Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (bitte ohne Spoiler)  (Gelesen 1529 mal)

Offline Annabas

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Hallo ihr Lieben,

vor zwei Wochen haben die letzten Teilnehmer/innen das Buch beendet und damit wird es Zeit, die Runde offiziell zu schließen.
(Was nicht heißt, dass die beiden fehlenden Rezensionen nicht mehr nachgeliefert werden sollen ;)  )

Liebe Inge, vielen Dank dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Ich würde mich freuen, wenn wir hier wieder eines deiner nächsten Bücher gemeinsam lesen könnten.

Und danke auch an die Mitleser/innen, es war wie immer toll, mit euch auf Mördersuche zu gehen, zu spekulieren und zu diskutieren.

Viele Grüße von Annabas  :winken:
:lesen:   "Wenn du einen Garten und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen." Marcus Tullius Cicero

Online dubh

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Da ich die Krimis um Kommissar Dühnfort sehr schätze, war es für mich keine Frage, ob ich auch einen sogenannten 'Stand Alone" von Inge Löhnig lese. Zum Glück, so viel kann ich schon jetzt verraten.
Fionas Kindheit war ein Albtraum: als sie gerade einmal sieben Jahre alt war, wurde ihr Vater als Mörder verurteilt und sie war künftig selbst für ihre beste Freundin das 'Mörderkind'. Als dann kurz darauf auch noch ihre Mutter bei einem Unfall stirbt, kommt sie zu ihrem Onkel und dessen Frau und wächst dort unter ziemlich guten Umständen auf. Doch das Erlebte und die Fiesheiten der Mitschüler hinterlassen selbstverständlich ihre Spuren und so weiß Fiona auch mit 25 Jahren noch nicht so recht, was sie machen möchtet. Sie hangelt sich von Job zu Job um sich über Wasser zu halten - das Studium hat sie längst sausen lassen und obwohl sie ein neues vor Augen hat, kann sie sich schlicht und ergreifend nicht aufraffen. Zu ihrem Vater hatte sie all die Jahre keinen Kontakt - auch als er nach seiner Haftentlassung vor ihrer Tür steht und um ein Gespräch bittet, verweigerte sie dieses. Und nun ist er tot. Keine schlechte Nachricht für Fiona, die sich dadurch nicht betroffen sieht.
Auch als am Tag nach dieser Nachricht ein junger Rettungsassistent vor ihr steht und ihr eine letzte Botschaft ihres Vaters überbringt, lässt diese Fiona erst einmal kalt. Doch ganz allmählich breitet sich die Wirkung der letzten Worte ihres Vaters doch aus, immerhin galten sie seinen Gefühlen für seine Tochter und der Beteuerung, dass er kein Mörder war. Warum sollte er seine letzten Worte an eine Lüge verschwenden? Diese Frage lässt Fiona ganz langsam zu...
Abwechselnd erzählt die Autorin die Geschichte von damals und heute. Das ist so geschickt gemacht, dass man auch als Leser lange im Dunkeln bleibt - auch wenn man durch die Rückblenden Fiona immer einen kleinen Schritt voraus ist. Und auch wenn man die ein oder andere Spekulation zwischendurch entwickelt, so bleibt der Krimi dennoch bis zum Ende sehr spannend!
Besonders gut gefallen hat mir, dass Fiona keine einfache Person ist, die dann aber das Heft in die Hand nimmt und somit im Grunde die Ermittlern ist. Dabei entwickelt sie sich sehr glaubhaft, denn die anfängliche sarkastische und verbitterte junge Frau hatte durchaus ihre Berechtigung. Zu dieser langsamen Veränderung gehört auch, dass Fiona versteht, dass sie lernen kann, nicht immer alles alleine in Angriff zu nehmen, sondern auch wieder auf andere Menschen zu vertrauen.
Inge Löhnig hat hier keinen Thriller geschrieben, der durch gnadenlose Spannung funktioniert, sondern einen Krimi, der über ein beinahe zerstörtes Leben einer jungen Frau funktioniert, die plötzlich begreift, dass sie ihrem Vater vielleicht die letzte Chance geben und seine letzten Worte glauben sollte. Darüber und mit dem sehr flüssigen Schreibstil der Autorin entwickelt sich eine gekonnte Spannung. Dass am Ende alle Fäden gekonnt zusammengeführt werden, ist bei Inge Löhnig selbstverständlich, oder?

Fazit: Ein spannender Krimi fast ohne Polizei, dafür mit einer sehr speziellen Hauptfigur und einem sehr interessanten Mordfall. Unbedingt lesen!


Zur Leserunde:

Vielen Dank an Euch alle - es hat mal wieder richtig Spaß gemacht, gemeinsam zu spekulieren! :winken:
Ein besonders herzliches Dankeschön an Dich, liebe Inge - es war toll, dass Du Dir die Zeit genommen hast und uns so offen begleitet hast. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg mit Deinen Büchern und viel Spaß beim Schreiben! Und hoffe, dass wir uns hier wieder lesen.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Rhea

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Es ist schon zu spät, um hier wirklich zu danken, aber ich mache es trotzdem noch. Obwohl meine Rezi so spät kommt, das hat nichts mit dem Buch zu tun und schon gar nichts mit der interessanten Leserunde. Es war ja ein kniffliges Rätsel und es war wieder wichtig, auf Stellen aufmerksam gemacht zu werden, Dinge von einer anderen Seite zu sehen.
Außerdem sind wir von der Autorin nett betreut worden.
Vielen Dank an Euch alle!

„Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen.“ (Sir Francis von Verulam Bacon)

Fiona hat sich im Leben eingerichtet, es war ein langer Weg voller Verdrängung. Sie ist hart geworden nach außen, hat sich aber ein tiefes Gefühl für Menschen erhalten und verbirgt es unter einem Panzer. Da kommt ein Sanitäter ins Haus und bringt ihr eine Nachricht ihres Vaters. Dessen letzte Worte beteuern seine Unschuld. Jemand will den Panzer anbohren, das geht nicht. Die Wahrheit, die sie gelernt hat zu ertragen, wird in Frage gestellt. Jahrelang hat sie sich eingeredet, dass der Vater schuld war, hat sich von dem Vater verabschiedet, den sie verehrte und liebte und von dem sie sich geliebt fühlte, der sie verraten hatte. Er ist fortgegangen und nicht zurückgekommen. Er ist schuld am Tod der Mutter. Nein, sie hat alle Emotionen für ihn vergraben.
Aber es ist zu spät, das Loch ist gebohrt und der Panzer ist undicht. Also wie wird sie damit fertig? Würde ein Mensch im Sterben lügen?
Kinder sind grausam. Wie muss das sein, wenn man überall zum Außenseiter wird, weil der Vater ein Mörder ist. Man ist völlig schuldlos, verliert als Kind seine Eltern und plötzlich hat man niemanden mehr außer Verwandten, denen man eher Ballast ist. Wie übersteht ein Kind so was? Ich kann es mir nicht vorstellen. Dabei gesund zu bleiben, ist wohl kaum möglich. Fiona hat es nach außen hin geschafft. Sie hat ein eigenständiges Leben und sie ist stabil. Es muss ein schwerer Weg gewesen sein. Ich habe sie bewundert. Auch wenn sie manchmal ruppig ist, ich konnte ihre Handlung verstehen. Verdrängung war das Mittel, mit dem sie sich erhalten hat. Wo waren denn die Lehrer, Sozialarbeiter, Kirchenvertreter oder was auch immer, die sich hier hätten kümmern müssen?
Es ist also eine sehr faszinierende Persönlichkeit, die kaputt ist, und wir erleben als Leser mit, wie sie beginnt, an ihrer eigenen Heilung zu arbeiten, indem sie den Tod ihres Vaters erforscht. Dabei erfährt sie viel über die Familie, was als Kind nicht durchschaubar war. Sie hat Hilfe in dem Sanitäter, der sich als Hobbypsychologe erweist und die richtigen Anstöße gibt. Er hat eine Engelsgeduld. Aber man sieht auch, dass ohne eigene Arbeit an sich selbst keine Heilung erfolgen kann.
Klingt das jetzt mehr nach Psychologieroman als nach Krimi? Dann wäre das total falsch. Es ist absolut spannend, den Ermittlungen der beiden zu folgen und es ist kaum vorstellbar, welche Lösung hinter den Rätseln steckt.
Vieles erfährt der Leser auf einer zweiten Erzählstrecke. Auch dort ist es spannend nachzuverfolgen  wie sich das Schicksal dieser Personen entwickelt. Als Leser fährt man wohl ein wenig Karussell, denn manche Menschen vergiften ihr eigenes Leben ohne Rücksicht und manche Menschen können mit den Folgen ihres Tuns nicht leben.
Ich persönlich hatte die ganze Zeit einen Gedanken im Hinterkopf: Was wäre, wenn der Vater unschuldig wäre und Fiona erfährt es erst jetzt. Wie würde sie damit leben, ihm nicht geglaubt zu haben?
Ich hatte bisher noch keinen Krimi von der Autorin gelesen und war nach dem Klappentext ziemlich skeptisch, aber ich bin absolut begeistert von der Erzählweise und von der Art des Spannungsaufbaus.
Fazit:
Ein spannender Krimi, mit einem intelligenten Rätsel und vielschichtigen Persönlichkeiten. Absolut lesenswert.


 

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