Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler)  (Gelesen 2657 mal)

Aldawen

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Hier ist Platz für die Rezensionen und Meinungen (zur Leserunde allgemein), die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen – zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.

Offline dubh

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Hallo zusammen,

da es in der Runde sehr ruhig geworden ist, lege ich jetzt einfach mal mit meinem Fazit los:

1904 betritt eine Dame in einem weißen Abendkleid in Antwerpen einen Überseedampfer, der seine Passagiere in die Neue Welt bringen soll. Die Dame hat kein Gepäck, noch nicht einmal einen Mantel - und schon gar keine Fahrkarte.
Schon bald nachdem sie dem Kapitän diesen Umstand geschildert hat, wird sie zum Gespräch der Leute an Bord. Alle sind neugierig auf den sehr ungewöhnlichen blinden Passagier...
Dörthe Binkert erzählt eine Geschichte um einen Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit, die zwar fiktiv ist, aber die Atmosphäre und die Gegebenheiten von damals wunderbar schildert. Die Passagiere projizieren ihre eigenen Träume in die unbekannte Dame in Weiß, lernen ihre eigenen Sehnsüchte kennen und stellen meist auch fest, dass nur sie allein ihr Glück in den Händen halten und häufig auch etwas dafür getan werden muss.
"Weit übers Meer" ist eine wunderschöne Geschichte mir viel Gefühl, aber ohne Kitsch, und ein äußerst spannendes Gesellschaftsportrait der Zeit nach der vorletzten Jahrhundertwende und vor den Weltkriegen. Ebenfalls erwähnenswert finde ich das sprachliche Können der Autorin, das äußerst stimmig zum Erzählten ist.

Fazit: Mir hat dieses Buch zu Beginn des Jahres einige sehr schöne Lesestunden beschert - ein echter Lesegenuß!
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Ein dickes Dankeschön an dieser Stelle an alle Leserunden-Teilnehmerinnen - es hat wie immer viel Spaß gemacht, ein Buch mit Euch zu lesen und Eure Gedanken dazu zu erfahren. :-*
Und zu guter letzt natürlich auch ein herzliches DANKE! auch an Dörthe Binkert - für die Beantwortung aller Fragen und einige Details rund um das Buch. Ich bin schon jetzt auf Dein nächstes Buch gespannt! :winken:
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Papyrus

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Das Jahr 2009 begann sehr hochwertig, mit einer wunderbaren Geschichte.
Mit ruhigen Bildern, und doch unendlich spannend und frei von Kitsch, erzählt Dörthe den Lesern ihre Geschichte um einen Zeitungsartikel, welchen ein Freund von ihr 2004 als Nachdruck in der "Herald Tribune" gefunden hat.

Am 23. Juli 1904 begibt sich ein blinder Passagier an Bord eines Überseedampfers.
Eine Frau, nur mit einem weißen Abendkleid bekleidet, ohne Geld, Pass und andere Papiere, geht an Bord der "Kroonland".
Diese blinde Passagierin ist natürlich direkt Gesprächsstoff, weckt Ängste, Nöte, aber auch Gefühle in den anderen Mitreisenden.
Der Leser wird mitgenommen auf eine historische Reise, nicht nur nach Amerika, sondern ins Innere des Menschen und die damaligen gesellschaftlichen Normen.

Ein ganz dickes Dankeschön an diese sehr interessante Runde, und einen besondern Dank an Dörthe.
Auch ich freue mich schon auf Deinen nächsten Roman.

Für mich war "Weit übers Meer" ein absoluter 

 :buchtipp:

Lesende Grüße
Papyrus

Offline Murkxsi

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    • Kerkis Farbkleckse
Hier nun auch von mir ein kurzes Fazit:

Dieser wunderbar einfühlsam geschriebene Roman über die Liebe, die Frauen, den verschiedenen Schicksalen mit ihren Konsequenzen und über die Zeit der großen Übersee-Reisen ist ein Buch, dass man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann.

Die Geschichte der "weißen" Frau ist dabei in meinen Augen noch nicht einmal das Hauptthema, und doch berührt sie in irgendeiner Weise jeden Passagier und jeden Mitarbeiter auf diesem Schiff.  Die einzelnen Lebensgeschichten und damit verbundenen Gedanken der Menschen kann man durch die einfühlsame Schreibweise von Dörthe Binkert wunderbar nachvollziehen. Sie gibt Tag für Tag immer mehr von den Menschen Preis und man erlebt als Leser mit, wie sich die Menschen während dieser 9tägigen Fahrt verändern - und mit ihnen zum Teil auch ihr weiterer Lebensweg. Die Begegnungen untereinander, nicht nur mit der blinden Passagierin, verändern die Menschen an Bord und sie sind nicht mehr dieselben, die auf diesem Schiff eingescheckt haben.

Ein besonders Buch und auch von mir ein absoluter Lesetipp.

An dieser Stelle auch vielen Dank an Dörthe Binkert für die Leserundenbegleitung und an meine Mitleserinnen für den interessanten Austausch.

LG Murkxsi





Motto: Leben und leben lassen

Offline apassionata

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Hallo liebe Leseratten.

Es war ein sehr schönes Buch. Ruhig und in einer leisen Sprache wunderbar bildhaft beschrieben, dass man hätte glauben können selbst mit dabei gewesen zu sein, auf dieser Schiffsreise im Jahre 1904. Dabei ließ mich die Autorin vor allem in die Welt der Gedanken, Ängste und Hoffnungen vieler Passagiere eintauchen, die bei dieser Überfahrt von Antwerpen nach Amerika, mehr oder weniger, alle miteinander verbunden schienen. Verbunden durch den Anblick einer Frau, die als blinde Passagierin, es wagte einen mutigen Schritt zu tun. Doch war es wirklich Mut, der sie trieb?
Dörthe Binkert hat es hier wahrlich geschafft mich Menschen genauer betrachten zu lassen. Menschen, die glaubhaft entschlossen wirkten genauso, wie jene, die vielleicht ein Geheimnis mit sich trugen. Die Unterschiedlichkeit der Menschen, ihrer Schicksale und Vergangenheiten standen hier im Vordergrund und gaben diesem Roman seinen ganz besonderen Anstrich.
Lebendig und zugleich schön war dieses "Vakuum" der Schiffsüberquerung beschrieben, auf deren Passagiere die Autorin so gut einzugehen wusste.
Auch mir hat dieses Buch sehr schöne Lesestunden beschert und ich werde es gerne weiter empfehlen.

Nochmals gesteigert hat den Genuss, dass ich ihn hier in einer sehr netten Leserunde mit euch, liebe Mitleserinnen, aber auch und besonders mit Dörthe Binkert, der Autorin selbst, begehen durfte. Deshalb ein großes Dankeschön an alle und gerne wieder.

Liebe Grüssle
                     Marion  :winken:

"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline mohan

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Eigentlich habt ihr in den Fazits ja schon alles geschrieben.

Eine Frau begibt sich auf eine Reise, um irgendwo anzukommen. Äußeres Ziel ist Amerika, tatsächlich liegt der Ort jedoch in ihrem Inneren. Eine Neubestimmung, eine Selbstbestimmung.

Dörthe Binkert verwendet ein Schiff als Reagenzglas, führt darin eine Versuchsreihe durch, während der sie sukzessive inhaltliche und personelle Anreicherungen vornimmt. Es finden biochemische Reaktionen statt, an deren Ende die Hauptbeteiligten sich verändert haben. Ob diese Veränderungen und daraus teils hervorgegangenen neuen Verbindungen stabil sind, das wird die Zeit nach dem Romanschluss zeigen.

Weit übers Meer hat, vor allem durch seine inhaltliche und sprachliche Sensibilität, seine reizvollen Charaktere, seine feinen perspektivischen Verschiebungen und seinen Verzicht auf Banalitäten, mir eine Menge gegeben.

Mir hat zudem die Leserunde sehr gefallen. Sie war anspruchsvoll und man konnte trotzdem danebenliegen, alle Beteiligten waren sehr engagiert, die Atmosphäre stimmte. Dörthe Binkert danke ich für ihre engagierte Teilnahme.

Was soll ich noch schreiben? Ich klaue einfach den Schlusssatz von apassionata, in der Hoffnung, sie möge mich nicht abmahnen oder mit Copyright- und Urheberrechtsklagen überziehen (- eins der aktuellen Themen in literaturschock.de): „Deshalb ein großes Dankeschön an alle und gerne wieder.“

Liebe Grüße,
mohan

Postskript: Nun muss ich nur noch herausfinden, ob Weit übers Meer ein Frauenbuch ist.
« Letzte Änderung: 17. Januar 2009, 14:32:45 von mohan »

Offline apassionata

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  • die, die als Kind nie lesen konnte...
Ich klaue einfach den Schlusssatz von apassionata, in der Hoffnung, sie möge mich nicht abmahnen oder mit Copyright- und Urheberrechtsklagen überziehen (- eins der aktuellen Themen in literaturschock.de): „Deshalb ein großes Dankeschön an alle und gerne wieder.“

Tutti paletti.    ;)
Tolle Rezi übrigens, die ich so glatt hiermit nochmal unterstreichen möchte.
"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline Binkert

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Liebe Leserunde,

ich danke Euch allen, die Ihr gelesen habt, sehr für Eure Anmerkungen, Beobachtungen, Deutungen und schlussendlich Beurteilungen.
Eure Meinung ist für mich eine ganz wichtige Rückmeldung gewesen, denn meistens erfährt man ja von seinen Leserinnen und Lesern nicht viel.
Und nicht zuletzt habe ich mich natürlich sehr darüber gefreut, dass Euch das Buch gefallen hat! Was kann sich eine Autorin mehr wünschen!

Ein liebes Dankeschön an alle also und alles Gute - noch ist es ja Januar - für das Jahr, das gerade begonnen hat

Herzlich,
Dörthe Binkert

Aldawen

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Ziemlich spät nun auch noch mein Fazit, aber diesen Roman mußte ich erst noch ein wenig wirken lassen und zwischen dem gesteigerten beruflichen Chaos der letzten Woche mochte ich auch mein abschließendes Urteil nicht formulieren.

Zum Buch:
Weit übers Meer ist ein Buch der leisen Sprache und Zwischentöne, wer sich auf die Personenkonstellationen, ihr gesellschaftliches Umfeld und ihre Gedanken und Träume einläßt, wird mit einer faszinierenden Geschichte belohnt, in dem vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Behutsam eröffnet sich Valentinas Vergangenheit und damit jeweils auch ein Stückchen der Lebenswelten ihrer Mitreisenden. Ein Happy-End im klassischen Hollywoodsinn sollte man nicht erwarten, vieles bleibt offen, angedeutet, erlaubt, die Erzählung im eigenen Sinne fortzuspinnen. Für mein Empfinden überwog allerdings die Hoffnung, so daß ich mit diesem Ende sehr zufrieden war. Zum Jahresanfang war dies schon ein echtes Highlight, das schwer zu überbieten sein wird. Ich werde den Roman auf jeden Fall an geneigte Leser  weiterempfehlen.

Zur Leserunde:
Herzlichen Dank an alle Mitleser und natürlich auch an die Autorin Dörthe Binkert. Es war sehr interessant, mit Euch die verschiedenen Aspekte zu diskutieren, und wie immer war die kollektive Aufmerksamkeit und das Gedächtnis für Details sehr viel ausgeprägter, als es mein eigenes allein hätte sein können. Auch dadurch ergaben sich spannende neue Perspektiven und Spekulationsmöglichkeiten. Ich hoffe jedenfalls sehr, demnächst ein weiteres Buch dieses Kalibers von Dir, Dörthe, mit Euch, liebe Leserundenteilnehmer, hier diskutieren zu können  :winken:

Schönen Gruß,
Aldawen

 

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