Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen etc. (ohne Spoiler!)  (Gelesen 1566 mal)

Offline Miramis

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Hier könnt ihr am Ende der Leserunde euer Fazit hinsichtlich der Leserunde und des Buches ziehen, Rezensionen posten und ähnliches. Bitte denkt daran, hier spoilerfrei zu schreiben, für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben. Interessant ist auch immer ein Fazit des Autors, darüber würden wir uns sehr freuen.

Offline dubh

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Hallo zusammen,

nachdem ich offenkundig die letzte Leserin war, die die Ziellinie erreicht hat, muss ich paradoxerweise auch gleich mein Fazit abgeben, ehrlich gesagt, damit ich die Leserunde abhaken kann.

Zum Buch:

Als ich die Ankündigung des Aufbau Verlags zu diesem im März neu erschienenen Buch von Maximilian Steinbeis gelesen habe, dachte ich sofort, dass "Pascolini" etwas für mich sein könnte: es klang einfach gut nach skurrilem Heimatroman aus der bayerischen Provinz, nach einer ausgeklügelten Räuberpistole mit reichlich Sprachwitz.
Was mir dann blühte, war das glatte Gegenteil: die Grundidee weiterhin interessant, entpuppte sich mir ein reichlich verworrenes und vor allen Dingen sprunghaftes Werk, bei dem keinerlei roter Faden erkennbar war. Anfangs schob ich das nur auf die regionalen Bezüge, darauf, dass ich mit bayerischen Namensabkürzungen wie Hiasl und Begrifflichkeiten wie Lederkotze einfach nichts anfangen konnte, aber es wurde von Seite zu Seite schwieriger. Personen wurden eingeführt, teilweise pro Seite eine, die mit dem weiteren Verlauf der Geschichte überhaupt nichts zu schaffen hatten - Personen, die allerdings wichtig waren (und blieben) wie der titelgebende Matthias Pascolini, blieben seltsam unfertig und farblos. Hinzu kam, dass mir keine vernünftige Zeitangabe über den Weg lief - so wurde aus dem Buab Hias gefühlt auf der nächsten Seite der Chef einer Schmugglerbande, ohne ein Anzeichen auf die Zeit, die beim Umblättern vergangen sein muss. Mit solchen Verwirrspielen und unwichtigen Details, bei denen man zwischenzeitlich gewillt ist, sie nach Polizeiarbeitsmethode an ein großes Board zu pinnen, kann ich nichts anfangen - es ist mir einfach zu mühsam, wenn es mir so vorkommt, als hätte ich als Leserin so viel Spielraum in der Geschichte, dass ich mir das Ganze irgendwie "erarbeiten" müsste, ja alles selbst einorden zu können.
Wenn ich jetzt die Rezension der FAZ zu diesem Buch noch einmal überfliege, dann komme ich mir reichlich bescheuert vor - offensichtlich bin ich zu ungebildet für "Pascolini", einen Roman, den der Rezensent irgendwo zwischen Arnold Stadler und Thomas Mann einordet, mit nonchalantem Tonfall und kunstfertigem Stil, ohne künstlich zu sein. Sei's drum - ich bin mir inzwischen fast sicher, dass ich ein anderes Buch in Händen hatte, denn herzig-kernige Figuren konnte ich beim besten Willen keine einzige erkennen und als grotesk empfand ich allenfalls die Zeit, die ich mit diesem Buch verbracht habe.


Zur Leserunde:

Es war eine kleine, feine Leserunde, die leider angesichts der nicht einfachen Lektüre ziemlich auseinandergerissen wurde. Für mein "Trödeln" möchte ich mich bei Euch entschuldigen - aber das Buch hat es mir wirklich nicht einfach gemacht!
Bei Herrn Steinbeis würde ich mich gerne bedanken, aber irgendwie habe ich das Gefühl, er hat das Weite gesucht - hoffentlich nicht, weil wir ihm zu sehr zugesetzt haben. ;) Ich hätte mir an manchen Stellen ein paar erhellende Worte gewünscht, aber nun gut, sei' s drum. Ich kann nur sagen, dass die Geschmäcker bekanntermaßen sehr verschieden sind und ich hoffe, dass "Pascolini" die LeserInnen erreicht, die damit mehr anzufangen wissen als ich.


Liebe Grüße
dubh
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Elfe

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Hallo Dubh,

danke für deine klaren Worte. Ich kann mich deiner Meinung nur anschließen.
Allerdings hatte ich nicht so viel Geduld, wie die anderen Mitleserinnen. Ich habe 3 Leseabschnitte gelesen, habe mich aber vor einem mühevollen Posting zu diesem letzten Abschnitt, von der Leserunde abgemeldet.

Ich habe keinen roten Faden gefunden und ich fand ebenfalls, dass das der Inhalt sehr verwirrend aufgebaut ist. Ein inhaltlich zusammenhangvolles und logisches Lesen war für mich nicht möglich. Da ich zum Vergnügen lese und keine Doktorarbeit über ein Buch verfasssen muss, also nicht akribisch und mühsam versuchen muss, Zusammenhänge zu erfassen,  ist dieses Buch auch für mich nicht geeignet gewesen. Die Lust auf Weiterlesen stellte sich nun überhaupt nicht ein und ich fand das Lesen antrengend bis unbefriedigend.

Die  erwähnte Rezension in den von dir genannten Zeitschrift kann ich deshalb ebenfalls nicht nachvollziehen. Aufgrund meiner Ausbildung halte ich mich allerdings nicht für "bescheuert" ( und du, dubh, bist es mit Sicherheit auch nicht ;) ), es liegt eindeutig am Buch.  Wenn ich bei Vernissagen manchmal Kunsthistoriker das Werk eines Künstlers interpretieren höre, dann wundere ich mich auch, mit welch sprachlicher Eloquenz da Höhenflüge betrieben werden, um das Werk zu loben.
Wenn man nicht zur Gattung Autor, Journalist gehört, scheint es wohl ähnlich zu sein.  Nur unter diesem Aspekt  könnte ich die so  positive Rezension verstehen. Vielleicht hätten wir  das Buch besser verstanden, wenn wir in diesem Metier , also in literaturkritischer Hinsicht, mehr verankert wären.
Aber wir sind eben keine Reich-Ranickis, sondern normale Leser.

Und dass sich der Autor auch sehr rar gemacht hat, fand ich einfach schade.
« Letzte Änderung: 06. April 2010, 00:34:51 von Elfe »
Grüßchen
Elfe

Offline apassionata

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  • die, die als Kind nie lesen konnte...
Hallo liebe Leserunde,

dann will ich auch mal versuchen, meine Eindrücke in Worte zu fassen.

Mir war von Anfang an klar, dass Pascolini von Maximilian Steinbeis nicht in mein übliches Beuteschema passt. Umso mehr war ich dann aber auch gespannt, interessiert und aufgeschlossen für etwas Neues, Frisches. Eben für jenes, als was dieses Buch  zuvor auch angepriesen wurde: Eine Satire mit Regionalkolorit sollte es sein. Doch was ich dann zu lesen bekam hat mich einfach nur irritiert.

Von Sätzen, welche zunächst eine erhöhte Kunstfertigkeit mit nonchalanter Beiläufigkeit suggestierten, wurde ich durch eine doch recht abstruse Geschichte getragen, deren vielfältige Handlungs-Ausflüge auch in kleinste Seitengassen für mich nicht immer einen Sinn ergaben, sondern viel eher Verwirrung stifteten. So wurde ich mit Details über Personen überschüttet, die im späteren Verlauf überhaupt keine Rolle mehr spielten, während hier und da wie aus einem Versehen heraus Menschen um ihr Leben kamen, ohne auch nur weiter darauf einzugehen. Recht kaltblütig und zerhackt kam die Geschichte dann auch bei mir herüber. Verschachtelungssätze oder Seitenstränge in Geschichten mag ich sonst eigentlich ganz gerne. Aber hier empfand ich alles irgendwie zu künstlich überzogen und abgehakt, was meinen Lesefluss enorm behinderte. Kaum fing etwas an, sah man sich in einer anderen Szenerie wieder. Dadurch hatte ich bei jedem Wiedereinstieg in die Lektüre größte Schwierigkeiten überhaupt den Faden wieder zu finden. Wobei die unzähligen Haken, welche die Geschichte schlug ihr übriges taten um meine Verwirrung zu vergrößern. Auch konnte ich nicht wirklich ein Gefühl für die einzelnen Figuren entwickeln. Meist nur ganz kurz angestreift, verließ man diese, kaum dass sich ein halbwegs klares Bild einstellen wollte. Oder sie taten plötzlich etwas dermaßen überraschendes, dass ich hier zumindest eine kleine Hintergrundbegründung erwartet hätte. So hatte ich nicht nur Schwierigkeiten mit den einzelnen Charakterzügen sondern vor allem auch mit der Altersbestimmung gerade bei den Protagonisten. Diese sind während des Lesens irgendwie nicht erwachsen geworden, standen aber auf der nächsten Seite als Chefschmuggler mit scharfen Waffen da. Auch wurde während der gesamten Geschichte immer wieder auf ein literarisches Werk hingewiesen, welches letztendlich keinerlei Bedeutung zu haben schien und auch sonst wohl nie existiert hat.

Kurz: Die einzelnen Handlungsfädchen schienen mir mehr und mehr wie zufällig auf eine weiße, leere Fläche projiziert. Also stellte ich mich auf eine Art Kollage ein, was für mich durchaus auch in Ordnung gewesen wäre. Doch irgendwie konnte ich keine rechte Struktur, keinen eigentlichen Sinn, keine wirkliche Richtung erkennen. Also nahm ich all diese angefangenen, für mich losen Elemente, zusammen mit den Vorabinformationen aus dem Klapptext und hoffte auf einen erleuchtenden Schluss, den es auch nicht gab, da die Geschichte einfach nur auslief… Schade eigentlich, denn die Idee hinter dem Buch war bestimmt nicht schlecht.

Es ist mir natürlich klar, dass es verschiedene Geschmäcker gibt. Dieses Buch jedenfalls war nicht mein Geschmack, auch wenn ich mich noch so offen und unvoreingenommen darum bemüht habe, es zu verstehen.
Hier hätte mir aber vielleicht auch der Autor mit ein paar Antworten auf die Sprünge helfen können.  :)

Zur Leserunde:
Ein Buch zu lesen sollte doch immer auch eine Freude sein. Eine Freude, welche man sich hier in den Leserunden einfach teilen oder auch einmal erarbeiten darf.
Ich meinerseits bin sehr froh, dass ihr letztendlich doch noch alle mit durchgehalten habt. Denn ich hatte ja bereits an mir gezweifelt. Alleine hätte ich diese Lektüre sicher nie beendet.
Dafür ein ganz dickes Dankeschön an meine Mitleserinnen.  :-*
Schade hingegen finde ich es, dass sich der Autor selbst dann doch etwas rar gemacht hat. Sicher hätte er uns noch so manches Licht ins Dunkel bringen können. Immerhin lerne ich stets gerne auch mit dazu und wer weiß, vielleicht
Hätten wir ja dann auch gemeinsam mit ihm dann doch noch einen erhellenden, roten Faden gefunden.


Liebe Grüssle
               Marion  :)
"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline Miramis

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Ich denke, die Leserunde kann man als beendet betrachten und daher wird es auch für mein Fazit Zeit.

Zum Buch:

Selten habe ich mich mit einem Buch so schwer getan wie mit "Pascolini". An sich ist die Idee ja nicht schlecht, einen bayerischen Volkshelden zu erfinden und durch ihn und seine Taten einen verschwörerischen Blick auf die bayerischen Befindlichkeiten zu richten, sogar ein paar schwarzhumorige Bosheiten über das rustikale Volk aus dem Süden loszuwerden.

Leider ist bei der Umsetzung ein Roman herausgekommen, der mir das Lesen dann doch sehr verleidet hat. Einen roten Handlungsfaden, der sich durch das Buch zieht, habe ich gänzlich vermisst. Stattdessen wurde ich mit einem verwirrenden und unüberschaubaren Aufgebot an Figuren, Zeitsprüngen und Themen konfrontiert, die für mich kaum zusammenpassten.

Den Rahmen für die Handlung bildet die Geschichte der Ich-Erzählerin Camilla Friedmann; ob in manchen Abschnitten auch noch ein zweiter, neutraler Erzähler mit im Spiel war, bliebt für mich bis zum Ende offen. Camilla Friedmann erzählt ihre eigene Geschichte und die des Pascolini, widerlegt dabei das fiktive Werk eines gewissen Freiherrn von Ergoldsbach, der die offizielle Biographie des Volkshelden Pascolini verfasste - natürlich ganz anders als es in Wirklichkeit war. Schon diese Konstellation bringt doch einige Komplikationen beim Lesen und auch Längen mit ins Spiel.

Die Hauptfigure Pascolini oder der "Hias" selbst wird am Anfang etwas näher beleuchtet, verliert sich aber zusehends in verwirrenden Zeitsprüngen und oberflächlichen Schilderungen seiner neuesten Schandtaten. Gerade hier hätte die Handlung für mich durchaus etwas tiefer gehen dürfen, denn schliesslich sollte es genau um diese Figur gehen. Ein interessanter Aspekt war für mich, dass Pascolini gar nicht so sehr als tragischer und verkannter Volkshled im Sinne eines Robin Hood oder eines Andreas Hofer angelegt ist, sondern als echt kriminelles und unmoralisches Subjekt, das sich meiner Antipathie von der ersten Seite an sicher sein durfte.

Leider verliert sich seine Spur in zahlreichen Nebenkriegsschauplätzen, zum Beispiel in politischen Ränkespielen der aufstrebenden Politikergeneration, dann wieder den pubertären Entwicklungsstadien der Camilla Friedmann, dem mysteriösen Abgeleiten eines gestandenes Polizisten in die Unterwelt, und , ja, ab und zu fand auch Pascolini ganz nebenbei wieder mal Erwähnung. Dazwischen macht uns der Autor mit bayerischen Bräuchen und Gepflogenheiten vertraut, beleuchtet das Phänomen des Föhn ebenso wie den Unterschied zwischen Bayern und Tirolern und lässt uns die Kluft zwischen Katholiken und Protestanten erahnen. Mit einem Wort, ein Riesen-"Durchanand".

Dazu kommt noch, dass in dieser Geschichte oft sehr beiläufig und lakonisch erzählt Menschen sterben, wie wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre - damit bin ich nun überhaupt nicht gut zurechtgekommen. Hier hat sich dann doch recht schnell das Gefühl der Oberflächlichkeit bei mir eingestellt und nicht mehr verlassen; das betrifft sowohl die Figurenzeichnung als auch die irgendwie sinnlos erscheinende Anordnung der Handlungsfäden, die allesamt im Sande verlaufen, ohne einen Nachhall bei mir auszulösen.

Mein Lesefluss wurde durch diese Erzählweise empfindlich gestört, weniger durch den geschliffenen und ausgefeilten Sprachstil, der mir an sich gut gefallen hätte. Aber irgendwie konnte ich mich angesichts der geschilderten Leseprobleme auch nicht so recht am Sprachstil freuen.

Nun, das Buch wurde von der Kritik hoch gelobt und sogar mit Thomas Mann verglichen - also muss doch irgendjemand aus der Welt der Literaturkritik ein Qualitätsmerkmal für sich entdeckt haben. Ich als ganz gewöhliche Leserin und doch mit einem gewissen Maß an Experimentierlust ausgestattet, habe leider aus dieser Lektüre keinen Gewinn für mich ziehen können.

Zur Leserunde:

Leider lief diese Leserunde nicht ganz so, wie wir das erwartet hatten. Ob es daran liegt, dass wir das falsche Zielpublikum für das Buch waren oder ob es andere Gründe dafür gab, jedenfalls liest es sich schwer, wenn der Inhalt nicht gefällt. Daher zog sich unser kleines Ründchen auch ziemlich auseinander; auch ich muss zugeben, dass ich das Buch ganz gerne ein paar Tage liegen liess... Dass Herr Steinbeis nach dem ersten Abschnitt ausgestiegen ist, finde ich sehr schade; vielleicht hätte er uns auf die Sprünge helfen können und Pascolini wäre in einem anderen Licht dagestanden. Aber es ist nicht ganz einfach, so viel Kritik anzunehmen, wie hier kam.

Trotzdem möchte ich mich bei Herrn Steinbeis ganz herzlich für seine Beiträge bedanken und hoffe, er trägt uns unsere Ehrlichkeit nicht nach. Vielleicht profitiert er ja auch von der Stimme seiner Leser und kann beim nächsten Buch einiges anders machen.

Euch Teilnehmerinnen ein herzliches Dankeschön für euer Durchhaltevermögen und die sachliche Formulierung eurer Beiträge. :-*

Viele liebe Grüße
Miramis

Offline Suse

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    • Literaturschock
Hallo ihr Lieben,

auch ein großes Lob von meiner Seite. Es ist immer schwer, eine Leserunde zu meistern, wenn einem das Buch nicht so gut gefällt. Sehr wichtig ist für Leserunden.de, dass jegliche Kritik fair vorgetragen wird. Das habt ihr wirklich geschafft und dafür möchte ich euch herzlich danken.

Auch unser Verlagskontakt liest hier mit und in der Mailkorrespondenz wird eure Kritik als "wirklich sehr höflich und konstruktiv formuliert" bezeichnet.  :)

Liebe Grüße
nimue
*** Bitte keine PNs ***

 

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