schöne Ausgaben meiner Lieblingsbücher.
    Manchmal finde ich aber auch Perlen in Literatur-Foren.
    Ich habe auch schon von Freunden sehr gute Bücher geschenkt bekommen, die mir selbst vielleicht nie aufgefallen wären.


    Ansonsten erkläre ich es mal anders: ch könnte mit keinem Mann schlafen, der vorher mal Sex mit meiner besten Freundin gehabt hätte. Das wäre für mich fast so als wenn ich mit meiner besten Freundin geschlafen hätte.


    Chiara hat damit offenbar nicht solche Probleme. Zum flotten Dreier ( mit der Freundin!) hat sie sich schließlich auch überreden lassen - auch wenn es dann doch in die Hose ging und wohl einen Schritt zu weit ...

    Was meint ihr, sollten Chiara und Hr. Vorden sich treffen?


    Nein. Sie sind beide neugierig, aber wollen es nicht wirklich.


    Und Vorden erklärt es auch in seiner Geschichte.


    "Ich habe mir immer wieder den Impuls verkniffen, sie kennenlernen zu wollen ( ... ) ich weiß genau, dass unsere Beziehung nur existieren kann, wenn sie nichts von mir weiß und glaubt, ich wisse nichts von ihr."


    Der Zauber ihrer Beziehung zueinander liegt darin, dass beide im anderen alles sehen können und sich gegenseitig inspirieren. Aber ich gebe zu, ich habe schon ein paar Seiten weiter gelesen ;)


    ... Aber viel schlimmer finde ich, dass sie mit Markus schläft. Ich finde unter Freundinnen gehört der Ehrenkodex ungebrochen, sprich keine rührt den Freund der anderen an und auch nicht den Ex. Für mich ist das ein absolutes No-Go. Ich kann das nicht genau erklären, aber ich würde nichts mit einem Typen anfangen können mit dem vorher meine Freundin etwas hatte, egal wie heiß der Kerl ist.


    Sie weiß ja. dass Leonie mit Markus abgeschlossen hat.
    Richtig findet sie es ja auch nicht! Ich denke, da ging es eher nur um Sex und nach dem Wein war sie da etwas enthemmter. Ich finde die Nacht mit dem Typen nicht unmoralisch, eher unnötig. Sie mag ihn ja nicht mal besonders...

    Ja, wir haben eine Haushaltshilfe, die schon seit vielen Jahren zu uns kommt. Das ist wie Familie. Sie zieht auch hier ein, wenn wir in Ferien sind, damit die Katze nicht allein ist. Wir haben von Anfang an gesagt, sie soll essen und trinken, was da ist, aber es hat lang gedauert, bis sie das auch wirklich tat. Wein muss ich ihr auch heute noch hinstellen. Ans Regal in der Speisekammer geht sie nicht, aus Angst, sie könnte einen zu teuren erwischen.


    Das finde ich sehr schön, wenn das Verhältnis nach Jahren dann so ungezwungen ist! Einen "Katzensitter" hatten wir auch in früheren Zeiten! :)

    Ihr stört Euch alle an dieser Sache mit dem Hemd?
    Ich finde, das hat etwas von sehr unschuldiger Erotik. Schließlich kennt sie den Wohnungsbesitzer nicht, sie trägt nur dessen Kleidung, die danach eh in die Wäsche wandert. Erst durch Vordens Geschichte "Ein edler weicher Mantel" wird dieses Ritual pikant - und hat dennoch ( für mich ) nichts wirklich Anstößiges.


    Die Kurzgeschichten sind brillant. Ich finde ja, an ihren Kurzgeschichten erkennt man oft das wahre Genie von Schriftstellern. Ich habe aber auch ein Faible dafür. lese sehr gerne Alice Munro. James Salters und Murakamis Geschichtensammlungen sind auch wundervoll. Das sind auch Bücher, die ich immer und immer und immer wieder lesen kann. Deshalb gefällt mir dieser kurze Roman mit seinen eingeflochtenen Geschichten so gut. Ist auch fantastisch geschrieben.


    Wie kommt es zu den Ähnlichkeiten der Geschichten zu Leonies und Chiaras Leben? Ich denke, so wie Chiara Herrn Vordens Figürchen und Küchenutensilien zeichnet - anders, schwebend, zufällig - so schreibt Vorden seine Geschichten. Inspiriert durch Kleinigkeiten - ein Zettel, auf dem Chiara sich selbst zeichnet, ein zurückgebliebener Duft in seiner Wohnung, eine Email aus New York. Verwoben mit seinen eigenen Gedanken, Wünschen und Fantasien wird daraus eine Idee, dann eine Geschichte. Ich denke auch, dass Chiara und er sich ähnlich sind, ähnlich denken und fühlen - sie sind beide kreativ - er schreibt und sie zeichnet - beide sehen und suchen sie die Schönheit in den kleinen Dingen und haben die Fähigkeit, diese wahrzunehmen.