Beiträge von J.Lossau

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    Hallo und Danke für euer Interesse an unseren Büchern auch von mir.
    Zu den Fragen von Mauriel (ich antworte natürlich nur für mich, Kollege Schumacher händelt das eine oder andere etwas anders):


    Wie und wo schreibt ihr?


    - Daheim im Büro an einem PC. Wunder der modernen Technik.


    Gibt es bei euch so etwas wie eine bestimmte Zeiteinteilung (sprich, eine Art Stundenplan für den Tag, wo ihr genau festlegt, von wann bis wann ihr schreibt, wann gegessen wird und wann die Wäsche gewaschen wird ^^)?


    - Gerne morgens und nachts.


    Gibt es bestimmte... Rituale, die ihr beim Schreiben braucht (immer eine Flasche Wasser daneben, eine bestimmte Musik, eine Schale Kekse, etc.)?


    - Nein, bei mir nicht. Obwohl, Kaffee sollte schon im Haus sein.


    Wie bekommt ihr eure Ideen?


    - Ersteigere ich in der Regel bei ebay :)


    Was inspiriert euch?


    - Ojeh ... vieles ...


    Wird jede Idee letztendlich auch zu einem Buch, oder gibt es auch Einfälle, die seit Jahren irgendwo halbfertig vor sich hin modern, weil sie nicht so richtig ans Laufen kommen wollen?


    - Es gibt Notizbücher für hundert Romane, eine Geschichte sucht es sich dann selbst aus, wenn sie geschrieben werden will


    Ab wann merkt ihr, dass eine Idee ausreichend Potenzial hat, um ein gutes Buch zu werden?


    - Wenn sie automatisch im Kopf wächst


    Schreibt ihr chronologisch und streng nach einem bestimmten Ablaufplan, oder passiert es auch schon mal, dass euch eine tolle Szene für die Mitte oder das Ende eines Buches einfällt, die ihr sofort aufschreiben müsst, um sie dann später an passender Stelle einzubauen?


    - Sowohl als auch.


    Wie sehr ähnelt das fertige Buch letztendlich dem ersten, ursprünglichen Plan?


    - Das Buch verselbstständigt sich eher nicht - die Vision soll ja umgesetzt werden.


    Machen sich Figuren häufiger mal selbstständig, oder bleiben sie für gewöhnlich bei dem, was ihr für sie vorgesehen habt?


    - Sie entwickeln sich, gehen aber nicht in eine komplett andere Richtung.


    Wie oft passiert es, dass euch während des Schreibens noch eine tolle Idee für eine Änderung kommt, und ihr nochmal ein oder zwei Kapitel oder Passagen (oder auch ganze Personen) einfügt, die vorher überhaupt nicht geplant waren?


    - Wenn wir zusammen ein Buch schreiben, steht so vieles schon fest und wir haben schon ein Jahr am Expose gearbeitet, dass das letztendlich nur noch Feinheiten sind


    Viele Grüße,


    JL

    Myriel: Der Titel stammt von mir. Ich finde die Thematik des Schlafwandelns faszinierend, und als ich mich näher damit beschäftigte, fand ich es spannend, in welchen literarischen Zusammenhängen das immer wieder ins Bild passt.
    Ich habe sehr lange und intensive Recherchen geführt, zum Thema Schlafwandeln, zum Thema Vergangenheit in Alzey und natürlich zum Thema der KZ-Bordelle. Etwas vereint diese Themen: Man tappt schnell im Dunkeln. Es ist nicht genau geklärt, warum Menschen schlafwandeln. Über KZ-Bordelle ist in der Öffentlichkeit nicht viel bekannt (es gab vor einiger Zeit eine Ausstellung im KZ Mauthausen).

    Unwohl war es nur in der ersten Sekunde, dann fand ich es spannend, weil ich davon ausging, dass nur leere Dosen so laute Geräusche machen und eben nix passiert - und so war es dann auch.
    Zurzeit lese ich Crichtons "Im Kreis der Welt", Reiseerzählung. Ich glaube, ich lese das Buch gerade zum 8. Mal oder so, und jedesmal ziehe ich etwas daraus.
    Die Trennung von U- & E-Literatur in Deutschland ist meines Erachtens absurd. Denn wie Elke Heidenreich mal so schön gesagt hat: "Denken ist auch Unterhaltung" (sie hat übrigens auch gesagt: "Junge deutsche Autoren, die im Leben nichts erlebt haben, schreiben über das Nichts Bücher. Wie langweilig." Ebenfalls von ihr: "In Deutschland gibt es keinen - KEINEN!! - Menschen, der weiß, wie einDFahrkartenautomat der Deutschen Bahn richtig funktioniert." Kluge Frau). ;)

    Deswegen heißt es ja "ein irgendwie schwuler Eisbecher". Damit soll kein Eisbecher dieser Welt diskreminiert werden (und schon gar kein Homosexueller!!) Tatsächlich habe ich diesen Ausdruck von einem guten schwulen Freund von mir geklaut, mit dem ich mal ganz hetero ein Eis essen war und er sich einen ominösen riesigen Becher namens Tropica- Gigant bestellte, mit Schirmchen (drei Stück), Krokant, schrill-bunten, meines Erachtens giftigen Eiskugeln etc. ("Guck dir das an, Jens: Also, wenn dieser Eisbecher nicht schwul ist ...") Soviel zum Geheimnis des schwulen Eisbechers :winken:

    Das pure Schlechte und das pure Gute gibt es in absoluter Form im Menschen meines Erachtens nicht. Eine solche differenzierte Betrachtung war auch das (hoffentlich nicht zu hoch gesteckte) Ziel von "Die Schlafwandler". Der Gute und der Böse - das gibt es in Western, und in Hollywoodfilmen finde ich es immer etwas ärgerlich, wenn solch eine Simplifikation gemacht wird (außer im Popcornkino, da muss es so sein). Deswegen auch die (gewagte?) Täter/Opfer-Vertauschung.
    Ich fand die die immer wieder auftretenden Vaterfiguren in "Die Schlafwandler" sehr spannend, ich habe mich während des Schreibens in Linas Vater und in Franz verliebt - aus eben diesen Grund des etwas geheimnisvollen "Nicht-Zuzuordnenbaren". Beide haben etwas gemeinsam - sie sind im Grunde "gute" Menschen (um das jetzt doch zu Vereinfachen), aber beide stolpern über ihre Schwächen. Sie können nicht so handeln, wie sie es vom Herzen möchten, in einer Welt, in der alles so ist, wie es sein sollte.

    sillesoeren: Tja, auch hier "mampft" man Eis nicht, keine Ahnung, warum dort gemampft wird.
    Das "Oder" ist eine Marotte des Vaters - ich finde ihn faszinierend, weil er einerseits so kalt und egozentrisch auftritt, gleichzeitig aber alles wieder in Frage stellt und seine Unsicherheit kaum unterdrücken kann. Ich glaube, dass er im Grunde kein verkehrter Typ ist, der nur nicht mehr aus dem Rahmen des ansozialisierten großen Egals brechen kann. Aber ich kann mich da täuschen ... :)

    @ Judith: Vielen Dank für deine Frage! Was Nationalsozialismus anbelangt, habe ich viel nachgeforscht, gerade hier in der Gegend, und ich stieß auf viele verschlossene Türen, was ich sehr seltsam fand. Von Guido Knopp bekam ich freundlicherweise einige Infos zugeschickt, besonders zu dem Themenbereich, der kaum in der Öffentlichkeit vorhanden ist.
    In der Regel lasse ich meine Protagonisten einfach agieren. Das klingt abgeschmackt, aber nach einer Weile werden die Handelnden lebendig. Ich redigiere ein Manuskript sehr lange, lese es circa 20 Mal. In den ersten Sitzungen kille ich die Grammatik-, Sinn- und Sprachfehler. In den weiteren Verläufen achte ich darauf, dass alles echt wirkt. Ich glaube, dass viele Autoren verhinderte Schauspieler sind. Der Prozess ist ähnlich - der Versuch einer totalen Einfühlung. Zum Teil habe ich die Dialoge am Schreibtisch mir selbst vorgespielt.
    Der Rest ist Handwerk. Aber ich finde, alles muss authentisch wirken, selbst in absurden Situationen. Die Geschichte muss atmen, der Autor muss sich einerseits mit seiner ganzen Seele und Ehrlichkeit einbinden, andererseits darf er nicht das narzistische Zentrum sein.
    Die Geschichte zählt, nicht der Autor.

    @ Myriel: Ich hatte schon ein merkwürdiges Gefühl, die Geschichte in meinem Heimatort anzusiedeln, vor allem, als es an die Veröffentlichung ging. Mit dem Vorsatzspruch ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Im Skript hatte ich ursprünglich einige eindeutige Andeutungen, die habe ich aber chiffriert. Die Reaktion der Alzeyer war überraschend positiv -wie gesagt, ich mag die Leute hier im Grunde, und deswegen lohnt es sich, dort zu bohren, wo es wehtut, sonst könnte es mir egal sein. Ich bekam einen Anruf mit dem Wortlaut "Dich kriegen wir noch", aber das war's dann


    Nimue: Uff! Lieblingsbücher ... schwer, ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Es gibt ein paar Bücher, die ich immer wieder lese: Michael DeLarrabeiti, "Die Borribles". Michael Crichtons kluge Reiseerzählungen "Im Kreis der Welt". Ich mag die Bücher von Dan Simmons. Ihr seht, ich bin kein Kandidat für eine Neuauflage des literarischen Quartetts. Bücher sollen für mich spannend sein, neue Welten und Sichtweisen eröffnen. David Sedaris mag ich gerne, ein feiner Beobachter des Alltäglichen mit viel Wortwitz.


    sillesoeren: Alles "Wirkliche" fließt in meine Erzählungen ein, das heißt, es gibt Paten für meine Figuren, meistens vermische ich aber verschiedene Leute. Onkel Flossie ist in der Realität eine Frau. Bei einigen Charakteren hoffe ich, dass die "Originale" sich nicht wiederfinden (allerdings bedeutet dass ein hohes Reflexionsvermögen, und das spreche ich diesen Leuten ab).


    Judith: Societät ist der Bellestristikverlag der FAZ. Wie schon erwähnt, steht und fällt so ein Verlag mit dem Verleger, und mit Dr. Kron habe ich da richtig Glück gehabt - in meiner Danksagung in Schlafwandler daqnke ich ihm, weil er mir ganz am Anfang erklärt hat, worum es in diesem Buch eigentlich geht, und das stimmt. Sicherlich stößt der Verlag markttechnisch an seine Grenzen - aber mir ist es lieber, ein "kleines" Buch nach meinen Entwürfen zu veröffentlichen (dass dann auch noch so schön aussieht - auch in der Verantwortung des Verlages). Wenn sich dann doch der überraschende Erfolg einstellt, bleibt alles authentisch.

    Hallo,


    bezüglich Raben hier eine schöne Zusammenfassung von einer anderen Leserunde, ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich das gerade rüberziehe:


    Der Rabe gilt, und das ist gemeinhin unumstritten, als kluger und neugieriger Vogel. So wird in den Mythen von zwei Raben berichtet, die den Göttervater begleiten. Ihre Namen sind Hugin und Munin und sie bedeuten der Gedanke und das Gedächtnis. Ihre Aufgabe besteht darin, den Göttervater, der sie allmorgendlich an den Himmel schickt, mit den neuesten Informationen zu versorgen. Jeden Abend kehren sie zu ihm zurück und erstatten ihm Kunde. Ein weiterer Name Odins ist Hrafnagud (Rabengott).


    Der Rabe wird auch als Totenvgel oder als der Bote des Todes verschrien. Man spricht ihm aber auch die Fähigkeit zu, die Anderwelt zu bereisen somit verkörpert er wie kein anderer Vogel den Mittler zwischen den Lebenden und der Welt der Geistwesen. Insofern erklärt sich auch, warum Odin, der ein Meisterschamane ist, von zwei Raben begleitet wird.


    Es ist nicht unbedingt nötig, dass die Raben am Abend zu ihrem Herrn zurück kehren, da Odin in ständigem geistigen Kontakt zu seinen Vögeln steht. Als Boten des mächtigsten aller Götter waren die Raben den Germanen heilig. Ihr Flug und das Verhalten der Vögel vor der Schlacht war das wichtigste Omen. Außer den Raben waren den Germanen auch die Wölfe heilig und so überließen sie Odins heiligen Tieren die Gefallenen auf dem Schlachtfeld. Sie waren das ,,Opfer" für die Mittler zwischen Mensch und Gott. Vermutlich kommt daher auch der Satz ,,ein Fressen für die Raben".



    http://www.rabenbaum.com/pageID_2710168.html


    Verlag Societät: Der Societäts-Verlag hat mittlerweile eine ganze Reihe von Krimis, wir lieferten seinerzeit mit "Der Schädeltypograph" einer der ersten. Der Verleger Dr. Kron ist ein spannender Mensch, der Mut für neue Projekte mitbringt und den Autoren nicht beschneidet. Das findet sich heutzutage selten, da viele Verlage selbst Konzepte für den Markt erstellen und dann aus der Hühnerbatterie einen Autoren holen, der ihm das gewünschte makellose Ei legt. Das finde ich sehr langweilig und ist auch nicht mein Ding - der Societäts-Verlag ist da innovativer. Er vertraut seinen Autoren (jetzt aber genug mit dem Hohenlied auf den Verlag, wenn die das hier lesen, werden die sonst noch größenwahnsinnig) :)

    Hallo ihr Lieben,


    freue mich auf viele Fragen!!! Und vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für die Einladung zur Leserunde!


    Ein Buch wächst. Mir geht es während des Entstehungsprozesses einer Geschichte so, dass ein Bild sich mit dem anderen verknüpft. Anfangs habe ich ein Sammelsurium an Ideen. Wenn zwischen diesen Ideen sich dann automatisch Brücken bilden, wird das Ganze plötzlich eine interessante Geschichte, die ich verfolgen möchte (ich glaube ja, dass alle Geschichten schon irgendwo herumschwirren und der Erzähler diese nur herausfischt).


    Zum Plot: Mir schwebte viele Jahre eine Liebesgeschichte vor, aber Mitte der Neunziger, als ich ein wenig horrorverseucht war (bin ich im Grunde heute noch), traute ich mir Derartiges nicht zu. Das Motiv der Raben hat mich seit jeher verfolgt, und als ich mich näher mit ihrer Symbolkraft beschäftigte, stellte ich fest, meine Brücke zur Geschichte gefunden zu haben.


    Ich bin kein Freund der immer wieder breit getretenen hochliterarischen deutschen Vergangenheitsbewältigung, konnte diesem Thema – ohne zuviel verraten zu wollen – allerdings nicht aus dem Weg gehen, als ich merkte, wie verstockt zum Teil die Leute hier in Alzey sein können. Ein Weinlexikon (sic!!!) hat es mal schön zusammengefasst. Unter dem Eintrag „Alzey“ ist absurderweise verzeichnet: Merkwürdige Mischung aus toleranter Weltoffenheit und krittelndem Kleinbürgertum. Das trifft’s. Ich mag die Leute hier und ihre Lebenseinstellung, aber manchmal machen sie mich total verrückt. Ich fand es erstaunlich, dass diese weltoffenen Leute zuweilen ein Problem mit der eigenen Geschichte haben, und ich begann, nachzubohren – und stieß auf Barrikaden. Das fand ich sehr spannend.


    Ich hatte also verschiedene Ebenen – eine Liebesgeschichte, die Raben, das Thema Vergangenheit und Verdrängung. Der Rest kam von allein.
    Als Autor bin ich in meinen Geschichten immer zugegen, das ist mir bewusst. Ich versuche mich, so weit wie möglich zu öffnen, denn ohne Ehrlichkeit gibt es keine gute Story. Ich bemühe mich jedoch, dass das Ganze nicht in einer puren therapeutischen Selbstreflexion endet (denn letztendlich zählt die Geschichte, nicht der Erzähler).