Autor Thema: Clemens Meyer: "Die stillen Trabanten"  (Gelesen 592 mal)

Offline ArchimPoldi1990

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Hallihallo!

Bei S. Fischer ist ja kürzlich Clemens Meyers neuer Erzählband, "Die stillen Trabanten", erschienen und ich wollte fragen, ob es nicht Interesse besteht, den Autor anzufragen, ob er nicht an einer Leserunde teilnimmt? Er würde sich darüber bestimmt freuen.

Über das Buch:
"Geschichten aus der Nacht. Clemens Meyer ist ein Meister der Kurzgeschichte.

Ein Lokführer, der die Nachtfahrten liebt, bis ein lachender Mann auf den Schienen steht. Ein Wachmann, der seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und sich in die Frau hinter dem Zaun verliebt. Ein Imbissbudenbesitzer, der am Hochhausfenster steht und auf die leuchtenden Trabanten der Nacht schaut. Souverän, rauschhaft und traumwandlerisch sicher erzählt Clemens Meyer von verlorenen Schlachten und überwältigenden Wünschen. Es sind Geschichten aus unserer Zeit, so zerrissen wie unser Leben, so düster wie die Welt, so schön wie die schönsten Hoffnungen." (Quelle: S. Fischer Verlag)

Über den Autor:

"Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle / Saale, lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman ›Als wir träumten‹, es folgten ›Die Nacht, die Lichter. Stories‹ (2008), ›Gewalten. Ein Tagebuch‹ (2010), der Roman ›Im Stein‹ (2013) sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen ›Der Untergang der Äkschn GmbH‹ (2016). Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. ›Im Stein‹ stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und für den Man Booker International Prize 2017 nominiert. ›Als wir träumten‹ wurde 2015 von Andreas Dresen für das Kino verfilmt und lief im Wettbewerb der Berlinale. Im Frühjahr 2017 sind die Erzählungen ›Die stillen Trabanten‹ erschienen." (Quelle: S. Fischer Verlag)
"Hier ist niemand tot, und hier ist auch niemand zornig, und hier wird schon noch geredet werden."
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Offline Exlibris

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Die Räume dieses Buchs würde ich sehr gerne durchschreiten. Ich könnte mir auch gut vorstellen meine Lesetätigkeit vor allem nachts auszuüben, das würde atmosphärisch vielleicht passen.

»Man muss behutsam und langsam durch diese Geschichten gehen, die Räume ausloten und ganz langsam schauen, Atem holen, dem Rhythmus folgen, die Personen berühren, schieben, sich in sie verlieben und sie wieder gehen lassen... Dann ist plötzlich Glas unter den Füßen, und man weiß, es muss auch was zerschlagen werden.« (Clemens Meyer)
http://www.meyer-clemens.de/site/clemens_meyer/home

Weiß jemand inwiefern es möglich ist, eine nächtliche Leserunde zu starten? Bin noch ganz neu und würde gerne mehr über den zeitlichen Ablauf einer Leserunde erfahren! Bin ich da, trotz gemeinsamen Lesezeitraums trotzdem unabhängig was meinen eigenen Leseprozess angeht? (Ich hoffe meine Frage ist hier nicht an der falschen Stelle)

@ArchimPoldi1990: Was reizt dich an dem Buch?

Alles Liebe
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Offline ArchimPoldi1990

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@Exlibris

Danke, für dein Interesse!
Was die zeitlichen Abläufe angeht, bin ich überfragt. Bin noch nicht so lange hier und hab noch keine Leserunde mitgemacht.
Den Erzählband hab ich tatsächlich weitestgehend während der ruhigen Phasen der Nachtschicht gelesen. Meyer koppelt ja gern Traumhaftes/Wahnhaftes mit Settings aus der Arbeitswelt. Mich reizt an ihm, dass ich seiner Sprache eigentlich absolut wenig abgewinnen kann, die Authentizitätsgenerierung langweilt mich, sein Pathos hat wenig Geniales und vieles ist vorhersehbar.
Trotzdem les ich ihn, und ich frag mich: Ist er doch so gut, wie alle sagen, nur nicht meinem Geschmack entsprechend? Oder schafft er es, dass ich mich mit eigentlich mittelmäßiger Literatur anfreunde?
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Offline Dani

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@exlibris
Schau doch mal hier, da ist der Ablauf unserer Leserunden beschrieben  :winken:
Grundsätzlich liest jeder, wann er kann und mag im angegebenen 2-Wochen-Zeitraum. Eine feste Uhrzeit gibt es da nicht.
Liebe Grüße
Dani

Offline ArchimPoldi1990

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@Dani

Ich bin auch noch nicht so lange hier, habe erst nach meinem Vorschlag gemerkt, dass es eigentlich üblich ist, dass Autorinnen und Autoren ihr Buch selber vorschlagen.
Ist es allgemein überhaupt erwünscht, dass Autorinnen und Autoren von leserunden.de angefragt werden, oder ist das Prozedere eher andersrum?

LG,
ArchimPoldi1990
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Offline Dani

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Wir fragen viele Autoren an und diese Rubrik hier ist genau dafür da, dass Autoren, aber auch Teilnehmer Bücher für Leserunden vorschlagen können - also alles richtig  :winken:

Für bisher 2 Interessenten schreiben wir aber noch keinen Autor an  ;)
Liebe Grüße
Dani

Offline Exlibris

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@Dani
Danke für den Hinweis auf die Informationen bzgl. des zeitlichen Ablaufs! Schön, dass ich dann meinem eigenen Rhythmus folgen kann bzw. könnte.

@ArchimPoldi1990
Wunderbar, dass du nachts gelesen hast. So würde ich auch vorgehen. Bei mir gibt es einen Waschsalon, der 24 Stunden geöffnet hat, da würde ich lesen. Ich finde die Verknüpfung zwischen Alltag und Fantasiewelt sehr inspirierend.
Was verstehst du denn unter mittelmäßiger Literatur? Ist es nicht sogar eine Stärke, wenn ein Autor das richtige Mittelmaß gefunden hat? Oder braucht es die Polarisierung?

Alles Liebe
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Offline ArchimPoldi1990

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@Exlibris

Ich war noch nie in einem Waschsalon. Aber das eignet sich für dein Vorhaben und ist bestimmt bequemer, als in einem Bahnhof oder so.
Hast du schon was von Meyer gelesen?

Ich komme gerade von Nachtschicht und das, was er in "Die stillen Trabanten" schreibt, ist genau das, was man empfindet, wenn man fünf Uhr morgens die Minuten bis zur Ablösung zählt, oder wenn man um die gleiche Uhrzeit in der Stammkneipe sitzt und wartet, dass man rausgeschmissen wird. Klar, man fühlt sich transzendental, aber man ist einfach zu fertig - überarbeitet oder betrunken, manchmal beides - um eine adäquate Sprache finden. Aber reicht das, also literarisch?
Bei ihm habe ich nicht nur den Eindruck, dass seine Texte unfertig sind und dadurch unförmig wirken. Das ist sicher allem voran Geschmackssache. Aber sein Realismus tappt einfach in die Authentizitätsfalle - und verliert damit quasi den Anspruch, Realismus zu sein. Keine Fallhöhen, nichts, was mir verrät, dass diese Arbeiterinnen und Arbeitssuchenden in seinen Texten auch nur einen Deut über den Horizont hinausreichen können, als ihnen sozial zugesagt ist. Am Ende - nach meist spröden Konfliktprozessen - dürfen sie träumen und wahnhaft sein, aber immer schön mit ihrem Wortrepertoire. Da war Will Faulkner (über den spricht Meyer u.a. in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen) mit "Als ich im Sterben lag" viel weiter: kein Proletfetisch, aber trotzdem hatten die LandarbeiterInnen ihre eigenen Sprachmuster, etwas, dass sie markierte.
Ich merke gerade, wie wenig ich gerade in der Lage bin, dass zu beschreiben, was ich über den Autoren denke. Ich bin müde, muss aber wach bleiben, weil gleich der Abzähler kommen soll. Aber er beschäftigt mich, dass ich muss ich ihm anrechnen. Der Autor, nicht der Abzähler, obwohl mich der auch beschäftigt, solange ich auf sein Klingeln warte.
WelcheR AutorIn beschäftigt dich, @Exlibris? Oder wartest du auch auf einE AbzählerIn?

LG,
ArchimPoldi1990
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@ArchimPoldi1990
Leider habe ich noch nichts von Meyer gelesen. Sind denn die Erzählungen in sich abgeschlossen oder gibt es da auch interpretierbare Zusammenhänge zwischen den Erzählungen? Waschsalons sind großartig! :D Dort lassen sich wunderbar die Zeichen des Zusammenlebens ablesen. Das ist wie beim Straßenverkehr. Aus Erfahrungen gespeist hängen im Salon (ermahnende) Zettel, Verbote und Gebote, die darauf hinweisen was bisher zum Beispiel alles schief gelaufen ist bzw. auf welche Ideen Menschen kommen. In meiner Vorstellung kamen nach und nach immer mehr Zettel dazu. Insbesondere wenn es sich um Alltagstätigkeiten handelt, hinterlässt das individuelle Spuren und durch die Ausübung im öffentlichen Raum werden diese Spuren sichtbar und es entwickelt sich eine Infrastruktur.
Nicht immer scheint die Sprache, die man verwendet adäquat. Einflüsse wie z.B. das soziale Umfeld oder Bücher, die man gelesen hat, konstituieren eine bestimmte Sprechweise. Und je nach Situation spreche ich auch anders. Erschöpfung durch die Arbeit oder auch emotionale Stresssituationen verändern das eigene Sprechen.
In der Literatur ist die Sprache dann vermutlich freier, ein Autor kann seine eigene Stimme finden. Ob die Sprache dann der Realität entspricht ist eine andere Frage. Sollte das denn der Anspruch einer Autorin/eines Autors sein? Kommt wohl auf die Autorin/den Autor an. So wie du das beschreibst, scheint Meyer eine sehr vereinheitlichende Sprache zu verwenden? Ich denke im Realen ist eine Sprechweise charakteristisch geprägt.
Der griechische Philosoph Platon übte sich zum Beispiel in der Praxis des Selbstgesprächs. Das ist auch ein Ansatz zu seiner eigenen Sprache zu finden.
Ich warte auf keine/n AbzählerIn. Vll könntest du erläutern welche Aufgaben einem Abzähler/einer Abzählerin zugeteilt sind?
Mich beschäftigen (u.a.!) : Goethe. Rainer Maria Rilke. Hans Fallada. Margaret Atwood. Jonathan Safran Foer. Roman Ehrlich. Mathias Enard. Dich?

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Offline ArchimPoldi1990

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Wieder einmal eine Nachtschicht. Auf dem Rückweg davon hat es nicht so stark geregnet wie auf dem Hinweg.
Es gibt eine klar abgesteckte Welt von Meyer, zwischen Prekariat und Kleinbürgertum, die alle im Raum Halle-Leipzig angesiedelt scheinen. Mit Ausnahme der Erzählung über den kommunistischen Schriftsteller Willi Bredel im sowjetischen Exil am Ende des Bandes. Die mit ihrer metaphysischen Drohkulisse nicht nur den klassischen Fehler macht, aus der UdSSR unter Stalin einen sinn- und verantwortungsfreien Höllentrichter zu machen. Er zeigt auch die Schwäche des Konzepts, jede Story gegen Ende zu sedieren. Wahnsinn ist oft genug real.
Hängen solche Schilder im Waschsalon alle auf, oder nur die Eigentümerinnen bzw. Eigentümer? Dort kann man sicher gut Schutz vor Regen finden. *grins*
Sprache sprechen und Sprache schreiben und Sprache literarisch schreiben sind unterschiedliche Dinge, da hast du Recht. Meyer schafft meiner Meinung nach nicht den Spagat zwischen pathetischem Anspruch und Wortschatz bzw. Flexibilität. Deswegen klingt alles wie im Block geschrieben, wie "Im Stein". Keine Ahnung, wie ich die 600 Seiten geschafft habe, im Vergleich zu seinen klassisch aufgebauten Storys war der Roman noch formalistischer - und ich gebe hiermit erstmals offen zu, dass ich dem Begriff Formalismus gern als Synonym für schlecht verwende.
Meiner Erfahrung nach ist ein Abzähler dazu da, einen zu bitten, ihm auch noch den Keller aufzuschließen und mit ihm zu rätseln, wo der Zähler für den Hausstrom ist. Ich kriege aber kein Hausmeistergehalt.
AutorInnen, die mich derzeit beschäftigen, sind: Peter Hacks vs. Heiner Müller (mein Favorit: Hacks, aber der Showhase Müller hat einen schnittigen Kampfstil) und Raymond Carver vs. Lucia Berlin (ganz klar: Berlin, Berlin, Berlin!!).

LG!
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 - Hermann Kant: Die Aula

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 :lesen: :lesen: :lesen: :lesen: :lesen:
Ich lese derzeit sehr viel (okay, vll nicht nur) und bitte um Entschuldigung für meine Abwesenheit.  :unschuldig:
Ich denke, vor dem Regen müssen wir uns zumindest heute nicht schützen (vll wenn wieder Gewitter angesagt sind, aber eigentlich lege ich auf Wetterprognosen nicht so viel Wert, besonders nicht im Radio, obwohl ich zugegeben ziemlich viel über das Wetter spreche, aber da bin ich ja nicht die Einzige, demnach in guter Gesellschaft, aber mich stören Wetteransagen, wenn sie sehr redundant auf mich einprasseln und ich das gar nicht hören will). Bei mir scheint die Sonne und im Dorf spielt sich ein Festival mit musikalischen Extravaganzen ab, gerade höre ich ein fetziges Gitarrensolo. Das motiviert mich zum Arbeiten, vielleicht versuche ich mir das aber auch nur einzureden. Auf jeden Fall muss ich mir keine eigene Playlist zusammenstellen. Applaus und pfeifende Menschen. Im Waschsalon kann man sich sehr gut vor dem Regen schützen. Die Schilder sind meistens von den Eigentümern aufgestellt. Aber es gibt auch einen Kaffeeautomaten, der (seitdem ich den Salon kenne) noch nie funktioniert hat. Da hängt ein Zettel mit der entsprechenden Bemängelung dieses Zustandes. Und es gibt auch einen Beschwerdekasten.
Würdest du sagen dieser pathetische Anspruch und die fehlende Flexibilität zeugen von einem Fehlen von Ironie oder Unersthaftigkeit? Oder fehlt etwas Widerständiges? Fehlt überhaupt etwas bzw. was würdest du dir wünschen (außer natürlich nach wie vor eine Leserunde zum Buch) wenn du etwas am Buch ändern oder hinzufügen könntest?
Achso dann ist ein Abzähler also dazu da, den Feierabend hinauszuzögern. Mach dich das nächste Mal unsichtbar, werde zum Stein, zum Geist, zum unsichtbaren Publikum. Formal ist Formalismus natürlich ein gutes Synonym zum Beschreiben eines nicht zufriedenstellenden litararischen Erlebnisses.
Grölen. Pfiffe (positive). Stille... ... ... Nächster Song. Vorhin haben die Leute sogar mitgesungen. Ich bleib hier sitzen. Ganz stur. Ist eigentlich ziemlich gemütlich.
Ein erfreuliches Wochenende Dir und
alles Liebe aus den Büchern 8) 8) 8) !
« Letzte Änderung: 26. Mai 2017, 21:49:17 von Exlibris »

 

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