Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (ohne Spoiler)  (Gelesen 1745 mal)

Offline Heimfinderin

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So, hier ist auch  mein Fazit noch:

Zum Buch

Der Thriller „Engelsgleich“ erzählt die Vorgeschichte zu dem bereits vorher erschienenen Buch „Drecksspiel“. Auch wenn beide Bücher für sich alleine gelesen werden können, so ist die Handlung doch viel intensiver und vollständiger, wenn man beide kennt. Ich habe „Drecksspiel“ zuerst gelesen und mit „Engelsgleich“ werden nun ein paar Hintergründe klar, die mich motivieren, „Drecksspiel“ noch einmal mit einer neuen Sicht zu lesen.

„Engelsgleich“ hat einen im wahrsten Sinne des Wortes explosiven Einstieg, der einem gleich das Blut in den Adern gefrieren und um das Schicksal einiger Personen bangen lässt. Nicht weniger schlimm geht es dann weiter, als Kriminalkommissar Paul Kalkbrenner und seine Kollegen an einen Tatort gerufen werden, der nicht nur ein totes Mädchen, sondern gleich mehrere brutal misshandelte Kinderleichen zutage bringt. Martin Krist hat mit diesem Roman, wie auch mit seinen anderen Thrillern, wieder ein erschütterndes  Thema aufgegriffen, besonders schlimm deshalb, weil es solche Verbrechen tatsächlich gibt. Perverse Folterungen und Menschenhandel, Kinder als Ware, bis man sie nicht mehr braucht. Was sind das nur für Menschen, die sich damit ihre Befriedigungen erkaufen. Das Entsetzten und die Wut über diese Untaten und die Sorgen über die schwierigen und aussichtslos wirkenden Ermittlungen hat der Autor sehr gut rübergebracht, man fühlt als Leser diese Emotionen der Ermittler sehr gut mit. Man sollte also für diesen Krimi einigermaßen gute Nerven haben, denn auch wenn Martin Krist recht sparsam mit detaillierten Beschreibungen bleibt, so gehen einem die Bilder und die unfassbaren Taten doch nicht mehr so schnell aus dem Kopf.

Ein anderer Handlungsstrang begleitet Juli, deren Pflegetochter Merle spurlos verschwunden ist. Ihre Sorgen und ihre Suche nach der vermissten Jugendlichen treiben sie mit der Zeit in die Isolation, denn die Polizei nimmt ihre Anzeige nicht ernst, da Merle eine Drogen- und Ausreißer-Vergangenheit hat. Julis Lebensgefährtin unterstützt sie zudem nicht in dem Maße, wie Juli dies gerne hätte, sondern lebt irgendwann den Alltag weiter, vor allem, da sie außer Merle noch andere Kinder haben, die Fürsorge benötigen. So steigert sich Juli sehr  hinein in die Suche nach ihrer Tochter und vernachlässigt alles andere. Dies wird sehr eindringlich geschildert, besonders, da dieser Erzählstrang als einziger in der Ich-form geschrieben ist, was mich als Leserin noch näher mit Juli verbunden hat.

Dann gibt es noch einen Erzählstrang über Markus und seinen Freund Horst, die Drogengeschäfte machen und dabei immer tiefer in das organisierte Verbrechen vordringen, um in direkten Kontakt mit den Drogenbossen zu kommen und ins ganz große Geschäft einzusteigen. Aber in die Höhle des Löwen einzudringen ist gefährlich und Markus bringt nicht nur sich selbst in Gefahr, wenn er unvorsichtig wird. Da Markus mir sehr sympathisch war und hier die Verbindung seines Schicksals zu „Drecksspiel“ zu verfolgen war, habe ich sehr um ihn gebangt, auch wenn einige Zeit lang gar nicht eindeutig war, welches Spiel er hier eigentlich genau spielt.

Auch wenn hier scheinbar erst getrennt voneinander agierende Figuren unterwegs sind, so werden nach und nach Fäden verknüpft, Wege gekreuzt und Zusammenhänge klar. Insgesamt ist der Fall sehr düster und beklemmend und am Schluss hat mich dann ein heftiges Ende noch einmal sehr erschüttert. Ein wirklich spannender Fall, der unter die Haut geht.

Zur Leserunde

Wie auch schon die Leserunden zu den anderen Fällen, so hat mir auch die Leserunde zu diesem Buch wieder sehr viel Spaß gemacht. Gemeinsam zu spekulieren ist einfach immer wieder interessant. Vielen Dank auch an dich Marcel, dass du wieder mit dabei warst!  :)

Liebe Grüße
Barbara

Offline Lunas Leseecke

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So, etwas spät dran, aber hier kommt auch meine Rezension. Ich war absolut begeistert, und muss jetzt dringend Drecksspiel lesen.

Inhalt

Der Inhalt des Buches ist sehr komplex, und es gibt zahlreiche Handlungsstränge. Zunächst gibt es das Mädchen Anezka, dass auf der Flucht ist. Dann gibt es noch Markus, einen kleinen Dealer in der Drogenszene Berlins, der versucht, sich hochzuarbeiten. Dann gibt es noch die Polizei, mit den Komissaren Kalkbrenner und Muth, die versuchen, ein grausames Verbrechen aufzuklären. 11 Kinderleichen wurden auf einem stillgelegten Fabrikgelände gefunden, und keines von ihnen wurde vermisst. Waren die Kinder Opfer von Kinderhandel? Und wer waren ihre Peiniger? Die Polizei arbeitet auf Hochtouren, und landet vor einer Wand aus Schweigen. Und dann ist da noch Juliane Kluge, die verzweifelt nach ihrer Pflegetochter Merle sucht. Sie ist überzeugt, ihr ist etwas zugestoßen, doch alle, auch die Polizei, sind davon überzeugt, dass Merle einfach fortgelaufen ist. Doch was ist wirklich passiert?

Meine Meinung

Wie schon erwähnt verfolgt der Roman zahlreichen Handlungsstränge, die Martin Krist gekonnt zu verweben weiß. Zunächst scheint es kompliziert, doch man kommt schnell rein und weiß die zahlreichen Charaktere zu unterscheiden. Durch die Szenenwechsel, an deren häufig ein kleiner Cliffhanger steht, bleibt es außerdem durchgehend spannend. Und am Schluss laufen alle Fäden zu einem fulminanten Ende zusammen. Spannend, berührend, und ein bisschen verstörend.

Trotz des schwierigen Themas, schließlich geht es um Drogen, Kinderhandel und auch Pädophilie, überfordert Martin Krist den Leser nicht mit all zu vielen grausamen Details. Er spannt einen Rahmen und überlässt es dem Leser, ihn mit grausamen Details auszufüllen, oder eben auch nicht. Dennoch hält die Geschichte auch so genügend Schrecken bereit, und wartet nicht nur mit Verbrechen, sondern auch mit persönlichen Problemem der Charaktere auf.

Engelsgleich ist mein erster Thriller von Martin Krist und konnte mich mit seinem Schreibstil und seiner Story in seinen Bann ziehen. Die Charaktere waren sehr authentisch. Sie hatten normale Sorgen und Probleme. Obwohl ich die Reaktion von Juliane Kluge etwas übertrieben fand, würde ich nicht ausschließen, dass manche Mütter wirklich so reagieren. Und dass der Verlust eines Kindes Familien zerstört, ist ja auch nichts neues.

Fazit

Engelsgleich ist ein toller Thriller, der gekonnt verschiedene Handlungsstränge miteinander verknüpft. Es ist spannend bis zum Schluss, und war einfach klasse. Für Thrillerfans und solche die es werden wollen auf jeden Fall zu empfehlen.

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« Letzte Änderung: 11. Januar 2015, 13:29:23 von Lunas Leseecke »
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Offline Rhea

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Engel  überleben länger

Eine Mutter gibt  nicht auf, ihr Kind zu suchen und ihr ganzes Leben wird dabei zerstört, ja sie zerstört sich dabei fast selbst. Ein Mädchen versucht, seinen Fängern zu entfliehen.  Kinderleichen werden gefunden, die in einer Weise sexuell missbraucht wurden, die man sich nicht vorstellen möchte, ein Mann  ist mitten in dieser Szene und möchte nichts lieber als ein normales Leben im Kreise seiner kleinen Familie.
Wieder führt der Roman von Martin Krist in die kriminelle Sexszene Berlins.  In seiner typischen Weise webt der Autor verschiedene Erzählstränge zu einem Ganzen. Nicht mehr ganz so schnell erfolgen die Wechsel der Szenen, er läßt sich etwas mehr Zeit, die Szenen zu gestalten und den Leser tiefer eindringen zu lassen in die Gefühlswelt. Zumindest ist das mein Eindruck.
Mit viel Einfühlungsvermögen schildert der Autor die lesbische Beziehung eines Paares, welches Pflegekinder aufzieht mit Herz und Engagement. Bis eine der „Töchter“ verschwindet. Diese Pflegetochter ist etwas Besonderes. Ist sie wiedermal abgehauen, wie alle vermuten, oder ist ihr etwas passiert?  Dieser Erzählstrang war für mich am beeindruckendsten. Zu erleben, wie die Beziehung unter der Belastung leidet und als Leser selbst zu schwanken, ob es richtig ist, die Suche nicht aufzugeben. Es ist eben nicht Recht auf der einen und Unrecht auf der anderen Seite, denn da sind auch noch andere Kinder, da ist die Partnerin und auf der anderen Seite eine selbstzerstörerische fanatische Suche. Was würde ich selbst als Mutter tun? Kann man ein Kind aufgeben und mit der Ungewißheit leben? Was ist man den anderen Kindern, dem Partner schuldig? Wo beginnt Krankheit, Verlust von Realität? Die Schilderung dieses Problems, ohne rosarote Schleier, finde ich sehr gelungen.
Für mich ist natürlich interessant, den Kommissar wieder zu treffen, den ich nun aus den anderen Büchern schon kenne. Paul Kalkbrenner ist ein sehr sympathischer Charakter, der immer ein normaler Mensch bleibt. Er hat keinen Trenchcoat wie Colombo, keine Pfeife wie Sherlock Holmes, keinerlei Superhero Accessoires. Er hat Bernie,  einen gutmütigen großen Hund, der bei ihm hängen geblieben ist, weil er ein gutmütiger Mensch ist. Es ist nicht immer leicht, sich um den Hund zu kümmern, denn bei den Arbeitszeiten der Kriminalpolizei  kommt ein regelmäßiges „Gassigehen“ oft zu kurz und wohin während der Arbeitszeit, wenn der Chef eine Hundehaarallergie hat? Die Episoden mit Bernie sind kleine Pausen in der vorantreibenden Geschichte.  Kalkbrenner ist Kriminalist mit Herz und Hirn und er ist sowohl der Sympathieträger der Geschichten um ihn als auch die tragische Figur, die wie Sisyphus gegen Verbrechen kämpft.
Im Prolog erlebt der Leser gleich eine Szene, die voller Aktion ist und leider auch einen sehr traurigen Ausgang einer Geschichte schildert.  Mir ging es so, dass ich die ganze Zeit Angst hatte, mit meiner Vermutung, um welche Geschichte es sich handelt, recht zu haben.
Die Geschichte um einen Mann in der kriminellen Szene, der zwischen den Welten lebt, war für mich nicht so rätselhaft, da ich seine Rolle in der Geschichte ziemlich zeitig erkannt hatte. Spannend war allerdings, wie sich sein Schicksal gestaltet, denn er lebt gefährlich.
Wie alle Bücher um Kommissar Kalkbrenner ist auch diese Geschichte wieder sehr spannend geschrieben. Die Handlungsstränge sind realistisch und einfühlsam geschildert.  Die Recherchen im Milieu haben Martin Krist scheinbar zu Perversitäten geführt, die unvorstellbar sind und man würde sie für Horrorphantasien halten, wenn es nicht dieser Autor geschrieben hätte.
Für mich ist es unfassbar, zu welchen Taten Menschen fähig sind, und die Szenen, die sich mit diesem Teil der Geschichte befassen sind, für mich schwer zu lesen. 
Am Ende des Buches ist der Fall geklärt, aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.  Die Polizei hat zwar den Fall gelöst, aber wird nicht verhindern können, dass es so weiter geht. Das Geschäft scheint zu guten Profit abzuwerfen.
Für mich ist das kein Manko des Buches, denn ich sehe neben der spannenden Handlung eigentlich auch die Information, das aufmerksam Machen auf die Zustände, für die der Autor nichts kann, die er aber bei seinen Recherchen erkennen musste. Diese Information verpackt Martin Krist in einen sehr lesenswerten Thriller, der nichts für schwache Nerven ist.
Fazit
„Engelsgleich“  ist wieder ein spannender Krimi  mit realistischen Hintergründen und ebensolchen Charakteren, verschiedenen Problemstellungen und einfühlsamer flüssiger Erzählweise. Für Thriller-Freunde sehr zu empfehlen.

An die Leserunde:
auch wenn ich die Rezi spät schreibe, es war wieder gut, in einer Leserunde zu sein und dadurch nichts zu verpassen. Vielen Dank an die Mitleser und ganz besonderen Dank an Martin für seine Erklärungen.

 

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