Autor Thema: 02: Seite 61 bis Seite 103 (Ende erster Akt)  (Gelesen 2452 mal)

Offline Annabas

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Hier könnt Ihr von Seite 61 bis Seite 103 schreiben.

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:lesen:   "Wenn du einen Garten und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen." Marcus Tullius Cicero

Originaldibbler

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Bisher hat der Autor die anstehenden theologischen Klippen virtuos umschifft und die Gegenfragen aus der Wissenschaft mit genauso großem Geschick abgeschmettert.

Das ist hier noch zutreffender als im ersten Leseabschnitt. Da stellt Kohlbach eine der ganz großen theologischen Fragen (Vorherbestimmung oder freier Wille) und bekommt eine furchtbar ausweichende Antwort: beides gleichzeitig aber das könne der Mensch halt nicht verstehen, dass wäre wie mit der Zeit und den Dimensionen.

Dann gab es noch das Thema Verehrung des Mammons (Geldes). Aber auch hier nichts Neues...

Allerdings ist es interessant, was der Mann am Rednerpult alles über die Anwesenden weiß. Wahrscheinlich soll er wirklich der Teufel sein.

Offline Fatschbumdidelzong

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Ich möchte mein Feedback zu diesem Teil zweiteilen,

der erste Teil führt das Thema Willensfreiheit andhand der Auslegung der Bücher Hiob und Jona fort. Hier findet das Stück seinen dramturgischen Tiefpunkt und wird zur Religionsstunde. Kann man den Hiob-Teil noch verstehen, ohne das Buch Hiob gelesen zu haben, läßt die Sequenz über Jona den Unbedarften ratlos zurück.
Vielleicht läßt diese Lücke ja den Einen oder Anderen zum Buch der Bücher greifen.
Hier wird ein ganz heikles Thema angeschnitten: Die Rechtfertigung Gottes angesichts des menschlichen Leidens, Stichwort Theodizee. Die Diskussion darüber verschiebe ich in den Thread. Für hier: Ich finde die Interpretation des Leidens als Trainings- und Läuterungsmittel für unreife Seelen unethisch. Und was passiert eigentlich mit den Seelen, die in einem Leben mit dem Läutern nicht fertig werden?
Und was ist mit denen, deren Depression nicht reine Egozentrik ist, die in der Seele leiden, meist aus gutem Grund? Wer brächte es übers Herz, jemandem, der seine Kinder verloren hat (Hiob!) zu sagen, er solle sich nicht so anstellen und seine Egozentrik überwinden? Doch nur - sorry - ein Riesenarschloch.
Und wäre es nicht der Gipfel der Egozentrik, wenn ich glaubte, daß ich meinen Job verloren habe, mein Haus abgebrannt und der Hund krank ist, nur damit ich ins Tal der Tränen gehe und meine Seele läutere? Was kann denn der arme Hund dafür, daß ich mich von Gott abwende? Außerdem wohnten ja auch noch andere Leute in dem Haus - alles Teil des Trainingsprogramms "Näher mein Gott zu Dir"?
Nun, diese Auslegung muß nicht stimmen - sie stammt ja vom Teufel.

In diesem Teil verkümmert Kolbach zum Stichwortgeber. Die anderen treten (fast) gar nicht in Erscheinung. Selbst der Kameramann, der als Pfarrerskind die teuflische Bibelauslegung ja hätte aus dem Kindergottesdienst kennen können, schweigt. Hier traust Du Dich  nicht ans Eingemachte heran, Jens!

Die Stunde des Autors schlägt im zweiten Teil, so ca. ab Seite 85. Hier hat der Teufel die Nase voll und haut allen Anwesenden um die Ohren, was er von ihnen weiß, und macht ihnen klar, wie erbärmlich sie sind und daß sie, ganz im Sinne des Buches Hiob, doch mindestens eine Nummer zu klein sind, um Gottes Plan zu verstehen oder gar mit ihm rechten zu wollen.
Jeder hat seine Schwächen, seine Traumata, an denen er trägt. Bei ihnen packt sie der Teufel, um sie klein zu machen.
Am besten kommt noch Janine davon, deren einzig genannter Fehler ein Seitensprung während ihrer Beziehung zu Kolberg ist. Ein Seitensprung den sie - ihr Verhalten zeigt es  - bitter bereut. Ist sie so eine gute Seele, Kolbergs Engel? Auf jeden Fall sagt sie nichts.
So bleibt sie auch - bis jetzt - die einzige Person ohne Geschichte, ohne Hintergrund - ohne Persönlichkeit.

Bei mir erhebt sich dann die Gegenfrage, warum Gott uns denn so kleingeistig geschaffen hat, so dumm? Wie kann er von uns Einsicht verlangen (in die heilsplanliche Notwendigkeit), wenn uns das entsprechende Instrumentarium fehlt? Ist Gott so ein Teufel, daß er Lahme nach ihren Leistungen beim 1000m-Lauf beurteilt?

Ich bin gespannt auf den zweiten Teil, quasi das Neue Testament oder das Evangelium Boetcheri?

Offline JensBöttcher

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lieber fatschbumdidelzong, danke für das erste krawallmachen hier... :-) ich freue mich ehrlich gesagt ein bisschen darüber, da es natürlich teil der intention beim schreiben war, die diskussion über diese dinge beim leser möglichst in schwung zu bringen. und selbstverständlich hast du recht, dass alle erklärungsversuche über das leid "unter" einem liebenden gott unzureichend sind und wohl immer bleiben werden. andererseits ist er eben notwendig und auch logisch - jedenfalls für alle menschen, die sich als gläubig betrachten. die zwickmühle ist ja offensichtlich. aber ja, natürlich: auch, dass der gedanke zynisch wirken kann, ist für mich absolut nachvollziehbar. ich habe tatsächlich viel von dem leid gesehen, das du beschreibst und weiß sehr genau, dass u.a. der gängige "strafgedanke" fatalste folgen für menschen in not haben kann. da stimme ich dir zu.  dennoch sind auch thesen dieser art eben unausweichlich (der versuch, etwas zu erklären, was nicht zu erklären sein wird) und allerdings... ist dieses buch natürlich auch kein theologisches manifest. es ist zwar ziemlich reizvoll, dieses und andere fässer hier aufzumachen, würde aber womöglich den rahmen sprengen. ich bin also erstmal gespannt, wie dir die weitere entwicklung im zweiten akt dann gefällt. und halte mich dann bis dahin einfach mal gepflegt zurück, da ich sonst unnötig vorgreifen müsste. und evangelium boetcheri? na, das klingt schonmal mehr als gewagt! :-) dass ich mich mithilfe meines teuflischen protagonisten freue, verschiedene spirituelle ansätze wenigstens im literarischen versuch miteinander zu versöhnen, gestehe ich aber vorweg durchaus (übrigens nicht, indem ich die gegensätze ignoriere, sondern indem ich die geistigen gemeinsamkeiten herausstelle).
die geschichte mit jona empfinde ich übrigens als ähnlich bekannt und kulturrelevant wie die von hiob. dass du den abschnitt als religionsstunde (also wahrscheinlich langatmig) empfindest, ist natürlich unglücklich. ich betrachte jona als ein ganz hervorragendes beispiel für stolze "schwerhörigkeit". bleibt die gute frage, warum Gott uns alle so "dumm" geschaffen hätte. sollte mir jemals der auch nur hauch eines hinweises zuteil werden, sag ich dir bescheid!... :-) oder ich thematisiere es in einem zweiten teil, den ich gern eines tages schreiben würde. :-) freue mich schon auf mehr austausch. :-)

Offline irismaria

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die geschichte mit jona empfinde ich übrigens als ähnlich bekannt und kulturrelevant wie die von hiob. dass du den abschnitt als religionsstunde (also wahrscheinlich langatmig) empfindest, ist natürlich unglücklich.


Aus welcher Mottenkiste habt ihr zwei denn diese Einschätzung von Religionsstunden? Trifft mich als Religionslehrerin schon! Eigene schlechte Erfahrungen?

Als bekannt und kulturrelevant würde ich heutzutage eigentlich nichts mehr bezeichnen, weder Jona noch Hiob, auch nicht Goethe oder Brecht. Na ja, bei Leuten, die dieses Buch lesen vielleicht doch...

Offline Annabas

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So, ich habe für diesen Abschnitt etwas länger gebraucht, weil ich mein Wissen über Hiob und Jona noch etwas auffrischen wollte. Wobei ich die Jammertiraden im Buch Hiob eher überflogen habe, das hält ja kein Mensch aus ...  ;)

Also:
Der Sinn hinter der Geschichte von Hiob war mir schon immer schleierhaft und obwohl der Teufel hier eine Erklärung liefert, hat die für mich Lücken. Denn: es steht nirgends geschrieben, dass Hiob schon vor seinem Unglück ein Egozentriker gewesen sei. In vielen Interpretationen schimmert die Ansicht durch, dass Erfolg oder Leistung ein Instrument sei, das von Gott entfernt und zum Egozentriker macht. Ich persönlich finde das nicht schlüssig und der Erfolg dieser These ist in meinen Augen auch nicht nachvollziehbar. Der Teufel würde vermutlich sagen, das sei der Neid der Besitzlosen.  ;D

Der Satz, "es gäbe keine Armen, sondern nur Reiche ohne Geld auf dem Konto" (sinngemäß, ich finde die Stelle gerade nicht) hat mich schlucken lassen, es klingt schon sehr, sehr zynisch. Ich hoffe, hier wird noch eine Auseinandersetzung folgen.

Die Interpretation, warum Jona zunächst flieht, hat mir aber gefallen - denn erklärt wird das in der Bibel nicht.

Gut getroffen hat auch Katies Frage auf der Seite 84: Warum macht der Teufel das Spiel überhaupt noch mit? Auch da hoffe ich noch auf eine bessere Reaktion, als die Fragende mit Wasser zuzuschütten. Ich bin gespannt, inwieweit dieser Teufel noch zu tiefergehender Selbsterkenntnis kommt oder dazu gezwungen wird.

Tja, und dann folgt der Rundumschlag gegenüber den Reportern. Es ist schon brutal, was der Teufel den Anwesenden da um die Ohren haut. Aber andererseits kann man sagen, dass es ja die Aufgabe des Teufels ist, solche Gedanken in die Köpfe zu setzen. Ist das, was er z. B. Kolbach gegenüber sagt, jetzt die Wahrheit oder eine teuflische Lüge? Also sind die Anwesenden wirklich so erbärmliche Gestalten oder sind die beste Menschen und der Teufel setzt ihnen nur Zweifel in den Kopf?

Viele Fragen - ich bin gespannt, wie es weiter geht. Aber jetzt lese ich erstmal, was sonst noch geschrieben wurde.

Grüße von Annabas  :winken:
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Offline Annabas

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Vielleicht läßt diese Lücke ja den Einen oder Anderen zum Buch der Bücher greifen.
Ja, hier!   :)

Nun, diese Auslegung muß nicht stimmen - sie stammt ja vom Teufel.
Das muss ich mir auch ständig wieder ins Gedächtnis rufen.

Ein Seitensprung den sie - ihr Verhalten zeigt es  - bitter bereut.
Reue finde ich hier keine - worauf hat du dich denn bezogen?

Als bekannt und kulturrelevant würde ich heutzutage eigentlich nichts mehr bezeichnen, weder Jona noch Hiob, auch nicht Goethe oder Brecht. Na ja, bei Leuten, die dieses Buch lesen vielleicht doch...
Hm, Hiob in der Abwertung von Leistung ja vielleicht schon. Wobei ich nicht weiß, ob man die Einstellung, Leistung sei "bäh", auf diese Stelle oder überhaupt auf eine Religion zurückführen kann.

Grüße von Annabas  :winken:
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Offline Fatschbumdidelzong

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Antwort auf Irismaria


Aus welcher Mottenkiste habt ihr zwei denn diese Einschätzung von Religionsstunden? Trifft mich als Religionslehrerin schon! Eigene schlechte Erfahrungen?

Als bekannt und kulturrelevant würde ich heutzutage eigentlich nichts mehr bezeichnen, weder Jona noch Hiob, auch nicht Goethe oder Brecht. Na ja, bei Leuten, die dieses Buch lesen vielleicht doch...

Religionsstunde: Der Begriff ist nur in Anwendung auf ein Theaterstück negativ gemeint. Hier will das Stück belehren und vergisst darüber den Spannungsbogen. Allerdings - wenn ich mich recht erinnere - sind mir die Religonsstunden erinnerlich, die mir zuviel Show hatten und zu wenig religiöse/theologische Substanz. Religion war das Laberfach schlechthin, bis auf meinen Lehrer in der 12, der (Thema Ethik) einen exzellenten Philosophieunterricht hielt.
Ich habe ev. Theologie im Nebenfach studiert - aus Interesse. Das Pfarramt habe ich mir - auch aus Mitleid mit meinen späteren Gemeindegliedern - nicht angetan. Gerichtspredigten kann ich ganz gut, nur bin ich für die Seelsorge zu rücksichtslos.

bekannt/kulturrelevant: Um die Bekanntheit der Bücher Jona und Hiob ist es schlecht bestellt. Da gebe ich Dir recht. Weder im schulischen Religionsunterricht noch im Konfirmationsunterricht kamen sie vor. Insbesondere vor dem sperrigen Hiob haben Lehrer und Pastoren gekniffen. Jona - wegen der Sache mit dem Fisch - wird sehr gerne im Kindergottesdienst verwurstet. Und hier stehe ich zum Begriff Wurst  >:(. Damit kann man mich jagen.
Insbesondere die Auseinandersetzung mit Hiob war für meine religiöse Selbstfindung zentral. Es ist eben nicht alles klar und eindeutig und lieb an Gott. Er kann entsetzlich rücksichtslos und ambivalent sein - manchmal ist er (in seiner Liebe und Zuwendung zum Menschen) echt zum Fürchten. Oder, wie es der Hohe Rabbi Löw so treffend formulierte: Weder seinem Zorn, noch seiner Gnade sind wir gewachsen.

Relevanz für die Kultur: Ok, Brecht geht mir auf den Senkel. Er ist mir der personifizierte erhobene Zeigefinger, Digitum Priapum. Ich schaue mir aber hin und wieder ein Stück von ihm an (auch wenn mir z.B. Becket oder Nestroy mehr geben - der Erste Verwirrung, der Zweite Spaß  :P).
Daß Du als Religionslehrerin Hiob und Jona nicht mehr für relevant hältst, ist für mich ein Tritt in die theologischen Weichteile. Was ist denn dann an der Bibel überhaupt noch relevant? Wie versteht man die Verzweiflung am Kreuz ohne Hiob? Und den ständigen Bezug auf "das Zeichen des Jona", mit dem Jesus die zeichenwünschenden Pharisäer abkanzelt? Was machst Du im Religionsunterricht?
(Sachfrage, bin ja nicht vom Fach: Was steht in den Curricula?)
« Letzte Änderung: 21. August 2011, 14:30:08 von Fatschbumdidelzong »

Offline Fatschbumdidelzong

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Insbesondere vor dem sperrigen Hiob haben Lehrer und Pastoren gekniffen.

An der Stelle einen dicken   :-* an Jens, für den Mut, das Thema anzupacken.
Einen zweiten für das Geschick, mit dem er das tut.

Den dritten spare ich mir auf, wenn wir uns nach religiösem Gezanke wieder vertragen :P

Offline Fatschbumdidelzong

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Ein Seitensprung den sie - ihr Verhalten zeigt es  - bitter bereut.
Reue finde ich hier keine - worauf hat du dich denn bezogen?

Aus ihrem Verhalten: Sie sagt zwar nix, schämt sich vielleicht zu sehr, um die Zähne auseinander zu kriegen, aber sie zeigt Kolberg durch ihre körperliche Präsenz doch sehr deutlich, daß sie etwas für ihn empfindet (setzt sich neben ihn, greift nach seiner Hand, wenn der Teufel vom Leder zieht).

Wobei ich nicht weiß, ob man die Einstellung, Leistung sei "bäh", auf diese Stelle oder überhaupt auf eine Religion zurückführen kann.


Von dieser Stelle glaube ich das nicht. Das könnte man eher aus den "die Lilien auf dem Felde" herauslesen (Mt 6, 28).

Das Problem bei Hiob ist aus meiner Sicht eher, daß er glaubt aufgrund seiner Leistung (die ja schon durch seinen [flüchtigen] Reichtum und seine Achtung in der Gemeinde belohnt worden ist) auch noch Punkte auf der Heiligkeitstabelle erworben zu haben, die er bei Gott einklagen kann. Nur daß Gott keine Tabelle führt (Achtung, hier kommt Luther): wir können uns kein Anrecht auf Gottes Gnade oder das Himmelreich erwerben. Das letzte Hemd hat keine Taschen, auch keine für Ablaßzettel oder Eintrittskarten.

Da hilft uns auch kein irdisches Fegefeuer - um auf den Läuterungsgedanken aus des Teufels Bibelauslegung zurückzukommen.

Offline Tammy1982

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Hallo Ihr Lieben,

hola, hier ist ja eine richtig große religiöse Diskussion entbrannt! Hut ab, ich kenne zwar das Buch Hiob in groben Zügen und auch die Geschichte von Jona, kann mich aber bei Weitem nicht als bibelfest bezeichnen. Insgesamt empfand ich das alte Testament immer als sehr grausam und gerade die Geschichte von Hiob, zeigt für mich mehr Grausamkeit, als die Aussicht auf Läuterung. Warum einen Menschen so quälen, nur damit Gott den Beweis hat, dass dieser Mensch gottesfürchtig ist? Ist Gott wirklich so grausam? Und quasi ein Spieler? Der mit dem Satan um das Seelenheil eines Menschen wettet?  :o Wenn das wirklich so ist, bin ich entsetzt. Jedoch zeigt das Neue Testament genau das Gegenteil: die Liebe, die Vergebung. Damit kann ich mich mehr identifizieren und an so einen Gott möchte ich glauben!

Aber zum Buch: Die Diskussion über Willensfreiheit und Vorherbestimmtheit, fand ich sehr spannend, wenn auch das Bild der Menschen nicht besonder positiv gemalt wird. Aber ich habe ja gelernt, dass wir uns für die Größten halten und dabei ein Nichts sind. Dass der Mensch sich für die Krone der Schöpfung hält und das nicht ist bzw. das Geschenk der Schöpfung nicht wirklich würdigt, sehe ich genauso. Den Spiegel vom Teufel vorgehalten zu bekommen, macht einen dann schon fertig. Noch schlimmer, dass er quasi suggeriert, dass alles wonach wir im Leben streben uns von ihm eingeflüstert wird... Kein schöner Gedanke!  :o

Der Satz, "es gäbe keine Armen, sondern nur Reiche ohne Geld auf dem Konto" (sinngemäß, ich finde die Stelle gerade nicht) hat mich schlucken lassen, es klingt schon sehr, sehr zynisch. Ich hoffe, hier wird noch eine Auseinandersetzung folgen.

Diesen Satz fand ich auch sehr hart und müsste da dem Teufel auch stark wiedersprechen. Wobei ich zustimmen kann, dass viele Arme viel glücklicher wären, wenn sie erst gar nicht mit dem Westen oder gar dem "Christentum" in Berührung gekommen wären, sondern einfach ihren Naturglauben und ihre Art zu leben hätten beibehalten können...

Schließlich holt der Teufel zum Rundumschlag aus und zeigt allen auf, was für ein erbärmliches Leben sie eigentlich führen. Ich denke nach diesem Ausbruch zweifelt keiner der Anwesenden mehr daran, dass sie tatsächlich den Teufel vor sich haben. Wer sonst kann sie so genau studiert haben? Obwohl mir schon der Gedanke gekommen ist, ob nicht Gott selber vor ihnen sitzt und sie noch rechtzeitig vom falschen Weg abbringen möchte? Das wäre doch auch mal eine interessante Wendung...  >:D ;)

Der erste Akt endet für alle Beteiligten ziemlich ernüchternd und der Tiefpunkt des Stückes ist wohl eindeutig erreicht. Bin sehr gespannt, wie sich der 2. Akt gestaltet!

Liebe Grüße
Tammy  :winken:

Offline irismaria

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Religionsstunde: Der Begriff ist nur in Anwendung auf ein Theaterstück negativ gemeint. Hier will das Stück belehren und vergisst darüber den Spannungsbogen. Allerdings - wenn ich mich recht erinnere - sind mir die Religonsstunden erinnerlich, die mir zuviel Show hatten und zu wenig religiöse/theologische Substanz. Religion war das Laberfach schlechthin, bis auf meinen Lehrer in der 12, der (Thema Ethik) einen exzellenten Philosophieunterricht hielt.
Ich habe ev. Theologie im Nebenfach studiert - aus Interesse. Das Pfarramt habe ich mir - auch aus Mitleid mit meinen späteren Gemeindegliedern - nicht angetan. Gerichtspredigten kann ich ganz gut, nur bin ich für die Seelsorge zu rücksichtslos.

bekannt/kulturrelevant: Um die Bekanntheit der Bücher Jona und Hiob ist es schlecht bestellt. Da gebe ich Dir recht. Weder im schulischen Religionsunterricht noch im Konfirmationsunterricht kamen sie vor. Insbesondere vor dem sperrigen Hiob haben Lehrer und Pastoren gekniffen. Jona - wegen der Sache mit dem Fisch - wird sehr gerne im Kindergottesdienst verwurstet. Und hier stehe ich zum Begriff Wurst  >:(. Damit kann man mich jagen.
Insbesondere die Auseinandersetzung mit Hiob war für meine religiöse Selbstfindung zentral. Es ist eben nicht alles klar und eindeutig und lieb an Gott. Er kann entsetzlich rücksichtslos und ambivalent sein - manchmal ist er (in seiner Liebe und Zuwendung zum Menschen) echt zum Fürchten. Oder, wie es der Hohe Rabbi Löw so treffend formulierte: Weder seinem Zorn, noch seiner Gnade sind wir gewachsen.

Relevanz für die Kultur: Ok, Brecht geht mir auf den Senkel. Er ist mir der personifizierte erhobene Zeigefinger, Digitum Priapum. Ich schaue mir aber hin und wieder ein Stück von ihm an (auch wenn mir z.B. Becket oder Nestroy mehr geben - der Erste Verwirrung, der Zweite Spaß  :P).
Daß Du als Religionslehrerin Hiob und Jona nicht mehr für relevant hältst, ist für mich ein Tritt in die theologischen Weichteile. Was ist denn dann an der Bibel überhaupt noch relevant? Wie versteht man die Verzweiflung am Kreuz ohne Hiob? Und den ständigen Bezug auf "das Zeichen des Jona", mit dem Jesus die zeichenwünschenden Pharisäer abkanzelt? Was machst Du im Religionsunterricht?
(Sachfrage, bin ja nicht vom Fach: Was steht in den Curricula?)


Hallo und danke für deinen Kommentar! Dann bist du also auch "vom Fach", man merkt auch an den Begriffen, die du verwendest, dass du Ahnung hast.
Mit dem kulturrelevant habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt, ich meinte "so allgemein bekannt, dass es auf die aktuelle Kultur einwirken kann". Natürlich sind Hiob und Jona zwei sehr wichtige Schriften der Bibel. In unserem Lehrplan (kath. Religion Hessen) kommt Jona in der Grundschule vor, Hiob habe ich in der Oberstufe behandelt, ob es derzeit im Lehrplan Oberstufe steht, weiß ich nicht, ich unterrichte nur bis zur 10. Klasse (derzeit Klasse 8, in der wir ein Projekt über Ehrenamt bei Jugendlichen machen, und Klasse 9, bei denen ist gerade "Leben, Tod, Auferstehung" dran). Die Theodizeefrage kommt im Firmkurs vor, eher am Rande allerdings und nur auf Wunsch der Jugendlichen intensiver. Philosophische Fragen interessieren die Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe, leider sehr wenig.

Als bekannt und kulturrelevant würde ich heutzutage eigentlich nichts mehr bezeichnen, weder Jona noch Hiob, auch nicht Goethe oder Brecht. Na ja, bei Leuten, die dieses Buch lesen vielleicht doch...

Hm, Hiob in der Abwertung von Leistung ja vielleicht schon. Wobei ich nicht weiß, ob man die Einstellung, Leistung sei "bäh", auf diese Stelle oder überhaupt auf eine Religion zurückführen kann.

Grüße von Annabas  :winken:

Wie meinst du das mit der Leistung? Ich denke, wenn "man" etwas mit Hiob verbindet, dann doch am ehesten die "Hiobsbotschaft", also dass er sehr viel Leid erdulden musste.

Offline Annabas

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Ich zitiere mich dazu mal selbst:

Der Sinn hinter der Geschichte von Hiob war mir schon immer schleierhaft und obwohl der Teufel hier eine Erklärung liefert, hat die für mich Lücken. Denn: es steht nirgends geschrieben, dass Hiob schon vor seinem Unglück ein Egozentriker gewesen sei. In vielen Interpretationen schimmert die Ansicht durch, dass Erfolg oder Leistung ein Instrument sei, das von Gott entfernt und zum Egozentriker macht. Ich persönlich finde das nicht schlüssig und der Erfolg dieser These ist in meinen Augen auch nicht nachvollziehbar.

Aber es stimmt, die Hiobsbotschaft ist natürlich wesentlich bekannter.

Grüße von Annabas  :winken:
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Offline schokotimmi

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    • Hakuna Matata!
Hallo,

puh, hier sind ja richtig interessante Diskussionen am Werk, da kann ich leider nicht mithalten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich beide Geschichten (Hiob und Jonas) nur vom "Hörensagen" kenne. Ich bin nämlich überhaupt nicht Bibelfest. Kein Komfirmation, kein Religionsunterricht - nur das was ich hier und dort eben mal gelesen habe. Ich beginne jetzt somit zusammen mit unserer Tochter nach und nach die Lücken zu schließen, man lernt nie aus. Aber das hält mich nicht davon ab,Titel zu lesen, die damit zu tun haben.  ;D

Insofern, waren die Ausführungen zu Hiob und Jonas für mich nicht langweilig, auch wenn ich die Ideen nicht be - oder widerlegen könnte.
Das Ende des ersten Aktes war überraschend, ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie die Stimmung kippte und der Teufel zum Rundumschlag überging. Ich frage mich immer mehr, was das Ganze eigentlich soll. Er scheint ja einen Narren an Kohlbach gefressen zu haben, ist es seine Prüfung?

Nun wir wissen ja auch schon, dass Kohlbach erzählt, nun frage ich micht, welche Perspektiven sich daraus erschließen.

Viele Grüße
schokotimmi


Hakuna Matata!

Offline irismaria

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Das Ende des ersten Aktes war überraschend, ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie die Stimmung kippte und der Teufel zum Rundumschlag überging. Ich frage mich immer mehr, was das Ganze eigentlich soll.

Ja, Schokotimmi, da geht es mir ähnlich: der Teufel macht alle nieder und kündigt dann eine kleine Pause an (die Theaterpause) - sehr fies! Ich bin sehr gespannt, wie es in Teil 2 weiter geht. Was der Teufel (wenn er es denn ist) bezweckt, ist mir auch nicht klar.

 

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