Beiträge von Haifisch

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    Opus, nein, meine ist die letzte, oh weh!
    Erst wollte ich etwas abstand, weil das Buch dich sehr bewegend war, dann hat mich der Vorweihnachtsstress erwischt!


    Trümmerkind von Mechtild Borrmann
    Das Buch berichtet in verschiedenen Erzählsträngen in der Gegenwart und aus der Zeit am Ende des zweiten Weltkriegs. Da ist Agnes Dietz, die ihre beiden Kinder Hanno und Wiebke alleine durch die schwierige Zeit nach Kriegsende bringt, in der so viele so gut wie gar nichts hatten und auch noch mit der Ungewissheit über den Verbleib ihrer Lieben leben müssen. Lebt ihr geliebter Mann noch? Sie kann das nicht mehr glauben, zu lange hat sie kein Lebenszeichen erhalten! So versuchen sie und auch Hanno selber den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Hanno sammelt - obwohl verboten - Dinge in zerbombten Häuser. Auf einer seiner Ausflüge findet er eine nackte Tote. Zugleich bringt seine Schwester einen noch kleineren Jungen an, der offenbar alleine ist. Agnes nimmt ihn auf, versorgt ihn trotz aller eigenen Not.
    Dann gibt es die Geschichte der Familie Anquist, wohlhabende Gutsherren im Osten. Die Geschichte ihre Demontage und Vertreibung ist eindrücklich und wirklichkeitsnah geschildert, leider kann man sich gar zu gut vorstellen, dass sich das wirklich so abgespielt haben könnte!
    Anna Meerbaum wiederum lebt in der Gegenwart, ihre Mütter ist eine Anquist, sie hat jahrelang im Ausland gelebt und sucht auch nicht die Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Als anna erfährt, dass der alte Familiensitz restauriert werden soll, macht sie sich auf den Weg in den Osten. Sie will verstehen, was passiert ist damals und was ihre Mütter zu dem gemacht hat, was sie ist.
    Das Buch beschreibt eindrucksvoll und detailtief das Leben in einer ganz schwierigen Zeit, die alle Menschen zum Äusserstem gebracht hat, je nach Charakter im Guten wie im Bösen. Aber bei den Blsen ist die Unreflektiertheit, der komplette Mangel an Reue beeindruckend, zeigt er doch, wie tief manche Gehirnwäsche die Menschen prägt!


    Ein eindrucksvolles, lesenswertes Buch, bei dem trotz aller Zeitgeschichte und Moral der Lesespass nicht leidet!

    Liebe Mechtild,


    Selbst "nur" als Leser gehen einem ja bestimmte Romanfiguren nicht mehr aus dem Kopf. Als Autor beschäftigt man sich ja noch viel länger mit einem Buch, bekommst Du sie wieder los, würdest Du sie gerne kennen lernen im wahren Leben?
    Wie gehst Du damit um, hast Du einen Liebling in einem Buch oder bist Du da vollkommen neutral, weil ja die Summe der Charaktere die Basis der Handlung ist, also quasi notwendig?


    Liebe Grüße Sabine

    Ja, das ist mir auch "fast" peinlich, aber ich mag einfach Bücher, die mich berühren. Das kann natürlich auch durch eine schöne Liebesgeschichte passieren. Aber auch durch dramatische, heftige Ereignisse, wie hier.
    Außerdem sind es doch auch der tolle Schreibstil und die Darsteller, die mir ans Herz gewachsen sind. Joost und Agnes zum Beispiel. ;)


    Ich finde, das man ein Buch mit tollen Figuren und einer stringenten Handlung mögen kann, auch wenn es Figuren enthält, die zu entsetzlichen Taten fähig sind.


    Puh, der letzte Abschnitt hat mir wirklich was abverlangt. Der Luise hätte ich gerne den Kragen umgedreht. An ihr konnte ich bis zum Schluss kein gutes Haar mehr finden. :kommmalherfreundchen: Nicht mal in der Vergangenheit, wo sie sich ja angeblich so toll um ihre Mutter gekümmert hätte. Die hatte doch nur Angst, dass man sie als Lageraufseherin erkennt. Und kein Fitzelchen Reue über die Jahre. Und kein gutes Wort für ihre Tochter. Das klingt wahrscheinlich hart, aber dass sie sich tot gesoffen hat, das war der passende Tod für sie. (War schon lange nicht mehr so rachsüchtig in einem Buch.)


    Ich denke, auch wenn Luise ohne Ende selbstgerecht ist und keinerlei Einsicht zeigt ( für mich ist nicht klar, ob sie tatsächlich mit den Morden nichts zu tun hatte, dass sie sich nicht selber belastet, ist ja naheliegend, schon gar wenn man solch eine egozentrische Persönlichkeit ist, die auch mit vielen Jahren Distanz keine kritische Reflektion kennt. Bemerkenswert ist ja auch, ihre Tochter hat sie genauso bedenkenlos manipuliert wie zuvor die Familie Anquist.


    Für mich sind Luise und Agnes die Gegendarstellungen, beide nicht privilegiert, die eine übernimmt Verantwortung, selbst wenn es eng wird, mehr als sie hätte müssen. Dafür gelang es ihr, ihre Kinder zu glücklichen Menschen zu machen, auch wenn sie sicher mehr Not gelitten haben als Anna. Die andere, die ihr Glück auf einer Lüge aufbaut,weil sie ja gar nichts wusste und nur Opfer war....

    Auch faszinierend finde ich, da gibt es eine Menge Menschen, die Glück gehabt haben und kein Problem damit haben, die not der anderen bedingungslos auszunutzen, und vermutlich damit vermutlich dennoch den wenigen, die es sich leisten können, sogar einen Gefallen tun - wie beispielsweise diese Frau Ludwig.

    Ich merke schon, da gibt es noch jede mögliche Variante. Und ich bin hier nicht alleine mit meiner Raterei.


    Ob wohl irgend jemand nach Spanien ausgewandert ist? Wenn die Tote Clara war, wo ist der Rest dann abgeblieben? Almuth, das andere Kind, der Vater? Ich denke nicht, dass überhaupt jemand von denen nach Afrika gefahren ist, oder? Und Almuth kommt ja ganz wenig vor in der Geschichte. Ob es nicht doch Luise ist, die sich als Annas Mutter ausgibt?


    Ja, faszinierend, aber natürlich auch den schwierigen Umständen in den wirren Jahren nach dem 2. Weltkrieg zu zu schrieben. Annas Mutter hat Druck am Stecken, sie verheimlicht etwas und das scheint auch schrecklich zu sein, denn sonst, könnte sie sich beispielsweise aufgrund eines Entgegenkommens als eine Anquist ausgeben, könnte sie das doch längst zu geben. Ich fürchte wirklich, dass da schlimmeres passiert ist. Brandners sind wirklich aufdringlich und haben vermutlich etwas zu verbergen...


    Ich halte ja die Theorie, dass Clara die tote Frau ist und Joost Konrad für derzeit am logischsten. Immerhin hätte Clara dafür gesorgt, dass ihr Neffe gut angezogen ist und alles hat, soweit es in ihrer Macht steht, umgekehrt kann man sich gut vorstellen, dass sie noch etwas hatte, für das man in dieser Zeit ermordet werden konnte.
    Das die Familie Brandner sich als Familie Anquist ausgibt, halte ich für möglich, aber was wäre der Grund dafür? Was für Vorteile hätten die beiden davon gehabt? Und was ist aus Margrete geworden, wenn Anna zu jung ist?
    Almuts war Waise, sie hatte tatsächlich niemanden mehr... Vielleicht stimmt ja der Teil der Geschichte auch nicht? Aber auch dann, was ist der Vorteil des Namens, wenn man den Grund im Osten nicht zurückfordern will?


    Agnes Geschichte finde ich auch sehr ermutigend, diese kleinen Schritte, die kleinen Ziele und den Großmut, das wenige mit einem kleinen Kind zu teilen, das möglicherweise behindert ist! Schön, dass sie m Gustavs Rückkehr belohnt wird, so schwer auch dieser Weg ist...

    Auch ich finde das Buch athomsphärisch unglaublich. Da wird man ja durchaus in eine Zeit versetzt, die uns heute sehr weit weg erscheint, und dennoch ist man in kürzester Zeit "da", weil alles ohne Pathos und ohne Drama erzählt wird, die Figuren sind plausibel, vielschichtig, eingängig, die Schilderungen bildlich, anschaulich!


    Ich bin mit dem ersten Teil noch nicht durch, aber gleich geht's weiter! Ich freue mich schon!


    Liebe Grüße


    Sabine


    Vielleicht hat Joost ihn aber auch einfach nur an sich genommen. Aber da kann man sehr spekulieren, wir werden hoffentlich alles über diese Schicksale erfahren.


    Für mich macht es viel Sinn, dass der arme einsame Junge, der so unvermittelt auftaucht und den wohl keiner vermisst, mit der Toten zu tun hat. Vielleicht hat die Mutter ihn rausgeschickt, während sie etwas anderes ( Geld verdienen?) machen musste, wo er nicht dabei sein sollte. Immerhin war er gut angezogen, ein Kind, das keiner vermisst, hat in solchen Zeiten vermutlich sonst keine warme Kleidung!
    Ich fand die Szene auch unglaublich, wie das ganze Buch mich bisher fesselt, gerade diese Szenen nach dem Krieg: ein Junge, der so früh erwachsen werden muss und Verantwortung übernehmen, ein Mädchen, das dem nicht gewachsen ist, bis der kleine Ihr hilft, sich selber wieder näher zu kommen, die Mutter, die sorgt und friert und jetzt endlich Arbeit gefunden gehabt!

    Der achte Rabe


    Der Krimi spielt in Stuttgart, eine Junge, Falko, verlässt kurz nach seinem 18ten Geburtstag sein Elternhaus. Fast fünf Jahre später wird er ganz in der Nähe tot aufgefunden, erschlagen.


    Seine Mutter, Alexandra, hat sehr gelitten unter seinem Verschwinden, darunter, all die Jahre nichts von ihm gehört zu haben. Der Vater, ein erfolgreicher Staatsanwalt, scheint das besser zu verkraften, sein Verhältnis zu seinem Sohn war auch stark belastet durch häufige Auseinadersetzungen. Die jüngere Schwester des Toten, Carolin, hält zum Vater, das Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist sehr eng.
    Im Laufe der Geschichte werden viele Spuren verfolgt, Falkos Freundin ist an verunreinigtem Extasy gestorben zu der Zeit als er Stuttgart verlassen hat, ihr Ex Freund hatte sich noch nicht mit der Trennung abgefunden und deshalb viele Auseinadersetzungen mit Falko, übt er späte Rache? Der Vater der Freundin ist noch immer nicht gut auf Falko zu sprechen, er gibt ihm die Schuld am Rauschgift Konsum seiner Tochter. Falkos Mutter war zu Hause, alleine? Sein Vater ist ziemlich genau zu der Zeit auf dem Nachhauseweg von einer Radarfalle erwischt worden.


    Das Buch erzählt sehr kurzweilig über Verstrickungen, Liebe, Hass, über seltsame und faszinierende Charaktere. Damit wird es fast mehr ein Psychogramm des menschlichen Miteinanders, faszinierend, plausibel, brutal, zerstörerisch und dennoch voller Zuneigung und Wertschätzung!


    Ein lesenswertes Buch, dank der Originalschauplätze in Stuttgart, dank der kurzweiligen Handlung vor allem ab wegen der einfühlsamen und dennoch grausamen Beschreibung des menschlichen Miteinanders!

    Ich auch. Alex hat so viel Schlimmes erfahren und musste so vieles verarbeiten, da tut ihr diese Zeichnung ihres Sohnes richtig gut.


    Dem kann ich mich nur anschließen, ein kleines Zeichen, das es sicher leichter macht weiterzumachen und neu anzufangen.


    Ist schon hart, wenn man dann nach vielen Jahren, in denen man versucht hat, das Leben hinzubekommen, vor so vielen Scherben steht!


    Carolin tut mir leid. Letztlich ist sie auch Opfer dieser Ehe zu dritt. Ob sie es je verwinden kann, ihren heissgeliebten Vater selber zu Tode gebracht zu haben. Sie tut alles für ihn - und dann das!

    Ja, schrecklich, tragisch...
    Ich denke auch, dass Steffen sich ehrlich um Veränderung bemüht hat, dass er bereit war, vieles anders zu machen und dass Alex wohl wirklich seine große Liebe war...
    Klar hatte er - aber auch Alex zuvor vieles verkehrt gemacht. Es wäre schon 10 Jahre zuvor überfällig gewesen, dass die beiden Erwachsenen sich auseinandersetzen, ihr Verhältnis klären und damit den Kindern gemeinsame Spielregeln aufgeben... Aber das ist unterblieben - vermutlich mangels Mut und aufgrund des Wunsches nach Harmonie ...


    Wenig versöhnliches hat das Ende, für Carolin ist die Zukunft verbaut, Alex wird ihren Weg finden, aber beide haben erst mal viel viel Arbeit vor sich... Und wenig Hilfe dabei!

    Hier geht's zur Sache: Steffen hat wiederholt gelogen, er hat nicht nur immer gewusst, wo Falko ist, er hat ihn wohl auch getroffen. Und tatsächlich ist Falko nicht sein Sohn sondern sein Neffe. Sein Bruder ist tödlich verunglückt, als das Kind unterwegs war, die Brüder scheinen recht unterschiedlich gewesen zu sein. Das hat er dem Jungen im Streit auch gesagt - am Tag bevor er gegangen ist.


    Alexandra ist wohl nach Christophs Tod zurück gekommen zu Steffen. Die beiden haben entschieden, den Jungen gemeinsam aufzuziehen. Eigentlich eine gute Entscheidung, aber nicht, wenn es schwelende Konflikte zwischen den Brüdern gab, und dazu noch dessen Herkunft geheim gehalten wurde.


    Wer Falko nun eigentlich auf dem Gewissen hat, wird immer rätselhafter. Offenbar wollte er sich versöhnen mit der Vergangenheit. Hat er tatsächlich Steffen angetroffen, als er seine Mutter besuchen wollte, weil diese vor dem Vater aus dem Haus gegangen ist? Wen wollte er dort im Wald treffen? Was ist mit Carolin, würde sie soweit gehen, um Ehre und Familienfrieden zu retten? Steffen ist an dem Abend in eine Radarfalle gefahren, war er nicht zuvor mit Carolin essen? Wieso fährt er auf seinem täglichen Weg zur Arbeit an einer typischen Blitzerstelle in die Radarfalle? Ein Alibi?

    Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man dann auch ein Stück weit glauben will: der Sohn ist fort und meldet sich auch bei ihr nicht... Steffens Nachforschungen ergeben nach seiner Aussage kein Ergebnis, das ist doch irgendwie beruhigend.
    Die Wahrheit ist doch viel beunruhigender, der Sohn lebt in der Nähe, noch ein ganzes Jahr und will doch keinen Kontakt. Er ist also nicht fort, weil er Stuttgart öde findet oder sich mit seinen Freunden zerstritten hat, sondern nur weg von seiner Familie gegangen! Viel schwerer zu ertragen...
    Steffens Rolle bei der ganzen Geschichte ist mir immer suspekter. Vielleicht ist nicht klar, ob Falko sein Sohn ist, oder er bezweifelt es? Dessen künstlerische Begabung, vom Vater hat er die vermutlich nicht... Offenbar was der Anfang der Geschichte zwischen Steffen und Alex ja nicht problemfrei. Mit gewisser Wahrscheinlichkeit waren seine Eltern nicht begeistert ( wurde ja mal angedeutet, ..) , ein junges Ding ohne Ausbildung, vermutlich nicht das, was sich Eltern für ihren ehrgeizigen Sohn wünschen... Ihr Verhältnis zu den Schwiegereltern muss ja auch schwierig sein, dass sie nicht bereit war, den Jungen dort für eine Ausbildung unterzubringen.
    Gleichzeitig folgt daraus wohl auch, dass die Ehe nie eine Partnerschaft unter Gleichberechtigten war, er ist vermutlich ein ganzes Stück älter, er bringt das Geld nach Hause, vermutlich auch den "Hintergrund" - Bildungsausflug nach Marbach.... Sie hat sich ihm und offenbar auch der Tochter untergeordnet, skurril, wie soll das Mädchen da Respekt vor ihrer Meinung haben? Und möglicherweise auch ein Grund für Falkos Verschwinden, hat sie sich ihm gegenüber durchgesetzt, hat sie sich für ihn durchgesetzt?


    Faszinierend, diese Dynamik, spannend!