Beiträge von MrMopsmeier

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    Liebe Leonie/Claudia, liebe MitleserInnen,
    dies war meine erste Leserunde und es hat mir viel Spaß gemacht. Ich hatte das Buch kürzlich einmal gelesen und jetzt für die Leserunde nochmals. Beim zweiten Lesen sind mir viele Dinge aufgefallen, die ich beim ersten Mal übersehen hatte. Ich fand den Austausch hier sehr anregend, besonders auch mit der Autorin.
    Ich bin auch nicht besonders geübt darin, Rezensionen zu verfassen, ihr dürft also gern anmerken, falls ich etwas vergessen habe oder verbessern sollte.
    Herzlich, Barbara


    Leonie Faber
    Die Zeitenbummlerin
    Rezension


    Josefine macht sich auf, die Langsamkeit zu entdecken. Sie arbeitet für eine Zeitschrift und hat den Auftrag, Menschen zu interviewen, die aus der Hektik des Alltags ausgestiegen sind. Josefine packt das Thema auf ihre eigene Weise an: Sie fährt mit dem Fahrrad zu den Interviewpartnern. Ihre Reise startet in Berlin und führt sie über die Ostseeküste bis nach Norwegen.


    Die eine Ebene des Buches behandelt denn auch all das, was einer eher unsportlichen und ängstlichen, älteren Frau bei einer solchen Radtour widerfahren kann: Muskelkater, Regen, zuviel Gepäck, seltsame Begegnungen und vieles mehr. Mit leichter Feder – oder sollte ich sagen: Computertastatur – und in einer oft poetischen Sprache serviert Leonie Faber diese Erlebnisse, gewürzt mit einer großen Portion Humor und Feinsinn, ohne jemals die Protagonistin lächerlich erscheinen zu lassen.
    Die zweite Ebene des Buches führt den Leser/die Leserin in die Tiefen des eigenen Selbst: Wie fühlt es sich an, wenn man älter wird? Wie eingespannt ist man selbst in der täglichen Tretmühle? Wie gehen wir mit unseren eigenen Ängsten und Zukunftssorgen um? Und wie oft stehen uns unsere Erziehung, Erinnerungen, das Schielen nach der Meinung der anderen, dabei im Weg, fröhlich nach vorn zu schauen und den Augenblick zu genießen.
    Das Buch ist unterhaltsam und amüsant zu lesen und zugleich regt es zum Nachdenken an. Es schadet nicht, gelegentlich zurückzublättern und eine Stelle zum zweiten Mal zu lesen.
    Sehr empfehlenswert.


    Meine Rezi bei Amazon:
    https://www.amazon.de/gp/custo…l?ie=UTF8&ASIN=3426518805

    Ich soll dich von meiner Schwester grüßen, Claudia, sie hat das Buch in dieser Woche fertig gelesen und ist begeistert. :lesen:
    Zum Schluss: die Szene am Osloer Flughafen, als Jörn Josefine "in der Hand" hält ist wunderbar, sanft, nah und zärtlich. Josefine konnte sich als "bedürftig" äußern und Jörn konnte adäquat darauf eingehen - das klingt wirklich nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Jörn ist dabei, seine "Haut" abzustreifen und wieder zu sich zurückzufinden und Josefine kommt wieder in der Realität an, die zunächst aus nassen Tüchern besteht. Sie reagiert, wie ich auch reagiert hätte: wütend. Aber im nächsten Schritt kann sie sich zurücknehmen und verständnisvoll auf die Flüchtlinge in ihrer Wohnung reagieren. In der Nacht träumt sie von Schnee, und es ist zum ersten Mal kein Angsttraum: weiß, glitzernd, frisch gefallen - wie Josefine in ihr neues Leben. Bettina am Telefon klingt noch immer zu aufgeregt in meinen Ohren. Der Schluss: Josefine ist offen für alles, was kommt. Ein wunderbares Buch, Claudia, mit viel Tiefgang. Rezi folgt, wenn ich Ruhe habe. Hergott, sieh mich an in diesem Moment! :winken:

    Jetzt hab ich ihr das Buch entrissen 8)! "Dieser Moment ist weit, sanft, zärtlich und Josefine weiß, dass Zeit nur eine Illusion ist wie alles andere." - Das ist so wunderbar und tröstlich und so sehr poetisch.
    Und dann verbringt Josefine die Nacht am Fjord - etwas wartet auf sie: auch das ist sehr spannend ausgedrückt. Josefine hat den Eltern den Tod gewünscht, und im Land der Dämonen hat man sie erhört (das ist der Preis der Hexe, hat meine Therapeutin gesagt! Denn diese Dämonen kenne ich auch) - dass sie sich jetzt verantwortlich fühlt, und ihren Teil der Schuld auf sich nimmt und nur "ein angefressener Mond" schaut zu. Und dann wieder: Jörn.
    Ich glaube übrigens nicht, dass die beiden "zusammenkommen", wie man es sich sonst so vorstellt. Ich denke mir eher eine sehr nahe, sehr sensible Freundschaft.

    Die Stelle, als Josefine mit Muna ins Krankenhaus fährt, ist ein Kulminationspunkt auf Josefines Weg: sie kommt Muna so nah, wie noch nie, sie empfindet eine große Zärtlichkeit und Liebe für sie (ich kann leider nicht zitieren, da meine Schwester das Buch "in den Krallen" hat). Claudia, du hast diese Stelle so tief empfindsam geschrieben, dass ich weinen musste: es "nimmt mich mit", ich bin dabei und fühle mit. Es ist zugleich die Stelle, an der Josefine beginnt, Abschied zu nehmen und, wie schon zuvor im Gespräch mit Robert etc angedeutet, zurück in die "wirkliche Welt" zu gehen.
    Was ist wahr? Gerade in den Gesprächen mit meiner vier Jahre älteren Schwester ist das - und Erinnerungen - immer wieder Thema. Für mich ist wahr, was ich gefühlt erinnere, und das kann etwas anderes sein, als meine Schwester, meine Mutter, oder meine Kinder erinnern und trotzdem genauso wahr ist. Wahrheit ist etwas anderes als Tatsachen (obwohl auch die schwanken, sogar in der Grammatik, oder?). Meine Wahrheit ist das, was ich um mich herum als wahr empfinde. Schwierig ist es immer, wenn Gefühle zu anderen Menschen ins Spiel kommen. Da kann die Wahrheit sich sehr schnell verbiegen, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man eine Person betrachtet. Vermutlich sind alle Facetten wahr, man nimmt sie nur zu verschiedenen Zeiten wahr. Das Wort "wahrnehmen" birgt ja schon den Akt in sich: Ich nehme etwas für wahr an.

    Josefines Gefühle beim Tauchen sind sehr schön beschrieben, die Beschreibung allein strahlt schon die Ruhe aus, die sie empfindet.
    Bernhards Tod ist ein Einschnitt in all diesen Erfahrungen. Er bringt Josefine dazu, wieder mehr in die reale Welt einzutauchen (sie taucht schon wieder!) und stellt ihre Wohnung zur Verfügung. Sie schafft es sogar, Munas ewigem Okay Einhalt zu gebieten - Josefine wird stark. Sie wird so stark, dass sie sogar Robert ganz klar und deutlich sagen kann, was sie meint und was sie will.
    Dann kommt wieder so ein ahnungsvoller Dialog über das Ausschalten des Ego (ich kenne sowas von Naturbetrachtungen, wo ich auch nicht mehr wegwill, sondern mich einfach festgehalten fühle von den Eindrücken). Dialog, es geht um Munas Eindrücke unter Wasser - und die Pizza. Und Josefine fragt genauso: nach Munas Todeswunsch und der Pizza. Und wieder antwortet Muna auf beiden Ebenen: Führ mich bloß nicht in Versuchung (Tod) - und - Vielleicht haben die Möwen ja Lust (Pizza). Josefine sagt später, Muna habe auf die Frage nicht geantwortet, aber sie hat.
    Muna geht in Folge immer wieder allein mit Jensen zum Tauchen - und es passiert nichts. Und dann, als Josefine zum ersten Mal wieder mit taucht, passiert es, Muna wird ohnmächtig (ich hatte zuerst "ohnmöchtig" geschrieben !). Für mich kommt das so an, dass sie von Josefine zwar in Versuchung geführt wird, aber zugleich auch von ihr gerettet werden will.


    (Meine Schwester ist seit Dienstag hier, ich habe ihr das Buch zu lesen angeboten, sie hat angefangen und sagt: man kann es nicht mehr aus der Hand legen!!!)

    Achja, Mantras. Ich habe auch eins, das kam mir vor vielen Jahren in den Sinn, als ich mit einer Gruppe Jugendlicher far far east in Polen war und feststellte, dass ich zu wenig Euroschecks mitgenommen hatte, eine Visacard hatte ich damals noch nicht: Es gibt für jedes Problem eine Lösung! Es ist nicht immer die Lösung, die einem schmeckt, aber es gibt sie. Ein weiteres Mantra was mir hilft, wenn ich Panikzustände kriege ist - lacht nicht - der 23. Psalm: "Der Herr ist mein Hirte ..." Den kann ich seit meiner Jugend auswendig und mag ihn auch gern. Im Zelt allein, bei dröhnendem Gewitter über mir und hereintropfendem Regen, war das in meinem einsamen Schlafsack mein Trost. Und auch später öfter mal.

    Großartig: Josefine lernt tauchen und ist allein "mit dem Entsetzen, das sie ganz und gar ausfüllt". Und: sie fühlt sich trotzdem okay.
    Schön auch das Ritual des abendlichen Duschens, ohne Vergleiche, ohne falsche Scham. Und dann geht es zur Sache: richtig nachdenken. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen, was Muna dort gegurut hat: der Freiraum im Kopf und dass man erst dann richtig denken kann, wenn alle persönlichen Mitbringsel aus diesem Denkraum draußen bleiben. Ich hab das heute mal probiert: es hilft. So lange die Gefühle und Erinnerungen mitspielen, "denkt" man emotional und lässt Raum für Rache- und Hassgedanken: verschwendete Energie und unnötige Aufregung.
    Aber genausogut kenne ich Josefines Existenzängste und ihre Panik, die auch mich manchmal beschleicht: arm und alt, und vergessen ... am Ende der Welt, finis terra.
    Endlich rechnet Josefine mit dem Vater ab! Und der Damm bricht.
    Claudia, hast du eigentlich diese Zahlenkoinzidenz geplant von vornherein oder ist das erst während des Schreibens passiert: M, die Zahl 13, Josefine war 13 als der Vater starb ...
    Die Vergangenheit sind nur Gedanken. Das trifft wieder das, was schon im vorigen Abschnitt zur Sprache kam, die Erinnerungen an die Kindheit, die man mit niemandem wirklich teilen kann, weil sie nur im eigenen Kopf (Körper sagt Muna, und das stimmt wahrscheinlich auch) vorhanden sind. Deshalb stimmt es auch, wenn man sagt: mit jedem Kind wird eine Welt geboren, seine eigene, und jeder von uns hat seine eigene Welt in sich, die nicht oder nur sehr begrenzt mitteilbar ist. Es ist die eigentliche, die Ur-Einsamkeit, die jeder Mensch in sich trägt, die uns auch so verletzlich macht, und die man, je älter man wird, stärker spürt. Und nur im Jetzt ist - wenn überhaupt - Nähe möglich.

    Muna entpuppt sich zunächst als nerviger Guru - O ja, solche mag ich auch nicht, solche Alleswisser und Okaysager. Ich bin gegenüber allerlei Esoteriken (Plural?) sehr sehr sehr misstrauisch. Aber tatsächlich habe ich mir vor Kurzem auf eine Erfahrung eingelassen: Voice healing. Es war eine Person, die ich schon lange kenne und der ich sehr vertraue, die ich sehr mag. Und diese Person hat mir dann nach der Sitzung gesagt: Meine Angst ist ein Wolf 8) - und der Wolf ist ein Lehrer, den ich lieben soll. Dä!
    18 Grad hat das norwegische Wasser - puh - der Atlantik hat im Sommer teilweise nur 17 - sehr erfrischend!

    Und dann kommt Josefine an und ist fast enttäuscht, dass Muna wirklich (da) ist. Auch wieder so eine besondere Situation: Der Abend auf dem Campingplatz, Josefine in ihrer teuren Hütte, und der Abend bricht ein und mit ihm wieder mal Robert - und plötzlich wirkt der Platz unheimelig. Ihr wird ihre Einsamkeit bewusst. Und als Muna eintritt erscheint der Campingplatz weniger trostlos - es ist ein Gegenüber da. Interessant: Man braucht die Angst, um Mut zu entwickeln. Das war mir neu. Ich weiß nur, dass Mut ganz verschieden definiert wird, was mein Noch-Mann als Angst definierte, empfang meine alte Freundin als sehr mutig. Trotz Angst, oder mit Angst dennoch etwas tun - ist das Mut? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man Angst nicht wegreden kann.

    Heute morgen beim Aufwachen ist mir noch was aufgefallen. Die Szene, wo Josefine mit Robert telefoniert, und er ihr erzählt, dass das Klischee ein Baby bekommt ... und danach: Mir fehlt da was. Mir fehlt da Josefines Trauer. Sie läuft weg, fährt weg, flüchtet ... vor ihren Gefühlen? Immer weiter bis ans Ende der Welt? Es gibt kaum Trauer bei Josefine. Wenn ich überlege, wie sehr ich trauere bei dem Gedanken, endlich loszulassen, dann fehlt mir das bei Josefine.

    Wieviel Josefine steckt wohl in mir, in jeder von uns? Immer wieder finde ich Stückchen von ihr in meinen Erinnerungen, oder in meinem Jetzt.
    Die Episode mit Antonio hatte ich seit dem ersten Lesen völlig vergessen. Warum? Darüber muss ich wohl nochmal nachdenken. Obwohl es auch da ähnliche Erinnerungen gibt, lang lang ist's her. Wie sie mit Antonio an Deck der Fähre schläft und er ihre Hand festhält, so kindlich unschuldig. Eine Berührung ohne Begehren - so schön und so selten. Wohl deshalb zieht Josefine die Hand nicht weg. Und ein bisschen Mütterliches in Josefine. Und auf einmal überkommt sie diese Sehnsucht nach der Mutter, die nichts von ihr wusste, und Josefine nichts von ihr. Aber ist das nicht normal? Was wissen wir von unseren Müttern, von deren Sehnsüchten, deren Einsamkeiten ... was wissen unsere Kinder von uns, was wir von unseren Kindern? Es gibt dieses schöne Gedicht von Khalil Gibran: Deine Kinder ... leben in dem Land von morgen, das du nicht betreten kannst. Ist nicht unsere Sehnsucht nach der Mutter (meine ist auch schon lange tot) die Sehnsucht nach dem Land unserer Kindheit, in das wir nicht zurückkönnen? Selbst wenn sie noch lebte. Und wenn die Eltern tot sind, ist diese Verbindung abgeschnitten, wer teilt noch die Erinnerungen? Sind die überhaupt wahr?
    Mir gefällt, wie nun diese verschiedenen Josefines miteinander streiten, die bedachtsame, die ängstliche, die planende und die abenteuerlustige (Es gibt eine Betrachtung von Bonnhoefer zu diesem Thema: Wer bin ich? Bin ich der ... oder der andere ... Es geht also nicht nur Josefine so [wieviel Josefine in uns?]).
    Herrlich die Situation, als sie zu dem Ehepaar mit dem Wohnmobil betteln geht. Und mir drängte sich das Bild eines gleich gekleideten, bekannten Schriftsteller-Ehepaares auf :-[
    Ich bin gleich still, nur noch: ... zärtlich bewölkt ... Holzkirchen, witterungsbenagt ...

    Josefines Gedankenstrudel, nachdem sie von Bettinas Burnout erfahren hat, kann ich gut nachvollziehen. Stück für Stück bricht alles unter ihr weg: zuerst die Beziehung, dann auf der Tour zuerst die Lenkertasche mit Notizbuch etc. dann das ganze Fahrrad, und jetzt auch noch Bettina - da bleibt nur der Strudel. Zugleich all das viele Neue, das auf sie einstürmt, die neuen Gefühle, Fähigkeiten ... das ist wirklich viel.
    Mir gefallen diese Assoziationsreihen: ent- ohne Ende (Wir haben früher Assoziationsketten gebildet: in sieben Schritten von Pinsel zu Himbeereis). Das erinnert mich an Assoziationen, die ich selbst vor ein paar Jahren mal durchgespielt habe, alles mit ver- - und kam zu der Einsicht, dass Vieles mit ver- etwas Negatives vermittelt. Ich stieß dann darauf, dass vor mir schon berühmtere Personen dieses Spiel mit ver- getrieben haben (die Namen fallen mir wieder mal nicht ein, ich glaube, einer war André Heller: Verheiratet ist auch kein gutes Wort!).
    Beim Frühstück hat sie noch festgestellt, dass sie in der Welt ohne Gegenüber sei. Jetzt sucht sie den Kontakt zu Gegenübern (Angelika - was ist der Plural von Gegenüber?): Sie schreibt an Bernhard und Michel, an Robert mal wieder, und - fast unbewusst - an Jörn.

    Wieder mal ein Stilmittel entdeckt, das mir gut gefällt und Spannung erzeugt. Die chronologische Vertauschung beim Erzählen. Zuerst wird erzählt, dass Josefine flott davonfährt: "Wie hatte sie nur so dämlich sein können zu glauben, es sei Robert, der sich so viel Zeit für die Facebook-Seite ... nahm", der also auch ihren Blog "likte". Und woher weiß sie das? Das erfährt man erst danach. Dass es nämlich das Klischee war, die ihre Seite verfolgt hat. Bitter. Und Josefine strampelt und strampelt, um sich frei zu machen, um loszulassen (Ich habe übrigens meine lonsome Cowgirl Fahrradtour ein Jahr nach dem Auszug des Vaters meiner Kinder gemacht!).
    Die Ironie über die Campingplatzbewohner erinnert mich sehr an einen dreitägigen Campingurlaub auf einem holländischen Campingplatz, wo die Leute schon um sieben Uhr anfingen: gute deutsche Hausfrauen - den Wohnwagen und die Terrasse zu staubsaugen ...
    Die Beschreibung des Klapp-Motels ist einfach nur gut! Quadratisch praktisch: Klapp.

    Wieder mal ein Beispiel für diese glatten, gekonnten Übergänge vom Jetzt in die Vergangenheit: "Mit den Füßen voraus. So fährt man Liegerad, und so wird man zu Grabe getragen ... Auch ihre Mutter ..." Das ist eine Leichtigkeit im Umgang mit den Erzählzeiten, die ich bewundere.
    Zum wiederholten Mal kommt ihre Therapie zur Sprache, wo alles abgehakt, aber nichts wirklich geklärt wurde. Ist das nicht häufig bei Therapien der Fall - dass sie nicht wirklich "berühren"?
    Dann ist sie wieder mit Urteilen beschäftigt: Das hält uns auf Abstand von unseren Mitmenschen, eine bewährte Strategie. Es hält uns aber auch auf Abstand von uns selbst, denn mit den gleichen, maßnehmenden Augen betrachten wir uns ja auch selbst. Es gibt im Zen den Rat: don't compare, don't judge ... und interessanterweise soll Jesus ja Ähnliches gesagt haben: richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Aber es ist so schwer, davon zu lassen ...
    Eintauchen in das Jetzt von Damals: Zurückkehren in das glückliche Land der Kindheit, oder wenigstens den Teil davon, der glücklich war, eine nie zu erfüllende Sehnsucht. Und ja: Es kann sehr gut sein, dass man gar nicht wahrnimmt, dass man glücklich ist, weil man immerzu die Haare in der Suppe sucht, oder auch weil man es verlernt hat.
    Dass ihr Fahrrad geklaut wird, fand ich richtig schlimm. Ich weiß, wie sehr man an so einem Teil hängt, das einen über viele Kilometer heil getragen hat. Ich habe mit Josefine getrauert, und so sehr ich neue Trekkingräder mag, dieses hier bleibt doch seelenlos.

    Sorry, ich weiß leider nicht, was Spoilermarkierungen sind ???
    Beinah fluchtartig verlässt Josefine Jörns Wohnung und verirrt sich prompt in einem Labyrinth - sieht sie ihre Situation so ausweglos an? Mich versetzen solche Situationen - erlebt bei einer nächtlichen Fahrt durch Madrid am Ende eines 1000 km langen Autotages - in Panik: das Gefühl, hier nie mehr herauszukommen. Was ist es, das bei Josie dieses Gefühl auslöst? Ist es das Dunkle, Fragile, leicht Zerstörbare und dazu das: ich kann das Leben doch nicht greifen?
    Eine Wandlung zeigt sich wieder: sie kann loslassen. Sie MUSS nicht unbedingt die nächste Strecke mit dem Rad fahren, sondern gönnt sich einen Tag Urlaub. Dieses ewige MUSS MUSS MUSS - das auch ich so sehr verinnerlicht habe, dass es mich morgens aus dem Bett treibt, obwohl ich gar nicht muss. Wie schwer ist es, den inneren Antreiber in die Wüste zu schicken, wo er hingehört.