Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (ohne Spoiler)  (Gelesen 430 mal)

Offline dubh

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Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr nach der Leserunde schreiben wollt. Denkt bitte daran, dass Eure Rezensionen eine Art "Gegenleistung" für die Freiexemplare der Verlage sind. Es wäre deshalb schön, wenn sich hier möglichst Alle beteiligen - ebenso ist ein Fazit zur Leserunde (gerne auch eines der Autorin) immer interessant.

Bitte vermeidet Spoiler und komplette Zusammenfassungen des Inhalts in den Rezensionen, da diesen Thread vielleicht auch Leute lesen, die "Trümmerkind" nicht gelesen haben, es aber noch tun wollen!

Außerdem wäre es sicherlich für Mechtild als auch ihren Verlag Droemer, der uns freundlicherweise Freiexemplare spendiert hat, schön, wenn Ihr Eure Rezensionen nicht nur hier, sondern auch auf anderen Internetseiten, Blogs und so weiter einstellen mögt.
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline TochterAlice

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Ein schönes und doch kein schönes Buch - das ist "Trümmerkind" von Mechthild Borrmann. Schön ist es natürlich in der Hinsicht, als dass die Autorin eine grandiose Schriftstellerin ist, die anspruchsvoll, gleichzeitig packend, spannend und mitreißend von der ersten bis zur letzten Zeile zu erzählen vermag und dabei einmal mehr großartige Recherchearbeit geleistet hat. Unschön, doch umso wichtiger ist das Thema: diesmal ist es wieder ein historisches Setting, in das die Handlung eingebettet ist. Der Leser wird mit zwei Zeitebenen: den 1990er Jahren und der unmittelbaren Nachkriegszeit, also den Jahren 1945 bis 1947 und zwei, beziehungsweise vier Handlungsebenen konfrontiert: der um Familie Anquist/Meerbaum in der Uckermark und in Köln und der um Familie Dietz in Hamburg, jeweils auf beiden Zeitebenen.

Anna Meerbaum, Tochter von Clara Meerbaum, geborene Anquist, eine Nachfahrin von Gutsbesitzern in der Uckermark, die im Krieg alles verloren haben, stößt in den 1990er Jahren auf Informationen, die sie veranlassen, der Familiengeschichte nachzuspüren. Diese führt sie in die Uckermark, doch auch nach Hamburg zu Joost Dietz, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit als einsames, verlassenes "Trümmerkind" von der Familie Dietz angenommen und als einer der ihren aufgezogen wurde. Auf unerwartete Weise fließen die Erzählstränge zusammen.

Ich als großer Fan der Autorin habe alle ihre bisherigen Spannungsromane gelesen, um nicht zu sagen, verschlungen - am meisten gefiel mir bisher "Der Geiger", in dem es um den sowjetischen Gulag geht, doch dieses so traurige wie faszinierende Buch steht dem in Nichts nach. Obwohl ich mich in der deutschen Nachkriegszeit, einer aus meiner Sicht sehr interessanten Epoche, recht gut auskenne, wurden mir hier Eindrücke vermittelt, die nicht unbedingt neu waren, mich aber die Geschichte so plastisch und gleichzeitig so schmerzlich wie noch nie erleben ließen.

Und so traurig das Thema auch ist - Mechthild Borrmann schreibt stets mit einer ihr eigenen Zuversicht, auch mit einem gewissen Pragmatismus, der den Leser nach vorne schauen, ihn - mit gewissen Vorbehalten natürlich - optimistisch bleiben lässt. Obwohl es mir nach dieser Lektüre ganz ehrlich gesagt schwerfällt, noch an das Gute im Menschen zu glauben, trotz der starken und positiven Charaktere, die die Autorin auch in diesem Buch wieder agieren lässt - allerdings neben einigen andern, die ich nicht anders als teuflisch und von Grund auf Böse bezeichnen kann. Ein spannendes, aber auch kluges und wertvolles Buch, das ich von Herzen weiterempfehle!

Ich möchte mich an dieser Stelle von ganzem Herzen bei Mechthild und dem Leserunden-Team für die Durchführung dieser Leserunde bedanken - es war unglaublich toll: eindringlich, aufwühlend und vor allem bereichernd!

Offline Emmy

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Vielen  Dank  euch  allen für  die  interessante  Leserunde  :)

Hier  ist  mein Fazit:

Hamburg  1947 -   wir  können die   Trümmerlandschaften   vor  uns  sehen,  bizarr geformt  aus den  Bruchstücken  einer  zerstörten  Welt. Die  sprachlichen  Bilder  sind  sehr subtil und  eindringlich, ohne übertriebenes  Pathos, was  mir  sehr  gut  gefällt.

Die  Menschen in diesen  Jahren waren  existenziell  reduziert  aufs Überleben, es  zählte  nur  der  Augenblick, der  nächste  Tag, eine weitere   Mahlzeit,  ein  wenig  Wärme, um nicht  zu erfrieren.
Die  Suche  nach Verwertbarem in dieser  irrealen, morbiden Szenerie der  Verwüstung konnte über  Leben  oder  Tod  entscheiden.
Hanno, seine Mutter  Agnes und seine kleine Schwester haben  den   Krieg,  die Nazidiktatur   und  die apokalyptischen   Szenen  der  Bombennächte  überlebt -  aber  wie  geht  es  ihnen  wirklich, was sind  die  Folgen  für  die  Psyche, die Seele  und  welche  Gedanken verwehrt  man sich aus Furcht  vor einer weiteren Schockstarre,  die  alle  Gefühle neutralisiert?
Diesen  Fragen  nachzuspüren ist bewegend,  spannend und  ein Stück  Zeitgeschichte ,   das  nicht  oft  thematisiert  wird . Oft  reichen  nur  wenige  Sätze, um eine  Atmosphäre  spürbar  werden  zu lassen  und Bilder  in unsere  Phantasie  zu malen.

An einem  eisigen  Januartag  finden Hanno  und seine  Schwester  einen  kleinen einsamen Jungen in  der  Trümmerlandschaft, der  offensichtlich keine  Angehörigen  mehr  hat. Sie  nehmen  ihn mit zu  ihrer  Mutter in das  winzige  Zimmer,  das sie  sich  teilen.  Der  Kleine wirkt  verstört  und  spricht  nicht  über viele  Wochen. Agnes  nimmt  ihn an  als  ihr  drittes  Kind  und gibt  ihm  den  Namen Joost, aber  keiner  kennt  seine  Geschichte.
Dieser  und  viele  weitere  Lebenswege  werden über  drei  Zeitebenen erzählt, bis  sie  sich an einem  Punkt  der  Wahrheit  treffen, die  das  Schicksal  vieler  Menschen der  Nachkriegszeit betrifft  und den Überlebenden  endlich  Antworten  gibt auf Fragen  ihrer  Herkunft  und der  Vergangenheit  ihrer  Mütter  und  Väter.
Der  Roman beleuchtet  die Themenkomplexe  Schuld  und Verschweigen  von Verbrechen ebenso  wie alltäglichen  Heldenmut  und Loyaliät  im täglichen  Kampf  ums  Überleben  in Zeiten des Zusammenbruchs und neuer Hoffnung.

 :buchtipp:

« Letzte Änderung: 24. November 2016, 23:16:29 von Emmy »

Offline Canislibrum

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Auch ich möchte mich bedanken, dass ich bei der Leserunde mitmachen durfte. Anbei meine Rezension, welche seit heute auch auf unserem Blog veröffentlicht wurde:

In der vergangenen Woche hatte ich die große Ehre bei www.leserunden.de an einer Leserunde zu dem Buch Trümmerkind teilnehmen zu dürfen. Um es vorweg zu nehmen, ich habe schon viele Romane über den zweiten Weltkrieg bzw. über die Nachkriegszeit gelesen, doch noch keiner hat mich derart auf persönlicher Ebene berührt, wie der gegenständliche.

Die Autorin hat es mit nur wenigen Worte geschafft, mich als Leser in die damalige Zeit zu versetzen. Die Szenen die gleich zu Beginn beschrieben werden, sind derart bildlich vorstellbar, dass man als stummer Zeuge Hanno und seine Familie beim Überleben begleitet. Bilder von den zerbombten, ausgebrannten Häusern, Menschen die nur noch apathisch funktionieren, um den nächsten Tag irgendwie zu überleben. Ein Leben, dass von Hoffnungslosigkeit geprägt ist, kaum vorstellbar für unsere Generation. Das Buch ist in mehrere Handlungsstränge aufgeteilt, die sich am Ende des Buches perfekt zusammen ziehen. Hanno Dietz ist ein 14-jähriger Junge, der gemeinsam mit seiner Mutter Agnes und seiner Schwester Wiebke, die Nachkriegszeit in Hamburg durchlebt. Das Verbleiben des Vaters ist ungewiss, da er an der russischen Front vermisst wird. Bei seiner täglichen Suche in den Trümmerfeldern der Stadt nach verwertbarem Altmetall für den Schwarzhandel , entdeckt er eines Tages in einem Keller eine Tote und unmittelbar in der Nähe einen stummen 3-jährigen. Obwohl das tägliches Essen kaum für seine kleine Familie reicht, entschließt sich Hanno, den kleinen Jungen mitzunehmen, da von dessen Eltern keine Spur ist. Trotz aller Schwierigkeiten wird Joost, so wie er ab sofort genannt wird, in die kleine Familie mit aufgenommen und Agnes ist ihm eine bewundernswerte Mutter.

Der zweite Handlungsstrang spielt in Uckermark, eine historische Landschaft in Nordostdeutschland. Hier wird die Geschichte der Familie Anquist und deren Flucht im Jahr 1945 vor der russischen Besatzungsmacht erzählt.  Auch in diesem Handlungsstrang spielt eine starke Frau die Hauptrolle. Nachdem das Gut der Familie Anquist von den Russen enteignet wurde und das Familienoberhaupt Heinrich Anquist in die russische Gefangenschaft musste, übernahm Clara die Rolle des stellvertretenden Familienoberhaupts. Die Tochter von Heinrich übernimmt, trotz bestialischer Schikanen der Besatzer, die Verantwortung für ihre Familie und die verbliebenen Angestellten, ohne jemals die Hoffnung aufzugeben  .

Der letzte Handlungsstrang spielt hingegen im Jahr 1992. Anna Meerbaum ist geschieden und lebt in Köln. Ihr Exmann Thomas ist Anwalt und erzählt ihr über einen neuen Klienten, der auf die Rückgabe seines enteigneten Gutes in Uckermark klagt. Anna lernt daraufhin den Klienten und Architekten Joost Dietz kennen und die damalige Zeit wird mit einigen Überraschungen neu aufgearbeitet.

Da ich selber Großeltern hatte, die den Krieg überlebten, und meine Eltern ebenfalls Nachkriegskinder waren, hat mich die Geschichte extrem persönlich berührt. Mich hat der Kampf ums Überleben der damaligen Generation bewegt, trotz aller Hoffnungslosigkeit, haben es die Menschen geschafft nicht aufzugeben. Das Buch ist aus meiner Sicht derart authentisch geschrieben, dass egal, um welchen Handlungsstrang es sich handelte, ich mich als Leser in jede Situation hinein versetzen konnte. Ich möchte Mechtild Borrmann für dieses Buch danken, da es mir einen Einblick über das Leben meiner Eltern und Großeltern in der damaligen Zeit vermittelt hat.

Fazit

Ein bewegendes Buch, dass einen realistischen Einblick in das Leben und die damit verbundenen Qualen der Nachkriegszeit vermittelt.

Autor

Mechtild Borrmann, Jahrgang 1960, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Bevor sie sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war sie u.a. als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Mit „Wer das Schweigen bricht“ schrieb sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde und wochenlang auf der KrimiZeit-Bestenliste zu finden war. Für den „Geiger“ wurde Mechtild Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis „Grand Prix des Lectrices“ der Zeitschrift Elle ausgezeichnet. 2015 wurde sie mit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Mechtild Borrmann lebt als freie Schriftstellerin in Bielefeld.

Fluse

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Vielen Dank für die LR, Deine Zeit, liebe Mechtild. Hier nun meine Rezi, die ich auf folgenden Plattformen veröffentlichen werde:

https://www.amazon.de/Tr%C3%BCmmerkind-Roman-Mechtild-Borrmann/dp/3426281376/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1480701154&sr=1-1&keywords=tr%C3%BCmmerkind
http://wasliestdu.de/rezension/deutschland-in-den-nachkriegswirren-zwei-familien-ein-findelkind-und-der-lange-weg-der
und bei Lovelybooks


Deutschland in den Nachkriegswirren. Zwei Familien, ein Findelkind und der lange Weg der Wahrheit

Dies war mein erstes Buch der Autorin Mechtild Borrmann und es hat mich schon direkt auf den ersten Seiten gepackt. Ich war total gefangen von der Geschichte und der Erzählweise.  Es ist sehr bildgewaltig geschrieben und absolut realistisch. Die Bilder begleiten mich noch lange nach dem Beenden dieses Buches.

Wir lesen in drei zeitlichen Ebenen. Da haben wir Agnes und ihre Kinder, die in Zeiten des Kriegsendes in Hamburg mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Hanno ist inzwischen 15 Jahre alt, hat Arbeit gefunden. Die Näherei von Agnes ermöglicht es zudem, sich eines kleinen Jungen anzunehmen, den ihre Tochter in den Trümmern fand. Wie traurig das alles. Und wie schonungslos ehrlich Mechtild erzählt, von den Geschehnissen damals. Es haut einen total um, als sie beispielsweise eine Situation beschreibt, in der Hanno einer Frau hilft, einem toten Mann den Mantel abzunehmen. Gerade will man Agnes zurufen, dass man Angst hat, ihr Sohn könnte verrohen und schon befindet man sich in der nächsten tröstlichen Situation, nämlich, als man merkt, dass Hanno ja einfach nur helfen will und die Realität annimmt. Einfach grandios. Dieses Spiel, vielleicht auch unbewusst, mit den Gefühlen des Lesers.

Dann lernen wir im zweiten Erzählstrang die Familie Anquist in der Uckermark kennen. Sie leben auf einem Gutshof, den in der heutigen Zeit, der dritte Erzählstrang, Anna besucht. Anna ist die Tochter von Clara Anquist, Tochter auf dem Gutshof und Familienoberhaupt, da der Vater in den Wirren des Nachkriegsdeutschland verhaftet wird. Anna will mehr über ihre Familie und deren Geschichte wissen. Erste neue Erkenntnisse hat sie bereits gemacht. Mit Hilfe des Architekten Joost, der seinerseits versucht, in seinem eigenen Leben mehr Licht in die dunkle Vergangenheit zu bringen. Und welche Odyssee Anna bevorsteht müsst Ihr, liebe Leser, selbst herausfinden. Und dieses kann ich nur empfehlen und sagen

ich bin sehr froh, dieses Buch gelesen zu lesen.

Offline Mechtild

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@Tochter Alice, @ Emmy, @Canislibrum, @ Fluse: Gaaanz herzlichen Dank für eure wunderbaren Rezensionen. Es war spannend eure Lesestationen mitzuerleben, euren Kommentaren und Überlegungen zu verfolgen und ich freue mich, dass ihr das Buch gerne gelesen habt.  :winken:
Mechtild

Offline dubh

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Im Hungerwinter 1946/47 findet Hanno Dietz, der mit seiner Schwester Wiebke in der Trümmerlandschaft auf der Suche nach Brauchbarem ist, einen kleinen Jungen, der völlig alleine ist. Sie nehmen den Dreijährigen mit Nachhause und auch die Mutter ist schnell der Überzeugung, dass er bei ihnen bleibt. Ein sehr starkes Zeichen der Menschlichkeit - in Zeiten von Hunger, Kälte und großen Versorgungsnöten, in denen die Menschen versuchen, nicht allzu weit zu denken, sondern das Hier und Jetzt zu meistern...
Knapp 50 Jahre später ist Anna Meerbusch auf der Suche nach ihren Wurzeln - denn wenige Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es Hinweise, dass diese in der Uckermark auf einem ehemals schönen Gut liegen. Anna ahnt nicht, dass sie mit ihren Fragen ein altes Geheimnis zum Vorschein bringen könnte...
Der dritte Erzählstrang gehört Clara und ihrer Familie. Kurz nach Kriegsende muss sie das seit vielen Jahren in Familienbesitz befindliche Gut Anquist verlassen - und macht sich auf die Suche nach einer besseren Zukunft in Spanien.

Leider ist "Trümmerkind" ein relativ schmaler Roman, lediglich 304 Seiten umfassend. 304 Seiten ist gar nicht so wenig? Mag sein, aber dieser Roman liest sich so schnell, dass ich traurig war, als ich ihn zu Ende gelesen hatte. Die Autorin erzählt eine packende Geschichte und löst mit ihr einen alten, bis heute ungelösten Kriminalfall aus den Hamburger Nachkriegsjahren. Dabei hat Mechtild Borrmann einen beinahe nüchternen Erzählstil, der sich auf das Wesentliche beschränkt und dennoch so viel transportiert. Dazu gehören die Ängste und Nöte, die die Menschen zur damaligen Zeit beschäftigt haben, aber auch den Willen, dies zu schaffen und sich für die eigene Familie aufzuopfern. Die Autorin erzählt von Schuld und Unschuld, vom bloßen Kampf ums Überleben, von Menschlichkeit und großer Kälte für die Mitmenschen, von Emotionen, die Menschen zum Äußersten treiben, im Guten wie im Schlechten.

Die Einfühlsamkeit, mit der Mechtild Borrmann von diesen schwierigen Zeiten erzählt, ist bemerkenswert - ebenso wie ihre Figuren, die sie mit Fingerspitzengefühl gezeichnet und äußerst glaubhaft ausgestattet hat. Während der Lektüre habe ich mich nicht selten gefragt, wie viele Kinder wohl ähnliche Schicksale wie Joost Dietz erlebt haben. Aber nicht nur das Leben des Findelkindes, sondern auch das der Dietzens, die so gut es geht ihr Leben im Hamburg der Nachkriegszeit meistern und im weitesten Sinne auch zu den Opfern der Nazis zählen, kann stellvertretend für andere Familien gesehen werden... Gerade Agnes, die Mutter Hannos und Wiebkes, die nicht weiß, ob ihr Mann den Krieg überlebt hat und wenn ja, wo er nun steckt, ist für mich eine wirklich starke Frau und sehr realistisch gelungen.

Für mich ist "Trümmerkind" ein wichtiger Roman - nicht nur weil er sehr gut geschrieben ist. In erster Linie fängt er - atmosphärisch gekonnt - eine Zeit ein, die uns eine Lehre sein muss und uns mahnen sollte, es nie wieder auch nur annähernd so weit kommen zu lassen. Dieses Buch ist für mich ein Kleinod, das Menschlichkeit lehrt, die ohne Gegenforderungen auskommt, und sich zugleich mit Menschen beschäftigt, die für ihre Zukunft alles tun - manchmal sogar Grenzen überschreiten, die niemals überschritten werden sollten. Zu guter Letzt gibt "Trümmerkind" auch denjenigen eine Stimme, die viel sehen und erdulden mussten, und trotz der Umstände und der Last, die sie ihr Leben lag begleitet, dennoch stets gute Menschen waren und blieben.

Kurzum: Unbedingt lesen, es lohnt sich!

Volle Punktzahl.
*****

Auf folgenden Seiten habe ich meine Rezension eingestellt:
Literaturschock-Forum
Literaturschock-Hauptseite, 04.12.2016
Amazon
Goodreads
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(Theodor W. Adorno)

Offline Mechtild

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@dubh: Ganz herzlichen Dank für Rezension. Ich freue mich sehr :)

Online gagamaus

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Der 14-jährige Hanno, seine kleine Schwester Wiebke und die Mutter Agnes kämpfen im Nachkriegswinter 1947 in Hamburg gegen Hunger und Kälte. Die Mutter verdient ein wenig Geld durch Steine klopfen und Näharbeiten. Ihr Sohn sammelt Altmetall und macht alles was er finden kann zu Geld oder tauscht es auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel und Zigaretten. Die Zeiten sind hart, der Vater ist seit Jahren im Krieg an der russischen Front vermisst. Eines Tages findet Hanno in einer Kellerruine eine nackte Tote und zwischen den Trümmern liest Wiebke einen kleinen verängstigten Jungen auf, der kein Wort mehr spricht. Es wird aber Jahrzehnte dauern, bis ans Licht kommt, was in diesem harten Winter wirklich mit ihm und seiner ganzen Familie geschehen ist.

In drei zeitlich versetzten Handlungssträngen rollt die Autorin dramatische Geschehnisse auf, die in der Uckermark ihren Anfang nahmen und über Köln schließlich in Hamburg enden werden. Der Leser erlebt die Wochen nach dem Ende zweiten Weltkrieges, bangt mit einer Familie um Leib und Leben und Hab und Gut, als die russische Armee vorrückt und schließlich alle zur Flucht zwingt. Erzählt wird aber auch von den Nachkriegsjahren in Deutschland. Von Menschen, die scheinbar alles verloren haben, die an den erlittenen Kriegsgräuel leiden und doch nie den Lebensmut verlieren und sich zurück ins Leben kämpfen können. Es geht um ein großes Unrecht, welches die Lebenläufe vieler für immer verändern und beeinflussen wird. Und nicht zuletzt um die Suche nach der einzigen Wahrheit die in den Geheimnissen der Vergangenheit verborgen liegt. Und die Hoffnung, dass die richtigen Antworten die dunklen Dämonen der Seele vertreiben können.

Wieder mal hat mich ein Buch von Mechthild Borrmann von der ersten Seite an gefesselt. Die Beschreibungen der damaligen Verhältnisse aber auch der menschlichen Charaktere und Beziehungen sind so eindringlich wie realistisch und das Kopfkino läuft sofort auf Hochtouren. Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, dass die Autorin im Gegensatz zu manch anderem Schriftsteller mit wenigen Worten so eine Tiefe und Qualität erreichen kann, wie andere es nicht mit dicken Wälzern schaffen. Mechthild Borrmann ist einfach eine Klasse für sich. 

Es ist ein wirklich aufwühlendes Buch. Einige der Darsteller sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich bin froh, dass es für die meisten von ihnen ein versöhnliches Ende nimmt. Aber es gibt auch tragische und erschütternde Todesfälle und das Buch hat mir streckenweise wirklich die Kehle zugeschnürt und meine Gefühle durchgeschüttelt. Am Ende laufen die Fäden aus allen drei Strängen harmonisch zusammen und halten noch die ein oder andere Überraschung bereit.

Eines meiner Jahreshighlights und meiner Meinung nach, eines von Borrmanns besten Büchern - und ich finde wirklich alle hervorragend.

Auch die Leserunde war sehr intensiv und ich fand es mal wieder einen Genuss mit meinen lieben Mitleserinnen und mit Mechthild dieses Buch zu entdecken. Vielen Dank dafür.  :)

 :buchtipp:

literaturschock.de/literaturforum
literaturschock.de/literatur/belletristik
wasliestdu
lovelybooks
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« Letzte Änderung: 07. Dezember 2016, 21:28:51 von gagamaus »
:lesen:
Der Tanz unseres Lebens - Noa C. Walker

Offline dubh

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Hallo in die Runde,

vielen Dank Euch allen für den gelungenen Austausch! Mechtilds Buch ist in meinen Augen großartig, aber ich habe wieder einmal festgestellt, dass die Lektüre noch einen Tick mehr Spaß macht, wenn man gemeinsam spekuliert und seine Eindrücke schildert.

Toll ist auch, dass Ihr schon fast alle so zeitnah rezensiert habe - danke auch dafür! :winken: Wer es noch nicht gemacht hat, den würde ich gerne bitten, die Rezension auch auf der Literaturschock-Hauptseite einzustellen.
Hier findet Ihr den Bereich: http://literaturschock.de/literatur/belletristik/historische-romane/mechtild-borrmann-truemmerkind

Ein besonders herzliches Dankeschön geht an Dich, Mechtild! :-* Dafür, dass Du uns offen und aufmerksam begleitet hast! Ich hoffe sehr, dass wir uns auch mit Deinem nächsten Roman wieder hier lesen. Bis dahin wünsche ich Dir viel Spaß beim Schreiben, viel Erfolg mit Deinen Büchern weiterhin und natürlich auch sonst alles Gute!

Herzliche Grüße
Tabea
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Offline Mechtild

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@gagamaus: auch an dich einen ganz herzlichen Dank für deine Rezension.
Und an alle:
Mir hat es großen Spaß gemacht und ich habe wieder viel gelernt. Es ist eine Freude mit aufmerksamen Lesern das eigene Buch Stück für Stück zu betrachten. Ich bedanke mich bei euch allen und ganz besonders bei dubh, die die Runde wieder perfekt vorbereitet und begleitet hat.
Ich wünsche euch eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit und noch viele gute Bücher.  :)

Offline DunklesSchaf

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    • Die Dunklen Felle
Oh je, ich bin die letzte... es tut mir wirklich leid, meine Arbeitswoche hat mich überrumpelt. Ich hatte die Rezension zwar schon am Dienstag geschrieben, aber bin erst jetzt dazu gekommen, diese nochmal zu lesen. Aber jetzt ist sie fertig und eben auf meinem Blog online gegangen. Hier ist sie:

Bewegend: Trümmerkind - Mechtild Borrmann

Mechtild Borrmann. Fast ehrfürchtig wird ihr Name geflüstert, ihre Bücher haben die Tendenz heiß erwartet zu werden und schon vor Erscheinen Vorschusslorbeeren zu erhalten. Gekritelt wird höchstens auf hohem Niveau und  eines der wenigen Themen, bei denen man sich streiten mag, ist, ob ihre Romane wohl ins Krimigenre einzuordnen sind. Nun, das Genre ist weit gefasst und ich denke, wenn man einen Stempel aufdrücken möchte, dann den des Spannungsromans. Und wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich hierfür ein Faible habe. Nachdem ich vor einiger Zeit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ gelesen habe, hab ich mich nun sehr auf „Trümmerkind“ gefreut, einem Roman, der auf einer realen Mordserie fußt, den Hamburger Trümmermorden.

Hanno Dietz kämpft sich mit seiner Familie in Hamburg durch den Winter 1946/47. Die Lebensmittel sind knapp, nur wenige Häuser haben Strom, ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Hanno ist erst 14, doch gemeinsam mit seiner kleinen Schwester zieht er durch die Trümmerlandschaften, um Holz zu suchen, aber auch Dinge, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder in Lebensmittel tauschen kann. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er in einem Keller eine nackte, tote Frau  - und nicht weit davon entfernt, einen kleinen, verlassenen Jungen. Hannos Familie nimmt den Kleinen, der kein Wort spricht, auf, entgegen aller Widerstände, die tote Frau erwähnt Hanno mit keinem Wort. Erst Jahre später, als aus dem kleinen Jungen ein patenter Rechtsanwalt geworden ist, löst sich das Geheimnis seiner Kindheit auf und ein tragisches Verbrechen kommt ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang spielt zum Kriegsende und dreht sich um die Familie Anquist und ihr Gut. Die Familie ist zum Aufbruch bereit, doch leider schaffen sie es nicht mehr zu fliehen, bevor die Russen das Land besetzen. Der zweite Strang spielt  Mitte der 90er und erzählt von Anna Meerbaum, der Tochter von Clara Anquist. Ihre Mutter schweigt beharrlich über die Vergangenheit, doch dann bringt Annas Ex-Mann Neuigkeiten über Gut Anquist und Anna beginnt nachzuforschen,  auch wenn ihre Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, sie davon abzuhalten.

Doch der für mich überzeugendste Strang war der um Hanno und seine Familie. Es gelingt Frau Borrmann auf wundersame Weise, den Zeitgeist von damals einzufangen und zu den Lesern zu transportieren. Nicht nur in diesem Strang, doch dieser war derjenige, der mich am meisten bewegt hat. Ihr reichen hier wenige, wohl gesetzte Worte – der Roman hat keine 300 Seiten - damit bei mir sofort Bilder im Kopf aufgetaucht sind und es mich zusammen mit Hanno in der eiskalten Wohnung gefröstelt hat. Eine entbehrungsreiche Zeit, in der viele gestorben sind, verhungert oder erfroren, in der man einem Toten den Mantel abnimmt – einfach weil einem so kalt ist und der Tote ihn doch nicht mehr braucht. Verzweiflung und Elend, gemischt mit kleinen Hoffnungsschimmern, die von Hanno und seiner Familie ausstrahlen und zeigen, dass selbst in düsteren Zeiten aufgeben keine Option ist und man alles überwinden kann.

Doch auch wenn dieser Strang für mich herausragt, sind die beiden anderen nicht minder spannend. Und natürlich verflechten diese sich nach und nach und man erkennt, wie diese zusammen hängen könnten. Doch spannend bleibt es bis zum Schluss, denn auch wenn man einiges erraten kann oder auch nach und nach im Buch rausgefunden wird, die Autorin behält sich eine Komponente bis zum Schluss. Es ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, zu sehen, wie der Bogen von der NS-Zeit bis in die 90er Jahre von der Autorin gezogen wird. Immer herrscht eine leise Spannung und man ist am grübeln, nur um dann gleich danach wieder mit den Gedanken dort zu sein, mit den Charakteren, mit dem Geheimnis und den Sorgen. Und am Ende schließt man das Buch und ist erzürnt über diese unglaubliche Geschichte, diese Frechheit und Kaltblütigkeit, doch im gleichen Gedankengang erinnert man sich an das Mitgefühl, die Herzlichkeit und die Familienzusammengehörigkeit.
Dieser Roman bewegt.

Fazit:
Ein bewegender Spannungsroman, der die NS-Zeit mit den 90ern verbindet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt – eindringlich, spannend und ergreifend. Von Mechtild Borrmann muss man in seinem Leben einfach etwas gelesen haben!


Ich bedanke mich herzlich für das Leseexemplar und die tolle Leserunde - der Dank geht sowohl an meine Mitleserinnen und die Moderatorin, als auch an die Autorin. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht!

Die Rezension findet man auch hier:
Mein Blog: https://diedunklenfelle.wordpress.com/2016/12/09/bewegend-truemmerkind-mechtild-borrmann/
Literaturschock Forum: http://literaturschock.de/literaturforum/index.php/topic,43011.msg942451.html#msg942451
Literaturschock Hauptseite: http://literaturschock.de/literatur/belletristik/historische-romane/mechtild-borrmann-truemmerkind (als DunklesSchaf)
goodreads: https://www.goodreads.com/review/show/1818023783
lovelybooks: https://www.lovelybooks.de/autor/Mechtild-Borrmann/Tr%C3%BCmmerkind-1315547347-w/rezension/1401824423/
Grüßle,
Christina

Offline Haifisch

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Opus, nein, meine ist die letzte, oh weh!
Erst wollte ich etwas abstand, weil das Buch dich sehr bewegend war, dann hat mich der Vorweihnachtsstress erwischt!

Trümmerkind von Mechtild Borrmann
Das Buch berichtet in verschiedenen Erzählsträngen in der Gegenwart und aus der Zeit am Ende des zweiten Weltkriegs. Da ist Agnes Dietz, die ihre beiden Kinder Hanno und Wiebke alleine durch die schwierige Zeit nach Kriegsende bringt, in der so viele so gut wie gar nichts hatten und auch noch mit der Ungewissheit über den Verbleib ihrer Lieben leben müssen. Lebt ihr geliebter Mann noch? Sie kann das nicht mehr glauben, zu lange hat sie kein Lebenszeichen erhalten! So versuchen sie und auch Hanno selber den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Hanno sammelt - obwohl verboten - Dinge in zerbombten Häuser. Auf einer seiner Ausflüge findet er eine nackte Tote. Zugleich bringt seine Schwester einen noch kleineren Jungen an, der offenbar alleine ist. Agnes nimmt ihn auf, versorgt ihn trotz aller eigenen Not.
Dann gibt es die Geschichte der Familie Anquist, wohlhabende Gutsherren im Osten. Die Geschichte ihre Demontage und Vertreibung ist eindrücklich und wirklichkeitsnah geschildert, leider kann man sich gar zu gut vorstellen, dass sich das wirklich so abgespielt haben könnte!
Anna Meerbaum wiederum lebt in der Gegenwart, ihre Mütter ist eine Anquist, sie hat jahrelang im Ausland gelebt und sucht auch nicht die Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Als anna erfährt, dass der alte Familiensitz restauriert werden soll, macht sie sich auf den Weg in den Osten. Sie will verstehen, was passiert ist damals und was ihre Mütter zu dem gemacht hat, was sie ist.
Das Buch beschreibt eindrucksvoll und detailtief das Leben in einer ganz schwierigen Zeit, die alle Menschen zum Äusserstem gebracht hat, je nach Charakter im Guten wie im Bösen. Aber bei den Blsen ist die Unreflektiertheit, der komplette Mangel an Reue beeindruckend, zeigt er doch, wie tief manche Gehirnwäsche die Menschen prägt!

Ein eindrucksvolles, lesenswertes Buch, bei dem trotz aller Zeitgeschichte und Moral der Lesespass nicht leidet!

Offline Mechtild

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Auch an Haifisch und DunklesSchaf herzlichen Dank für eure Rezensionen.
Jetzt wünsche ich euch allen eine ruhige und besinnliche Weihnachtszeit und vor allem ein gesundes und zufriedenes neues Jahr!
Es war - wie immer - großártig mit euch
 :winken:
Mechtild

Fluse

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Dir liebe Mechtild auch von Herzen gesegnete, vor allem aber gesunde Weihnachten.

 

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