Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (ohne Spoiler!)  (Gelesen 966 mal)

Offline apassionata

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Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen - zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines vom Autor) ist immer interessant.

Bitte achtet darauf, nichts Wichtiges zu verraten. Diesen Thread lesen evtl. auch Personen, die das Buch noch nicht gelesen haben, aber es noch tun wollen!
"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline Dani

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Zum Buch:

Vergeltungsschlag erzählt die Vorgeschichte eines Amoklaufs. Wie konnte es dazu kommen, dass der 17jährige Tobias seine Familie und mehrere Mitschüler erschossen und sich anschließend selbst umgebracht hat?

Von derartigen Amokläufen hört und liest man leider immer wieder. Doch die Tat an sich ist nicht Thema des Buches. Stattdessen wird die Vorgeschichte von Tobias erzählt, beginnend ab einem Zeitpunkt vor knapp 10 Jahren.
Es wird beschrieben, wie der Junge, dessen erste Lebensjahre scheinbar völlig normal verlaufen sind, zum Ziel von Aggressionen, Mobbing, Quälerei und Demütigungen bis hin zu physischer und psychischer Folter wird. Dies alles sowohl innerhalb der eigenen Familie als auch durch Mitschüler. Kontrollinstanzen wie Lehrer oder das Jugendamt scheinen nichts davon wahrzunehmen.

Ist es da ein Wunder, dass der Junge eines Tages um sich schlägt und sich an seinen Peinigern rächt? Das Buch ist keine Rechtfertigung für einen Amoklauf, aber es zeigt auf, wie es zu einem derartigen Ereignis kommen kann.

Aufgrund der gewählten tagebuchähnlichen Erzählform ist man als Leser hautnah dabei, für mich an einigen Stellen fast  zu nah. Beinahe unerträglich fand ich das Fehlen jeglicher Hoffnung. Egal, was Tobias tut oder wem er versucht nahezukommen, es geht schief, alles was ihm etwas bedeutet wird ihm weggenommen oder zerstört.

Es handelt sich hier ganz sicher nicht um Wohlfühl-Lektüre. Ich war mehrfach kurz davor, das Buch abzubrechen, weil mir die Grausamkeiten einfach zu viel wurden. 

Und die ganze Zeit bleibt im Hintergrund die Frage nach dem Warum: Warum wird Tobias zum Opfer und damit später zum Täter? Wie kann es sein, dass Erwachsene ein Kind dermaßen quälen und warum bemerkt dies niemand und schreitet ein, bevor es zu spät ist? Diese Fragen sind mir wirklich völlig unverständlich. Bei einigen Figuren konnte ich die Handlungen wenigstens ansatzweise nachvollziehen, wenn auch nicht wirklich verstehen, die Beweggründe anderer hingegen blieben mir völlig unverständlich. Aber vielleicht gibt es gar nicht immer einen Grund?

Gerade die Vorstellung, dass so etwas in dieser oder ähnlicher Form jederzeit und überall passieren könnte, also auch im eigenen Umfeld, macht diese Geschichte zu einer sehr verstörenden Lektüre, die an manchen Stellen wirklich nur schwer zu ertragen ist.



zur Leserunde
Ein Buch, dass ich ohne Leserunden.de ziemlich sicher nicht gelesen hätte. Und ohne die Runde hätte ich es wahrscheinlich auch abgebrochen, denn eigentlich lese ich zum Vergnügen und ein Vergnügen war dieses Buch ganz sicher nicht. Trotzdem irgendwie sehr beeindruckend und so bin ich froh, dass wir uns gemeinsam da hindurch begleitet haben.
Liebe Grüße
Dani

Offline apassionata

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Zum Buch:
"Vergeltungsschlag" von Dirk Radke ist ganz sicherlich kein Wohlfühlbuch. Dazu ging es mir beim Lesen einfach zu grausig unter die Haut. Allein die Vorstellung, dass all die beschriebenen Gräultaten tatsächlich tagtäglich dort draußen in der großen Welt oder gleich bei uns in der Nachbarschaft so oder ähnlich passieren könnten, ging mir mächtig an die Nieren. Trotzdem empfand ich dieses Buch auch als interessant. Denn der Autor zeigte anhand der Geschichte des jungen Tobias B. sehr eindringlich, wie es passieren kann als Unschuldiger zum Amokläufer zu werden. Im Tagebuchstil führte uns die Geschichte nach und nach durch das Vorfeld, welches den Täter Schritt für Schritt in den Wahnsinn seiner letzten Handlung führte. Brutal und meist sehr krass in seiner Wortwahl wurde ich Seite für Seite an ein Schicksal herangeführt, das gleich mehrere Schuldige aufführte und erschreckend authentisch so manchen wegblicken lies, der doch in dieses Räderwerk des Grauens hätte eingreifen können. Am Anfang noch gefesselt von der Relevanz der Dinge, schraubten sich die Peinigungen an Tobias B. immer höher und weiter ins beinahe Unerträgliche und legte doch gleichsam dar, dass eben solches existieren könnte. Ein Buch, welches mich vielleicht in Zukunft etwas genauer hinsehen lässt. Doch letztendlich auch ein Buch, dass mich schreckte und schockierte ob seiner Härte, wie auch seiner unverblümt aufgezeigten Möglichkeit.

Zur Leserunde:
Ich muss zugeben, dass ich Spatzi79 zustimmen muss. Denn auch ich hätte dieses Buch wohl nicht beendet, hätte ich es alleine für mich gelesen. So möchte ich mich bei allen, die bis zum Schluss hier durchgehalten haben für ihre jeweiligen Meinungen und den dadurch entstandenen, doch interessanten Austausch, bedanken.
Auch dir Dirk möchte ich für die Begleitung hier danken.  :) Du konntest dir sicher ausmalen, was dein Buch in den Köpfen der Leser für Emotionen auslöst. Um so mutiger finde ich es, dass du uns hier die Gelegenheit gegeben hast den Austausch gemeinsam mit dir zu begehen. Ich hoffe, auch du hast ein bisschen etwas mitgenommen, was dir auch für weitere Bücher von Wert erscheint.

Liebe Grüssle
               Marion  :winken:

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Offline Dirk Radtke

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Ich danke Euch allen, für das Durchhalten! Sicherlich bin ich mir darüber bewusst harten Stoff geliefert zu haben, doch die Vorgeschichte eines Amokläufers im schwebenden Singsang zu dokumentieren hätte wohl nicht den Punkt getroffen. Und wie ich anhand der emotionalen Kommentare lese, hat dies scheinbar recht gründlich funktioniert! Ich möchte mit diesem Buch keinen Amoklauf befürworten, eher ein wenig wach rütteln. Zwar haben wir Jugendämter und Schulpsychologen, welche solch anbahnenden Situationen entgegenwirken sollten, doch im Ganzen fehlt es an Personal, so wie entsprechenden Schulungen für Lehrer! Ein ausführliches Statement zu diesem Thema ist in diesem Interview nachzulesen: http://www.periplaneta.com/php/index.php?option=com_content&task=view&id=399&Itemid=60
Ich danke ebenfalls für die Leserunde!
LG
Dirk   

Offline tigi86

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Mit "Vergeltungsschlag" hat Dirk Radtke ein Buch mit Wirkung vorgelegt, denn der Inhalt und der
Stil sind nichts für schwache Nerven. Neben den Romanen über Amokläufe erfahren wir in diesem
Buch die grausame Vorgeschichte eines Amoklaufes. Den gesamten Roman über leiden wir mit
der Hauptperson Tobias B., denn nicht nur in der Schule wird er alltäglich gedemütigt, auch
in seinem Elternhaus muss er ständige Qualen erleiden. Ich habe mich ständig gefragt, wie
er dass nur so lange aushalten konnte, aber wie das Buch ausgeht, wissen wir ja, obwohl wir vom
genauen Verlauf des Amoklauf nichts lesen. Aber trotz allem, was Tobias widerfahren ist, sollte
ein Amoklauf keine Lösung sein, obwohl es in Tobas' Fall den meisten Leser allzu verständlich scheint,
mir erging es ebenso, aber vielleicht ergibt sich ja eines Tages die Möglichkeit, dass es zu derartigen
Vorkommnissen nicht mehr kommen muss.

Dramatisch wird es auch noch, dass soetwas keine reine Fiktion ist, sondern nur zu alltäglich,
und die eigentlichen Täter sich ins gute Licht rücken können.

Auf jeden Fall stimmt das Buch sehr nachdenklich und trägt dazu bei, seine Umwelt etwas genauer
zu beobachten und dass der Schein einer harmonischen Familie mehr als öfters trügt und nicht
alles Gold ist, was glänzt.

Zur Leserunde: Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das Buch ohne euch durchgehalten hätte, aber es war auf jeden Fall interessant mit euch und dir Dirk, das Buch zu besprechen.

« Letzte Änderung: 04. April 2012, 14:07:15 von tigi86 »

 

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