Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (ohne Spoiler)  (Gelesen 782 mal)

Offline dubh

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Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr nach der Leserunde schreiben wollt. Denkt bitte daran, dass Eure Rezensionen eine Art "Gegenleistung" für die Freiexemplare der Verlage sind. Es wäre deshalb schön, wenn sich hier möglichst alle beteiligen - ebenso ist ein Fazit zur Leserunde (gerne auch eines der Autorin) immer interessant.

Bitte vermeidet Spoiler und komplette Zusammenfassungen des Inhalts in den Rezensionen, da diesen Thread vielleicht auch Leute lesen, die Tanjas Buch nicht gelesen haben, es aber noch tun wollen!

Außerdem wäre es sicherlich für Tanja sowie ihren Verlag Droemer Knaur, der uns freundlicherweise Freiexemplare spendiert hat, schön, wenn Ihr Eure Rezensionen nicht nur hier, sondern auch auf anderen Internetseiten, Blogs und so weiter einstellen mögt.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Online gagamaus

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Mit „Schlaf der Vernunft“ verlässt Tanja Kinkel die von ihr bereits in vielen Romanen trefflich beschrittenen Pfade des historischen Romans, die vor allem in einer mehrere Jahrhunderte von der Gegenwart entfernten Zeit spielten und wagt sich an die Aufarbeitung einer geschichtlichen Epochen, die die meisten ihrer Leser und sie selbst noch selber miterlebt haben.

Auf zwei Zeitebenen - ab 1967 und 1998 - erzählt sie die Geschichte mehrerer Menschen, deren Leben durch die RAF, deren ideologischen Kampf und deren terroristische Anschläge beeinflusst wurden.

Da ist zum einen Martina, die sich in den Sechziger und Siebziger Jahren radikalisieren lässt, zur RAF-Terroristin wird und schließlich für Jahrzehnte im Gefängnis landet. Da ist ihre Tochter, die nach der Haftentlassung der Mutter versucht, wieder eine Beziehung zu ihrer Mutter zuzulassen und deren Beweggründe für die Taten der Vergangenheit zu verstehen. Da ist der Personenschützer, der ein Attentat als einziger überlebt hat und seitdem seelisch und körperlich an den Folgen leidet. Und da sind die Söhne der getöteten Opfer, die auf ihre Weise mit dem Erlebten und den Folgen ringen.

Dass das Thema keine leichte Kost ist, weiß sicherlich jeder, der sich entscheidet, dieses Buch zu lesen. Und dass Tanja Kinkel eine der wenigen Autorinnen ist, die meiner Meinung nach das Potential dazu haben, alle Aspekte der komplizierten historischen Abläufe zu schildern und dennoch nicht die menschlichen Beweggründe zu vergessen, das ahnte ich auch schon vorher. Und meine Erwartungen wurden erfüllt und noch übertroffen.

Nicht nur, dass ich viel Neues, Wissenswertes über den Terror in der BRD erfahren habe. Viele Zusammenhänge wurden mir erst in diesem Buch so richtig klar. Die Parolen der RAF, ihre Wut auf die Gesellschaft, ihr Wunsch, mit Terror und Gewalt etwas zu ändern, was sie für die Fortführung des dritten Reiches hielten, werden so plastisch und mit den eigenen Worten und Parolen der Terroristen geschildert, dass sich dem Leser die Haare sträuben und das Entsetzen von damals noch genauso intensiv  aufwallt. Die Entmenschlichung der Opfer und die Entmenschlichung der Täter gleichermaßen sind ein großes Thema in diesem Buch und angesichts der aktuellen Geschehnisse spürt man in jedem Satz, dass das Alles auch heute noch ganz nah an uns dran ist.

Aber noch mehr bewegte mich die Geschichte dort, wo sie sich mit der Aufarbeitung all der fürchterlichen Dinge beschäftigte, die den Familien der Opfer und Täter angetan wurden. Deren Schmerzen, Verluste und Ängste gewinnen am Ende die Oberhand. Und Tanja Kinkel schafft es, einen emotionalen Bogen zu spannen der den Leser und die Protagonisten dieses Buches in eine Zukunft blicken lässt, die einen Lichtblick bereit hält und die Hoffnung darauf, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit etwas lernen muss und kann und dass man verzeihen muss, wenn man selber Frieden finden möchte.

Ein Buch, welches einen nicht unbeteiligt lassen kann und welches man unbedingt lesen sollte. Denn den Terror gibt es ja weiterhin auf der Welt und immer noch gibt es die Menschen, die Gewalt ausüben und die, die darunter leiden werden.

Eine sehr intensive Leserunde war das wieder. Und dank Tanja Kinkel eine, in der alle Fragen beantwortet wurden und ich mehr erfahren habe, als aus allen Filmen und Büchern, die ich je über die RAF gesehen und gelesen habe. Vielen Dank für dieses herausragende Lese-Erlebnis.

 :buchtipp:
:lesen:
Der Tanz unseres Lebens - Noa C. Walker

Offline nicigirl85

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Meine Meinung zum Buch:

Titel: Mehr als nur ein Buch über die RAF...

Ich war lange unentschlossen, ob ich dieses Buch lesen soll oder nicht. Ich liebe die Bücher von Tanja Kinkel, die mich bisher noch nie enttäuscht haben, andererseits wusste ich vor Lektürestart nichts über die RAF und ob mich das Thema überhaupt interessieren würde. Letztendlich begann ich dann doch mit der Lektüre, einfach weil Tanja zu meinen Lieblingsautorinnen zählt und ich bin froh, dass ich dieses Experiment gewagt habe.

In der Geschichte geht es um Martina Müller, die nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Ihre Haftstrafe hat sie als RAF- Terroristin bekommen. Tochter Angelika hatte lange keinen Kontakt zu ihrer Mutter, aber kann sie sie jetzt wirklich hängen lassen? Vielleicht hat sie sich verändert und kann ein Mitglied von Angelikas Familie werden...

Die Handlung wird uns über zwei Handlungsstränge näher gebracht. Der eine Strang beleuchtet die fernere Vergangenheit von 1967 bis 1977. Der zweite Erzählstrang spielt 1998, der näheren Vergangenheit.

Tanja Kinkel gelingt es sehr gut zu erläutern wie Martina überhaupt zu einer Kriminellen und Terroristin werden konnte, denn genau das interessiert einen als Leser. Die Autorin schafft es einfach die dargestellte Zeit authentisch widerzugeben und das auf immens spannende Weise.

Zudem kommt sehr gut rüber wie sich Mutter und Tochter langsam aber sicher wieder annähern. Beide bringen Verständnis für die jeweils andere auf und versuchen das Band, was sie einst verbunden hat, wieder zu vereinen. Mich hat sehr gerührt wie viel Sorgen sich Angelika anfänglich um ihre Mutter macht. Letztendlich ist Blut doch dicker als Wasser, egal was einen einst getrennt hat.

Je mehr ich las, desto mehr wuchs mein Interesse. Immer wieder musste ich die Lektüre unterbrechen, um zu recherchieren, Dokumentationen zu sichten und Artikel aus der Zeit zu lesen und siehe da meine Recherchen deckten sich eins zu eins mit dem, was uns die Autorin schildert, was für ihre gelungene Recherchearbeit spricht. Sie lässt Geschichte lebendig und greifbar werden.

Mit diesem Buch ist es Frau Kinkel gelungen mir eine unbekannte Zeit deutscher Geschichte näher zu bringen, die es bisher nicht in mein Bewusstsein geschafft hatte. Gerade in der aktuellen Zeit, wo Terrorismus omnipräsent ist, zeigt dieses Buch sehr gut wie eine völlig normale, bürgerliche Mutter radikal werden kann. Unter bestimmten Bedingungen kann es jeden von uns treffen.

Für mich eines der besten Bücher des Jahres 2015, die ich gelesen habe. Selten hat mich ein Buch so sehr beschäftigt wie dieses. Immer wieder musste ich Freunden und Bekannten davon berichten und meine Erkenntnisse teilen.

Fazit: Ein unheimlich toller historischer Roman, der seinesgleichen sucht. Ich kann nur eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Genial! Must Read 2015...

Bewertung:  5/ 5 Sternen und  :buchtipp:

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Rezilinks zu "Schlaf der Vernunft"

Amazon: https://www.amazon.de/review/RVMGBQQY3TPIC/ref=cm_cr_rdp_perm

Mein Blog: http://nicigirl85.blogspot.de/2015/12/rezension-tanja-kinkel.html

Goodreads: https://www.goodreads.com/review/show/1467784153?book_show_action=false

Lovelybooks: http://www.lovelybooks.de/autor/Tanja-Kinkel/Schlaf-der-Vernunft-1155601782-w/rezension/1211849220/

Wasliestdu: http://wasliestdu.de/rezension/mehr-als-nur-ein-buch-ueber-die-raf

Literaturschock- Hauptseite: http://www.literaturschock.de/literatur/belletristik/gegenwartsliteratur/tanja-kinkel-schlaf-der-vernunft

Literaturschock- Forum: http://www.literaturschock.de/literaturforum/index.php/topic,38772.msg878462.html#msg878462
"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende" (H.M. Enzensberger)

Offline Buecherlabyrinth

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Martina, verurteile RAF-Terroristin, wird nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Eigentlich freut sich niemand über diese Freilassung. Die Tochter hat die Terrorakte nie verstanden, und auch nicht, dass sie deswegen als Kind von ihrer Mutter verlassen wurde. Die Angehörigen der Opfer sind regelrecht schockiert über diese Entlassung.

Das Buch wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Der frühere Leibwächter wurde schwer verletzt und hat nur durch ein Wunder überlebt. Ihn quält die Tatsache, dass er sich nicht an alles erinnern kann. Der Sohn des Staatsanwalts hat seinen Vater verloren und macht sich seitdem schwere Vorwürfe, weil es zwischen ihm und dem Vater vor dessen Tod Streit gab. Angelika, die Tochter der Terroristin hat ihren Kinder nicht einmal erzählt, dass sie eine Oma haben, die im Gefängnis sitzt, weil sie Menschen ermordet hat.

Das Buch wurde gründlich recherchiert und enthält sehr viele Informationen über die absurden Beweggründe der RAF. Als Leser, der sich nicht mit dieser Epoche der Geschichte auskannte, habe ich beim Lesen sehr viel dazugelernt.

Die Geschichte schildert die die Sicht des einzig überlebenden Opfers, wie die Angehörigen der Verstorbenen weiterleben und wie sie die Freilassung der Mörderin aufnehmen. Sie kann ein normales Leben aufnehmen, während die Angehörigen lebenslänglich trauern müssen. Aber auch die Beziehung zwischen den Angehörigen der Opfer ist nicht einfach. Der Staatsanwalt wurde ermordet, aber die RAF hatte keine Ursache den Fahrer umzubringen. Der Leibwächter muss sich immer wieder der Frage aussetzten, warum er den Staatsanwalt nicht vor dem Tod bewahren konnte.

"Schlaf der Vernunft" ist ein Buch auf tiefgründiges Buch auf zwei Zeitebenen, die der Terrorakte und die Zeit der Entlassung einer der Terroristen. Die Geschichte ist spannend erzählt und ich kann sie interessierten Lesern nur empfehlen.

Offline Dreamworx

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Hier nun auch meine Rezension:

Die Opfer der RAF

1998: Angelika ist verheiratet und lebt mit Mann und Kindern ein eher unaufgeregtes Leben, als sie eines Tages Post bekommt. Nach 20 Jahren steht die Begnadigung ihrer Mutter Martina bevor, die ein Mitglied der RAF war und  als Terroristin und Mörderin verurteilt wurde. Angelika, die ohne Mutter aufwuchs und in all den Jahren keinerlei Beziehung zu ihr hatte, soll Martina nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis beim Start in ein neues Leben unterstützen. Doch Martinas Taten sind noch nicht vergessen, vor allem die Familien der Opfer leiden noch heute darunter. Auch Angelika stellt sich insgeheim die Frage, ob sie den Kontakt zur Mutter überhaupt will. Wird sich zwischen Angelika und Martina eine Mutter-Tochter-Beziehung entwickeln? Wird Martina sich Angelikas Fragen öffnen und ihr Antworten liefern? Und wie gehen die Opferfamilien und –angehörigen mit der neuen Situation um?

Tanja Kinkel hat mit ihrem Buch „Schlaf der Vernunft“ diesmal einen Roman über eines der schwärzesten Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte vorgelegt. Der Schreibstil ist flüssig und weiß den Leser zu fesseln. Die Handlung wechselt mit den Kapiteln zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, beleuchtet eine fragile Mutter-Tochter-Annäherung, aber auch die Leiden der Hinterbliebenen der Opfer. Der Spannungsbogen ist sehr schön angelegt und hält sich bis zum Ende unvermindert auf sehr hohem Niveau. Die Autorin hat akribische Hintergrundrecherche über die RAF betrieben und diese sehr geschickt mit ihrer fiktiven Handlung verwoben, so dass der Leser bei der Lektüre das Gefühl nicht los wird, genau so müsse es gewesen sein.

Die Charaktere sind tiefgründig und psychologisch sehr gut ausgestaltet und lassen den Leser immer wieder zweifeln, wie er in der einen oder anderen Situation gehandelt hätte. Martina ist eine Frau, die von der Ideologie der RAF eingenommen ist, bis sie selbst sich entschließt, Mitglied zu werden und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Ihren Idealen opfert sie sogar ihr Kind Angelika, das sie weggibt, um sich weiterhin aktiv zu beteiligen und sich zu radikalisieren. Angelika lebt ein ruhiges und beschauliches Leben mit Mann und Kindern und will eigentlich von der Mutter nichts wissen. Doch innerlich hat sie viele Fragen, die sie gern beantwortet haben möchte, vor allem, um ihren eigenen Frieden zu finden und den Makel der Mutter loszuwerden. Auch die anderen Charaktere, die durch die Entlassung von Martina wieder an die fatalen Folgen in ihrem Leben erinnert werden und sich erneut mit der Vergangenheit auseinandersetzen müssen, werden hervorragend in Szene gesetzt und zeigen die Konflikte von Rache und Verzweiflung auf.

„Schlaf der Vernunft“ ist eine Lektüre der besonderen Art, fast schon ein Kriminalroman mit authentischem Hintergrund. Man merkt dem Buch an, dass die Autorin sich lange mit dem Thema beschäftigt hat und die Frage nach Einsehen und Reue, nach Vergebung und Vergeltung nicht so einfach zu beantworten ist. Absolute Leseempfehlung für ein außergewöhnlich erzähltes Stück deutscher Geschichte. Chapeau!

Hier noch die Links der Seiten, wo ich die Rezension gepostet habe:

http://www.lovelybooks.de/autor/Tanja-Kinkel/Schlaf-der-Vernunft-1155601782-w/rezension/1212180935/

http://www.reliwa.de/review/show/10778

http://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R3IPPU5BG3SEAS/ref=cm_cr_pr_rvw_ttl?ie=UTF8&ASIN=342619967X

http://www.buechertreff.de/thread/88601-tanja-kinkel-der-schlaf-der-vernunft/?postID=1747868#post1747868

http://wasliestdu.de/rezension/die-opfer-der-raf

Vielen Dank, dass ich dieses außergewöhnliche Buch kennenlernen durfte. Mir hat es sehr gut gefallen und viele Dinge wieder in Erinnerung gebracht.
Herzliche Grüße
Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)

"Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
Albert Einstein

"Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
Oscar Wilde

Offline smyrill

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Je mehr ich las, desto mehr wuchs mein Interesse. Immer wieder musste ich die Lektüre unterbrechen, um zu recherchieren, Dokumentationen zu sichten und Artikel aus der Zeit zu lesen und siehe da meine Recherchen deckten sich eins zu eins mit dem, was uns die Autorin schildert, was für ihre gelungene Recherchearbeit spricht. Sie lässt Geschichte lebendig und greifbar werden.

Ja, das kann ich 1:1 so unterschreiben und das hat mich total beeindruckt. 

Meine Rezi kommt natürlich auch noch, aber mich überrollt gerade "Weihnachten".  :-[

Offline smyrill

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Als ich mich für diese Leserunde anmeldete, war das tatsächlich wegen der tollen historischen Romane voon Tanja, die ich schcn "damals" gelesen habe, als die ersten herauskamen und die mir sehr gut gefallen haben.
Was den Inhalt angeht, war ich durchaus ein bißchen "skeptisch", ob das wohl für mich "funktionieren" könnte.

Aber es hat funktiuoniert, auf ganzer Linie.
Ich sitze hier gerade und überlege, wo ich "Punkte abziehen" würde, aber mir fällt tatsächlich nichts ein... Was ich persönlich bei Rezenionen ja eher verdachtig finde  ;)

Tanjas Schreibstil mag ich schon lange und auch in diesem Buch hat er mir wieder gut gefallen.

Wie ja im vorigen Beitrag bereits geschrieben finde ich die Recherche für dieses Buch und wie diese dann umgesetzt wurde sehr beeindruckend.

Und der Kernpunkt der Sache ist ja, wie hier das Leben eines (fiktiven) RAF Mitglieds beschrieben wurde, so daß man die ganze Zeit über "den Menschen hinter  dem Terroristen"  noch sehen, spüren konnte.
Trotzdem ich von der Wandlung zu einem RAF Mitglied und von den Gedankengängen wirklich abgestoßen bin, war es trotzdem noch möglich, Martina "weiter zuzuhören" und auch Verständnis für sie zu empfinden.

Mich hat es sehr beeindruckt, wie Tanja in diesem Buch die RAF.... "greifbar macht".

Ach, aber halt, "zum Glück" doch noch ein kleiner Kritikpunkt (hatte ich fast schon wieder vergessen ;) ) - das Ende hat mir nicht 100% gefallen, allerdings ist es ja auch nur der "Ausblick", was wirklich passieren wird, wissen wir ja nicht.   
Allerdings muß ich glaube ich mal ernsthafter darüber nachdenken, was für mich "Resozialisierung" und "Tat verbüßt" bedeutet, ich bin da tatsächlich wohl ... "negativer" und ... hm... "unversöhnlicher" als sich spontan gesagt hätte.

Die Leserunde zu diesem Buch war klasse, wir sind alle (?) tief in die Materie eingetaucht und Links über Dokumentationen machten hier die Runde. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit Euch zu diskutieren !
Und ein besonderer Dank an Tanja für ihre wirklich tolle Begleitung der Leserunde !  :bussi:

Offline dodo

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In den Siebzigern schließt sich Martina Müller der RAF an. Sie gibt dafür alles auf - ihr bisheriges Leben, ihre Eltern und ihre Tochter Angelika. Nach der Selbstauflösung der Terrorvereinigung wird sie 1998 vorzeitig aus der Haft entlassen. Dieser Gnadenakt stellt viele Personen vor eine Zerreißprobe. Zum einen die Hinterbliebenen ihrer Opfer, zum anderen den einzigen Überlebenden eines blutigen Entführungsversuches, aber auch ihre Tochter und vor allem auch sie selbst. Alles, woran sie geglaubt hat, gibt es nicht mehr. Vielmehr muss sie sich jetzt die Frage stellen, ob ihre Überzeugungen, für die sie gekämpft und gemordet hat, überhaupt die richtigen waren.

Tanja Kinkel beschäftigt sich in ihrem neuesten Roman mit dem deutschen Herbst. Anhand der fiktiven Person Martina Müller zeichnet sie einfühlsam die stetige Radikalisierung eines jungen Menschen nach. Martinas Wandel von einer gutgläubigen Idealistin zur gnadenlosen Fanatikerin vollzieht sich glaubhaft. Der Punkt, an dem es für sie kein Zurück mehr gibt, ist nachvollziehbar und stellt einen selbst vor die kritische Frage, ob man in derselben Situation unter gleichen Voraussetzungen nicht vielleicht sogar genauso gehandelt hätte.

Die Sicht von Martinas Opfern wird ebenfalls behandelt. Wie haben sich ihre Taten auf die Hinterbliebenen, dem einzigen Überlebenden des von ihr verübten Anschlags und ihre Tochter ausgewirkt? Mit welchen Spätfolgen haben diese noch zwanzig Jahre nach der Tat zu kämpfen?

Leichte Kost ist dieser Roman nicht. Er lässt einen auch nach dem Lesen nicht los und währenddessen können Pausen notwendig werden, um das Gelesene zu reflektieren. Die Autorin verwendet in den Dialogen der Terroristen deren Sprache – lässt sie deutlich zwischen Menschen und Schweinen unterscheiden. Nach der sprachlichen Enthumanisierung fällt es den RAF-Mitgliedern leichter ihren Gegnern – also alle die sich im herrschenden System eingerichtet haben – generell die Menschlichkeit abzusprechen. So erklärt sich auch der entstandene Widerspruch zwischen der selbst auferlegten Mission die unterdrückte Masse erretten zu wollen und der absoluten Mitleidlosigkeit mit unschuldigen Opfern ihrer Aktionen, die sogar noch zynisch mit Hobelspänen verglichen wurden.

Fazit:
Ein fesselnder Roman, der einem auch nach dem Lesen noch beschäftigt.

Offline dubh

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20. April 1998, Selbstauflösung der Roten Armee Fraktion

Martina Müller steht kurz vor der Begnadigung. Zwanzig Jahre saß die Endvierzigerin für Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Gefängnis. Ihre Tochter Angelika, die inzwischen ein angenehmes Leben an der Seite eines konservativen Zahnarztes führt, erhält die Nachricht zur Entlassung durch einen Brief des Gefängnispfarrers. Sie ist sich anfangs unschlüssig, was sie tun soll - immerhin hat ihre Mutter sehr rüde den Kontakt zu ihr abgebrochen, was sie bis heute nicht verstanden hat. Doch schlußendlich handelt sie instinktiv und beschließt, ihre Mutter abzuholen und die erste Zeit mit ihr alleine zu verbringen. Nach einer solch langen Zeit im Gefängnis braucht Martina Müller Unterstützung und muss sich erst einmal an die veränderte Welt gewöhnen.
Doch ganz so selbstlos ist Angelika nicht, als sie mit ihrer Mutter ans Meer fährt... Sie möchte endlich einiges erfahren: was hat ihre Mutter zur Terroristin gemacht? War sie wirklich so kaltherzig und entschlossen, wie sie häufig dargestellt wurde? Empfindet sie nach zwanzig Jahren Knast so etwas wie Reue, für das, was sie getan hat? Denn bis zuletzt hat sich Martina Müller an die Regeln der RAF gehalten - hat nie geredet, so dass auch zur Zeit ihrer Begnadigung nicht klar ist, wer alles an dem Mordanschlag, für den sie unter anderem verurteilt wurde, beteiligt war. Kann jemand, der noch immer an den alten Abmachungen einer Terrorgruppe festhält, Teil von Angelikas Familie werden? Kann Martina Müller ihre Enkelkinder kennenlernen?
In Rückblenden erfährt man wie Martina Müller zu dem wurde, was die Presse während des Prozesses als "Mörder-Monster" bezeichnete. Als Schülerin auf Klassenreise in Berlin gerät sie mehr oder weniger zufällig in die Proteste gegen den Besuch des Schahs, als junge Studentin lernt sie revolutionäre Studenten in München kennen, wird zur Sympathisantin linksradikaler Utopien und rutscht schließlich immer tiefer in die entsprechende Szene - bis hin zur Illegalität. Im Gefängnis unweigerlich permanent mit ihren Ansichten und Taten konfrontiert, ist die Figur Martina Müller sehr interessant und ich empfand nicht nur die Frage, wie es so weit kommen konnte, sehr spannend, sondern auch die drängendere Frage nach dem, was inzwischen aus ihr geworden ist. Kann sie sich von ihrer Vergangenheit lösen? Anfangs scheint dem nicht so - Martina Müller hat all die Jahre an ihren Einstellungen festgehalten, ja sich regelrecht festgebissen. War das Mittel zum Zweck oder ist sie wirklich unfähig, sich selbst zu reflektieren und ihre Taten kritisch zu betrachten?
Während sie durch ihre Begnadigung durchaus eine zweite - wenngleich auch keine lupenreine - Chance erhält, haben die Angehörigen ihrer Opfer diese Möglichkeit auf einen Neuanfang nicht. Ihr Leid ist nicht abschaltbar und die Fragen nach dem, was wirklich geschehen ist, verjähren nicht... Kann Martina diese andere Seite endlich auch verstehen und ihr bei der Aufarbeitung behilflich sein?

Die Autorin Tanja Kinkel hat sich einem sehr spannenden Thema der deutschen Geschichte gewidmet. Einer Zeit, in der aus einer studentischen Protestbewegung, die sich sehr kritisch mit der Vergangenheit der älteren Generationen auseinandergesetzt, sich unter anderem gegen Kapitalismus, Vietnamkrieg und spießbürgerliche Werte gewendet hat, eine Terrorgruppe entstanden ist.
Die historischen Fakten hat Tanja Kinkel nicht nur ausgezeichnet recherchiert, sondern auch gut in die Handlung einfließen lassen. Gerade wenn man sich schon etwas mehr mit dieser jüngeren deutschen Geschichte auseinandergesetzt hat, wird einem hin und wieder auffallen, dass nicht nur die realen Figuren dieses Buches wirklich gut getroffen sind, sondern auch die fiktiven Personen durchaus wahre Vorbilder haben. Dabei sind sie nicht nur schwarz oder weiß gezeichnet, sondern mit allen Facetten. So sehr man die 34 Morde der RAF und ihre Geiselnahmen, Sprengstoffattentate, Banküberfälle und sonstige Straftaten auch verurteilen muss, so falsch wäre es, die Ursachen für ihr Entstehen zu verkennen. Und genau diese Entwicklung kann man an der Politisierung und Radikalisierung der Hauptfigur Martina Müller gut nachvollziehen. Anfangs eine liebevolle junge Mutter, entfremdet sich Martina immer weiter von sich selbst - geht quasi als Individuum im - in ihren Augen - großen Ganzen auf. So opfert sie letzten Endes nicht nur ihr eigenes freies Leben, sondern auch ihre Verbindung zu und ihre Verantwortung für ihre kleine Tochter Angelika. Somit ist diese das erste Opfer der Entscheidung Martinas, zur Täterin zu werden und in den Untergrund zu gehen. Ist sie nun auch diejenige, die als erste Zugang zu ihrer Mutter findet? Ihr klar machen kann, was für Konsequenzen die damalige Entscheidung hatte - und zwar nicht nur für das Individuum Martina Müller, sondern für Angelika Müller, deren Großeltern und vor allem auch für die Opfer und deren Angehörige?

Die Autorin hat einen gelungenen, in meinen Augen wichtigen Roman geschrieben. Der Deutsche Herbst und seine Folgen sind ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte, mit dem man sich meiner Meinung nach beschäftigen sollte. Nach dem weitreichenden Schweigen der Tätergeneration des Dritten Reiches und der (Wieder-)Einsetzung von "alten Recken" in viele Bereichen der noch jungen Bundesrepublik, ist es folgerichtig, dass die nachfolgende Generation nicht einfach so weitermachen konnte und wollte. Was aber in keinster Weise den Terror der aus der Protestbewegung entstehenden RAF rechtfertigen kann und darf! Dass diese Entwicklung falsch und die Konsequenzen folgen mussten, ist für mich klar, aber auch hier kann man Entscheidungen der Bundesrepublik kritisch hinterfragen - beispielsweise die Isolationshaft, denen nicht wenige der RAF-Häftlinge ausgesetzt wurden. Der Entzug sozialer Kontakte und vor allem fast sämtlicher Sinnesreize kann durchaus als Folter verstanden werden - auch wenn die Folgen nicht zwangsläufig sichtbar sind. Solche fragwürdigen Methoden sind durchaus im Verdacht, die Sympathisantenszene der RAF vergrößert zu haben, und stehen einer demokratischen, rechtsstaatlichen Republik nicht unbedingt gut zu Gesicht.

Was ich damit sagen möchte? Die Autorin schafft es, über die bloße Geschichte ihres Romanes hinaus, das Thema RAF und Terrorismus zu beleuchten und damit eigene Überlegungen der Leserin bzw. des Lesers anzustossen. Für mich ist das definitiv das Tüpfelchen auf dem i, da für mich so etwas Bestandteil einer guten Lektüre ist: die Tatsache, dass der Stoff eines Buches einen weiter beschäftigt, das eigene Denken anregt und Interesse an mehr Informationen weckt. All das ist Tanja Kinkel ausgezeichnet geglückt!

Fazit: Ein sehr spannender Roman mit reichlich Hintergrundfakten, die interessant und perfekt recherchiert daherkommen. Eine glasklare Leseempfehlung für alle, die an jüngerer deutscher Geschichte interessiert sind!
« Letzte Änderung: 02. Januar 2016, 15:34:43 von dubh »
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

 

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