Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler!)  (Gelesen 1486 mal)

Offline Miramis

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Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen - zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.

Offline Miramis

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Da sich hier schon seit einiger Zeit nichts mehr tut, möchte ich mein abschliessendes Fazit ziehen.

Leider war die Leserunde sehr langgezogen und wohl durch die Weihnachtsfeiertage etwas zäh, was bei diesem kleinen Teilnehmerkreis dann doch etwas zu Lasten der Diskussion ging. Mir hat es trotzdem sehr viel Spaß gemacht, mich mit euch auszutauschen und ich möchte mich ganz herzlich bei Hans Waal für seine Leserundenbegleitung bedanken- es war sehr schön, dass du dabei warst und ich hoffe, dir hat es auch ein bisschen gefallen bei uns.

Das Buch fand ich sehr gelungen und deswegen ist auch meine Rezension entsprechend positiv ausgefallen.

Meine Meinung:

Was für eine absurde Idee, vier Original-Nazis auf unser heutiges Deutschland loszulassen... ein wagemutiges Unterfangen, das sich der Autor da vorgenommen hat. Herausgekommen ist ein Roman, der brillant konstruiert ist, nachdenklich macht und dabei aufs Beste unterhält - eine gelungene Mischung.

Mit drei verschiedenen Ich-Perspektiven wird die Aufmerksamkeit des Lesers sehr gefordert, aber ich hatte sehr schnell herausgefunden, wer nun wer ist.

Zum einen bekommen wir die Perspektive des tagebuch- und briefeschreibenden Fritz erzählt, der den Großteil seines Lebens von der Außenwelt abgeschnitten verbracht hat und nun ein Deutschland der Gegenwart durch die Augen eines 20-Jährigen SS-Mannes betrachtet. Dieser Blick auf unser Land und unsere Gesellschaft hat mich sehr fasziniert - schliesslich ist Fritz der Meinung, wir befinden uns immer noch im 2. Weltkrieg und steuern unaufhaltsam auf den Endsieg zu. Wie er das, was er zu sehen bekommt, interpretiert und sich auf seine ganz eigene Weise seinen Reim darauf macht, das ist verwirrend, amüsant, zynisch, abstoßend und bewegend. Ich musste oft lauthals loslachen - aber manchmal blieb mir auch das Lachen im Hals stecken.

Was dieser Handlungsstrang auch mit sich brachte, war eine gewisse Sympathie für diesen SS-Mann, der da so naiv durch die Gegend stolpert, aber auch ein Hauch von einer Ahnung, wie es passieren konnte, dass den Menschen damals der Blick für die Wirklichkeit verwehrt blieb bzw. wie die Wahrheit verdrängt oder verwässert wurde. Mit geschicktem Einsatz von Elementen wie zum Beispiel der Wehrmachtsausstellung oder dem Holocaust-Denkmal lässt der Autor seinen Protagonisten ganz langsam das Ausmass der Katastrophe erkennen, was zu sehr nachdenklich machenden und bewegenden Szenen führt.

Außerdem haben wir noch weitere zwei Ich-Erzähler, nämlich den Jungjournalisten Benny und Evelyn, die Leiterin eines Neonazi-Sonderkommandos, die in einer dialogartigen Weise ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und durch deren Augen die SS-Männer einschliesslich Fritz ein ganz anderes Bild ergeben. Hier hat der Autor ganz geschickt die Rolle des Sensationsjournalismus und auch der Politik eingeflochten, und ich kann nur Beifall klatschen, wie raffiniert die Personen und Ereignisse am Ende zusammenpassen und verknüpft sind.

Sprachlich fand ich die Lektüre ebenso facettenreich wie die Figuren; der Autor hat für seinen jeweiligen Ich-Protagonisten den perfekt passenden Sprachstil benutzt. Ein Buch, das mich gleichzeitig so bewegt und auf eine skurille und zynische Art und Weise unterhält, hat in jedem Fall die Höchstbewertung verdient und ich wünsche dem Roman noch sehr viele Leser.

Viele liebe Grüße
Miramis

Offline Myriel

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Leider war die Leserunde sehr langgezogen und wohl durch die Weihnachtsfeiertage etwas zäh, was bei diesem kleinen Teilnehmerkreis dann doch etwas zu Lasten der Diskussion ging. Mir hat es trotzdem sehr viel Spaß gemacht, mich mit euch auszutauschen und ich möchte mich ganz herzlich bei Hans Waal für seine Leserundenbegleitung bedanken- es war sehr schön, dass du dabei warst und ich hoffe, dir hat es auch ein bisschen gefallen bei uns.

Hier kann ich mich (erstens leider und zweitens zum Glück) nur anschließen. Die Leserunde verlief recht zähflüssig und bei dem kleinen Teilnehmerkreis macht sich jeder Verlust bemerkbar. Dennoch sind einige schöne Diskussionen zu Stande gekommen, für die das Buch auch reichlich Anlass bot. Vielen Dank auch an Hans, dass er uns begleitet hat.  :)

Meine Rezi hat Hans schon auf meinem Blog entdeckt, doch für die Vollständigkeit kopiere ich sie hier noch rein:

Ende März 2004 passiert in einem unterirdischen Bunker in Brandenburg das Undenkbare: der letzte Büchsenöffner bricht ab! Damit bleibt Fritz, Josef, Otto und Konrad nur ein die Möglichkeit, ihren Bunker, die Heimat der letzten 60 Jahre, zu verlassen und sich zur Reichshauptstadt Berlin durchzuschlagen, um neue Befehle zu empfangen. Doch während ihres Exils unter der Erde hat sich einiges verändert und in unserer modernen Welt fallen die vier Fossilien auf. Neben der Polizei und den Medien werden sie auch von Neonazis verfolgt, die in ihnen ihre Vorbilder sehen. Doch sind die vier Senioren, die als junge Menschen den Bunker betraten und dort beinah ihr gesamtes Leben zubrachten, wirklich die Monster, die alle in den Nazis sehen?

Aus drei verschiedenen Blickwinkeln verfolgt der Leser die rasante Handlung, die sich an nur 6 Tagen abspielt: zum einen wäre da Benny, der Assistent eines Kameramannes, dann Evelyn, die zur Leiterin einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des Rechtsextremismus befördert wurde, und schließlich Fritz, der jüngste der vier Nazi-Relikte. Während Bennys und Evelyns Passagen Einblicke in die politischen Ränkespiele eröffnen, die durch das Auftauchen der Bunkerbewohner in Gang gesetzt werden, bieten Fritz Tagebucheinträge dem Leser einen vollkommen anderen Blickwinkel auf unsere moderne Welt, in der Gesichtspiercings schon mal als Granatsplitter interpretiert werden und sich die Frage stellt, wie schlecht es unserem Gesundheitswesen geht, wenn so etwas nicht behandelt wird. Gelungen schafft der Autor an diesen Stellen die Gratwanderung, dass man sowohl über die Schilderungen lachen kann, aber einem das Lachen bald darauf in der Kehle stecken bleibt, ohne gleichzeitig von der Moralkeule erschlagen zu werden.

Etwas verwirrend hingegen waren zu Beginn die Perspektivwechsel. Während Fritz Passagen als Tagebucheinträge eindeutig zu erkennen waren, sind sowohl Bennys als auch Evelyns Abschnitte, in denen beide als Ich-Erzähler auftreten, schwer auseinander zu halten. Dies gab sich jedoch im Laufe des Buches und am Ende ergibt sich auch, wodurch dieser eigenwillige Stil bedingt war. Ein Vorteil der drei Ich-Erzähler ist, dass man sehr gut ihre jeweiligen Gedanken und Gefühle nachvollziehen konnte, die sich streckenweise deutlich von der jeweiligen Handlungsweise unterschieden. Durch diese inneren Zwiespälte gewinnen die Hauptpersonen an Tiefe und nachdem man den Handlungsrahmen erfasst hat, fiebert man mit ihnen mit.

Insgesamt gesehen hat es der Autor mit diesem Buch geschafft, einerseits einen spannenden Roman vorzulegen, aber andererseits auch den Leser zum Nachdenken zu bringen, wobei die üblicherweise mit dem Thema Drittes Reich zusammenhängenden Moralpredigten vermieden werden. Statt dessen sorgen leisere Töne dafür, dass man von selbst ins Grübeln gerät.

LG Myriel

 

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