Autor Thema: Allgemeine Fragen an Jens Böttcher  (Gelesen 3068 mal)

Offline Annabas

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Hier ist Platz für Fragen an Jens Böttcher, die nicht direkt etwas mit dem Buch "Interview mit dem Teufel" zu tun haben.

Mehr über Jens Böttcher findet ihr hier: www.boettchercom.de
und hier: www.myspace.com/jensboettcher

« Letzte Änderung: 18. August 2011, 18:29:10 von Annabas »
:lesen:   "Wenn du einen Garten und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen." Marcus Tullius Cicero

Originaldibbler

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Hallo Jens,

wenn ich darf würde ich dir gerne die Gretchenfrage stellen. Folgendes habe ich auf deiner Webseite gefunden:

"Als ein besonderes biographisches Highlight betrachtet Böttcher seine Reise und Konvertierung vom melancholischen Suchenden zum bekennenden (und bekennend nicht-fundamentalistischen!) Christen, welche nach abenteuerlichen Glaubenserlebnissen im Oktober 2001 mit seiner Taufe in einer Hotelzimmerbadewanne durch den amerikanischen Pastoren Bayless Conley ihren Lauf nahm."

Magst du uns etwas mehr über deine Glaubenssuche und die daran beteiligten Religionsgemeischaften erzählen?

Gruß,
André.

Offline JensBöttcher

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hallo lieber andré,

ja, gern... :-) es ist im grunde, wie du es zitiert hast. ich bin mein leben lang ein "suchender" und spirituell interessierter mensch gewesen. seit etwa zehn jahren nenne ich mich offenherzig "christ", nachdem einige für mich persönlich wunderbare glaubenserlebnisse mich auf diesen weg gebracht haben. allerdings habe ich dann im anschluss (nachdem ich mich für eine weile einer freien gemeinde angeschlossen hatte) recht schnell gemerkt, dass es nichts für mich ist, mich einer "konfession" anzuschließen, da es mir persönlich schnell zu engherzig und auch zu intolerant vorkam, das klassische "wir-sind-hier-und-alle-anderen-sind-dort"-lebensmuster zu pflegen. ich habe es schwer damit, dass viele christliche (und auch andere glaubensrichtungen) sich nicht auf den kern ihrer "lehren" konzentrieren. und besonders im "christsein" sollte es m.E. tatsächlich um eine fokussierung auf so wunderbare dinge wie liebe, glaube, hoffnung, barmherzigkeit, gnade, vergebung etc. gehen. ich glaube, es ist aber keine wirklich neue erkenntnis, dass menschen es grundsätzlich schwer damit haben, diese befreienden dinge zu "leben". stattdessen geht es auch in ausgeübter religion leider viel zu oft um leistung, gesetze und "schein". deshalb steht auf meiner homepage dieses ausdrückliche "nicht-fundamentalistisch". und deshalb habe ich mich keiner gemeinschaft angeschlossen. ich bin lieber frei und versuche mein leben nach meinem persönlichen glauben auszurichten. so wie ich das/mein christsein verstehe geht es um die liebe und die vergebung für all das, was wir mit uns "herumtragen". niemand sollte sich anmaßen, über irgendjemanden ein urteil zu fällen. ich empfinde mich selbst also als christen, der danach strebt, ein wirklich liebender zu werden, bin aber stets weiter auf der "reise" und auf der suche. es gibt dabei wahnsinnig viel zu entdecken, auch und besonders im austausch mit menschen, die etwas "anderes", aber dann letztlich doch "nichts anderes" glauben. ich freue mich also immer über den austausch mit menschen, die in innerer bewegung sind. auch darum geht es ja u.a. im "interview mit dem teufel". :-) 

Originaldibbler

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Danke für die offene Antwort. Dann bin ich mal ähnlich offen: ich war auch suchend und später dann der Meinung meinen Weg als Christ gefunden zu haben. Und zwar in einer Gemeinschaft, die durchaus dafür bekannt ist, "engherzig und [...] intolerant" zu sein. Allerdings hatte ich nicht nur ein Probleme damit eingeengt zu sein und andere einzuengen, sondern im Laufe der Zeit habe ich auch ein Problem mit der Bibel selbst bekommen. Mittlerweile kann ich sie nicht mehr als das von Gott inspirierte Werk ansehen, als das sie sich selbst darstellt. Dafür ist vieles einfach zu menschlich und widersprüchlich. Und ohne Bibel keine christliche Religion. Mittlerweile bin ich sogar der Ansicht, dass unsere Vorfahren (vor der Christianisierung) es vielleicht doch besser wussten und in vielen Dingen näher an der Wahrheit waren als wir heute. Von daher bezeichne ich mich, wenn mich jemand fragt, mittlerweile als nicht-praktizierenden Heiden. Wobei ich mit Heiden ausdrücklich keinen Atheisten meine, sondern einen Anhänger vorchristlicher Gottheiten. Wobei ich mich auch da halt nicht in einer bestimmten Glaubenswelt sehe, sondern eher die alten Religionen in ihrer Gesamtheit meine.

Offline JensBöttcher

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danke auch für deine offenheit... :-) es ist sehr interessant, was du schreibst. die bibel als "unfehlbares wort Gottes" ist tatsächlich eine überaus heikle angelegenheit. es wäre schrecklich viel darüber zu sagen. grundsätzlich ist die fehlbarkeit des menschen - hier vor allem des (bibel)lesenden - da schon mal eine quasi unüberwindbare hürde. das ist einer der gründe, warum der teufel meines buches die "mystik" so in den vordergrund stellt. für mich ist auf meiner eigenen "inneren reise" so interessant, dass z.B. das johannes-evangelium damit beginnt, dass das "wort fleisch wurde" - demnach wäre also Jesus (könnte man hier aber der einfachheit halber auch gleich übersetzen mit: der geist Gottes) das (unfehlbare) wort. womit ich wieder bei der liebe, der vergebung, der gnade, der freiheit etc. wäre... :-) es geht also nicht wirklich um die buchstaben - das ist allerdings etwas, was man schwer mit jemandem austauschen kann, der es dramatisch anders sieht. frage zu deinem glaubensweg... ich verstehe das sehr gut, was du schreibst. aber denkst du, dass die "Gottheiten" von denen du schreibst am ende etwas entscheidend anderes in sich tragen, als der Gott bzw, der geist des Gottes der christenheit?... ich meine damit jetzt ausdrücklich nicht "doktrin", sondern tatsächlich den geist in allem.

Originaldibbler

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Schwierige Frage. Zumal das Wort Geist ja durchaus sehr unterschiedlich gebraucht wird. Geist wird mitunter für die Lebenskraft in allem belebten verwendet, für eine nicht körperliche Wesenheit, für eine bestimmte Denkweise,.. Was genau meinst du damit? (Dann kann ich auch deine Frage sinnvoll beantworten.)

Offline JensBöttcher

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meine frage zielte auf die gemeinsame "essenz" der Gottheiten: gibt es so etwas für dich in deinem glauben? eine essenz im sinne der "schlagworte", die ich im zusammenhang mit dem "geist" des Gottes benutzt habe, so wie er im neuen testament beschrieben ist (also nicht nur schöpfungsenergie etc. sondern darüberhinaus etwa "bedingungslose liebe, hoffnung, gnade, vergebung" etc.). das interessiert mich einfach sehr... :-)

Originaldibbler

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Hm...

Also eigentlich denke ich, dass das Göttliche von unserer Erfahrungswelt so unterschiedlich ist, dass alle diese Personifizierungen gleichermaßen unzureichend sind. Ist das jetzt eine Antwort? Wahrscheinlich nicht...

Offline JensBöttcher

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doch, ich denk schon, dass das ne gute antwort ist... du trennst dann also die "göttliche" von der menschlichen erfahrungswelt? ich persönlich glaube ja, dass das eine quasi untrennbar mit dem anderen zusammenhängt - dass im weiteren sinne, alle menschen eben auch "göttliches" in sich tragen (aus gutem grunde sozusagen) :-)

Offline JensBöttcher

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ach so, kleiner nachtrag noch. ich stimme dir ausserdem vollkommen zu, dass unsere vorstellungen und "personifizierungen" des göttlichen unvollkommen bleiben müssen... :-)

Offline Annabas

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Hallo Jens,

ich habe mich gerade auf der "Reverend Eminent"-Seite umgeschaut.   ;D  ;D  ;D
http://www.reverendeminent.de/

Wie bist du denn auf diese Figur gekommen? War das schon immer fürs Radio geplant oder zuerst ein Comic?

Grüße von Annabas  :winken:
:lesen:   "Wenn du einen Garten und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen." Marcus Tullius Cicero

Offline JensBöttcher

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:-) ja, der "reverend" war ne lustige sache und es hat großen spaß gemacht, die sachen zu schreiben...  die idee war schon fürs radio konzipiert. eigentlich eine eminem-parodie zu machen, aber der charakter hat sich dann sehr schnell zu dem entwickelt, was ihn dann auch so beliebt machte (lief ja ein paar jahre lang bei verschiedenen radiosendern), nämlich zu diesem netten, verpeilten und mit hiphopangliszismen-umsichwerfenden "homie"... :-)

Offline Fatschbumdidelzong

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Um den Hiob mal ans Rollen zu bringen:
Jens, ist Dir aufgefallen, daß keiner von den Leuten im Buch Hiob "menschlich" oder "christlich" reagiert?
Da ist der alte Kumpel Hiob, Frau gestorben, Töchter tot, Söhne erschlagen, Hund verendet. Er selbst reagiert psychosomatisch, kriegt die Krätze und Geschwüre am ganzen Körper.
Wenn einem unserer Freunde das passieren würde, was würden wir tun? Wir würden versuchen, ihn zu trösten, sein Jammern ertragen, vielleicht die Zähne zusammenbeissen und den stinkenden, mit wässernden Wunden übersähten Man in den Arm nehmen.

Und was machen seine Freunde, die scheinheilige Bande? Freund 1-3 sagen: Du hast bestimmt gesündigt. Akzeptiere die göttliche Strafe! (Vielleicht noch in dem Unterton: Wir waren brav, sieh was du davon hast. Ätsch) Und Freund Nummer 4 faltet ihn auch zusammen.
Na prima, wer solche Freunde hat, der braucht nun wirklich keine Feinde mehr.

Ich glaube nicht an die Verbalinpiration: Die Bibel wurde von ganz normalen Menschen geschrieben, die allerdings eine Botschaft 'rüberbringen wollten. Da sind ihnen dramaturgisch auch mal ein paar Schnitzer unterlaufen (s.o.) Vielleicht war es auch Absicht: Eine ehrlich mitleidige Seele passt in das Hiob-Sujet einfach nicht hinein.
« Letzte Änderung: 22. August 2011, 00:33:06 von Fatschbumdidelzong »

Offline JensBöttcher

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Um den Hiob mal ans Rollen zu bringen:
Jens, ist Dir aufgefallen, daß keiner von den Leuten im Buch Hiob "menschlich" oder "christlich" reagiert?

ja, das ist mir aufgefallen - und so könnte man es sagen. :-)

Da ist der alte Kumpel Hiob, Frau gestorben, Töchter tot, Söhne erschlagen, Hund verendet. Er selbst reagiert psychosomatisch, kriegt die Krätze und Geschwüre am ganzen Körper.
Wenn einem unserer Freunde das passieren würde, was würden wir tun? Wir würden versuchen, ihn zu trösten, sein Jammern ertragen, vielleicht die Zähne zusammenbeissen und den stinkenden, mit wässernden Wunden übersähten Man in den Arm nehmen.

absolut. ich habe exakt DAS beim studieren des buches hiob immer als besonders "schmerzhaft" empfunden... aber...

Und was machen seine Freunde, die scheinheilige Bande? Freund 1-3 sagen: Du hast bestimmt gesündigt. Akzeptiere die göttliche Strafe! (Vielleicht noch in dem Unterton: Wir waren brav, sieh was du davon hast. Ätsch) Und Freund Nummer 4 faltet ihn auch zusammen.
Na prima, wer solche Freunde hat, der braucht nun wirklich keine Feinde mehr.

das ist sicher auch einer der zwei gründe, warum hiob am ende des buches ein "gutes wort" bei Gott für diese selbstgerechten "pharisäer" einlegen soll. die verbindung zu den religiösen führern, die ja auch in den evangelien von Jesus immer wieder scharf zurechtgewiesen werden, ist recht deutlich, oder? die, die am lautesten darauf pochen, im besitz der absoluten wahrheit und der eigenen, unfehlbaren "heiligkeit" zu sein, werden interessanterweise in der bibel immer am kräftigsten angerüffelt. für mich ist das ein sehr deutlicher hinweis zu demut, mitmenschlichkeit und - eben genau den verhaltensweisen, die du für den günstigsten fall hältst. wenn man aber etwas tiefer schaut, wird man feststellen, dass dieses mitleid und diese mitmenschlichkeit in echter konsequenz tatsächlich nur sehr selten zu finden sind. und das ist jetzt keine (zynische) wertung! aber so wie ich das leben und unser aller umgang miteinander beobachtet habe, passiert es nur äußerst selten, dass jemand wirklich tief mit den "gebrochenen" leidet. die meisten von uns kommen da recht schnell an ihre grenzen. und nochmals zum vielleicht besseren verständnis: ich bediene mich in dem buch natürlich u.a. der theologie, im grunde geht das ganze für mich aber tiefer, als nur die buchstaben zu sezieren und eine theologische diskussion anzuzetteln: ich versuche, das - wie nietzsche es mal so schön nannte - "menschliche-allzumenschliche" in all dem hervorzuheben, tiefer zu gehen, als es doktrin kann und will uns all unsere "unvollkommenheit" (die natürlich nur eine frage der perspektive ist) a) zu illustrieren und b) uns ein bisschen milder und versöhnter damit umgehen zu lassen...

Ich glaube nicht an die Verbalinpiration: Die Bibel wurde von ganz normalen Menschen geschrieben, die allerdings eine Botschaft 'rüberbringen wollten. Da sind ihnen dramaturgisch auch mal ein paar Schnitzer unterlaufen (s.o.) Vielleicht war es auch Absicht: Eine ehrlich mitleidige Seele passt in das Hiob-Sujet einfach nicht hinein.

das ist m.E. tatsächlich ein wichtiger punkt. wobei der vierte freund auch diese eigenschaft womöglich besitzt. ich fand jedenfalls sehr interessant, dass er eine deutliche anderen position hat, als die anderen drei.
ich hätte jetzt zu deinen anmerkungen noch gedankenstoff für ungefähr 100 weitere seiten... :-) gehe jetzt aber erstmal zu den anderen postings...

aber nochmals: es macht spaß, deine antworten und eindrücke hier zu lesen! und ich fand übrigens deine begründung, warum du nicht die pfarrerslaufbahn anvisiert hast, sehr interessant.

bis später und herzlichste grüße... j.
« Letzte Änderung: 22. August 2011, 13:25:26 von Annabas »

Offline JensBöttcher

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oh, hoppla, das mit dem zitieren hier hab ich wohl grad leicht verbockt... :-) tschuldigung, mein antworten befinden sich also etwas versteckt im zitatblock... :-)

 

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