Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen, etc. (ohne Spoiler!)  (Gelesen 1450 mal)

Offline apassionata

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  • die, die als Kind nie lesen konnte...

Hier ist Platz für Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein, die Ihr vielleicht nach der Leserunde schreiben wollt. Es wäre schön, wenn sich hier möglichst viele beteiligen - zumindest ein Fazit zur Leserunde (auch eines von der Autorin) ist immer interessant.

Bitte achtet darauf, nichts Wichtiges zu verraten. Diesen Thread lesen evtl. auch Personen, die das Buch noch nicht gelesen haben, aber es noch tun wollen!

"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline apassionata

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Hallo zusammen.
 

Zum Buch:

Tief im bayerischen Wald treibt ein Räuberpärchen sein verbrecherisches Unwesen, so die Anklage der Justiz des Straubinger Landesgerichtes anno 1854. Die „Rote Res„ alias Therese Pritzel und Michael Heigl stehen dort vor Gericht. Das Buch spielt eigentlich nach der Ergreifung der „Übeltäter“, und spiegelt die vorangegangenen Geschehnisse anhand von Aussageprotokollen, Gerichtsnotizen, Presseausschnitten sowie Tagebucheinträgen wieder. Dabei wird schnell klar, dass die „Rote Res“ und ihr Kompagnon eigentlich nur die Reichen geschröpft haben um die Armen zu unterstützen. Ihr Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, beziehungsweise ihr Traum von Freiheit und Gleichheit für alle, kristallisiert sich nach und nach aus den jeweiligen Kurzabschnitten heraus. Ebenso, dass der durch die Märzrevolution erkämpfte Fortschritt dort bei den Wäldlern anscheinend nach und nach zurückgedreht wurde oder erst niemals richtig ankam. Mit Hilfe der Erzähltechnik über Zeugenaussagen und Dokumente hat es die Autorin richtig gut geschafft, in kurzen aber sehr prägnanten Auszügen der unterschiedlichsten Beteiligten ein Stück Zeitgeschichte zu kreieren. Beim Lesen fühlt man sich geradezu zurück in diese Zeit versetzt und muss doch hier und da staunend den Kopf schütteln, über soviel Borniertheit und die jeweiligen, so unterschiedlichen Motivationen der einzelnen Figuren. So erhält der Leser Einblick in das Denken eines erzkonservativen Gerichtsreporter des Königs, einem von sich selbst überzeugten Pfarrers, eines wesentlich liberaler gestimmten, französischen Presseattaches aber auch von den Angeklagten selbst und ihren Getreuen. Die Dinge eskalieren dann, als ein allein für das Aufspüren der flüchtigen „Räuberpaares“ aus der Großstadt abbeorderter Regierungskommissar in der Gegend stationiert wird.

Nachdem ich zu Beginn doch so meine Schwierigkeiten mit dem Erzählstil in Form von Dokumenten und Tagebucheinträgen hatte, rutschte ich nach den ersten Kapitel dennoch recht schnell hinein in die Geschichte. Dabei ging es wohl vor allem darum selbst Zeitzeuge eines entlegenen, zurückgebliebenen Landstriches zu werden, der nach der Märzrevolution an alten Strukturen festhielt und nichts dazulernen wollte. Eine intensive Mischung aus fiktiven Erzählungen und historisch belegter Fakten, die nicht immer klar zu unterscheiden waren. Die landsmännisch angehauchte Umgangssprache hingegen fand ich eher passend als störend, wenn auch ungewohnt. Alles in allem ein interessanter Ausflug, in diese Zeit zwischen Umbruch und Festhalten an Jahrhunderte alter Privilegien, Gesellschaftsgefüge und dem Aufbegehren von jungen Menschen, die ihrer Zeit, zumindest dort, vielleicht einfach einen Tick voraus waren.

 

Zur Leserunde:

Gemeinsam durch dieses Buch zu gehen hat mir wieder sehr viel Spaß bereitet. Vor allem fand ich es toll, dass Sie, Frau Monika Bittl, uns dabei begleitet haben. So ist ganz sicher das eine oder andere noch besser erläutet worden, was für mich zumindest ansonsten etwas auf der Strecke geblieben wäre. Denn es ist immer spannend auch die Gedanken der Autoren mit einfließen zu lassen. So war es auch in dieser Runde eine Bereicherung Ihre Sichtweise mit der unsrigen vielleicht hier und da korrigiert zu bekommen. Ein ganz dickes Dankeschön dafür.

Viele Grüssle
               Marion  :winken:

"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

Offline Monika Bittl

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Für mich war es auch sehr aufschlussreich zu erfahren, wo ihr mitgegangen oder hängengeblieben seid.

Danke auch euch an dieser Stelle und

liebe Grüße
Monika Bittl

Offline tigi86

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Da wäre mir doch glatt die Rezension durch die Lappen gegangen.

Die Rote Res und ihr Partner, der Michael Heigl, treiben im Bayerischen Wald ihr Unwesen, doch sind sie nicht auf ihren eigenen Vorteil aus, sondern geben ihre Beute den Armen, so wie einst Robin Hood. Doch erfahren wir von ihren Taten durch eine Gerichtsverhandlung, denn das Räuberpaar steht vor Gericht, und muss sich für ihre Wilderein verantworten.

Die Geschichte wird uns durch Tagebucheinträge, Zeitungsberichte, Protokolle und Zeugenaussagen erzählt, was zwar anfangs etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber wenn man sich einmal eingelesen hat, so stockt man immer weniger, sondern ist erstaut, wie kleinkariert und engstirnig manche Leute gewesen sind, was heutzutage aber nicht viel anders ist, auch wenn zur damaligen Zeit eine Umbruchstimmung herrschte, so ist sie anscheinen nicht überall angekommen.

Alles in allem ist hier Monika Bittl ein sehr interessanter historischer Roman gelungen, der einem auch heute anregend, über seine Umwelt und deren Verhalten nachzudenken.

Zur Leserunde:

Es hat wieder viel Spaß gemacht, mit euch und der Autorin zu lesen und ich freue mich schon auf die nächste Leserunde mit Monika Bittl.


Offline dubh

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Hallo zusammen,

nun möchte ich auch noch ein paar abschließende Worte zum Buch und auch zur Runde schreiben.

Therese Pritzl und Michael Heigl waren mir vor dieser Lektüre kein Begriff, was durchaus auch daran liegen mag, dass sie im Bayrischen Wald des 19. Jahrhunderts lebten. Auch heute haben die beiden dort noch eine gewisse Bekanntheit - haben sie doch als Räuber in der Region gelebt, gestohlen, gewildert und vor allem auch mit den Menschen geteilt. Damals wurden die Rote Res und der Heigl Michael, wie sie der Volksmund nannte, durchaus auch verehrt - eben weil sie Fürsten, Kirchenmänner und reiche Reisende nicht um des eigenen Reichtums willen überfallen haben, sondern in erster Linie, um den armen Menschen - den Bauern, Mägden und Knechten, kurzum den einfachen "Wäldlern"- beim Überleben zu helfen. Zum Beispiel mit gewildertem Fleisch, das sie einfach vor den Haustüren ablegten. Die beiden Räuber waren erfüllt von ihrem unbändigen Freiheitswillen und vor allem die Res hat sich durchaus Gedanken zu den repressiven Entwicklungen nach der Märzrevolution gemacht. Beeindruckend ist aber auch ihr Streben nach Bildung, denn diese kann - das merkte sie schnell - durchaus Tür und Tor zu einer besseren Lebenssituation sein...
Nach etlichen Jahren des Versteckens und wechselnder, teilweise auch sehr karger Behausungen, werden die beiden gefasst und vor ein Gericht gestellt.
Dieses Buch erzählt in Rückblenden, Tagebucheinträgen, Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen die Geschichte der Roten Res und ihres Gefährten Michael Heigl.

Zugegebenermaßen war ich anfangs über den Stil erstaunt, denn mir war nicht klar, dass das Buch in einem derartigen - und für mich ungewohnten - Stil geschrieben ist, aber spätestens nach dem ersten Abschnitt war ich in der Geschichte. Letzten Endes hat die Erzählweise sogar dazu geführt, dass ich richtig das Gefühl bekam, "Geschichte" mitzuerleben... Ein bißchen wie bei einer gut gemachten Dokumentation im Fernsehen. Durch Res wird man an die Entwicklungen der damaligen Zeit herangeführt und versteht die Zusammenhänge besser, zum Beispiel was die Märzrevolution in Deutschland angeht und wie ihre Fortschritte im Nachhinein in Bayern auch wieder rückgängig gemacht werden. Oder aber wie der Prozeß später gegen die beiden Räuber im Ausland wahrgenommen wird. Aber auch die Charaktere werden durch die unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven sehr gut dargestellt und so kann man sich ein sehr gutes Bild von einzelnen Figuren machen und entscheidet sich relativ zügig, ob man sie eher sympathisch oder nicht findet.
Und - last but not least - sind viele der Gedanken von der Res auch auf unsere heutige Zeit übertragbar und haben mich nicht nur einmal während des Lesens zum Nachdenken angeregt. Mein Fazit nach der Lektüre ist auf jeden Fall, dass es auch heute noch notwenig ist, seine Meinung zu vertreten, seine Rechte und mehr (soziale) Gerechtigkeit einzufordern und zu wissen, dass auch heute Bildung wichtig ist und für jedermann zugänglich sein muss. Es lohnt sich meiner Meinung nach eben immer, für eine gute Sache einzustehen.

Zur Leserunde:

Leider hatte ich ja so viel um die Ohren, dass ich mit Euch nicht mithalten konnte. Trotzdem hat es großen Spaß gemacht, Eure Beiträge zu lesen! Dankeschön! Und ein ganz besonders herzliches Dankeschön geht an Sie, Monika Bittl, denn Sie haben uns toll begleitet und uns alle Fragen beantwortet und Details erklärt!

Liebe Grüße
dubh :winken:
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Rosenprinzessin

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Hier ist nun auch meine Rezension:

Im 19. Jahrhundert gab es im Bayerischen Wald ein Räuberpärchen, das beim einfachen Volk beliebt war, denn das Pärchen beraubte nur die reichen Bauern und Geistlichen. Bei dem Paar handelte es sich um Michael Heigl und Theres Pritzl, genannt „Rote Res“.
In „Freiwild“ von Monika Bittl wird die Geschichte dieses Räuberpaars erzählt, allerdings nicht in Romanform, sondern in Form von Briefen, Tagebucheinträgen, Gerichtsprotokollen und Zeitungsberichten.
Die Sprache wirkt etwas altertümlich, aber da diese Geschichte um 1850 herum spielt, ist die Sprache angemessen.
Wahrheit und Fiktion werden ein wenig vermischt, was ich nicht schlimm finde. Allerdings hätte ich mir hier ein Nachwort gewünscht, in dem noch mal erklärt wird, was tatsächlich geschehen ist und welche Teile der Geschichte Fiktion sind.
Es fällt mir ein wenig schwer, dieses Buch zu bewerten. Zunächst war ich etwas irritiert und enttäuscht, denn ich hatte einen Roman erwartet und war nicht vorbereitet auf diese Art der Berichterstattung. Aber ich konnte mich dann doch schnell einlesen und der Geschichte interessiert folgen.
Als sehr erschreckend habe ich einige der damals geltenden Meinungen empfunden; besonders die Berichte des königlichen Gerichtschreibers und des Geistlichen sind ziemlich schockierend.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich froh bin, dieses Buch gelesen zu haben. Es war interessant und informativ und hat mich nachdenklich zurückgelassen.

Bedanken möchte ich mich auch noch ganz herzlich für die interessante Leserunde und die nette Begleitung durch Sie, Frau Bittl!
Es hat mir viel Spaß gemacht!  :winken:
Lesen aus Leidenschaft

Offline Dani

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Zum Buch und zur Runde

Therese Pritzl wächst als Magd auf einem Hof im Bayrischen Wald auf. Schon von kleinauf zeigt sich, dass das Mädchen sich vom anderen Gesinde unterscheidet. Sie lernt lesen und schreiben und macht sich viele Gedanken um das Leben der Menschen, die unterschiedlichen Stände und ob das alles wirklich die gottgegebene Ordnung ist und bleiben muss. Natürlich eckt sie mit dieser Einstellung bald allerortens an. Nach einem kurzen Versuch, in München Fuß zu fassen und bürgerlich zu werden, kehrt sie doch wieder in ihre Heimat zurück und begegnet dort dem schon berüchtigen Wilderer und Räuber Michael Heigl. Die beiden tun sich zusammen und bringen die ganze Gegend in Aufruhr. Das kann die Obrigkeit selbstverständlich nicht durchgehen lassen und die beiden werden bald auf beispiellose Art gejagt.

Das Buch rollt die Geschichte quasi von hinten auf. Die „Res“ und der Heigl sind festgenommen worden und nun macht man ihnen den Prozess. Erst nach und nach enthüllt sich, wie es zu alldem gekommen ist.

Dabei bedient sich die Autorin eines ganz besonderes Stils: Die Geschichte wird nicht durchgängig in normaler Erzählform dargestellt, sondern anhand vieler kleiner Absätze aus unterschiedlichsten Sichten erzählt. Da sind Beobachtungen des bayrisch-königlichen Gerichtsbeobachters, sowie eines französischen Journalisten,Tagebucheinträge der Res von jetzt und früher, Zeugenaussagen von allerlei Menschen, die die Res seit ihrer Kindheit gekannt haben, Briefe und vieles mehr.

Anfangs war ich überrascht und hatte auf den ersten Seiten auch so ein bisschen meine Probleme damit, in diese Art der Erzählung hineinzufinden. Nachdem aber die meisten Stimmen dann etwas klarer zugeordnet werden konnten, wurde es immer leichter. Sehr spannend fand ich, wie die Autorin quasi jede Stimme für etwas Bestimmtes stehen lässt, so zum Beispiel den erwähnten Gerichtsbeobachter für die politische Einstellung in Bayern nach der deutschen Revolution 1848, den französischen Journalisten für das schon deutlich liberalere Frankreich, den alten Lehrer der Res für die Zeit der Romantik, etc.

Die Geschichte der Res hat mich dann doch wirklich gefangengenommen und an vielen Stellen zum Nachdenken gebracht.

Allerdings hätte ich mir ein Nachwort gewünscht, zur Klarstellung, was von der Geschichte auf realen Tatsachen beruht und was reine Fiktion der Autorin ist.

Dadurch, dass ich das Buch in einer autorenbegleiteten Leserunde gelesen habe, wurden viele Fragen direkt von Frau Bittl beantwortet, beim Alleinelesen wäre bei mir sicherlich die eine oder andere Sache offengeblieben.

Liebe Grüße
Dani

 

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